
SWR Kultur lesenswert - Literatur
Psychoanalyse eines Preppers: Julia von Lucadous „Zeiten erhöhter Gefahr“
Montag, 26. Oktober 2026 · 4 min
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Shownotes
Julia von Lucadous neuer Roman beginnt wie ein Krimi, nämlich mit einem Leichenfund. Nur dass es um diese Leiche bald schon gar nicht mehr geht, sondern um den, der sie gefunden hat. Lucadous Hauptfigur heißt Jot und ist ein von Krisenängsten gebeutelter Mittfünfziger und Prepper.
In einem Steinbruch stolpert er über besagte Leiche, für ihn offensichtlich das Opfer eines Sexualverbrechens. Dass dieser Steinbruch der Autorin als Metapher für vergangene Lebensphasen und vergessene Erlebnisse dient, wird erst am Ende klar.
Merkwürdig wird es bereits, als Jot die Polizei über seinen Fund informiert. Denn für die Ermittler ist der Fall rasch abgeschlossen. Genau genommen gebe gar keinen Fall. Der Tote sei zweifelsfrei ein Selbstmörder, erklärt der junge Polizeibeamte Tage später.
Kontrollverlust des Protagonisten
„Jot musterte das Milchbubengesicht des Mannes. Er sei ja, wie er wisse, kein Angehöriger, entgegnete er. Er sei als Zeuge hier, um der Polizei eine Panne zu ersparen. Man müsse nicht Polizist sein, um zu verstehen, dass sich niemand freiwillig in einer solchen Körperstellung das Leben nehme. Mit heruntergezogener Hose“, erklärt sich der Protagonist.
„Wovon sprechen Sie?“ Der Polizist wirkte sichtbar verwirrt. Der Tote sei körperlich unversehrt gewesen. Und vollständig bekleidet.
Quelle: Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr
Es dauert eine Weile, bis Lucadous Protagonist begreift, dass mit seiner Erinnerung etwas nicht stimmt. Der Anblick der Leiche hat etwas in ihm ausgelöst, seitdem kann er seiner Wahrnehmung nicht mehr trauen.
Das wäre für jeden ein Schock, umso mehr für einen um Kontrolle und Risikovorsorge bemühten Verstandesmenschen wie Jot. In der Schweiz arbeitet er für ein Sicherheitsunternehmen, das Bunker an Superreiche verkauft.
Zuhause hat Jot seinen privaten Sicherheitsraum, jetzt wird er dem Albtraumgeplagten zum nächtlichen Zufluchtsort.
Opfer unterdrückter Erinnerungen
Während Jots Leben, auch beruflich, immer mehr aus den Fugen gerät, erhofft er sich Antworten aus dem Abschiedsbrief des Toten aus dem Steinbruch. Darin geht es um anhaltende Scham- und Schuldgefühle und um Kafkas „Process“-Roman.
Doch der vermeintliche Schlüssel erweist sich ebenso rasch als Sackgasse wie die Studien einer amerikanischen Psychologin über das Phänomen gefälschter Erinnerungen. Mit allen Mitteln versucht Jot, den Kontakt zu dieser Forscherin herzustellen, etwa über seine Tochter, die in den USA Psychologie studiert.
Doch erkennt Martha rasch, dass ihr Vater nicht an gefälschten Erinnerungen leidet als vielmehr an unterdrückten, nämlich aus seiner Kindheit in einem Internat. Und diese Erinnerungen versuchen jetzt, wie in einer Fallgeschichte Sigmund Freuds, an die Oberfläche zu kommen, selbst im Telefonat mit seiner Tochter.
„Eine Figur allein auf dem Gang zum Toilettentrakt, im Dunkeln. Callas auf dem Gang, allein, mitten in der Nacht. Sein Rücken zuckt. Dazu ein Ton, ein Wimmern oder Winseln wie ein Tier.“
„Ich hatte immer solche Mühe, dich zu verstehen“, sagte die Stimme seiner Tochter, „aber wenn ich deine Protokolle lese, sind mir deine Gefühle und dein Verhalten plötzlich klar.“
Quelle: Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr
Ist die wahre Katastrophe längst passiert?
Kafka und Freud: Die Namen verweisen auf die Literatur nach 1900, in der immer wieder Zwangscharaktere die Kontrolle über ihr Leben verlieren. In „Zeiten erhöhter Gefahr“ verknüpft die 44-jährige Autorin tradierte Motive mit aktuellen Themen wie die um sich greifende Katastrophenangst und Prepperhysterie.
Aber am Ende auch mit einem sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Die wahre Katastrophe, so die Botschaft des routiniert erzählten Romans, ist längst passiert; heutige Ängste haben ihre Quellen in der Kindheit.
Das freilich ist leider eine allzu simple Antwort auf eine Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät. Und in der sich längst nicht nur Superreiche und Missbrauchsopfer nach einer sicheren Zuflucht sehnen.