NZZ Akzent· Folge 1694

LGBTQ in Ungarn: Hoffnung nach Orban, aber Skepsis überwiegt

Donnerstag, 15. Oktober 2026 · 14 min

MP3

Shownotes

Nach 16 Jahren unter Viktor Orban spürt die LGBTQ-Community in Ungarn erste Anzeichen der Veränderung. Unter dem neuen Ministerpräsidenten Peter Magyar wandelt sich der politische Ton, und erste Gesetze aus der Orban-Ära werden angepasst. Dennoch bleibt die Euphorie verhalten: Viele Gesetze bestehen weiter und die gesellschaftliche Spaltung sitzt tief. Die 20-jährige Mira berichtet bei einer Pride-Kundgebung in Pécs von den Herausforderungen im Alltag und ihren Hoffnungen für die Zukunft. NZZ-Korrespondentin Meret Baumann analysiert die aktuelle Lage und zeigt auf, wie viel Wegstrecke noch vor der queeren Community liegt.

Gast: Meret Baumann, Korrespondentin Osteuropa
Host: Lillybelle Eisele
Redaktion: Dominik Schottner, Simon Schaffer

Merets Text lesen bei der NZZ (nzz.ch/international/ungarn-nach-orban-hoffnun…).

Exklusiv für dich als Podcast-Fan: 7 Tage NZZ-Digitalabo geschenkt. Unverbindlich testen. (probeabo.nzz.ch/podcast?utm_source=shownotes&a…)

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Dieser Podcast wird präsentiert von der Hochschule für Wirtschaft FHNW. Fachwissen, Praxisorientierung und hochkarätige Dozierende – für ihren nächsten Karrierschritt! Sie hilft als Freiwillige bei der LGBTQ-Veranstaltung in einem Café in der Stadt Petsch. Es ist Mitte September, ein Tag vor der Pride und Meret du hast Mira in diesem Café getroffen.

Wie hast du da die Stimmung erlebt? Die Stimmung war vorfreudig und entspannt. Mira ist eine zwanzigjährige Psychologie- Studentin, sie saß dann mit ihren Freundinnen und haben so bunte Freundschaftspender geknüpft. Sie saßen an einem Tisch. Sie hat mir erzählt, dass es in Ungarn nicht so viele Veranstaltungen und Orte gibt wo Angehörige der LGBTQ-Gemeinschaft sich selbst sein können.

Und das sei eben so ein Ort! Deswegen hat sie sich sehr gefreut auch auf die Pride, die am nächsten Tag dann stattgefunden hat. Und sie hat mir erzählt, dass sie nie verstanden hat warum unter der Regierung Orban Minderheiten so transaliert und ausgegrenzt wurden. Und das war für Sie auch ein Grund, warum sie im April dann Peter Madia gewählt hat, der einen Systemwechsel versprochen hat.

Unter der alten Regierung war die LGBTQ Community systematisch unterdrückt. Das ist jetzt anders. Was das konkret für die Queer Community bedeutet, hat sich Korrespondentein Meret Baumann für ein ZZ-Aktzent angeschaut. Ich bin Lili Beleisele. Meret du bist also am nächsten Tag nach diesem Regenbogen Nachmittagabend mit Andy Pride in Patch?

Erzähl mal von deinen Eindrücken! Ja es war wirklich eine große Party... Trollos, so spätsommerliches Wetter. Es lief Musik! Es wurden viele bunte Fahnen geschwenkt. Die Leute waren auch punktgekleidet Einige hatten viel Schminke im Gesicht. es gab auch natürlich Drag Queens und Drag Kings Aber auch sonst Leute die einfach T-Shirts trugen zum Beispiel mit Slogans drauf Politischen Slogan Und eine sehr gelöste Stimmung.

Gesa ist im Prinzip der Initiator und Organisator dieser Veranstaltung, also er hat die Pride Woche und auch die Pride in Page ins Leben gerufen. Und er ist so bis zu einem gewissen Punkt ein Zillenbild dafür wie die Regierung Orban mit der LGBTQ-Gemeinschaft umgegangen ist weil letztes Jahr dann Strafrechtliche Ermittlungen gegen ihn eingeleitet, weil er eben die Pride in Page organisiert hat und er wurde dann auch angeklagt.

Er hat seinen Shop verloren, er wurde von der Polizei verhört, musste Fingerabdrücke daulassen und er hat mir gesagt, er hat sich gefühlt wie ein Krimineller obwohl er einfach nur einen friedlichen Umzug organisiert hatte. Wie normal war denn das was Gesader passiert ist unter der Regierung Orban? Vor allem in den letzten Jahren ist das normal geworden.

Aber Viktor Orban hat schon sehr früh, als er zurückgekehrt ist ins Amt im Jahr zwei Tausendzehn. mit dieser sehr großen Mehrheit die er dann sechzehn Jahre lang hatte, hat er sein konservatives Familienbild einfließen lassen in seine Reformen. In der Verfassung, die er hat verabschieden lassen, hat der definiert zum Beispiel dass die Ehe nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden kann.

Das ist jetzt etwas, was für die Regionen Ost-, Mitteleuropa nicht. ungewöhnlich ist, aber er hat auch weitere Maßnahmen beschlossen. Also es wurde die Geschlechtsänderung, die eigentlich einfach möglich war, die wurde abgeschafft und das Adoptionsrecht wurde explizit gleichgeschlechtlichen Paaren untersagt und es wurde auch verunmöglich, dass Einzelpersonen Kinder adoptieren können.

Das war so ein Ausweg zuvor Und dann hat er später so Gesetze verabschieden lassen, die vor allem der politischen Stimmungsmache dienten. Da ist vor allem wichtig dieses Kinderschutzgesetz. da hat er wirklich gleichgeschlechtliche Liebe in Verbindung gebracht mit Pädophilie Und das Gesetz hat untersagt, dass Minderjährige mit gleichgeschlechtlicher Liebe quasi konfrontiert werden dürfen.

Werbekampagnen in diesem Sinn wurden untersagt und auch Bücher, die so etwas zum Thema haben, die dürfen nur so eingeschweißt verkauft werden z.B. Und im Jahr ist es im Gesetz verboten. Aber dieses Jahr konnte Gesetze ohne große Probleme die Pride organisieren? Ja, es ist erstaunlich weil eigentlich die Rechtslage sich noch gar nicht geändert hat.

Das gleiche Gesetz ist immer noch in Kraft aber trotzdem wurde im Juni also kurz nach der Abwahl Orbans wurde die Anklage gegen Geser fallen gelassen. Also das zeigt eigentlich wie willkürlich die Anwendung war Und Maria hat gleich nach seiner Wahl erklärt, dass das Versammlungsrecht für alle gelten soll und deswegen wurde auch die Pride in Page ebenso wie diejenige im Juni in Budapest dieses Jahr bewilligt von der Polizei.

Und es war jetzt an beiden Prides, in Budapest und im Page waren deutlich weniger Menschen als vor einem Jahr. Aber dafür war es wieder eine klassische Pride und nicht eine politische Demonstration gegen diese Maßnahmen oder die Regierung erbarnen. Diese Woche hat Ungarnsparlamenten und das Kinderschutzgesetz, dass du eben angesprochen hast, reformiert.

Kinder sollen weiterhin in verschiedenen Inhalten geschützt werden aber nicht mehr allein deshalb weil es um LGBTQ geht. Seit Peter Marger gewählt wurde im April gibt's also erste konkrete Veränderungen die die Queer Community betreffen wird. Schaut auch Gesa jetzt wieder optimistisch an die Zukunft!

Ja, er ist grundsätzlich optimistischer. Aber er warnt vor zu viel Euphorie. Man hat wirklich viele Baustellen übernommen von der Regierung Orban. Vor allem wirtschaftliche Probleme eine komplett leere Staatskasse die zerrüterten Beziehungen zur EU und so weiter. der LGBTQ-Gemeinschaft stehen sicher nicht zu oberst jetzt auf seiner Priorität in Liste.

Wenn wir nochmal auf die Pride in den Page zurückkommen, blieb es da den ganzen Tag friedlich und werde ich Stimmung durchgehend gut weil wir kennen das ja aus Zürich dass es Anfeindungen oder auch Angriffe gibt gegenüber Menschen an der Pride. Ja, es war eine friedliche und sehr ausgelassene Stimmung.

Ich habe gegen Demonstranten gesehen aber das war eine kleine Gruppe und die haben dann letztlich nur einfach... zugeschaut, also die standen da und haben dann nichts gemacht. Es gab so in der Bevölkerung bei den Anwohnern ... weil man muss sich das vorstellen, dass ist wirklich eine Kleinstadt und die sind da durch kleine Straßen eine Einfamilienhausgegend gezogen und da haben die Leute aus den Fenstern geschaut und bei einigen hat man gemerkt, dass sie jetzt nicht begeistert waren aber es war eine sehr friedliche Stimmung.

Und was dieses Jahr wirklich sehr speziell war Ein Novum sozusagen ist, dass sogar einer der Vizepräsidenten des Parlaments gesprochen hat. Christian Kössegi heißt er. Er ist Vertreter der Partei Madias, der Parteitisa Und er hat zur Eröffnung gesprochen und gesagt, dass es für ihn eine Ehre ist hier aufzutreten.

Und das es ein Land auszeichne wie es mit den Minderheiten umgeht. Das ist schon bemerkenswert was du herzählst als im Vergleich zu Regierung Orbans früher? Ja genau! Das wäre vor einem Jahr völlig... Undenkbar gewesen, dass ein so hochrangiger Vertreter des Staates hier teilnimmt und sich so äußert gegenüber der LGBTQ-Community.

Wir sind gleich zurück! Heben Sie mit uns ab! Mit einer Weiterbildung an der Hochschule für Wirtschaft FH&W bringen sie ihre Karriere auf die nächste Stufe. Finden Sie jetzt Ihre passende Weiterbildung Merit, du konntest deine Interviews auch auf Deutsch führen an der Pride-Dine-Page. Wenn hast Du den da getroffen?

Ja, ich habe mit Java gesprochen der extra für diesen Anlass aus Österreich angereist ist wo er seit sechs Jahren lebt und er hat mir erzählt dass er Ungarn verlassen hat. Und zwar wirklich wegen der Politik Orbans gegen sexuelle Minderheiten. Ich konnte mir gar nicht vorstellen das ich das offen leben könnte erst in Österreich.

Schabba stammt aus Mischkolz, das ist im Nordosten Ungarns. Und er isst bisexuell aber hat sein Coming-out erst gehabt als er in Österreich war und die einzige Person, die davon wusste, war seine Ehefrau. Er hat mir beschrieben dass er die Politik Orbans gegen sexuelle Minderheiten und die Rhetorik auch dass sich das wie eine Gehirnwäsche auf die Menschen ausgewirkt hat.

Weil er ist fünfundfünfzig Jahre alt, also er kann auf eine relativ lange Zeit schon zurückblicken und er hat mir erzählt, dass Ungarn früher ein relativ liberales Land war. So sehr wurden die Gehirne gebracht vor diesen zu langen Zeit in dem Orban reagiert haben. Im Umgang hat man manchmal bezeichnet als die lustigste Baracke des Ostblocks, weil es eben unter diesen sozialistischen Ländern vergleichsweise liberal war.

und dann sei es Orbans, Rhetorik und Politik gewesen das Klima gegenüber sexuellen Minderheiten so vergiftet hat. Und wie zuversichtlich ist denn Ciaba nun dass Menschen mehr Freiheiten haben unter der neuen Regierung? Ja, das habe ich Ihnen auch gefragt. Ich hab ihn auch gefragt ob er jetzt sich überlegt zum Beispiel zurückzukehren und da hat er mir gesagt nein dass das für ihn vorläufig doch noch kein Thema ist weil er sagt die Gesellschaft sei schon immer noch sehr tief gespalten und er glaube dass es nicht so leicht und schnell sich überwinden lässt.

Meret, wie ist denn dein Gesamteindruck? Kann und will Peter Marger und seine neue Regierung wirklich etwas für die LGBTQ-Community verändern. Ja, das glaube ich grundsätzlich schon. Das sagt er auch immer wieder. Also was er betont hat ja schon ganz oft so formuliert Er sagt der Staat hat im Schlafzimmer den Menschen nichts verloren.

also er kommt tatsächlich von dieser so liberalen Haltung und es ist auch typisch dass er das so sagt weil er hat vor allem diese Wahl gewonnen Weil er versprochen hat die Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen Die Demokratie wieder herzustellen. soweit ist er gegangen in seiner Aussage Und dazu gehört natürlich auch, dass man diese Diskriminierung von Minderheiten zurücknimmt, abbaut.

Das ist vor allem seine Argumentation. Er argumentiert nicht als jetzt progressiver Aktivist von sexuellen Minderheit und er ist selber ein Konservativer – das merkt man auch wenn er spricht – und er war ja bis zu den Fides in der Partei von Viktor Orban und hat das bis zu diesem Zeitpunkt mitgetragen Aber er sagt sehr klar, dass er möchte das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare ermöglichen.

Das ist ein wichtiger Schritt. Also das klingt so im Großen und Ganzen sehr positiv für das Land! Ja, ich glaube was wirklich wichtig ist, dass diese Stimmungsmache auf Kosten von sexuellen Minderheiten das das aufgehört hat. Weil das hat sich schon ausgewirkt! Das wurde mir auch erzählt, dass es immer wieder Zwischenfälle gab Angehörige der LGBTQ-Minderheit die beschimpft und teilweise auch körperlich angegriffen wurden.

wie schnell das aufhört und ob das ganz aufhören wird man sehen aber man muss schon auch im Hinterkopf haben ist ein gesellschaftspolitisch-konservatives Land. Also eine vollständige rechtliche Gleichstellung, die zum Beispiel auch die Ehe für alle dann beinhaltet – das wird sicher noch dauern! Danke Meret für das Gespräch.

Ich danke dir Lilibelle. Merets Reportage aus Ungarn findet ihr in den Shownotes Die verlinke ich euch da genauso wie diesen heißen Tipp. Meine Kollegin Lena Waldle ist mit dem Podcast EnzoZ-Quantensprung demnächst live auf der Bühne, am sechsenzwanzigsten Oktober im Kaufleuten in Zürich. Da spricht sie mit Experten über die moderne Flugrettung.

Tickets gibt's noch? Kommt doch vorbei! Das war Enzoz-Aktzent – ich bin Leli Beleisele.

0:00 / 0:00