Wieder was gelernt - der ntv-Podcast

Brutale Überstunden-Kultur: Chinas Arbeiter beschweren sich bei der EU

Dienstag, 29. September 2026 · 12 min

MP3

Shownotes

+++ Alle Rabattcodes und Infos zu unseren Werbepartnern findet ihr hier: linktr.ee/wiederwasgelernt +++
In China sind Überstunden bis in die Nacht verboten. Eigentlich. Die meisten Unternehmen lassen ihre Angestellten länger schuften. Weil Protest im eigenen Land nichts bringt, versuchen die Arbeitnehmer ihre Arbeitsbedingungen auf anderem Weg zu verbessern: Sie beschweren sich in Brüssel bei der EU.

Text und Moderation: Caroline Amme (n-tv.de/20654570)
Sie haben Fragen? Schreiben Sie eine E-Mail an podcasts@ntv.de

Sie möchten "Wieder was gelernt" unterstützen? Dann bewerten Sie den Podcast gerne bei Apple Podcasts (podcasts.apple.com/de/podcast/wieder-was-geler…) oder Spotify (open.spotify.com/show/6w5kuaVaPvVDWGdPLXkONh).

Dieser Podcast wird vermarktet von Julep Media: sales@julep.de

Wir verarbeiten im Zusammenhang mit dem Angebot unserer Podcasts Daten. Wenn Sie der automatischen Übermittlung der Daten widersprechen wollen, melden Sie sich hier: datenschutz@julep.de

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

In China sind Überstunden bis in die Nacht verboten. Eigentlich. Die meisten Unternehmen lassen ihre Angestellten länger schuften. Weil Protest im eigenen Land nichts bringt, versuchen die Arbeitnehmer, ihre Arbeitsbedingungen auf anderem Weg zu verbessern. Sie beschweren sich in Brüssel bei der EU. Darum geht's in dieser Folge von Wieder was gelernt, dem NTV-Podcast. Abonnieren Sie den Podcast gern überall, wo es Podcasts gibt.

Und wenn Sie wieder was gelernt unterstützen möchten, dann freuen wir uns über eine Bewertung bei Apple Podcasts oder bei Spotify. Ich bin Caroline Amme. Hallo und willkommen. Das berüchtigte 996-Arbeitsmodell ist in China groß geworden. Das bedeutet Arbeiten von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden Arbeit pro Tag, 72 Stunden pro Woche.

996 ist während des rasanten Wachstums chinesischer Internet- und Tech-Startups in den 2010er Jahren entstanden. Alibaba-Gründer Jack Ma hat diese Überstundenkultur 2019 mal als großen Segen bezeichnet. Offiziell ist das 996-Modell inzwischen verboten. Chinas oberster Gerichtshof hat es 2021 als illegal eingestuft und als Verstoß gegen das Arbeitsrecht.

Eigentlich dürfen Chinesinnen und Chinesen maximal 44 Stunden pro Woche arbeiten. Inoffiziell sind die Lichter in den Unternehmen aber oft viel länger an. Durch den weltweiten KI-Boom erlebt die Arbeitskultur sogar ein Comeback in der Start-up- und Tech-Szene. Aber auch in den Nähereien für Modefirmen kennt man die langen Arbeitszeiten.

Denn die Näherinnen werden pro Kleidungsstück bezahlt. Sie bleiben länger, um mehr zu verdienen, hat uns David Hachfeld gesagt. Er ist Textilexperte bei der Menschenrechtsorganisation Public Eye. Uns haben die Arbeiterinnen eigentlich durch die Bank wegberichtet von Arbeitswochen von über 70 Stunden. 75 Stunden ist das, was sie so im Durchschnitt ermittelt haben.

Das heißt im Grunde Arbeit 10 bis 12 Stunden am Tag und das 7 Tage die Woche. Wir haben eine zweite Recherche gemacht in 2023 und haben immer noch die gleichen Bedingungen vorgefunden. Was sich ein bisschen verändert hatte, ist, dass es nicht anderthalb freie Tage im Monat gibt, sondern einige auch von vier freien Tagen im Monat berichtet haben.

Aber eben Arbeitszeiten von im Schnitt 75 Stunden pro Woche, die sind nach wie vor normal. Die sind aber auch nach chinesischem Verhältnis absolut illegal. Die hängen aber damit zusammen, dass die Bezahlung eben nicht praktisch einfach als normaler Monatslohn erfolgt. Sondern pro Stück erfolgt. Sprich, um auf einen halbwegs okayen Lohn zu kommen, muss man eben so viel arbeiten. Und das machen die Arbeiterinnen dann entsprechend auch.

996 ist moderne Sklaverei, von der auch die Chinesinnen und Chinesen die Nase voll haben. Doch Beschwerden in der Heimat nützen nichts. Deshalb versuchen sie es anderswo. Weil sie im eigenen Land nicht weiterkommen, wenden sie sich an die EU. In den chinesischen sozialen Medien kursieren Tipps, wie man sich bei den EU-Behörden beschweren kann, berichtet Reuters.

Auf Dojin, der chinesischen Version von TikTok, wurden mehrere Videos zum EU-Meldeverfahren hochgeladen. Die User tauschen da Tipps aus, wie man vorgehen sollte. Sie hatten über 200.000 Aufrufe. Ein Erklärvideo zum Beschwerdeprozess hatte über 5.000 Likes. Auf dem chinesischen Instagram Rednote hatte ein User laut Reuters geschrieben, ich finde es richtig, dass die EU-Zwangsarbeit sanktioniert.

Wer stimmt zu und wer nicht? Der Beitrag hatte fast 3.000 Likes, dann wurde er plötzlich gelöscht. Auch große europäische Unternehmen wie Mercedes-Benz, BMW, Volkswagen und Audi haben Post aus China bekommen, berichtet der Euraktiv-Newsletter Red Threat. Bei ihnen hatten sich Angestellte von Xing Yu gemeldet. Der Zulieferer für Autobeleuchtungssysteme hatte über 100 Hochschulabsolventen kurz nach ihrer Einstellung entlassen. Sie hatten die Wahl.

Entweder freiwillig kündigen oder Fließbandarbeit. Auch bei der Hongkonger Börse hatten sich die Absolventen beschwert über die Massenentlassungen mitten in den Vorbereitungen zum Börsengang von Xing Yu. Der Aufstand hatte einen Effekt. Sing-Yu hat sich entschuldigt und den Absolventen mehr Geld angeboten.

Der Hintergrund für ihre Beschwerden ist eine neue Vorschrift in der EU gegen Zwangsarbeit. Sie verbietet ab Ende nächstem Jahr, 2027, Produkte, die mit Zwangsarbeit hergestellt worden sind. Darunter fallen auch übermäßige Überstunden. Zu dieser Zwangsarbeitsvorschrift hat die EU schon jetzt ein Meldeportal eingerichtet.

Hier kann man melden, wenn man weiß, dass Produkte oder Firmen mit Zwangsarbeit in Verbindung stehen. Über dieses Portal haben sich die Chinesen, wie es aussieht, beschwert. Dort sind auch schon einige Hinweise auf Arbeitsrechtsverstöße wie Überstunden eingegangen, hat eine Quelle innerhalb der EU-Kommission Reuters gesagt.

Merklich angestiegen seien die Beschwerden aber nicht. Auch mit ihrem neuen Lieferkettengesetz will die EU ab Mitte 2029 vor Ausbeutung schützen. Große europäische Konzerne dürfen dann keine Produkte mehr verkaufen, die mit Zwangsarbeit hergestellt worden sind. Auch ihre Zulieferer nicht. Firmen, die das nicht einhalten, drohen Strafen. Das EU-Lieferkettengesetz sieht vor, Menschenrechte und Umweltschutz zu stärken.

Betroffene Unternehmen müssen also Kinder und Zwangsarbeit in der Lieferkette ausschließen und das in Form von Berichten dokumentieren. Laut der bereits abgeschwächten alten Richtlinie waren Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 450 Millionen Euro davon betroffen. Der neue Kompromiss sieht nun eine Anhebung auf 5.000 Beschäftigte bzw.

1,5 Milliarden Euro Umsatz vor und damit auch gelockerte Sorgfaltspflichten. Die EU hat ein Interesse daran, dass sich in China die Arbeitsbedingungen verbessern. Denn die exzessiven Überstunden sind ein unfairer Wettbewerbsvorteil für China, sagen Kritiker. Die chinesischen Arbeiter und Arbeiterinnen in den Fabriken stellen mehr her, als der heimische Markt eigentlich braucht.

Die übrigen Produkte überschwemmen die EU und den Weltmarkt und drücken die Preise. Europa importiert inzwischen mehr aus China, als es dorthin verkauft. Waren, die in europäischen Ländern hergestellt wurden, verkaufen sich in China nicht mehr so gut. Das liegt unter anderem daran, dass der Staat massiv Geld in die heimische Industrie pumpt.

Und ein Riesenproblem für die Weltwirtschaft ist auch, dass die Chinesen selbst weniger konsumieren. Und sie greifen eher zu chinesischen Produkten, die sind günstiger, zum Beispiel heimische E-Autos. Ein Handelsungleichgewicht, das China angehen soll, findet die EU. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat Mitte September von einem China-Schock 2.0 gesprochen.

Unser Handelsdefizit gegenüber China liegt bei einer Milliarde Euro pro Tag. Manche sagen, der zweite Chinaschock steht bevor, aber er ist bereits da. Das zeigt sich in unseren Gemeinden und Fabriken. Er führt zur Deindustrialisierung. Das ist nicht tragbar. Deshalb führen wir einen Dialog mit China, um unser Handelsgleichgewicht wiederherzustellen. China hat eine schwächere Binnennachfrage und braucht auch unseren europäischen Markt.

Es liegt in beiderseitigem Interesse, zusammenzuarbeiten, Lösungen zu finden. Wir tun alles, um unsere Beziehungen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Worte sind gut, Taten besser. So it is in both our interest to work together and find solutions. But let me be very clear. We will use all tools at our disposal to rebalance our relationships.

Words are good, but deeds are better. Die EU hat Peking eine Frist bis Oktober gesetzt, sich um die heftigen Überstunden zu kümmern. Nächste Woche gibt es ein wichtiges EU-China-Treffen in Peking. Dort soll es um Chinas wachsenden Handelsüberschuss gehen. Druck auf China kommt aber nicht nur aus der EU, sondern auch aus den USA.

Im Juli hatte die US-Regierung neue Zölle gegen rund 60 Handelspartnerländer verhängt, unter anderem China und die EU. Für China greift nun ein höherer Satz von 12,5 Prozent. Der US-Präsident beruft sich dabei auf ein Gesetz von 1974. Die 60 Länder tun nicht genug gegen Zwangsarbeit, sagt der US-Handelsbeauftragte Jameson Greer.

Wir haben ein Gesetz gegen Zwangsarbeit, das ist für uns wichtig. In anderen Ländern gibt es diese Gesetze nicht. Und in den wenigen Ländern, in denen es sie gibt, wird es nicht konsequent umgesetzt. Auch Chinas Regierung scheint den Ernst der Lage erkannt zu haben. Vergangenes Jahr hat der Staatsrat einen Aktionsplan gegen illegale Überstunden beschlossen.

Lokale Behörden sollen die Arbeitszeiten in Unternehmen strenger kontrollieren. Und die Unternehmen sollen sich an die 44-Stunden-Woche halten und darauf achten, dass die Arbeitnehmer Ruhe und Urlaub bekommen. Einige der größten chinesischen Konzerne haben vergangenes Frühjahr reagiert und ihre Arbeitszeiten angepasst.

Anscheinend aber weniger, weil die Regierung das fordert, sondern um den Sanktionen durch das EU-Lieferkettengesetz zu entgehen, meint Reuters. Die Unternehmen wollen den Zugang zu westlichen Märkten nicht verlieren, sagt ein Experte. Beim Haushaltsgerätehersteller Midea zum Beispiel machen die Mitarbeiter schon um 18.20 Uhr Feierabend, statt wie früher erst am späten Abend.

Beim Drohnenhersteller DJI gehen um 21 Uhr die Lichter aus, beim Haushaltsgerätehersteller Haier haben Mitarbeiter laut Reuters in den sozialen Medien die Einführung der Fünf-Tage-Woche gefeiert. Auch das Social-Media-Unternehmen Tencent hat in einigen Geschäftsbereichen die Überstunden deutlich gekürzt.

Das passt zu dem Wunsch der Regierung, China stärker vom Konsum und weniger von Exporten abhängig zu machen, analysiert Reuters. Der Plan, die Chinesinnen und Chinesen sollen weniger arbeiten als bisher und dafür in ihrer Freizeit mehr Geld ausgeben. Denn dann haben sie ja mehr Zeit dafür. Ihre Freizeit verbringen sie in Wirklichkeit statt in der Shopping-Mall lieber mit ihrer Familie oder auf dem Sofa, haben Angestellte des Drohnenherstellers DJI der ARD gesagt.

Früher habe seine Familie schon geschlafen, wenn er nach Hause kam. Jetzt kann er mit seinen Kindern spielen, erzählt er. Er meint weiter, es könne schon sein, dass er perspektivisch mehr Geld ausgebe, denn er sei jetzt besser drauf durch mehr Familienzeit. Dieser 31-Jährige, DJI-Angestellte, der anonym bleiben will, meint, er müsse nun nicht mehr direkt ins Bett, wenn er nach Hause komme.

Mehr shoppen würde er durch mehr Freizeit allerdings nicht. Es sei ja schließlich immer noch spät abends und er ruhe sich lieber aus. Diese 28-Jährige, die ihren Namen ebenfalls lieber nicht preisgeben möchte, sagt, sie schaue mehr fern oder sei auf der Social-Media-Plattform Xiaonongshu. Vielleicht, so schränkt sie ein, sollte sie die Zeit aber auch mit sinnvollerem füllen.

Ein weiterer Mitarbeiter erklärt, jetzt mehr Sport zu machen. Die neuen Vorschriften aus der EU gegen Zwangsarbeit könnten möglicherweise die Arbeitsbedingungen in China verändern. Die jungen Chinesinnen und Chinesen von heute sind anders als diejenigen, die in den 1980er oder 90er Jahren geboren wurden, schreibt das unabhängige Portal China Digital Times.

Die Generation Z lässt sich nicht mehr so leicht einschüchtern, sondern wehrt sich. Das war der NTV-Podcast. Wieder was gelernt. Diesmal mit einer Folge darüber, wie sich die Chinesinnen und Chinesen gegen die übermäßigen Überstunden wehren. Alle Folgen finden Sie auf sämtlichen bekannten Podcast-Plattformen und auch in der NTV-App.

Abonnieren Sie unseren Podcast gern, dann bekommen Sie eine Push-Nachricht, wenn es eine neue Folge gibt. Ich bin Caroline Amme. Danke fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal.

0:00 / 0:00