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Kraftstoffkrise: 25 russische Regionen rationieren Benzin und Diesel
Mittwoch, 17. Juni 2026 · 8 min
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Die Ukraine hat einen Plan: Seit einigen Monaten nimmt sie mit ihren Drohnen russische Raffinerien, Öldepots und Treibstofflager ins Visier. Offenbar erfolgreich. Immer häufiger sitzen Autofahrer in Russland an Tankstellen auf dem Trockenen. Große Ketten rationieren Benzin und Diesel. Ein Ökonom spricht von der größten Kraftstoffkrise seit 21 Jahren. Die Agrarindustrie warnt: "Wir können die Landwirtschaft bald dichtmachen."
Moderation: Christian Herrmann (n-tv.de/autoren/Christian-Herrmann-article2158…)
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Die Ukraine hat ein Ziel. Seit einigen Monaten nimmt sie mit ihren Drohnen zuverlässig Raffinerien, Öldepots und Treibstofflager in Russland ins Visier. Offenbar erfolgreich, russische Autofahrer sitzen an ihren Tankstellen immer häufiger auf dem Trocknen. Darum geht es in dieser Folge von Wieder was gelernt. Abonnieren Sie den Podcast gerne überall, wo es Podcasts gibt.
Und wenn Sie Wieder was gelernt unterstützen möchten, freuen wir uns über eine Bewertung bei Apple Podcasts oder Spotify. Dankeschön, ich bin Christian Herrmann, hallo und herzlich willkommen. Am schlimmsten trifft es die Krim. Inzwischen melden aber auch reihenweise russische Regionen Einschränkungen beim Verkauf von Benzin und Diesel.
Großstädte wie Moskau und St. Petersburg sind laut dem unabhängigen russischen Exilmedium de Bell genauso betroffen wie die zentralrussischen Oblasten Rassian und Oriol. Auch in Kschow und Novgorod im Nordwesten des Landes ist der Treibstoffverkauf eingeschränkt. In Karelien an der finnischen Grenze und in Murmansk am Polarkreis auch.
Engpässe werden diversen Berichten zufolge genauso aus den Grenzregionen Kursk, Belgorod oder auch Voronosch gemeldet, aber auch aus weit entfernten Gebieten wie Krasnoyarsk und Tomsk in Sibirien und Kamschatka im fernen Osten. Die Versorgung mit Benzin und Diesel ist für Russland im Sommer 2026 keine kleine Schwierigkeit mehr, sondern eine enorme Herausforderung.
Ein Bericht von unserem NTV-Russland-Korrespondenten Rainer Munz verdeutlicht, wie dramatisch die Lage ist. Machen wir ein Beispiel. Irkutsk, also Sibirien. Dort hat ein Abgeordneter der Kreml-Partei einiges Russland gesagt, wir können bald die Landwirtschaft dicht machen, wenn wir jetzt nicht Diesel bekommen.
Das ist schon ziemlich massiv. Die Landwirtschaft hängt davon ab, dass sie Diesel bekommt. Nicht nur in Sibirien, auch im Süden Russlands hat die Landwirtschaft Probleme. Schätzungsweise leben insgesamt ein Drittel bis knapp die Hälfte der russischen Bevölkerung inzwischen in Regionen, in denen der Verkauf von Diesel und Benzin eingeschränkt wurde.
Insgesamt 25 russische Regionen sind derzeit betroffen und alle besetzten Regionen in der Ukraine sowieso, sagt Rainer. Eine der größten Ketten Russlands Produzenten von Öl und Gas, die fünfgrößte, das ist Tadneft. Die gibt jetzt an ihren Tankstellen und übrigens auch in St. Petersburg und hier in Moskau an Privatpersonen nur noch 20 Liter Benzin pro Tanken aus oder 40 Liter Diesel oder bei Lastwagen 200 Liter.
Und Igor Lipsis, einer der sehr bekannten russischen Wirtschaftsexperten, Da sagt ein Drittel von dem, was Russland produzieren kann, raffinerieren kann, das ist jetzt weg. Es sei die schlimmste Benzinkrise oder Treibstoffkrise in Russland seit 21 Jahren. Also Russland hat ein großes Problem. Die ukrainischen Streitkräfte greifen regelmäßig Bestandteile der russischen Ölindustrie an, darunter Raffinerien, Treibstofflager oder auch Ölterminates.
Allein im Mai hat die Ukraine acht der zehn größten Raffinerien beschädigt, hat das US-Wirtschaftsportal Bloomberg berichtet. Einige wurden demzufolge gleich mehrfach getroffen. Nach den Angriffen haben die Anlagen ihre Produktion oder ihre Lieferung bis zum Abschluss der Reparaturen teilweise oder vollständig eingestellt.
Die Auswirkungen lassen sich nicht länger totschweigen. Sie sind für viele Russinnen und Russen deutlich spürbar. Einwohner der Industriestadt Samara, etwa 1000 Kilometer südöstlich von Moskau gelegen, berichten dem russischen Telegram-Nachrichtenkanal Ostoroshno-Novosti, dass es an vielen Tatnev-Tankstellen seit einigen Tagen kein Benzin mehr gibt.
Und dort, wo Kraftstoff verfügbar war, war der Verkauf, wie von Rainer geschildert, auf 20 Liter pro Kunde begrenzt. Ähnlich sieht es den Berichten zufolge in anderen Millionenstädten wie Kazan oder Nischni-Novgorod aus. Tatneft hat der französischen Nachrichtenagentur AFP die Obergrenzen auf Nachfrage bestätigt.
Der Kundendienst der Tankstellenkette sagt, dass die Kunden an allen 800 Tankstellen im Land nur noch 30 Liter Benzin und 60 Liter Diesel tanken dürfen. Wie lange die Einkaufsbeschränkungen gelten werden, sei unklar. Verglichen mit der Lage auf der Krim scheinen die Auswirkungen der ukrainischen Schläge auf russischem Staatsgebiet dennoch gering.
Auf der annektierten Halbinsel im Schwarzen Meer haben die russischen Besatzungsbehörden den Benzinverkauf nämlich bereits Ende Mai eingeschränkt. Wie unser ukrainischer Kollege Dennis Trubetzkoll berichtet, sollen sich an den Tankstellen anfangs wilde Szenen abgespielt haben. Wer rechtzeitig und mit ausreichend Geld an einer geöffneten Tankstelle auftauchte, hat so viel Benzin und Diesel gekauft wie nur irgend möglich.
Teilweise waren die Vorräte demnach schon nach einer Stunde aufgebraucht. Um das Chaos in den Griff zu bekommen, hat die Besatzerregierung der Krim wenig später ein spezielles Coupon- oder Voucher-System eingeführt. Kein Coupon, kein Kraftstoff. Mit Coupon gibt es oder gab es aber auch nur 20 Liter. Das Befüllen von Kanistern war nicht erlaubt.
Welche Tankstellen überhaupt Benzin oder Diesel hatten, sollte Autofahrern in Online-Karten angezeigt werden. Das System war kein Erfolg. Am 4. Juni hat die Besatzungsregierung mitgeteilt, dass auf absehbare Zeit keine Coupons mehr ausgegeben oder verkauft werden. Auch die formell von der Krim unabhängige Hafenstadt Sevastopol hat keine Lösung für die Kraftstoffkrise gefunden.
Sie wollte, dass Autofahrer im staatlichen russischen Messenger-Dienst Max einen QR-Code generieren, der zum sofortigen Kauf von Benzin und Diesel berechtigt. Dann hätten alle gewusst, ob noch Diesel und Benzin verfügbar sind oder nicht. Der Engpass scheint allerdings so groß, dass die tägliche Benzinquote innerhalb von Sekunden ausverkauft ist.
Einige Krim-Bewohner fahren zum Tanken, deshalb bis zu 300 Kilometer weit in die angrenzende Region Krasnodar, berichtet das unabhängige russische Exil-Medium Debelli. Unter der Kraftstoffkrise leidet auch der Tourismus, also das Hotel- und Gaststättengewerbe. Die Krim ist bei Russen nämlich ein beliebtes Urlaubsziel.
Die Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant berichtet unter Berufung auf Branchenexperten, dass in diesem Jahr drei bis vier Millionen Touristen wegbleiben werden von der Halbinsel im Schwarzen Meer. Die Zeitung schreibt von zahlreichen Stornierungen und rückläufigen Buchungszahlen. Als ein Grund wird demzufolge auch die Verfügbarkeit von Kraftstoffen an den Tankstellen genannt.
Eine Lösung für die Krise scheint kurzfristig nicht in Sicht. Auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg hat der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexander Nowak, der für Energiefragen zuständig ist, Anfang Juni zwar eingeräumt, dass die russische Ölförderung derzeit niedriger ausfällt als üblich.
Ihm zufolge liegt dies allerdings an der außerplanmäßigen Wartung mehrerer Raffinerien, nicht an ukrainischen Angriffen. Ein neuer Stab im russischen Energieministerium soll jetzt die stabile und effiziente Versorgung des Landes sicherstellen. Ob das gelingt, bleibt unklar. Klar ist nur, die Ukraine hat es den zweiten Sommer in Folge geschafft, in Russland eine Kraftstoffknappheit auszulösen.
Im vergangenen Sommer fielen die Auswirkungen mit dem Höhepunkt der russischen Urlaubssaison im August zusammen. Dieses Mal beginnen die Probleme deutlich früher. Das war wieder was gelernt. Ich bin Christian Herrmann. Tschüss und bis zum nächsten Mal.