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Stratos: Utah streitet über Rechenzentrum doppelt so groß wie Manhattan
Mittwoch, 5. August 2026 · 12 min
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Im US-Bundesstaat Utah nahe dem Great Salt Lake ist ein gigantisches KI-Rechenzentrum samt Energie-Campus geplant. Es soll doppelt so groß wie Manhattan werden. Die Anwohner protestieren lautstark und ziehen vor Gericht. Ein berühmter Investor verspricht das umweltfreundlichste Rechenzentrum der Welt, rudert dennoch zurück.
Text und Moderation: Caroline Amme (n-tv.de/20654570)
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Ein KI-Rechenzentrum, doppelt so groß wie Manhattan, ist im US-Bundesstaat Utah geplant. Doch die Anwohner protestieren lautstark und ziehen vor Gericht. Sie kritisieren die Umweltgefahren direkt neben dem Great Salt Lake und so wenig Mitbestimmung bei dem Projekt. Ein berühmter Investor rudert nun zurück.
Darum geht's in dieser Folge von Wieder was gelernt, dem NTV-Podcast. Abonnieren Sie unseren Podcast gern überall, wo es Podcasts gibt. Und wenn Sie wieder was gelernt unterstützen möchten, freuen wir uns über eine Bewertung bei Apple Podcasts oder bei Spotify. Ich bin Caroline Amme. Hallo und willkommen.
Es geht heftig her bei einer Abstimmung Anfang Mai über das größte Rechenzentrum der Welt. Auf einer Tribüne im Saal sitzen die Bezirkskommissare von Boxelder County. Immer wieder wird die Sitzung unterbrochen, es gibt laute Zwischenrufe. Hunderte wütende Anwohner waren mit Plakaten gekommen, um ihrem Unmut Luft zu machen. Irgendwann ruft ein Bezirksrat den Menschen genervt zu, um Himmels Willen werdet endlich erwachsen. Doch die Bezirkskommissare bleiben standhaft.
Sie genehmigen das Projekt am Ende, trotz des heftigen Widerstands der Anwohner, nicht nur im Saal. Fast 4000 Menschen hatten Einwände vorgebracht gegen die Genehmigung des Mega-Rechenzentrums. Die Abstimmung sei nicht das Ende des Prozesses, sondern der Anfang, sagt Bezirkskommissar Lee Perry nach der Sitzung.
Sollte dieses Projekt umgesetzt werden, wird es sich über viele Jahre hinziehen, in mehreren Phasen. Es wird in jeder Phase überwacht, es wird in jeder Phase Genehmigungsverfahren und behördliche Prüfungen geben. Als Kommission stellen wir sicher, dass die Entwicklung verantwortungsbewusst erfolgt und die besten Interessen des Box Elder County und seiner Anwohner warnt.
Das Stratos-Projekt ist eine bedeutende Chance. Es kann langfristige Investitionen, Infrastruktur und neue Arbeitsplätze in unserem Landkreis schaffen. Davon profitieren unsere Einwohner, Unternehmen und Schulen. Wir nehmen die Bedenken zum Wasserverbrauch, der Luftqualität und der Lärmbelästigung ernst.
Das Stratos-Projekt kann einen Ausgleich zwischen diesen Belangen schaffen. Das Projekt nennt sich Stratus. Es umfasst ein Rechenzentrum für KI-Anwendung und einen Energiecampus. Die komplette Anlage soll gigantisch groß werden. Insgesamt rund 161 Quadratkilometer. So groß sind Aachen in NRW oder Cuxhaven in Niedersachsen.
Das Rechenzentrum wird etwa doppelt so groß wie Manhattan. Aber in der Wüste von Utah spielt Platz keine Rolle. Boxelder County ist ein abgelegener Landkreis. In der weiten Landschaft gibt es Landwirtschaft und Viehzucht. Hier leben rund 65.000 Menschen. Die Baukosten von Stratos liegen bei bis zu 100 Milliarden US-Dollar.
Aber Geld spielt beim amerikanischen KI-Wettlauf keine Rolle. Hauptinvestor ist der kanadische Investor Kevin O'Leary. Er tritt in der Reality-Fernsehshow Shark Tank auf. Das ist das Vorbild für die deutsche Gründershow Die Höhle der Löwen. An der Wall Street kennt ihn jeder. In den meisten amerikanischen Wohnzimmern ist er auch bekannt.
In einem Interview im April hatte er erklärt, warum es genau Utah geworden ist. Es geht darum, wo man Genehmigungen, Strom und die riesigen Flächen bekommt. Die einzigen beiden Orte, die ich kenne, in denen das geht, sind Utah und Alberta in Kanada. Wir sind in der Fachwelt für den Bau von Rechenzentren mittlerweile bekannt.
Deshalb wenden sich Verantwortliche aus verschiedenen Provinzen und Bundesstaaten an uns. Wir haben wahrscheinlich 20 Standorte geprüft und nur zwei gefunden, die infrage kamen. Ein Projekt dieser Größenordnung lässt sich unmöglich realisieren, ohne dass alle an Bord sind. Wir arbeiten seit fast zwei Jahren daran.
Wir bauen hier keine petrochemische Anlage, sondern etwas, das die Gesellschaft voranbringt. Wir wollen im globalen Wettbewerb bestehen. Wenn das Rechenzentrum fertig ist, sollen die US-Regierung oder große Technologieunternehmen für seine Dienste bezahlen. Was hat Box Elder County davon? Es entstehen viele Jobs, sagen die Projektentwickler.
10.000 Arbeitsplätze im Baugewerbe und 2.000 Dauerhafte in der Region. Mehr als normalerweise in Rechenzentren arbeiten. Außerdem nimmt der Landkreis Steuern ein. Anfangs pro Jahr 30 Millionen US-Dollar, wenn das Rechenzentrum fertig ist, bis zu 108 Millionen US-Dollar. Bei voller Auslastung wird die Anlage etwa 9 Gigawatt Strom benötigen.
Das ist mehr als doppelt so viel, wie der gesamte Bundesstaat Utah vergangenes Jahr verbraucht hat. Oder ein Siebtel des deutschen Strombedarfs. Die komplette Energie will Stratos selbst erzeugen. In Medienberichten ist von einem Gaskraftwerk die Rede. Das Erdgas dafür wird durch die nahegelegene Ruby-Pipeline geliefert.
Das habe keine Nachteile für die Anwohner, sagt Paul Morris. Er ist der Chef der staatlichen Entwicklungsbehörde Maida. Die Pipeline ist perfekt, wenn man Strom erzeugen möchte, der weder aus dem Netz bezogen wird, noch zu einer Erhöhung der Strompreise führen wird. Der Strom wird nicht über den Stromzähler abgerechnet. Die Pipeline ist nicht einmal an das Stromnetz angeschlossen.
Der Strom wird zu 100 Prozent für das Rechenzentrum erzeugt. Das ist nämlich eins der Probleme. Viele neue Rechenzentren wollen Strom aus dem Stromnetz beziehen. Das schränkt Wachstum in anderen Branchen ein. Die Menschen befürchten steigende Strompreise. Das ist hier nicht der Fall. Die Anlage ist autark, nicht nur das. Wir gehen davon aus, dass die Anlage mit der Zeit überschüssigen Strom erzeugen wird.
Dann können wir sie an das Stromnetz anschließen, um es zu entlasten. Eine echte Win-Win-Situation. Und dasselbe gilt für Wasser. Gaskraftwerke sind zwar sauberer als Kohle- oder Ölkraftwerke, aber trotzdem nicht umweltfreundlich. Wenn sie das Gas verbrennen, stoßen sie CO2 aus. Die Anlage von Stratus könnte die CO2-Emissionen Utahs um 55 bis 75 Prozent erhöhen, schätzt die gemeinnützige Organisation Utah Clean Energy.
Wissenschaftler, Umweltschützer und Anwohner glauben, dass sich das Projekt negativ auswirkt auf die Umwelt. Sie haben Bedenken wegen der Luftverschmutzung, wegen dem Lärm und wegen dem Wasserverbrauch. Das Tal werde sich dadurch sehr verändern, sagt der Physiker Robert Davis von der Utah State University.
Er hat untersucht, dass durch die Riesenanlage die Temperaturen in der Umgebung um jeweils mehrere Grad steigen könnten. Tagsüber um bis zu 2,7 Grad und nachts sogar um bis zu 6,6 Grad. Rund um die Uhr läuft ein riesiges Kraftwerk und tausende KI-Chips leisten Akkordarbeit. Stratus wird eine große Menge an Wärme erzeugen und das in einem Wüstental, sagt Robert Davis bei KSL News.
Diese Energie wird verbraucht und anschließend sofort in Wärme umgewandelt. Es fallen also sieben oder acht Gigawatt Abwärme aus dem reinen Gaskraftwerk an und dann die Abwärme aus den neun Gigawatt Strom, die das Rechenzentrum verbraucht. All diese Wärme wird in das Tal geleitet. Die Anlage wird dazu führen, dass ein Wassereinzugsgebiet erheblich austrocknen wird, hat Robert Davis dem Guardian gesagt.
Umweltschützer warnen, Stratos könne das sowieso schon stark belastete Ökosystem gefährden. Unter anderem ist das Gebiet ein wichtiger Lebensraum für Zugvögel. Ganz in der Nähe des geplanten Rechenzentrums liegt der Great Salt Lake. Der See schrumpft sowieso schon dramatisch. In den vergangenen 40 Jahren hat er zwei Drittel seiner Fläche verloren.
Schuld daran ist vor allem der Wasserbedarf. Da ist zuerst die Landwirtschaft, sie leitet Wasser aus den Zuflüssen ab. Außerdem ziehen immer mehr Menschen nach Utah und nach Salt Lake City. Auch sie brauchen immer mehr Wasser zum Leben. Die Wärme des Stratos-Projekts könnte noch mehr Seewasser verdunsten lassen, warnt der Physiker.
Im Seeboden des Great Salt Lake sind Schwermetalle. Die haben sich dort durch Industrie und eine ehemalige Mine abgelagert. Weil der Boden jetzt teilweise trocken liegt, wird der giftige Staub vom Wind in die Luft gewirbelt und von den Menschen eingeatmet. Außerdem setzt der austrocknende See Treibhausgase frei.
Utah ist nach Nevada der zweittrockenste US-Bundesstaat. Im Mai hat der republikanische Gouverneur Spencer Cox einen Wassernotstand ausgerufen. Zwar planen die Entwickler des Campus, ihre Anlagen mit einem geschlossenen Wasserkreislauf und per luftbasierter Kühlung zu kühlen. Das spart zwar Wasser, verbraucht aber mehr Energie. Das Wasser soll aus dem Boden kommen, aus Tiefbrunnen auf dem Gelände.
Kritiker sagen, der genaue Wasserbedarf des Projekts ist weiterhin unklar. So wie der Ökologe Ben Abbott bei KPCW Radio. Derzeit sind Rechenzentren keine bedeutenden Wasserverbraucher in der Region. Stratos ist aber so groß, dass es Auswirkungen auf den Wasserverbrauch und die Renaturierung des Great Salt Lake haben könnte. Derzeit verbraucht die Landwirtschaft mit Abstand das meiste Wasser etwa zwei Drittel.
Die Städte liegen knapp dahinter an zweiter Stelle. Die Projektentwickler sagen, sie nutzen zur Stromerzeugung ein Trockenkühlverfahren und kühlen die Server mit einem geschlossenen Kreislauf. Wird beides umgesetzt, könnten Rechenzentren mit geringem Wasserverbrauch betrieben werden. Es gibt aber dazu keine verbindlichen Zusagen.
Kevin O'Leary schmettert die Argumente der Kritiker an dem Projekt ab. Er behauptet, die Demonstranten würden bezahlt, um gegen Stratos zu sein. Ihm zufolge kommen sie auch nicht aus Boxelda County. Das Rechenzentrum werde den Great Salt Lake nicht trockenlegen und die Luftqualität nicht beeinträchtigen, hat der Investor bei CNN gesagt. Es gebe keine Möglichkeit dazu, denn das werde kontrolliert.
Die Anlage bringe hochbezahlte Arbeitsplätze und Millionen an Steuern. Und sie leiste einen wichtigen Dienst für das stationierte Militär und die Verteidigung. Man dürfe sich von den Chinesen nicht schlagen lassen, sagt er. Wir zapfen den Great Salt Lake nicht an. Das sind lauter Falschinformationen.
Das Genehmigungsverfahren ist öffentlich. Wir müssen Land-, Luft- und Lärmschutzgenehmigungen einholen. Wir müssen mit der Umweltschutzbehörde EPA sprechen. Jeder kann diese Anträge öffentlich einsehen. Ich freue mich darauf, denn ich werde das umweltfreundlichste Rechenzentrum der Welt bauen. Ich habe Umweltwissenschaften studiert. Jeder sollte sich ansehen, was ich vorhabe. Stratos wird ein leuchtendes Beispiel dafür sein, wie man es richtig macht.
Die Anwohner sind nicht überzeugt. Zusammen mit einer gemeinnützigen Organisation haben sie im Juni von dem Bezirksgericht in Utah eine Klage gegen Stratos eingereicht. Sie werfen den Behörden vor, durch die Nutzung einer Sonderbehörde die Bürgerbeteiligung und Mitspracherechte umgangen zu haben. Vorher hatten Anwohner Anträge auf eine Volksabstimmung eingereicht.
Der Bezirksstaatsanwalt hatte die Petition aber blockiert. Doch der Protest wirkt. Anfang Juni hat Kevin O'Leary angekündigt, Stratos zu verkleinern. Und er hat auch versprochen, dass er dafür sorgen will, dass Wasser in den Great Salt Lake geleitet wird. Wie es mit Stratos weitergeht, ist nun unklar. Eigentlich sollte das Rechenzentrum 2028 an den Start gehen.
Doch aktuell hat die staatliche Entwicklungsbehörde Maida das Projekt vorerst auf Eis gelegt, berichtet das Nachrichtenportal Utah News Dispatch Ende Juli. Aus Respekt vor dem Rechtsstreit, so eine Sprecherin.