
NZZ Akzent· Folge 1701
So denkt die französische Peripherie über die Proteste
Freitag, 23. Oktober 2026 · 17 min
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Shownotes
In ganz Frankreich bricht sich eine Welle der Wut bahn. Was in den Großstädten als Krawall und Vandalismus begann, erreicht längst auch die ländliche Peripherie. NZZ-Redaktorin Corina Gall ist ins Elsass gereist, um mit den Menschen vor Ort zu sprechen. Sie besucht eine Mahnwache im friedlichen Grenzdorf Huningue, trifft in Straßburg auf linke Aktivisten und spricht in den Vororten mit Anwohnern über ihren Alltag. Die Fronten zwischen der Polizei und den Demonstranten verhärten sich zusehends, doch die verheerenden Ursachen des gesellschaftlichen Unmuts teilen Menschen aus fast allen Schichten.
Gast: Corina Gall, Redaktorin
Host: Simon Schaffer
Redaktion: Lillybelle Eisele
Foto Thumbnail: Laurent Cipriani, keystone-sda
Hier zu den neusten Entwicklungen (nzz.ch/international/neue-schuelerproteste-in-…).
Zum Hintergrund im Podcast NZZ Geopolitik (nzz.ch/podcast/kaum-gewaehlt-muessen-politiker…) über die Zalando-Mentalität der heutigen Zeit und wie sie die Wut vieler Junger Menschen anfacht.
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Da würden ja auch öffentliche Gebäude angezündet. Es war wichtig für uns, um zu zeigen, dass das nicht das ist. Das ist eine Minorität von Sauvageons. Die Zerstörung, die Gewalt, das sei nicht Frankreich. Sondern eine Minderheit der Wilden wie er es nennt. und deshalb seien sie heute zusammengekommen in Ünerang.
Corinna du warst da vor Ort? Wie war das ? Ja genau das ist ein ganz kleines Dorf mit etwa sieben tausend Einwohnern direkt an der Grenze zu Deutschland und der Schweiz Und die Leute da sind zusammen gekommen an einem Montagabend. Das sind so an die hundert Bürgerinnen und Bürger zusammengekommen. Und so gleich bei der Ankunft haben sie einen Kreis gebildet zusammen, das war schon ein bisschen dunkel.
alles hatte die Atmosphäre einer Andacht. eine Bürgerin hat auch Schilder mitgebracht. auf den Schildern waren verschiedene Slogans gegen Gewalt in Solidarität mit der Polizei. Solche Anlässe in Frankreich gehört. haben sie danach zusammen noch alle die Nationalhymne gesungen. Der Bürgermeister von Uenang ist er als achtundzwanzigjährig.
Er selbst ist Teil der Divers d'Rot, das war eine Gruppierung von verschiedenen rechten Parteien und obwohl er Teil der Rechten Frankreichs ist hat er doch einiges Verständnis für Demonstration. In vielen französischen Städten finden Proteste junger Menschen statt, viele friedlich andere nicht selbst in der Peripherie.
Die NZZ-Redaktorin Corinna Gall war im Elsass unterwegs und hat mit denen gesprochen die Wüten zent. Ich bin Siebund Schaffer das ist NZZ Akzent. Die hatten aber in Ünhang keine Vorfälle selber oder? Das ist zu klein. Nein, Ünhank ist ein klassisches kleines friedliches Dorf. Das sah man von Protesten oder von Wut und Gewalt eigentlich gar nichts.
Für die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Dorfes finden die Demonstration online statt, sie sehen es in den Zeitungen, in den sozialen Netzwerken. Proteste fanden auch im Elsass statt. In den letzten paar Wochen an den Gymnasien aber eben auch am Samstag gab es gewaltvolle Demonstationen. Auch da wurden zahlreiche Demonstrantinnen und Demonstraten verletzt.
Es gab verletzte Polizisten in Mülus, voller eine siebzehnjährige bei den Demonstrationen ihr linkes Auge Und laut aktuellen Erkenntnissen war sie tatsächlich selbst keine Demonstrantin. Sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. In ganz Frankreich wurden in den letzten Tagen mehr als tausend neunhundert Personen verhaftet.
es gab Riesenschäden ein Rathausbrannte, Autosbranden. Geschäfte wurden geplündert.". Was macht das mit den guten Bürgern von Unang? Ja sie sehen in den Bildern halt an Frankreich dass nicht ihrem Frankreich entspricht. auch der Bürgermeister hat in sehr großen Worten gesprochen. Es ging an diesem Abend mehrfach um eben diese Werte der großen französischen Republik, die man verteidigen muss.
Die man schützen muss und die halt an diesem Wochenende verletzt wurden. plus stellt sich für die Gemeinde eben auch die Frage wer wird das alles bezahlen? Der Gemeindepräsident meinte bereits sie hätten halt weniger Geld zur Verfügung vom Staat aufgrund der Sparmaßnahmen und er fragt sich jetzt ja werden jetzt diese Kosten von all den Demonstrationen auch noch auf die Gemeinden abgewälzt.
Weil die Polizei einsetzt? und alles, das wird ja extrem viel kosten. jetzt im Nachhinein? Ja! Du hast vorhin aber auch erwähnt erhege auch ein gewisses Verständnis für die Jungen. Er ist ja immerhin selber auch achtundzwanzig also wie zeigt sich das? was meint er? Also er kann nachvollziehen weshalb die Schülerinnen und Schüler aber auch die jungen Erwachsenen demonstrieren gehen.
Ferron geht in seine Analyse nochmals auf die Ursprünge der Proteste ein. Er zeigt viel Verständnis dafür, dass die Schülerinnen und Schüler wütend sind, frustriert und auch enttäuscht ab der Qualität ihres Unterrichts, der Räumlichkeiten – und er versteht auch das die Jungen eine allgemeine Angst vor der Zukunft haben.".
Die Jungen fühlen sich von den Erwachsenen, der Regierung und einer Gesellschaft unverstanden. Und haben das Gefühl, dass ihnen nicht zugehört wird. Also beginnen sie zu mobilisieren! Ferron findet aber dann diese Proteste der Schülerinnen und Schülern ausgenutzt worden... ...von Krawallmachern Linksextremen von der extrem linken Politik, die seiner Meinung nach die Gewalt weiterhin rechtfertigt.
Wie bereits gesagt ist Ferron ein bürgerlicher Politiker und auch das Dorf ist eher bürgernisch geprägt. für diese Menschen sind die Städte und vor allem die Hauptstadt dem Elsass-Strasbourg linke Hochburgen Und da sind wir dann auch hingefahren, um einen linken Aktivisten zu treffen. Ich habe tatsächlich in den sozialen Netzwerken eine aktivistische linke Studentengruppe gefunden die ich eigentlich treffen wollte.
mit ihm und seinen Freunden in einer Bar in der Nähe der Universität. Sie saßen da an einem großen Tisch, sie waren etwa zehn Leute. Sie haben zusammen gelacht, haben getrunken, haben sich Geschichten erzählt von dem... von den Demonstrationen, was sie erlebt haben. Wir hören hier Ali. Ali ist achtzehn Jahre alt und wohnt in Straßburg.
Er engagiert sich heute politisch für die extreme Linke de la France Insoumise Hattet ihr gesagt, wie er dazu kam? Ja Ali studiert an der Universität. Arbeitet aber nebenbei an einer Schule als eine Art Unterhalter für die Kinder Und da hat er gesehen in welch schlechten Zuständen die Schulen sind und er beschreibt da Räume, die verschimmelt sind.
Ali war ja vor zwei Jahren eigentlich selbst noch im Gymnasium und sagt, dass bereits an seiner Schule die Zustände sehr schlecht gewesen seien. Er hätte am Schluss seiner Schulzeit keinen Mathe-Lehrer mehr gehabt als er zur Abschlussprüfung musste. da hätten sie gar kein Lehrer mehr gehabt der ihnen dabei hilft.
Und ja man merkt das hat ihn sehr geprägt. Ali ist dann schon sehr früh demonstrieren gegangen also bereits vor ein paar Wochen mit den Kymnasiasten seiner Schule festgenommen von der Polizei. Er hat sich mit den Medien unterhalten, er war als Aktivist sehr präsent und hatte auch so eine Art Führungsrolle übernommen.
Und naja, er sagt jetzt deshalb sei er von der Polizei dann verfolgt worden und verhaftet.". Ja, alles spricht davon dass es eben längst keine reine Schülerproteste mehr sind sondern eben Volksproteste. Dass es in allen Bereichen im ganzen Land Probleme gibt. Er sagt das gäbe eine hohe Suizidrate unter den Landwirten und der Polizisten Feuerwehrleute.
Es fehlen an Geld vor allem auch im Gesundheitssektor. generell sei die Infrastruktur marode sie verfällt sagt er. Es fehlen an Ärzten, Krankenschwestern. Und und und ... Man will nur Macron eine Botschaft senden? Genau. Ali gibt für all diese Probleme der Regierung die Schuld. Insbesondere dem Präsidenten Emmanuel Macron.
Er fordert, dass auch Macron jetzt diese Probleme lösen muss. Weil er sich selbst verursacht hat. Deshalb sind laut Ali eben alle gekommen Jugendliche aus den Vororten. Er spricht von einer hochaggressiven Polizei, totalitär. In Frankreich wird derzeit halt die Schuld hin und her geschoben. Für linke Aktivisten wie Ali liegt die Schuld für die gewaltvollen Proteste ganz klar bei der Polizei.
Trotzdem gerade die Plünderungen von Paris gingen ja auch um die Welt. Will er die in Paris rechtfertigen? Ja, auch darauf hat der Ali eine Antwort. Alibi gründet die Plünderungen mit der Armut im Land, verurteilt aber auch die Angriffe auf kleinere Geschäfte. Dabei seien es doch genau die Arbeiter aus den Außenbezirken, die die Stadt am Laufen halten.
und um besser zu verstehen wie es den Menschen in diesen Außenbesirken eben wirklich geht Sehen wir dann auch dahin gefahren. Wir sind gleich zurück! Heben Sie mit uns ab. Mit einer Weiterbildung an der Hochschule für Wirtschaft, FHNW bringen sie ihre Karriere auf die nächste Stufe. Finden Sie jetzt Ihre passende Weiterbildung auf www.fhnw.ch-abheben.
Wir sind in einem Außenquartier von Straßburg gefahren Das heißt Utbjerg. Da wohnen vierzehn bis fünfzehntausend Menschen Und interessanterweise hat die Bürgermeisterin von Straßburg diesen Menschen abends den öffentlichen Verkehr abgestellt. Also damit die Randalierer aus der Banlieu nicht mehr in die Stadt reinkönnen?
Ja, sie übergründet das mit der Sicherheit für die Stadt genau. Wie war es da? Wir haben dann dort an der einen Tramhaltestelle mit ein paar Leuten gesprochen und man hat relativ schnell gemerkt diese Proteste und der eingeschränkte öffentliche Verkehr interessiert sich gar nicht so. Die sind beschäftigt mit ihrem eigenen Leben, mit ihren eigenen Sorgen und damit über die Runden zu kommen.
Wir sind dann ins Einkaufszentrum von Ottbär gefahren und da bin ich auf Claire getroffen, die für ihre Familie am Einkaufen war. Claire erzählt davon, dass sie vor zehn Jahren sich noch viel mehr leisten konnte als heute. Ihr Gehalt ist in etwa gleich geblieben aber vor zehn Jahre konnte sie halt noch mit ihrem Mann und dem Kind in den Urlaub fahren hin- und wieder abends essen gehen.
Ja wieviel verdient Sie denn? Hat sie das verraten? Also Claire ist derzeit arbeitslos und hat es Mühe, einen neuen Job zu finden. Vorher verdiente sie aber thousand-eighthundert Euro und ihr Mann zweitausend Euro.". Claire sagt, Sie seien eigentlich französische Mittelklasse? Es hat auch mehrfach zu mir gesagt, dass sie sich vor ein paar Jahren noch nie hätte vorstellen können, dass ich in ihrem Leben mal in einer solchen Lage sein würde.
Ich habe Claire dann auch auf die gewaltvollen Proteste vom Wochenende angesprochen und sie meinte, dass die Wut der Jungen Sie überhaupt nicht überraschen. Claire hat einen dreizehn Jahre alten Sohn und sie hat mir erzählt, dass sie zu Hause dann über die Proteste gesprochen haben. ihr Sohn habe wissen wollen was da genau passiert Was da los ist.
Und diese Woche habe ich dann gesagt, dass er eben auch an die Proteste gehen möchte. Und nun werden sie tatsächlich zu dritt dahin fahren am Samstag also Claire, ihr Mann und der dreizehn Jahre alter Sohn Du warst jetzt nicht in Paris du warst etwas weiter draußen was in der Peripherie wobei für die einen Schrasburg auch schon nicht mehr die Peripheries ist aber im Vergleich zur Parise auf jeden Fall.
Was bleibt für dich? Weil die proteste bleiben ja auch. Ja, man hat im Elsass ganz klar gemerkt, dass die Proteste und vor allem die Ursachen für die Protste wirklich das ganze Land betreffen. Alle mit denen ich gesprochen habe waren sich einig, dass sie hohen Lebenserhaltungskosten ein großes Problem sind und dass etwas getan werden muss, was Macron versagt hat.
wo es sich aber uneinsinnend ist wer hat Schuld an der großen Gewalt der Proteste? Dabei ist ja jetzt eigentlich die große Frage, wie kann man die Spirale dieser Wut beruhigen? Danke Corinna. Danke dir! Es finden im Moment gleichzeitig auch in vielen weiteren europäischen Ländern Jugendproteste statt aus ähnlichen Gründen aber auch aus jeweils lokal gefärbten Gründen.
Um das übergeordnete Ganze zu verstehen, lohnt es sich sehr die Podcast-Folge von NZGO Politik von meinem Kollegen David Vogel zu hören. Die kann man Mittwoch aus. Dort geht er mit seinem Gast noch viel stärker auf die weiteren Proteste in Europa rein und erklärt wie das alles zusammenhängt. Der Link dazu ist hier in der Folgenbeschreibung.
Mein Name ist Simon Schaffer. Vielen Dank für's Zuhören! Bis zum nächsten Mal.