NZZ Akzent· Folge 1686

Wohnungsnot in Spanien: Das Drama um Maricarmen bringt die Regierung ins Wanken

Montag, 5. Oktober 2026 · 16 min

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Shownotes

Maricarmen ist 87 Jahre alt und lebt seit Jahrzehnten in ihrer Wohnung in Madrid. Bis ein Immobilienfonds das Gebäude kauft, die Miete drastisch erhöht und eine Zwangsräumung erwirkt, weil Maricarmen nicht zahlen kann. Ihr Fall steht symbolisch für die massive Wohnungsnot in Spanien. Überall im Land fressen explodierende Mieten die Löhne auf. Fehlender Neubau und zahllose Touristenwohnungen befeuern die Mietenkrise.

Die Wut der Bevölkerung entlädt sich in großen Protesten. Während die Menschen bezahlbaren Wohnraum fordern, scheitern die Gesetzespläne der Regierung krachend im Parlament. Nun steht sogar ein Generalstreik im Raum. NZZ-Korrespondent Florian Haupt berichtet aus Barcelona über die schwierige Lage.

Gast: Florian Haupt, NZZ-Korrespondent für Spanien
Host und Produktion: Sarah Ziegler

Redaktion: Lillybelle Eisele, Dominik Schottner

Bild: Susana Vera / REUTERS

Florians Artikel und mehr Infos über ihn findest du bei der NZZ (nzz.ch/impressum/florian-haupt-ld.10013564).

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es könnte erst mal eine ganz normale Szene aus dem Rettungsdienst sein Wenn, ja wenn da nicht im Hintergrund diese lauten Rufe wären. Mari Carmen du bist nicht allein Hier. vor knapp zwei Wochen auf einer Straße in Madrid Da haben sich Hunderte versammelt um dieser Frau beizustehen Denn sie, Mari Carmen Abascal, siebenundachtzig Jahre alt verlässt ihre Wohnung da gerade ganz und gar nicht freiwillig.

Sie wurde nach Jahrzehnten dort zwangsgeräumt weil sie die erhöhte Miete nicht zahlen konnte Und das hat die Spanier sehr aufgewühlt Florian. Ja, es war quasi wie ein Brennen des Streichholzes ins Benzin geworfen wurde. Das Benzin ist seit Jahren Missmut über die Lage auf dem Wohnungsmarkt und unbezahlbare Mieten.

Es ist schon lange die größte Sorge der Spanien zeigen Umfragen. Und das Streichholtz waren diese sehr emotionalisierenden Bilder von Malikademen, die das Land und insbesondere auch die Politik völlig durchgeschüttelt haben. Die Wohnungsnot in Spanien treibt wütende Menschen auf die Straßen und die Regierung zuerst in Handlungszwang.

Und dann in den Untergang, wen die Krise trifft und ob sie gelöst werden kann. Darauf schauen wir heute mit unserem Korrespondenten Florian Haupt in Barcelona. Das ist NZZ-Aktzent. Ich bin Sarah Ziegler. Schon Monate, bevor Marie Carmen zwangsgeräumt wurde, gab es Proteste für sie. Sie selber war mit dabei an vorderster Front und hat auch den Journalisten vor Ort ihre Geschichte erzählt.

Was ist denn diese Geschichte? Warum musste sie da raus? Ihre Geschichte ist das eigentlich... Die Wohnung ist die Vater vor siebzig Jahren kaufte, die dann überschrieben wurde an die Mutter und in der sie nach dem Tod weitergelebt hat. Sie hat ungefähr eine Miete von fünfhundert Euro bezahlt. Zwei Tausend Achtzehn hat dann eine Investmentgesellschaft diese Wohnung übernommen, gekauft, hat angeblich zuerst zwei tausend Sechsechsechsundfünfzig Euro Miete verlangt und dann immer noch tausende Sechsundfünftig.

Das waren ja mehr als ihre Rente. das konnte sie nicht zahlen. es gab dann verschiedene Interventionsversuche eben nachdem dass auch medial bekannter Fall wurde. Aber diese Gesellschaft, die eine kleine Investmentgesellschaft ist muss man sagen kein jetzt großer Nubilenspekulant gibt Stur und setzt sie am Ende dann gerichtlich sozusagen die Recht auf Räumung durch.

Man kann das kaum glauben wenn Sie da siebzig Jahre schon war in dieser Wohnung dass es da keinen Mieterschutz für Sie gab? Ja es gibt in Spanien keinen langfristigen Mieterschutz, die Praxis im Zeitverträge. Und das ist seitdenken schon so und damit hingen Marikamen quasi von den Wohlwollen des Vermieters ab.

Der Vermieter kann nach Ablauf eines Vertrags mietefrei festsetzen.". Jetzt wissen wir am Ende ging es für Marikamens. Nennen wir's mal gut aus! Denn vergangenen Montag da wurde bei einer Pressekonferenz verkündet dass sie doch nach Hause darf. Wie kam es auf einmal da zu Florian? Das mediale Echo war so riesig, dass dann diese Investmentgesellschaft sich plötzlich doch zu Gesprächen bereit erklärt hat.

Das geschah dann unter der Vermittlung des Sozialamts der Stadt Madrid und man einigte sich dann auf eine nur leichte Mieterhöhung und auf eine Rückkehr von Marie Carmen dir von ihrer Räumung ins Krankenhaus gebracht werden musste und jetzt dann eben wieder nach Hause zurück kann. Das, was Marie Carmen da erlebt hat das ist natürlich eine sehr extreme Situation.

nur steigende Preise der Aufkauf von solchen Mietshäusern Kündigung dass erleben Menschen ja seit Jahren Jahrzehnten in vielen Städten und Ländern. Was würdest du sagen? wie krass ist dieses Problem denn konkret in Spanien auch im Vergleich? Aus Sicht der Schweiz oder Deutschland kann man sich das ganz einfach ungefähr so vorstellen, dass die Mietpreise und die Mieten sind genauso hoch wie in Berlin oder Hamburg.

Die Löhne aber viel geringer. In Madrid oder Barcelona braucht man über setzig Prozent eines Durchschnittslohnens um einen Apartment im Stadtzentrum zu mieten. Und in Deutschland oder in Zürich ist diese Prozentsatz ungefähr die Hälfte Und woran liegt es genau? Also sind es diese Firmen, die Häuser aufkaufen so wie man das auch aus Städten wie Berlin oder so kennt.

Was sind die Ursachen für die Wohnungsnot und die steigenden Preise? Ja, das ist ein ganz so wie immer so einen ganzen Strauß von Gründen und es kommen ein paar spezifische dazu in Spanien. Einen ganz wichtiger ist dass weniger gebaut wird sehr viel weniger. Spanier war eigentlich immer so ein Bauland.

viele Leute kennen das ja vielleicht aus dem Urlaub. Das sind dann oft sozusagen Bausünden, da wurde dann auch relativ unbürokratisch ohne Genehmigung gebaut. Sowas wird jetzt alles stärker unterbunden und es ist schwieriger zu bauen. Materialien sind teurer Platz ist weniger das heißt es gibt wesentlich weniger Angebot und gleichzeitig ist die Nachfrage extrem gestiegen, weil insbesondere durch Einwanderung in den letzten zehn Jahren drei Millionen Menschen neu zugezogen sind.

Und dann sind eben auch viele Wohnungen ... Die früher Mietwohnungen waren im Touristenapartement umgewandelt worden. Stichwort Airbnb. das kennt man ja auch aus anderen Städten. Insofern ist sozusagen auf beiden Seiten eine Angebot-und Nachfrage das System ein bisschen aus dem Fugen geraten und so einen perfekten Sturm angewachsen.

Du bist in Barcelona auch eine große Metropole genau wie Madrid, wo gerade der Fall mit Marie Carmen passiert ist. Wie nimmst du das wahr wenn du durch die Straßen gehst? Siehst du das? Ja ich merke es sehr stark schon seit Jahren eigentlich... aus den eigenen Umfeld müssen immer mehr Leute wegziehen, die eben vom Miet haben.

Die dann plötzlich die Miete verdoppelt haben oder so. und jetzt konkret in dem Viertel wo ich wohne sind über dreißig Prozent der Betten Touristenwohnungen. man sieht viele Häuser wo da nur ein oder zwei Wohnungen noch dauerhaft belegt sind. wir selber im Hof wenn ich aus Balkon schaue war es ist eine ganze Reihe von erster bis vierter Stock.

Plötzlich sehen die Balkone alle gleich aus. Also sie gleichen Möbel, die gleichen Lampen, dann weiß man auch dass das Touristenwohnungen sind und alte Leute sind betroffen und ganz besonders eben eben auch die Jungen, die in WGs wohnen müssen, die bei ihren Eltern wohnten müssen weil sie sich das Ausziehen nicht leisten können.

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Bei den Protesten in den Zeltlagern gesehen, die sich für Marikamen eingesetzt haben. Nun ist Marikamin zu Hause aber die Proteste gingen seither weiter? Ja also diese Protester haben sich dann über das ganze Land ausgeweitet eigentlich nach dem gleichen Vorbild mit einem vierundzwanzigstunden Zeltlager.

auch im Barcelona gibt es ein Zelt lager auf dem zentralen Platz der Plaza Catalonia. ich bin da Vor einigen Tagen mal vorbeigegangen. Es sind vielleicht so hundert bis zu einer Zelte gewesen, doppelt so viele Leute und auch nicht nur die Leute, die dann da zelten sondern auch Passanten oder Leute sich generell für das Problem interessieren weil sie es selber betrifft.

Sie sind halt eben vorbeigekommen, sind in einen Dialog getreten mit ein paar Leuten. da konnte ich auch sprechen Und das ist schon sehr interessant, was die erzählen. Du hast unter anderem die Freundin Carolina und Andrea da getroffen. Die haben es dir gleich getan und einfach mal diese Situation dort vor Ort beobachtet.

Was haben die beiden dir erzählt? Ja, es war interessant. Obwohl sie Freundinnen sind, sehr verschiedene Geschichten zu erzählen hatten. Karolina hat ihr ganz Leben in Barcelona gelebt und ist aufgewachsen im Elclot. Das ist ein relativ zentrales Viertel. Sie ist heute dreidreißig. Sie arbeitet seit zehn Jahren.

als sie angefangen hat zu arbeiten Sie ist eine WG gezogen, weil sie sich mir nicht leisten konnte. Er hat dann zehn Jahre lang in dieser WG gewohnt und konnte jetzt – und sie sagt es sei ein großes Glück! Weil sie dank eines Familienangehörigen der eine Wohnung... hat und sie ihr zu einem Haltwegsferienkreis vermietet, alleine in eine Wohnung zieht.

Diese Wohnung ist allerdings in Badalona. Das ist ein Vorort von Badalena wo man gute halbe Stunde unterwegs ist. das heißt die musste quasi aus der Stadt wegziehen um ihre eigenen vier Wände zu haben und dass obwohl sie seit zehn Jahren arbeitet Steuern zahlt an der Gesellschaft proaktiv mit abhaltet.

Du hast vorhin schon mal angedeutet, dass nicht alle das so hinkriegen wie Carolina und dass viele junge Menschen länger zu Hause wohnen? Kann man das irgendwie benennen, wie viel er das betrifft? Ja, das ist eigentlich wahrscheinlich wirklich die von vielen schwierigen Zahlen. Die schwierigste, weil die achten bis vierunddreißigjährigen waren in Spanien bei einer Quote von zweiundfünfzig Prozent, die noch zu Hause wohnen, was immer schon viel war.

jetzt ist die Quote aber bei neun und sechzig Prozent der achtzehn bis vierund dreißig jährigen, die immer noch Zuhause wohnend ja Und bei Weiten nicht alle tun das freiwillig oder Weil die Waschmaschine da so gut läuft und auch Nicht Alle Eltern wird das freuen, wahrscheinlich. Wie ist es bei Andrea?

Was ist Ihre Wohnsituation? Hier ist im sozusagen einen anderen Weg gegangen. Sie ist aus Barcelona weggezogen dann ungefähr auch vor zehn Jahren und zwar nach Soria. Soria ist eine Provinzhauptstadt in Castilien und ist in Spanien fast so ein Sinnbild für eine entvölkerte ruhige ländliche Region. Unter anderem deshalb ist sie eben auch hin, weil diese Region damals noch billiger war und gesagt okay da kann ich bezahlen was ihnen was lohnen nicht bezahlen kann.

Jetzt hat sie aber berichtet dass die preise sich in der zeit in der sie dort sind auch verdoppelt haben ins solia also. das also nicht nur ein reines metropolenproblem eben überhaupt nicht. das fand ich ihm aus sehr spannend. Sie selber kann ja so sagen sie wohnt jetzt noch nie mehr in der provinshauptstadt solia sondern irgendwo außerhalb des Was dort dann einfach auch bedeutet, man braucht ein Auto.

Sie arbeitet da als Krankenschwester und kommt jetzt eben selbst in Solia kaum über die Runden.". Auf die Sorgen und die Proteste – in Madrid, Barcelona und an vielen anderen Stellen im Land – konnte die Politik irgendwie nicht, nicht reagieren! Das ging nicht mehr. Ministerpräsident Pedro Sanchez hat sich dann eingeschaltet.

was es da passiert? Ja, genau. Sie konnte nicht reagieren zumal sich ja um eine sozialistische Regierung handelt von der da erst recht was erwartet wird. Sie hat auch versucht diesen Wind auszunutzen, der da von der Straße rübergeweht ist, um durchzusetzen, was sie schon in der Vergangenheit manchmal durchzusetzt und versucht hat und eben Regulationsmaßnahmen auf dem Mietmarkt zu etablieren.

Welche Maßnahmen wollten Sie konkret ergreifen? Es gab ein Dekret mit vor allem so Übergangsmaßnahmen, also Zwangsräumungen in sozialer Notlage bis zu zwanzig dreißig erst mal aussetzen. Mietverträge die... bald auslaufen, erst mal eine Möglichkeit für automatische Verlängerung um zwei Jahre einräumen.

Gewisse Steuervergünstigungen und auch eine gewisse Kontrolle von Immobilienfonds war alles so relativ erstmal für ein paar Jahre. Und dann gab es noch ein zweites Dekret über das Mietverträge dauerhaft entfristet werden sollten. Sollten ist das Stichwort? Am Freitag wurde über beide Dekrete im spanischen Parlament abgestimmt.

Beide wurden abgelehnt. Es wird jetzt also erst mal keine Maßnahmen geben. Florian, wie kannst denn überhaupt weitergehen? Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten, die eine mit der eigentlich gerechnet wurde. Nach den verlorenen Abstimmungen, die aber ein bisschen nicht eingelöst wurde wäre das Ausruf von Neuwahlen durch Pedro Sanchez und die andere Möglichkeit wäre die Stimmen der Katalanchen-Junes-Partei an denen das gehangen hatte, die Ablehnung dieses ersten und wichtigeren Pakets doch noch irgendwie für sich zu gewinnen mit einer Nachverhandlung von diesem Paket.

Die Menschen in Spanien waren auf jeden Fall nicht zufrieden mit dem Ergebnis dieser Abstimmung. Also ganz viele von ihnen, die Zeltlager und Proteste sind am Wochenende massiv weitergegangen. haben die Leute auf der Straße den jetzt überhaupt noch Hoffnung dass sich für sie etwas ändert zum Beispiel Menschen wie Karolina und Andrea?

Ja es gab eine sehr große Demonstration in Madrid die bisher größte zu dem Thema am Samstag mit hunderttausenden Menschen zahlen gegen etwas voneinander Und da fiel immer öfters ein Wort, das überhaupt jetzt oft zu hören ist in der Protest-Szene und das heißt Generalstreich. Auch Carolina und Andrea haben das Wort auch benutzt weil sie der Meinung sind auch dass sozusagen nur harte Geschütze über einen langen Zeitraum.

einen grundlegenden Wandel in der Politik herbeiführen könnten. Ob und inwieweit da wirklich so viele Menschen bereit wären an den Generalstreng, der ja auch was anderes ist als jetzt ein Protest gegen eine Miet-Situation? Ob da so viel Menschen bereits entteilt zu nehmen muss allerdings auch als fraglich gelten.

Danke Florian nach Barcelona! Vielen Dank Sarah dir. In der NCZ-Seite bleibt ihr zum Thema natürlich auf dem Laufenden. Ich verlinke euch in den Show Notes mal Florians Autorenprofil, da findet ihr all seine Artikel schön untereinander gereit! Das war NCZ Akzent. ich bin Sarah Ziegler macht's gut.

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