Wieder was gelernt - der ntv-Podcast

Putin unter Zugzwang: Darum könnte die Krim den Ukraine-Krieg entscheiden

Donnerstag, 2. Juli 2026 · 13 min

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Die Ukraine attackiert Russland an seiner Achillesferse: Die Krim ist das logistische und militärische Drehkreuz. Kiew ist auf dem besten Weg, die Halbinsel komplett zu isolieren und vom Nachschub abzuschneiden. Das hat auch Auswirkungen auf die Front in der Südukraine.

Text und Moderation: Caroline Amme (n-tv.de/20654570)
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Die Ukraine attackiert Russland an seiner Achillesferse. Die Krim ist das logistische und militärische Drehkreuz. Kiew ist auf dem besten Weg, die Halbinsel komplett zu isolieren und vom Nachschub abzuschneiden. Das hat auch Auswirkungen auf die Front in der Südukraine. Darum geht's in dieser Folge des NTV-Podcasts Wieder was gelernt.

Sie finden unseren Podcast auf sämtlichen Plattformen und in der NTV-App. Lassen Sie uns gern ein Abo da, dann bekommen Sie eine Push-Nachricht, wenn eine neue Folge fertig ist. Ich bin Caroline Amme, hallo und willkommen. Jede Nacht Drohnen und Sirenen. Es herrscht Ausnahmezustand auf der Krim. Die Ukraine greift seit einigen Wochen effektiv und hartnäckig die von Russland besetzte Halbinsel an, zwischen dem Schwarzen und dem Asowschen Meer.

Mit Drohnen attackiert sie Treibstofftanks und Kraftwerke, greift Infrastruktur und Tanklaster an, die die Krim versorgen, zerstört russische Militärschiffe und wichtige Brücken. Die rund zwei Millionen Einwohner spüren die Folgen der Angriffe. Sie bekommen kein Benzin mehr. Immer wieder gibt es Stromausfälle. Auch für Touristen ist der Badeurlaub dieses Jahr passé.

Alle Strände sind wegen des Ausnahmezustands geschlossen. Viele Russen haben ihre Reisen storniert oder sind überstürzt abgereist. Auch mitten im Krieg war die Krim bisher noch ein wichtiges Urlaubsziel für Russen, trotz der ukrainischen Angriffe. Auch alle Sommerferienlager für Kinder sind abgesagt.

Das Leben für die Menschen wird dort schwieriger, meint NTV-Korrespondent Rainer Munz. Lebensmittel wie Zucker werden allmählich knapp. Es gibt ja auch schon Medien, die darüber schreiben, dass es in manchen Supermärkten in Sevastopol Beschränkungen gibt. Z.B. Bei Nudeln nur noch 3 Packungen oder 3 Flaschen Pflanzenöl.

All das zeigt, wie kompliziert die Lage auf der Krim geworden ist durch die Drohnenangriffe der Ukraine in unterschiedlichen Bereichen, die dazu geführt haben, dass Benzinlieferungen erschwert worden sind, Lebensmittellieferungen erschwert worden sind. Und auch das touristische Leben, das es immer noch auf der Krim gibt, kann man sich eigentlich nur schwer vorstellen. Das ist natürlich extrem eingeschränkt.

Viele Urlauber kommen jetzt erst gar nicht. Klar, wer will schon über eine Autobahn fahren, die mit Drohnen beschossen wird. Die Preise sind in den Keller gerauscht. Also das Leben insgesamt auf der Krim ist schwieriger. Es ist nicht das erste Mal, dass die Ukraine die Krim angreift, seitdem Russland sie besetzt und 2014 illegal annektiert hat.

Zum ersten Mal hat Kiew die Halbinsel im August 2022 massiv angegriffen. Auf einem Militärflughafen hat sie einige Kampfflugzeuge zerstört. Im Oktober wurde die Krimbrücke durch eine Explosion schwer beschädigt. 2023 hat es mehrere Angriffe gegeben. Massive Drohnenangriffe, ein Raketenangriff auf das Hauptquartier der russischen Schwarzmeerflotte mit mehreren Toten.

Außerdem ist es ukrainischen Spezialeinheiten gelungen, auf die Krim zu kommen. Und es gab auch wieder eine Explosion auf der Krimbrücke. Ein Jahr später, 2024, hat die Ukraine ebenfalls mindestens zwei russische Kampfflugzeuge und eine Treibstoffanlage zerstört. Und vergangenes Jahr hatten ukrainische Langstreckendrohnen drei russische Kampfflugzeuge, Munition und Militärtechnik getroffen.

Oberst Markus Reißner sieht Parallelen zwischen den Angriffen von 2023 und heute. Die Sommeroffensive damals ist gescheitert. Heute stehen die Chancen aber besser, denn die Ukraine hat bessere Angriffswerkzeuge, nämlich Drohnen und KI, hat Markus Reisner, NTV.de, gesagt. Und das ist bemerkenswert, dass jetzt die Ukraine genau das Gleiche versucht, aber, und jetzt ziehen wir bereits im 21. Jahrhundert, durch den Einsatz von Drohnen. Das heißt, wir sehen, dass es einerseits versucht wird, die Logistik zu unterbrechen.

Auf den Wegen Richtung Krim durch den Einsatz von Drohnen, die unter anderem mit Krieg gestört sind. Und man sieht das auch jetzt, dass es offensichtige Vorbereitungen gibt, quasi die Sprückwürdigstraße von Kersch wieder anzugreifen. Die Idee ist die gleiche wie 2023. Auch hier wieder eine Isolierung des Großraums Krim von der Versorgung der Russen. Und damit sollen ein Hund Druck auszüben, dass die Russen verhandeln müssen. Und das finde ich ist bemerkenswert, dass sich das jetzt in dieser Parallelität darstellt.

Für Russland ist die Krim ein wichtiger logistischer Knotenpunkt. Der Kreml hat sie zur wichtigsten Militärbasis ausgebaut. Hier gibt es mehrere Stützpunkte für Marine- und Luftwaffe. In der Hafenstadt Sebastopol ist das Hauptquartier der Schwarzmeerflotte. Von der Krim aus schickt der Kreml Drohnen und Raketen in den Süden der Ukraine.

Die Krim ist das Kronjuwel der russischen Eroberung in der Ukraine, sagt Militärexperte Gustav Gressel im ZDF. Die Halbinsel war eine wichtige Plattform für die Vollinvasion. Zuerst mal ist sie dicht gesät mit Luftwaffenstützpunkten, Marinestützpunkten. Von dort aus wurde Feuerunterstützung für die angreifenden Kräfte am Beginn des Angriffskrieges geleistet.

Aus der Krim heraus, der Durchstoß durch die Krim, hat die Südfront und die Eroberung Mariupols vorbereitet und geöffnet. Man ist von dort bis über Kerson vorgestoßen. Also der Südabschnitt der Front für Russland zu Beginn des Krieges der erfolgreichste. Aller Fronten im Donbass blieb man ja sonst eher stecken. Und der Angriff auf Kharkiv ist auch verhungert. Der Angriff um Kiew ging dann logistisch zugrunde.

Also im Grunde dort, wo man erfolgreich operiert hat. Die Krim war dann seitdem her oder wegen dieser Bedeutung auch Ziel von ukrainischen Gegenoffensiven. 2023 hat man ja versucht, zum Asowschen Meer durchzustoßen, die Landbrücke zu kappen. Die Ukrainer wissen um die nicht nur strategische, sondern auch politische und emotionale Bedeutung der Krim für Putin.

Und deshalb weiß sie natürlich auch, dass eine Gefährdung der Krim selbst Putin unter Zugzwang setzt. Und das probiert man natürlich auch in diesen Tagen. Mit den Luftangriffen auf die Krim wehrt sich die Ukraine nicht nur einfach gegen Russlands Krieg. Ihre Ziele sind weitreichende. Ende Juni hat sie eine Offensive gegen russische Ziele gestartet.

40 Tage soll sie dauern. Damit will sie Russland zum Frieden zwingen. Auf der Krim hat es die ukrainische Armee auf die Versorgungsstraßen. Die Schienen- und Fährverbindungen abgesehen. Denn sie will die Halbinsel isolieren, militärisch und logistisch. Es sieht so aus, als würde die Krim zur Insel werden, sagt der ukrainische Verteidigungsminister.

Ist die Verbindung nach Russland getrennt, sind die russischen Truppen auf der Krim eingekesselt. Ein zweites Ziel ist es, die russische Armee im Süden der Ukraine zu isolieren. Die Krim ist eine Nachschubbasis und Umschlagplatz für Logistik, Treibstoff und Munition für die Südfront. Wenn die Brücken zerstört sind, geht der russischen Armee irgendwann das Material für den Krieg aus.

Die meisten Verbindungen zum Festland hat die Ukraine schon erfolgreich getroffen. Die Henichesk-Brücke, die Chonha-Brücke und die Brücken bei Amjansk. Außerdem hat sie eine Eisenbahnbrücke über den Nordkrim-Kanal im Westen der Halbinsel getroffen. Außerdem hat sie mehrere Autofähren und Zugfähren in der Nähe der Krimbrücke beschädigt.

Russland hat damit wichtige Verkehrswege für militärische Güter verloren. Die ukrainischen Truppen haben erreicht, dass von der Krim aus weniger Drohnenangriffe gestartet werden als noch vor einem Jahr, sagt Gustav Gressel. Es gibt gewisse Knotenpunkte, die Russland einfach schützen und verteidigen muss, durch die der eigene, also der russische Nachschub durchkommen muss.

Und das bietet natürlich auch den Ukrainern Gelegenheit, Fliegerabwehrsysteme im Umfeld dieser Knotenpunkte gezielt anzugreifen, weil sie wissen, sie müssen dort stehen. Es ist dann auch einfacher Nachschub anzugreifen, weil die Ukrainer wissen, die müssen dadurch. Und das erleichtert einfach die Gesamtangriffsführung im Süden deutlich und, davon profitieren natürlich auch Angriffe gegen andere logistische Infrastruktur auf der Halbinsel.

Es ist im Süden der Drohnenkrieg einfach einfacher. Nur, und das möchte ich auch sagen, Verteidigen beinhaltet natürlich auch die Verwehrung von Angriffen gegen die Krim und da ist es schon so, dass die... Die russische Armee zumindest zurzeit noch in der Lage ist. Den Dnepr als feste Geländelinie zu halten und auch Angriffe der Ukrainer im Saar-Parische-Aplast zumindest zurzeit noch kleinräumig zu halten.

Man wird sehen, ob sich das anders entwickelt. Wie gesagt, der Kampf gegen die Logistik ist langfristig. Man betrifft, dass die Russen in der Lage ist, Man unterminiert die Kampfkraft des Gegners, indem man ihn Stück für Stück und Zeit für Zeit erdrosselt. Aber zurzeit, wie gesagt, sind die russischen Kräfte im Süden zumindest noch abwehrbereit. Die letzte Straßenverbindung zur Krim ist aktuell die Krimbrücke über die Straße von Kertsch.

Sie ist auch die einzige Verbindung zwischen dem russischen Festland und der Krim. Putins Prestigeprojekt. 2018 hatte er sie persönlich eröffnet. Die Brücke spielt eine wichtige Rolle beim zivilen Verkehr und auch bei der militärischen Versorgung der besetzten Gebiete. In der Vergangenheit hat die Ukraine die Brücke immer wieder angegriffen.

2022 zum Beispiel war ein LKW mit Sprengstoff explodiert, Brückenteile waren ins Meer gestürzt. Bisher haben die Ukrainer es nicht geschafft, das Bauwerk zu zerstören. Erreicht haben sie mit ihren Attacken aber immerhin, dass sich Russland für Munition und Treibstoff inzwischen andere Wege sucht, sagt der Militäranalyst Andreas Rapp im Tagesspiegel.

Was die Krimbrücke anders macht? Sie ist sehr stabil, größer und neuer als alle anderen Brücken. Daher ist sie schwerer zu zerstören als die anderen. Dafür würde die Ukraine viel Sprengstoff brauchen, sagt Gustav Gressel dem Tagesspiegel. So eine Aktion hält er momentan für zu aufwendig und unrealistisch.

Russland versucht, die Krimbrücke auch mehr zu schützen. Auf Satellitenbildern sind schwimmende Bojen zu sehen, die ukrainische Sprengstoffdrohnen stoppen sollen. Mit Rauchgeneratoren wird versucht, ein Teil der Brücke zu verschleiern. Noch lässt die Ukraine nicht nach bei ihren Angriffen rund um die Krim und macht den russischen Soldaten das Leben schwer.

Kann sie langfristig damit Erfolg haben? Markus Reisner ist vorsichtig optimistisch. Stellen Sie sich einen einfachen Metapher vor. Stellen Sie sich vor, eine Bohrmaschine. Und sie versuchen, ein Loch in eine Fliese zu bohren. Das ist sehr schwierig, weil im Prinzip die Fliese sehr hart ist. Und der Bohrer muss einmal quasi greifen.

Also man muss quasi die Fliese, die Oberfläche durchdringen, damit er dann quasi das Loch bohren kann. Und was wir sehen, ist, dass viele Offensiv-Anstrengungen in der Ukraine auf diesen harten Fliesenuntergrund quasi abgeklitten sind. Also die Bohrer. Aber jetzt sieht man, dass der Bohrer tatsächlich sich in diese Fliese hineinfließt.

Das heißt, er hat also im Prinzip einen Ansatzpunkt gefunden. Und jetzt ist die Frage, wie lange es braucht, um diesen Ansatzpunkt entsprechend zum Erfolg zu führen. Aber man kann erkennen, dass das jetzt zumindest erfolgreich ist. Das heißt, die Ukraine hat einen Punkt gefunden, wo sie ansetzen kann.

Und noch etwas anderes hat die Ukraine mit ihren Offensiven auf der Krim und im restlichen Land erreicht. Die Russen bekommen den Krieg in der Ukraine aktiv mit. Die Krim ist für den Ukraine-Krieg entscheidend. Wer sie kontrolliert, wird den Krieg gewinnen, hat der ehemalige US-General Ben Hodges der ukrainischen Nachrichtenagentur gesagt.

Solange Russland die Krim kontrolliert, werde der Krieg nicht enden und es gebe keinen dauerhaften Frieden. Inzwischen hat der Kreml den Ernst der Lage erkannt. Er plant anscheinend eine Massenevakuierung. Ein Teil der Bevölkerung, Institutionen und Einrichtungen sollen von der Halbinsel gebracht werden, berichtet ein bekannter russischer Telegram-Kanal.

Der ukrainische Militäranalyst Oleksandr Kovalenko hält eine Evakuierung jedenfalls für durchaus wahrscheinlich. Das hat er der österreichischen Kronenzeitung gesagt. Denn die russische Führung sei besorgt, dass die Krimbrücke zerstört werden könnte. Sollte es der Ukraine gelingen, diese Route nach Russland zu zerstören, wäre eine Evakuierung äußerst schwierig.

Das war der NTV-Podcast. Wieder was gelernt zu den ukrainischen Angriffen auf der Halbinsel Krim. Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, dann freuen wir uns, wenn Sie uns fünf Sterne dalassen bei Spotify oder bei Apple Podcasts. Und schreiben Sie uns gern an podcasts.ntv.de. Wir freuen uns über Ihre Kommentare und auch Ihre Themenvorschläge.

Ich bin Caroline Amme. Vielen Dank Ihnen fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal.

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