
Akte Rheinland· Staffel 11· Folge 1
Eine Spur führt nach Bonn – 9/11 und der Attentäter aus Poppelsdorf
Freitag, 11. September 2026 · 53 min
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Shownotes
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Am 11. September 2001 steuerte Marwan al-Shehhi eine Boeing 767 in den Südturm des World Trade Centers. Er war 23 Jahre alt – und er hatte in Bonn gelebt. Auf dem Heiderhof, in Poppelsdorf, am Studienkolleg an der Adenauerallee, möglicherweise am Goethe-Institut. Unauffällig, zurückgezogen, mittelmäßiger Student.In dieser Episode spricht Anna Maria Beekes mit Florian Ludwig, heute Mitglied der Chefredaktion des General-Anzeigers, der damals als freier Mitarbeiter zu den ersten Journalisten gehörte, die über die Bonner Spur berichteten. Sie sprechen darüber, was sich über al-Shehhis Zeit in Bonn belegen lässt – und was nicht. Denn nicht alles, was damals berichtet wurde, stimmte - und hält sich dennoch bis heute als scheinbarer Fakt im Netz.
Was wissen wir über den Weg vom unauffälligen Studenten in Bonn zum Attentäter von New York? Und was sagt das über Radikalisierung, über Prävention – und über Journalismus unter Druck? Die in dieser Folge erwähnte Episode über den Messerangriff in Bonn-Lannesdorf am 5. Mai 2012 findet ihr hier: akte-rheinland-42.blogs.audiorella.com/s8e12-n…
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General-Anzeiger Bonn: ga.de
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Hallo Leute, ich melde mich hier mal ganz kurz mit einer kleinen Info in eigener Sache bei euch. Und zwar, ihr habt es schon geahnt, ja, auch dieses Jahr werden wir mit Akte Rheinland wieder eine Live-Episode aufnehmen. Und weil es so viele von euch gab, die sich gemeldet haben und traurig waren, weil sie kein Ticket mehr bekommen haben, versuchen wir es dieses Jahr mal mit einer etwas größeren Location.
Wir gehen ins Schauspielhaus in Bad Godesberg und zwar am 29. Oktober. Da gibt es dann fast doppelt so viele Plätze wie in unseren bisherigen Locations und wir sind sehr gespannt, ob wir auch das Schauspielhaus vollkriegen. Die Tickets gibt es wie immer bei BonnTicket, den Link poste ich euch natürlich in die Folgenbeschreibung und alle Infos findet ihr auch nochmal unter ga.de slash live minus podcast.
Ach ja, natürlich wird auch Lydia Benecke wieder mit dabei sein. Wir besprechen wie immer einen Kriminalfall aus dem Rheinland. Also holt euch jetzt schnell euer Ticket und seid am 29. Oktober mit dabei bei Akte Rheinland live 2026. Wir freuen uns auf euch. Bonn-Heiderhof. Irgendwann im April 1996. Hier in einer Privatwohnung hat ein junger Mann aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ein möbliertes Zimmer gemietet.
Er erteilt Bad und Küche mit dem älteren Ehepaar, das ihm das Zimmer vermietet. Morgens um 5 Uhr verrichtet er sein Gebet. Er ist höflich, zurückgezogen, hat kaum Besuch. Keine Fotos im Zimmer, keine persönlichen Dinge. Irgendwann teilt er dem Ehepaar mit, dass er nach Hamburg gehen will, um Schiffbau zu studieren.
Dann ist er weg. Er meldet sich nicht mehr. Fünf Jahre später, am 11. September 2001, steuert Marwan Al-Sheehi eine Boeing 767 in den Südturm des World Trade Centers in New York. 2977 Menschen sterben an diesem Tag. Hallo und willkommen zurück zu Akte Rheinland. Wir sind zurück aus der sogenannten Sommerpause und wie ihr sicher mitbekommen habt, so eine richtige Pause war das diesmal nicht.
Und ich hoffe sehr, euch haben unsere Update-Folgen gefallen. Ab jetzt gibt es wieder ganz neue Episoden für euch und wir fangen an mit einem Fall, der überhaupt nicht in unserer Region spielt, aber doch erstaunlich viele Verbindungen in den Bonner Raum aufweist. Mein Name ist Anna-Maria Bekes und mein heutiger Gast ist Florian Ludwig.
Hallo. Hallo, freut mich. Ich erzähle euch das jetzt mal unter uns. Der Florian hat schon sehr lange versucht, mein Gast in diesem Podcast zu sein und jetzt hat es endlich geklappt. Und er war extra noch beim Friseur. So kann man es sagen. Also keine Kosten und Mühen gescheut hier für uns. Florian ist Mitglied unserer Chefredaktion und Leiter des Newsdesk und des Newsmanagements hier im Haus, übrigens auch mein Chef dadurch.
Und heute sprechen wir über die Anschläge des 11. September 2001, die ja fast auf den Tag genau, wenn dieser Podcast erscheint, vor 25 Jahren stattfanden. Damals warst du noch nicht Mitglied der Chefredaktion, noch lange nicht kann man sagen, sondern freier Mitarbeiter hier beim Generalanzeiger. Einfach freier Mitarbeiter, genau. In der Lokalredaktion. Ja.
Also hast ganz normal Termine gemacht. Normaltermine gemacht, genau. Ich habe im Hartberg angefangen und war auch in Bonn unterwegs und ja, da kommen wir ja gleich noch zu. Genau und auf einmal warst du dann eben als freier Mitarbeiter mit so einem richtig großen Thema konfrontiert und mit den Fußspuren, die einer dieser Attentäter von 9-11 hier in Bonn und der Region hinterlassen hat im Grunde.
Über diese Fußspuren wollen wir heute sprechen und darüber, was damals recherchiert wurde, was sich davon erhärtet hat und was eben auch ein Gerücht nur war oder zumindest sich nicht hat verifizieren lassen. Bevor wir das aber tun, kommt das, was immer kommt. Wer unserem Podcast noch nicht folgt, holt das bitte nach. Bitte abonniert unseren Podcast, aktiviert die kleine Glocke bei Spotify.
Bewertet uns mit fünf Sternen und folgt uns gerne auch auf Instagram. Da heißen wir atakte Rheinland. Das Ganze kostet euch nichts und bringt uns ganz viel. Vielen Dank dafür. Ja, ich würde sagen, wir fangen mal mit dem an, was an diesem Tag damals passiert ist. Der 11. September 2001 ist ja für die meisten Menschen, die ihn damals schon bewusst miterlebt haben, einer dieser Tage, wo man noch genau weiß, wo man damals war.
Florian, auch dich hat ja diese Nachricht vermutlich erst mal gar nicht so sehr als Journalist erreicht, sondern ganz privat. Kannst du dich noch erinnern? Ja, also hast du recht. Ich war zwar, soweit erinnere ich mich, irgendwie an dem Tag auch in der Redaktion angesagt. Aber zu dem Zeitpunkt, das war ja morgens, war ein Dienstag und ich war zu Hause.
Ich bin jetzt nicht der Typ, der morgens schon in den Fernseher laufen hat. War ich nicht, bin ich auch nicht, aber manchmal schon und jetzt kommt mal so eine kleine Nerd-Geschichte. Zu der damaligen Zeit habe ich unglaublich gerne so Bundestagsdebatten verfolgt, weil mich das irgendwie interessierte, so Redetechniken.
Wie da gesprochen wird, die Inhalte natürlich auch. Und deswegen lief an dem Morgen der Fernseher. Und ich war relativ früh, es liefen dann diese Bänder natürlich relativ schnell, dass da was passiert ist. Und ich habe umgeschaltet ins Erste damals. Wir alle erinnern uns dann an den relativ überforderten Ulrich Wickert im Tagesverlauf.
Habe relativ schnell da hingeschaltet und habe dann den Einschlag des zweiten Flugzeugs auch live mitgekriegt. Das weiß ich noch. Ich bin dann später auch in die Redaktion und habe da eine, ganz andere Redaktion vorgefunden als die, die man so gewohnt ist an normalen Tagen. Aber zu dem Zeitpunkt war ich zu Hause, ja.
Also ich war auch zu Hause. Ich war zu dem Zeitpunkt, also als das passierte, war ich noch in der Schule. Ich war im letzten Schuljahr, 2002 habe ich Abi gemacht, also kurz danach. Offensichtlich bist du jünger als ich. Ein ganz kleines bisschen. Und ich weiß noch, dass ich mit einer Freundin bei mir zu Hause war und wir hatten gerade irgendwie Nudeln zum Mittag, wahrscheinlich von meiner Mama, gekocht. Vielen Dank dafür.
Und in dem Moment rief eine andere Freundin an, auf dem Festnetz wohlgemerkt. Und die hat dann gesagt, mach mal sofort den Fernseher an, da sind Flugzeuge in Hochhäuser geflogen in New York. Und ich weiß wirklich noch, wie wir auf der Couch saßen und Fernsehen geguckt haben mit diesen Nudeln, mit diesen Nudeltellern.
Und wir haben diese Bilder gesehen, das war völlig surreal und ich weiß noch, dass man eigentlich gar nicht fassen konnte, was man da gesehen hat. Und im Grunde haben diese Bilder, diese Anschläge, die Welt, wie wir sie bis dahin kannten, eigentlich völlig verändert, oder? So muss man es leider sagen.
Die Ziele, die diese Terroristen von Al-Qaida und die Osama Bin Laden verfolgt hat, also sie wollten im Grunde den Kapitalismus der westlichen Welt und das Symbol waren eben diese Zwillingstürme, den wollten sie treffen. Sie wollten eine Überreaktion der USA provozieren und sie wollten letztlich, spalten, die Welt spalten und das ist ihnen leider gelungen und das merkt man heute noch immer wieder.
Ja, wir sagen mal gerade, was an diesem Tag genau passiert ist. Zur Einordnung, 19 Männer, aufgeteilt auf vier Gruppen, entführen an diesem Morgen des 11. September vier Passagierflugzeuge an der amerikanischen Ostküste. Zwei davon werden in die Türme des World Trade Centers in New York gesteuert. Eins ins Pentagon in Washington und das vierte Flugzeug United Airlines Flug 93 stürzt in Pennsylvania ab, nachdem Passagiere versucht haben, die Kontrolle zurückzugewinnen.
2.977 Menschen sterben und auch die 19 Attentäter. Das war der schwerste Terroranschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Und bis heute begegnet einem das ja immer wieder, stimmt's? So ist es. Und bis heute, wenn man auf Social Media für einen Moment den Algorithmus in eine falsche Richtung verlässt, dann kommen einem diese Bilder wieder hoch.
Auch oft dann auch im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien. Aber sei es drum, diese Bilder sind eigentlich immer wieder präsent und haben immer wieder so ein schreckliches Faszinosum irgendwo auch aus. Die Attentäter, das hast du eben schon kurz angesprochen, die gehörten zum Terrornetzwerk Al-Qaida unter Osama Bin Laden. 15 von ihnen stammten aus Saudi-Arabien, einer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, einer aus Ägypten, einer aus dem Libanon.
Und die Verbindung nach Deutschland, die führte vor allem nach Hamburg. Dort hatte sich in den späten 1990er Jahren eine Gruppe von Männern um diesen ägyptischen Studenten Mohamed Atta gebildet, die später als Hamburger Terrorzelle bekannt wurde. Und Atta war es ja dann auch, der am 11. September das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers steuerte. Sein engster Vertrauter in dieser Zelle, das war Marwan al-Shehi. Und dieser Marwan al-Shehi, der hatte in Bonn gelebt.
Was wissen wir denn über den, Genau. Es wird gesagt, er sei Nummer zwei hinter Atta in dieser Gruppe gewesen und hat das zweite Flugzeug gesteuert. Der ist 1978 geboren in einem relativ kleinen Emirat der Vereinigten Arabischen Emirate und kam 1996 zum ersten Mal nach Deutschland hierher, um Deutsch zu lernen und anschließend zu studieren.
Sein Weg führte ihn nach Bonn, vermutlich auch deshalb, weil Botschaften in dem Zusammenhang eine Rolle spielen und wir hier Standort von vielen Botschaften waren. Er hatte ein reguläres Visum. Jedenfalls erhielt er einen monatlichen Beitrag vom Staat, um sozusagen hier seine Ausbildung beginnen zu können.
Die Herkunft, da wissen wir teilweise auch widersprüchliches Vermieter, mit denen wir gesprochen haben. Die sagen, er hatte vermögende Eltern, so habe er sich geäußert. Dann gibt es wieder andere, die zum Beispiel am Bonner-Göthe-Institut über ihn gesprochen haben. Da hieß es, er sei jemand, der eher nicht, im Unterschied zu vielen seiner Kommilitonen, eher nicht über Geld gesprochen habe und da eher zurückhaltend war.
Und die hatten das jetzt eher so interpretiert, dass er eben nicht wohlhabend war. Wie auch immer, er hatte jedenfalls hier teilweise in sehr kleinen Zimmern gewohnt. Von Reichtum war da keine Spur. Aber es heißt zwischendrin, dass seine Mutter Ägypterin gewesen sei und unter einer schweren Augenkrankheit gelitten hat und dass er geplant haben soll, sie hierher zu holen für eine Operation. Bonn war ja auch seit jeher Standort für.
Ein medizinisches Zentrum, wo viele auch aus dem Ausland herkommen und kamen, um sich operieren zu lassen. Und sein Vater soll vor seiner Einreise gestorben sein. Es gibt auch Quellen, die sagen, er sei Muezzin gewesen. Aber insgesamt muss man sagen, das, was über seine Eltern bekannt ist, ist relativ wenig und auch sehr diffus.
Was wissen wir denn jetzt noch über sein Studium, das er ja dann antreten wollte? Also an der Uni Bonn, glaube ich, ne? Genau, da ist aus den Unterlagen der Universität damals zumindest klar geworden, dass er am 20. November 96 hierher kam, um einem Studienkolleg an der Adenauer Allee zugewiesen wurde für ein sogenanntes Propedeutikum, also wenn man so will, eine Vorbereitung auf ein Studium, um dann an einer deutschen Hochstule studieren zu dürfen.
Sein Abschluss, den er hatte, der war nicht direkt anerkannt und musste so einen Zwischenschritt gehen. Dazu gehörte das Lernen der deutschen Sprache und eben auch dieses Pro-Bitte-Eutikum. Aber so richtig leicht gefallen ist ihm das ja offenbar nicht. Nee, das sozusagen übereinstimmend alle Quellen, die wir dazu kennen, ist, dass er Schwierigkeiten hatte.
Leistungsmäßig eher Mittelmaß war und im ersten Anlauf diesen Kurs auch nicht geschafft hat. Er ist nach Hamburg gewechselt, wollte die Prüfung da ablegen und hat es auch da nicht geschafft und ist deswegen ein zweites Mal nach Bonn zurückgekommen. Dann sind wir im Jahr 1999, um dann eben auf Bitten der Botschaft, die Botschaft hat sich damals wohl an die Universität gewandt und gebeten, dass er da diese Prüfung nochmal wiederholen darf.
Und das hat er dann versucht und ist nochmal nach Bonn zurückgekommen. Und dann hat er es ja auch geschafft und hat schließlich diese Erlaubnis bekommen oder die Voraussetzungen erfüllt, um in Deutschland einer Hochschule studieren zu dürfen. Was mich interessiert, wie seid ihr denn damals auf diesen Al-Schehi gekommen? Und jetzt Werbung.
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Also was ich sicher weiß, ist, dass es an einem Sonntag war, als uns diese Nachricht erreicht hat. Ich bin auch relativ sicher, dass wir da eine Art Tipp bekommen haben aus Sicherheitskreisen, dass in Bonn Ermittlungen laufen im Zusammenhang mit den Anschlägen, die ja gerade mal eine Woche her waren.
Also sechs Tage liegen dazwischen, zwischen dem Anschlag und dem Zeitpunkt, von dem wir jetzt hier reden. Es war ein Sonntagsdienst und sonntags sind die Redaktionen nicht so stark besetzt, wie das unter der Woche ist, sondern eher schwach. Und ich hatte jetzt, sagen wir mal, journalistisch gesehen das Glück, da zu sein, im Dienst zu sein und habe an dem Tag die Polizeireporterin vertreten und stand deswegen, ja, war plötzlich mit dieser Geschichte betraut und ich meine, also ich kann mich schon erinnern, dass das schon passiert.
Weil man ja auch sehr stark unter dem Eindruck dieses Anschlags noch war, schon ein großes Ding war, also auch emotional. Und ja, dann ging es los, bin an dem Abend noch unterwegs gewesen und habe verschiedene Orte, die damals schon bekannt waren, an denen sich Al-Sheehi aufgehalten haben soll, besucht.
Und ja, das hat mich dann ein paar Tage beschäftigt. Ja, da kommen wir gleich noch genauer zu. Unter anderem hast du ja im Zuge dieser Recherche mit dem Leiter dieses Studienkollegs gesprochen und mit dem Leiter des Studentenwerks, also des Studentenwohnheims, in dem Al-Sheehe dann später wohnte. Kannst du mal wiedergeben, was die über ihn berichtet haben?
Das hat ja eigentlich ein recht einheitliches Bild dann ergeben, oder? Genau, recht einheitlich waren die alle sehr überrascht davon. Dass es da jemanden gab, der sowas getan haben soll. Also das Erstaunliche ist erstmal, da, sind jetzt Leute, mit denen ich über so einen Anschlag spreche, mit denen ich als Lokalreporter normalerweise darüber gesprochen habe, wieso das Studentenwohnheim an der Stelle so runtergekommen ist und wann da endlich was dran getan wird.
Also mit Ansgar Schuldenzucker zum Beispiel, damals Leiter des Studentenwerks, habe ich beruflich viele Kontakte gehabt, kannte den gut, aber in so einem Zusammenhang natürlich nicht und insofern haben wir. An dem Abend da entsprechend haben wir da gesprochen miteinander über eine, in einer Dimension, die wir uns so nicht vorstellen konnten und die auch nicht, erkennbar war nach allem, was die Aktenlage und so weiter, bei diesen beiden zum Beispiel, bei dem Leiter des Studienkollegs oder bei Ansgar Schuldenzucker.
Schuldenzucker war die Aktenlage einfach ganz unauffällig und das zieht sich ja dann auch durch die Bonner Zeit durch. Unauffälliger junger Mann, da gibt es beim Studentenwerk, gab es zum Beispiel so eine Vierblättchenakte, die einfach die Formalia abgearbeitet hat, dass er da gelebt hat und wie er hieß und das war es. Also weiter ist er sonst nicht aufgefallen, zumindest den beiden nicht.
Und er hatte ja in Bonn, also wir haben schon gesagt, er hat dann im Studentenwohnheim später gelebt, als er sich zum zweiten Mal in Bonn aufhielt, aber es gab ja noch eine weitere Adresse in Bonn. Also bei seinem ersten Aufenthalt hatte Al-Shehi bei einem älteren Ehepaar zur Untermiete gewohnt, in einem Mehrfamilienhaus mitten in einer Wohnsiedlung und da warst du ja auch zum Besuch.
Ja, das war direkt an dem Montag drauf, also einen Tag später bin ich auf den Heiderhof gefahren. Man muss sich das so vorstellen, wir waren als Generalanzeiger jetzt nicht das einzige Medium, was dieses Thema interessiert hat, sondern es gab einen ganzen Tross von Journalisten. Die solchen hinweisen, die natürlich nicht nur bei uns aufkamen, sondern die auch andere Redaktionen erreicht hatten.
Und so sind viele Journalisten an dem Tag auf den Heiderhof gefahren und haben geklingelt bei einem älteren Ehepaar da in einem Mehrfamilienhaus. Und die haben mir damals, das weiß ich heute, noch sehr leid getan, weil die Sicherheitsbehörden waren durch. Das ist ja schon auch aufregend, wenn man da jetzt nicht beruflich mit zu tun hat oder so.
Wenn die Polizei und BKA-Leute befragen und Zimmer durchsucht werden, das war denen schon widerfahren in dem Moment. Und jetzt kamen die Journalisten und gaben sich die Klinke in die Hand. Ich weiß noch, die haben uns zum Beispiel gesagt, also eigentlich am liebsten würden sie jetzt gar nichts mehr sagen.
Sie haben dann aber trotzdem auch mir noch ein bisschen was erzählt, haben dann auch gesagt, dass dieser Marwan Al-Shehi höflich war, zurückgezogen war, kaum Besuch bekommen hat. Nur einmal sei ein Bekannter da gewesen, so haben die sich geäußert damals. Der hatte keine Fotos im Zimmer, keine persönlichen Erinnerungsgegenstände.
Hat jeden Morgen um fünf gebetet und war ansonsten unauffällig. Er hat damals wohl mal erwähnt zwischendrin, dass er monatlich unterstützt wird finanziell von der Armee der Vereinigten Arabischen Emirate. Und dass er vermögende Eltern habe, das hat er wohl auch mal gesagt. Und dann, das weiß ich aber nicht, inwiefern das verifiziert war, das war, glaube ich, da ist die Quelle ein Fernsehsender, der auch hier in der Region beheimatet ist.
Er hat angeblich vor seinem Einzug, dass ein fremdes Militär das Zimmer inspiziert haben. Also das müssen wir tatsächlich mit Vorsicht genießen. Genau, das ist im Bereich der Spekulation, würde ich das eher einordnen. Ja, er hat dann irgendwann nach diesen Wochen und Monaten, dem älteren, sehr freundlichen Ehepaar gesagt, dass es jetzt vorbei sei, dass er jetzt nach Hamburg gehe, um Schiffbau zu studieren.
Und dann ist er abgehauen, war er weg und hat sich auch nicht mehr gemeldet. Das ist denen im Nachgang auch noch mal bewusst geworden, weil das im Unterschied zu den anderen Studenten, die haben sich wohl immer wieder mal auch zwischendurch gemeldet. Wenn man eine Zeit lang zusammen wohnt, dann hat man ja unter Umständen auch eine gewisse Beziehung aufgebaut, Das war in dem Fall aber nicht so.
Also man muss dazu sagen, dass die sich Küche und Bad, glaube ich, sogar geteilt haben. Also das war schon eher eine Wohngemeinschaft, als dass die jetzt wirklich so Vermieter waren, die man nur mal alle paar Monate sieht. Und dann am 11. September standen dann, beziehungsweise am Samstag nach dem 11.
September, so war es, standen dann Ermittler vor der Tür, haben gefragt, ob ein Araber im Haus gewohnt hat und dann gingen die Ermittlungen an der Stelle los. Ich glaube, am Ende war es dann so, dass eine Schriftprobe von Al-Shehi ihm dann die Gewissheit gebracht hat, dass er das tatsächlich war. Der hatte sich in so einer Art Gästebuch bei dem Ehepaar eingetragen und sich bedankt und diese Schriftprobe, damit konnten die Ermittler dann eindeutig sagen, dass er das gewesen ist.
Ja, und meine Frau und ich waren geschockt und sind es noch, haben sie damals gesagt und das kann man ganz gut verstehen. Das glaube ich, ja. Eine weitere Spur neben diesem Studienkolleg und diesen beiden Wohnadressen führte zum Goethe-Institut in Bonn. Da soll Al-Shehi seine Deutschkenntnisse aufgebessert haben.
Wie habt ihr das verifiziert? Also wie habt ihr da recherchiert? Das war aus den Büchern wohl erstmal nicht erkennbar. Der Institutsleiter damals hat den Namen weder in Computern noch in irgendwelchen Klassenbüchern gefunden. Das lag daran, so stellte es sich später raus, dass er sich da als Marwan Legrab, eingetragen hatte. Also dieses Al-Shehi fehlte und damit war es dann schwierig.
Es war aber wohl so, dass an dem Goethe-Institut eine Lehrerin ihn wiedererkannt hat. Da liefen wir dann im Fernsehen, die Bilder dieser Terroristen rauf und runter, und sie hat den dann erstmal im Kopf zugeordnet, einem ihrer Studenten. Und dann haben sie im Jahrbuch nachgeschaut und dann in der Tat gesehen, dass das Al-Shehi war.
Es war dann auch so, dass das BKA da Ermittlungen natürlich durchgeführt hat, wobei da über Ergebnisse, auch über die Ermittlungen der Generalbundesantwaltschaft wenig bekannt wurde und immer mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen wurde man da also eher nicht mit Informationen bedient damals. Die Bonner Kriminalpolizei hat wahrscheinlich als Zuge der Amtshilfe in der Kirschallee ermittelt, da war dieses Studentenwohnheim, in dem er gelebt hat.
Das war aber ebenfalls nicht vollständig wohl aufzuklären, ob er das tatsächlich war. Eine Studentin hat damals dem GA, also das war an diesem ersten Abend, von dem ich vorhin gesprochen habe, hat uns gesagt, die Polizei habe nach einem Mustafa gefragt damals. Das war also, ging es ein bisschen durcheinander offensichtlich auch bei den Ermittlungsbehörden.
Der soll bis 1999 in dem Haus gewohnt haben und... Ja, sie erinnerte sich dann an eine Wohngemeinschaft in dem Haus, in dem drei Araber und eine Frau zusammengelebt haben. Das wurde damals eher in der Konstellation als ungewöhnlich angesehen und deswegen erinnerte man sich daran. Ob aber Al-Shehi ein Teil der WG war oder separat gewohnt hat, all sowas blieb dann unklar.
Du hast gerade schon von dieser Deutschlehrerin vom Goethe-Institut gesprochen, da hatte der Spiegel damals einen ganz interessanten Artikel und die haben auch einen Ausschnitt aus dem Anmeldebogen des Goethe-Instituts von Marwan Alshehi bzw. Da Marwan Leckrab veröffentlicht. Und ehrlich gesagt, das ist wirklich ein bisschen skurril, wenn man sich das anguckt. Das sieht aus wie in einem dieser Freundebücher, die meine Kinder haben und in der Klasse verteilen.
Da hast du also ein Passfoto von diesem jungen Mann, der trägt ein weißes Poloshirt und so eine traditionelle arabische Kopfbedeckung, dieses weiße Tuch mit einem schwarzen Kordelring. Und daneben hat Marwan Al-Sheehi handschriftlich ausgefüllt. Ich heiße Marwan Lekrab dann eben. Ich komme aus Vereinigten Arabischen Emiraten, ich spreche Arabisch, ich wohne in Bonn und dann hat er selbst noch ergänzt, ich esse gern Hähnchen mit Reis und Fisch.
Was würdest du jetzt sagen, was ergibt das alles zusammen für ein Bild dieses jungen Mannes? Man muss ja sagen, der war ja Anfang 20 damals. Letzteres sagt uns viel darüber, wie man damals versucht hat, jungen Menschen die deutsche Sprache beizubringen. Offensichtlich auf eine ganz, lustige Art und Weise. Das würde heute wahrscheinlich auch anders gemacht.
Aber insgesamt glaube ich, wenn man jetzt seine Bonner Zeit betrachtet und die Spuren, die er hier... Der Generalanzeiger hat damals getitelt, eine Spur der Terroristen führt nach Bonn. Das war schon natürlich eine starke Schlagzeile, die man so zum Glück nicht alle Tage hat. Dass das aber, da war jemand, der hat hier Spuren hinterlassen, dass das aber ein Terrorist war oder werden sollte, das war zu der Zeit überhaupt nicht zu erkennen.
Zumindest ist das bei allen Beteiligten, die ihn damals getroffen haben und dann hinterher über ihn sprechen konnten, einheitlich so ausgesagt worden. Also ein auffällig, unauffälliger junger Mann in dem Sinne. So kann man es sagen, genau. Ja, und dann war da ja noch als weitere Spur, ich sage es mal in Anführungsstrichen, Hangeler.
Und das ist der Teil der Geschichte, der eigentlich damals für ganz besonders viel Aufsehen gesorgt hat, der sich im Nachhinein, oder was heißt im Nachhinein, eigentlich damals ja schon, als der am wenigsten Gesicherte, vorsichtig ausgedrückt, herausgestellt hat. Was war das, was wurde da berichtet und was steckt da dann am Ende dahinter?
Ja, das war, glaube ich, deshalb so aufsehenerregend, Weil das tatsächlich, wenn es denn gestimmt hätte, wäre das ein Anhaltspunkt dafür gewesen, dass der sich hier in Bonn tatsächlich auf so einen Anschlag vorbereitet hat. Also die Geschichte geht so, dass der Stern und RTL, glaube ich, waren es, berichtet hatten, dass Al-Shehi am Flugplatz Hangela, also hier bei uns um die Ecke, Flugstunden genommen haben soll.
Und nun ist er ja kurz vorher mit einem Flugzeug in einen der Twin Tower Türme, geflogen. Und insofern war natürlich das. Ein ganz besonders brisanter Zusammenhang. Da hat er möglicherweise in Hangela gelernt, so ein Flugzeug zu fliegen. Das ist ja der Zusammenhang, den man sofort im Kopf herstellt. Dann ging es noch um die Flugroute. Die war auch besonders spannend, die er damals genommen haben sollte. Nämlich über die Harthöhe, am Kölner Dom vorbei.
Harthöhe, muss man dazu sagen, Verteidigungsministerium. Genau, also da. Wo die Bundeswehr ihr Hauptquartier hat. Und dann über Chemiefabriken in Köln, in Godorf und Wesseling zurück. Also alles brisante Punkte und mögliche Anschlagsziele, die er da genommen haben soll. Und genau, das Regierungsviertel hat er auch noch überflogen oder soll er überflogen haben. Was sich davon aber erhärten ließ, war am Ende eigentlich gar nichts.
Es war relativ schnell so, dass auch der Leiter des Flugplatzes in Hangela da relativ schnell Fragezeichen hinter die Schilderungen eines Fluglehrers war das, gesetzt hat, weil er sagte, aus unseren Büchern und es ist keinerlei, es ist so ein Flug nicht zu erkennen. Das war ein Fluglehrer, der, und das stellte sich dann im Zuge unserer Recherchen heraus, der vielleicht ein bisschen viel erzählt, also der irgendwie andere Interessen hatte, als da sozusagen jetzt den Ermittlungen weiterzuhelfen.
Ich habe dazu mit Rainer Gless gesprochen, das ist heute der Betriebsleiter des Flugplatzes Hangelar. Damals hatte der gerade als Beigeordneter bei der Stadt St. Augustin angefangen. Aber der hat sich für uns mal ein bisschen auf Spurensuche begeben. Vielen Dank dafür. Ihr hattet euch ja damals auch schon auf Spurensuche begeben.
Was ich da aber wirklich noch mal interessant fand. Erstmal, er hat das bestätigt, was du gerade gesagt hast. Es gibt wirklich in diesem Hauptflugbuch, das ist das Buch, wo alle Starts und Landungen verzeichnet sind und alle Fluglehrer und Schüler. Da gibt es absolut gar keinen, aber auch wirklich null Hinweise darauf, dass Marwan Al-Shehi jemals dort eine einzige Flugstunde gehabt haben könnte.
Aber was ich noch ganz interessant fand, es konnte, also so hat mir das Rainer Gless erklärt, gar nicht sein, dass er dort Flugstunden genommen hat, weil der Flugplatzhangeler damals wohl noch gar keine Zulassung für diese Ultraleichtflugzeuge hatte, mit denen er da angeblich kam. Das soll das gewesen sein, so ein Ultraleichtflugzeug. Das wurde damals sehr detailliert auch geschildert. Also die Geschichte kam so an, als müsste da was dran sein, weil bis zum letzten Komma dieses Flugzeug auch bezeichnet war.
Ja, aber war dann eben anders. Also genau wie du sagst, es ging alles auf die Schilderung dieses Fluglehrers zurück und der, Flugplatz hat dann auch eine Anfrage eines Fernsehsenders bekommen, hat diese Anfrage dann auch wohl entsprechend beantwortet, also nach dem Motto, kann gar nicht sein, ist hier nirgendwo verzeichnet und wäre auch gar nicht möglich gewesen.
Rainer Glessack, das haben die denen auch mitgeteilt, auch rechtzeitig vor Redaktionsschluss, es wurde dann aber trotzdem so ausgestrahlt, also mit, all diesen angeblichen Informationen und was ich daran echt wahnsinnig finde, ist, dass du bis heute das nicht rauskriegst, dieses Gerücht, in Anführungszeichen, oder diese Fake News.
Also es hält sich bis heute und wenn du das googelst, also wenn du Marwan Al-Shehi-Hangela googelst, dann macht dieser KI-Modus daraus dann ja, direkt mal ein Fakt. Ich zitiere, der 9-11-Terror-Pilot Marwan Al-Shehi, der am 11. September das Flugzeug bla bla bla steuerte, absolvierte im Oktober 1999 Rundflüge vom Flugplatz Bonn-Hangeler aus. Also es steht dann da, als wäre es die Wahrheit.
Und dabei ist es vielleicht, ja, oder ganz sicher nur ein Fluglehrer, der einem einzelnen oder zwei Medien was erzählt, das sich nie verifizieren lässt. Und interessanterweise habt ihr ja damals das überprüft und schon berichtet, dass es keinerlei Beleg für diese angeblichen Flugstunden gibt. Und das war dann am 6. November 2001, hat man so in unserem Archiv entdeckt.
Aber im Internet findet man das leider nicht so schnell und so bleibt dieses Gerücht in der Welt. Genau, man bekommt den Eindruck, da ist ein Fluglehrer, der sich so ein bisschen einen Eintrag in die Geschichtsbücher sichern wollte. Das wäre ihm gelungen. Er hat damals aber, glaube ich, nicht damit oder zumindest nicht einkalkuliert, dass er sich auf einem Feld bewegt, in dem damals ja alle möglichen Sicherheitsbehörden und Geheimdienste unterwegs waren.
Und jeder Hinweis wurde sofort natürlich verfolgt. Und diesem Fluglehrer war dann bereits im Oktober oder November war das, hat die Staatsanwaltschaft Bonn dann gegen diesen Fluglehrer ermittelt, wegen Verdachts des Betruges, weil eben zunehmend sich herausstellte, dass das alles nicht so richtig stimmte, was er da erzählt hat.
Und es wahrscheinlich am Ende, wir können ihn nicht mehr fragen, vielmehr darum ging, sich Exklusivverträge, die er damals mit dem Stern und RTL ausgehandelt hatte und die uns auch die Recherche an der Stelle erschwert haben. Sich da ein bisschen Geld zu verdienen. Darum ging es dann wohl, ja. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei mir ist das so, wenn ich ein Thema habe, das mich total interessiert, dann kann ich dazu eigentlich nicht zu viele Podcasts hören.
Deshalb gibt es jetzt hier für euch eine Podcast-Empfehlung. Sascha und David beschäftigen sich bei das Prinzip Mord auch mit Kriminalfällen und zwar aus Ermittlersicht. Er hat die Leiche ausgeladen, hat sie dann um diesen Brückenpfeiler rumgeschleift, angestoßen, dass die dann die Böschung runterrollt. Er sagte, ich kann das Bild von ihr mit dem Holzstück im Mund nicht mehr loswerden.
Ich bin dann vom Rechtsmediziner angerufen worden. Der hatte das Skelett zusammengesetzt und es war voller roter Striche. Da habe ich gefragt, was ist das denn? Ja, das sind alles Stichverletzungen. Hallo, mein Name ist Sascha Lapp. In unserem Podcast Das Prinzip Mord erzählen Mordermittler, Kriminaltechniker und Staatsanwälte von ihren härtesten Fällen.
Sie nehmen uns mit an die Tatorte und erzählen, was sie vorgefunden haben und wie sie den Tätern auf die Spur gekommen sind. Jeden zweiten Freitag überall, wo es Podcasts gibt. Das ist mir, ich weiß noch, wie heute eiskalt den Rücken runtergelaufen ist. Ich wusste genau, wir haben ihn. Du hast jetzt gerade gesagt, dieser Fluglehrer, der hatte offenbar Exklusivverträge mit bestimmten Medien.
Das heißt, der hat da offensichtlich auch von denen Geld bekommen für seine, angeblichen Informationen. Und euch hat das irgendwie so ein bisschen das Leben schwer gemacht beim Recherchieren, weil er dann nur mit denen gesprochen hat und nicht mit euch, oder? Genau, wir sind gar nicht bis zu dem durchgekommen, wenn ich das richtig weiß.
Es hat damals eine Kollegin gemacht. Die hat versucht, sie zu kontaktieren und ist dann nur bei einem Manager, in Anführungsstrichen, gelandet, der ihr dann gesagt hat, dass es da eine exklusive Vereinbarung mit eben diesen Medien gibt und dass man dazu deswegen jetzt nichts sagen könne. Wir waren dann also darauf angewiesen, die groben Umrisse dieser Geschichte, die wir ja gerade besprochen haben, erst mal so zu übernehmen und den anderen Medien zu glauben, dass er das so gesagt habe.
Und haben dann eben drumherum recherchiert und am Schluss eben auch festgestellt, dass da ja große Zweifel anzumelden sind und am Schluss das Ganze eben eine Luftnummer war. Inzwischen wissen wir ja auch, da kommen wir später noch zu, wo sie dann tatsächlich das Fliegen gelernt haben. Ja, richtig, genau.
Was man zu diesem Fluglehrer noch sagen kann, um das abzuschließen, ist, dass er tatsächlich den Flugplatz offenbar, so sagte mir Rainer Gless, recht schnell verlassen hat, Wenig verwunderlich. Und er ist wohl schon vor einiger Zeit tödlich verunglückt. Also man kann ihn auch jetzt nicht mehr dazu befragen, was er sich denn damals dabei gedacht hat.
Aber kommen wir zurück zu dem, was wirklich stimmt. Denn diese Bonner Spur, die ihr da recherchiert habt damals, die war ja absolut real. Das war ja keine Luftnummer. Das ist alles verifiziert und belegbar und auch belegt. Aber was mich dann noch interessiert ist, ihr habt ja, glaube ich, innerhalb von wenigen Tagen recherchiert und wahrscheinlich auch unter einem ganz enormen Druck von außen.
Wie war das? Was waren denn so die größten Schwierigkeiten, abgesehen von irgendwelchen Exklusivverträgen? Ja, das war eben das, was ich vorhin schon kurz erwähnt hatte, dass man auf einmal in einem Themenumfeld von internationalem Terrorismus unterwegs war, von jetzt auf gleich. Und insgesamt unter dem Eindruck dieser Anschläge war, die uns Journalisten ja genauso beeindrucken wie normale Menschen auch oder andere Menschen auch.
Und ja, diese Gemengelage war halt schon, also man arbeitete sehr unter Adrenalin damals. Dazu kam, dass sehr viel, in Anführungsstrichen, Konkurrenzmedien unterwegs waren und man diesen Themen dann eben auch so ein bisschen hinterherhächelte. Aber am beeindruckenden war sicher der ganze Hintergrund dieses Themas und.
Dieser schreckliche Anschlag, den bis dahin ja so, also kannte man ja bis dahin nicht so eine Dimension. Und ja, das war der Punkt. Ja, dieser Attentäter, Marwan Al-Sheehy, der war, als er in Bonn lebte, ich fasse das nochmal zusammen, Anfang 20, hat morgens um fünf gebetet, war höflich, zurückhaltend, mittelmäßiger Student.
Dann zieht er nach Hamburg und dann steuert er ein Flugzeug in ein Hochhaus. Mit dann 23 Jahren ist er am 11. September 2001 der jüngste dieser Terroristen. Was ist denn dazwischen passiert? Was ist dieser Weg, den er da gegangen ist? Ja, also zwei Jahre liegen dazwischen und. Ich sage mal einschränkend, was da wirklich passiert ist und, ob in dieser Zeit, was sehr wahrscheinlich ist, bei ihm im Kopf die Radikalisierung, begonnen und dann in diesem Anschlag geendet hat.
Das können wir ihn nicht mehr fragen. Das könnte am Ende nur eher sicher beantworten. Aber es gibt natürlich zahlreiche Indizien und Faktenwissen, was einem da doch ein Bild zeichnet, dass diese Radikalisierung mutmaßlich in diesen zwei Jahren in Hamburg stattgefunden haben muss. Was wir wissen ist, dass er da auf Mohamed Atta getroffen ist.
Das ist ein Name, der auch vielen bekannt ist seit diesen Anschlägen. Atta war der Kopf des Ganzen. In Hamburg hat er mit Al-Shehi zusammengelebt. Atta ist 1968 in Ägypten geboren, ist also ein paar Jahre älter als Al-Shehi. Er hat in Kairo Architektur studiert und ist seit 1992 in Hamburg-Harburg und hat da dann Stadtplanung studiert, hat sein Studium abgeschlossen, Diplomarbeit über die Altstadt von Aleppo verfasst und seine Betreuer damals haben von einer soliden Arbeit gesprochen.
Nach außen war dieser Atta ein fleißiger und pedantischer Student, nach dem, was über ihn bekannt ist und nach innen radikalisierte er sich zunehmend und das fand eben in dieser berühmten Hamburger Terrorzelle statt. Vor allem an der Al-Qud-Moschee in St. Georg, da traf er Gleichgesinnte, da hat er Hassprediger gehört und Schlüsselfiguren auch getroffen, wie zum Beispiel Mohammed Haidar-Sama, Hamburger Kfz-Schlosser, der Atta und seine Gefährten, für den Dschihad begeisterte und auch Kontakte nach Afghanistan vermittelte, wo Atta Ende 1999 hinreiste.
Und begleitet von drei weiteren Männern aus Hamburg, um da eine erste Ausbildung in Al-Qaida-Lagern, in den berühmten Terror-Lagern zu beginnen. Ja, Mohamed Atta gilt ja als der intellektuelle Kopf dieser Hamburger Zelle. Und das ist wirklich ein Mann gewesen mit einer ganz tiefen Verachtung für die westliche Welt, für Modernisierung und für alles, was er so in seinem Glauben als Verfall oder seiner Vorstellung von Glauben als Verfall wahrgenommen hat.
Und der hatte eine Wohnung in der Marienstraße 54 in Harburg und da hat sich dann nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft diese Terrorzelle gebildet, die die Anschläge vom 11. September maßgeblich geplant hat. Und da ist ja dann auch unser Al-Sheehi hingezogen, richtig? Genau, kam aus Bonn 1999 dann in die Marienstraße.
Die beiden wurden enge Freunde, so beschreiben das die Sicherheitsbehörden auch, waren unzertrennlich, Die waren ungewöhnlich eng. Al-Shehi hat sich dann da für Elektrotechnik, nicht für Schiffbau, wie man in Bonn noch glaubte, eingeschrieben. Und ja, dann haben die da vorgeblich ein Studentenleben weitergeführt.
Tatsächlich hat die Gruppe sich dann in der Zeit auf den Anschlag vorbereitet. Ein Anschlag dieser Dimension, da sind sich alle einig, erfordert jahrelange minutiöse Vorbereitungen. Insofern muss das diese Zeit sehr geprägt haben für die beiden. Und im Mai 2001, also einige Monate vor dem Anschlag im September, verließ Al-Shehi dann Deutschland Richtung USA.
Gemeinsam mit Atta hat er dann da gelernt, wie man ein Flugzeug steuert, nämlich in Florida. Bei der Firma Huffman Aviation, hat er ein Pilotentraining gemacht und ist da auch Stunde um Stunde in einem Flugsimulator gesessen, der ein Flugzeug, also in einem Flugsimulator des Flugzeugs, das er dann später in den Tower gesteuert hat.
Was ich da so interessant finde, ist, in Bonn gab es ja keinerlei Anzeichen für irgendeine Radikalisierung von Al-Sheehi. Auch wenn das dann nachher teilweise unter anderem durch diese Fake News des Fluglehrers so aussah, als hätte er sich da schon radikalisiert. Was mir noch aufgefallen ist in der Recherche, ist, der Rektor der Uni Bonn, hat damals zur Besonnenheit gemahnt und hat ausdrücklich davor gewarnt, jetzt, gegenüber allen muslimischen Studierenden da irgendwelche Beschuldigungen zu äußern, was ja in solchen Fällen manchmal dann passiert.
Und er hat damals gesagt, Zitat, diese Universität lebt von ihrer internationalen Atmosphäre und wir sind schockiert, dass offenbar einer der Verbrecher die Gastfreundschaft unserer Universität in Anspruch genommen hat. Und ich würde das mal zum Anlass nehmen, noch mal auf einen anderen Fall zu sprechen zu kommen, den wir hier schon mal besprochen haben.
Und der ist völlig anders als 9-11, aber so ein paar Parallelen könnte das schon geben. Denn genau wie Marwan Al-Sheehi und alle anderen Terroristen des 11. September haben wir da über einen Salafisten gesprochen, Nämlich über Murat K., der am 5. Mai 2012 in Bonn-Lannisdorf während einer eskalierten Demonstration mit einem Messer auf einem Polizisten und eine Polizistin eingestochen hat.
Ich verlinke diese Episode natürlich in der Folgenbeschreibung, was mich jetzt aber interessiert. Auf den ersten Blick haben Murat K. Und Marwan Al-Shehi wenig gemeinsam. Und diese Taten möchte ich natürlich überhaupt nicht miteinander vergleichen. Al-Shehi war Teil eines, wie du gerade sagtest, jahrelang geplanten, international koordinierten Anschlags mit fast 3000 Todesopfern.
Das ist natürlich eine völlig andere Dimension, aber die Muster darunter, die kann man sich ja trotzdem mal genauer anschauen. Zu Murat K., der kam aus einer nichtreligiösen Familie, der scheiterte beruflich, wurde kriminell, saß im Gefängnis. Und im Salafismus hat er dann im Grunde eine Bedeutung gefunden, also eine Gruppe, die ihm im Grunde Bedeutung gab.
Und unser Kollege Rüdiger Franz, mit dem ich diese Landesdorf-Episode gemacht habe, der hat das so beschrieben, wenn ich mangels Bildung oder Perspektive keine Anerkennung finde, dann suche ich sie mir bei denen, die sie mir versprechen. Meinst du, das könnte auch auf Mawar al-Shee passen oder ... Trifft es das nicht? Ich würde sagen, das trifft es eher nicht.
Also man hat ja, also an seinem Werdegang sieht man ja, dass er zwar kein Überflieger war, aber doch auf einem Bildungsweg war. Und wenn er den weitergegangen wäre, wahrscheinlich den auch erfolgreich abgeschlossen hätte. Also ein Verlierer-Image haftet Al-Shehi eigentlich noch nicht an. Also insofern glaube ich eher, es ist natürlich Spekulation jetzt zu fragen, ob er schon mit solchen Plänen und Gedanken nach Deutschland gekommen ist im Jahr 1996.
Das glauben wir alle eher nicht, sondern dass diese Radikalisierung dann auch, in den entsprechenden Kreisen, in der Alkut-Moschee und drumherum in der Hamburger, Terrorzelle stattgefunden hat. Also insofern ist das Bild komplizierter. Er kam auch nicht aus einer sozial schwachen Situation, hatte ein Stipendium und möglicherweise vermögende Eltern.
Nicht gescheitert im sozialen Sinne, wenn auch akademisch überfordert. Aber dass das ausreicht, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Denn was ihn mit Murat K. verbindet, ist die Gruppe. Al-Shehi brauchte Atta. Und ohne Atta gibt es vermutlich auch keinen Al-Shehi als Attentäter. Also du glaubst, dass er sich erst mit Atta radikalisiert hat?
Genau, Murat K. war sicherlich eher getriggert von dieser aufgeheizten Menge in Landesdorf. Und das kollektive Gebet, was dann zur Eskalation geführt hat. Unterm Strich, beide haben nicht allein gehandelt und beide haben diese Gruppe gebraucht, um zu tun, was sie taten. Da könnte man vielleicht einen Zusammenhang erkennen.
Eine Parallele ist auf jeden Fall, dass beide vor ihrer Tat für die Behörden gar kein Thema waren. Oder, nein, nicht kein Thema, das wäre gelogen, aber die Behörden haben zumindest nicht diese Dimension erkannt. Über Al-Schehi haben wir ja ausführlich gesprochen, in Bonn war der total unauffällig. Und Murat K., der galt als unbedeutende Randfigur des Salafismus, war er wahrscheinlich auch, aber an diesem 5. Mai hat er dann eben doch ein Messer gezogen und zwei Menschen potenziell lebensgefährlich verletzt.
Und ich glaube, das ist auch das eigentliche Problem. Es gibt ja ganz oft bei diesen Menschen kein Warnsignal, das man jetzt übersehen hat. Ich glaube, das ist das wirklich Schlimmste und Unbehaglichste an solchen Geschichten. Es gibt keine einfache Erklärung und du kannst keinen Moment finden, an dem du sagst, ja okay, hier hätten die Behörden oder wer auch immer eingreifen müssen oder können.
Das ist, glaube ich, das Schlimme. Das stimmt. Also man muss dazu wissen, dass, dieser Anschlag und die Tatsache, dass dann drei von vier. Terrorpiloten aus Deutschland kamen und sich in Deutschland vorbereitet haben, natürlich für unglaubliche Umwälzungen auch bei den deutschen Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten nach sich gezogen haben.
Das war also unterm Strich alles in allem auch ein großer Geheimdienstskandal. Darüber könnte man noch mal eine eigene Folge machen. Weil natürlich, die hatten all die Namen irgendwo auf dem Schirm, auch aus dieser Hamburger Terrorzelle, die war im Blick der Geheimdienste. Die haben nur eben, in Anführungsstrichen nur, aber sie haben den Moment verpasst, in dem eben klar wurde und jetzt geht es los, jetzt findet ein Anschlag statt.
Und ja, das kam zu größten Verwicklungen mit den USA auch an der Stelle. Ich weiß noch, Otto Schilly hat sich damals entschuldigt bei einem Besuch in Washington. Und ja, es hat sehr viel Aufarbeitung nach sich gezogen. Und insofern, ob das heute noch passiert, ich meine, wir haben gerade den Anschlag auf den CSD in Berlin hinter uns.
Auch da ging es um islamistisch radikalisierten Menschen, der auch im Blick der Behörden war. Und trotzdem ist es passiert. Also irgendwo bleibt am Ende immer so eine Art Ohnmacht. Fürchte ich. Vielleicht können wir zum Abschluss noch darauf kommen, wie damals denn die Bonnerinnen und Bonner eigentlich reagiert haben. Bonn war ja 2001 noch eine ganz andere Stadt, denke ich mal, als heute. Was haben die denn gesagt?
Wie fanden die das oder wie haben sie darauf reagiert, dass einer dieser 9-11-Attentäter quasi unter ihnen gelebt hatte? Also das hat die Bonner natürlich interessiert, aber das hat sie jetzt nicht, aufgewiegelt, sage ich mal. Also die Bonner sind seit jeher gewohnt. Internationale Stadt zu sein und durch die ganzen Botschaften auch alle möglichen Nationen hier zu beherbergen. Insofern sind die da wahrscheinlich, was das angeht, waren sie einen Schritt weiter als viele auch in den USA.
Da gab es ja auch hunderte von Festnahmen von Unschuldigen im Nachgang dieser Anschläge, einfach weil jemand aussah, wie er eben dann aussah und Nachbarn ihn dann angezeigt haben, ihn oder sie. Und das alles ist in Bonn nicht passiert. Also insofern hat man hier sehr besonnen reagiert, wenn auch natürlich aufgewühlt.
Und beschockt von dem Ganzen. Jetzt sind wir 25 Jahre weiter. Wie blickst du denn heute auf diese Ereignisse zurück und was glaubst du, was können wir vielleicht daraus auch ableiten oder vielleicht auch lernen? Ich würde gerne sagen, dass die Welt am Ende aus diesen Anschlägen gelernt hat. Ich fürchte aber, davon sind wir leider sehr weit entfernt. Ich habe gerade schon gesagt, wir hatten gerade Anschlag auf den CSD.
Wir sehen, dass die Gesellschaft, in der wir leben, zunehmend gespalten ist, was natürlich auch mit solchen Dingen zu tun hat. Und insgesamt in der Welt, die USA im Krieg mit dem Iran, ähnliches mehr, muss ich alles jetzt nicht aufzählen. Aber dass sich die Menschheit angesichts solcher Anschläge besonnen hätte, um das Ruder rumzureißen, das kann man leider nicht sagen.
Insofern bin ich da skeptisch. Aber ja, verliere die Hoffnung nicht, das wäre ja auch schlimm. Aber ich glaube, wir haben da noch einiges vor uns, um wieder in ein Fahrwasser zu kommen, wo wir sagen, jetzt leben wir wieder in Frieden. Und trotzdem in einer offenen Gesellschaft. Das war ja, glaube ich, das hat so im Vorgespräch gesagt, dass das im Grunde dieser Spagat ist, eine offene Gesellschaft zu ermöglichen und trotzdem eben sowas möglichst nicht zuzulassen. Absolut.
Offene Gesellschaft und einen gerechten Staat, einen Rechtsstaat. Das ist ja der Gerät immer unter Druck, wenn es solche Anschläge gab. Das war nach dem 11. September so, Stichwort Guantanamo und Festnahmen von völlig Unschuldigen, die überhaupt nicht wussten, warum sie festgenommen wurden teilweise.
Das war in Deutschland anders, es ist in Deutschland anders geblieben, aber auch in Deutschland, Stichwort zurück, Berlin, CSD, dieser Mensch, der beobachtet wird von der Polizei und trotzdem so einen Anschlag durchführt, auch da gerät der Rechtsstaat natürlich unter Druck und da muss man am Ende aber...
Denke ich oder bin ich von überzeugt, dem Rechtsstaat den Vortritt lassen. Auch wenn die Emotionen hier und da was anderes einfordern würden. Ja, vielen Dank, dass du da warst. Danke, dass du uns von der Recherche berichtet hast, extra beim Friseur warst. Und euch danke ich natürlich wie immer ganz herzlich dafür, dass ihr auch dabei wart, dass ihr zugehört habt, zugeschaut habt.
Und ich freue mich auf euer Feedback zu dieser Episode. Schreibt uns eure Fragen, Anmerkungen oder Hinweise. Als Kommentar bei Spotify oder YouTube meldet euch bei uns auf Instagram unter at Akte Rheinland oder per Mail an podcast.ga.de. In zwei Wochen gibt es hier eine neue Akte Rheinland. Bis dahin, macht's gut und tschüss. Tschüss, war schön.
Das war Akte Rheinland, der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes. Produktionsleitung Andreas Deick.