Shiffrin, Odermatt & Co.: Routine für den Ernstfall | Matchball-Momente 4
Donnerstag, 30. Juli 2026 · 12 min
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Shownotes
Was ein Song, ein innerer Satz und der erste kontrollierbare Schritt für Anwaltsprüfung, Einvernahme, Plädoyer und schwierige Mandantengespräche leisten können
Die erste Frage ist gestellt. Eigentlich ist das Thema bekannt. Doch bevor die Antwort beginnt, hat der Körper bereits reagiert: Der Mund wird trocken, die Stimme enger, der Puls schneller. Im Kopf erscheint nicht die juristische Struktur, sondern die Frage: Was, wenn ich das nicht kann?
Genau in diesem Moment zeigt sich, ob Wissen unter Druck abrufbar bleibt.
In Teil 4 der Reihe «Matchball-Momente» vollzieht der Strafverteidiger Duri Bonin den Transfer vom Spitzensport in die Anwaltsprüfung und die anwaltliche Praxis. Nicht kopieren, sondern übersetzen: Eine Kandidatin ist nicht Mikaela Shiffrin im Starthaus. Ein Strafverteidiger steht nicht wie Max Verstappen vor der ersten Kurve. Doch die psychologische Grundfrage bleibt vergleichbar: Wie findet ein gut vorbereiteter Mensch unter Druck zurück zur konkreten Aufgabe?
Die Antwort liegt nicht in einem weiteren Skript und nicht in der Hoffnung, am Prüfungstag zufällig ruhig zu sein. Sie liegt in einer eingeübten Verbindung zwischen Körper, Aufmerksamkeit, innerem Satz und erster Handlung.
Darum geht es in dieser Folge
• Weshalb die mündliche Anwaltsprüfung nicht nur Wissen, sondern dessen Abrufbarkeit unter Zeitdruck, Bewertung und Unsicherheit prüft.
• Warum vier bis sechs Monate Lernen nicht automatisch zu Klarheit im Prüfungsraum führen.
• Weshalb eine gute Vorbereitung neben Fachwissen auch Lernmanagement, Auftrittskompetenz und mentale Stärke umfasst.
• Warum die Bedingungen der späteren Prüfung/Drucksituation bereits während der Vorbereitung simuliert werden müssen.
• Weshalb «Ich will nicht nervös sein» kein hilfreicher Zielzustand ist.
• Wie ein konkretes Ziel wie «Ich will ruhig und strukturiert anfangen» das Verhalten steuert.
• Welche Funktion ein bestimmter Song als wiederkehrender Anker übernehmen kann.
• Warum viele Prüfungssituationen nicht mehr Adrenalin, sondern gerichtete Energie verlangen.
• Wie Atem, Bodenkontakt, Körperhaltung und ein kurzer innerer Satz den Weg zurück zur Aufgabe öffnen.
• Weshalb nicht das Bestehen der Prüfung, sondern der Beginn der ersten Antwort visualisiert wird.
• Wie ein Satz wie «Ich würde das in drei Schritten prüfen» die juristische Struktur wieder verfügbar macht.
• Warum eine Routine vor ernsthaften Lerneinheiten, Simulationen und mündlichen Abfragen wiederholt werden sollte.
• Weshalb schlechte Lerntage nicht ausserhalb der Vorbereitung liegen, sondern ihren eigentlichen Belastungstest bilden.
• Was die Routine vor einem Plädoyer, einer Einvernahme oder einem schwierigen Gespräch mit einer beschuldigten Person leisten kann.
• Warum Handlungsfähigkeit nicht bedeutet, stets ruhig zu sein, sondern in der Unruhe handeln zu können.
Wissen allein löst nicht jedes Prüfungsproblem
Viele Kandidat:innen reagieren auf Unsicherheit mit zusätzlichem Lernen. Dahinter steht eine nachvollziehbare Hoffnung: Wenn ich genug weiss, werde ich ruhig. Fachwissen ist unverzichtbar. Es beantwortet aber nicht automatisch die Frage, ob dieses Wissen unter Beobachtung, Zeitdruck und Bewertung zugänglich bleibt. Die Aufgabe im Prüfungsraum ist psychologisch nicht identisch mit derselben Aufgabe am Schreibtisch.
Zur Rechtsfrage treten weitere Anforderungen:
• Die Antwort muss laut und für andere nachvollziehbar entstehen.
• Ein unklarer Sachverhalt muss ohne lange Vorbereitungszeit geordnet werden.
• Rückfragen können die eingeschlagene Richtung verändern.
• Eine Unterbrechung kann den roten Faden zerreissen.
• Unsicherheit muss ausgehalten werden, ohne vorschnell zu reden.
• Die Bedeutung des Prüfungsergebnisses drängt sich zwischen Frage und Antwort.
Wer ausschliesslich still liest, trainiert vor allem stilles Lesen. Wer Fälle nur ohne Zeitdruck löst, trainiert die Falllösung ohne Zeitdruck. Wer nie unterbrochen wird, übt nicht den Wiedereinstieg nach einer Unterbrechung. Die Vorbereitung muss deshalb nicht nur den Stoff, sondern auch die späteren Abrufbedingungen enthalten.
Drei Ebenen der Prüfungsvorbereitung
Eine tragfähige Vorbereitung verbindet drei Ebenen:
• Fachwissen: Welche Rechtsgebiete, Strukturen, Begriffe und Prüfungsschemata müssen beherrscht werden?
• Lernmanagement: Wie wird der Stoff ausgewählt, verarbeitet, wiederholt und langfristig verfügbar gemacht?
• Auftrittskompetenz: Wie wird unter Zeitdruck zugehört, geordnet, gesprochen und nach einer Störung weitergedacht?
Gerade die dritte Ebene wird häufig dem Zufall überlassen. Viele Menschen lernen jahrelang Inhalte, ohne systematisch zu untersuchen, wie sie mit trockener Stimme, engem Blick, einer kritischen Nachfrage oder einem kurzen Blackout umgehen. Auftrittskompetenz entsteht dann «by doing». Das ist besser als nichts. Für eine wichtige Prüfung ist es jedoch sinnvoller, auch diesen Teil bewusst zu trainieren.
Der Zielzustand muss ausführbar sein
«Ich will nicht nervös sein» ist kein steuerbarer Auftrag. Nervosität lässt sich nicht zuverlässig verbieten. Je intensiver sie beobachtet und bekämpft wird, desto mehr Aufmerksamkeit bindet sie.
Hilfreicher ist ein Ziel, das sich als Verhalten beschreiben lässt:
• Ich will ruhig und klar anfangen.
• Ich höre die Frage vollständig.
• Ich ordne, bevor ich antworte.
• Ich spreche langsam genug, um denken zu können.
• Ich muss nicht alles gleichzeitig lösen.
Ein schneller Puls verhindert diese Handlungen nicht. Eine Kandidatin kann nervös sein und trotzdem zuhören. Sie kann unsicher sein und den Sachverhalt dennoch strukturieren. Sie kann das Ergebnis fürchten und trotzdem beim ersten Prüfungspunkt beginnen. Mentale Stärke bedeutet nicht, nichts zu spüren. Sie bedeutet, trotz der eigenen Reaktion aufgabenfähig zu bleiben.
Ein Song – nicht zehn
Die Folge knüpft an Mikaela Shiffrins Umgang mit Musik und inneren Bildern an. Der interessante Punkt liegt nicht in einem bestimmten Song. Entscheidend ist die wiederholte Verbindung zwischen einem vertrauten Reiz und einem gewünschten Handlungszustand. Für die Prüfungsvorbereitung genügt ein bewusst gewähltes Musikstück. Nicht zehn wechselnde Songs, sondern ein wiederkehrender Anker. Dabei ist nicht automatisch der aggressivste oder energetischste Song der beste. Vor einer mündlichen Prüfung ist häufig bereits genügend Aktivierung vorhanden. Benötigt wird keine zusätzliche Nervosität, sondern gerichtete Energie: wach, präsent und strukturiert. Mikaela Shiffrin unterscheidet nach eigener Darstellung zwischen Musik zur Selbstreflexion und Musik, die sie vor einem Rennen inspiriert und fokussiert. Sie nutzt ausserdem Visualisierung, um Bewegungsabläufe und Rennsituationen gedanklich vorwegzunehmen. Für Jurist:innen liegt die Übertragung nicht im Skifahren. Sie liegt darin, den später benötigten Anfang bereits während der Vorbereitung vertraut zu machen.
Eine Routine von drei bis fünf Minuten
Eine mögliche Routine vor einer ernsthaften Lerneinheit, Prüfungssimulation oder mündlichen Prüfung:
• Song starten: Immer dasselbe bewusst gewählte Musikstück verwenden.
• Ankommen: Während der ersten Sekunden nichts lösen, planen oder bewerten.
• Ausatmen: Nicht perfekt atmen, sondern bewusst aus der inneren Beschleunigung treten.
• Körper wahrnehmen: Beide Füsse spüren, sich aufrichten und die Schultern sinken lassen.
• Inneren Satz setzen: Beispielsweise «Ich ordne zuerst» oder «Ruhig, klar, Schritt für Schritt».
• Den Beginn visualisieren: Den Raum betreten, die Frage vollständig hören und kurz pausieren.
• Handeln: Mit dem ersten kontrollierbaren fachlichen Schritt beginnen.
Die Routine endet nicht bei einem angenehmen Gefühl. Sie führt in die Handlung. Sonst bleibt sie Entspannung und wird nicht zur Prüfungsroutine.
Nicht den Erfolg visualisieren
Das Bestehen der Anwaltsprüfung ist ein Ergebnis. Es hängt nicht allein von der kandidierenden Person ab. Die Fragen, die Zusammensetzung der Prüfungskommission und die …