BILLION DOLLAR BABIES – Der Aal und die Gier· Folge 6

Folge 5 - Hongkong: Triaden und Tränen

Montag, 13. April 2026 · 33 min

MP3

Shownotes

In Hongkong treffen wir Triaden - das chinesische organisierte Verbrechen - und sehen, wohin Europas geschmuggelte Aale verschwinden.

Hier geht es zum Film: kurz.zdf.de/bdb

Mit Wegwerfhandys, verschlüsselten Festplatten und falschen Vornamen reisen Sebastian und Marcel nach Hongkong - dorthin, wo die geschmuggelten Babyaale landen.

Die investigative Journalistin Bridget hat vor Ort geschafft, was kaum jemandem gelingt: Kontakt zu aktiven Mitgliedern einer Triade. Das chinesische organisierte Verbrechen - eine der mächtigsten kriminellen Organisationen der Welt. Ein hochrangiges Triaden-Mitglied gibt Sebastian und Marcel ein seltenes Interview. Dann zeigen zwei junge Gangster dem Team ihre Schmuggelrouten entlang der Küste - 200 bis 500 Kilo Babyaale pro Lieferung, zwei- bis dreimal die Woche. Ob die Aale aussterben? Nicht ihr Problem.

Währenddessen blickt die Aal-Dame zurück ins Alte Rom, wo Aale Statussymbole der Mächtigen waren - geschmückt mit Goldketten, beweint beim Tod. Heute stirbt ihre Art milliardenfach, und niemand weint mehr.

BILLION DOLLAR BABIES – Der Aal und die Gier ist ein Podcast von Lisa Ludwig, Sebastian Weis und Marcel Ozan Riedel.

Erzählt von Katja Riemann, Sebastian Weis und Marcel Ozan Riedel.
Regie & Schnitt: Nele Dehnenkamp.
Co-Autorin: Birgit Tanner.
Dramaturgische Beratung: Miku Sophie Kühmel.
Ton & Technik: Andre Moghimi & Stanisław Miłkowski & Jochen Voerste.
Musik: Andre Moghimi.
Mit weiterer Musik aus dem Film von Nils Kacirek.
Zusätzliches Sounddesign: Felix Denzer.
Produktionsassistenz: Stefanie Kaiser und Philipp Fischer.
Coverdesign: Victoria Müller.
Creative Producing: Maike Brülls.
Head Of Content Richtig Cool: Jan Lindenau-Rank.
Executive Producer Richtig Cool: Robin Blase.
Executive Producer DOCDAYS: Antje Boehmert.
Produktionsmanagement ZDF: Christiane Alsfasser, Anna Sophie Schmid.
Redaktion ZDF: Lisa Reisch und Vanessa Olivier, Susanne Mertens (ARTE)

Mit großem Dank an Sam Piranty, ohne den dieser Podcast nicht möglich gewesen wäre, sowie Anja Herrenbrück, Marla Hünninghaus, Katharina Fülle und das Kinderhospiz „Berliner Herz“

BILLION DOLLAR BABIES ist ein Podcast von ZDFkultur. Und eine Zusammenarbeit von Richtig Cool und DOCDAYS Productions.

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Das ist mein Kollege Marcel Osein-Riedel, den ihr da hört. Er testet gerade, wie wir die Festplatten, auf denen wir unser Videomaterial speichern, am besten schützen können. Unsere nächste Reise wird uns an einen Ort führen, an dem Journalisten nicht besonders erwünscht sind. Und wir werden dort Menschen treffen, deren Identität wir schützen müssen.

Weil sie Kriminelle sind, die kriminelle Dinge tun. Wir wollen nach Hongkong fliegen. Dort ist der Aalsschmuggel in der Hand einer mächtigen kriminellen Organisation, der 14K-Triade. Die machen ihr Geld mit Drogen, Prostitution und Glücksspiel. Und eben Aalen, dem Kokain des Tierschmuggels. Hey ihr beiden, habt ihr alles vorbereitet? Wir waren nochmal eure Decknamen.

Sebastian, du bist Tom, oder? Und Marcel, Josi oder Yoshi? Das ist Bridget Wing. Wir sehen uns dann am Flughafen in Hongkong. Gute Reise. Richard ist natürlich nicht ihr richtiger Name und das hier ist auch nicht ihre richtige Stimme. Und eigentlich spricht sie auch kein Deutsch. In Hongkong sind investigative Journalistinnen und Journalisten zunehmend staatlicher Verfolgung und Einschüchterung ausgesetzt.

Deshalb müssen wir ihre Identität schützen. Nachdem alle Festplatten verschlüsselt sind, machen wir uns auf den Weg, um Bridget zu treffen. Und eine der gefährlichsten kriminellen Vereinigungen der Welt. Zum Zeitpunkt meiner Taufe als Tom habe ich zu dem laut Europol größten Wildtierverbrechen Europas recherchiert.

Ich habe Wissenschaftler, Ermittlerinnen und Händler getroffen. Und ich bin der Frage nachgegangen, ob Geld aus dem Schmuggel von Aalen in den russischen Angriffskrieg fließt. Und ich wollte herausfinden, ob der Flugzeugabsturz mit dem Präsidentenmord auf Haiti zu tun hat. Ich bin Sebastian Weiß, Filmemacher und Investigativjournalist.

Für ZDF Arte, ZDF Kultur und BBC Eye habe ich einen Film gemacht über eine gefährdete Tierart, die in den Flüssen vor unserer Haustür schwimmt und mit deren Schmuggel Milliarden verdient werden. Und was ihr in der Doku nicht seht, hört ihr hier. Das hier ist nicht irgendein True-Crime-Podcast. Kein Wirtschafts-Thriller, zumindest nicht für uns.

Das ist das größte Wildtierverbrechen, von dem kaum jemand weiß. Das ist Billion-Dollar-Babys. Folge 5. Hongkong. Triaden und Tränen. Es wird viel über die Grausamkeit römischer Herrscher erzählt. Nero, Caligula. Vieles ist übertrieben, Propaganda von politischen Gegenspielern. Aber eine Horrorgeschichte kann ich persönlich bezeugen. Denn ich war dabei.

Wir schreiben so ungefähr das Jahr 50 vor Christus, plus minus ein paar Jahrzehnte. Vedius Pollio ist im Großen und Ganzen keine wichtige Figur der römischen Antike. Das Einzige, wofür er heute bekannt ist, ist sein Sadismus. Wenn ihn ein Sklave verärgert, lässt Vedius Pollio ihn in sein Becken voller menschenfressender Aale schmissen.

Menschenfressender Aal. Das klingt unentschuldbar. Aber wir sind alles Fresser. Und wenn der Mensch uns einsperrt und an den Rand des Wahnsinns hungern lässt, was hätten die Menschen? Wäre es anders herum gewesen? Nun ja, wahrscheinlich waren das in Wirklichkeit nicht wir, der europäische Aal, sondern in diesem speziellen Fall unsere Brüder und Schwestern, die Moränen.

Aber erzählt es nicht viel über das Verhältnis von Mensch und Aal, dass diese Legende so weitergegeben wurde? Vedius Pollio hat keine Entschuldigung. Sein eigener Vater war ein Sklave. Vedius Pollio hingegen wuchs in Freiheit auf und hatte sehr viel Glück in seinem Leben. Ein steiler Aufstieg vom absolut unbedeutenden Ritter der römischen Armee hin zu einem wohlhabenden und einflussreichen Bürger des römischen Imperiums.

Reiche Menschen haben alles. Deswegen wird ihnen irgendwann langweilig. Und aus irgendeinem Grund stehen im Zentrum der superreichen Tristesse in Rom ausgerechnet wir Aale. Anderes Beispiel. Gaius Herius ist der erste, der mit uns so richtig absahnt. Auf seinem Anwesen hat er mehrere Teiche, in denen er ausschließlich Aale hält.

Einmal lässt Gaius Hirius Julius Cäsar mehr als 6000 Aale schicken. Keine kleinen Glas Aale, nein, ausgewachsene Aale. Genau die richtige Größe für ein Festbankett. Dann stirbt Gaius Hirius und ein anderer reicher Mann kauft alle Aale aus seinen Teichen auf. Für insgesamt 4 Millionen Sesterzen. Das sind zum damaligen Zeitpunkt ungefähr 200.000 Schweine oder 2.000 Sklavinnen und Sklaven.

Aber es geht nicht nur darum, mit uns Geld zu machen. Jedenfalls damals nicht. Für viele im alten Rom sind wir das, was der Chihuahua in den 2000ern für gut betuchte Frauen in Los Angeles war. Wie Paris Hilton so schön sagt, Ist das nicht richtig, Tinkerbell? Antonia, die Nichte von Kaiser Augustus, hat einen Aal als Haustier, den sie so liebt, wie andere einen Welpen.

Sie lässt ihm sogar Ohrlöcher stechen. Das Problem, wir sind Aale, wir haben keine Ohren. Die Ohrringe hängen deshalb an unseren Flossen. Ja, ihr lacht jetzt. Denkt euch, die alte Antonia, die hatte sie nicht alle. Das stimmt, aber sie war nicht die Einzige. Auch der Römer Crassus hat einen Haustier-Aal, den er mit Schmuck behängt.

Ohrringe, aber auch teure Goldketten. Welcher Crassus das war, ist unter euch Menschen umstritten. Entweder der Krieger, der Spartakus besiegt hat, oder ein hochrangiger politischer Redner. Ich weiß nur, wie er mit seinem Lieblingsaal umgegangen ist. Er sollte laut Crassus mit dem ganzen Goldgetüdel nämlich aussehen wie eine liebliche Jungfrau.

Der Aal lebt auf Crassus' Anwesen in einem Becken und ist so trainiert, dass er sogar auf seinen Namen hört. Als der Aal stirbt, weint Crassus, als wäre die Welt untergegangen. Der Name des Aals ist nicht überliefert, typisch. Ein historisch relevanter Aal und niemand schreibt Details auf. Vielleicht sollte man das mal mit wichtigen Menschen machen.

Hier, der Typ mit dem Lorbeerkranz, der der Kleopatra geheiratet hat. Keine Ahnung, wie der hieß. Ulf? Der Schmuckfimmel im alten Rom war nichts anderes als Tierquälerei. Und trotzdem werde ich ein wenig wehmütig. Auch im alten Rom werden wir gegessen, aber wir werden dabei nicht unsichtbar gemacht. Wir sind ein Ausdruck von Macht, Überleben und Tod, denn man fürchtet uns als Monster, in Vidius Pollius Todesbecken.

Aber man schmückt uns auch, weil man uns liebt. In der modernen Welt sind wir vor allem eins. Futter für Menschen, die sich alles leisten können. Der europäische Aal ist ein kulinarisches Statussymbol. Aber niemand weint mehr um uns. Vor allem nicht die Leute, die mit unserem Tod so reich werden wie Vedius Pollio im Imperium Romanum.

Die modernen Herrscher über Leben und Tod. Das organisierte Verbrechen. Marcel und ich sitzen im Flugzeug nach Hongkong. 14 Stunden. Wir ersparen euch ab jetzt mal die Flugzeuggeräusche. Denn im Original haben wir die nicht aufgenommen. Wir reisen mal wieder als YouTuber getarnt mit kleinem Equipment.

Wir wollen ein Filmchen über Streetfood machen. Solche YouTuber sind in Hongkong eigentlich immer herzlich willkommen. Bei professionellen Journalisten weiß man das nicht so ganz genau. Es gibt kein wirkliches Journalistenvisum und keine klaren Regelungen. Was den Behörden dort, sagen wir mal, etwas Spielraum lässt, wenn sie einen kontrollieren.

Im Vorfeld haben wir auch getestet, wie wir unser gedrehtes Material verschlüsseln, sodass Behörden bei einer möglichen Kontrolle keinen Zugriff drauf haben und wir die Identität der Menschen, mit denen wir drehen, schützen können. OPSEC nennt man das. Operational Security. Deshalb nehmen wir auch den Ton nicht auf der Kamera auf, sondern auf einer separaten Speicherkarte. Die ist winzig klein.

Im Zweifel könnte ich sie auch runterschlucken. Statt unserer privaten Telefone haben wir Burner-Phones dabei, Wegwerf-Handys. Ein Handy ist ein digitales Abbild deiner Identität, Kontakte, Standorthistorie, Chats und Fotos. Und in unserem Fall sind darauf zu viele Infos über unser Filmprojekt. Wir haben von unseren Kollegen gehört, dass die Behörden immer öfter darauf bestehen, die Handys bei der Einreise mal kurz an ihren Computer zu hängen.

Und dann sehen Sie wirklich alles. Gleich hinter der Zollkontrolle warten Bridget und ihr Fahrer auf uns. Wir steigen in den Mercedes-Minivan mit verdunkelten Scheiben und mehreren selbst eingebauten Dashcams. Wir sind aufgeregt. Bridget hat etwas geschafft, was bisher nur ganz wenigen Journalistinnen vor ihr gelungen ist.

Sie hat aktive Mitglieder einer Triade gefunden, die sich bereit erklärt haben, mit uns zu sprechen. Ein Kameramann, der seit 20 Jahren in Hongkong lebt und arbeitet, hat mir erzählt, es sei im Grunde unmöglich, Kontakt zu den Triaden zu bekommen. Wie also hat Bridget das geschafft? Ich habe meinen Kontakt innerhalb der Triaden nur über einen Zufall kennengelernt, vor vielen Jahren. Er heißt Little D., kleiner Bruder.

Aber alle nennen ihn Elder Brother, großer Bruder, weil er innerhalb der Triaden einen sehr hohen Rang hat. Ich habe Little D. während der Proteste in Hongkong im Jahr 2014 kennengelernt. kennengelernt. Danach sind wir in Kontakt geblieben und treffen uns etwa zweimal im Jahr in einem Teehaus, um dem Sam zu essen.

Lidl D. hat ein riesiges Netzwerk. Auf beiden Seiten des Gesetzes. Er hat mir schon öfter Kontakte vermittelt. Einmal hat er mir erzählt, dass er es sehr schätzt, dass ich ihn so nehme, wie er ist und nicht mit der Überheblichkeit von Journalisten behandle. Er weiß, dass ich alles tun würde, um seine Identität zu schützen.

Wir vertrauen uns, mehr kann ich dazu nicht sagen. Vor ein paar Monaten habe ich ihn einfach gefragt, ob er bereit sei, ein Interview über den Aalschmuggel zu geben. Und er hat Ja gesagt. Und sich bereit erklärt, zwei junge Mitglieder seiner Organisation mitzubringen. Morgen Nachmittag wollen sie uns in einem schicken Hotelzimmer empfangen.

An unserem ersten Abend in Hongkong sitzen wir in einem kleinen Restaurant in der Innenstadt. Bridget bestellt Claypot Rice, kantonesischen Reis im Tontopf, mit Schweinebauch, Hühnchen und natürlich Aal. Sehr zur Freude von Marcel, der ernährt sich nämlich vorwiegend vegan. Ich stürze mich auf die Beilagen. Wasserspinat und natürlich Tofu.

In all seinen Varianten. Mega lecker. Josie likes Tofu? Wird eine Frage sein, die mich auf der Reise begleiten wird. Eigentlich wollte ich Joschi heißen. Aber Josi ist auch okay. Dann bekommt Bridget eine Nachricht. Little D hat das Treffen für morgen abgesagt. Er müsste zu einem Geschäftsessen nach Macau.

Zusammen mit ein paar Lokalpolitikern. Marcel und ich wundern uns, dass ein Mitglied einer kriminellen Vereinigung zu einer Abendveranstaltung mit Politikern geladen wird. Das ist ganz normal. Die Triaden sind tief verbunden mit der Kultur und Politik Hongkongs. Es gibt Gerüchte, dass der Staat das organisierte Verbrechen angeblich sogar beauftragt hat, Demonstrationen niederzuschlagen.

Aber für die Bevölkerung können sie mit ihren Schmuggelkontakten auch Lebensretter sein. Wie vor ein paar Jahren. Da wurde Milchpulver für Babys knapp und nur die Triaden konnten nachliefern. Sie nennen sich selbst The Company, aus gutem Grund. Sie sind eine der mächtigsten kriminellen Organisationen der Welt und agieren wie ein globales Unternehmen.

Ihr Geschäft erstreckt sich über Drogenhandel, Menschenhandel, Prostitution, Glücksspiel und Geldwäsche. Legale Firmen, Online-Plattformen und Kryptowährungen helfen ihnen dabei, ihre Einnahmen über Kontinente hinweg zu verschleiern. Die eine Triade gibt es so aber gar nicht. Ihr müsst euch das mehr wie ein globales Firmenkonglomerat vorstellen. Und diese Firma hat ganz viele Unterfirmen mit jeweils eigenen Labels.

Die Triade, aus der Mein Kontakt stammt, nennt sich 14K-Triade. Für die arbeiten 20.000 Leute in 30 verschiedenen Suborganisationen. Am nächsten Morgen wartet der Wagen mit den verdunkelten Scheiben schon vor unserem Hotel. Der Fahrer bringt uns zu dem Treffen mit den beiden jungen Triadenmitgliedern.

Sie erledigen Jobs für Little D und sind Teil des Aalschungel-Teams. Während seiner Abwesenheit können wir immerhin schon mal sie kennenlernen. Wir treffen sie vor einem Coffeeshop in Mongkok. Das ist der Stadtteil mit den ganzen Neonlichtern. Ist euch bestimmt schon mal auf eurem Instagram-Feed begegnet.

Die Jungs heißen Driver und Tony. Nette Typen, aber leider können sie kein Englisch. Sie sehen anders aus, als ich sie mir vorgestellt habe. So gar nicht wie in den Hongkong-Gangster-Filmen. Eher wie Typen, die man auf einem Indie-Konzert trifft. Driver hat lange Haare, trägt Jeans, ein Fan-T-Shirt von Fender, diesem Gitarrenhersteller und Chucks.

Tony hat einen lockigen Bob, ein Hawaii-Hemd, schlichte Chino mit ganz normalen Sneakern. Nur an kleinen Details erkennt man, dass sie für ihr Alter sehr viel Geld verdienen. An ihren Handgelenken glänzt jeweils eine Rolex für 15.000 Dollar und dazu das ein oder andere, noch teurere, aber unauffällige Schmuckstück.

Sie arbeiten tagsüber in ganz normalen Jobs. Sie wollen nicht auffallen. Niemand darf wissen, für welche Organisation sie eigentlich tätig sind. Außer ihren Eltern, die waren aber auch schon bei den Triaden. Man wird da so hineingeboren, sagen sie. Zum Altschmuggel seien sie dann eher zufällig gekommen.

Toni hat keine Schuldgefühle, sagt er. Früher sei er ein Drogentaxi gefahren, dagegen sei Altschmuggel Kindergarten. Natürlich können wir die beiden nur verdeckt drehen, also so, dass man sie nicht wiedererkennen kann. Und wir dürfen auch nicht zu viel Aufmerksamkeit bei den Dreharbeiten auf uns ziehen.

Genau das ist in Hongkong aber recht knifflig. Denn überall sind Überwachungskameras, ausgestattet mit modernster Gesichtserkennung. Wir entscheiden uns deshalb, den Dreh mit einer unbedenklichen Szene zu beginnen. Driver heißt nicht ohne Grund Driver, er fährt ein Suzuki-Renn-Motorrad. Mich erinnert das direkt an Wonka Wai, einen berühmten Filmemacher aus Hongkong.

In seinem Gangsterfilm Fallen Angel gibt es eine legendäre Szene. Ein Auftragskiller der Triaden rast mit seinem Motorrad durch einen Tunnel in Hongkong. Dieses Bild wollte ich auch drehen. Driver findet die Idee sofort super und braust mit seiner Sportmaschine los. Könnt ihr im Film sehen. Lidl D. ist zurück von seiner Geschäftsreise. Ich habe mich mit ihm für das Interview in einer Suite im 107.

Stock eines Luxushotels verabredet. Von dort kann man nicht nur die ganze Stadt überblicken. Es ist auch sicher und vor allem anonym. Wir sind schon eher im Hotelzimmer. Marcel und ich bauen die Kameras auf und checken den Ton. 45 Minuten sind für das Interview angesetzt und wir wollen jede Minute nutzen.

Bei den Treffen sind mir ein paar Sachen sehr wichtig. Beide Seiten bleiben anonym, das heißt, niemand sagt seinen richtigen Namen. Und ich führe das Interview. Mit Fragen, die wir uns vorher gemeinsam überlegt haben. Weil er nur mir vertraut. Dann klopft es an der Tür. Driver und Toni, die beiden jungen Trianen-Mitglieder von gestern, kommen rein und checken alles aus.

Sie wollen von Bridget ganz genau wissen, wie wir Little D filmen wollen und ob das sicher ist. Nach ihrer Inspektion verziehen sie sich dann ins Bad und baddeln auf ihren Handys rum. Erst viel später werden wir erfahren, dass sie doch Englisch sprechen und ganz genau zuhören, worüber wir im Team mit Bridget plaudern. Clever.

Dann betritt Little Dee den Raum. Seine Körpersprache zeugt vom Selbstbewusstsein eines Mannes mit jahrzehntelanger Erfahrung im organisierten Verbrechen. Er wirkt ruhig, souverän und höflich. Aber sein Blick ist durchdringend, beinahe bedrohlich. Little D. geht kein Risiko ein. Ohne seinen Blick von der Skyline abzuwenden, winkt er Toni zu sich. Sie flüstern.

Dann geht Toni zurück ins Bad. Von dort hat er unsere Kamera immer im Auge. Mit einem kurzen Nicken gibt Little D. uns zu verstehen, dass er nun bereit für uns ist. Vielen Dank. Wenn man mit Drogen auf dem chinesischen Festland erwischt wird, ist es nicht unwahrscheinlich, dass man dafür hingerichtet wird, sagt Little Di.

Wer Aale und andere Meerestiere schmuggelt, muss maximal ein paar Jahre ins Gefängnis. Oder um es in Konzernsprech zusammenzufassen, die Nutzen-Risiko-Abwägung fällt mit Baby-Aalen sehr positiv aus. Er will keine Details nennen, von wem seine Triade konkret ihre Aale bezieht. Sie sind in jedem Fall nicht die einzige Triade, die mit Aalschmuggel schon sehr viel Geld verdient hat.

Europäischer Aal sei begehrt, sagt Little D. Er sei qualitativ besser und wegen des Embargos sei er mehr wert als amerikanischer Aal. Plötzlich stehen Tony und Driver hinter uns. Die 45 Minuten sind um. Aber Little D. ist entspannt und schlägt vor, dass wir ihn mit der Kamera in einen taoistischen Tempel begleiten.

Little D. denkt seit ein paar Jahren darüber nach, dass er irgendwann Verantwortung für sein Handeln übernehmen müsse. Er glaubt an Karma. Glücklicherweise habe es ihn noch nie ereilt. Deshalb geht er jeden Tag beten. Der Wenmo-Tempel auf Hongkong Island ist uralt und wunderschön. Überall hängen glimmende Räucherspiralen von der Decke.

Sonnenstrahlen tanzen mit dem Rauch. Little Dee zündet Räucherstäbchen an und versinkt im Gebet. Die Bilder sind unglaublich. Ich bin beim Filmen völlig konzentriert und merke nicht einmal, wie sich der Raum mit zwei riesigen Touristengruppen füllt. Plötzlich stößt mich eine amerikanische Touristin zur Seite und beginnt wie verrückt Fotos von Little D. zu machen.

Offenbar hält sie ihn, dank unserer Kamera, für eine Tempelattraktion und denkt jetzt, sei sie mal an der Reihe. Und Little D., der grinst. Es gibt da dieses Poster, das viele noch vor 20, 30, 40 Jahren auf ihren WG-Toiletten hängen hatten. Darauf stand, erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.

Ja, damit fandet ihr Menschen euch wahnsinnig kritisch und klug. Das Witzige ist, dieser Spruch ist keine historische Weissagung eines indigenen Stammes, auch wenn es viele glauben. Er stammt wahlweise aus einer Umweltkampagne der 80er oder vielleicht noch von der indigenen Dokumentarfilmerin Alanis Owomsawi.

Aber natürlich habt ihr T-Shirts und Poster und Aufkleber damit gekauft und euch gut gefühlt. Geld kann man nicht essen, kontrolliert aber fast jeden Aspekt der menschlichen Existenz. Geld entscheidet darüber, wer lebt und wer stirbt. Welche Tierart überleben darf und welche sterben muss. Ihr habt entschieden, dass wir Aale sterben müssen. Und es gibt nichts, was ich dagegen tun kann.

Aber über wen erhebt ihr euch, wenn niemand sonst mehr da ist? Ihr habt euch eine Maschinerie ausgedacht, mit der ihr euch selbst die Lebensgrundlage entzieht. Applaus, Applaus. Ihr habt keine natürlichen Fressfeinde mehr. Also wendet ihr euch gegen euch selbst. Was ihr nicht verstanden habt, Natur ist ein Kreislauf. Unser Ökosystem basiert auf Geben und Nehmen.

Ihr habt euch davon verabschiedet. Ihr nehmt nur noch. Bis der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist. Und das alles für was? Für Geld? Kapitalismus hört erst auf, wenn alles tot ist. Wir Aale sind Raubfische, aber wir wenden uns nicht gegeneinander. Der Mensch tötet sich selbst, indem er ein System aufrecht erhält, das auch seiner Art mehr schadet als nützt. Warum?

Ihr seid mir fremd. Genauso fremd wie diese muffige Lagerhalle in Hongkong. Hier warte ich mit meinen Brüdern und Schwestern darauf, den letzten Teil unserer Zwangsreise nach China anzutreten, damit Männer in Wolkenkratzern reich werden. Nach unserem Treffen mit Little D bringen uns Tony und Driver am frühen Abend an eine Uferpromenade, von der man einen der schönsten Ausblicke auf die Skyline von Hongkong hat.

Wir wollen ein paar Stadtansichten für den Film drehen. Wir stellen die Kamera auf und warten auf das richtige Licht. Zeit zum Doomscrollen auf Instagram. Dort finde ich eine Empfehlung für das beste Chili-Öl Hongkongs. Der Laden scheint hier direkt gleich an der Promenade zu sein. Ich zeige Toni den Post.

It's just over there. Ist gleich da hinten, sagt er plötzlich in bestem Englisch. Und er warnt mich grinsend, dass Chili-Öl hier auch nicht immer vegan sei. 1 zu 0 für Toni. Mit dem Chili-Öl im Gepäck geht es in ihre Basis, um über den Schmuggel zu reden. Auch das hat Bridget organisiert. In der Hauptsaison von Oktober bis März machen sie pro Woche zwei bis drei Lieferungen.

Meist mit 200 Kilo, manchmal sogar einer halben Tonne Glasahle, sagt uns Toni. Das sind weit über eine Million Tiere. Und nur ein einziger dieser winzig kleinen Fische sei zwischen zwei und drei US-Dollar wert. Driver holt die Aale vom Flughafen in Hongkong ab, mit einem unauffälligen Transporter. Manchmal kommen die Aale in großen Cargo-Boxen, manchmal in kleinen Rollkoffern, wie uns Bruneau, der französische Ermittler in Paris, auch schon erzählt hat.

Dann bringt Driver die Aale in das Zwischenlager der Triaden. Hongkong ist nämlich nicht das eigentliche Ziel, sondern das chinesische Festland. Bis sie dorthin geschmuggelt werden, bleiben die Fische in dieser Lagerhalle in einem kleinen Örtchen in der Nähe von Hongkong. Die Halle, die sie uns zeigen, liegt in einem riesigen, anonymen Komplex von kleinen Läden, Fischrestaurants und einem Fischmarkt.

Total unscheinbar. Und doch ist dieser Ort ein zentraler Umschleibplatz für fast alle auf der Welt geschmuggelten Aale. Wir sehen Neonröhren, Generatoren und viele Fischbecken. Wenn man einen Hongkong-Gangster-Film drehen wollte, dies wäre die perfekte Kulisse. Und ironischerweise tun wir das irgendwie gerade auch.

Driver sagt, dass ihm ein Triadenkontakt auf dem chinesischen Festland per Funkbescheid gibt, wann es losgeht. Das sei meistens morgens, wenn auch reguläre Fisch- und Gemüsetransporter unterwegs seien. Dann fahren wir los zu ihrem Schmuggelspot. Die Straße schlängelt sich an der Küste entlang und ist an beiden Seiten dicht bewachsen.

Alle paar hundert Meter ist die Einfahrt zu einem Grundstück zu erkennen, meist hinter hohen Zäunen und Mauern. Wir sehen keine Menschen und auch kaum Wohnhäuser. Tony und Driver haben uns gewarnt, dass wir hier auffallen. Die Villager, also die Leute, die hier wohnen, würden jeden Fremden sofort erkennen und Fragen stellen.

Plötzlich entdeckt Bridget aus dem Auto heraus etwas. Auf einem Schild am Zaun ist ein Firmenname zu lesen. So und so Aquatic Company. Ich kenne sie seit langem. Ihr Name taucht bei der Operation Broken Class auf. Die größte Operation gegen den Aalschmuggel in der US-Geschichte. Scheint, als wären wir hier goldrichtig.

Wir sind am Schmuggelspot am Meer angekommen, einem langen, einsamen Strand, und werden direkt von tausenden Moskitos begrüßt, die uns herumschwirren und uns die Arme und Beine zerstechen. Es ist kaum noch möglich zu drehen, weil sich ständig jemand laut irgendwo hinschlägt und Tony und Driver permanent rumzappeln.

Morgens sei weniger Polizei unterwegs, erzählen die beiden. Aber eigentlich, das sagen sie uns auch, ist die Polizei in diesem Vorort von Hongkong ziemlich faul. Sie wissen, wann die ihre Patrouillen machen würden. Dann sehen wir plötzlich zwei Männer, die in unsere Richtung kommen. Tony und Driver zünden sich eine Kippe an. Wir verstecken das Equipment im Gebüsch.

Wir machen auf unschuldig und sehen plötzlich die Stöcke in ihren Händen. Nordic Walking. Später lesen wir, dass die Gegend total beliebt bei Wandergruppen ist. Weiter geht's. Tony und Driver warten meistens die Flut am frühen Morgen ab, damit die Boote besser übersetzen können. Es soll in der Bucht sechs solcher Teams geben. Das soll reichen, um den gesamten europäischen All zu schmuggeln.

Die Boote treffen sich in der Mitte, da werden die Babyahle umgeladen, dann rauschen die Boote wieder ab. Job erledigt. Nach der ganzen Aufregung wollen wir noch etwas runterkommen. Wir sitzen alle zusammen auf einem Holzsteg in einem kleinen Hafen. Im Hintergrund flackern die Neonlichter der vielen Fischrestaurants.

Toni erzählt, dass er eigentlich lieber Buchhalter geworden wäre. Ein ruhiges Leben mit Zahlen, geregelten Arbeitszeiten, ohne das ständige Misstrauen und die Paranoia. Seine ehemaligen Klassenkameraden würden denken, er mache was mit IT. Freundschaften seien nur innerhalb der Triade möglich. Eine Freundin? Unmöglich.

Driver will bei den Triaden Karriere machen. Ganz nach oben. Als wir ihn auf das Aussterben des europäischen Aals ansprechen, zuckt er nur mit den Schultern. Verantwortung? Nicht bei ihm, nicht bei den Schmugglern, sondern in Europa. Dort werden die Glasaile gefangen. Von europäischen Fischern, in europäischen Gewässern.

Sie würden nur kaufen, was ihnen angeboten wird. Alle seien fast ausgestorben. Driver hofft, dass sich die Fische bei der Fortpflanzung ranhalten. Sonst wäre sein Business, so meint er, im Arsch. Plötzlich sind wir nicht mehr allein am Hafen und müssen aufbrechen. Als wir loslaufen, klingelt Tonys Telefon.

Das ist Duke, der Boss von Tony und Driver. Aber er organisiert den Schmuggel von Europa aus und wir werden ihn treffen. In Paris. Bridget hat mal wieder ihre Kontakte spielen lassen. Duke hat uns in ein Edelrestaurant eingeladen. Das Restaurant heißt Eels, Aale. Und was denkt ihr, wird es dort zu essen geben?

Na dann, bon appetit. Was wir nach Recherchen in zwölf Ländern, 33 Flügen und einer Salmonellenvergiftung am Ende herausgefunden haben, das hört ihr in der letzten Folge. Das ist Billion Dollar Babys. Der Aal und die Gier. Ein Podcast von Lisa Ludwig und uns, Sebastian Weiß und Marcel Ozanriedel. Erzählt hat außerdem Katja Riemann.

Regie und Schnitt Nele Denenkamp. Co-Autorin ist Birgit Tanner. Dramaturgische Beratung Miku-Sophie Kümel. Ton und Technik haben André Mogimi, Stanislav Milkovski und Jochen Först übernommen. Musik André Mugimi mit weiterer Musik aus dem Film von Nils Katschirek. Zusätzliches Sounddesign von Felix Denzer.

Produktionsassistenz Stefanie Kaiser und Philipp Fischer. Unser Cover hat Viktoria Müller gestaltet. Produktionsmanagement ZDF Christiane Alswasser und Anna-Sophie Schmidt. Creative Producing Maike Brülls. Redaktion ZDF Kultur Lisa Reich und Vanessa Olivier. Redaktion ZDF Arte Susanne Mertens. Head of Content, richtig cool, Jan Lindenau-Rank. Executive Producer, richtig cool, Robin Blase.

Executive Producer, Dog Days, Antje Böhmert. Mit großem Dank an Sam Perenti, Anja Herrenbrück, Maler Höninghaus, Katharina Fülle und das Kinderhospiz Berliner Herz. Billion Dollar Babies ist ein Podcast von ZDF Kultur und eine Zusammenarbeit von richtig cool und Dog Days Productions. Übrigens, Billion-Dollar-Babys gibt es auch als Film.

Milliarden-Dollar-Babys. Große Geschäfte mit kleinen Aalen. Und zwar bei Arte und ZDF.

0:00 / 0:00