
Situs Inversus – Der Vorklinik-Podcast
VOR X KLINIK | Dr. Dahmen, wie kommt man in den Bundestag?
Montag, 28. Juli 2025 · 50 min
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Situs goes Bundestag!
Heute haben wir einen ganz besonderen Gast für euch. Dr. Janosch Dahmen ist nicht nur Notarzt, sondern sitzt auch im Deutschen Bundestag für Bündnis 90/Die Grünen. Wir haben ihn in Berlin besucht und über seinen außergewöhnlichen Weg befragt.
Hört rein!
Euer Favian!
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Man könnte ja auch sagen, sie hätten gleich direkt hauptberuflich in die Politik gehen können. Naja, weil Medizin einfach, also ich bin wirklich der Überzeugung. Und dass bis heute, dass der Beruf von Ärztinnen und Ärzte, der ist ein riesiges Privileg und ist der tollste Beruf, den es gibt.
Situs Inversus.
Der Vorklinik Podcast und damit herzlich willkommen zu einer neuen Gastfolge von Situs Inversus, der Vorklinik-Podcast. Freue mich sehr, heute sprechen zu dürfen mit Dr. Janosch Damen. Er ist nicht nur Unfallchirurg und Notarzt, sondern auch Politiker und aktuell gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.
Aufgewachsen in Berlin studierte er zunächst Politikwissenschaften in Innsbruck und Berlin, gefolgt vom Medizinstudium in Wittenherdecke. Nach der Approbation absolvierte Dr. Dahmen die Facharztausbildung zum Unfallchirurgen und spezialisierte sich auf die Notfallmedizin. An der BG-Klinik in Duisburg übernahm er anschließend die ärztliche Leitung des dortigen Lufrettungszentrums und leitete ab 2018 den Rettungsdienst der Berliner Feuerwehr.
Seit seinem 17. Lebensjahr schon ist Dr. Dahmen Mitglied von Bündnis 90 Die Grünen und stieg über den Stadtrat in Witten bis in den Landesvorstand der Partei in NRW auf. Während der Corona-Pandemie dann 2020 rückte Dr. Dahmen für Katja Dörner in den Bundestag nach. Und dort beschäftigte er sich seitdem mit Themen der Digitalisierung des Gesundheitssystems, der notfallmedizinischen Versorgung in Deutschland sowie auch der Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland.
Herzlich willkommen, Dr. Dahmen.
Vielen Dank, dass ich zu Gast sein darf.
Wir haben uns natürlich gefragt, was war eigentlich so in Ihrer politischen Laufbahn bisher das Absurdeste, was Sie erlebt haben?
Oh, Politik ist so vielseitig und diese Zeiten, in denen wir leben, sind so wild, so Krisen durchgeschüttelt, dass ich gar nicht sagen kann, ob es nur ein einziges Ereignis war, aber vielleicht war der markanteste Bruch der Moment, der Tag, an dem ich erstmals aus dem politischen Ehrenamt, was ich über viele Jahre immer parallel zu meinem Studium und dann auch später Beruf ausgeübt habe, in den hauptberuflichen Wechsel aus der Medizin in die Politik gegangen bin.
Es war ja im November 2020, wie Sie gerade so angedeutet haben, es war mittendrin in der Pandemie. Ich glaube, wir alle erinnern uns da noch an die dramatischen Szenen. In Pflegeheimen, Altenheimen fehlte die Schutzkleidung. Ganz viele Menschen waren schwer krank, drohten zu sterben, brauchten Intensivbetten und ich war im Krisenstab damit beschäftigt, letztlich Pflegeheime zu evakuieren, danach zu suchen, Mensch, wie versorgt man diese ganzen schwer kranken Menschen in der Stadt, die alle gleichzeitig plötzlich krank werden.
Und als dann der Anruf kam, verbunden mit der Frage, kannst du dir vorstellen, den Bundestag nachzurücken, ging das alles Schlag auf Schlag. Und ich habe im Prinzip meinen letzten Dienst in der Notfallrettung in Berlin gemacht, meine Einsatzkleidung in den Spind gehängt und bin dann hergefahren hier in den Reichstag.
Und ich glaube, wie alle Menschen im Land hatte ich so meine Bilder im Kopf, wie man sich Politik vorstellt, wie man sich auch den Deutschen Bundestag oder diese Menschen im Reichstag vorstellt, so wie man im Fernsehen sieht. Und meine Bilder im Kopf waren so, dass ich immer gedacht habe, das ist so eine ehrwürdige Stimmung, Flüsterton, da huschen Menschen über die Gänge mit dicken Akten unterm Arm und geschäftig und so weiter.
Und dann war das ein Tag, an dem erstmals im Deutschen Bundestag eine umfangreichere Änderung des Infektionsschutzgesetzes anstand und ich kam die Treppen rauf zum Plenarsaal und da war nichts mit Flüsterton und Gediegenheit und Ehrwürdigkeit, sondern da war Handgemenge. Vielleicht kennt der ein oder andere die Szenen noch aus dem Fernsehen.
Der damalige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier trat in den Fahrstuhl, wurde bedrängt von Corona-Leutner-Aktivisten, Bundestagspolizei stürmte hinzu mit Maschinenpistolen und es war sozusagen viele Aufruhe. Und ich hatte das Gefühl, meine Güte, wo bin ich denn hier reingeraten? Was ist das denn und so weiter?
Und das war vielleicht ein so ein Moment, wo Politik dann plötzlich ganz anders war, als ich mir das vorgestellt habe. Man plötzlich selber auch Akteur in dieser ganzen Geschichte war und nicht nur Zuschauer und ist sicherlich einer von vielen Momenten, denkwürdigen Momenten, die ich über die ganze Zeit erlebt habe, an denen ich mich immer wieder zwischendurch erinnere.
Ja, das ist ja eine sehr spannende Kombination eigentlich, die Sie verkörpern zwischen Politik und Medizin. Wie kam es denn zu Ihrer Entscheidung, erstmal Politikwissenschaften zu studieren? Und wie haben Sie angefangen, sich für Politik zu begeistern?
Also grundsätzlich habe ich mich als junger Mensch, auch in meiner Zeit, als ich noch Schüler war, immer dafür interessiert, wie die Dinge im Land sind, wie Regeln gemacht werden, wie Entscheidungen zustande kommen, mich einzumischen, mich einzubringen. Und gleichzeitig war ich mir eigentlich, ich gehöre zu der Generation, die noch Zivildienst gemacht haben und so weiter, ich war mir eigentlich zu dem Zeitpunkt schon sehr sicher, dass ich Medizin studieren will.
Und meine Mutter, die selbst Hausärztin ist, hat mich sehr versucht davon abzubringen, hat gesagt, Junge, mach was Vernünftiges, es ist eine total harte Arbeit, es gibt schwierige Arbeitsbedingungen und so weiter. Gibt so tolle Berufe, mach irgendwas anderes. Mach was Vernünftiges, geh in die Politik.
Ja, mach bloß tu dir diesen harten Knochenjob in der Medizin nicht an. Das ist wirklich, das sind hohe Preise, die sie in anderen Zeiten als Frau vielleicht auch nochmal krasser und anders erlebt hat oder auch unter anderen schwierigeren Umständen, als sie heute sicherlich im Gesundheitswesen immer noch anders auch schwierig sein können.
Letztendlich war es für mich so, ich habe gesagt, ich nutze den Zivildienst insbesondere auch, um das für mich selbst herauszufinden, habe dann im Deutschen Herzzentrum in Berlin hier sowohl im Transplantationsdienst als auch im OP, in der Pflege einen Zivildienst gemacht, wie man heute wahrscheinlich sagen würde, wie ein Pflegepraktikum, was gut läuft und was spannend ist, aussieht.
Und das war eine tolle Zeit, und ich war mir danach absolut sicher, ich will das machen. Aber ich war ehrlicherweise grundnai, wie das mit der Medizinstudienplatzvergabe in Deutschland funktioniert und war der irrigen Annahme, dass, weil ich in Berlin geboren bin, ich auch in Anführungsstrichen ein Anrecht habe, hier einen Studienplatz zu bekommen und musste feststellen, dass das so nicht funktioniert.
Und als dann klar war, dass ich aus, um wenn ich sofort studieren will, aus Berlin weg muss, habe ich mir verschiedene Städte angeguckt und konnte mir das nicht so richtig vorstellen, habe gesagt, na komm, dann warte ich jetzt die Semester, die es braucht, bis ich hier in Berlin studieren kann und nutze die Zeit, einfach etwas zu machen, was ich dann nicht mehr als Beruf machen will oder was ich dann vielleicht nicht studieren würde, nämlich Politikwissenschaften, wo ich wahrscheinlich im Medizinstudien keine Zeit habe, mich damit zu beschäftigen.
Und habe diese Zeit als Überbrückung genutzt und ja, bin dann ehrlicherweise eher über den Umweg, dass mein guter Freund aus Zivildienstzeiten hier im Deutschen Herzzentrum, der zwischenzeitlich in Aachen angefangen hatte, Medizin zu Medizin zu studieren, gesagt hat, boah, das ist total schrecklich. Ich habe mich jetzt beworben an so einer kleinen Uni da im Ruhrgebiet.
Das ist zwar eine Privatuni, aber ich glaube, das ist ehrlicherweise viel praxorientierter, das finde ich ganz gut. Sondern Wittenherdecke. Genau. Und dann habe ich gesagt, erzähl mal und so weiter, dann habe ich mich da auch beworben. Ja, und dann haben wir da beide angefangen und so bin ich dann zum Medizinstudium gar nicht in Berlin gelandet, sondern da gelandet und war aber sehr dankbar für dieses Interimszeit, wo ich sowohl ein sehr verschultes Politikstudium in Österreich kennengelernt habe, was mir sehr systematische Grundlagen über das politische System im Dachraum mitgegeben hat und eine Möglichkeit über einen Gasthörerstatus hier am Otto Suhr-Institut in Berlin Politik in seiner emotionalsten
und eindrücklichsten Form, wie man auch Politikwissenschaft studieren kann, auf der anderen Seite kennengelernt hat. Und das hat mich nicht nur über meinen ganzen Weg als Arzt, als Interesse, als Input, als Fähigkeiten, die ich mitgenommen habe, als Eindrücke begleitet, sondern tut es natürlich auch heute in einer ganz anderen Rolle in der praktischen Politik.
Und ja, so nimmt man irgendwie aus allen Dingen, die man im Leben macht, immer was mit, was man in dem Moment gar nicht weiß, warum man damit irgendwann vielleicht was anfangen kann. Ich bin jedenfalls sehr dankbar für diese Interimzeit, die ich damals hatte.
Und wie hat ihre Mutter dann reagiert, als sie gesagt haben, so, ich bin jetzt reingekommen, ich studiere jetzt Medizin?
Ja, die hat das schon akzeptiert und respektiert und hat auch anerkannt, dass das jetzt keine Entscheidung war, so nach dem Motto, der macht nur das, weil ich das gemacht habe oder weil er irgendwie vielleicht irgendwie irgendeine romantisierte Vorstellung hat, sondern die hat schon auch mitbekommen, dass ich im Rahmen dieser Zeit im Zivildienst auch Seiten von Medizin, also sowohl dem Arbeiten, dem Berufsumfeld, aber auch sozusagen dem, was das emotional bedeutet, was das an Aufreibung bedeutet, die Schicksale und Geschichten, die man mit nach Hause nimmt, die man beschäftigen, die ihr, glaube ich, den Eindruck gegeben hat, der weiß schon also, worauf er sich da einlässt.
Und von da an hat sie das auch unterstützt und ich glaube, heute ist sie schon auch ein bisschen stolz darauf, dass ich das gemacht habe.
Ich meine, sie haben ja dann die Politik weiterhin als Ehrenamt fortgeführt. Das ist ja auch eine große Belastung, neben der Facharztausbildung, neben dem Studium, neben der ärztlichen Tätigkeit dann zu den Sitzungen zu fahren, sich da zu engagieren und auch viel Zeit reinzustecken, da auch irgendwie eine Laufbahn zu machen.
Was hat Sie da angetrieben? Warum diese Parallelität?
Ja, vielleicht muss man noch kurz ansetzen, einen Schritt vorher. Ich bin ja bei den Grünen eingetreten, als ich noch in Berlin war und zu dem Zeitpunkt war 1998 ja eine Situation, wo eine Ära mit Helmut Kohl zu Ende ging, die also vergleichbar dem Umbruch war, als Angela Merkel nicht mehr Bundeskanzlerin war, in der Länge, aber auch in der Bedeutung der Debatten, der Art, wie Politik gemacht wurde, so hegemonial und dominierend über Jahre gewesen war.
Und für mich war das Gefühl, man muss sich einbringen als junger Mensch. Man kann das jetzt, es kann jetzt nicht immer alles so weitergehen. Und ich kannte bis dato nur Helmut Kohl als Kanzler und nichts anderes. Und dann bin ich bei den Grünen hier in Berlin eingetreten und ich fand, also damals war Politik, also das war so hoch emotional und die Debatten waren so heftig, dass ich das vor allem sehr eindrückliche Spektakel fand.
Ich bin da immer hingegangen, also ich habe das, ich habe Politik da vor allem konsumiert. Also ich habe mich da, ich bin in diese Versammlungen und dann haben die sich gestritten und es ging hin und her und hoch. Und es war, ich habe Politik hier sehr stark auch so erlebt, dass so wie Berlin halt auch quer durch alle Couleur und nicht nur in der Politik, sondern auch ansonsten kulturell ist, das auch immer mit so einem Duktus einer gewissen Selbstüberhöhung.
Also wenn dann irgendeine Straße umgenannt wurde, wurde direkt diskutiert, was denkt Rio de Janeiro, Tokio und London darüber. Und darunter ging es nicht. Und das war so mein Eindruck, Politik auch als wirklich sehr mitreißendes, eindrückliches, irgendwie immer wichtiges und sehr ganz bedeutsames Spektakel.
Und dann bin ich zum Studium nach Witten gekommen und war da jetzt nicht nur, also war da jetzt nicht nur fremd, weil ich da bisher nicht groß geworden war, sondern habe halt festgestellt, dass die Menschen, mit denen ich studiert habe, die kamen halt aus allen Teilen des Landes und die allerwenigsten waren direkt aus der Region, so wie das beim Medizinstudium häufig der Fall ist.
Und ich hatte aber irgendwie das Gefühl, das ist toll, mit diesen Menschen zusammenzukommen und die ganzen unterschiedlichen Geschichten, das Studium ist super, aber ich will irgendwie auch begreifen und irgendwie mitkriegen, wie ist diese Region hier, wo ich hier studiere. Und dann gibt es ja unterschiedliche Wege, man kann sich irgendwie einen Verein engagieren oder auch sonst vielleicht irgendwie versuchen, Regionen zu begreifen.
Und ich habe einfach gesagt, Politik ist das Beste sozusagen. Du engagierst dich hier in der Kommunalpolitik und dann lernst du die Leute schon kennen. Und so war das auch. Es war eine Zeit, wo die SPD sozusagen ja ähnlich hegemonial rot das Ruhrgebiet dominiert hat, wie es die CSU heute noch in Bayern tut.
Und die Grünen waren der Dorn im Fleisch, der teilweise sehr betonigen Sozialdemokratie und waren aufmüpfig und waren aber ganz andere Grüne, die viel, viel lokaler auf die Dinge geschaut haben. Da haben sich dann in der Frage, wie gestalten wir den Ort, wo wir leben, Grüne unterschiedlicher Stadtteile in Witten miteinander duelliert sozusagen, wo jetzt der neue Radweg gebaut werden sollte oder wie es ist.
Und das war für mich der Weg, sozusagen den Ort, wo ich lebe, wo ich studiere, zu begreifen und zu einem Zuhause zu machen. Und das ist ehrlicherweise richtig gut gelungen. Und um auf die Frage von Eingangs zu antworten, wurde das mit der Zeit herausfordern und das miteinander zu vereinbaren, ja. Ich bin sehr dankbar, dass die Menschen, also dort in meinem Ortsverband, meinem Kreisverband immer sehr viel Verständnis, auch für Schichtarbeit, für Nacht, für Praktika und alles das, was dann bereits im Studium ja auch irgendwie so an Herausforderungen, die Medizin studieren, begleitet.
Und gleichzeitig war es für mich immer ehrlicherweise ein guter Ausgleich, weil ich habe schon sehr schnell so im Studium, also mit Sorge beobachtet, vielleicht war das sogar auch schon im Zivildienst, so ein Punkt, dass ich immer wieder auf Menschen in der Medizin getroffen bin, nicht nur im ärztlichen Beruf, auch in der Pflege, die viele Jahre Berufserfahrung hatten und die so ein gewisser Zynismus und Sarkasmus begleitet hat, die immer auf alles geschaut haben, es geht eh den Bach runter, wird eh immer alles schlimmer, es ist alles irgendwie ganzer Saftladendes Land, hier Gesundheitssystem ist abgefuckt und so.
Und ich habe mir immer gesagt, so willst du nicht werden. Und dann habe ich mich gefragt, was machst du denn? Aber die haben sich das auch nicht vorgenommen, die hatten vielleicht auch andere Ideen, wie sie mal irgendwann sein wollen. Und mein Eindruck war, dass das wichtigste Rezept dagegen Selbstwirksamkeit ist, dass man eben nicht nur den Umständen, die ja zweifelsohne wirklich schwierig und herausfordernd sind, in dem man arbeitet in allen Disziplinen im Gesundheitswesen, dass man denen nicht nur ausgeliefert ist, sondern dagegen auch was tut, sich dagegen engagiert und sich da einsetzt.
Und für mich, weil dieses Engagement in der Politik relativ schnell dann vor allem auch ein fachpolitisches, also gesundheits-, sozialpolitisch einerseits, aber auch natürlich eben, was Arbeitsbedingungen von Gesundheitsberufen angeht, ganz speziell, weil ich gesagt habe, wenn ich nicht das Gefühl habe, gegen diese Ursachen von offensichtlichen Missständen was zu tun, dann werde ich irgendwann ein total zynisch, sarkastischer Mensch, so wie ich es nie sein wollte.
Und so war das immer auch ein bisschen Prävention und Rezept für mich selbst, bei aller Aufrichtigkeit des Engagements in der Sache.
Aber wenn sie das am Anfang schon so mitgerissen hat, die Politik als Spektakel sozusagen, wieso haben sie sich dann trotzdem entschieden, erstmal eine medizinische Laufbahn einzuschlagen? Man könnte ja auch sagen, sie hätten gleich direkt hauptberuflich in die Politik gehen können.
Naja, weil Medizin einfach, also ich bin wirklich der Überzeugung und das bis heute, dass der Beruf von Ärztinnen und Ärzte, der ist ein riesiges Privileg und ist der tollste Beruf, den es gibt. Und ich bin mir auch ganz sicher und ich freue mich da richtig drauf, nach einer Zeit im Deutschen Bundestag und in der Politik, die ein Riesenprivileg ist, hoffentlich irgendwann wieder voll ärztlich zu arbeiten.
Es ist so, dass das, kann ich wirklich unumwunden sagen, ein Traumberuf ist. Ich habe das immer total genossen und so habe ich mir ja auch mein Facharzt ausgesucht, also in diesem Spektrum Notfallmedizin einerseits und Unfallchirurgie andererseits, der einfach eine total hohe Selbstwirksamkeit hat, wo, wenn man sich nur mindestens mittelmäßig anstrengt, der Großteil der Menschen, die einem anvertraut sind, total dankbar ist, dass sie sich um ihn kümmern.
Und in der Notfall- und Unfallchirurgie man mit Menschen allen Alters, reich, arm, Männer, Frauen, Kinder, Kreise, alles zu tun hat und dann Dinge tut, von denen man sehr schnell sieht, haben sie funktioniert, da haben sie nicht funktioniert. Und das fand ich, also finde ich einen faszinierenden und wirklich total tollen Beruf.
Und egal wie aufreibend es war, habe ich mir ehrlicherweise nie die Sinnfrage gestellt, ist es sinnvoll, dass ich, dass es diesen Beruf gibt und es ist sinnvoll, dass ich diese Arbeit mache so. Und gleichzeitig ist dieses politische Engagement immer eins da gewesen, wo ich dann auch, als ich als Arzt gearbeitet habe, immer auch gesehen habe, Menschen, um die ich mich kümmere, die krank, die verletzt sind, die sind häufig auch deswegen krank und verletzt, weil die Umstände, in denen sie leben, sie einfach krank machen oder die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich verletzen, erhöhen.
Und da nicht so das Gefühl zu haben, man läuft gegen so ein Hamsterrad und dann muss man immer wieder zur Kenntnis nehmen, dass es immer mehr kommen oder dass es immer weitergeht, sondern sich da einzubringen, das fand ich ehrlicherweise eine sehr, also gerade in der Kombination eines ehrenamtlichen politischen Engagements mit dem Hauptberuf der Medizin eine sehr, sehr tolle und wertvolle Kombi und kann umgekehrt sagen, dass es viele Tage in der Politik gibt, wo mir das auch total fehlt.
Ich meine, das sind ja schon sehr unterschiedliche Felder und Sie haben gerade schon gesagt, spannender Punkt Selbstwirksamkeit. Jetzt hat man ja in der Akutmedizin eine sehr direkte Wirksamkeit. Also am Tag, weiß ich nicht, haben Sie wahrscheinlich an guten Tagen, drei, vier Leben gerettet. In der Politik hat man manchmal das Gefühl, es gibt einfach auch so die Dauer, die Strecken der Legislative.
Da dauern Prozesse oft sehr viel länger, bis konkrete Maßnahmen umgesetzt sind. Wie erleben Sie so dieses Spannungsfeld? Und ja, wie haben Sie den Übergang erlebt?
Es sind tatsächlich wirklich zwei super große Gegensätze. Ich habe das ja gerade schon angedeutet, dass wirklich die große Mehrheit der Bevölkerung, wahrscheinlich fast alle, sagen würden, es ist gut, dass es Ärzte und Ärzte gibt und einen das auch spüren lassen, wenn man diesen Beruf nur halbwegs irgendwie ernst nimmt und gut macht.
In der Politik ist das oft, nicht immer, aber sehr oft genau umgekehrt. Egal wo man hinkommt, sind die Leute allenfalls froh, dass sie mal einen zu packen kriegen und ihm sagen können, was sie sowieso schon immer gestört hat. Und also auch in diesen populistisch aufgeheizten Zeiten Zeiten ist der, ist die Menge an Menschen, die grundsätzlich in Frage stellen, warum gibt es denn eigentlich sowas wie Politik, ist das richtig und so weiter.
Oder auch ganz Parteien, ganze, ja, das ganze demokratische System in Frage stellen, das ist sehr, sehr hoch. Und das ist also, ich musste sehr lernen, das auch nicht persönlich zu nehmen, diese Ablehnung, dieser Frust, der einem permanent entgegenschlägt und dass es ein Stück weit auch zur Rolle dazu gehört, zuzuhören, auch Menschen, die man nie überzeugen wird oder die vielleicht gar nicht überzeugt werden wollen, dass das Teil des Berufs ist, der anders ist.
Und vielleicht in der Frage der Zufriedenheit zeigt sich jenseits dieser Perspektivunterschiede auf die jeweiligen Berufe, zeigt sich wirklich auch zwei sehr unterschiedliche Formen von Zufriedenheit in der Ausübung des Berufs. Ich habe das ja beschrieben für die Medizin, diese wirklich, also gerade im Bereich jetzt der Unfall der Notfallmedizin, aber es gilt im Grunde genommen wirklich auch für andere medizinische Fachbereiche, diese kurzen Feedbackschleifen, Wirkschleifen, auch in der Pflege, ist nicht nur der ärztliche Beruf, auch in der Pflege, merke ich das direkt, wenn ich mich gut um Menschen kümmere.
Und in der, das heißt, wenn ich nach Hause gekommen bin, nach einem anstrengenden Tag in der Notfallversorgung, dann konnte ich oft bis in kleinste Details meiner Familie und mir selbst und Dritten immer sagen, was ich erlebt habe, was spannend war, was gut lief. Was nicht gut lief und warum das, was heute sozusagen passiert ist und ich wusste auch, was ich da für einen Job gemacht habe.
In der Politik, das heißt, wenn man so will, ist sozusagen die vertikale Zufriedenheit, die vertikale Selbstwirksamkeit, die ist im medizinischen Beruf, im Gesundheitswesen unglaublich hoch. Aber jeder, der in dem Bereich arbeitet, auch in allen anderen Gesundheitsberufen, wird das kennen, dass longitudinal über die Zeit das Erschöpftsein, das Frustriertsein, das Ausgelaugtsein, das Gefühl gegen Windmühlen anzulaufen, im Hamsterrad zu sein, dass das etwas ist, was die Gesundheitsberufe sehr begleitet.
Je nach genauen Umständen, den einen mehr, den anderen weniger, aber ein echtes herausforderndes Problem ist, warum das Burnout so hoch ist, warum die Anfälligkeit für Sucht, Suizid und so weiter, all das sozusagen in den Gesundheitsberufen uns so stark exponiert wird. Warten Sie das in der Politik nicht, dieses Gefühl?
Warten Sie, ich komme sofort drauf. Und im Kontrast dazu, im Kontrast dazu ist es genau in der Politik umgekehrt. Es gibt Tage, da frage ich mich hier, ist denn das, was ich, ist denn das, was ich hier tue, macht das überhaupt einen Unterschied? Warum bin ich denn, was macht das für einen Unterschied, ob ich hier bin?
Und wenn ich dann draußen Tatütüdatei höre, dann ist das nicht Krach, sondern es Musik und ich sage, Mensch, könntest du jetzt rausgehen und da irgendwen retten, ist ja egal, könnte noch so trivial sein, ich wäre froh und so weiter. Und trotzdem ist es so, auch wenn die, wenn die Zufriedenheit am Ende des Tages, wo man sich oft fragt, was habe ich denn heute gemacht?
Und ich meine, wenn meine Frau mich das fragt, Kalender nachgucken muss, was hatte ich heute für Termine, mit wem habe ich geredet, weil ich mich nicht mehr genau erinnern kann, weil so viel geredet wurde die ganze Zeit. Und man dann aber über die lange Zeit merkt, zu sagen, okay, krass, wäre ich nicht da gewesen, hätte sich folgendes Gesetz nicht geändert, wäre folgende Sache nicht passiert und anders geworden.
Eigentlich konträr dazu ist, dass die longitudinale Zufriedenheit bei schlechter vertikaler oder Punktzufriedenheit in der Politik umgekehrt total zunimmt. Plötzlich weiß man, okay, Punkt 1, 2, 3, die wären nicht da gewesen, wenn ich nicht da wäre. Also das Aha-Erlebnis, als ich in den Bundestag kam, totale Kleinigkeit, aber viele, die im Gesundheitswesen arbeiten, wissen das, dass wir durch das Betäubungsmittelgesetz Regelungen haben, die es bisher sehr schwer gemacht haben, dass nicht ärztliches Gesundheitsfachpersonal Betäubungsmittel eigenständig geben kann.
Und mich hat das immer total genervt im Rettungsdienst, dass Notfallsanitäter das nicht durften und konnten. Und dass es ein deutscher Sonderweg war, das nicht zu glauben. Und als ich plötzlich gemerkt habe, hier reinzukommen, auf die gleichen sozusagen Mythen und Argumente zu stoßen, warum das alles nicht ginge und nicht richtig sei, und dann selber dafür zu sorgen, dass es geändert wird und genau zu wissen, wäre ich nicht da gewesen, wäre das nicht da geändert worden, das macht dann super zufrieden.
Da hat man das Gefühl, okay, dieser Job ist total nervig. Es gibt total Tage mit dieser ganzen Laberei, wo es am Kopf geht, wo man sagt, ich will einfach einen Patienten sehen, ich will irgendjemand helfen, fertig und so weiter so auf. Aber er ist hochgradig sinnvoll. Er ist super sinnvoll und er ist vor allem da sinnvoll, wo Menschen aus der Praxis, mit Berufserfahrung, mit dem Kontakt zu ihren Bereichen, in denen sie gearbeitet haben, diese Sachen in Politik einbringen und sich konkret überlegen, was muss sich genau ändern und sich die Mühe machen, nicht nur zu sagen, man müsste mal, sondern eben in die Tiefen einzusteigen, auch wie man es konkret ändert, wo man im Gesetz was wie wo ändern und
schrauben muss und dann den Unterschied machen. Und dann wird Politik richtig gut und dann macht der Beruf ehrlicherweise auch Spaß.
Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Wenn Sie es jetzt mal konkret machen, also was haben Sie genau gemacht beim Betäubungsmittelgesetz? Was waren Ihre Aufgaben und wo konnten Sie persönlich den Unterschied machen?
Also wenn man also einmal habe ich genau aufgeschrieben, wie man im Gesetz und auf dem Verordnungsweg das genau regeln muss, also wie man die Wörter in den Regeln, die in unserem Land gelten, im Betäubungsmittelgesetz und an anderer Stelle, die dazu führen, dass Betäubungsmittel oder in dem Fall Opiate delegationsfähig werden, wie man das regeln kann.
Aber dann brauchst du ja Mehrheiten, dann brauchst du ja muss man ja Menschen überzeugen. Und dann habe ich sehr darüber nachgedacht, wie kriege ich das hin? Und es hatte davor schon, lange bevor ich im Bundestags war, immer wieder auch entsprechende Fachgespräche und Anhörungen dazu gegeben. Und im Grunde standen sich da einfach immer unterschiedliche Meinungen gegenüber und dann ist irgendwie nichts passiert.
Und dann habe ich so gemacht, dass es eine Ausschussreise des Gesundheitsausschusses, des Deutschen Bundestags nach Dänemark gab, den ich begleitet habe. Und ich habe im Vorfeld mit der Botschaft, die das in Kopenhagen organisiert habe, gesprochen und verschiedenen anderen Menschen vor Ort und habe dafür gesorgt, dass als ein Programmpunkt dieser Ausschussreise wir auch eine Rettungswache in Dänemark in der Nähe von Kopenhagen besucht haben.
Und ich kannte die Menschen vor Ort und habe dafür gesorgt, dass im Teil des Besuches eben auch der Kofferraum von einem der Einsatzfahrzeuge geöffnet wurde und der Notfallrucksack rausgeholt wurde, es am Polarium aufgemacht wurde und da Betäubungsmittel drin waren. Und hab dann mit den Kollegen davor, hab sie, Mensch, und das ist hier also ein Einsatzmittel von euren Notärzten.
Nein, nein, das ist von den Notverändern. Ja, aber wie könnte das denn sein? Dann habt ihr das dabei und dann gebt ihr das dann einfach selber ständig? Ja, das machen wir selber. Das können wir ja. Dann habe ich gesagt, das wäre in Deutschland undenkbar. Und dann gab es so Grauen in der Gruppe der Delegation, ja, wieso, warum können wir das in Deutschland denn?
Ich meine, das ist ja verboten, bei uns streng verboten, ist natürlich super sinnvoll. Ich finde das auch sehr gut, geht ja in allen anderen Ländern auch, nur halt sozusagen bei uns nicht. Und mit diesen Eindrücken sind wir zurückgefahren, haben dann nochmal ein Fachgespräch gemacht, wo ich dann auch die Fragen gestellt habe, die untermauert haben, dass das natürlich auch in Deutschland sinnvoll und so weiter ist.
Und am Ende ist im Gesundheitsausschuss ein einstimmiger Beschluss gefasst worden, hat niemand mehr dagegen gestimmt und geredet und das Ganze ist im Bundestag geändert worden. Und alle waren am Ende der Meinung, es war schon immer ihre Idee gewesen, was auch okay war. Ich war vor allem froh, dass sich es geändert hatte und ich wusste sehr genau sozusagen, das hätte es nicht gegeben, hätte ich mich da nicht eingesetzt.
Kleiner Teil, aber vielleicht ein gutes Beispiel, warum die Sinnhaftigkeit und Selbstwirksamkeit über die Langstrecke auch da gegeben ist und warum es vor allem sinnvoll ist, wenn gleich mein Herzblut immer noch für die Medizin und die Patientenversorgung schlägt.
Dann kommen wir jetzt zu einer kleinen Kategorie. Die kennen vielleicht einige der Zuhörenden auch aus dem Allesgesagt-Podcast der Zeit. Und zwar sind wir ja jetzt viel so in dem von Daniel Kahnemann postulierten System 2 unterwegs, was so logisch und rational quasi die Dinge durchdenkt. Und jetzt wollen wir einmal kurz wechseln in das schnelle, intuitive Denken.
Und da werde ich Ihnen jetzt so Entweder-oder Fragen stellen, also zum Beispiel Kaffee oder Tee. Und dann würden Sie sagen, wie ich hier auch schon auf dem Tisch sehe, was würden Sie antworten? In dem Fall Kaffee. Kaffee. Genau. Okay. Und Sie dürfen auch einmal weitersagen, wenn Sie sich überhaupt nicht entscheiden können oder möchten.
Früher aufstehe oder Nachtschicht?
Früher.
Vorklinik oder Klinik? Klinik. Medizin oder Politik? Medizin. Ausschusssitzung oder Pressekonferenz? Beides. Achtsamkeit oder keine Zeit? Keine Zeit. Tierversuch oder keine Tierversuche? Keine Tierversuche. Reden oder zuhören? Oder Intuition. Einfluss oder Sinn. Sinn oder Glück? Vielen Menschen ein bisschen helfen oder wenigen Menschen viel helfen.
Wenigen Menschen viel helfen.
Sehr gut. Wir sind durch. Super. Dann vielleicht jetzt nochmal zurück zu den Arbeitsfeldern. Also wenn man so von außen drauf guckt, sind es ja schon auch unterschiedliche Rollen, die man spielt als Arzt, Ärztin oder als Politikerin. Und was würden Sie sagen, sind auch unterschiedliche Teile Ihrer Persönlichkeit, die Sie in den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern bedienen dürfen, müssen, sollen?
Also ich, wenn ich mich, natürlich ist es richtig, dass man auch in seinem Beruf als Ärztin oder Arzt unterschiedliche Rollen einnimmt und in unterschiedlichen Phasen auch unterschiedliche Rollen erforderlich sind, aber ich würde sagen, sowohl ich selbst als auch die große Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen, die ich kennengelernt habe, also versuchen sich eigentlich da in ihrem Beruf sehr stark, so wie sie sind, darauf zu konzentrieren für das, was sie erforderlich halten.
Das ist in der Politik, und das war für mich am Anfang eine echt große Umgewöhnung, durchaus viel, viel, viel stärker erforderlich, dass man zwischendurch einfach ganz schnell umschalten kann, wo es ist. Zum einen, dass man sich selber immer viel stärker fragen muss, wie werde ich gesehen von anderen und zwar nicht nur um denen zu gefallen, sondern in diesen Zeiten von digitalen Medien, von Beobachtung und so weiter, was ist dazu auch geeignet, selbst in einem zerreißenden und schlechten und diffamierenden Kontext darzustellen, also immer in Hab-Acht-Stellung ist, zu sagen, okay, mache ich irgendwas falsch, könnte irgendjemand den Eindruck haben, ich tue etwas, was nicht richtig ist, und mit permanent
ein so dieses Gefühl begleitet, zu sagen, bin ich auch das Vorbild, was die Menschen erwarten, von mir zu sein? Und man ist sehr getrieben von dem Gefühl, immer in der Angst, irgendwas zu verpassen. Also die ganze Zeit passiert irgendwas, habe ich schnell genug mitgekriegt, war ich überall da, wo erwartet wurde, dass ich da sein sollte.
Habe ich mit jedem geredet, der mit mir reden wollte. Und dieses Getriebensein, also von Erwartungen anderer und dem eigentlich nie ganz gerecht werden zu können, das ist schon in der Politik eine wirklich große Umstellung und Herausprobe. Und es geht bis da rein, dass natürlich Politik und das Miteinander Regeln machen und das Ringen um Mehrheiten, das hat sehr viel mit Verhandeln zu tun.
Und all diejenigen, die sich mit Verhandlungsstrategien beschäftigen, die wissen, dass das auch immer Elemente von Schauspiel und Dramaturgie enthält, die einem ehrlicherweise in der Medizin sehr fremd sind.
Und wie gehen Sie um mit diesem Getriebensein? Wie kommen Sie nicht aus der Puste?
Ich komme ja aus der Notfallmedizin und da ist es ja so, dass man die ganze Zeit eigentlich in einem Hochrisikobereich arbeitet, wo es viele Alarme, kritische Situationen gibt. Und ich glaube, ich hatte zu dem Zeitpunkt, als ich in den Bundestag gewechselt bin, in dem Bereich so mein Mindset und meine Strategien, damit umzugehen, auch unter hohem Druck in kritischen Situationen, in dichter Taktfolge, bei hoher Gleichzeitigkeit Priorisierungsentscheidung zu treffen und so weiter.
Und es war die Anfangszeit, als ich hierher gekommen bin, da gab es ja keine Aufwärmphase und es gibt auch keinen Kurs, den man besuchen kann. Und man sagt, so lernt man das. Und es war für mich eine der schwierigsten Sachen, wichtig von unwichtig und dringlich von nicht dringlich zu trennen und letztlich damit konfrontiert zu sein, dass man die ganze Zeit das Gefühl hat, alles ist dringend und alles ist wichtig.
Aber natürlich lernt man auch das mit der Zeit. Also und lernt auch da nicht nur in Schematern, sondern auch in Bedeutung Dinge zu kategorisieren. Und trotzdem, also eins geht nie weg. Und wenn ich meine Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher Parteien und auch Lebensalter und Erfahrungen beobachte, habe ich das Gefühl, alle begleitet es ein Stück weit und es manche zerreißt es ehrlicherweise auch, diesen permanenten Erwartungen und dem Getriebensein immer irgendwie nie ganz her werden zu können, sondern im besten Fall die Dinge miteinander auszuterieren und es halbwegs ins Lot zu bringen, aber es nie perfekt machen zu können.
Also ein bisschen war das ja gerade in den Fragen auch erkennbar. Natürlich gibt es die Erwartung der Menschen im Wahlkreis, dass man so viel wie möglich vor Ort ist, die ganze Zeit ansprechbar ist, im Grunde genommen am besten nie in Berlin ist, sondern jederzeit über den Gartenzaun einem alles zugerufen werden kann, was einen stört.
Und gleichzeitig gibt es natürlich den Wunsch, dass mit diesem Zuruf, dass irgendwas geändert werden müsste, auch Einfluss einhergeht, der in Berlin eingesetzt wird, um genau diese Dinge zu ändern. Und Einfluss bedeutet in der Politik vor allem da zu sein, anwesend zu sein, in den Medien zu sein, Statements zu geben, Verhandlungen zu führen, Kontakte zu pflegen, mit Verbänden zu sprechen, was wiederum erfordert, dass man hier ist.
Und wenn man sagt, man will jetzt nicht nur so Politikzombies haben, sondern Menschen, die vielleicht also einerseits eine Familie haben oder andererseits auf sich selbst und ihre Gesundheit Acht geben, dann ist in diesem Dreieck auf Selbstfürsorge, Sorge um den Wahlkreis und Einflussnahme in Berlin zur Durchsetzung politischer Anliegen der Menschen, von denen man gewählt wurde, ein Spannungsfeld, was sich im Grunde genommen nie perfekt in Einklang zu bringen ist, sondern immer irgendwie aneinander zehrt und wo es je nach Rolle natürlich immer auch Schwerpunkte geben kann, wo der direkt gewählte Abgeordnete vielleicht etwas mehr im Wahlkreis ist, wo der Familienvater mit ganz kleinen Kindern vielleicht
etwas mehr bei der Familie ist oder die Fraktionsvorsitzende oder der Fraktionsvorsitzende vielleicht etwas mehr in Berlin ist. Aber im Grunde genommen, die Erwartung dieser drei Pole oder dieses Dreiecks, die findet in all diesen Leben ganz genauso statt. Sind am Ende sind das ja alles nur Menschen und ich kann sagen, es bleibt eine Zerreißprobe auch über die Zeit und nicht alle bestehen die.
Ich meine, das ist ja was, was bis ins Medizinstudium geht, dass, glaube ich, gerade auch so zu Zeiten der Vorklinik viele Studierende das Gefühl haben, sie können den Erwartungen, so viel sie machen, nicht gerecht werden. Niemals. Und haben Sie da einen ganz konkreten Rat, was man tun kann, um nicht unterzugehen?
Ja, meist, also mein Eindruck ist, meist ist es so, also dass man, dass man, der erste Schritt ist anzuerkennen, dass es kein genug gibt oder dass es kein Perfekt gibt oder dass man es nie ganz richtig machen kann. Dass man, dass es eine wichtige Aufgabe ist, auszuhalten und zu lernen, dass es eben dieses, ich habe alles in jedweder Richtung richtig gemacht, dass es das nicht gibt, sondern dass die Kunst ist, zu lernen, eigentlich auszutarieren.
Und auszutarieren heißt in erster Linie, dass man sich nicht nur auf einen Teil konzentriert, sagt, also ich lerne jetzt perfekt und ich lerne so viel, wie ich irgendwie kann, aber habe überhaupt nicht auf mich selbst Acht gegeben, dass das eine Strategie ist, die sich eher schneller als langfristiger immer rächt, sondern dass dieses Miteinander in Ausgleich bringen und das gilt natürlich umgekehrt auch, wenn ich sage, ich führe nur ein schönes Leben, aber lerne nicht, dann rächt sich das auch.
Das weiß auch jeder sozusagen beim Studium. Und ich glaube, dieses Miteinander in Einklang bringen, das ist eine Fähigkeit, die wirklich wichtig ist und die vielleicht in der Art und Weise, wie wir die Menschen, die heute im Studium sind und die alle wissen, dass sie eher länger als kürzer werden, arbeiten müssen, umso wichtiger mit auf den Weg geben müssen, um eben diesen Marathon, der kein Sprint bleiben wird, wirklich auch überstehen zu können.
Wenn wir jetzt so in Richtung Zielgerade des Gesprächs einbieten, einbiegen, hätte ich noch die Frage, wenn man jetzt, so wie Sie das auch hatten, als Medizinstudierender schon Interesse an Politik hat und sich irgendwie einbringen will, vielleicht tatsächlich mal irgendwann auch auf Bundesebene Politik machen will.
Welchen Rat hätten Sie, wie man sich am besten einbringen kann und wie man am ehesten was verändern kann?
Also ich glaube, es ist sehr wichtig, dass Menschen aus Gesundheitsberufen, dazu zählen wir Ärztinnen und Ärzte natürlich auch, dass wir uns stärker in Politik einbringen. Ich habe jetzt das Glück, in der Fraktion mit weiteren Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten und Gesundheitspolitik zu machen. Das war aber lange Zeit nicht nur in meiner Fraktion, sondern auch wenn man sich den Bundestag insgesamt über die 21 Legislaturen anschaut, oft nicht der Fall.
Sodass nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch andere Gesundheitsberufe, also üblicherweise Berufe, die im Schichtdienst arbeiten, einfach total unterrepräsentiert waren gegenüber anderen Berufsgruppen. Weil es oft schwer ist, in diesem Schichtdienstsystem genau dann abends am Wochenende, wenn eben Politik stattfindet im Ehrenamt, wenn sich Menschen treffen, einzubringen.
Und trotzdem will ich sagen, also, dass es bei aller Herausforderung, die das mit sich bringt und auch Belastung, vielleicht manchmal auch Doppelbelastung, die das bedeutet, dass ich das immer auch als ein großes Maß an persönlicher Salotogenese empfunden habe, die Kombination aus beiden zu machen. Und wenn man politisch aktiv werden will, dann habe ich den Eindruck, dass wir in Deutschland oft eine Kultur haben, die das, ja, die das nur so abstrakt tut, also die dann Probleme beschreibt oder sagt, man müsste mal macht.
Und es gibt sehr wenig Menschen, die sich die Mühe machen, eigentlich politisch sich konkrete Dinge zu überlegen. Also hier ist das konkrete Problem und jetzt gibt es nicht nur eine abstrakte Antwort darauf, wo jeder vielleicht Ja sagt, sondern diese abstrakte Antwort, die dekliniere ich auch noch so durch, wo ich sage, ich will, dass wir folgendes Gesetz an folgender Stelle ändern.
Ich will den Paragraphen 218 abschaffen, weil ich der Meinung bin, Schwangerschaftsabbrüche dürfen nicht strafbar sein. Und es ist ohnehin in Zeiten des Fachkräftemangels und anderer Hürden ein Problem, dass es Menschen sehr schwer gemacht wird in der Medizin, eine gute Versorgung von Menschen bzw. Frauen zu organisieren.
Und wir sollten nicht gesetzliche Hürden haben, die das noch zusätzlich erschweren oder gar kriminalisieren. Und das ist dann zum Beispiel, deswegen spreche ich es jetzt an der Stelle an, nicht nur so, wir müssen die Versorgung von Frauen verbessern im Abstrakten, sondern es ist Runterbrechen an eine Stelle, hier ist ein Punkt, den wir so ändern wollen.
Und das macht Politik dann auch wirksam, setzt sie unter Druck, weil es eben auch eine Konkretheit hat, wo man sagt, da könnte man was tun und nicht nur eine Man müsste mal was tun. Und ich kann nur ermutigen, Politik genau so zu machen, das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch Erfolg hat. Und mit dem Erfolg steigert dann auch das Gefühl von Selbstzufriedenheit, von Sichtbarkeit und dass politisches Engagement nicht nur grundsätzlich sinnvoll ist, sondern auch im konkreten Einzelfall wirklich sinnvoll und erfolgreich ist.
Und so von der Struktur her könnte man ja sagen, es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, in der BVMD sich zu engagieren, in der Bundesvereinigung für Medizinstudierende oder man könnte direkt in eine Partei eintreten. Man könnte sich aber auch auf Verbandsebene, zum Beispiel im Marburger Bund, engagieren.
Was wäre sozusagen Ihr Rat, was davon würden Sie machen?
Ehrlicherweise ist alles wichtig und das würde total darauf ankommen, was ich denn erreichen will. Also wenn ich konkret sagen wollen würde, ich würde die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus verbessern wollen, dann würde ich mich, glaube ich, im Marburger Bund dafür einsetzen, dass in den nächsten Runden weniger Dolle als in der Vergangenheit auf die nächste Geldsteigerung geguckt wird und vielleicht konkreter darauf geguckt wird, wie kann zum Beispiel die Arbeitsbedingungen von Teilzeitkräften verbessert werden oder Benachteiligung, die die haben gegenüber Vollzeitkräften.
Wie kann dafür gesorgt werden, dass Überstunden, die ich mache, auch auf meine Weiterbildungszeit angerechnet werden und nicht nur der Arbeitgeber davon was hat, aber im Grunde genommen ich in die Röhre gucke, zum Beispiel. Oder wenn ich sagen würde, ja, ich will aber ganz konkret sagen, mir ist es wichtig, dass es in Deutschland endlich wie in fast allen anderen europäischen Ländern einen Facharzt für Notfallmedizin gibt, dann würde ich mich in der Degina einsetzen und sagen, okay, hier engagiere ich mich in einer Fachgesellschaft, vielleicht auch in den Ärztekammern und sorge dafür, dass das verschlafene Deutschland endlich auch diesen Facharzt einführt.
Und wenn ich sagen würde, ja, ich will aber, dass bestimmte Regeln, weiß ich nicht, im Sozialgesetz, Gesetbuch 5 geändert wird, die dazu führen, dass wir diese starre Trennung zwischen ambulant und stationärer Versorgung haben oder will eine Reform der Notfallversorgung machen, dann würde ich mich vielleicht in einer Partei engagieren und überlegen, wie ich Position der Partei dahin bringen kann, dass sich diese Partei für einen bestimmten Weg, eine bestimmte Lösung ausspricht und dafür einsetzt.
Und so kommt es sehr oft das Anliegen an, wo vielleicht der beste Anpack ist, das entsprechend zu erreichen.
Okay, und nochmal abschließend gefragt, wie geht es jetzt für Sie weiter? Also heute ist noch Sitzung im Bundestag und auch, also das ist jetzt ganz kurzfristig, aber wo sieht Ihre Zukunft aus? Wo wollen Sie hin?
Wir haben ja gerade den Start in eine neue Legislatur. Nach der Bundestagswahl, Ende Februar, hat sich eine neue Koalition gebildet. Nach drei Jahren regierungstragender Fraktion sind die Grünen jetzt Oppositionsfraktionen. Ich bin erneut von meiner Fraktion als gesundheitspolitischer Sprecher gewählt worden und werde zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitsausschuss jetzt kritisch und konstruktiv die sich gerade bildende Regierung begleiten.
Ich bin sehr froh, dass wir ausnahmslos Praktiker da bei uns im Team haben, sodass sicherlich ein wichtiger Vorschlag von uns immer auch der Abgleich mit der Praxis im Gesundheitswesen sein wird. Und wir fragen werden, sind die Lösungen, die da vorgeschlagen oder die als Gesetze auf den Weg gebracht werden sollen, ändern die wirklich was im Gesundheitswesen?
Und in diesem Sinne freue ich mich schon auf, was wir sicherlich nicht machen werden, ist einfach nur grundsätzlich alles schlechtreden, was die Regierung macht oder schimpfen, weil wir halt Opposition sind, sondern mein Anspruch jetzt in der Gesundheitspolitik, aber ich glaube, das trifft auch viele Kolleginnen und Kollegen meiner Fraktion in anderen Bereichen, ist zu sagen, wir verstehen das schon auch ein bisschen als Wettstreit, immer zu versuchen, noch einen besseren Vorschlag vorzulegen, als den, der auf dem Tisch liegt und zu sagen, guck mal, also nicht nur wäre es klug, beim nächsten Mal vielleicht uns noch mehr Stimmen zu geben, weil wir die besseren Vorschläge haben, sondern auch schon
in der laufenden Legislatur die Regierung unter Druck zu setzen, das ein oder andere noch nachzubessern, weil der Vorschlag, den wir vielleicht vorlegen, doch gar nicht so schlecht ist.
Ja, vielen Dank. Ich bin ganz begeistert und sehr, sehr dankbar, dass Sie die Zeit gefunden haben. Ich glaube, das war ein sehr spannender Austausch und ich kann nur persönlich sagen, dass ich ganz viel gelernt habe und ja sehr mit vielen neuen Gedanken und Fragen hier rausgehe und hoffe natürlich, dass das bei euch, die ihr gerade zuhört, ähnlich ist.
Ja, das war Situs und Versus, der Vorklinikpodcast, heute mit einer Gastfolge mit Dr. Janosch Damen. Und an der Stelle möchte ich euch auch nochmal bekräftigen, gerne auf unserer Webap dervorklinikpodcast.de vorbeizuschauen oder auch bei Instagram at der Vorklinikpodcast vorbeizugucken. Dort findet ihr eine Merkspruch, Datenbank, Episodenfinder und viele andere relevante Infos.
Gebt uns sehr gerne Feedback auch zu den Gastfolgen. Da lernen wir immer am meisten draus, wenn ihr konstruktive Kritik und Anregung gebt. Schreibt uns auch gerne, wen ihr euch vielleicht als nächsten Gast vorstellen könntet. Und damit bedanke ich mich nochmal ganz herzlich bei Ihnen, Herr Dr. Damen.
Und bis zum nächsten Mal bei Situs Inversus, der vorgehende Podcast.
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