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SWR Kultur lesenswert - Literatur

Zwischen Nähe und Distanz

Freitag, 23. Oktober 2026 · 6 min

MP3

Shownotes

HÖRSPIEL – Auftakt: Bericht (BE) / Monolog (MO) / Analyse (AN)

(BE): Aus dem Fenster der Kabine sieht sie bemerkenswerte Formationen,
(MO): frei flottierende Kuppeln und Türmchen, Stalagmiten, die aus der relativen Dunkelheit des weit unter ihr liegenden Tieflands zu erwachsen scheinen.
(AN): So wird sie es später beschreiben, als sie im künstlichen Licht des kleinen Auditoriums steht,
(MO): Wolkensäulen, Streben, Baldachine,
(AN): und es wird sie in diesem Moment das plötzliche Gefühl befallen, es handle sich bei ihrer Schilderung um eine Indiskretion, eine Zudringlichkeit,
(BE): es verletze ihre Benennung dieser Dinge ein unausgesprochenes Gebot.
Eine Stimme, aber sie bleibt nicht dieselbe. Mal berichtet sie, dann zieht sie sich zurück, wird analytisch, fast intim und wieder sachlich.
Im Produktionsmanuskript stehen dafür Kürzel: Bericht, Monolog, Analyse. Später kommen Liebe dazu, Zorn, Wut. Insgesamt neun Figuren. Schauspielerin Britta Hammelstein spricht sie alle.
Ein Hörspiel, eine Sprecherin

Und genau das ist der Trick dieser Hörspielfassung: Sie versucht gar nicht erst, aus Dorothee Elmigers vielstimmigem, verschachteltem Roman ein klassisches Hörspiel mit sauber verteilten Rollen zu machen.
„Deswegen lege ich durch die Bestimmung von Haltungen die Ränder des Spiels genau fest. Also ich ziehe Leitplanken ein und behaupte, innerhalb dieser Leitplanken kann der Schauspieler, die Schauspielerin die größtmögliche Freiheit erleben“,
...sagt Ulrich Lampen, der Regie führte und den Text bearbeitete.
„Das sind teilweise technische Parameter, Stimmanteil, Abstand zum Mikro, Monolog, reiner Gedanke, nicht nach außen“
Besondere Herausforderungen

Leitplanken für einen Text, der selbst ständig aus ihnen auszubrechen scheint. Elmiger schickt eine Schriftstellerin nach Panama. Ein Theatermacher will dort das Verschwinden zweier realer niederländischer Studentinnen rekonstruieren.
Doch die vermeintliche Kriminalgeschichte zerfällt immer weiter in andere Geschichten. Alles ist zugleich erlebt, berichtet, zitiert, vielleicht erfunden. Eine Herausforderung für Britta Hammelstein:
„Die Autorin schreibt grundsätzlich oder durchgehend im Konjunktiv. Dadurch hat man eine, ich will es positiv formulieren, eine Distanz, aber man hat dadurch auch eine Herausforderung im sich Annähern. Man muss den Text, die Formulierung teilweise wie ignorieren, um an eine Person heranzukommen.“
Fünfzehn Mikrofone im Einsatz

Also muss Hammelstein Nähe herstellen, ohne diese Distanz einfach wegzuspielen. Und dafür bekommt jede Haltung ihren eigenen Klang. Als Soundtechniker ist es Andreas Völzings Aufgabe diesen im Blick zu haben:
„Die Sprecherin spricht aber in verschiedenen Haltungen. Das heißt, sie spricht nicht den ganzen Text in einer Erzählmanier durch, sondern mal ruhig, mal zornig, mal wütend. Die Wut haben wir in dem eher reflektionsarmen Raum aufgenommen, der so klingt, als wäre es draußen. Die liebevollen Sachen haben wir in einem kleineren Raum aufgenommen mit einer wärmeren Akustik.“
Für laut und wütend ein anderes Mikrofon als für nah und leise. Insgesamt kamen ungefähr fünfzehn Mikrofone zum Einsatz. Eine Stimme wird so zu einer ganzen akustischen Landschaft. Und manchmal verlässt diese Stimme sogar das Studio. Eine Idee von Ulrich Lampen.
„Wir waren auch mit einer Haltung draußen in der Fußgängerzone, weil ich mir verspreche, dass es etwas vollkommen anderes gibt“, beschreibt der Regisseur.
Im Manuskript heißt diese Haltung schlicht: Headset. In Bewegung, mitten im Alltag. Das ist eine ziemlich genaue Antwort auf Elmigers Roman: Denn auch der springt ständig zwischen unmittelbarer Erfahrung und der Erzählung darüber.
HÖRSPIEL – Haltungswechsel: Zorn (ZO) / Bericht (BE) / Wut (WU) / Liebe (LI)

(ZO): In der vierten Nacht — und es seien stets die Nächte gewesen, in denen sich alles zugespitzt habe — sei sie gestürzt, sagt sie, ein simpler Fehltritt, bei dem sie sich das rechte Handgelenk verstaucht habe.
(BE): Vieles von dem, was in den Tagen danach geschehen sei, habe sie deshalb mit der linken Hand aufgeschrieben,
(WU): Dutzende Seiten Text, über denen sie später, beim Versuch, sie abzutippen, immer wieder verzweifelt sei.
(LI): Aber in der ungelenken Schrift, den zahllosen Verschreibern und durchgestrichenen Passagen habe sich ihr ein Zustand gezeigt, eine fiebrige Haltlosigkeit, eine Erosion, die sich im Laufe jener Tage zwischen den Wendekreisen vollzogen haben müsse.
Keine eindeutige Auflösung

Man muss diese Kürzel im Manuskript beim Hören nicht kennen. Entscheidend ist, dass man ihre Wirkung spürt. Die Stimme verschiebt sich. Nähe und Entfernung verändern sich.
Ein Satz wird plötzlich dringlicher, der nächste kühl. Und Hammelstein sagt, dass genau diese Bewegungen beim Einsprechen nicht vollständig planbar waren:
„Wir haben uns dann eben durch die Vorgaben der verschiedenen Ebenen gearbeitet, die auch nicht fest waren. Wir haben auch das gemeinsam herausfinden können.An einem Tag ist man emotionaler gewesen. Die Erzählung war vielleicht auch eine emotional lautere. Dann gab es zurückgenommene Sachen.“
Vielleicht passt dieses Verfahren gerade deshalb so gut zu den „Holländerinnen“. Denn Elmigers Roman misstraut der Vorstellung, dass eine Geschichte einfach wahr wird, wenn man nur nah genug an sie herangeht. Die beiden realen Frauen verschwanden in Panama.
Es gibt Fotos, Dokumente, Spekulationen und Verschwörungstheorien. Aber Elmiger rekonstruiert ihren Tod gerade nicht. Auch Lampens Hörspiel verweigert die eindeutige Auflösung. Unheimlich wird das bei den 91 Nachtaufnahmen einer Kamera.
HÖRSPIEL – Nachtbilder / Diaprojektor: Bericht (BE) / Analyse (AN)

(BE): Fast ausnahmslos, fährt sie dann fort, zeigten diese Bilder nur die Nacht — Bild um Bild ein nachtschwarzer Himmel, der temporär vom Blitzlicht der Kamera erleuchtet werde.
(AN): Beinahe neunzig Mal habe jemand mit der Kamera in die Luft gezeigt und die leere Nacht fotografiert, oft im Abstand von nur wenigen Sekunden. Womöglich, sagt sie, um ein Signal zu geben oder, so die vielleicht plausibelste Erklärung, um etwas sehen zu können. Aber auf den Bildern zeige sich nichts.
Etwas sehen wollen. Immer wieder hinschauen. Und feststellen: Da ist nichts, was die Geschichte endgültig erklärt. Das ist vielleicht auch die eigentliche Bewegung dieses Hörspiels. Ulrich Lampen will Elmigers Roman deshalb ausdrücklich nicht leichter konsumierbar machen:
„Wir machen das hoffentlich nicht, um Dinge zu trivialisieren oder um Dinge leichter konsumierbar zu machen, sondern wir machen das, weil wir glauben, eine akustische Qualität entdeckt zu haben in diesem Werk. Und damit kommt etwas hoffentlich dazu.“
Etwas kommt dazu. Nicht die Erklärung. Sondern Klang, Raum, Nähe und Distanz. Aus einer Sprecherin werden viele Haltungen. Aus einer Geschichte immer neue Geschichten. Und aus einem Roman, der sich jeder eindeutigen Wahrheit entzieht, ein Hörspiel, das genau dieses Schwanken hörbar macht.

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