SWR Kultur lesenswert - Literatur

„Sie werden ja wohl ahnen, warum ich Sie anrufe?“

Freitag, 23. Oktober 2026 · 8 min

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Shownotes

Ein Anruf, mit dem niemand rechnet

Wer einen der großen Literaturpreise bekommt, erhält irgendwann einen Anruf. Völlig unerwartet.
Han Kang (swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-01-07…) etwa wollte gerade zuhause einen Kamillentee trinken, Anne Carson (swr.de/kultur/literatur/kommentar-literaturnob…) machte einen Spaziergang in Island am Strand, und Annie Ernaux (swr.de/kultur/literatur/annie-ernaux-ich-komme…) hat den Anruf gleich ganz verpasst. Nobelpreisträgerinnen.
Beim Georg-Büchner-Preis ist das ähnlich, erinnert sich Terézia Mora, bei der das Telefon im Sommer 2018 klingelte:
„Es erreicht einen immer unerwartet oder zumindest mich, weil ich es nicht in meinem inneren Kalender aufgeschrieben habe, wann in etwa die Entscheidungen getroffen werden. Und ich wurde tatsächlich aus dem Kalten erwischt an einem fürchterlichen Tag im Übrigen, weil ich am gleichen Tag die Nachricht bekommen habe, dass ein Freund von mir gestorben ist.“
Verarschen Sie mich?

Ich spreche mit Terézia Mora über Teams. Sie sitzt in ihrem Arbeitszimmer, hat das Mikrophon auf einem Stapel bunter Notizbücher platziert. Es sind die Notizen für ihren nächsten Roman.
„Und unmittelbar kurz danach kommt dieser Anruf. Das heißt, wie sollen Sie das jetzt emotional überhaupt einordnen? Aber ich weiß, was mein erster Satz war gegenüber Ernst Osterkamp, dem damaligen Präsidenten der Akademie, der mich anrief“, beschreibt Mora diesen Moment.
„Zuerst sagte er, Sie werden ja wohl ahnen, warum ich Sie anrufe, und ich: warum sollte ich das ahnen, ich war ganz woanders. Und dann, als er gesagt hat, dass ich den Büchner-Preis bekomme, war meine Gegenfrage: Verarschen Sie mich?“
Keine Verarsche, alles echt. Drei Monate später wurde der Preis verliehen, der als der renommierteste deutsche Literaturpreis gilt. Dazu gab es ein hübsches Honorar:
„Der Büchner-Preis, der ist relativ hoch dotiert, konkret mit 50.000 Euro, und als das bei meiner Bank ankam, haben sie es wieder zurückgeschickt an den Absender, weil sie gesagt haben, das ist eine verdächtige Summe“, erinnert sich Terézia Mora.
„Solche Summen kommen hier normalerweise nicht an. Das muss ein Irrtum sein. Und ich musste dann tatsächlich bei der Bank anrufen und ihnen erklären, dass das alles seine Richtigkeit hat. Und das Preisgeld musste noch einmal überwiesen werden.“
Niemals mit einem Preisgeld rechnen!

Ein Preisgeld stützt, aber man darf niemals, wirklich niemals darauf rechnen, sagt Terézia Mora, die ihre Ehrenurkunden im Schrank lagert. Preise sind unplanbar.
Auch nicht für einen geübten Gewinner wie den Suhrkamp-Verlag, zu dem sieben der letzten zwölf Büchner-Preisträger gehören.
Ich treffe den Verleger Jonathan Landgrebe im Berliner Suhrkamp-Haus, in einem Raum mit Regalen bis unter die Decke.
Darin: Nobelpreisträger wie Hesse und Beckett, Handke (swr.de/kultur/literatur/isolde-ohlbaum-peter-h…) und Ernaux. Und auch Büchner-Preisträger wie Clemens Setz (swr.de/kultur/literatur/clemens-j-setz-mein-le…), Lutz Seiler und Oswald Egger (swr.de/kultur/literatur/oswald-egger-oskar-fia…). Allerfeinste Gesellschaft. Aber macht der Büchner-Preis auch Kasse?
„Beim Büchner-Preis würde ich zum Beispiel sagen, dass die Direktwirkung gar nicht so groß ist, aber die Tatsache, dass ein Autor oder eine Autorin diesen Preis gewonnen hat“, erklärt der Verleger.
„Das kommt dann schon an, nach und nach, bei allen, dass das eine Rolle spielt, dass das eine Würdigung ist, dass man da von Literatur spricht, die lesenswert ist und Qualität hat, und das muss sich dann gar nicht unbedingt zu dem Zeitpunkt auswirken, sondern das hat eine langfristige Wirkung für das Werk eines Autors, einer Autorin.“
Einzelne Bücher machen Kasse

Langfristige Prestigesteigerung – auf jeden Fall! Auch später werden die großen Preise in Klappentexten, Zeitungsartikeln und Anmoderationen immer wieder erwähnt.
Kurzfristig aber ist ein Büchner-Preis nicht notwendig ein Kassenschlager. Das könnte beim Nobelpreis ähnlich sein. Denn beide zeichnen ein umfangreiches Gesamtwerk aus.
Nicht selten fragt sich dann der ratlose Käufer im Laden: Und welches der Bücher soll ich jetzt nehmen? Schnellere Wirkung erzielen Preise, die nur ein einzelnes Buch auszeichnen.
„Dazu zählt sicherlich der Deutsche Buchpreis, bei dem die Monate seit der Verkündung von Oktober bis Weihnachten eine riesige Rolle für die Verkäufe spielen. Dann gibt es das Halbjahr danach, da spielt das auch noch eine Rolle. Und dann mit der Zeit verliert es sich ein bisschen“, sagt Jonathan Landgrebe.
Verlagswechsel beim Deutschen Buchpreis

Weihnachtsgeschäft als saisonaler Vorteil. Der letzte Deutsche Buchpreis liegt für Suhrkamp aber schon etwas zurück. Tatsächlich wechseln sich die Verlage beim Deutschen Buchpreis stärker ab.
Zuletzt feierten Kiepenheuer & Witsch, Hanser und Klett-Cotta. Auch der erst 2004 neugegründete Verlag Matthes & Seitz mischt zunehmend mit im Preisgeschehen. Verleger Andreas Rötzer erinnert sich:
„Den größten ökonomischen Effekt hatte mit Sicherheit Frank Witzels (swr.de/kultur/literatur/joseph-breitbach-preis…) „Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Ich liebe es, diesen Titel auszusprechen! Das war der Deutsche Buchpreis 2015. Das war ein Preis, der uns plötzlich ganz viel Aufmerksamkeit verschafft hat und Reputation und natürlich auch Verkäufe.“
„Und fünf Jahre später dann mit Anne Weber „Annette. Ein Heldinnenepos“ dann nochmal den Deutschen Buchpreis. Schon davor ist das Buch gut gelaufen, es war eine Art Lieblingsbuch von vielen Lesern und hat dann durch den Preis den Weg in die ganz große Öffentlichkeit bekommen“, erklärt Rötzer.
Wenn auch das Ausland hellhörig wird

Sobald ein Buch einen Preis bekommt, verkaufen sich auch seine Übersetzungslizenzen besser. Aktuell kümmert man sich bei Matthes & Seitz aber erstmal um Anne Carson.
In den Verlagsfenstern hängen Bilder der Kanadierin, frisch ausgedruckt. In den Verlagsräumen: ein meterhohes Porträt. Darauf steht gedruckt: „Nobelpreis für Literatur 2026“. Vier Bücher von Anne Carson hat der Verlag im Programm. Die Nachricht kam während der Frankfurter Buchmesse:
„Wir hatten tatsächlich gar kein Buch am Stand, weil wir natürlich bei über 100 Titeln im Jahr eine Auswahl treffen müssen von Titeln, die wir am Stand haben in Frankfurt“, erzählt Andreas Rötzer von Matthes & Seitz.
„Aber ein Mitarbeiter konnte in einer befreundeten Buchhandlung in Frankfurt zum Glück noch ein Exemplar des letzterschienenen Buchs auftreiben, sodass wir eine Trophäe hatten. Und dann kamen am nächsten Tag aber schon aus dem Lager die Bücher, die wir dann auch dort ausstellen konnten.“
Und wie ist aktuell die Lage am Lager?
„Im Grunde ist es bei dem Nobelpreis so, dass in dem Moment der Verkündigung diese Bücher im Lager quasi verdampft sind, also alle ausverkauft sind. Dann werden natürlich die Buchhandlungen bedient, dann die Großhändler und dann geht es ans Nachdrucken. In dem Fall war mein erster oder mein zweiter Telefonanruf natürlich gleich der beim Drucker, um die Nachdrucke zu organisieren.“
Nobelpreisbücher im Lager schnell verdampft

Wie viele Bücher dann aber im Laden auch tatsächlich gekauft wurden, lässt sich erst in einigen Wochen oder sogar Monaten beziffern.
Ähnliches gilt für das druckfrische Papageien-Buch, das die Büchner-Preisträgerin Christine Wunnicke (swr.de/kultur/literatur/georg-buechner-preis-2…) für Matthes & Seitz geschrieben hat.
Wie stark ein Verlag die Auswirkungen eines Preises spürt, hat übrigens auch mit seiner Größe zu tun, sagt Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe:
„Wenn ein kleiner Verlag so einen Preis gewinnt, dann …

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