Akte Rheinland· Staffel 11· Folge 3

Der viel zu frühe Tod von Luis und Avin: Tödlicher Unfall in Hürth

Montag, 12. Oktober 2026 · 1 h 35

MP3

Shownotes

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Am 4. Juni 2025 fährt ein BMW in Hürth in eine Gruppe von Grundschulkindern und erwachsenen Begleitpersonen. Die zehnjährige Avin Vala und der 25-jährige Schulbegleiter Luis Paulo Maia Jochim sterben später im Krankenhaus.

In dieser Folge sprechen Anna Maria Beekes, Ines Bresler und Sarah Remsky über den Unfall, die Ermittlungen, die Angehörigen und den Prozess gegen den Fahrer Stefan F. (Name geändert). Es geht um die Frage, wie es zu dem Unfall kommen konnte, welche Erkenntnisse die Gutachter im Verfahren vorgetragen haben und wie das Gericht Stefan F. verurteilt hat.

Ines Bresler berichtet vor allem über Luis, seine Familie, sein Engagement für Kinder und die Luis-Paulo-Stiftung. Sarah Remsky erzählt von Avin, ihrem Bruder Radin und den Erinnerungen der Familie. Außerdem geht es um die Zeugenaussagen, den Ortstermin an der Unfallstelle und die Folgen des Verfahrens für die Angehörigen.
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Hallo Leute, ich melde mich hier mal ganz kurz mit einer kleinen Info in eigener Sache bei euch. Und zwar, ihr habt es schon geahnt, ja, auch dieses Jahr werden wir mit Akte Rheinland wieder eine Live-Episode aufnehmen. Und weil es so viele von euch gab, die sich gemeldet haben und traurig waren, weil sie kein Ticket mehr bekommen haben, versuchen wir es dieses Jahr mal mit einer etwas größeren Location.

Wir gehen ins Schauspielhaus in Bad Godesberg und zwar am 29. Oktober. Da gibt es dann fast doppelt so viele Plätze wie in unseren bisherigen Locations und wir sind sehr gespannt, ob wir auch das Schauspielhaus vollkriegen. Die Tickets gibt es wie immer bei BonnTicket. Den Link poste ich euch natürlich in die Folgenbeschreibung und alle Infos findet ihr auch nochmal unter ga.de slash live minus podcast.

Ach ja, natürlich wird auch Lydia Benecke wieder mit dabei sein. Wir besprechen wie immer einen Kriminalfall aus dem Rheinland. Also holt euch jetzt schnell euer Ticket und seid am 29. Oktober mit dabei bei Akte Rheinland live 2026. Wir freuen uns auf euch. Hürth, 4. Juni 2025, am Vormittag. Eine Gruppe von Grundschulkindern ist zu Fuß auf dem Weg zum Sportplatz.

Unter ihnen die 10-jährige Arwin. Sie freut sich schon auf die weiterführende Schule, auf die sie im Sommer wechselt. Arwin will später am liebsten Rechtsanwältin werden. Dicht bei ihr Luis, der 25-jährige Schulbegleiter, der in der Klasse arbeitet. Die Gruppe ist groß. Ein Teil der Kinder hat die Straße bereits überquert, andere warten noch, bis die Fußgängerampel wieder grün zeigt.

Als die Ampel auf grün umspringt, gehen die Kinder los. In diesem Moment knallt es laut und zwei Körper fliegen durch die Luft und landen hart auf der Straße. Ein BMW ist auf die Kreuzung zu und bei roter Ampel mitten in die Gruppe von Kindern hineingefahren. Luis hatte das Auto noch wahrgenommen und sich schützend vor die Kinder gestellt, mehrere von ihnen zurückgeschoben und ihnen dadurch wohl das Leben gerettet.

Sein eigenes wird der 25-Jährige verlieren. Er wird von dem Auto ebenso erfasst wie die kleine Arwin. Beide sterben später im Krankenhaus. Zurück bleiben zwei Familien, die ihre Tochter und ihren Sohn verlieren. Kinder, die den Unfall gesehen haben. Lehrerinnen und Betreuerinnen, die den Aufprall und die Schreie nicht vergessen können.

Und die Frage, warum der BMW-Fahrer an diesem Mittwoch nicht an der roten Ampel angehalten hat. Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Episode von Akte Rheinland. Bei uns geht es an jedem zweiten Montag um Verbrechen und Kriminalfälle aus dem Rheinland, speziell aus der Region Bonn und Umgebung.

Mein Name ist Anna-Maria Bekes und wir sprechen heute über einen eher ungewöhnlichen Fall, über den tödlichen Unfall in Hürth. Am 4. Juni 2025 ist dort ein BMW in eine Gruppe von Grundschulkindern und ihren Begleitpersonen gefahren. Die 10-jährige Arvin Waller und der 25-jährige Schulbegleiter Luis Paolo Maja Jochim starben später im Krankenhaus.

Und bei mir sind heute zwei Kolleginnen, die diesen Fall sehr, sehr umfassend begleitet haben, auch den zugehörigen Prozess besucht haben. Und das sind Ines Bressler und Sarah Remski. Hallo, ihr zwei. Ines, du hast ja vor allem zu Luis und seiner Familie und seinem Leben bei uns berichtet. Und Sarah, du hast den Prozess am Landgericht Köln hauptsächlich begleitet.

Du warst auch bei einem Termin und du kannst uns außerdem ganz viel über Arwin und ihre Familie erzählen. Wir werden heute über den Unfall sprechen, über die beiden Opfer, über die Ermittlungen und natürlich dann über den Gerichtsprozess. Und wir werden auch darüber sprechen, was die Angehörigen aus dem Tod ihrer Kinder und aus diesem Verfahren gemacht haben und natürlich auch, was das Ganze mit ihnen gemacht hat.

Wenn ihr unseren Podcast mögt, dann folgt ihm doch gerne oder abonniert ihn, bewertet uns bei Spotify oder Apple Podcast natürlich mit 5 Sternen und schreibt uns gerne, wie ihr unseren Podcast und diese Folge findet. Aber bevor wir zu den beiden Opfern kommen, müssen wir natürlich zunächst diesen Unfall selbst rekonstruieren. Was ist denn da passiert am 4. Juni 2025 in Hürth?

Ja, an diesem Tag war eine Gruppe von Grundschülern auf dem Weg zu einem Sportplatz. Die Kinder überquerten gemeinsam mit ihren Begleitpersonen eine Straße an einer Fußgängerampel. Nach späteren Zeugenaussagen zeigte die Ampel für die Gruppe Grün. Also es war erstmal nichts Ungewöhnliches. Die Gruppe war relativ groß und konnte nicht in einer einzigen Grünphase vollständig über die Straße gehen.

Ein Teil der Kinder war bereits auf der anderen Seite der Straße. Andere Kinder warteten noch an der Verkehrsinsel bzw. Überquerten gerade die Straße. Also die haben das aufgeteilt quasi, damit alle... Genau, die sind in drei Gruppen über die Straße gegangen. In diesem Moment kam der BMW und der Fahrer fuhr mitten in die Gruppe herein.

Dabei wurden mehrere Kinder und zwei Erwachsene getroffen. Im ersten Polizeibericht hieß es zunächst, dass ein Kind und eine erwachsene Begleitperson schwer verletzt worden waren. Zwei weitere Kinder hatten offenbar leichte Verletzungen davongetragen. Und dann ist natürlich das passiert, was in solchen Fällen passiert.

Die Unfallstelle ist weiträumig abgesperrt worden. Zwei Rettungshubschrauber sind gekommen und haben dann eben diese Schwerstverletzten in Krankenhäuser gebracht. Aber wir wussten ja da noch nicht, was wirklich los war, oder? Genau, also zu diesem frühen Zeitpunkt war noch nicht klar, warum es überhaupt zu diesem Unfall gekommen war.

Kurz nach dem Unfall gab es erstmal die Befürchtung, dass es sich vielleicht sogar um einen Terroranschlag gehandelt haben könnte, weil eben ein Auto in eine Gruppe Menschen gefahren ist. Das hat die Polizei dann aber recht schnell verneint. Also es war dann klar, es ist kein Anschlag oder ähnliches, sondern ein Unfall.

Aber was die Hintergründe waren, das wusste man noch nicht. Wie ist denn in den ersten Tagen über diesen Unfall und auch über die Verletzten berichtet worden, Ines? Also erstmal war bekannt, dass mehrere Menschen verletzt worden waren. Und nach dem ersten Ermittlungsstand soll der damals 20 Jahre alte Fahrer über eine rote Ampel gefahren sein.

Die Kinder waren eben, wie Sarah gerade schon sagte, mit ihrer Schulklasse auf dem Weg zum Sportplatz und überquerten die Ampel, die eben grün zeigte. Und jetzt Werbung. Stell dir vor, du willst Urlaub buchen. Du googelst und da taucht sie auf, dreamtrips.com. Flüge ab Köln-Bonn nach Istanbul für 153 Euro, Frankfurt-Rom für 48 Euro, die Sitzplatzreservierung kostenlos und nur noch für wenige Tage gibt es 25% Rabatt für Neukunden.

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Risikofrei mit 30 Tage Geld-Zurück-Garantie. Den Link findet ihr auch in der Folgenbeschreibung nochmal nordvpn.com slash Rheinland. Werbung Ende. Die Polizei beschlagnahmte das Handy und den Führerschein des Unfallfahrers und machte auch einen Alkohol- und Drogenschnelltest. Die fielen aber beide negativ aus. Das heißt, der hat keine Drogen, kein Alkohol konsumiert.

Und gleichzeitig wurde ein Gutachter beauftragt, der eben den genauen Ablauf des Unfalls rekonstruieren sollte. Also das heißt, es gab zu dem Zeitpunkt den Verdacht, dass dieser Fahrer bei Rot gefahren sein könnte. Aber was jetzt dann genau passiert ist, wie lang die Ampel rot war, wie schnell der war und was da kurz vor dem Zusammenstoß eben los war, was er gesehen haben kann oder nicht, das musste alles erst ermittelt werden, richtig?

Genau und diese zentralen Fragen spielten eben im Prozess auch eine große Rolle. In den ersten Tagen fragte man sich aber natürlich erstmal, wie es den schwer verletzten Menschen ging und ob die überhaupt überleben würden. Ja, und zwei Tage nach dem Unfall kam dann die Nachricht, dass dieses zehnjährige Mädchen im Krankenhaus gestorben war.

Der Name dieses Mädchen ist Arwin. Sarah, was wissen wir über Arwin und ihre Familie? Ja, Arvin Wahler war zehn Jahre alt, als sie starb und besuchte die Karl-Orff-Grundschule in Hürth, zu der eben die ganze Kindergruppe gehörte, die an dem Tag über die Straße gegangen ist. Die Familie musste erstmal mit der Nachricht umgehen, dass Arvin bei dem Unfall schwer verletzt worden war. Sie wurde in die Uniklinik gebracht in Köln.

Aber auch für die restlichen Kinder aus der Gruppe war das natürlich schrecklich, sie hatten den Zusammenstoß ja mit angesehen und wurden dann erstmal psychologisch betreut. Also in den ersten Berichten ist Arwen ja zunächst nur als zehnjähriges Mädchen beschrieben worden. Das ist ja auch normal, das ist in Polizeiberichten so.

Und später ist dann mehr über sie und ihre Familie bekannt geworden. Auch weil ihre Mutter Farah-Wala im Prozess als Nebenklägerin aufgetreten ist. Und ihr Bruder war ja auch im Gerichtssaal. Da kommen wir später nochmal dazu. Während ist, glaube ich, für den Vater dann Prozest. Genau, er war auch Nebenkläger, aber er hat den Prozestag nicht durchgängig verfolgt.

Er war bei der Urteilsverkündung da, aber ihm geht es seit dem Tod von seiner Tochter eben sehr schlecht und konnte das einfach nicht. Das zeigt auch, wie unterschiedlich Angehörige mit einem solchen Verfahren eben umgehen. Für manche ist es besonders wichtig, im Gerichtssaal zu sitzen und jede Aussage zu hören, um das Ganze verarbeiten zu können.

Aber andere schaffen es einfach nicht oder verarbeiten es einfach anders und können das nicht mit ansehen. Oder brauchen es vielleicht dann auch nicht für ihren Abschluss, also ich glaube richtig oder falsch, gibt es da sowieso nicht. Es ist ja dann auch bekannt geworden, dass Arwin Organspenderin war, richtig?

Genau, die Eltern mussten ziemlich schnell in der Uniklinik entscheiden, was mit den Organen ihres Kindes geschehen soll, ob sie die spenden wollen oder nicht. Und die Eltern haben sich dann dafür entschieden. Die Eltern kennen das Kind nicht, in dem Arvins Herz jetzt schlägt. Aber sie wissen, dass eben ein Kind überlebt hat, weil es Arvins Herz jetzt hat.

Genau, für die Familie machte dieser Gedanke den Verlust ein wenig leichter, weil sie immerhin andere Kinder damit retten konnten. Zu dem Zeitpunkt, als Arwin stirbt, liegt auch Luis noch im Krankenhaus. Er ist, haben wir schon gesagt, 25 Jahre alt und er war als Schulbegleiter bei dieser Gruppe. Das heißt, als eine Person, die da im Grunde normalerweise ein einzelnes Kind in der Klasse begleitet, das eben einen besonderen Förderbedarf hat.

Was wissen wir denn über seine Rolle an diesem Tag? Also Luis begleitete die Kinder auf dem Weg zu dem Sportplatz und als der BMW auf die Gruppe zufuhr, schob er einige Kinder zurück und rettete ihnen damit vermutlich das Leben. Dabei wurde er selbst von dem Auto erfasst. Und ein verletzter Junge erzählte später seinem Vater, Luis habe schützend vor ihm gestanden und ihn zurückgehalten.

Luis kam mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus und musste notoperiert werden. Und sein Zustand blieb aber kritisch, bis er schließlich am 15. Juni, elf Tage nach dem Unfall, an den Folgen seiner Verletzungen starb. Mhm. Du hast jetzt gerade beschrieben, dass Luis die Kinder im Moment dieser Gefahr, also als der BMW da eben auf die Gruppe zukam, zurückgedrängt hat, beziehungsweise ja im Grunde aus dem Gefahrenbereich rausgebracht hat, richtig?

Genau, das hat später auch das Gericht so festgestellt. Und Hinweise gab es schon lange vor dem Prozess eigentlich. Berichte von Luis Handballverein und auch von der Grundschule ließen darauf schließen, dass er so gehandelt hatte. Und die Karl-Orff-Schule eben, wo er Schulbegleiter war, die hatten auch eine Traueranzeige geschrieben, wo sie ihm für sein selbstloses Handeln dankten und ausdrücklich erwähnten, dass er die Kinder im entscheidenden Moment zurückgeschoben hat und damit sein eigenes Leben eingesetzt hat eben.

Und auch der Handballverein, die heißt G7-Gebirge Thomasberg, würdigte ihn als jemand, der bis zuletzt an die Jüngeren gedacht hat Und dann die Schwächeren und das eben mit seinem Leben bezahlt hat. Ja, es gibt also im Grunde jetzt zwei Ebenen. Zum einen muss der Unfall selbst rekonstruiert werden, zum anderen versuchen natürlich Angehörige, Familie, Freunde, Verein, hast du gerade gesagt, und auch die Schule zu verstehen, was da passiert ist und begreifen vielleicht auch erst dann so richtig, wer Luis eigentlich war, oder?

Genau. Und das war auch, glaube ich, für seine Eltern sehr wichtig, dass Louis nicht nur als Unfallopfer wahrgenommen wird, sondern auch. Als Mensch. Und sie wollten erzählen, was er für ein Mensch war. Wir kommen da gleich noch ausführlich drauf zurück. Denn Louis' Leben und seine Familie, sein Engagement und seine Arbeit mit Kindern und für Kinder, die bilden ja einen ganz großen Teil dieser ganzen Geschichte.

Zunächst aber noch mal zurück zu den Folgen des Unfalls. Es gibt jetzt also mit Arwin und Louis zwei Todesopfer. Genau, und für die Angehörigen der beiden Verstorbenen war erstmal nicht wirklich klar, was eigentlich genau passiert war. Sie wussten, eine rote Ampel hat wahrscheinlich eine Rolle gespielt.

Sie wussten aber nicht, wie lang die Ampel rot war. Sie wussten nicht, wie schnell der BMW da lang fuhr oder ob der Fahrer die Gruppe hätte sehen müssen überhaupt. Das sind ja Fragen, die dann im Ermittlungsverfahren und im Prozess geklärt werden sollen. Die rechtliche Frage ist dann letztlich, war es fahrlässige Tötung?

Hat der Fahrer den Tod anderer Menschen möglicherweise billigend in Kauf genommen, oder? Ja, für die Familie ging es nicht nur darum, dass ein Fehler ganz offenbar passiert ist. Sie wollten auch geklärt wissen, wie das Verhalten des Fahrers eben rechtlich einzuordnen ist und ob die Anklage den gesamten Ablauf berücksichtigt. Mhm.

Dann schauen wir uns jetzt diese beiden Menschen an, um die es hier geht, die bei diesem Unfall ihr Leben lassen mussten. Ines, du hast dich ja mehrfach mit den Eltern von Luis getroffen, hast viel mit ihnen gesprochen, mehrere Artikel über ihn geschrieben. Was würdest du jetzt so zusammenfassend sagen, wer war Luis? Luis.

Ich glaube, Luis war vor allem ein Familienmensch. Das kam schon sehr schnell im ersten Gespräch, wenige Wochen nach dem Unfall, raus. Ich glaube, das ist auch eine Familie, die wirklich schon immer sehr, sehr eng zusammensteht. Er war das Älteste von vier Geschwistern. Dann nach ihm kam noch ein Bruder und dann kamen nochmal Zwillinge, ein Bruder und eine Schwester.

Die Familie lebte in Königswinter. Die Mutter stammt aus Brasilien und der Vater ist Deutscher. Und sein Vater erinnerte sich in diesem ersten Gespräch an Louis als eher so zurückhaltendes, besonnenes Kind, das aber trotzdem im Schultheater die Hauptrolle spielte. Und seine Mutter, das war sehr rührend, sagte, sicher haben auch wir unseren Teil dazu beigetragen, Aber eigentlich kam Luis schon als gute Seele auf die Welt.

Und er hatte wahrscheinlich als ältestes Kind auch eine besondere Rolle in der Familie, oder? Genau, so beschreiben das die Eltern. Dass Louis auf seine jüngeren Geschwister Acht gegeben hat. Sie haben zu ihm aufgeschaut. Und auch später, als er dann nach Köln gezogen war, war er immer gern für seine Geschwister da, kam gern zurück nach Hause, nach Königswinte.

Und sein Vater beschreibt ihn als liebevollen, hilfsbereiten und gelassenen Menschen. So, Luis konnte sich durch nichts stressen lassen, was ja auch gerade in der Arbeit mit Grundschulkindern sehr wichtig ist. Was ich ganz schön finde, ist, er konnte auch fließend Portugiesisch, obwohl er ja in Deutschland geboren und aufgewachsen war.

Also das konnten sie offenbar bewahren. Genau, und der Herr Jochim erzählte, dass in so einer Familie, die zweisprachig ist, je größer die Familie wird, desto mehr setzt sich die Sprache des Wohnortes durch. Aber Luis war eben das älteste Geschwisterkind, deshalb konnte er noch Portugiesisch. Und nach dem Abitur ging er auch nach Brasilien für ein paar Monate, wo er wohl aufblühte, weil ihm die Mentalität gut tat und er wurde noch offener und fürsorglicher.

Und Handball war eh ein wichtiger Teil in seinem Leben. Er spielte schon seit er zehn war. Und in Brasilien trainierte er dann wirtschaftlich benachteiligte Kinder. Und auch zurück in Deutschland engagierte er sich für das brasilianische Projekt HANS 7, wo Kinder eben durch Sport soziale Teilhabe ermöglicht wird.

Also Sport klingt jetzt für mich so, war jetzt nicht nur sein Freizeitvergnügen. Nee, überhaupt nicht. Also er nutzte auch Sport, um mit Kindern zu arbeiten und um ihnen Möglichkeiten zu eröffnen. Und das ist wie so ein, glaube ich, roter Faden in seinem Leben. Er studierte auch Sport- und Gymnasiallehramt in Köln und war da schon seit mehreren Jahren mit seiner Freundin zusammengezogen und stellte dann fest, die Arbeit auf dem Gymnasium, die erfüllt ihn nicht so richtig.

Sodass er nach seinem Abschluss beim Hilfsnetzwerk Transparenz Jugendhilfe anfing und Schulbegleiter an der Grundschule wurde. Und da sagten seine Eltern, da hat er wirklich so seinen Platz gefunden. Er erzählte ganz begeistert von der Arbeit in der Schule und blühte so richtig auf da. Kann man überhaupt gar nicht in Worte fassen, wie wichtig solche Menschen sind, muss man ehrlich sagen, für die das so eine Erfüllung ist tatsächlich.

Die Eltern haben das ja offenbar nach eigener Aussage besonders während einer Gedenkfeier an dieser Schule so richtig verstanden, wie der Job für ihn war oder wie er auch im Job war. Genau, wie groß auch einfach die Unterstützung war und die Anteilnahme. Es hieß ja, dass 500 Leute die Gedenkfeier besucht haben.

Und auch nach dem Tod besuchten sie die Schule und die Mutter beschrieb das Gelände als hell, offen, freundlich und der Vater sagte, der Sohn sei eben dort glücklich gewesen und habe in sich selbst geruht. Ich glaube, das war wichtig für sie zu sehen, wie er da seinen Platz gefunden hatte. Dann kommt es am 4. Juni zu diesem schrecklichen Unfall. Luis bringt eben, haben wir schon gesagt, Kinder aus dem Gefahrenbereich. Er rettet sie eigentlich, kann man ganz klar so sagen.

Er rettet ihnen wahrscheinlich. Das Leben wird selbst von diesem Auto erfasst und stirbt dann letztlich. Ja, und seine Familie geht davon aus, dass er in diesem Moment genauso gehandelt hat, wie es eben seinem Naturell entsprach. Er hat nicht zuerst an sich gedacht, sondern an die Kinder, für die er auch Verantwortung sah.

Und genau, wurde dann eben erstmal notoperiert, sein Zustand blieb kritisch und schließlich erlag er seinen Verletzungen durch diesen Unfall. Und wie viele andere Menschen aus seinem Umfeld auch, trauerten natürlich vor allem die Eltern und Geschwister um den jungen Mann, der da mitten aus dem Leben gerissen wurde.

In der Berichterstattung seines Vereins, also in dem, wie Sie an ihn erinnern, da bezeichnen Sie Louis als Helden und ich muss ganz ehrlich sagen, für mich ist das normalerweise immer so sehr dick aufgetragen in diesem Fall, fand ich das einleuchtend. Finde ich auch. Also wenn jemand, klar ist das Wort, das hat irgendwie viel Pathos, aber wenn jemand ein Held ist, dann ja wohl jemand, der sich irgendwie vor Kinder stürzt, vor das Auto, um die mit seinem eigenen Leben zu beschützen.

Also komm, wann kannst du das Wort sonst benutzen? Absolut. Genau, die HSG Siebengebirge erinnerte eben auch an sein soziales Engagement. Es ist ja nicht so, als hätte er jetzt nur diese gute Tat getan, sondern war auch schon vorher ein sozialer Typ mit Mannschaftsgeist. Und für seine Teamkollegen, für den Verein war er eben ein Mensch, der mit Herzblut, mit Empathie für andere da war.

Und deshalb stand auch eben in der Traueranzeige unser Held, unser Stolz. Und auch die Schule schrieb, wie eben schon gesagt, sie sind dankbar für immer für dieses selbstlose Handeln von Louis. Die Eltern von Louis, die haben jetzt nicht so sehr von Heldentum gesprochen. Ich glaube, das ist auch einfach nicht so ihr Ding.

Da fällt immer wieder ein anderer Begriff eigentlich auf. Das ist eher Menschlichkeit, der da für die im Mittelpunkt steht, oder? Ja, das Wort Menschlichkeit, das nutzt der Vater von Luis tatsächlich häufig im Zusammenhang. Und ich glaube, er meint damit so eine Menschlichkeit im Sinne von Fürsorge und Empathie, die eigentlich in uns Menschen angelegt ist, auch wenn wir in diesen Zeiten das manchmal vergessen und es manchmal gar nicht so scheint.

Seine Eltern wollten, dass Luis als glücklicher und guter Mensch in Erinnerung bleibt. Und sie finden auch Trost in dem Gedanken, dass Luis diese Kinder geschützt hat. Und sein Vater sagte sogar, der wäre nicht mehr glücklich geworden, wenn er sich nicht vor dieses Auto geworfen hätte und die Kinder zu Schaden gekommen wären. Ja, das glaube ich sofort.

Auch er war offensichtlich Organspender, ne? Oh ja. Er hatte einen Organspender aus Weiß, was bei der kleinen Arwin ja noch nicht der Fall sein konnte. Deshalb wurden auch nach seinem Tod Organe entnommen. Und der Vater erzählte dadurch, hat ein anderer Mensch sein Herz bekommen und sagte dann, Louis' Herz schlägt weiter in einem anderen Menschen. Also eine Parallele zur Arvin.

Und auch für die Familie von Louis ist das ein kleiner Trost, dass zumindest dann noch einem Menschen geholfen werden konnte. Ja, was ich auch spannend fand war, dass Louis' Eltern so ganz eigene Vorstellungen davon haben, wo ihr Sohn jetzt ist. Ja, das kam auch in diesem allerersten Gespräch. Das fand ich auch sehr berührend, dass der Vater sagte, okay, andere junge Menschen gehen auf Weltreise und der Luis ist auf eine Reise durchs Universum gegangen und eines Tages werden wir uns wiedersehen.

Und Luises Schwester sagte, da wo Luis jetzt ist, da muss es ja gut sein, weil der Luis ist ja da. Und für die Familie war ganz wichtig, oder ist es auch weiterhin, glaube ich, dass sie füreinander da sind, dass sie miteinander sprechen. Und sie erzählten auch, in einem der letzten Gespräche, die sie mit ihrem Sohn hatten, haben sie ihn gefragt, so wie Eltern sich das wahrscheinlich immer fragen, haben wir nicht auch was falsch gemacht oder so? Und Luis sagte, nee, ihr habt alles richtig gemacht.

Ja, du hast es gerade schon gesagt, das überrascht dann wirklich nicht, dass an seiner Trauerfeier, an seiner Beerdigung 500 Menschen teilnahmen. Genau, das hat die Familie auch erzählt, dass es zugleich sehr, sehr traurig war, aber auch sehr bewegend und dass sie dann zusammen Louis' Lieblingslied Tommy von Anne-Mein-Kanter-Reit gesungen haben.

Und die Eltern haben was noch sehr Bemerkenswertes für mich gemacht. Die haben nach Louis' Tod, also Eltern und Geschwister muss man dazu sagen, die Louis Paolo Stiftung gegründet. Kannst du dazu was erzählen? Genau, und auch schon einige, also in diesem ersten Gespräch, wie gesagt, wenige Wochen nach dem Tod, haben sie schon sowas anklingen lassen, dass sie eine Stiftung für einen guten Zweck gründen wollen.

Und dann einige Monate nach dem Tod wurde schon die Stiftung ins Leben gerufen, um Louis' Werte am Leben zu halten. Und ich glaube auch um das Gute, was der Louis jetzt nicht mehr in die Welt bringen kann, dass sie das selber bewirken in seinem Namen. Deshalb sammeln sie Spenden und unterstützen Projekte für Kinder.

Luis' Vater hat die Verwaltung, das Networking, die Frau und Schwägerin kümmern sich um das Design, die Geschwister machen natürlich, weil sie junge Menschen sind, viel Social Media, sind da auch wirklich sehr aktiv auf Instagram. Und die Familie sagt, diese Arbeit halte sie eben eng an, Luis. Natürlich, wenn du das in seinem Namen machst, denkst du ja auch an ihn, dann ist er auch in dem Moment präsent.

Und unterstützt du das einfach Teil des Verarbeitungsprozesses. Und das Logo der Stiftung zeigt so ein schönes Bild. So ein Louis lächelt und darunter eine Person, die so Kinder an der Hand hält. Also ich finde das wirklich bemerkenswert und damit will ich auch wieder nicht sagen, auch da gibt es natürlich kein richtig und kein falsch.

Auch Verdrängung kann ein Weg sein, mit Trauer umzugehen. Es ist für mich dann trotzdem immer wieder wirklich bemerkenswert, sowas zu sehen. Das erinnert natürlich dann auch an den Fall Hannah aus Königswinter. Da hat ja der Vater auch die Stiftung, die bis heute besteht, gegründet. Also es gibt einfach Menschen, denen das dann vielleicht in der Trauer auch, hilft und die das bestärkt.

Also diese Stiftung, muss man ganz klar sagen, war jetzt nicht nur eine Reaktion, auf den Unfall, sondern knüpft also wirklich an das an, was Luis vor seinem Tod gemacht hat. Seine Werte hast du gesagt. Genau. Die Familie wollte die Arbeit mit Kindern fortsetzen. Und ein Schwerpunkt ist zum Beispiel der Schutz von Kindern im Straßenverkehr. Das ist natürlich schon sehr nah am Unfall orientiert.

Die machen Schulstraßenprojekte, die haben Warnwesten für Grundschüler ausgegeben. Und was ich auch interessant finde, sie unterstützen auch Jugendcoachings für Jugendliche, die in einem schwierigen Umfeld aufgewachsen sind, die vielleicht schon straffällig geworden sind. Wie der Fahrer eben auch. Genau, wie der Fahrer, klar. um denen zu helfen.

Wieder von der schiefen Bahn sozusagen auf dem rechten Weg zu finden, wenn das möglich ist. Also sehr konstruktiv eigentlich alles. Ja, super konstruktiv. Und ich glaube auch, wie du sagst, dass das nicht jedem gegeben ist, dass nicht jeder so mit seiner Trauer umgehen kann. Aber dadurch, dass das, glaube ich, auch starke Menschen sind, die eben diesen Familienzusammenhalt haben.

Scheint das eine gute oder eine konstruktive Art zu sein, damit umzugehen. Und sie spenden aber auch für diesen Handballverein oder dieses Projekt Hand7 aus Brasilien, wo der Luis ja war, wo er sich engagiert hat. Und möchte dort auch mit Kindern Handball trainieren, denen nach dem Training was zu essen ermöglichen.

Und die machen auch konkrete Anschaffungen wie, weiß ich nicht, Schuhe oder was man eben so braucht, einen Basketballkorb. Das hat der Luis auch schon selbst gemacht, also dass er dann irgendwie Material gesammelt hat, um das nach Brasilien zu gehen. Also man merkt wirklich, was für ein besonderer junger Mann das war.

Und ich habe es gerade schon mal gesagt, diese Stiftung soll also nicht nur an ihn erinnern, sondern wirklich in seinem Sinn und mit seinen Werten da weitermachen, was er jetzt nicht mehr weitermachen kann. Der Vater sagte, Luis hat der Familie gezeigt, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein, was sie, glaube ich, eh sind natürlich, fair zu handeln und auch Kindern neue Chancen zu geben.

Weil eben jeder unterschiedliche Chancen hat, diese Kinder in Brasilien, aber auch womöglich Menschen, die eben in jungem Alter straffällig werden. Und. Im November zum Beispiel, November letzten Jahres, übergab die Familie auch Warnwesten an eine Grundschule in Niederdollendorf, die zum Beispiel bei Exkursionen getragen werden sollen, damit die Kinder gut sichtbar sind.

Und bei dem Besuch der Louis-Paulo-Stiftung an dieser Grundschule sangen rund 170 Kinder ein Lied mit den Zeilen, niemand kann das ganz allein und zusammen ändern wir die Welt. Und daraufhin hat Louis' Vater gesagt, genau das ist es, was wir als Familie in Louis' Andenken tun wollen. Damit das nicht untergeht, ist es natürlich ganz klar, dass überhaupt nichts, Louis zurückbringen oder ersetzen kann.

Aber es ist natürlich schön zu sehen, dass Projekte entstehen, die mit seinen Werten und mit dem verbunden sind, wofür er eben zu Lebzeiten stand. Genau, dass die Familie sozusagen ihnen nah hält und das weiterführt, was ihm wichtig war. Und natürlich kann man das immer nur von außen, oder ich kann das nur von außen beurteilen, aber es scheint mir eben ein sehr konstruktiver Weg mit der Trauer, mit diesem schlimmen Verlust umzugehen, der sich eher wirklich auf so Liebe, Zuversicht, der sich daran orientiert, sodass sie der Bitterkeit, die da auch vielleicht entstehen könnte oder bestimmt auch mal da sein, darf nicht so viel Raum geben.

Ja, die darf bestimmt da sein. Ich glaube, da kommen wir gleich noch mal ganz kurz auch drauf. Aber es ist natürlich ganz stark, eigentlich dieser Bitterkeit und diesem Hass auch gar nicht so viel Raum zu geben, finde ich. Weil wir wissen ja alle, dass Liebe stärker ist als Hass. Leider konnte auch Luis nicht verhindern, dass Arvin, das zehnjährige Mädchen, von diesem BMW ebenfalls getroffen und so schwer verletzt wurde, dass sie kurze Zeit später starb.

Sarah, du hast ja mit ihrem Bruder Radin gesprochen. Wie hat er seine Schwester beschrieben? Ja, für Radin ist Arvin natürlich nicht zuerst das Mädchen, das eben bei dem Unfall in Hürth gestorben ist, sondern seine kleine Schwester. Mit ihr hat er sich in Deutschland ein Zimmer geteilt. Und sie hat ihn immer ausgelacht, wenn ihm etwas Peinliches passiert ist.

Das typische Bruder-Schwestergespann natürlich. Und zu Hause hat sie immer bei jeder Musik mitgesungen. Egal, welches Lied gerade liefert, hat Ratina Zell. Sie kannte immer auch die neuesten Lieder. Und sie ist sehr gerne mit ihren Freundinnen unterwegs gewesen. Und hat insgesamt viele Freunde gehabt. Also ein typisches, aufgeschlossenes, zehnjähriges Mädchen eben.

Radin hat erzählt, dass es manchmal sogar fast Streit darum gab, wer Arvin jetzt ausleihen darf für einen bestimmten Tag, um mit ihr Zeit zu verbringen. Und ein guter Tag für Arvin war es eben, wenn sie mit ihren Freunden draußen unterwegs sein konnte. Also ein ganz geselliges, kleines Mädchen. Ja, total. Ich habe sie natürlich selber nicht kennengelernt, aber diesen Eindruck durfte ich von ihr gewinnen, dank Radin.

Und wenn Arvin nach Hause kam, so erzählte Radin, und sein Vater hat mir das auch so bestätigt, dann hat sie oft angerufen bei ihren Eltern, also der Heimweg war eigentlich nur so drei Minuten lang von der Grundschule, aber sie musste dringend telefonieren mit ihren Eltern und hat dann immer gesagt, sie möchte gerne irgendetwas Leckeres zum Mittagessen.

Also ich möchte jetzt dringend Mittagessen irgendetwas Leckeres und sie liebte zum Nachtisch Karamell und Oreo Eis, hat Radim erzählt war sie immer ganz glücklich wenn es das dann gab, ja. Und ein ganz besonderer Tag für Arvin war es, als sie ihren Kater Leo bekommen hat. Sie hat sich nämlich total lange eine Katze gewünscht. Und das war dann so, dass ihre Eltern sie einfach ins Auto eingeladen haben, ihr nicht gesagt haben, wo es jetzt hingeht.

Und sie wusste eben erst Bescheid, worum es ging, als sie den Kater gesehen hat. Und eigentlich war der Kater Leo ein britisch Langhaarkater. Total scheu, hat Radin erzählt, aber nicht bei Arvin. Bei Arvin war er halt, eigentlich die meiste Zeit, saß auf ihrer Schulter, schlief mit ihr zusammen im Bett.

Und wenn Radin den Kater mal geneckt hat, dann ist Arvin sofort dazwischen gegangen. Das ging gar nicht. Du hast es eben schon so ein bisschen gesagt. Kannst du noch ein bisschen darauf eingehen, wie das Verhältnis der beiden, der Geschwister untereinander war? Ja, sie waren eben, wie ich sagte, das typische große Bruder-kleiner-Schwester-Gespann, stritten sich auch mal über Kleinigkeiten, aber haben sich auch gegenseitig gegenüber den Eltern gedeckt.

Wenn Arvin ihren Bruder zurechtweisen wollte, dann hat sie immer gesagt so, ach Radin. Radin hat mir das richtig vorgemacht. Und dann wusste er, okay, jetzt gibt's Ärger, jetzt macht Arvin ernst. Und wenn Radin irgendwas kaputt gemacht hat, dann hat Arvin aber mal aufgepasst, dass es die Eltern nicht merken.

Und andersrum hat Radin das eben auch gemacht. Radin hat gesagt, wir waren immer füreinander da. Arvin stellte sich auch bisweilen mal zwischen Radin und die Eltern. Wenn ihr Vater Radin bestrafte, redete sie so lange auf den Vater ein, bis er die Strafe dann wieder aufgehoben hat. Also sie hatte da...

Starke Meinung, die sie auch durchgesetzt hat. Offensichtlich. Und offenbar auch ein starkes Gerechtigkeitsgefühl, oder? Auf jeden Fall. Radin hat gesagt, dass Avin schon eben als kleines Kind für Gerechtigkeit gekämpft hat. Es gibt da wohl so ein Familienvideo, in dem sie ihren Vater fragt, warum er Radin denn jetzt das Tablet weggenommen hätte. Der Arme hätte doch gar nichts getan.

Und sie wollte eben auch später, wenn sie Großes, Anwältin werden. Ich finde, das merkt man schon sehr gut in ihrem Charakter, dass das gut gepasst hätte. Und auch wenn ihre Freundinnen Streit hatten, dann versuchte Arwin zu vermitteln. Sie wollte einfach, dass es fair zuging. Überall. Und manchmal, das fand ich sehr spannend, hat sie mit ihrem Vater gesprochen, als wäre sie schon die Erwachsene in der Beziehung.

Sie hat dann immer gesagt, ich bin wie deine Mutter. Ich bin wie deine Mutter. Du kannst immer zu mir kommen, wenn du Probleme hast. Und so war sie halt eben. Der Vater, muss man dazu sagen, seine eigene Mutter ist im Iran und mit der kann er halt nicht immer reden. Aber Arvin wollte das irgendwie ersetzen.

Süß. Und sie hat ja auch in der Schule ganz große Pläne eigentlich schon gehabt. Ja, Arvin machte aber auf jeden Fall nicht gerne Hausaufgaben. Das fand Radin gar nicht gut, weil er eben gemerkt hat, wie klug sie war und wie viel sie eigentlich schaffen konnte, wenn sie es nur wollte. Er kennt das halt von sich selber, dass er auch mal die Schule schleifen lässt.

Aber das wollte er für seine kleine Schwester halt nicht. Nach den Sommerferien wäre sie dann auf die Gesamtschule in Hürt gewechselt. Da hatte sie sich richtig drüber gefreut, weil das wohl auch nicht so einfach ist, dort aufgenommen zu werden. Und sie sprach gerne über ihre Zukunft. Sie hatte keine konkreten Pläne, außer dass sie Anwältin werden wollte.

Aber sie wollte auf jeden Fall was erreichen. Mhm. Ich glaube, das ist ganz wichtig, was du gerade gesagt hast, dass er eben nicht wollte, dass die Chancen liegen lässt. Das sagt man so leicht, aber ich glaube, in dieser Familie hat das ja, glaube ich, nochmal eine ganz andere Tragweite. Denn Arwin ist ja nicht in Deutschland geboren, richtig?

Genau, Arwin kam als kleines Kind, als sie drei Jahre alt war, aus dem Iran nach Deutschland mit ihrer Familie. Die Eltern wollten eben, dass Arwin als Mädchen frei leben kann und deswegen sind sie auch nach Deutschland gezogen für Arwin. Mit ihren Eltern hat sie immer Persisch gesprochen und mit Radin Deutsch.

Radin war eben auch, bis er halt ein kleines Kind war, auch im Iran, spricht halt auch fließend Persisch, aber mit ihm hat sie dann trotzdem Deutsch gesprochen. Und so wuchs Arwin halt mit beiden Teilen ihrer Familiengeschichte auf. Das iranische Neujahrsfest, Novruz, ich hoffe, ich sage das richtig, bin mir nicht sicher.

Es tut mir leid, wenn es nicht richtig ist. Das mochte sie besonders. Jedes Jahr hat sie mit ihrer Mutter Farah einen sogenannten Haftsinntisch aufgestellt. Und auch beim Essen verband sich sowohl ihre deutsche Seite als auch ihre iranische. Aber ich mochte nämlich besonders gerne Macarani, das ist eine persische Variante von Spaghetti Bolognese und Abguscht, ein Eintopf mit Fleisch und Kartoffeln.

Und das klingt für mich doch schon auch recht deutsch. Außer die Gewürze, sagt Radin. Die waren natürlich persisch. Wie erinnert sich Radin denn an die letzten Stunden vor diesem Unfall? Das wird ihm doch sicher im Gedächtnis geblieben sein. Ja, der Abend vor dem Unfall, hat Radin gesagt, war eigentlich ein ganz normaler Dienstagabend.

Sie haben sich ja eben das Zimmer geteilt und Arvin telefonierte noch spät mit einer Freundin und hat dabei laut gesprochen. Radin wollte schlafen und hat sie gebeten, leiser zu sein. Das wohl auch so ein bisschen unwirsch, großer Bruder-like. Und am nächsten Morgen ging Arwen zur Schule. Radin hatte frei an dem Tag und hörte sie im Halbschlaf eben gehen.

In Gedanken, hat er gesagt, hat er sich noch dafür entschuldigt, dass er am Abend zuvor eben so genervt von ihr gewesen war. Aber ausgesprochen hat er es wohl nicht mehr. Und Radin ging dann an diesem Tag, er hatte eben frei einkaufen, da rief ihn sein Vater an, er soll sofort zur Grundschule kommen.

Radin ist dann dahin gerannt und vor Ort haben ihm dann andere Kinder schon erzählt, dass Arwin von einem Auto getroffen worden sei. Sein Vater sagt ihm dann, dass sie mit einem Rettungshubschrauber in die Kölner Uniklinik gebracht worden ist. Die Familie hat sich beim Piloten dann nach ihrem Zustand erkundigt.

Und der war wohl ganz ehrlich, sagt Radin, dass es eben ein sehr schwerer Unfall gewesen ist. Und sie einfach hoffen müssten, dass alles gut werde. Aber am 6. Juni, dann zwei Tage später, ist Arvin eben an ihren Verletzungen verstorben. Und ich glaube, es ist ganz klar, dass so ein Tod das Leben der Familie völlig verändert hat, oder? Ja, total. Also Radin sagt, es ist vor allem sehr viel stiller geworden zu Hause und auch in dem Zimmer, dass er sich jetzt nicht mehr teilen muss.

Zu den Zeiten, in denen Arwin sonst auf dem Schulweg angerufen hätte, ist es stiller, weil niemand mehr anruft. Und singt auch niemand mehr neue Lieder mit oder bringt viele Freundinnen nach Hause. Und ja, Radin hat es einfach so zusammengefasst, da ist jetzt diese Stille zu Hause, eben dieses Loch. Es war nie so ruhig.

Er möchte aber trotzdem nicht sagen, dass er seinen Blick auf das Leben irgendwie, sehr ins Negative geändert hat. Er will trauern, aber er will auch nicht stehen bleiben. Er sagt, das würde Arwin einfach nicht wollen, dass er aufgibt. Du hast auch beschrieben, dass in der Wohnung ein Bild von Arwin steht und daneben eine Kerze, die Tag und Nacht brennt.

Und es wird ja auch an ihrem Grab natürlich an Arwin erinnert. Ja, an der Unfallstelle auch. Aber auf dem Grab, das war schon sehr eindrücklich, das zu sehen. Das ist kein normales Grab, würde ich sagen. Also da stehen Fotos von Arwin drauf, Figürchen, Engelchen und eben auch ein Plüschhase, andere Figuren.

Da war so ein bunter Stein, auf den ihre Mitschülerinnen geschrieben haben, dass sie Arwin vermissen. Der endgültige Grabstein soll aus mittelgrauem indischem Marmor gefertigt werden. Der war zu dem Zeitpunkt, als ich das Interview geführt habe, noch nicht da, ist jetzt aber fertig. Genau, der Stein da, das ist ein Engel, der auf ein Herz lehnt.

Und ich finde das wirklich sehr passend für Arwen, so wie ich sie durch ihren Bruder kennenlernen durfte. Auf der Tafel, die bis dahin noch auf dem Grabstand stand, die Liebe, die gegeben wurde, leuchtet weiter. Und Arwen bedeutet auf Persisch und Kurdisch Liebe. Deswegen ist das umso passender. Radin trägt heute den Namen seiner Schwester als große Tätowierung auf dem linken Unterarm.

Und an dem Tag, wo ich das Interview geführt habe, hatte die Familie gerade Ketten erhalten, wo eben Avins Name auf Persisch drauf stand und jeder hatte eine Strähne von ihrem schwarzen Haar in dieser Amulettkette, die er sich jetzt jeden Tag mit sich tragen kann. Wenn ich das richtig verstanden habe, hast du Radin ja kennengelernt während dieses Prozesses gegen den Fahrer des BMW, also quasi im Gerichtssaal, oder? Ja, das habe ich.

Am ersten Prozestag war ich nicht dabei, aber da war eben ein Kollege vor Ort und da hat Radin seine weinende Mutterfahrer im Arm gehalten. Die Familie musste dort auch die Aussagen der Lehrerinnen und Betreuerinnen hören, die den Unfall eben unmittelbar miterlebt hatten. Ja, das haben wir ja eben schon mal angesprochen. Was haben denn diese Frauen als Zeugin vor Gericht berichtet? Ja, eine UGS-Betreuerin berichtete, dass sie sofort nach dem Aufprall zu Arwin gelaufen ist.

Das Mädchen soll reglos auf der Straße gelegen haben und gemeinsam mit einer Gruppenleiterin wollte sie Arwin noch helfen. Hat dann aber recht schnell gemerkt, dass sie nicht mehr atmet. Die Frauen haben dann daraufhin versucht, sie wiederzubeleben. Und als Arvins Mutterfahrer diese Aussage gehört hat, hat sie einfach nur lautlos geweint.

Jetzt muss man natürlich sagen, auch für diese Lehrerin und Betreuerin war der Prozess eine erneute Belastung. Das kommt natürlich dann alles nochmal hoch. Auf jeden Fall. Für alle war das, also ich will nicht von Retraumatisierung sprechen, aber sowas kann das natürlich auslösen. Die Frauen haben erzählt, dass sie seit dem Unfall jeden Tag an dieses Geschehen denken müssen.

Eine Sportlehrerin berichtete, dass sie das Auto erst im Moment des Aufpralls gesehen habe. Danach haben sie die Kinder schreien hören und gesehen, wie sie alle in Richtung davon liefen. Arvins Klassenlehrerin war zu diesem Zeitpunkt bereits mit der ersten Gruppe auf der anderen Straßenseite. Sie hat dann den lauten Knall gehört und hat Louis gesehen und die Kinder und versuchte, die Schülerinnen und Schüler hinzusetzen und zu beruhigen.

Danach setzte sie einen Notruf ab und rief in der Schule an. Also beide Familien, die von Arwin und die von Louis, die waren natürlich während des Prozesses immer wieder mit den Einzelheiten dieses Tages konfrontiert. Da muss ja auch sehr genau immer alles und immer und immer wieder erzählt werden vor Gericht.

Aber der Prozess hat auch irgendwie gezeigt, dass dieses gemeinsame Schicksal sie auf eine Art zusammengeschweißt hat, oder? Also ich denke an diesen Ortstermin. Ja, total. Fast genau ein Jahr nach dem tödlichen Unfall hat das Landgericht Köln dann eben einen Ortstermin an der Frechner Straße in Hürth angesetzt.

Und da wollten sie die Einzelheiten des Unfalls rekonstruieren. Es ging vor allem darum, wie viel konnte der Fahrer zu welchem Zeitpunkt wirklich sehen und wo könnte er hingeguckt haben. Das war eine sehr komplizierte Straßenlage oder Gemengelage. Deswegen wollten sie halt vor Ort sich ein Bild selbst davon verschaffen.

Ich glaube, das war in diesem Fall auch echt gut. Auf jeden Fall, als die ganzen Leute dann ankamen und... Und Arwins Mutter wartete schon vor Ort. Da kam eben Louis' Mutter an die Unfallstelle und da sind sie aufeinander getroffen. Und da haben sie kein Wort gesagt, haben sich nur angeschaut, sind in Tränen ausgebrochen.

Und Farah Waller ist viel Louis' Mutter dann einfach in die Arme. Und so standen sie dann da eine ganze Zeit, während der Herr Jochem seiner Frau die Hände hielt und man, wusste eben, man konnte halt nur erahnen, was in ihnen vorgeht, aber es war auf jeden Fall ein sehr bedeutsamer Moment, und da standen sie eben mitten auf dieser Verkehrsinsel nur ein paar Meter, weg von der Stelle, an der ihre Kinder getroffen wurden. Ja.

Denn der Osttermin hat ja genau an dieser Stelle natürlich stattgefunden, an der die Kindergruppe die Straße überquert hat. Wie ist das denn eigentlich abgelaufen da? Ja, das Landgericht hatte die Straße für den Termin sperren lassen. Der Richter hat in seinem Urteil dann später gesagt, dass das für ihn eigentlich gezeigt hat, wie schwerwiegend dieser Unfall für die Stadt Hürt gewesen sein muss.

Denn es brauchte nur einen Anruf bei der Polizei, um die Straße sperren zu lassen. Eigentlich oder und bei der Stadt, eigentlich ist das viel komplizierter, denn das ist schon eine wichtige Verkehrsader, aber die Behörden wollten eben, dass dieser Unfall, der die Stadt so getroffen hat, lückenlos aufgeklärt wird.

Und eben auch die Kammer wollte das und wollte vor Ort prüfen, wann der Unfallfahrer die Gruppe hätte sehen können und an welcher Stelle sich sein BMW eben zu welchem Zeitpunkt befunden hat. Und für Arvins und Louis' Angehörige bedeutete das, kurz vor dem ersten Jahrestag, des Unfalls an den Ort zurückzukommen, an dem ihre Kinder tödlich verletzt worden sind. Ja, oder überhaupt zu kommen.

Die waren doch wahrscheinlich noch nie da, oder? Ja, stimmt. Also an dem Unfalltag waren sie da. Also sie waren schon mehrfach vor Ort. Die Jochims haben sich das auch mehrfach selber vor Ort angeguckt, um eben selber ein Gefühl dafür zu bekommen. Wohnten natürlich in Hürth, aber ich hatte jetzt gedacht, die Jochims wären da wahrscheinlich... Ja, genau, die sind da eben aus Eigeninitiative hingefahren.

Die anderen wohnen nicht sehr weit von der Unfallstelle. Dementsprechend, Und für das Gericht ging es dann vor Ort natürlich vor allem um Sichtlinien und Entfernungen und die Rekonstruktion der entscheidenden Sekunden. Also zwei verschiedene Welten wieder eigentlich. Einmal diese nüchternen Rekonstruktionen und dann eben die beiden Mütter, die sich auf der Verkehrsinsel umarmen.

Das ist schon eindrucksvoll. Ja, lass uns mal genauer auf die juristische Dimension dieses Falls eingehen. Da hast du dich ja auch viel mit beschäftigt, Sarah. Nach den ersten Ermittlungen dauert es ja noch mehrere Monate, einigermaßen normal, bis die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt. Was wird denn diesem Fahrer, Stefan F., so nennen wir ihn hier, er heißt in Wirklichkeit anders, was wird ihm vorgeworfen?

Stefan F. soll die rote Ampel missachtet haben. Die Ermittler gingen davon aus, dass die Ampel bereits seit vier Sekunden rot gezeigt hat und dass er mit 54 bis 57 kmh über die Kreuzung fuhr. Das ist nicht mit überhöhter Geschwindigkeit, aber er bremste eben auch nicht ab. Angeklagt wurde er dann wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen und fahrlässiger Körperverletzung wegen der weiteren Kinder, die eben verletzt wurden.

Außerdem ging es um einen Verstoß gegen das Waffengesetz und um den Vorwurf, Cannabis in nicht geringer Menge unerlaubt weiterverkauft zu haben. Was ist denn da jetzt der Hintergrund? Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden die Ermittler 122,4 Gramm Cannabis. Das ist schon eine gute Menge, auch wenn ich mich da nicht so auskenne.

Während der Fahrt soll Stefan F. außerdem eine nicht erlaubte 9mm-Patrone bei sich gehabt haben. Also die lag im Auto. Also die Anklage bezieht sich da jetzt aber nicht nur auf den Unfall, ne? Da gibt es noch andere Straftatbestände offenbar. Nein, genau. Im Mittelpunkt standen aber die beiden Todesopfer und die verletzten Kinder.

Weitere Vorwürfe kamen dann hinzu. Stefan F. war zur Tatzeit 20 Jahre alt und galt damit als Heranwachsender. Das Gericht musste deshalb später entscheiden, ob er nach Jugendstrafrecht oder nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden sollte oder auch nicht. Wir müssen, glaube ich, nochmal ganz kurz erklären, was Heranwachsender jetzt im strafrechtlichen Sinn bedeutet. Ja, ein Heranwachsender ist jemand, der zur Tatzeit schon 18, aber noch nicht 21 Jahre alt ist.

Ob ein solcher Angeklagter nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird, hängt dann von den Umständen des Einzelfalls ab und von seiner Entwicklung. Bei Stephan F. spielten ja auch frühere Verurteilungen eine Rolle. Genau, 2023 war Stephan F. wegen Raubes zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden und im Jahr 2025 kamen noch Bewährungsstrafen wegen unterlassener Hilfeleistung und, besonders schweren Diebstahls hinzu.

Insgesamt bestand gegen ihn zu diesem Zeitpunkt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Er hatte also mit seinen 20 Jahren schon wirklich einiges angesammelt. Ja, die Familie von Louis war mit der Anklage der Staatsanwaltschaft nicht ganz zufrieden, ne? Nicht ganz. Also erstmal hat die Anklageschrift, glaube ich, nochmal eine neue Welle der Belastung ausgelöst, weil es dann auch so real wurde.

Und die fürchteten, Stefan F. könnte mit einer Bewährungsstrafe nochmal und mit einem Führerscheinentzug davon kommen. Obwohl er ja schon diese Bewährungsstrafen hatte, die offenbar ihn jetzt nicht in die richtige Bahn gelenkt haben. Nicht zur Bewährung gebracht hatten, ja. Und die Familie war auch der Ansicht, dass mehr als bloße Fahrlässigkeit im Raum stehen könnte, nämlich belegende Inkaufnahme der möglichen Folgen.

Und gleichzeitig betonte Louis' Vater mehrfach, dass es der Familie nicht um eine möglichst hohe Strafe gehe, also dass sie nicht diesen Rache-Aspekt haben, sondern für sie war entscheidend, dass, die Anklage aus ihrer Sicht nicht das ganze Verhalten von ihm, von Stefan F., berücksichtigt hat. Er verwies da zum Beispiel auf die gefährlichen Fahrmanöver, die vorher passiert waren, und auf die Rettungsaktion seines Sohnes auch.

Und beides fand seiner Ansicht nach nicht, fand sich nicht ausreichend in der Anklage wieder. Wobei die Rettungsaktion ja im Grunde für die Anklage wahrscheinlich keine so große Rolle gespielt haben dürfte, was als Vater wahrscheinlich schwer zu begreifen ist. Und bei den Berichten über gefährliche Fahrmanöver, das bezieht sich darauf, dass Leute ausgesagt haben, dass er vorher falsch, schlecht gefahren ist, zu schnell oder genau irgendwie über eine Mittellinie oder.

Durchgezogene Linie gefahren ist. Also zwei Zeugen waren einmal an einem Prozestaktor, die eine auffällige Fahrweise festgestellt hatten, bei einem Fahrzeug, das eben so aussah wie seins. Und einem Zeugen mindestens waren auch diese auffälligen Felgen aufgefallen. Da kommen wir ja gleich dazu. Also du hast es gerade schon gesagt, die Eltern von Louis, denen ging es jetzt nicht darum, und nach allem, was wir über sie gehört haben, ist das ja auch plausibel, denen ging es jetzt nicht darum, dass der möglichst lange weggesperrt wird, ne?

Nee, die Familie hoffte eher, dass Stefan F. eben einen Weg aus seinem bisherigen Verhalten findet. Er müsste aber verurteilt werden, damit er nicht mehr so weitermacht wie zuvor. Das hatten sie auch, glaube ich, im Austausch mit diesem Jugendcoach, der selbst schon mal straffällig oder auch inhaftiert gewesen war.

Rausgefunden. Der hatte damals gesagt, wenn ich nicht ins Gefängnis gekommen wäre, hätte ich immer so weitergemacht. Ja, wobei es natürlich auch Fälle gibt, wo das anders läuft. Es gibt auch ganz andere Berichte von Menschen, die erst im Gefängnis überhaupt dann richtig kriminelle Energie entwickelt haben und da vielleicht erst recht abgestürzt sind.

Aber das steht uns jetzt auch nicht zu, das zu beurteilen. Du hast natürlich recht, es gibt solche und solche. Aber die Familie wollte auch, dass er einfach nicht ohne Konsequenzen in die Gesellschaft zurückkehrt, weil er eben schon mehrfach straffällig geworden war. Deshalb, habe ich ja eben gesagt, unterstützt die Luis-Paulo-Stiftung auch die Arbeit eines Jugendcoaches aus Königswünter, der eben solche Jugendliche begleitet.

Also denen war im Grunde die Frage ganz wichtig, also nicht nur die Bestrafung, sondern vor allem die Frage, kann dieser Stefan F. sein Leben noch verändern? Ja, und das ist ja auch wieder so ein Aspekt von Menschlichkeit, dass sie da nicht in dem Angeklagten nicht nur den Mann sehen, der ihren Sohn totgefahren hat, sondern auch einen jungen Mann, der eigentlich auch sein Leben noch vor sich hat und der auch nicht so, böse oder verantwortungslos auf die Welt gekommen ist. Ja, klar.

Im Januar 2026 war dann zunächst noch nicht klar, an welchem Gericht dieser Fall verhandelt werden würde. Ja, das Verfahren lag zunächst beim Jugend-Schöffen-Gericht des Amtsgerichts Brühl. Aber wegen des großen Umfangs, der Komplexität des Verfahrens und der vielen Zeugen legte das Gericht die Akte dann aber bei der Jugendkammer des Landgerichts Köln vor.

Das Landgericht musste dann erst mal prüfen, ob sie wirklich den Fall übernehmen, und die Beteiligten konnten Stellung nehmen. Und im März 2026 hat es dann festgestanden, dass die Hauptverhandlung vor der 27. Großen Strafkammer des Landgerichts Köln beginnen würde. Das hat sie dann auch. Dann beginnt also die eigentliche Hauptverhandlung.

Und da geht es dann um diese ganz zentrale Frage, was ist in den entscheidenden Sekunden passiert? Und ja, vor allem, wie ist Stefan F. dafür zur Verantwortung zu ziehen? Am 18. Mai beginnt also der Prozess vor der 27. Großen Strafkammer und Stefan F. ist zu diesem Zeitpunkt dann 21 Jahre alt, beim Unfall war er 20.

Wie tritt denn dieser Angeklagte im Gerichtssaal auf? Ja, er sitzt neben seinem Verteidiger und lässt zunächst eine Erklärung verlesen. Darin sagt er, die Ampel habe gelb gezeigt, als er sich der Kreuzung näherte. Er habe geglaubt, die Halterlinien noch rechtzeitig überqueren zu können. Und dann habe er nach links geschaut. Als er wieder nach vorne blickte, seien die Kinder auf der Straße gewesen.

Ja, das steht natürlich im Widerspruch zu den Berechnungen dieses Gutachters, das haben wir eben schon kurz gehört, nach denen die Ampel seit vier Sekunden rot zeigte. Das ist schon eine ganze Weile, aber Stefan F. bleibt bei seiner Darstellung auch den ganzen Prozess lang. Nach dem Zusammenstoß sei er dann völlig benommen ausgestiegen.

Er hat selbst den Notruf gewählt, den haben wir auch später im Gericht gehört. Konnte aber dann den Standort wegen seines Schocks nicht genau nennen. Ein Passant hat ihm dann das Handy aus der Hand genommen und die Einsatzkräfte aufgeklärt. Stefan F. hat gesagt, er habe nach den verletzten Menschen geschaut und sei aber dann völlig überfordert gewesen.

Schließlich habe er sich am Straßenrand übergeben müssen. Und beim Eintreffen der Polizei habe er an seinem Auto gewartet. Über seinen Anwalt lässt er außerdem sagen, dass er in seinem Leben bereits viel Mist gebaut habe, so sagt er. Die früheren Verurteilungen seien zu Recht erfolgt. Er habe sich oft nicht an Regeln gehalten. aber immer geglaubt, dass alles gut gehen werde.

Ja, in dem Fall ist es eindeutig nicht gut gegangen. Und er spricht ja dann auch über die Zeit nach diesem Unfall. Ja, er hat dann gesagt, er könne sich nicht mehr vorstellen, jemals wieder Auto zu fahren. Den Unfallwagen hat er verkauft. Und zu dieser Patrone, die in seinem Auto gefunden wurde, hat er dann erklärt, dass er die Monate zuvor in einer Jägerhütte im Wald gefunden hätte. Ja.

Eben sei dann nicht bewusst gewesen, dass der Besitz einer solchen Patrone strafbar ist. Und das Cannabis aus seiner Wohnung habe er gelegentlich selbst geraucht, weil er Schlafprobleme hatte. Wobei, wie gesagt, es ist schon eine nicht unerhebliche Menge gewesen und die haben, glaube ich, vermutet, dass er das dann weiterverkaufen wollte.

Es gab auch einen ominösen Zettel mit. Womöglich Preisangaben und Grammangaben. Das konnte aber im Endeffekt nicht aufgeklärt werden, was es damit auf sich hatte. Und dann an dem ersten Verhandlungstag spricht Stefan F. dann doch selbst und sagt, ich würde mein Leben geben, wenn es die beiden zurückbringen würde.

Das tut mir unendlich leid. Ich wollte ihnen nicht ihr Leben nehmen. Was ich da ganz interessant fand, ist, dass die Eltern von Louis diese Worte nicht hören wollten. Ja, ich glaube für sie war es nicht so wirklich, oder die Frage war einfach nicht entscheidend, ob er sein Leben gegeben hätte oder nicht.

Also er hat sich, glaube ich, vor dem Prozess auch nicht entschuldigt, was natürlich auch juristisch klug ist. Aber ich glaube, sowas hätten sie sich gewünscht. und im Endeffekt ging es einfach um die Frage, wie konnte das passieren? Sie haben auch gesagt, dass er ja ein Jahr lang Zeit gehabt hätte, um dies zu tun, wenn er das wirklich so gemeint hätte.

Genau. Und das denke ich dann auch bei dieser so sehr vorgetragenen Reue im Gerichtssaal. Ich will damit gar nicht sagen, dass ich ihm das nicht abnehme. Aber ich finde auch, ein Jahr ist genug Zeit, um sich dann aufzuraffen und sich, um Entschuldigungen zu machen. Es ist ja am ersten Prozestag dann natürlich auch so, dass der Ermittlungsstand der Staatsanwaltschaft zusammengefasst wird. Können wir da nochmal drauf eingehen?

Was glauben die jetzt, was passiert ist zu diesem Zeitpunkt? Also ein Polizeibeamter, der an den Ermittlungen beteiligt war, berichtet, Stefan F. habe kurz nach dem Unfall gesagt, die Ampel war noch gelb. Ich hoffe, den Kindern geht es gut. Der Beamte beschreibt Stefan F. damals als ergriffen, zeitweise aber abwesend und monoton.

Er fasst auch die Aussagen der Lehrerinnen und Betreuerinnen zusammen. Sie hätten zweifelsfrei grün gehabt. Die Schulgruppe war ja wegen ihrer Größe geteilt worden und ein Teil der Kinder war bereits über die Straße gegangen und wartete auf der anderen Seite. Also die haben dann die nächste Grünphase abgewartet. Genau, also die Länge der Grünphase reichte immer nur sicher für eine Gruppe, deswegen haben sie das so gemacht.

Die zweite Gruppe, in der sich Armin und Louis befanden, stand noch an der Verkehrsinsel. Eine Lehrerin stand links neben dem Ampelmast, Louis rechts daneben. Als die Fußgängerampel für die zweite Gruppe auf grün schaltete, blickte die Lehrerin kurz nach rechts, um die Kinder zu koordinieren. Und in diesem Moment kam dann der BMW.

Das Handy von Stefan F. ist ja auch ausgewertet worden. Was ist da? Was kam da raus? Auf dem Handy fanden die Ermittler Suchanfragen zu Tuning und Fotos von Fahrzeugen. Außerdem gab es Videos, auf denen Stefan F. Und ein Bekannter mit hoher Geschwindigkeit unterwegs waren. Der Homebutton des Handys, so der Gutachter, war zuletzt um 12.07 Uhr betätigt worden, wenige Minuten vor dem Zusammenstoß.

Ein IT-Forensiker sagte aber, daraus lasse sich nicht ableiten, dass Stefan F. das Handy während der Fahrt benutzt habe. Moderne Smartphones überschrieben laufend Systemdaten. Eine sichere Feststellung sei also deshalb nicht möglich. Verstehe. Also Alkohol und Drogen, das haben wir ja eben schon mal kurz gesagt, die waren auf jeden Fall nicht Ursache dieses Unfalls. Also er stand nicht unter dem Einfluss irgendwelcher Mittel.

Richtig. Die Voraussetzungen waren also im Blut kein Alkohol, keine Drogen. Es gab keinen technischen Defekt am Fahrzeug und auch keinen nachgewiesenen Defekt an der Ampel. Die Kinder trugen Warnwesten und waren deshalb gut sichtbar. Die entscheidende Frage blieb deshalb zunächst offen. Warum hielt Stefan F. an der Ampel nicht an?

Am zweiten Verhandlungstag sagen dann eben die Lehrerinnen und Betreuerinnen aus. Das haben wir eben schon angerissen. Und ihre Aussagen sind, wie gesagt, belastend, weil der Unfall dann noch immer wieder im Grunde bei jeder einzelnen Person, die da aussagt, immer wieder nochmal in allen Einzelheiten geschildert wird.

Das war auch recht ergreifend, dass dann, glaube ich, einmal hat Luise Mutter, so einer Lehrerin oder Betreuerin, ein Taschentuch gereicht, weil die auch wirklich aufgelöst war. Und die OGS-Betreuerin war wohl am Ende der Gruppe gegangen. Und Luis und eine Sportlehrerin führten die Kinder an. Die erste Gruppe, wir haben ja schon gesagt, hatte schon die Straße überquert.

Dann wurde die Ampel wieder rot. Und dann hörte diese Betreuerin noch den Satz, alle dicht beieinander bleiben. Und dann wurde die Fußgängerampel wieder grün und der Unfall geschah. Und diese Betreuerin sagte, es sei wie ein Blitzschlag gewesen. Sie habe Menschen durch die Luft fliegen gesehen und dann die Kinder schreien.

Und die Sportlehrerin, die hat ja dann ebenfalls beschrieben, dass da kaum Zeit eigentlich zum Reagieren geblieben ist. Also das muss wirklich in Sekundenbruchteilen alles gewesen sein. Genau, da stimmten die Zeugenaussagen sehr überein. Sie sagte, sie habe das Auto erst im Moment des Aufpralls gesehen.

Dann hörte sie, wie die Kinder schrien und in verschiedene Richtungen davonliefen. Und versuchte, die erstmal wieder alle einzusammeln, zusammenzubringen, zu beruhigen. Du musst dir einfach die Situation, Gott, die armen Kinder. Und die Lehrerin sagte außerdem, die Ampelphasen seien sehr kurz gewesen.

Deshalb wahrscheinlich auch dieses mehrere Phasen. Und deshalb hatten sie schon vor dem Unfall bezweifelt, überhaupt mit der zweiten Gruppe innerhalb einer Grünphase über die Ampel zu kommen. Und Avins Klassenlehrerin war mit der Gruppe schon auf der anderen Seite. Sie hörte den lauten Knall, der dem Umfallen eines Containers glich, beschrieb sie.

Dann sah sie Luis und hörte die Kinder schreien. Und dann hat sie die Kinder wohl erst mal aufgefordert, sich hinzusetzen, damit die nicht überall durch die Gegend laufen. Und setzte auch einen Notruf ab und rief bei der Schule an. Ja, also alle Frauen sagen eben übereinstimmend, dass sie diesen BMW weder haben kommen sehen noch, dass sie den hören konnten oder dass sie ihn gehört haben.

Das Auto war also, eben hast du auch gesagt, wie ein Blitzschlag plötzlich da. Und was ich dann noch spannend fand, war die Polizistin, die da ausgesagt hat. Die hat nämlich von einem beinahe Unfall am Tag drauf berichtet, ne? Ja, genau. Die Polizistin, die dann ausgesagt hat, wohnte in der Nähe der Unfallstelle.

Sie war mit ihren Kindern und einer Freundin dort unterwegs. Also privat, ne? Privat, genau. Die waren beim Gassigehen mit ihrem Hund da. Als eine ältere Frau dann die Straße überqueren wollte, eben genau an dieser Stelle, wo auch die Schulgruppe überqueren wollte. Und ein anderes Auto bremste stark ab und kam nur etwa 10 bis 20 Zentimeter, so sagte sie, vor der Frau zum Stehen.

Die junge Fahrerin sei dann ausgestiegen und habe gesagt, es war gelb. Also ich hatte gelb, ich hatte nicht rot. Die Polizistin bekam deshalb den Eindruck, dass die Ampelschaltung fehlerhaft sein könnte. Sie maß dann später selbst nach und meldete ihre Beobachtung der Polizei. Nach ihrer Messung sprang die Autoampel erst auf rot, kurz nachdem die Fußgängerampel grün gezeigt hatte.

Zwei Polizeibeamte überprüften die Schaltung mit Funk- und Handystoppuhren. Die Zeitangaben ließen sich laut dem Gutachter mit seinen Berechnungen vereinbaren. Also die Zeitangaben der Polizistin. Das heißt, sie haben das nicht bestätigen können? Nein, niemand hat richtig bestätigen können, dass das, was die Frau, die Polizistin wahrgenommen hatte, auch wirklich so war.

Im Nachhinein vermutet man das dadurch, dass sie das per Handy-Anruf mit ihrem Sohn überprüft hat, dass es da Verzögerungen gegeben haben muss. Das hat aber auf jeden Fall für einiges an Verwirrung gesorgt in dem Prozess. Ja klar, wenn da wirklich nicht klar ist, ob da tatsächlich die Ampelschaltung eventuell defekt ist. Das hätte natürlich alles verändert, oder?

Das hat dann auch dafür gesorgt, dass irgendwann noch ein Ampelspezialist hinzugezogen wurde, der das Ganze noch mal aufklären konnte. Also kommen wir mal zu diesem Unfallgutachter. Der hat ja dann am dritten Verhandlungstag seine Berechnungen vorgestellt im Gerichtssaal. Was war denn so die zentrale Aussage? Also er hielt die Beobachtung der Polizisten auf jeden Fall nicht für plausibel.

Ganz ausgeschlossen war die Frage einer fehlerhaften Schaltung zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und deswegen haben sie eben diesen Ampelfachmann hinzugezogen. Für den Unfall, für den Gutachter war der Unfall aber auf jeden Fall vermeidbar. Er ging davon aus, dass Stefan F. mit seinem BMW ungebremst in die Gruppe fuhr.

Er hat erst eine halbe Sekunde nach dem Aufprall, so der Gutachter, angefangen zu bremsen. Wenn man da die Reaktionszeit mit einbezieht, dann hat er die Gruppe wohl erst eine halbe Sekunde vor dem Aufprall gesehen. Genau, das Schloss der Gutachter unter anderem aus der Lage der Verletzten und aus deren Endposition und der Endposition des Autos.

Und Stefan F. nahm die Gruppe also wahrscheinlich erst viel zu spät und, ja, also unwahrscheinlich spät und unverständnisvoll spät war. Und zu diesem Zeitpunkt konnte er schon gar nicht mehr rechtzeitig bremsen, als er sie gesehen hat. Was ist denn die Folgerung des Gutachters jetzt daraus? Ja, der Gutachter vermutet, dass Stefan F. also wahrscheinlich nicht nach vorne geschaut hat, weil sonst hätte er die Gruppe eindeutig sehen müssen.

Die Ampel für die Autos hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Sekunden rot gezeigt. Vier Sekunden, das haben wir eben gesagt, das ist schon eine echt lange Zeit. Und die Fußgängerampel war vermutlich so etwa drei Sekunden grün. Auch wenn die Fußgänger vor dem Überqueren nach links geschaut hätten, hätten sie den BMW nach Einschätzung des Gutachters noch hinter der Haltelinie sehen können.

Eine unmittelbare Gefahr hätten sie deshalb nicht unbedingt erkennen müssen. Das bestätigt ja das, dass das einfach die Uhr plötzlich aus deren Sicht passiert ist. Aber es ging ja auch um den Zustand dieses Autos, dieses BMWs. Ja, der Gutachter stellte fest, dass Stefan F. mit diesem Fünfer-BMW in der Ausstattung, wie er sie gefahren ist, eigentlich hätte gar nicht fahren dürfen.

Er hatte nämlich verkromte Aluminiumfelgen aus China und die waren nicht zugelassen. Und das Fahrzeug hätte damit nach seiner Einschätzung nach faktisch keine Betriebserlaubnis und auch keine bekommen, wenn er den hätte prüfen lassen. Außerdem steckte in der Anschnallvorrichtung eine sogenannte Kurzschlusszunge.

Damit kann verhindert werden, dass das Auto eben akustisch warnt oder piepst, wenn der Fahrer nicht angeschnallt ist. Ob Stefan F. bei dem Unfall tatsächlich nicht angeschnallt war, lässt sich daraus natürlich trotzdem nicht sagen. Aber der Gutachter hält es für wahrscheinlich. Und auf dem Beifahrersitz lag der rechte Außenspiegel. Das war auch sehr ominös.

Nach seiner Einschätzung könnte der Spiegel bereits vor dem Unfall beschädigt oder nicht mehr am Fahrzeug gewesen sein. Dass er durch den Unfall nach hinten geschlagen worden war, gilt der Gutachter für eher unwahrscheinlich. Ausschließen konnte er das allerdings nicht, dass vielleicht die Ermittler diesen, rechten Seitenspiegel einfach nach der Unfallaufnahme in das Auto gelegt hatten.

Aber er ist ja nirgendwo gegen eine Ampel oder sonst was gefahren. Nein, genau. Dann hat auch ein Vater eines der verletzten Kinder ausgesagt. Ja, nach Angaben des Vaters war der BMW über den Fuß seines Kindes gefahren. Der Vater hat gesagt, sein Sohn könne bis heute nicht an der Unfallstelle vorbeigehen.

Und bei einem Schulausflug, kurz vor der Aussage des Vaters, hat der Sohn wohl einen Lehrer gebeten, extra einen Umweg zu nehmen, damit er da nicht mehr vorbeigehen muss. und auch an Ampeln sei das Kind weiterhin ängstlich. Der Junge habe ihm erzählt, Louis habe vor ihm gestanden und ihn mit einer schützenden Handbewegung zurückgehalten.

Der Vater sagte, diese Bewegung habe möglicherweise innerhalb von Sekundenbruchteilen über Leben und Tod entschieden. Der Junge habe außerdem den Eindruck gehabt, dass Stefan F. kurz vor dem Zusammenstoß, nach unten geschaut hatte. Und deshalb wollte die Staatsanwaltschaft an diesen Jungen als Zeugen hören, Die Verteidigung wiederum hat das nicht für vertretbar gehalten.

Ja, der Rechtsanwalt von Stefan F. bezeichnete es als lebensfremd, dass ein Kind in diesem Alter innerhalb von Sekundenbruchteilen sicher wahrnehmen will, wohin der Fahrer guckt. Der Vorsitzende Richter sagte, das Gericht müsste jetzt selbst abwägen, ob eine solche Aussage den Erkenntnisgewinn rechtfertige, eben weil es zu einer Retraumatisierung des Kindes führen würde.

Und es gäbe ja immerhin viele Gründe, warum jemand nach unten schaue. Also auch selbst mit dieser Aussage könne man dann nicht unbedingt belegen, dass Stefan F. am Handy war. Aber trotzdem hat der Richter gesagt Stefan F. hat auf jeden Fall nicht dahin geguckt, wo er hätte hingucken müssen, nämlich nach vorne so ist es, Nach diesen eher technischen Fragen ging es dann um den Angeklagten selbst, um Stefan F., sein Bewährungshelfer. Der hat ja ausgesagt und der kennt ihn seit Januar 2023. Wir haben ja schon gehört, der hat ja schon einiges sich zu Schulden kommen lassen.

Genau, sein Bewährungshelfer berichtete von den früheren Verurteilungen wegen schweren Raubes, schweren Diebstahls und unterlassener Hilfeleistung. Bei einem früheren Vorfall habe Stefan F. gemeinsam mit einem bekannten Motorräder gestohlen. Als der Bekannte bei der Ausfahrt mit diesen gestohlenen Motorrädern dann gestürzt ist, habe Stefan F. ihn zurückgelassen und sei geflohen, weil er Angst hatte, entdeckt zu werden. Immerhin waren die Motorräder ja gestohlen.

Laut Rosinen liefen damals noch weitere Verfahren wegen Körperverletzung und, Diebstahls gegen ihn. Also Rosinen ist der Bewährungshelfer, ne? Achso, ja. Das ist der Bewährungshelfer, genau. Ein weiteres Verfahren wegen Handels mit Betäubungsmitteln sei wegen des aktuellen Prozesses eingestellt worden.

Das haben die also quasi ruhen lassen. Genau. Nach dem Unfall habe er mit Stefan F. gesprochen und der Angeklagte sei stark mitgenommen gewesen und habe gesagt, er bekomme die Bilder von dem Unfall nicht mehr aus dem Kopf. Er habe außerdem gesagt, dass er zwei Menschen auf dem Gewissen und zwei Familien zerstört habe.

Rosin sagte, Stefan F. lebe zurückgezogen und habe derzeit keine berufliche Perspektive. Der Unfall habe sich nur zwei Monate nach einer Bewährungsverurteilung ereignet. Also da stand er das letzte Mal vor Gericht. Danach wäre eigentlich eine stärkere Orientierung an Regeln zu erwarten gewesen, und der Bewährungshelfer sah zwar Reue bei Stefan F., das ersetzte aber keine Veränderung des Verhaltens und seine Prognose für Stefan F., künftig strafreich zu bleiben, war zu diesem Zeitpunkt einfach nicht positiv.

Also er sagte, die Risikofaktoren überwiegen einfach bei seiner bisherigen Lebensgeschichte. Wir kommen dann zum nächsten Prozesstag. Da haben dann auch die Eltern der Verstorbenen ausgesagt über die Folgen dieses Unfalls für ihre Leben. Ja, und das auch nochmal den ganzen Tag so ein bisschen Revue passieren lassen.

Und Markus Jochim, Louis' Vater, erzählt, er war am 4. Juni im Homeoffice, hatte ein Teams-Meeting. Also ganz normal, normaler Arbeitstag. Als ihn die Nachricht erreicht, es ist was passiert, der Sohn ist nicht ansprechbar. Und dann beschrieb er die Gewissheit am Unfallort und in den Tagen danach als das Schlimmste, was man sich vorstellen kann.

Und er sagte, es ist etwas mit mir gestorben in dem Moment. Und nach dem Tod von Louis habe er auch zunächst nur funktioniert. Und er konnte gar nicht mehr sagen, wie lange, wie viele Tage oder Wochen er danach nicht arbeiten konnte. Und obwohl er sich selbst als relativ belastbar einschätzt, das würde ich eher unterschreiben, konnte er zeitweise nicht ohne Beruhigungsmittel schlafen.

Wie ist denn die Familie damit umgegangen? Die haben sich ja auch professionelle Hilfe gesucht, ne? Genau, die Familie hatte schon von Beginn an Unterstützung durch eine Trauerbegleiterin, die auch beim Prozess dabei war. Und später schlossen sich die Eltern auch einer Gruppe für verwaiste Eltern an.

Und der Vater sagte, das sei ihr Versuch, das neue Leben anzunehmen. Und er hat mir das auch mehrfach beschrieben, dass der Trauerprozess, das kennen ja viele Menschen, die schon mal jemanden verloren haben, in so Wellen verläuft. Das heißt, du bist nicht die ganze Zeit super traurig, du funktionierst auch und dann kommt mal wieder so eine Welle.

Genau, und es gab auch Tage, an denen es besonders schwer gefallen ist, weiterzumachen. Und der Grund, warum er noch da sei, seien eben Louis' drei Geschwister. Für Jochem ist die Familie das Zentrum des Lebens. Das hat er auch mehrfach gesagt, man bekommt keine vier Kinder, wenn man keine Kinder mag.

Hoffentlich, ja. Und er zählte von gemeinsamen Urlauben, wie eng die Geschwister miteinander verbunden sind. Und besonders schwer fiel es ihm, über Wochenenden zu sprechen, weil das eben so Zeitpunkte waren, wo die Familie zusammen am Frühstückstisch saß. Und er sagt, es sei nicht fair, dass Louis gehen musste, als er den richtigen Beruf, die richtige Partnerin, den richtigen Verein gefunden hatte.

Ja, das kann man nur unterstreichen. Es ging ja auch in diesem Prozess natürlich um Geldansprüche der Familien. Richtig. Die Familie machte Schmerzensgeld und Hinterbliebenengeld Ansprüche geltend. Das geschieht im sogenannten Adhäsionsverfahren, das dann Teil des Strafverfahrens ist. Das Hinterbliebenengeld gibt es in Deutschland erst seit 2017.

Und das soll natürlich keinen materiellen Schaden ersetzen oder soll auch, um Gottes Willen, nicht den Wert eines Menschenlebens beziffern. Aber es soll bei besonders engen persönlichen Verhältnissen irgendeine Art von Ausgleich für die Trauer und für das seelische Leid schaffen. Es ist also auch an diesem Prozestag dann, dass dann der von dir schon angesprochene Ampelspezialist kommt.

Und da kann dann, glaube ich, diese Frage noch mal endgültig eigentlich geklärt werden, richtig? Genau, der soll jetzt Licht ins Dunkel bringen und sagen, ob die Ampel dann wirklich so funktioniert, wie sie auch funktionieren soll. Und er bestätigt das. Also von dem Zeitpunkt an, an dem die Autoampel auf rot schaltete, blieben acht Sekunden, bis die Fußgängerampel grün zeigt. Okay.

Wir sind jetzt, was den Prozess betrifft, schon kurz vor den Plädoyers. Dann, du hast das eben schon mal kurz gesagt, es werden Handy-Videos gezeigt. Und zwar aus einem Spanien-Urlaub von Stefan F. Kannst du da nochmal ein bisschen genauer drauf eingehen? Ja, diese Videos sollen die Neigung von Stefan F. zu Autos und seiner Fahrweise untermauern.

Auf einem Video, das im Gericht gezeigt wird, zeigt der Tacho bis 200 kmh. Der Motor ist zu hören, im Hintergrund läuft Rapmusik und auf einer weiteren Aufnahme sitzt dann Stefan F. selbst am Steuer. Da fährt er mit dem Auto schnell über eine enge, kurvige Straße durch einen Wald und Serpentinen. Die Straße ist so eng, dass wenn jemand ihm entgegenkommt, wird er mit demjenigen kollidieren.

Was kein Problem ist, wenn man 30 kmh fährt. Da kann man wahrscheinlich noch abbremsen. aber glaube, er fuhr mehr als doppelt so schnell. In einem weiteren Video steht Stefan F. Dann neben diesem Auto mit geöffneter Motorhaube und der Motor qualmt. Und er lacht und sagt dann so halb zu seinem Freund, zwei von drei Autos kaputt, Alter. Und der Freund antwortet dann einfach nur, warum immer mit dir?

Und ich finde, das sagt schon viel. Das sagt viel aus. Und ehrlich gesagt, ich muss da sofort an einen anderen Fall denken. Das ist fast schon unheimlich, diese Parallele. Den Fall haben wir ja hier beide besprochen. Das ist der über den tödlichen Unfall auf der A555, bei dem eine junge Bonnerin und ihre Mutter starben.

Ja, für mich war das auf jeden Fall auch ein ganz erstaunliches Déjà-vu, das ich da hatte, als die Videos gezeigt wurden. Die Videos sind auf jeden Fall eine Parallele. Und in beiden Fällen sind eben auch zwei unbeteiligte Personen gestorben und in beiden Fällen waren es auch 20-jährige Männer, die die Autos fuhren.

Aber, das muss man auch sagen, dieser Fall ist im Gegensatz zu dem A555-Fall kein Raserfall. Denn die jungen Männer auf der A555 fuhren mehr als 200 kmh bei dem Unfall. Und Stefan F. war dagegen mit etwa 55 kmh unterwegs, als er mit der Gruppe zusammenstieß. Er war also nicht mit erhöhter Geschwindigkeit unterwegs. Das ist sehr wichtig, das zu betonen.

Ist also insofern natürlich nicht vergleichbar. nicht vergleichbar ist, auch Stefan F. Mit den Videos, also im Gerichtssaal ist er ein ganz anderer Mensch offenbar. Was sagt er denn jetzt eigentlich? Wie erklärt er diese Videos? Er, also der Richter hat ihn dann zu den Videos befragt und Stefan F. Sagt aber, sein Fahrstil sei normal.

Und in den Videos sei er ja fast gar nicht gefahren, sondern halt vielmehr sein Freund. Und er fahre sonst eigentlich immer nach Richtgeschwindigkeit vielleicht mal 10 kmh schneller. Dann sagt der Richter wieder, ja, aber in einem der Videos fahren sie 200 kmh und in Spanien gilt ein Tempolimit von 120.

Da sagt Stefan F. dazu, dass solch ein Verhalten toleriere er heute nicht mehr. Was auf den Aufnahmen eben zu sehen sei. Er denke inzwischen anders. Gleichzeitig Ich gebe da aber zu, dass er und sein Begleiter doch durchaus Spaß hatten bei diesen Videos. Er hat ja dann auch noch was dazu gesagt, was an diesem Unfalltag los war, also warum er da unterwegs war. Genau, er sei auf dem Weg zu einem Wertstoffhof im Hürter Stadtteil Knapsack gewesen.

Er habe Keramik von einem Katalysator wegbringen wollen, sagt er. Ein Freund mit einer Autowerkstatt habe ihn darum gebeten. Später habe er erfahren, dass dieser Wertstoffhof, zu dem er wollte, bereits geschlossen war. Der Richter fragt ihn dann, ob er gewusst habe, dass ich an der Strecke eine Fußgängerampel befinde. Stefan F. antwortet mit Ja, denn Stefan F.

Wohnt schon sein Leben lang in Hürth. Also er kennt sich da auch gut aus. Auf die Frage, ob dort öfter Fußgänger unterwegs seien, sagt er, nee, eher selten. Und so wie ich diese Dreieckskreuzung kenne, stimmt das auch. Okay. Was die Ampel betrifft, bleibt er ja trotzdem bei seiner bekannten Version. Also er sagt weiterhin, er ist bei Gelb.

Über die Kreuzung. Stefan F. sagt weiterhin, und das schon so weit im fortgeschrittenen Prozess, er sei erschrocken darüber, dass die Ampel vier Sekunden rot gezeigt haben soll. Der Richter hält ihm dann vor, dass er sich widerspreche. Ähm ... Wenn er nach links geschaut habe, müsste er sehr lange nicht nach vorne geblickt haben.

Und dazu kommt das ... Also dann kann er auch nicht gewusst haben, dass es gelb war. Richtig, genau. Er kann nicht gewusst haben, dass es gelb war, wenn er nicht nach vorne geblickt hat. Also er sagt ja, er schaut nach links geschaut. Zumal, das muss man auch sagen, das habe ich mich die ganze Zeit gefragt, links ist da eine sehr lange Zeit an dieser Stelle nur Wald.

Ich weiß jetzt nicht. Wieso er so lange nach links geguckt hat. Das erschließt sich mir persönlich einfach nicht. Die Frage ist also wieder, und auch von dem Richter, ob es möglicherweise dann doch eine Ablenkung durch das Handy gegeben haben könnte. Aber Stefan F. bleibt dabei und verneint das. Dann hat der Richter es mit einer härteren Gangart versucht und hat ihm deutlich gesagt, er soll jetzt reinen Tisch machen.

Die Angehörigen sitzen im Saal und wollen auch verstehen, was passiert sei und das sei er ihnen schuldig. Stefan F. sagt dazu nur, das wisse er, aber bleibt dann trotzdem bei seiner Aussage. Es gibt ja dann noch einen Vorstoß der Nebenklage. Da fragt eben die Nebenklagevertretung Stefan F. auch nach einer Kontaktaufnahme mit Arvins Familie.

Das ist auch so eine bisschen merkwürdige Geschichte, oder? Ja, das war wirklich merkwürdig. Aber ich erzähle es euch mal. Stefan F. sagt halt, er hat die Familie von Arvin über Instagram kontaktiert und nach einem Treffen gefragt, wo er sich eben entschuldigen wollte. Die Nebenklagevertreterin entgegnet, ihr seid kein solcher Kontaktversuch bekannt.

Daraufhin berichtet Stefan F. von Situationen, in denen er nachts Menschen vor seinem Fenster gesehen habe. Also nachdem er die Familie kontaktiert hatte und um ein Treffen gebeten hatte. Er habe nicht gewusst, was sie wollten und starke Paranoia gehabt. Außerdem sei ihm von der Justiz gesagt worden, es habe ein Kopfgeld auf ihn gegeben daraufhin.

Aber er sagt dann, er wolle jetzt nicht sagen, dass Arvins Familie etwas damit zu tun hat. Aber sein Anwalt hätte ihm geraten, erstmal keinen Kontakt mehr aufzunehmen. Also das ist so eine schräge Geschichte. Also ich meine, ja, es fasst den Typen aber sehr gut zusammen. Das sind seine Vorurteile in seinem Kopf, die er da gegen diese Familie hat, wenn du mich fragst. Ganz offensichtlich, ja.

Gut, kommen wir mal dazu, was jetzt bei den Plädoyers Staatsanwaltschaft und Verteidigung und natürlich Nebenklage beantragen. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung nach Jugendstrafrecht. Unter Einbeziehung der Vorstrafen hält sie eine Jugendstrafe von vier Jahren und sechs Monaten für angemessen.

Zusätzlich soll Stefan F. die Fahrerlaubnis entzogen werden. Eine neue Fahrerlaubnis soll frühestens fünf Jahre nach dem Ende der Haftstrafe erteilt werden können und die Nebenklage hat sich dem Antrag angeschlossen. Die Verteidigung dagegen beantragte eine milde Strafe. Dazu muss man noch sagen, dass diese Plädoyers unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden haben, weil auch das Gutachten über.

Die Psyche von Stefan F. unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hat. Das ist also alles, was man nachher durch die Pressestelle des Gerichts erfahren kann. Das heißt, wir können über das psychiatrische Gutachten über ihn jetzt nichts sagen. Das wäre alles Spekulation. Was wir sagen können, ist, dass am 10. Juli 2026 das Urteil fällt.

Ja, und dabei spricht das Landgericht Köln-Staffern F. tatsächlich wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung und Gefährdung des Straßenverkehrs schuldig. Vielen Dank. Er erhält eine Jugendstrafe von vier Jahren und sechs Monaten, wie es eben auch die Staatsanwaltschaft gefordert hat. Eine Bewährungsstrafe kommt also nicht in Frage.

Das Gericht erzielt ihm außerdem den Führerschein und einen neuen darf er frühestens vier Jahre nach dem Ende seiner Haftstrafe beantragen. Im Urteil wird auch Schmerzensgeld und Hinterbliebenengeld für die Angehörigen festgesetzt. Die Eltern von Arwin und Louis erhalten jeweils 20.000 Euro Schmerzensgeld als Erben ihrer Kinder.

Dazu kommen jeweils 25.000 Euro hinterbliebenen Geld für jedes Elternteil. Arvins Bruder erhält 20.000 Euro und die drei erwachsenen Geschwister von Louis erhalten jeweils 10.000 Euro hinterbliebenen Geld. Insgesamt kommen so fast 200.000 Euro zusammen. Warum gab es denn jetzt eigentlich trotz dieser früheren Verurteilungen und der Schwere dieses Unfalls keine Erwachsenenstrafe für Stefan F.?

Das Gericht wendete Jugendstrafrecht an, weil es einen erheblichen Erziehungsbedarf bei Stefan F. erkannte. Diesem könne nur im Jugendstrafvollzug begegnet werden. Dazu muss man natürlich sagen, dass wir, wie eben schon erwähnt, das Gutachten des Psychologen nicht hören konnten. Aber daraus ergibt sich eben, ob jemand in seiner Entwicklung eher einem Jugendlichen oder eher einem Erwachsenen entspricht.

Und offenbar hat der oder diejenige eher zu einem Jugendlichen tendiert. Unabhängig davon, sagte aber der Richter, Stefan F. habe außergewöhnlich viel Leid verursacht. Auch das Maß der Sorgfaltswidrigkeit sei sehr hoch gewesen. Die Auswirkungen habe man an jedem Verhandlungstag gesehen. bei den Angehörigen, den Geschwistern, den Schulbegleitern und den Schülerinnen und Schülern.

Auch für den Richter war der Fall außergewöhnlich. Er sei der emotional und menschlich belastendste Prozess gewesen, an dem er und seine Kollegen auf der Richterbank bisher mitgewirkt hätten. Es ist schon sehr ungewöhnlich, dass ein Richter darauf eingeht, aber das unterstreicht noch mal, wie besonders dieser Prozess war.

Auch sie hätten nicht selten Tränen in den Augen gehabt. Den Nebenklägern sprach der Vorsitzende Richter seinen größten Respekt aus. Trotz des Leids habe er keine Verbitterung erlebt, wie Enes ja auch zu Anfang sagte. Die Angehörigen seien stets freundlich und sachlich geblieben. Was ich noch bemerkenswert fand, vor diesen Plädoyers durften ja die Angehörigen Stefan F. direkt ansprechen.

Ja, und Lilian Jochim, also Louis' Mutter, sagte auch, sie könnte sich vorstellen. Wie schmerzlich es auch für die Mutter sein müsste, die ein Kind hat, das in einem solchen Strafverfahren der Angeklagte ist. Und da siehst du ja auch wieder so viel Empathie, dass sie noch an seine Mutter denkt sogar.

Und sie sagte zu Stefan F., sie haben die Möglichkeit, es in Zukunft besser zu machen. Nutzen Sie bitte die Chance. Und Louis' Vater erklärte, die Familie wünsche sich eine spürbare Strafe, wie gesagt. Nicht um ihm zu schaden, sondern um einen Umdenkprozess anzustoßen. Auch er forderte ihn auf, die Chance zu nutzen, sein Leben neu und positiv auszurichten.

Stefan F. solle künftig einen positiven Beitrag leisten, auch stellvertretend für das Gute, das Louis eben nicht mehr bewirken könne. Und der Richter griff diesen Gedanken auch am Ende in der Urteilsbegründung auf. Stefan F. Hatte zu Beginn gesagt, er würde sein Leben geben, wenn dies Louis und Arwin zurückbringen könnte.

Und der Richter sagte, sein Leben zu geben mache nichts wieder gut. Stefan F. sollte stattdessen von jetzt an was Sinnvolles tun. Und das sei seine Verpflichtung gegenüber Arwen und Louis. Mhm. Was wir noch klären müssen, ist, was denn jetzt mit dem Geld aus diesem Adhäsionsverfahren geschieht, das denen dazu gesprochen wurde.

Also die Familie von Luis, die eben diese Stiftung gegründet hat, will den Großteil des Geldes in die Stiftung geben und damit eben Kindern Projekte für Kinder machen. Und auch ein Teil des Geldes soll für ein Mahnmal verwendet werden. Was an die Unfallstelle kommt. Genau, an der Unfallstelle. Ist dieser Fall jetzt eigentlich rechtlich schon abgeschlossen?

Nee, die Verteidigung von Stefan F. hat Revision gegen das Urteil eingelegt. Und der Bundesgerichtshof prüft das derzeit. Also ob da Rechtsfehler gemacht worden sind. Richtig. Was heißt das jetzt für die Angehörigen und für dieses Geld, das ihnen ja zusteht? Erst wenn das Urteil rechtskräftig wird, dann haben die Angehörigen einen Vollstreckungstitel.

Das bedeutet, dass sie die zugesprochenen Beträge notfalls zwangsweise eintreiben könnten. Aber ob und wann sie dieses Geld tatsächlich erhalten, hängt eben a davon ab, ob das Urteil rechtskräftig wird und b, ob Stefan F. diese Summe auch zahlen kann. Der Prozess hat also geklärt, wie das Gericht die Schuld von Stefan F. bewertet.

Er hat aber natürlich weder Luis noch Arwin zurückgebracht und auch die Folgen dieses schrecklichen Unfalls für die Familien nicht beendet. Und mit den Folgen werden sie ja auch für immer leben müssen. Also das sagt man ja oft, dass was Schlimmste, was jemandem passieren kann, ist dein eigenes Kind zu verlieren.

Und Louis' Eltern und Geschwister finden jetzt eben Sinn in dieser Stiftung und finden darin einen Weg, mit diesem Verlust weiterzuleben. Und arbeiten ja auch ganz konkret an Projekten, zum Beispiel für Sicherheit im Straßenverkehr. Ja, ja. Für Arwins Familie bleibt natürlich ebenso für immer der Verlust ihrer Tochter.

Und für die Kinder, die Lehrerinnen und Betreuerinnen, die den Unfall miterleben mussten, bleiben wahrscheinlich für immer die Erinnerungen an diesen schrecklichen Tag. Ja, das darf man nicht vergessen. Das zeigt auch, wie viele Fragen so ein tödlicher Verkehrsunfall hinterlässt und wie viele Opfer vor allem auch.

Das sind ja nicht nur in Anführungsstrichen diese beiden Opfer, sondern eben auch so viele andere, die das miterlebt haben oder die eben Angehörige sind. Und warum Stefan F. in diesem Moment jetzt nicht angehalten hat und ob er auf sein Handy geguckt hat, das ist ja nicht richtig vollständig aufgeklärt worden.

Auf diese Fragen gibt es keine richtige Antwort. Ehrlich gesagt, das ist natürlich nur eine Vermutung, ich glaube fast, dass Stefan F. das selbst gar nicht beantworten kann oder für sich nicht beantworten kann. Und mein Gefühl war, dass er einfach stur bei diesem, die Ampel war gelb, geblieben ist, um das vor sich selbst irgendwie so zu rechtfertigen.

Oder überhaupt damit leben zu können. Für die Angehörigen bleibt natürlich trotzdem das Wissen, dass Arwin und Louis nicht an diesem Ort hätten sterben müssen. Das hat der Prozess, glaube ich, ganz klar gezeigt. Und wir sind damit am Ende dieser Episode angelangt. Es war ein sehr, sehr trauriger Fall.

Aber ich fand es trotzdem ganz toll, dass ihr uns hier so viel Recherche mitgebracht habt und vor allem auch die beiden Opfer uns so nahe gebracht habt durch eure Berichte. Vielen Dank dafür. Gerne. Und euch allen natürlich vielen, vielen Dank fürs Zuhören. Wie immer, wir sind gespannt auf euer Feedback zu dieser Episode und eine neue Akte Rheinland gibt es natürlich wieder in zwei Wochen.

Bis dahin, macht's gut und tschüss. Tschüss. Das war Akte Rheinland, der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes, Produktionsleitung Andreas Deick, Mitarbeiter Simeon Gerling und andere, Sprecher Daniel Dähling.

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