
SWR Kultur lesenswert - Literatur
Ruprecht Polenz plädiert für die Wahrheitsfindung in der unübersichtlichen Medienlandschaft
Dienstag, 27. Oktober 2026 · 4 min
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Shownotes
Ruprecht Polenz hat offenkundig genug: von der im Wortsinne ahnungslosen Erregung, mit der in den sogenannten sozialen Medien über Politik schwadroniert wird.
Denn hier sieht er das Einfallstor für eine neue Form politischer Gleichgültigkeit: eine Form, in der die Menschen sogar wüssten, dass sie von manchen Politikern belogen werden – es sei ihnen aber dennoch egal, solange sie sich weiter verbal austoben können.
Aufklärung für das 21. Jahrhundert
Das Gegenmittel ist jahrhundertealt: es sind die Gedanken der Aufklärung, angewandt auf das Deutschland des 21. Jahrhunderts. Polenz schreibt:
„Es gibt nur die mühsame, aber unverzichtbare Arbeit an den Bedingungen von Vernunft: Bildung, Medienkompetenz, unabhängige Wissenschaft, pluraler Journalismus, faire digitale Räume, politische Verantwortung. Und es gibt die Verantwortung jedes Einzelnen.“
Nach einem ausführlichen Problemaufriss wartet das Buch mit praxisnahen Vorschlägen auf. Der Autor warnt besonders vor dem sogenannten Bestätigungsfehler: dass der Mensch nämlich von jeher besonders empfänglich ist für diejenigen Informationen, die seine vorhandene Überzeugung stützen. Also rät Polenz, den Verstand einzuschalten:
Suchen Sie aktiv nach Gegenargumenten für Ihre Überzeugung. Seien Sie sich bewusst, dass starke Emotionen wie Angst oder Wut den Bestätigungsfehler verstärken.
Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können
Allerdings: Arbeit allein auf der Ebene des Individuums genüge nicht. Polenz plädiert dafür, dem digitalen Stammtisch mit seiner ressentimentgeladenen Halbbildung eine neue, eine institutionalisierte mediale Sphäre entgegenzusetzen:
Der Staat sollte dringend öffentliche Gegenrede-Strukturen schaffen, in Partnerschaft mit der Zivilgesellschaft. Diese müssen transparent und plural besetzt sein. Sie müssen rein faktenbasiert arbeiten.
Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können
Für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Hier blitzen Parallelen auf: zum öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem. Und folgerichtig hält Polenz dieses System, von ihm ÖRR genannt, für einen unverzichtbaren Pfeiler der freiheitlichen Demokratie. Auch wenn das Geld kostet. Denn:
Der verpflichtende Rundfunkbeitrag aller Haushalte sichert nicht nur die Rundfunkfreiheit gegenüber dem Staat oder Kapitalinteressen, sondern bietet auch eine solide Basis für Qualitätsjournalismus.
Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können
Es macht Mut, dass ein solches Plädoyer heute von christdemokratischer Seite kommt. Denn vor Jahrzehnten war es gerade die CDU, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk politisch bekämpfte und ihn gefügig machen wollte: mit der unverblümten Drohung, anderenfalls einer privat-kommerziellen Konkurrenz den Weg zu ebnen.
So formulierte es der CDU-Medienreferent Wolfgang Fischer 1978, und so ist es später unter der Kohl-Regierung Realität geworden. Von diesem Denken hat sich Polenz deutlich entfernt. Er setzt darauf, den Menschen fundierte Information an die Hand zu geben, damit sie beitragen können zu einem – wie er es nennt – liberalen System der Wahrheitsfindung.
Seine Stärke liegt gerade darin, dass es Irrtum zulässt, Kritik ermöglicht und Korrektur einbaut. Wer dieses System schwächt, schwächt die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich selbst zu verstehen.
Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können
Medienerziehung so wichtig wie nie
Ruprecht Polenz trifft ins Schwarze: mit beiden Teilen seines lesenswerten Buches. Freilich: Was seine Diagnose sagt, das versteht sich für Leser, die ihren Verstand nutzen, von selbst.
Im Detail hätte Polenz etwas weiter ausholen können: indem er etwa die von ihm scharf kritisierte Politik der USA nicht nur ihrem Präsidenten und seiner Regierung angelastet hätte, sondern auch die jahrzehntelange destruktive Vorarbeit der Republikanischen Partei skizziert hätte:
Ruprecht Polenz’ Therapie wiederum umfasst überwiegend Denkschritte der Medienerziehung, die zumindest vor einer Weile noch zum Einmaleins des Mittelstufen-Deutschunterrichts gehört haben.
Dass man indes 2026 für sie so engagiert plädieren muss, wirft auf die politische Mündigkeit der deutschen Gesellschaft ein denkbar trübes Licht.