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SWR Kultur lesenswert - Literatur

„Amseln“ von Anna Baar: Nah an der großen Weltliteratur | Buchkritik

Mittwoch, 28. Oktober 2026 · 4 min

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Shownotes

Die Geschichte der Weltliteratur ist bevölkert von Frauenfiguren, die an einer kalten Welt und ihrem haltlosen Liebesunglück verzweifeln, verrückt zu werden drohen.
Ob Esther Greenwood in Sylvia Plaths „Die Glasglocke“, Erika Kohut in Elfriede Jelineks (swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-0708-…) „Die Klavierspielerin“ oder die namenlose Ich-Erzählerin in Ingeborg Bachmanns (swr.de/kultur/literatur/andrea-stoll-ingeborg-…) „Malina“, sie alle sind befallen von dem, was die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Elaine Showalter einmal „The Female Maladie“ genannt hat und was bei Sigmund Freud „Hysterie“ heißt:
Sie sind aus Sicht der Gesellschaft überempfindlich, zu phantasiebegabt, stehen im Weg durch ihr unkonventionelles, unangepasstes Verhalten. Auch Elda Vera ist eine von ihnen:

Alles sollst du erfahren, auch wie ich inzwischen geliebt, gehasst und gewartet habe, auch dass ich mit Tauben rede und Amseln gefangen halte.
Quelle: Anna Baar - Amseln

Aufzeichnungen aus einem Koffer

In einer Rahmenhandlung gibt die Erzählerin von Anna Baars Roman zu Protokoll, dass sie einen Koffer geöffnet hat, der Aufzeichnungen der aufgrund einer Sexualstraftat inhaftierten Elda Vera enthält. Nicht alle sind datiert, ihre Vollständigkeit kann nicht überprüft werden. Doch nicht nur für die Erzählerin und ihre Figur gilt:

„Auf jeden neuen Anlauf, ein Leben nachzuerzählen, folgen Erschütterungen des Gewissgeglaubten. Sobald man am Schaurohr dreht, purzeln die Einzelstücke munter durcheinander und fügen sich zusammen zu immer neuen Mustern – ein jedes mehr als die Summe immergleicher Teile.“
Elda Vera war Ärztin, Tochter gefühlskalter Eltern. Früh beginnt sie mit dem Sammeln erotischer Erfahrungen. Auf jeden Sex folgt das Gefühl schrecklicher Leere. Auf jeden Versuch, mit einem Mann zusammen zu sein die Erfahrung schrecklichen Scheiterns.
Anna Baars Erzählerin fügt Elda Veras Geschichte aus den Puzzleteilen der schriftlichen Erinnerungen im Koffer zusammen, nicht ohne vorher besonders auf eine Notiz ihrer Hauptfigur hingewiesen zu haben:

Wir sind, was wir verschweigen.
Quelle: Anna Baar - Amseln

Baars Roman ist also nicht nur einer über das Empfinden der unausweichlichen, auch durch Alkohol und Drogen nicht zu lindernden inneren Leere, es ist auch einer, in dem sich von Beginn an das Wissen der Erzählerin um die Unergründlichkeit der Menschen ausdrückt.
Obwohl die Schnipsel den Schein des Dokumentarischen tragen, bleiben sie auch in ihrer Aneinanderreihung fragmentarisch.
Wahrheit und Einbildung

Nie weiß man, ob, was Elda Vera datiert und undatiert über ihre Verhältnisse zu ihren Liebhabern, zu ihren Eltern und ihrer Schwester schreibt, nur eingebildet ist oder der Wahrheit entspricht: Wenn sie sagt:

Ich habe keine Geschichte. Nur die Momentaufnahmen.
Quelle: Anna Baar - Amseln

Warum Liebe unglücklich macht, kann man nicht nur bei der Soziologin Eva Illouz (swr.de/kultur/literatur/dana-von-suffrin-im-in…) in deren gleichnamigem Sachbuch-Bestseller nachlesen. Auch in „Amseln“ lässt sich darüber herzzerreißend viel erfahren.
Elda Vera, die aufgewachsen ist in einem Milieu, in dem schon die Eltern ihr Unglück im Alkohol ertränkt haben, als Ärztin unter dem Chauvinismus ihrer Vorgesetzten zu leiden hatte, erscheint zugleich als Irre, die mit Vögeln mehr anfangen kann als mit den Männern, von denen mit Milan und Kleiber manche selbst die Namen von Vögeln tragen.
Prägnanz und sprachliche Wucht

Anna Baar verwebt Elda Veras Geschichte mit Motiven aus einem Gedicht der Weltliteratur, mit Conrad Ferdinand Meyers „Zwei Segel“.
Ihr Stil ist präzise, ihr Respekt vor den Figuren groß, ihre Entschlossenheit, das Schmerzhafteste und Erschütterndste im Leben ihrer Figur zu zeigen, verstörend.
„Amseln“ ist eine kritische Studie eines weiblichen Ich-Zerfalls zwischen Opfer und Täterschaft, aufrüttelnd und nüchtern, nichts für zart Besaitete, in seiner Prägnanz und sprachlichen Wucht nahe an den großen weltliterarischen Geschwistern dieses Romans.

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