NZZ Akzent· Folge 1689

Vom Ruhm zum Trauma: Britische Kriegsveteranen fühlen sich vergessen

Donnerstag, 8. Oktober 2026 · 17 min

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Shownotes

Jeden Monat treffen sich ehemalige Soldaten im britischen Küstenstädtchen Clacton-on-Sea. Der Drill, die Kämpfe und die Ängste lassen sie nicht los, egal ob sie in Kenia, den Falkland-Inseln oder im Zweiten Weltkrieg im Einsatz waren. Von der Politik und der Gesellschaft fühlen sie sich im Stich gelassen. Aber hier können sie sich mit ihresgleichen austauschen und für eine Weile die Sorgen hinter sich lassen.

NZZ-Korrespondent David Signer erzählt von seinem Besuch bei den Veteranen an dem Ort, der nicht ganz zufällig auch eine Hochburg der rechtspopulistischen Partei "Reform UK" von Nigel Farage ist.

Gast: Korrespondent David Signer
Host: Dominik Schottner
Redaktion und Produktion: Lillybelle Eisele, Marlen Oehler

Die Reportage aus Clacton-on-Sea findet ihr hier auf der Website (nzz.ch/international/sie-kaempften-auf-der-gan…) der NZZ. Das zum Lesen nötige Abo schenken wir dir als treuer Hörerin (probeabo.nzz.ch/podcast?utm_source=shownotes&a…) oder Hörer der NZZ-Podcasts für eine Woche - das Abo endet automatisch.

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Dieser Podcast wird präsentiert von PostFinance, ihrer Schweizer Partnerin für moderne Zahlungslösungen und einfaches Einkassieren im Geschäftsalltag. Ein Dienstagabend im englischen Küstenstädtchen Clacton on Sea, gut zwei Stunden östlich von London. Wir sind im Comrades Club einem rot-brauen Klinkerbau gut eineinhalb Kilometer vom Meer entfernt.

Ältere Männer sitzen bei einem Bier zusammen machen ein Quiz mit Fragen zur Königsfamilie und als Preise winkten unter anderen Kekse und Feuchttücher. aber David, der Comrades klappt. Es ist kein, wie man vielleicht jetzt denken könnte, kein Seniorenwohnheim sondern es ist ein Veteranentreff. Veteran von was denn?

Ja das sind britische Kriegs-Veteranen. Ein paar haben sogar noch ihre verstaubten Orden mitgenommen. Das heißt die... dienten ihrem Vaterland zu einer Zeit, als das noch ein weltumspannendes Empire war. Also die waren im Einsatz in Kenia, in Indien, in Nordirland auf den Falklandinseln also rund um den Globus und sie verteidigten ein Reich dass es heute nicht mehr gibt.

aber alles verweist auf die Vergangenheit. hier, also an der Wand hängt zum Beispiel immer noch ein vergilbtes Porträt ehemaligen Königin Queen Elizabeth II, als sie noch eine junge Frau war. Und das erwähnen die Veteranen auch immer mal wieder. Das ist so ein Standard-Satz für Vaterland und Königinnen waren Sie im Einsatz.

Aber wenn man so mit Ihnen spricht, spürt man auch eine große Verbitterung und Empfremdung. also Die meisten fühlen sich inzwischen in ihrer eigenen Heimat, für die sie gekämpft haben Unverstanden, missachtet und abgehängt. In Großbritannien gibt es rund zwei Komma vier Millionen Kriegsvetteraninnen und Kriegsveteranen.

die meisten von ihnen sind über fünfundsechzig Jahre alt. Ein Handvoll von ihnen hat unser Crosspotent David Ziegner an der Ostküste Englands getroffen. Darum geht's in dieser Folge herzlich willkommen! David. was ist denn Kleckten und Sie für ein Ort? Und wieso bist du ausgerechnet dahin gefahren? Ich komme auf diesen Ort, weil ein Kollege von mir kannte einen Veteranen dort den Casey und hat mich freundlicherweise mit ihm bekanntgemacht.

Aber Clecton und sie ist natürlich überhaupt allen ein Begriff in Großbritannien denn das ist so die UK Reform Hochburg also das gilt als ein sehr rechter und sehr konservativer Ort. Es war früher ein blühender Seebadeort, aber wie die meisten dieser Destinationen ist er inzwischen vom Niedergang geprägt verblasst.

Der Pier steht zwar noch mit dem Riesenrad und den Arcades mit den Spielautomaten, aber sonst ist das eher ein deprimierendes Städtchen mit grasüberwachsenden trottoirs und rissnimmersfalt. Aber es gibt kaum einen Ort, wo so viele Veteranen leben und deshalb unterhält dort auch die Royal British Legion – die Wohlfahrtsorganisation der Veteraninnen hier eine Niederlassung.

Und die Mitglieder treffen sich jeweils im Conrad's Club jeden ersten Dienstag im Monat. Und da bist du also hingefahren. Einer deiner wichtigsten Gesprächspartner vor Ort war dieser Casey, dieser Dan Casey? Erzähl uns, wer ist dieser Mann? Ja das ist eine eindrückliche Persönlichkeit. der ist siebenundachtzig Jahre alt ist aber immer noch Präsident dieses Clubs.

er ist auch Gemeinderat Und in seiner Funktion organisierte Ausflüge, Besuch, Kranke oder betlägerige Veteranen hilft ihnen bei Formularen. Bei Bürokratie, bei finanziellen Angelegenheiten. also der ist trotz eines Alters noch sehr engagiert und sehr wach. Aber wir hören ja, Dan ist zwar einerseits rüstig trotz seines hohen Alters aber er macht sich eben auch Sorgen was mit dem Club passiert wenn er dann selber mal nicht mehr lebt.

Ja der Club ist überallt tot. es gibt natürlich auch jüngere Veteranen aus dem Irak Krieg oder Afghanistan. aber den sagt Sie sind oft so verstört oder frustriert, dass sie überhaupt nichts mit Veteranen treffen zu tun haben wollen. Die wollen eigentlich nur vergessen! Ja und deshalb ähneln diese Treffen jetzt jeweils einem Altersheim und den selber bezeichnet sich sowas ironisch als letzter Dinosaurier.

Was hat Dan denn als Soldat erlebt? Wie ist seine Geschichte? Wenn er von seinen Einsätzen erzählt, das ist wie eine Geschichtslektion. Konflikte aus dem Ende der Kolonialzeit, die man heute kaum mehr kennt also zum Beispiel Rodesien... Heute gezymbabwe oder sein Einsatz in britisch-kamerun. Da gab es einen Unereferendum, zu welchem Land die Leute jetzt in Zukunft dort gehören wollen.

Zu Cameroon oder Nigeria und er musste eigentlich dann mit seinen Kameraden dafür sorgen dass das Referendum ohne Gewalt ablaufen konnte. Er hat dann zum Beispiel erzählt, wie er da einen extrem nervösen, so farigen Sargent hatte. Der immer bei der kleinsten Bewegung sofort den Befehl zu schießen gab.

Er hat dann auch ganz offen erzählt wir bei einer Patrouille einen dieser Kämpfer erschießen musste und er sagte das ist immer sehr traurig wenn man die Leiche vor sich sieht egal Wer das war, er sagte auch unter anderen Umständen hätte er sich vielleicht gut mit diesen Leuten verstanden. Das wären sicher nette Leute gewesen aber ja man war halt in Krieg und er hatte schon auch Angst.

also er sagte wenn wir den nicht erschossen hätten hättet er uns mit seiner Machete zerstückelt.". Das ist jetzt fünfundsechzig Jahre her, neunzehnundsechszig hast du gesagt. Veteranen gibt es ja auch in anderen Ländern, in den USA zum Beispiel. Auch viele aus der Zeit Vietnamkrieg und so weiter. Auch die kämpfen mit den Folgen ihrer Einsätze haben aber ist jedenfalls meine Wahrnehmung ein anderes Ansehen!

Den geht's vielleicht immer nicht gut – auch wirtschaftlich und gesundheitlich. Aber so in der Gesellschaft genießen Veteraninnen in den U.S.A. ein gutes okayes Ansehen? Wie ist das in Großbritannien? Ja, in der USA gibt es halt trotz allem noch so einen ungebrochenen Patriotismus, der in Großbritannien eigentlich nicht mehr existiert.

Also vor allem diese alten Veteranen wissen natürlich die Kolonialzeit ist unwiderbringlich vorbei und das waren jetzt aus heutiger Sicht fragwürdige Kämpfe, die da ausgefordern wurden. und da sind sie auch selber nicht stolz drauf nicht mehr so richtig respektiert werden vor den Jungen, aber sie haben selber ein eingebrochenes Verhältnis zu ihren Einsätzen.

Und ganz handfest ist sie kriegen wenig staatliche Hilfe. Sie sind auf Nahrungsmittelhilfe zum Teil angewiesen und auf gegenseitige Hilfe bei diesen Organisationen. und ja was alle betont haben es gibt viel Alkoholismus, Obdachlosigkeit, Suizide. Man sieht das auch in Enklecton-Onsiedern gibt es Veteranen die im Zelt leben am Strand.

und ja natürlich Traumata also denen erzählte mir von einem Kameraden dessen Frau manchmal sich nachts im Badezimmer einschließt, weil er so grässliche Albträume hat und schreit um sie schlägt. Und sie Angst hatte, er könnte sie irgendwann umbringen.". Wir sind gleich zurück! Vom Setup bis zum täglichen Einsatz begleiten wir Sie Schritt für Schritt.

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David Bay hatte wie viele dieser Veteranen so einen macabren schwarzen Humor und ja ich meine dieses saloppes Spruch bedeutete natürlich auch er erzählt mir schon was aber erzählt mir nicht alles. und es gibt immer Sachen, die verschwiegen werden oder die sie nur auf der Rekord sagen. Und waren alle Gespräche so?

Also bei ihm war diese Fallhöhe besonders stark von sich nach außen souverän und locker und sogar humorvoll zu geben. und trotzdem merkte man natürlich immer wieder diese Risse und Abgründe, die sich auftaten. aber Viele hatten diesen schwarzen Humor und betonten auch die ganzen absurden Seiten des Krieges, was für eine wichtige Rolle Zufälle spielen im Krieg.

Und bei der Rekrutierung. Wie hören wir David? Jetzt hören wir Barry Jones so eine Abstrusegeschichte wird zur Armee kam. Er war damals ein langhaariger Lümmel, wie er sich selber bezeichnet hat und er wollte Schallplatten kaufen und kam an einem Rekurgierungsbüro vorbei und hat da mal reingeguckt. und der Offizier sagt ihm ja komm doch ein bisschen später mach einen Test!

Er hat diesen Test so mehr aus Neugierde gemacht. Am Ende hat man ihm beschieden, okay bestanden du kannst eintreten. Dann musste er noch einen körperlichen Test machen. Er hat sich absichtlich voll laufen lassen am Vorabend und sich die Hand verstaucht wahrscheinlich Insgeheim gehofft, er kommt so noch einmal davon.

Kam er aber nicht und am Ende war er plötzlich in der Armee ohne dass er das eigentlich so richtig wollte.". Auf jeden Fall eine gute Geschichte die man sehr gut erzählen kann egal ob es den eigenen Enkeln ist oder in das Mikro eines Reporters. Wie ging's denn dann weiter für ihn? Ja, das war die Zeit des Kalten Krieges.

Er hat eigentlich gehofft er würde so in ein exotisches Land in Asien oder Afrika versetzt. stattdessen landet der in Deutschland als Funkkorps. Schade! Wo er so russische Funkfrequenzen stören musste mit Rauschen oder auch mal mit Pop-Songs. und später ging er nach Nordirland Während des Ira-Hungerstreiks, das war das.

Das war eine sehr dramatische Zeit, da musste er Begräbnisse von mehreren hochrangigen Ira-Mitgliedern überwachen und die Leute identifizieren. Und er hat das so erzählt. und plötzlich hat der gestockt Mir gesagt, dass er Jahrzehnte später plötzlich mal alte Fotos aus Belfast anguckte und plötzlich los schluchzen musste.

Und er hat das selber gar nicht verstanden. Das hat ihn Jahre später eingeholt. Und das war wirklich so in dieser lockeren Erzählung, da es plötzlich eine Kluft, die sich aufgetan hat gemerkt, wie er selber jetzt noch einmal durch diese ganzen komplizierten Gefühle durchgeht. Wenn du das so erzählst dass es da quasi zwei Gesichter gab.

nenn ich's mal würdest du ihn trotzdem als lebensfähig bezeichnen? oder gabs da auch Momente von denen er dir erzählt hat wo er vielleicht stark gekämpft hat? Ja also er hat selber gesagt dass er eigentlich die Rückkehr ins zivile Leben nicht geschafft hat. Einerseits war er ein Harke-Sortener Kerl, der alles gesehen hatte.

Alles erlebt hatte. Auf der anderen Seite war er wie ein Kind. Er wusste nicht mal, wie man einen Busticket kauft. Dieser Adrenalinkick fehlte ihm. und dann aber doch auch diese Sicherheit, diese Strukturen, diese Disziplin ... Er hat geheiratet. Er hat gesagt das war ein Fehler. Seine richtige Familie waren die Kameraden.

Das haben was alle gesagt! David, zum Schluss kleckt man Sie. Der Ort wo du diese ganzen Veteranen getroffen hast ist ja eine politische Hochburg der Partei Reform UK von Nigel Farage dem großen politischen Gegner von Premier Andy Burnham. Warum ist das denn so eine Hochburg? Ja, Klecken und Sie ist halt wie viele dieser englischen Städte ebenso etwas verrelendet viel Arbeitslosigkeit Drogen Sozialhilfe Bezüger Und viele Leute, die einfach die Schnauze voll haben.

Nicht nur von Labour sondern von Politik überhaupt. und ja jetzt halt ihre Hoffnung auf den Rechtspopulisten Nigel Farage setzen der verspricht da radikal aufzuräumen so ein bisschen ähnlich wie Trump im Rust Belt in den USA. Und wie nimmt Nigell Farage diesen Unmut auf? also kapitalisiert er darauf?

Ja, er gibt sich natürlich gerne so als letzter Vertreter des englischen Patriotismus. Und das äußert sich in Klekten an Sie auch ganz konkret – also das ist ja sein Wahlkreis. und wie in vielen englischem Städten gibt es einen Kriegstenkmal, dass der Gefallenen aus den beiden Weltkriegen gedenkt. Und ich habe mit Barry Jones mich dort verabredet.

Wir haben eine Art Schweigeminute gemacht dort und dann hat er mir voller Stolz einen Kranz gezeigt, der dort niedergelegt wurde vor dem Denkmal. Und beim Kranz war eine Karte dran gesteckt in Hochachtung und Dankbarkeit Nigel Farage. David Siegner unser Korrespondent in Großbritannien vielen dank dir!

Und das war NZZ-Aktzent, den Link zu David's sehr lesenswerte Reportage aus Clayton on Sea. Die auch zudem noch sehr schön bebildert ist. Diesen Link stelle ich euch in die Folgenbeschreibung. Ich bin Dominic Schopper. Vielen Dank fürs Zuhören!

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