
NZZ Akzent· Folge 1683
Abzug aus dem Irak: Was denken die Iraker heute über die amerikanische Besetzung?
Donnerstag, 1. Oktober 2026 · 17 min
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Shownotes
23 Jahre nach der amerikanisch geführten Invasion haben die letzten US-Truppen den Irak verlassen. Der Nahost-Korrespondent Rewert Hoffer besuchte kurz vor dem endgültigen Abzug die ehemals umkämpfte Stadt Falluja, wo 2004 einige der heftigsten Häuserkämpfe seit dem Vietnamkrieg tobten, stehen dort Gräber, wo Kinder früher Fußball spielten. Während das Land heute zwar baulich wiederaufgebaut und vergleichsweise stabil wirkt, wachsen bei vielen Bürgerinnen und Bürgern die Sorgen vor der Zukunft. Besonders unter der sunnitischen Bevölkerung herrscht die Befürchtung, dass der Abzug der US-Soldaten ein Machtvakuum hinterlässt, in das der Nachbarstaat Iran sowie pro-iranische Milizen weiter vorstoßen könnten.
Gast: Rewert Hoffer, NZZ-Korrespondent im Nahen Osten
Host: Simon Schaffer
Die ganze Reportage von Rewert, inklusive des Gesprächs mit dem ehemaligen Insassen von Abu Ghraib, Taleb Mejli, gibt es hier bei der NZZ zu lesen (nzz.ch/international/irak-die-letzten-amerikan…).
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Dieser Podcast wird präsentiert von PostFinance, ihrer Schweizer Partnerin für moderne Zahlungslösungen und einfaches Einkassieren im Geschäftsalltag. Wir stehen hier mit Nabil Abdessalam. Er hat als Kind hier an diesem Ort Fußball gespielt und er erinnert sich an die Bänke für die Spieler, an die Umzugsräume, an den Platz wo sein Trainer jeweils saß.
Aber heute bietet es sich da ein ganz anderes Bild, Revert! Ja, heute ist dieser ehemalige Fußballplatz ein Friedhof, Simon. Dort stehen Gräber dicht an dich. Das sind hunderte Menschen dort begraben. Nabil hat mir gesagt ungefähr dreitausend getötete Irakerinnen und Iraker liegen dort wo eben früher einmal Kinder Fußball gespielt haben.
Und das ging los. im Jahr zwei tausend vier und eigentlich war es nur eine Übergangslösung Doch dann kamen immer mehr Tote. Manche von diesen Menschen, die dort beerdigt sind, wurden auch von den US-Truppen getötet, die in Faluta gekämpft haben.". Du warst vor wenigen Wochen in Fallujah, also vor diesem endgültigen Abzugstatum der letzten US-Truppen diesen Mittwoch.
Wer ist dieser Nabil den du da getroffen hast? Nabil ist dreiundvierzig Jahre alt. Er ist Journalist. Er arbeitet als Reporter für einen irakischen Fernsehsender und er ist im Fallujah geboren. Und es ist wichtig zu wissen, dass er ein sunnitischer Muslime ist. Die Sunni stellen die Mehrheit ins Fallujah Allerdings die Minderheit im Irak.
Im Irak sind etwa vierzig Prozent der Einwohner Sunniten und der Rest schieden. Und ich habe ihm zuerst, bevor wir auf diesen Friedhof gegangen sind in einem Restaurant in Fallujah getroffen. Da war ein Tisch voller Essen. Er hat sehr großzügig für uns bestellt. Aus diesem Restaurant haben auch schon die US-Soldaten gerne bestellt, als sie in der Stadt stationiert waren.
Und wir haben mit ihm gesprochen über seine Herkunft und natürlich auch über diese zwei sehr heftigen Schachten um Verducer. und er hat uns gesagt, schon relativ zu Beginn der Kämpfe wurde sein Haus zerstört von einem amerikanischen Angriff. Und kurz danach ist er mit seiner Familie aus der Stadt geflohen, als sie diese Kämpfe eben zugenommen haben.
Kannst du mal kurz noch erklären warum Falluja so besonders umkämpft war? Kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner also sind eben zwei Tausend Drei gekommen und diese zwei großen Schlachten fanden im Frühjahr- und Herbst-Zweißenvier statt. Da haben sie dann nicht mehr gegen die Truppen vom irakischen Diktator Saddam Hussein gekämpft, sondern zum ersten Mal gegen islamistische aufständische Guerillakämpfe, die zum heiligen Krieg gegen die Amerikaner aufgerufen hatten.
Also dort war dann Al Qaeda und andere militante islamistsische Gruppen. Und die Amerikana haben dann vor allem in der zweiten Schlacht um Falucha im Herbst, Tausende Soldaten um die Stadt herumgezogen, um eben diese Islamisten aus der Stadt zu vertreiben. Das waren brutale Kämpfe denn es waren eben Kämpfen in einem dicht besiedelten Gebiet und später wurde über diese vor allem die zweite Schlacht von Falucha gesagt als ein die heftigsten Häuserkämpfe gewesen, die die USA seit dem Vietnamkrieg geführt hat.
Die Amerikaner haben dann schlussendlich die Oberhand gewonnen und Nabil und seine Nachbarn lebten in Falluccia unter US-Besatzung. Wie denkt er nach dieser Zeit heute über die Amerikanern? Ja, das ist eben interessant! Denn er hätte eigentlich viele Gründe, die Amerikana zu hassen. also... sein Haus, das Haus seiner Familie wurde zerbombt.
Er hat mir auch erzählt er wurde einmal fast erschossen also als die Amerikaner die Stadt besetzt hielten. da fuhr er einmal sehr langsam mit seinem Auto über eine Straße in Fallucha und offenbar war das verdächtig für die amerikanischen Soldaten und sie haben aus nächster Nähe Das Feuer auf Nabil eröffnet, als er eben in seinem Auto saß.
Überall um ihn herum sind Kugeln geflogen und er hat mir gesagt es sei wie ein Wunder gewesen das ich überlebt habe. also sein Haus wurde zerstört er wurde einmal fast getötet und trotzdem hat er mir eben gesagt Hass verspüre er nicht. auch wenn sie ihn für einen Terroristen gehalten haben was getötete haben warum haust du sie nicht?
Ich glaube Was in dem Gespräch mit ihm klar geworden ist, er denkt nicht so viel über die Vergangenheit sondern erst vor allem besorgt über die Zukunft. Was jetzt passiert? Wenn eben diese letzten amerikanischen Soldaten abziehen? und er hat eine konkrete Befürchtung was nach diesem Abzug passieren wird nämlich dass der Iran endgültig die Macht im Nachbarland Irak übernehmen wird.
Er hat gesagt wenn sich eine Kraft zurückzieht dann wird eine andere in die Lücke vorstoßen. Dazu muss man wissen, Saddam Hussein war ... Ein Sunnit, ein sunnitischer Diktator und die Sunniten sind eben die Minderheit im Irak. Und nachdem Saddam gestürzt war über Namen eigentlich weitgehend die irakischen Shi'iden, die Macht im Land.
Es wurden diverse Milizen gegründet teilweise unterstützt vom Iran. Nach dem Sturz von Saddam Hussein litten eigentlich die Sunnihten wie Nabil besonders unter diesen Todesschwadronen eigentlich schon, also Schiiten. die haben sich bewaffnet. Sie haben Sunniten entführt sie ermordet und aber eben auch die Macht im Staat an sich gerissen.
Ja Und da sagt ihr mir eben noch weißt du wir in Falute? Wir haben die Verbrechen der Amerikaner gesehen Aber die verbrechen dieser schiitischen Milizen Die waren weiter schlimmer. Mit der Zahlungslösung von PostFinance kassieren Sie einfach, sicher und passend zu Ihrem Geschäftsalltag. Vom Setup bis zum täglichen Einsatz begleiten wir sie Schritt für Schritt.
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Nabilte wickt aber sehr differenziert sage ich jetzt mal obwohl er auch unter ihnen gelitten hat ordnet er sich als das kleinere Übel ein. es geht ja wohl aber nicht allen so. es werden sicher voll auch viele freuen über diesen Abzug oder? Ja, absolut. Ich war ja vor Kurzem erst für ungefähr zehn Tage im Irak und bin durch das ganze Land... gereist und habe dort mit vielen Menschen gesprochen.
Und zum Beispiel, allein schon wenn du ankommst im Flughafen von Baghdad da ist bei der Gepäckausgabe so ein großes Plakat wo man die amerikanischen Soldaten auf der einen Seite sieht wie sie abziehen und dann geht das Bild über in eine Luxus-Fantasie-Zukunft vom Irak wie jetzt alles besser werden wird weil die Iraka endlich ihre Souveränität zurück erlangt haben.
also so denken viele Iraker darüber. Und da muss man natürlich auch wissen, die Irakinvasion und was danach passiert ist. das war eine absolute Katastrophe für das Land. es ist ein Bürgerkrieg ausgebrochen der IS ist aufgekommen. all das hat zehntausende Tote verursacht also je nach Berechnungsart weit über hundertachzig tausend Menschen die gestorben sind der Großteil eben irakische Zivilisten und dazu kamen noch Menschenrechtsverletzungen der Amerikaner, also berüchtigt war ja die Geschichte vom Foltergefängnis in Aburrey wo die Menschen sexuell genötigt worden sind.
Wo sie mit Elektroschocks gefoltert worden sind. und all das hinterlässt natürlich sehr viel Hass auf diese ehemaligen Besatzer im Irak. Und ich habe dann eben auch in Falouta noch ein Opfer dieser heftigen amerikanischen Angriffe damals auf die Stadt getroffen, nämlich Mustafa Ahmed. Ein zweiundzwanzigjähriger Iraka.
Den habe ich bei ihm zu Hause, bei seiner Familie getroffen. Das war so in einer staubigen Seitenstraße etwas außerhalb von Fallujah. Zuerst war sein Vater da drin und dann kam Mustafa hinein gehüpft. Und er musste hüpfen, weil sein linkes Bein ihm fehlt vom Oberschenkel abwärts. Und Mustafa Ahmed, der war nämlich zwei Jahre alt als er dieses Bein bei einem amerikanischen Angriff auf Fallucha verloren hat.
Er ist heute zwanzig, also er kann darüber sprechen. Was hat er dir gesagt? Welches Bild hat der heute von diesen USA und den Amerikanern? Das ist interessant denn einerseits wurde ihm sein Bein ja quasi genommen von den amerikanischen Soldaten. Also durch diesen Angriff konnte er nie wieder ein normales Leben führen Und gleichzeitig wurde er auch in den USA von Amerikanern gepflegt.
Denn nachdem er sein Bein verloren hatte, erste Behandlung im Irak bekommen hat, hat ihn seinen Vater registriert als Kriegsverwundeter bei einer Regierungsstelle und dann ist eine amerikanische NGO auf diesem Fall aufmerksam geworden der eben auch sehr krass ist. es war ein zweijähriges Kind was bei diesem Angriff fast gestorben wäre also dem sein bein von einer Explosion zerfetzt würde.
Und diese NGO hat die Familie kontaktiert und dann ihnen die Möglichkeit eröffnet, dass Mustafa in die USA gehen kann um sich dort behandeln zu lassen. Deswegen nennt er die Amerikaner nicht die Soldaten aber die Amerikane an sich freundlich hilfsbereit. Er erzählt auch als er dann in den USA gekommen ist nach Portland wo er behandelt worden ist mehrere Monate war er dort zweimal haben sich die Menschen im Spital jeden Tag dafür entschuldigt, was geschehen ist.
Und er sagt dann eben doch auch auf die amerikanische Regierung und ihre Soldaten sei er bis heute wütend, wenngleich auch eben die Amerikaner in dem Spital in Portland sich sehr gut um ihn gekümmert haben. Er hat gesagt, die Amerikane, die in den Irak gekommen sind also die Soldaten sie haben zerstört und nichts wieder aufgebaut.
Sie haben manchen verletzt und ihnen nicht geholfen.". Und jetzt, wo sie abziehen? Was denkt ihr da darüber. Er hat eben gesagt Gott sei Dank sei die Situation heute in Falluja besser. aber er und seine Familie haben auch Angst beziehungsweise Sorgen was jetzt kommt. also sein Vater der neben ihm saß in diesem Wohnzimmer hat gesagt keiner weiß was nach dem dreißigsten September nach diesen Abzugstartum der Amerikaner passiert wenn eben die letzten Soldaten nicht mehr im Land sind.
dem Irak bevor, wenn die Amerikaner endgültig gehen. Was denkst du? Ich glaube es kommt darauf an mit was man dem Iraik vergleicht. also wenn man zum Beispiel in Irak anschaut die letzten zwanzig Jahre heute ist das Land wahrscheinlich so stabil wie noch nie seit eben dieser Invasion. Also die Zeiten von Autobomben Die an der Tagesordnung waren Entführungen diese Todesschwadrone von denen ich gesprochen habe sind vorbei.
Der islamische Staat in dem land ist weitgehend geschlagen. Die öffentliche Sicherheit ist eigentlich relativ gut und auch Valudia, also wo ich war, ist quasi komplett wieder aufgebaut, also nachdem die Amerikaner da abgezogen sind aus dieser zweiten Schlacht was ein absolutes Trümmerfeld. heute leben dort wieder rund drei hunderttausend Menschen.
der Irak hat durch seinen großen Ölvorkommen relativ viel Geld. Das sieht man auch, also die Stadt wurde komplett wieder neu aufgebaut ist... Die Häuser haben moderne Fassaden das ist alles sehr hell beleuchtet. in der Nacht an dieser Promenade am Eufrad in Falluccia gehen die Menschen spazieren. aber es ist natürlich schon so dass dieser Abzug der vor langer Zeit beschlossen worden ist jetzt zu einer Zeit kommt nicht nur der Irak sondern die gesamte Region, der gesamten Nahe Osten äußerst instabil ist.
Also dieser Krieg zwischen dem Iran und den USA ist nicht vorbei und der Irak gerät da zwischen die Fronten. also es gibt diese pro-iranischen Milizen, es gibt den starken iranischen Einfluss, es gibts die Angst der Sunniten vor dem was jetzt passiert. Es kann eben schon so sein, dass so wie es auch Nabil Abdes Salam aus Saluja gesagt ist die abziehenden Amerikaner jetzt ein Vakuum hinterlassen in das der Iran vorstößt und aus dem neue Instabilität für den Irak entstehen könnte.
Danke, Rivet! Gerne danke für die Einladung. Das war der Akzent mit den Nahost-Korrespondenten Rivet Hoffe zum endgültigen Abzug der US-Truppen aus dem IHAG. Revert hat noch einen weiteren Mann getroffen, über den wir jetzt nicht gesprochen haben. Und der war in diesem berüchtigten Foltergefängnis von Abu Ghraib eingesperrt und sein Leben wurde von den amerikanischen Foltern zerstört.
Der ganze sehr lesenswerte Text inklusive einiger eindrücklicher Bilder aus dem Falluja von heute, die findet ihr bei der EnterZ. Ich packe den Link in die Folgenbeschreibung. Vielen Dank fürs Zuhören. Mein Name ist Simon Schaffer. Bis zum nächsten Mal.