Akte Rheinland· Staffel 10· Folge 9

Niklas - 10 Jahre danach

Mittwoch, 27. Mai 2026 · 30 min

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Shownotes

Zehn Jahre nach dem Tod von Niklas Pöhler und kurz nach der Einweihung der Gedenkstele, die an ihn erinnern soll, ist Niklas‘ Mutter Denise Pöhler bei „Akte Rheinland“ zu Gast. Schon 2021 haben wir den Fall Niklas in zwei Episoden behandelt. Nun spricht Denise Pöhler selbst: über die Tage nach der Tat, über den Prozess und die Ohnmacht, die sie gegenüber der Justiz verspürte. Aber auch darüber, was ihr Kraft gibt und wie sie Niklas‘ ansteckendes Lachen und seinen Gerechtigkeitssinn in Erinnerung behält.

Podcast-Host Anna Maria Beekes und Reporterin Ayla Jacob, die den Fall Niklas von Beginn an begleitet hat, sprechen mit der Mutter des 17-Jährigen. Niklas war in der Nacht zum 7. Mai 2016 auf dem Heimweg von „Rhein in Flammen" am Rondell an der Rheinallee in Bad Godesberg von einer Gruppe junger Männer angegriffen worden. Er bekam einen Schlag gegen den Kopf, fiel zu Boden und wurde weiter attackiert. Fünf Tage später starb er. Als mutmaßlicher Täter wurde Walid S. wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Das Bonner Landgericht sprach ihn frei. 2019 stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein – ohne Ergebnis. Denise Pöhler erfuhr davon aus den Medien.

Ayla Jacob ordnet im Gespräch ein, wie die Stimmung in Bad Godesberg in den Tagen nach der Tat war, wie der Stadtteil sich in den vergangenen zehn Jahren verändert hat und welche Rolle rechte Aktivistinnen und Aktivisten bei der Instrumentalisierung des Falls gespielt haben - einer Instrumentalisierung, der sich Denise Pöhler immer dezidiert widersetzte.

Parallel dazu zeigt der WDR ab Donnerstag, 28. Mai, um 22.45 Uhr die dreiteilige Dokumentarserie „Warum starb Niklas P.? Bonn sucht einen Täter". Alle Folgen sind ab 27. Mai in der ARD-Mediathek (1.ard.de/NiklasP_Doku?arpod) abrufbar. Auch GA-Reporterin Ayla Jacob kommt in der Serie zu Wort.

Unsere früheren Episoden zum Fall Niklas Pöhler:

Ein Leben mit Träumen (1) (akte-rheinland-42.blogs.audiorella.com/s1e7-ei…)

Kriminelle Karrieren (2) (akte-rheinland-42.blogs.audiorella.com/s1e9-kr…)
Feedback, Themenvorschläge und Fragen an podcast@ga.de oder via Instagram-DM an @akterheinland (instagram.com/akterheinland).

Unser Podcast zum Fall Michael Winterhoff (cdn.audiorella.com/podcasts/1465-akte-winterho…)

Akte Rheinland bei YouTube (youtube.com/playlist?list=PLKxR-1mH7nhxNVq2lgM…)

General-Anzeiger Bonn: ga.de

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Akte Rheinland. In Gedenken an Niklas Pöhler, der hier am 6. Mai 2016 im Alter von 17 Jahren brutal angegriffen wurde. Er verstarb sechs Tage später. Sein tragisches Schicksal sei uns allen eine Mahnung, Gewalt in jeglicher Form zu ächten und nicht untätig wegzusehen, wenn unsere Mitmenschen ohne Skrupel angegriffen werden.

Wir alle tragen Verantwortung für Respekt, Rücksicht und ein friedliches Miteinander. Was kannst du tun, um Gewalt zu verhindern? Hallo und herzlich willkommen zurück zu einer neuen Episode von Akte Rheinland. Hier sprechen wir an jedem zweiten Montag über echte Verbrechen und Kriminalfälle aus dem Rheinland.

Und dass es hier um das echte Leben geht, das führt uns der Fall, den wir heute besprechen, vor wie kein zweiter, würde ich sagen. Das ist eine ganz besondere Folge für uns und ich hoffe auch für euch, nicht nur, weil wir über diesen Fall an dieser Stelle schon ausführlich gesprochen haben, sondern vor allem, weil wir heute mit jemandem darüber sprechen, die dieser Fall ganz persönlich betrifft, auf die vielleicht persönlichste Art und Weise, die man sich vorstellen kann.

Wir sparen uns heute auch aus diesem Grund ein allzu langes Vorgeplänkel. Mein Name ist Anna-Maria Bekes. Ich begrüße heute zwei Menschen bei mir im Studio. Zum einen unsere Reporterin Ayla Jakob aus der Redaktion Bad Godesberg des Generalanzeigers. Ayla, du warst ja schon ein paar Mal hier zu Gast. Hallo. Hallo.

Und zum anderen, und ich möchte sie wirklich ganz besonders herzlich begrüßen, weil ich weiß, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass sie heute hier sind und auch alles andere als einfach. Herzlich willkommen, Denise Pöhler. Hallo, ich freue mich sehr, hier zu sein. Und wir freuen uns auch sehr.

Frau Pöhler, Sie sind 58 Jahre alt, Sie wohnen in der Nähe von Andernach, sind von Beruf Eventmanagerin und Sie sind Mutter von zwei Kindern. Ihre Tochter ist heute 28 Jahre alt und Ihr Sohn Niklas würde in diesem Jahr ebenfalls 28 Jahre alt. Tatsächlich ist Niklas jedoch nur 17 Jahre alt geworden, denn er starb im Mai 2016 vor ziemlich genau zehn Jahren.

Wir haben die Ereignisse dieses Mai 2016 hier bereits in zwei Episoden besprochen, die wir auch in der Folgenbeschreibung verlinken. Ayla, vielleicht kannst du trotzdem kurz berichten, was damals passiert ist. Ja, also es war der Abend des 6. Mai 2016. Das war der Vorabend von Rheinen Flammen und in der Rheinaue war ein Konzert.

Und Niklas war mit ein paar Freunden auf dem Heimweg und kam auf dem Heimweg auch in Bad Godesberg an der Rheinallee vorbei, wo sich das Rondell an der Bushaltestelle befindet. Und an der Stelle trafen die Freunde und Niklas auf eine Gruppe von Jugendlichen. Es kam zu verbalen Angriffen. Niklas ging in eine Verteidigerposition, wollte seiner Freundin helfen und wurde daraufhin von drei Tätern brutal attackiert.

Und zwar so brutal, dass er hinterher ins Koma gefallen ist und wenige Tage später im Krankenhaus verstarb. Das ist jetzt, wie gesagt, fast genau zehn Jahre her und wir glauben, dass es sehr wichtig ist, hier erneut darüber zu sprechen. An dieser Stelle nochmal vielen Dank, Frau Pöhler, dass Sie sich nicht nur die Zeit nehmen, sondern dass Sie auch die Kraft aufbringen, hier mit uns darüber zu sprechen.

Ich weiß, dass Sie schon viele Interviews in den letzten Tagen und Wochen führen mussten, in Anführungsstrichen. Sie haben auch Eila unter anderem schon ein ausführliches Interview für uns, für den Generalanzeiger gegeben. Auch den Artikel verlinken wir natürlich. Ja, und ich möchte eigentlich ganz gerne mit der gleichen Frage, die Ayla da gestellt hat, auch einsteigen.

Wenn Sie heute an Ihren Sohn Niklas denken, welches Bild oder auch welches Lachen von ihm haben Sie als erstes vor Augen? Er war eigentlich immer gut gelaunt. Niklas konnte sehr witzig sein und hatte ein sehr ansteckendes Lachen. Ich habe heute immer noch ein kurzes Video auf meinem Handy, wo man sehen kann, dass ich mit Niklas auf unserem Sofa sitze.

Er erklärt mir, wie Snapchat funktioniert. Und wir haben wirklich Tränen in den Augen vor Lachen. Und wenn es mir besonders schlecht geht, dann schaue ich mir dieses Video an. Niklas wurde oft als Jugendlicher mit großem Gerechtigkeitssinn beschrieben. Wie hat sich dieser Charakterzug in seinem Alltag auch gezeigt für Sie?

Ja, Niklas konnte Ungerechtigkeit überhaupt nicht ertragen. Wenn er zum Beispiel in der Schule den Eindruck hatte, dass ein Lehrer einen Schüler zu Unrecht behandelt hatte, dann kam es durchaus vor, dass er sich dann ebenfalls eine Strafe eingehandelt hatte und vielleicht nachsitzen musste. Er hatte aber auch ein großes Herz für alte Leute und benachteiligte Menschen.

Also er hat oft alten Menschen über die Straße geholfen, wenn er sah, dass sie Hilfe brauchten. Nun kam es zu diesen schrecklichen Ereignissen im Mai 2016. Wie erinnern Sie sich an diese Tage, vor allem die Tage eben zwischen der Tat und dann auch dem Tod von Niklas letztlich? Ja, nach der Tat hat Niklas ja noch sechs Tage in der Uniklinik in der Neurochirurgie gelegen.

Wenn ich dieses Bild vor Augen habe, wie er damals da gelegen hat, hätte wahrscheinlich niemand geglaubt, dass das dieses Ende nimmt, dass er also wirklich stirbt. Ja, als er dann wirklich am 12.05. verstorben ist, da kam ich mir vor wie in einem Kokon. Also ich konnte das gar nicht glauben und fassen, dass Niklas nie wieder zurückkommen würde.

Es hat sehr, sehr lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass er also nie wieder zu mir zurückkommt. Und vermutlich macht der Körper das mit einem, damit man das irgendwie verkraften kann. Also funktioniert weiter automatisch sozusagen. Ja. Ayla, du warst ja damals als Reporterin vor Ort, du hast also wirklich das Ganze von Anfang an begleitet und mitbekommen.

Wie hast du denn die Stimmung in Bad Godesberg, wo das ja passiert ist, in den Tagen nach der Tat erlebt? Vor allem als aus dieser Körperverletzung in Anführungsstrichen dann ein Todesfall wurde. Also die Stimmung, würde ich beschreiben, die bewegte sich so zwischen verschiedenen Eckpunkten. Und Schock war da, es war Bestürzung da.

Viele Leute waren total fassungslos, haben auch unheimlich mitgehofft, dass Niklas das schafft und hat ein großes Mitgefühl, auch viele. Und dann kamen auch Themen wieder hoch durch diesen tragischen Vorfall, die schon länger schwelten als, sagen wir so, das Sicherheitsgefühl, was viele dann fühlten sich sehr unsicher, thematisierten unsichere Stellen im Stadtbezirk, trauten sich nicht mehr im Dunkeln aus Eltern, die ihre Kinder nicht mehr abends rauslassen wollten.

Es wurde dann schnell Rufe laut nach Präventionsmaßnahmen und natürlich auch danach, dass man schnellstmöglich einen Täter fassen sollte, um diese Tat zu sühnen. Und es gab dann auch wieder Diskussionen über, Gewalt in Bad Godesberg und auch in Bonn und auch über soziale Spannungen und das schon damals, schon früher vorhandene Zwei-Welten-Problem zwischen den sozial Schwächeren, meist Jugendlichen mit Migrationshintergrund und eben den gut betuchten Bildungsbürgertums-Jugendlichen.

Diese Diskussionen gab es wieder. Was nach der Tat passiert ist, das fassen wir hier jetzt nur noch einmal kurz zusammen. Wenn ihr euch intensiver mit diesem Fall befassen wollt, dann hört also unbedingt in unsere Episoden dazu rein. Also es wird ein Tatverdächtiger ermittelt. Es kommt zu einem Gerichtsprozess, also bis dahin alles eigentlich so, wie die Öffentlichkeit das natürlich auch wollte.

Zunächst soll wegen Totschlags verhandelt werden. Dann wird die Anklage aber geändert auf Körperverletzung mit Todesfolge. Und am Ende des Prozesses steht tatsächlich ein Freispruch, weil das Gericht es als nicht erwiesen ansieht, dass der Angeklagte den entscheidenden Schlag gegen Niklas Kopf ausgeführt hat.

Mehr noch, der Richter sagt in der Urteilsbegründung, es sei wahrscheinlicher, dass er es nicht war. Demnach ist es rückblickend dann auch nicht überraschend, dass nicht nur Verteidigung, sondern auch Staatsanwaltschaft in ihren Plädoyers Freispruch gefordert haben. Es kam damals allerdings durchaus überraschend und das leider auch für Sie, Frau Pöhler.

Sie haben nämlich vorab nicht gewusst, dass sogar die Anklage hier einen Freispruch fordern würde. Was war das für Sie? Ja, wie war dieser Moment im Gerichtssaal? Noch eine Sitzung vor der Urteilsverkündung glaubte ich daran, dass eine Verurteilung stattfinden würde. Niemand räumte mir gegenüber ein, dass es anders kommen würde.

Das war für mich natürlich ein totaler Schock, der mich total lähmte. Da ich Niklas Mutter bin, war ich total enttäuscht von dem Urteil und am Boden zerstört. Es fühlte sich an, als hätte man mir den Stecker gezogen. Mit allem fühlte ich mich während des Prozesses alleingelassen. Absolut niemand fühlte sich verantwortlich, mich aufzuklären.

Die Staatsanwaltschaft hat ja insgesamt eine nicht ganz rühmliche Rolle da, zumindest nach dem Empfinden der Öffentlichkeit gespielt. Kannst du da nochmal drauf eingehen, Eila? Ja, also der erste Punkt war eben, dass Frau Pöhler vorher nicht mitgeteilt wurde, dass auch die Staatsanwaltschaft einen Freispruch fordert.

Und dieses Nicht-Informieren setzte sich dann fort. Als die Ermittlungen eingestellt wurden, hat die Staatsanwaltschaft Frau Pöller ebenfalls nicht darüber informiert. Das hat sie damals aus den Medien erfahren. Und auch die Entschuldigung der Staatsanwaltschaft wurde nicht persönlich an sie herangetreten, sondern wiederum über Medien transportiert.

Was hat denn eigentlich diesen Fall juristisch so kompliziert gemacht? Da gab es zum einen das medizinische Gutachten, das im Laufe des Verfahrens dann thematisiert wurde. Bei dem herausgekommen war, dass Niklas an einer Vorschädigung des Gehirns, einer Gefäßwandschädigung litt und dass eben die Einwirkung auf den Kopf dazu führte, dass es eine tödliche Hirnblutung gab.

Und der Gutachter hatte damals gesagt, dass es eben sein könnte, dass ohne diese Vorschädigung nicht der Tod eingetreten wäre und deswegen wurde dann aus dem Totschlag, wie du eben schon gesagt hast, eine Körperverletzung mit Todesfolge. Also bis heute stellt sich mir eigentlich die Frage, ob Niklas wirklich diese Vorerkrankung am Gehirn hatte, denn ich war ja bei jeder Gerichtsverhandlung dabei, so auch an dem Tag, als der Gerichtsmediziner da war und erklärte, was denn mit Niklas passiert ist.

Es war nämlich so, dass durch den festen Tritt gegen seinen Kopf am Boden die Wirbelarterie gerissen war und dadurch eben das Gehirn dann plötzlich nicht mehr genügend Sauerstoff bekommen hatte. Also so oder so muss man ganz klar sagen, ohne diesen Tritt und ohne diese Gewalt wäre er ganz sicher nicht gestorben.

Das steht einwandfrei fest und es ist natürlich für Sie als Mutter besonders schrecklich, das Gefühl haben zu müssen, dass da vielleicht etwas relativiert wird, was man eigentlich nicht relativieren kann. Was auch noch kompliziert war, waren ja die widersprüchlichen Zeugenaussagen in diesem Prozess, oder?

Ja, genau. Also angeklagt war ja als Hauptangeklagter Valid S. Mitangeklagt war Roman W. Es gab ganz viele widersprüchliche Zeugenaussagen. Es gab Aussagen, die dann auch teilweise wieder zurückgezogen wurden. Also es war ein schwieriges Konglomerat. Es gab auch sehr, sehr viele Zeugen, die befragt wurden.

Und am Schluss kam man dann zu der Konklusion, dass halt dann gesagt wurde, es könnte zwei mögliche Täter geben, weil es gab neben Valid S. Dann auch noch Hakim D., der ebenfalls zur Tatzeit am Tatort gewesen war und dem auch die Jacke gehörte, an der Niklas Blut war, die damals dann bei Valid gefunden worden war.

Und weil auch die Staatsanwaltschaft dann festgestellt hatte, dass sich Hakim D. Und Valid S., die beide zur Tatzeit am Tatort waren, ähnlich sehen konnte man nicht feststellen, welcher der Täter gewesen war und ob einer der Täter gewesen war, so die Argumentation damals. Allerdings muss man sagen, dass es schon, dadurch ist es ja überhaupt erst zur Anklage gekommen, dass man schon vorher Indizien sah, die gegen Valid S.

Gesprochen hatten. Also sein langes Register war jetzt schon durch Aggressionen bekannt, was ihn aber noch nicht zum Täter machte, was gesagt wurde. Er hatte kein Alibi. Es gab viele Lügen, die er vorher erzählt hatte. Aber das alles, wurde eben gesagt, reicht nicht aus. Über Lügen und Schweigen ist ja ganz viel gesprochen worden in diesem Prozess, das hat ihn leider sehr geprägt.

Was hätten Sie, Frau Pöller, diesen Zeuginnen und Zeugen, die vielleicht mehr wussten damals oder auch heute noch gerne gesagt? Ich sehe das heute immer noch so, dass jeder, der geschwiegen hat, also bis heute, sich meines Erachtens nach mitschuldig gemacht hat. Denn es geht hier nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern um Mord.

Nach diesem Freispruch ist zwar erst noch weiter ermittelt worden, du hast das eben schon angesprochen, Eiler 2019 ist der Fall dann aber von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden. Und auch das, haben wir auch gerade schon gehört, wurde Ihnen als Mutter nicht persönlich mitgeteilt. Sie mussten das aus den Medien erfahren.

Wie sind Sie so ganz grundsätzlich mit diesem Gefühl umgegangen, dieser Ohnmacht gegenüber der Justiz? Was hat Ihnen dabei geholfen oder vielleicht auch wer? Zunächst mal konnte ich es überhaupt nicht glauben, dass sich absolut niemand verantwortlich fühlte, mir zu berichten, dass die Staatsanwaltschaft den Fall eingestellt hatte.

Und das hat natürlich bei mir das Gefühl erzeugt, dass Niklas es nicht wert war, dass man praktisch den Fall weiter verfolgt und der eigentliche Täter vielleicht dadurch gefunden wird. Über den damaligen Angeklagten haben wir ja ausführlich gesprochen in den beiden Episoden. Ich würde das heute gerne kurz halten, denn wie gesagt, er wurde im Fall Niklas de facto freigesprochen.

In einem anderen Fall wurde er später wegen versuchten Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt. Ayla, wie ist denn das in der Stadt und bei den Ermittlern dann aufgenommen worden? Bei dem Prozess warst du ja auch. Ja, also das vor allem in der Öffentlichkeit, muss man sagen, wurden beide Fälle in dem Sinn vermischt, Dass Niklas schon auch bei dem Prozess in den Köpfen der Leute mit im Gerichtssaal war und dass eben dadurch auch viele das gesehen haben, als er ist angeklagt in einem anderen Fall, aber vielleicht gibt es auch hier Gerechtigkeit für Niklas.

Weil trotz des Freispruchs eben in der Öffentlichkeit, weil die trotzdem vielfach als potenzieller Täter in den Köpfen war. Und als dann das Urteil gesprochen wurde, war eigentlich gab es so die Reaktionen von einigen, haben gesagt, endlich ist er verurteilt worden. Andere haben gesagt, es wurde jetzt tatsächlich Zeit, dass es soweit ist.

Wieder andere haben gesagt, es war nicht genug. Er hätte noch mehr kriegen müssen für das, was er getan hat. Jetzt sind wir im Mai 2026, zehn Jahre nach Niklas' Tod. Frau Pöhler, wie sieht Ihr Alltag heute aus im Vergleich zu Ihrem Leben davor? Ich war eigentlich immer positiv, hatte vor fast nichts Angst.

Und ja, im Gegensatz zu früher versuche ich heute alles zu planen, was total gegensätzlich ist. Weil das, was mit Niklas passiert ist, das konnte ja, oder ich konnte das ja nicht planen. Und dadurch habe ich total meine Leichtigkeit verloren. Die Träume, die ich für Niklas Zukunft hatte, die sind in der Tat nach damit verloren gegangen.

Es fühlt sich für mich so an, als hätte man mich um mein Leben betrogen. Gibt es Dinge, die Ihnen Kraft geben, um diesen Kampf, Sie haben das in dem Interview mit Eila als täglichen Kampf bezeichnet. Gibt es Dinge, die Ihnen Kraft geben, diesen täglichen Kampf zu führen? Und da immer wieder aufzustehen und zu kämpfen.

Also grundsätzlich setze ich mich mit der Sache sehr viel auseinander. Also mit dem Schicksalsschlag im Allgemeinen geht ja jeder Mensch anders um. Und ich bin ein Mensch, der darüber reden muss und hatte auch das große Glück, dass ich immer Menschen um mich hatte, mit denen ich reden konnte. Zum Beispiel mit meinem Lebensgefährten, der immer für mich da war.

Und das ist für mich ein ganz großes Geschenk, weil es nicht selbstverständlich ist. Auch in den sozialen Medien, da mache ich ja Beiträge zu bestimmten Anlässen wie Geburtstag, Weihnachten und so weiter. Da gibt es immer noch, auch heute nach zehn Jahren, noch ganz viele Menschen, die mich mental unterstützen.

Und das gibt mir zusätzlich auch sehr viel Kraft. Was mir auch sehr viel Kraft gibt, das ist, wenn ich mir Zeitfenster schaffe, um neue Kraft zu schöpfen. Und das sind eben Reisen. Das hat mir sehr viel geholfen in der Vergangenheit. Ich denke, was mir zusätzliche Kraft geben würde, ist das, was ich ja in den ganzen Gerichtsverhandlungen mitgeschrieben habe, zu Papier bringe, nämlich ein Buch darüber schreibe und das in der Form verarbeiten kann.

Mein allergrößter Wunsch ist allerdings, für Niklas irgendwann eine Stiftung zu gründen, um eben seinen Geist weiterleben zu lassen. Wenn wir mal auf Bad Godesberg, wo das Ganze sich ereignet hat, blicken. Eila, was hat sich da... In Bad Godesberg und auch für Bad Godesberg eigentlich so verändert in den vergangenen zehn Jahren. Da sind ja Dinge passiert.

Es gab einen runden Tisch gegen Gewalt. Es gab verschiedene Maßnahmen. Ist das heute noch spürbar? War das nur kurzfristiger Aktionismus? Und wie wird da heute eigentlich auf diese Tat geblickt? Also es ist sowohl als auch. Es gibt die Maßnahmen, die heute noch spürbar sind. Und es gibt aber auch Sachen, die wieder versandet sind. Also noch spürbar ist zum Beispiel.

Dass rund um das Rondell die Büsche und sowas zurückgeschnitten wurden, um da eine größere Sichtachse und mehr soziale Kontrolle zu ermöglichen. Das ist beibehalten worden. Was es auch nach wie vor gibt, ist ein sogenanntes Präventions- und Interventionsprogramm von Polizei und Ordnungsamt, die an neuralgischen Punkten in Bad Godesberg regelmäßig und häufiger unterwegs sind, Kontrollen durchführen.

Es gab damals dann auch eine Aktion, da gab es viele Platzverweise gegen jugendliche bekannte Intensivtäter, die dann sich in den Parks nicht aufhalten durften und sowas. Die sind auch meiner Kenntnis nach dadurch, dass sie dann eben rausgehalten wurden, auch denen dann fern geblieben und haben sich andere Orte gesucht.

Auch die Stadt hat Sachen gemacht. Es gibt seitdem eine Fachberatung zur Gewaltprävention wurde eingerichtet. Polizei und Stadt arbeiten eng mit den Schulen zusammen. Das ist auch nach wie vor so. Und das wird ein engmaschigeres Netz, dass auch die Schulen früher melden, wenn sich Gewalt oder irgendetwas zeigt.

Was allerdings nach wie vor halt so ist, das subjektive Sicherheitsgefühl, wenn man mit vielen Mad-Kodesbergern spricht, ist nach wie vor nicht gut. Und das ist auch mit auf Niklas Tod und die Attacke auf Niklas zurückzuführen. Er ist halt immer noch präsent, das ist immer noch da. Leute sprechen auch nach wie vor sehr viel über die Tat und über ihn.

Und ich glaube, dass auch einige Sachen von denen, die getan worden sind oder die auch noch getan werden, eben einfach vielfach hinter verschlossenen Türen statt in den Köpfen der Leute nicht angekommen sind. Das ist nicht für alle fassbar. was passiert. Ja, wenn es etwas gibt, das an diesem Fall leider so gar nicht überraschend war, dann, dass er wie so viele andere Fälle auch von rechten Aktivisten instrumentalisiert wurde.

Das fing bereits an, als nach der Tat die Täterbeschreibung das Wort dunkle Hautfarbe enthielt, also als eben wirklich nach den Tätern gefahndet wurde oder nach dem Täter. Und das setzte sich dann fort, als der damals mutmaßliche Täter festgenommen wurde, nämlich ein Italiener mit marokkanischen Wurzeln.

Wie haben denn, sage ich mal, rechte Kräfte versucht, das zu instrumentalisieren? Das hat sich vor allem an einer Person festgemacht. Das war eine bekannte Rechtsextremistin, auch aus der Pegida-Bewegung, Melanie Dittmer. Und die hat relativ zügig nach Niklas Tod und nachdem die erste Täterbeschreibung da war, Demos in Bad Godesberg angemeldet.

Und zwar sollte die erste am Rondell stattfinden. Das ist dann untersagt worden. Frau Dittmer hat auch ein Redeverbot bekommen. Die Demo durfte aber in der Nähe des Rondells stattfinden. Ihre Rede hat dann, aus meiner Erinnerung, eine andere, die mit dabei war, vorgelesen. Aber es war so in meiner Erinnerung ein relativ kleiner, versprengelter Haufen, würde ich es jetzt mal nennen.

Und es gab auch eine Gegendemonstration von Bonn stellt sich quer. Und das war viel größer, viel lauter, viel bunter. Und deswegen wahrscheinlich auch sollte eine zweite Demo geben, die hat Melanie Dittmar dann abgesagt. Was man aber schon gemerkt hat, dass sich gerade in dieser rechten Ecke doch, also es war leichte Enttäuschung zu spüren, dass es sich, als es hieß, es ist ein Italiener, und dann große Begeisterung, dass er wenigstens marokkanische Wurzeln hat.

Also das war schon... Passte in Zoumet, ja. Frau Pöhler, Ihnen war es ja von Beginn an immer ein ausdrückliches Anliegen, das haben Sie immer wieder gesagt, dass der Tod Ihres Sohnes nicht für politische Propaganda oder auch rassistische Hetze missbraucht wird. Das ist ignoriert worden, was schon offenbart aus meiner Sicht, dass es diesen Kräften in Wahrheit niemals um die Opfer geht, sondern nur um ihre Ideologie.

Im Interview mit Eila haben sie die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer zitiert mit den Worten, schaut nicht auf das, was euch trennt, schaut auf das, was euch verbindet. Und ich glaube, man kann sagen, in diesem Geiste haben Sie auch die Gedenkstile, dieses Denkmal für Niklas gestalten lassen, die vor wenigen Tagen eingeweiht wurde.

Können Sie vom Entstehungsprozess für dieses Denkmal berichten? Erstmal möchte ich sagen, dass Frau Friedländer für mich eine sehr bemerkenswerte Frau ist. Ihre Ideologie ist für mich besonders und damit kann ich mich also gut identifizieren. Ja, das Denkmal für Niklas wurde ja vor einigen Jahren zum ersten Mal beantragt bei der Stadt Bad Godesberg.

Es ist damals leider, ist der Antrag abgelehnt worden. Mit zwei amtierenden Politikern aus Bonn-Bad Godesberg habe ich dann vor zwei Jahren nochmal den Versuch neu gestartet, nochmal neuen Antrag gestellt. Zum Glück ist er dann bewilligt worden. Das hat mich sehr gefreut. Natürlich gab es vorher schon viele Ideen, wie man diese Gedenkstelle für Niklas umsetzen könnte.

Aber weil es eben beim ersten Mal der Antrag abgelehnt wurde, habe ich gedacht, ich lasse das Ganze jetzt erst mal ruhen. Und wenn es dann wirklich irgendwann bewilligt ist, dann werde ich mich zu dem Zeitpunkt dann erst mal intensiv damit auseinandersetzen. Ursprünglich war ja ein Gedenkstein mit einer Schriftplatte für Niklas angedacht.

Als es dann soweit war, dass eben die Umsetzung in Gang gesetzt werden sollte, habe ich mich informiert, was es denn heutzutage für Möglichkeiten gibt, so eine Gedenkstelle zu errichten. Und da haben sich ganz tolle Sachen für mich aufgetan. Also es gab da wunderschöne Sachen und da war für mich dann dieser Gedenkstein mit dieser Platte doch eher etwas Veraltetes.

Ich wollte irgendetwas für Niklas haben, was ein bisschen die Menschen zum Andenken anregt. Ich hatte Angst, dass eben so ein Stein mit einer Platte vielleicht auch übersehen werden könnte. Ja, und dadurch haben sich dann nach und nach diese Ideen manifestiert. Und ja, ich bin heute sehr dankbar, dass das so umgesetzt worden ist.

Diese Gedenkstähle ist, wie gesagt, vor einigen Tagen eingeweiht worden. Ayla, kannst du mal ein bisschen erzählen, wie die aussieht, woraus sie besteht und so weiter? Ja, also die Stähle, das Denkmal, besteht aus Kortenstahl. Das ist so ein Material, das aus natürlichen Rohstoffen besteht. Und das Besondere ist, dass die Oberfläche alles individuell rostet.

Und das heißt, die wird nicht gleichmäßig gleich aussehen, sondern verändert ihre Farbe im Zuge dieses Rostprozesses. Und genau, das ist eine Bandbreite von Orange in Hell bis zu einem auch etwas dunkleren Braun. Und die Stähle ist 1,86 groß, genauso groß wie Niklas war und zeigt seine Silhouette. Und darin zu sehen ist ein Text. Ja, also die ist tatsächlich nicht zu übersehen, genau wie es ihr Wunsch war.

Und den Text, der in diese Stähle eingearbeitet ist, den haben wir ganz zu Beginn schon von Martin gehört. Ich zitiere jetzt nochmal in Teilen. Niklas' tragisches Schicksal sei uns allen eine Mahnung, Gewalt in jeglicher Form zu ächten und nicht untätig wegzusehen, wenn unsere Mitmenschen ohne Skrupel angegriffen werden.

Wir alle tragen Verantwortung für Respekt, Rücksicht und ein friedliches Miteinander. Was kannst du tun, um Gewalt zu verhindern? Das hört sich für mich wirklich an wie eine direkte Ansprache an Passantinnen und Passanten. Ist es auch so gedacht? Natürlich. Ich hoffe sehr, dass die Menschen, die an dem Denkmal innehalten, zum Nachdenken angeregt werden.

Ich finde, es ist ein Thema, das uns alle angeht. Wir müssen wirklich wieder lernen, toleranter zu sein, Menschen unabhängig vom Geschlecht, Nationalität oder Hautfarbe zu beurteilen. Hass bringt uns alle nicht weiter, sondern zerstört unser Miteinander. Also ich würde mir wünschen, dass das Mahnmal weit über das Rheinland hinaus strahlt.

Ja, und wir möchten diesen Aufruf an dieser Stelle gerne an euch weitergeben, denn er dürfte heute mindestens genauso wichtig sein wie vor zehn Jahren oder vor 90 Jahren oder in zehn Jahren. Und auch die Frage geben wir an euch weiter. Was kannst du tun oder was können wir alle tun, um Gewalt zu verhindern?

Schreibt uns bitte eure Gedanken dazu bei Spotify, bei YouTube, bei Instagram oder als Mail an podcast.ga.de. Wir kommen damit zum Ende dieser besonderen Episode. Wir danken euch wie immer fürs Zuhören. Und Frau Pöller, noch mal vielen lieben Dank, dass Sie bei uns waren und Ihre Gedanken und auch Ihren Schmerz mit uns geteilt haben.

Ich finde es wirklich bemerkenswert und bewundernswert, dass Sie sich trotz dieses wirklich für mich unvorstellbaren Schmerzes nie für Hass und für Spaltung entschieden haben. Dass Sie immer für ein Miteinander werben und dass Sie sich damals wie heute nie für etwas anderes haben einnehmen lassen. Vielen Dank.

Sehr gerne. Und ich würde Ihnen sehr gerne in diesem Podcast, nachdem ich der Eiler herzlich gedankt habe, das letzte Wort überlassen. Es ist mir wirklich ein sehr großes Anliegen, den Menschen mitzugeben, dass sie sich immer gegen Gewalt einsetzen. Das war Akte Rheinland, der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region.

Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH, Redaktion und Moderation Anna Maria Bekes, Produktionsleitung Andreas Deick, Mitarbeiter Sabrina Bauer, Simeon Gerling und andere, Sprecher Daniel Dähling, Martin Busch.

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