Auf dem Weg als Anwält:in

Nicht jedes Risiko lohnt sich: Freiheit, Ruf und Lebenszeit (Letters to a Young Lawyer 10)

Montag, 27. Juli 2026 · 14 min

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Shownotes

Duri Bonin und Nina Langner über den Brief Don't Risk What You Don't Have Enough of to Get More of What You Have Plenty Of von Alan M. Dershowitz
«Sie sind alle unschuldig.»

Nina Langner sagt diesen Satz, als Duri Bonin nach dem gemeinsamen Nenner der Klient:innen ihrer Strafrechtskanzlei sucht. Zuvor haben die beiden drei verschiedene Risikotypen unterschieden und versucht, sich selbst und Menschen aus ihrer anwaltlichen Praxis darin wiederzuerkennen. Duri lacht und erklärt die Antwort sofort zum Podcasttitel.

Die Pointe ist leicht. Ihr rechtsstaatlicher Kern ist ernst: Eine beschuldigte Person gilt bis zu ihrer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig. Eine Handlung kann riskant, wirtschaftlich schwer verständlich oder aus der Distanz unvernünftig erscheinen. Daraus folgt noch nicht, dass sie strafbar war.

Genau diese Distanz zwischen dem Blick von aussen und der Perspektive der handelnden Person führt zum eigentlichen Thema der Folge. Duri Bonin und Nina Langner lesen Kapitel 8 aus Alan M. Dershowitz’ «Letters to a Young Lawyer». Sein Titel enthält eine Warnung: Man soll nicht gefährden, wovon man zu wenig besitzt, um mehr von dem zu erhalten, wovon man bereits reichlich hat.

Der Gedanke klingt zunächst einfach. Im Gespräch zeigt sich, weshalb er das nicht ist.

Darum geht es in dieser Folge

• Weshalb Duri Bonin und Nina Langner dieses Kapitel zum zweiten Mal aufnehmen.

• Warum der Gedanke von Alan Dershowitz schwieriger zu erklären ist, als sein Titel vermuten lässt.

• Welche Güter auch für wohlhabende und erfolgreiche Menschen knapp bleiben.

• Warum zusätzliches Geld subjektiv wertvoller erscheinen kann als Freiheit, Ruf oder Lebenszeit.

• Was das Beispiel einer wohlhabenden älteren Person über ungleich gewichtete Gewinne und Verluste zeigt.

• Weshalb Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Bill Clinton im Gespräch als Beispiele für schwer verständliche Risiken auftauchen.

• Welche drei Risikomuster Duri Bonin und Nina Langner unterscheiden.

• Wie frühere Erfolge oder ausgebliebene Folgen die Wahrnehmung einer Grenze verändern können.

• Warum ein Verhalten von aussen anders erscheint als aus der Lebenssituation der handelnden Person.

• Welche Rolle die Causa Vincenz für diesen Perspektivenwechsel spielt.

• Was der Satz «Sie sind alle unschuldig» über die Aufgabe der Strafverteidigung aussagt.

• Weshalb ein Leben ohne Risiken weder möglich noch zwingend erstrebenswert ist.

• Wie sich sinnvolle Risiken von Verlusten unterscheiden lassen, die durch das mögliche Ziel kaum zu rechtfertigen sind.

• Welche Frage vor einem möglicherweise lebensverändernden Schritt gestellt werden sollte.

Der schwierige Gedanke hinter einem einfachen Satz

Dershowitz unterscheidet zwischen Gütern, die eine erfolgreiche Person bereits in grosser Menge besitzt, und Gütern, die auch durch Reichtum, Macht oder Einfluss nicht beliebig vermehrt werden können. Zum ersten Bereich gehören etwa Geld, beruflicher Erfolg, gesellschaftliche Anerkennung oder Einfluss. Zum zweiten gehören Freiheit, Gesundheit, Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Beziehungen und Lebenszeit. Die Unterscheidung wird wichtig, sobald ein möglicher Gewinn und ein möglicher Verlust nicht dieselbe Qualität besitzen. Zehn weitere Millionen Franken können finanziell bedeutend sein. Sie bleiben grundsätzlich ersetzbar. Ein verlorenes Jahr in Freiheit, ein zerstörtes Vertrauensverhältnis oder gemeinsame Zeit mit einem schwer kranken Menschen lassen sich dagegen nicht auf dieselbe Weise zurückgewinnen.

Der Denkfehler besteht deshalb nicht zwingend darin, überhaupt ein Risiko einzugehen. Er liegt in der möglichen Verwechslung zweier Fragen:

• Wie wahrscheinlich ist es, dass die Entscheidung negative Folgen hat?

• Was genau geht verloren, wenn diese Folgen eintreten?

Eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit macht einen möglichen Verlust nicht automatisch tragbar. Je weniger ersetzbar das gefährdete Gut ist, desto genauer muss die Entscheidung geprüft werden.

Lebenszeit gegen einen zusätzlichen finanziellen Vorteil

Nina Langner greift das Beispiel einer wohlhabenden älteren Person aus dem besprochenen Kapitel auf. Die Frau verfügt bereits über erhebliche finanzielle Mittel. Gleichzeitig sind ihre verbleibende Lebenszeit und die gemeinsame Zeit mit ihrem schwer kranken Ehemann begrenzt. Trotzdem gefährdet sie diese Zeit, um durch ein Delikt zusätzlich Geld zu sparen. Das Beispiel macht Dershowitz’ These konkret: Die Frau setzt nicht einfach Geld gegen Geld. Sie gefährdet etwas, das sich nicht ersetzen lässt, für einen finanziellen Vorteil, der ihre Lebenssituation möglicherweise kaum noch verändert hätte.

Duri Bonin nennt im Gespräch Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Bill Clinton. Die genannten Fälle werden nicht rechtlich ausgewertet. Sie dienen als bekannte Bilder für dieselbe Frage: Weshalb gehen erfolgreiche Menschen Risiken ein, deren möglicher Gewinn im Verhältnis zu den drohenden persönlichen, beruflichen oder öffentlichen Folgen klein erscheint? Die Antwort kann nicht allein lauten, dass diese Menschen unvernünftig seien. Gerade darin liegt der Reiz des Kapitels. Eine Entscheidung, die von aussen absurd erscheint, kann aus der damaligen Situation, den bisherigen Erfahrungen und der subjektiven Bewertung des Risikos anders ausgesehen haben.

Drei Arten, sich einer Grenze zu nähern

Duri Bonin und Nina Langner entwickeln im Gespräch keine psychologischen Diagnosen. Sie beschreiben mit Dershowitz drei wiederkehrende Arten, wie Menschen mit Risiken umgehen können.

• Das bewusst getragene Risiko:
Eine Person erkennt die Unsicherheit und entscheidet sich trotzdem für den Schritt. Sie weiss, dass der Ausgang offen ist, hält das mögliche Ziel aber für wichtig genug.

• Die schrittweise verschobene Grenze:
Eine Person macht weiter, wie sie es bisher getan hat. Frühere Schritte sind ohne spürbare Folgen geblieben. Deshalb erscheint der nächste Schritt nicht als grundlegende Veränderung, sondern als Fortsetzung einer vertrauten Praxis. Das bisherige Glück kann dabei mit Sicherheit verwechselt werden. Die Person überschreitet die Grenze nicht unbedingt in einem einzigen grossen Schritt. Die Grenze verschiebt sich nach und nach.

• Das unbeachtete Risiko:
Eine Person denkt über die möglichen Folgen kaum nach und läuft los. Erst nachdem sie die Grenze überschritten hat, erkennt sie, wo sie sich befindet.

Diese Risikomuster schliessen einander nicht aus. Derselbe Mensch kann in einem Lebensbereich sorgfältig abwägen und in einem anderen auf Gewohnheit, Selbstvertrauen oder ein diffuses Gefühl vertrauen. Für die anwaltliche Arbeit ist diese Unterscheidung hilfreich. Sie verhindert vorschnelle Erklärungen. Nicht jede beschuldigte Person soll einen ausgefeilten Plan verfolgt haben. Nicht jede Grenzüberschreitung beruht auf derselben Motivation. Und nicht jeder Mensch nimmt denselben möglichen Verlust gleich wahr.

Die Causa Vincenz und der Blick von aussen

Duri Bonin bringt die Causa Vincenz als Beispiel für den Unterschied zwischen öffentlicher Wahrnehmung und individueller Perspektive ein. Von aussen kann das Bild einfach erscheinen: ein erfolgreicher Bankmanager, hohes Ansehen, Einfluss und ein erhebliches Einkommen. Wer nur dieses Bild kennt, fragt sich möglicherweise, weshalb ein solcher Mensch für einen zusätzlichen finanziellen Vorteil überhaupt ein strafrechtliches Risiko eingehen sollte. Sobald mehr Informationen über die tatsächliche Lebenssituation, wirtschaftliche Verpflichtungen, Erwartungen und persönlichen Hintergründe bekannt werden, kann sich die wahrgenommene Ausgangslage verändern. Das bedeutet weder, dass ein angeklagtes Verhalten rechtmässig war, noch dass ein strafrechtlicher Vorwurf zutrifft. Es bedeutet lediglich, dass eine Risikoabwägung immer von dem Wissen und der Perspektive der Person abhängt, die sie trifft. Gerade dieses laufende Strafverfahren zeigt, weshalb zwischen öffentlichem Eindruck, Anklage, erstinstanzlichem Urteil und rechtskräftigem Entscheid unterschieden werden …

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