Food Crimes - Was schmeckt dahinter?

Die tödliche KZ-Suppe

Dienstag, 24. März 2026 · 50 min

MP3

Shownotes

Arthur Kessler weiß: Hier stimmt was nicht. Seit Wochen bekommen die Gefangenen des KZ Vapniarka nichts anderes als Gerstenbrot und Erbsensuppe zu essen. Seit einigen Tagen beobachtet Artur Kessler, wie immer mehr seiner Mitinsassen, Beine nachziehen, Geschwüre bekommen und komplett steif im Körper werden. Seine letzte Chance ist ein Gespräch mit dem sadistischen KZ-Kommandanten Buradescu. Denn Artur Kessler weiß, wenn sich das Essen nicht bald ändert, kommt der Tod schneller als alle denken.
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Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Arthur Kessler weiß, hier stimmt was nicht. Seit Wochen bekommen die Gefangenen des KZ Vabniaka nichts anderes als Gerstenbrot und Erbsensuppe zu essen. Seit einigen Tagen beobachtet Arthur Kessler, wie immer mehr seiner Mitinsassen Beine nachziehen, Geschwüre bekommen und komplett steif im Körper werden.

Als Verantwortlicher der Krankenstation, zu dem ihm die rumänischen KZ-Offiziere gemacht haben, versucht er zu heilen, wo es nur geht. Doch Arthur Kessler kommt im Dezember 1942 an seine Grenzen. Das ist eine Krankheit, die er so noch nie gesehen hat. Seine letzte Chance ist ein Gespräch mit dem sadistischen KZ-Kommandanten Buradescu.

Denn Arthur Kessler weiß, wenn sich das Essen nicht bald ändert, kommt der Tod schneller als alle denken. Das ist Food Crimes. Was schmeckt dahinter? Mit Lili Temmer und Florian Rietzer. Heute machen wir mal wieder einen historischen Fall. Ich habe vor ein paar Wochen mal auf Instagram gefragt, ob ihr das mögt, weil ich finde historische Fälle immer sehr, sehr spannend.

Und als ich den Fall gefunden habe, dachte ich mir, den muss ich auf jeden Fall machen. Ich kann aber auch verstehen, dass es für manche Menschen oft ein bisschen zu weit weg ist. Das habe ich dann oft gelesen, dass man mit historischen Fällen im Heute nicht so viel anfangen kann. Aber bei dem Fall gibt es auf jeden Fall auch einige Bezüge ins Heute, deswegen fand ich den auch besonders spannend.

Ich sehe in deinen Augen, dass du wahrscheinlich von der ganzen Geschichte noch nichts gehört hast, oder Lili? Nee, ich habe noch nichts davon gehört. Mein erster Gedanke war nur…, Und dadurch, dass die Umstände eines KZs ja eh schon kriminell waren und das Essen, was dort verteilt war, auch ein sogenannter Foodcrime, frage ich mich jetzt, was noch kommt, weißt du?

Also das waren so die Gedanken, die ich hatte. Es gibt viele Punkte in dieser Geschichte, die mir a neu waren, die man so glaube ich noch nicht gehört hat. Ja, ich habe mich wirklich sehr tief reingearbeitet in den Fall, weil es rechts und links so viele Nebengeschichten gab, die ich natürlich jetzt nicht alle miterzählen konnte, aber die wir vielleicht hier und da mal sprechen können.

Ich habe heute wieder sehr viele Fotos dabei, was tatsächlich für so einen historischen Fall auch eher ungewöhnlich ist. Aber ich werde später dazu kommen, warum es so viele Fotos gibt oder warum es so viel Informationen gibt. Und die Fotos könnt ihr wie immer auf Instagram sehen. Bei was schmeckt dort hinter? Folgt uns dort gerne. Was schmeckt dort hinter?

Habe ich dort hinter gesagt? Ja, was schmeckt dort hinter? Dort auf Instagram, was schmeckt dort dahinter? Also, was schmeckt dahinter, heißt die Seite natürlich und unser Podcast. Abonniert uns gerne, kommentiert. Wir lesen alles, wir freuen uns immer über jede Nachricht. Und gibt es noch Gedanken, die du zu diesem Fall hast? Ansonsten würde ich das Vorgeplänkel heute mal kurz halten und direkt in den Fall reingehen.

Oder gibt es was, was du noch loswerden möchtest, Leri? Was möchte ich loswerden? Nur nochmal vielleicht zum Zusammenfassen. Also, wir haben hier diesen Arzt. Ja, Arthur Kessler. Arthur Kessler. und wir haben seine Beobachtung, dass die Menschen im KZ krank werden und es eine Verbindung zum Essen gibt, was ausgeteilt wird.

Das ist der aktuelle Stand, genau. Okay, gut. Und wo befinden wir uns? Wir befinden uns dann später in der Geschichte im KZ Wabniaka. Das liegt, obwohl, komm, das verrate ich noch nicht, das erzähle ich euch ja dann alles in der Geschichte. Okay, dann starten wir rein, oder? Mhm. Bevor Arthur Kessler das Konzentrationslager Vabniaka erreicht hat, hatte er schon so einiges durchgemacht.

Geboren wird er am 11. Oktober 1903 in Gevitsch, einer Stadt im heutigen Tschechien. Und Gevitsch ist der deutsche Name. Nach dem Ersten Weltkrieg zieht die Familie nach Tschernowitz in die Provinz Bukovina. Heute befindet sich die Stadt in der Südostukraine, nahe der rumänischen Grenze. Die Stadt ist damals aber Teil der Habsburger Monarchie.

Aufgrund der prachtvollen Architektur und Kultur nennt man Czernowitz auch Klein Wien. Und von der Stadt habe ich natürlich ein Foto dabei. Ja, wunderschön. Ich sehe einen Park, durch den ein bewachsener Grünstreifen läuft. Links und rechts sind ganz alte Laternen angebracht und am Ende des Parks steht ein limettengrünes Gebäude.

Das Theater, richtig. Das habe ich direkt erkannt. Es sind wunderschöne Fassaden, Jugendstil, würde ich sagen. Das Wetter ist auch noch schön, das wird dem Bild zugutekommen. Es sieht sehr, sehr schick aus. Klein Wien versteht man, oder? Klein Wien versteht man, ja. Ich finde, die Gebäude erinnern auf jeden Fall stark an Wien. Vor allem ganz, ganz rechts im Bild.

Ist ja so ein weißes Haus mit so einem großen Bogen. Die sieht man in Wien auch am Wien-Kanal. Wenn man da am Naschmarkt lang geht, da gibt es rechts und links auch so Häuser, die so ein bisschen in die Richtung gehen. Also ich kann den Vergleich Klein Wien auf jeden Fall verstehen. Ich habe noch ein historisches Bild dabei von der Synagoge in Tschernowitz.

Ja, das sieht aus wie eine Postkarte. Und diese Synagoge steht relativ allein auf diesem Platz, also rechts und links ist nichts, steht sehr frei, hat ein grünes Dach, ist auch ein sehr schönes Gebäude, davor stehen irgendwie so rote Blöden. Pfähler? Wie so ein Zaun, oder? Ja, imposantes Gebäude. Absolut, absolut, ja.

Aber damit hast du mal so einen kleinen Eindruck von der Stadt bekommen, in die die Familie Kessler jetzt nach dem Ersten Weltkrieg gezogen ist. Arthur wächst hier zusammen mit seinen drei Brüdern als Sohn des stellvertretenden Oberrabbiners der Stadt auf. Die Familie Kessler lebte in Tschernowitz ein gutes Leben. Auch nachdem die Stadt 1918 vom österreichischen Czernowitz zum rumänischen Czernauti geworden ist.

Hier lebte die Familie, wie viele Juden der Mittel- und Oberschicht, weiterhin auf Deutsch. Arturs Erfolg in der rumänischen Schule tut das aber keinen Abbruch. Er ist ein guter Schüler. Nach seinem Abschluss beginnt er, wie sein Vater und Florian Reza an der Universität Wien zu studieren. Im Gegensatz zu seinem Vater wählt er einen pragmatischeren Weg und studiert Medizin.

Nach seinem Studium dient er für ein Jahr als Militärarzt in der rumänischen Armee, bevor es ihn nach Zwickau verschlägt, wo er in einem städtischen Krankenhaus arbeitet. Als Hitler 1933 die Macht übernimmt, wird er entlassen. Er kehrt nach Tschernowitz zurück und macht sich als Spezialist für Allergien einen Namen. Und er gründet eine Familie.

Seine Frau Judith Schulzinger, eine gut betuchte Kaufmannstochter, hatte er schon in Wien kennengelernt. 1937 heiraten sie dann in Tschernowitz. Und von der Familie sowie dem Ehepaar Kessler habe ich auch ein Foto für dich dabei. Das sind die beiden. Einmal behutet und einmal ohne. Einmal behutet und zur Seite schauend und einmal unbehutet und in die Kamera blickend.

Ja, das sind so typische Fotostudio-Bilder, die man damals hat anfertigen lassen. Beide sind fotogen und die Augen sind wahrscheinlich nachbearbeitet, könnte ich mir zumindest vorstellen. Mit welchen Mitteln? Naja, man konnte doch auch entwickelte Fotos damals nochmal nachbearbeiten. Wirklich? Das habe ich noch nie gehört. Und ich finde, die sind so sehr dunkel und sehr glänzend und stechen hervor. Okay. Bei beiden.

Ja, hübsches Paar. Ja, auf jeden Fall. Das war mir komplett neu, dass man Fotos damals nachbearbeiten konnte. Ich hätte jetzt gedacht, dass sie einfach sehr dunkle Augen haben, weil ich habe natürlich noch ein Bild von der Familie dabei. Die haben alle relativ klare, durchdringende Augen. Also, das ist jetzt mein sich irgendwo in meinem Hirn hoffentlich befindendes Wissen aus meinem Medien-Kulturwissenschaftsstudium, wo wir natürlich über jede Medienform gesprochen haben, so auch die Fotografie.

Und ich meine, dass man das schon machen konnte. Falls jetzt jemand zuhört und sagt, diese Frau lügt, sie soll sofort aufhören, so viel Unfug zu sagen und reden, dann schreibt uns das doch einfach mal in die Kommentare. Jetzt haben wir ein weiteres Foto. Das ist jetzt seine Familie, ja? Genau, das ist die Familie. Du siehst rechts, das ist Arthur Kessler.

Ja, den erkennt man sofort wieder, ja. Genau, und das sind seine drei Brüder und die Eltern. Ja, auch das. Diese Fotos wirken natürlich heutzutage immer ein bisschen auffällig, weil man ja heutzutage solche Familienfotos nicht mehr machen würde. Abgesehen davon, dass nicht alle in die Kamera gucken. Er und sein Bruder als ganz außensitzende Personen, dass sie so einrahmen, indem sie in diagonal sich über schneidende Achsen gucken. Also es sieht einfach so sehr gestaged aus.

Solche Fotos hat man vermutlich damals einfach mal gemacht und anfertigen lassen. Heutzutage würde man das nicht mehr machen. Aber was ich sehe, sind zwei ältere Brüder und dann zwei jüngere mit einem wahrscheinlich relativ großen Altersunterschied. Also da haben die Eltern vielleicht gedacht, ist die Liebe nochmal aufgefrischt oder ist die Flamme nochmal. Ey, vielleicht auch ganz praktisch lag der Erste Weltkrieg dazwischen.

Das, weil Arthur ist natürlich und sein Bruder wahrscheinlich auch vor dem Ersten Weltkrieg geboren und ich nehme mal an, so vom Alter würde ich mal schätzen, dass die dann vielleicht nach dem Umzug nach Tschernowitz nochmal zwei Kinder nachbekommen. Das wäre jetzt meine Interpretation des Altersunterschieds. Und du hast ja gesagt, dass sein Vater auch an der Uni in Wien studiert hat, also ein Akademiker ist.

Man sieht der Familie an, dass sie nicht unbedingt arm ist. Sie haben feine Sachen an. Das auf jeden Fall. Die Familie Kessler gehört auf jeden Fall zur Mittel- bis Oberschicht in Tschernowitz. Im August 1940, wenige Wochen nach dem sowjetischen Einmarsch in die Stadt, kommt ihr erstes Kind zur Welt.

Das neue Regime verlangt, dass alle Neugeborenen russische Namen tragen. Sie wählen für ihre Tochter den Namen Vera. Der Einmarsch der Sowjets bedeutet für alle eine einschneidende Veränderung. Auch für Arthur Kessler. Die russische Armee beruft ihn zum Direktor eines örtlichen Krankenhauses. Doch die sowjetische Besatzung sollte nur kurz weilen.

Gut ein Jahr später marschiert Nazi-Deutschland in die Sowjetunion. Der rumänische General Ion Antonescu, der Rumänien zu dieser Zeit führt, schmiedet ein Bündnis mit Hitler und lässt seine Truppen ebenfalls in den Krieg ziehen. Auch die Stadt Tschernowitz wird 1941 von Rumänien mithilfe der Wehrmacht besetzt.

Für Arthur Kessler bedeutet die Besatzung auch eine persönliche Gefahr. Als Leiter des Krankenhauses während der russischen Besatzung gilt er in den Augen der Rumänen als kommunistischer Agent. Ungeachtet der Tatsache, dass er selbst in der rumänischen Armee gedient hatte. Im Winter 1941 wird Arthur Kessler verhaftet. Für fünf Wochen sitzt er im Gefängnis und kommt nur durch Bestechungsgelder wieder frei, die seine Frau Judith zahlt.

Zur gleichen Zeit errichtet die rumänische Armee gut 300 Kilometer weiter westlich, in der Region Transnistrien, das Konzentrationslager Vabniaka. Heute ist Transnistrien ein international nicht anerkanntes, ausschließlich von Russland gestütztes De-Facto-Regime zwischen Moldau und der Ukraine, das international aber als Bestandteil der Republik Moldau angesehen wird.

Und das, was sozusagen heute als Transnistrien bekannt ist, ist kleiner als die Region Transnistrien. Also da gibt es so einen kleinen Unterschied. Dass Arthur Kessler nicht schon im Winter 1941 nach Wabniaka deportiert wurde, dürfte er wahrscheinlich dem damaligen Bürgermeister der Stadt, Drian Popovici, verdanken.

Der ähnlich zu Oskar Schindler einen Großteil der jüdischen Bevölkerung schützte, indem er mit der ökonomischen Notwendigkeit argumentierte. Nachdem Popovici im Juni 1942 gegen einen überzeugten Antisemiten ausgetauscht wird, werden die Deportationen wieder aufgenommen. Wenig später, im September 1942, klopft es wieder an der Wohnungstür von Arthur Kessler.

Es ist derselbe Kommissar, der ihn schon im Winter davor festgenommen hatte. Wieder wird Kessler zur Polizeistation gebracht und wieder entlassen. Einen Tag danach, am 6. September 1942, hilft kein Bestechungsgeld mehr. Auf offener Straße wird er zum dritten Mal verhaftet. Zusammen mit 20 anderen mutmaßlichen Kommunisten wird Arthur Kessler in mehreren Etappen unter unmenschlichen Bedingungen in das Lager Vabniaka transportiert.

Arthur Kessler ist fast 39 Jahre alt. Er hat eine Frau, eine zweijährige Tochter, er ist Arzt. Und er hat in der rumänischen Armee gedient und drei politische Systeme überlebt. Nur, ob er das nächste Kapitel überlebt, steht im September 1942 in den Sternen. Es gibt Bilder von dem Lager in Wabniaka, die ich dir gerne einmal zeigen möchte.

Weil, dazu werden wir gleich kommen, sich dieses Lager relativ stark von anderen unterscheidet. Und du kannst ja gerne mal beschreiben, was du siehst auf diesem Modell. Mhm, ich sehe drei große Gebäude nebeneinander mit jeweils zwei Etagen. Davor kleinere Häuser, weiß ich nicht, eher so wie Schuppen anmutende Gebäude würde ich denken.

Und ringsherum natürlich ein Zaun und solche Wachposten. Und das erste, was ich gedacht habe, war ... Dass die Häuser erstaunlich nach Haus aussehen und nicht nach Baracke. Genau, ich werde gleich dazu kommen, noch mal ein bisschen ausführlicher, aber das war eine alte sowjetische Kaserne. Das war ja zu der Zeit tatsächlich für viele Lagern Ausgangspunkt.

Also auch Auschwitz war ja eine alte Militärkaserne zuerst und wurde dann immer weiter erweitert. Und Wabniaka war auch eine alte sowjetische Kaserne. Das Gelände ist auch relativ überschaubar. Das ist nicht besonders groß. Übrigens zu den Begriffen Insassen, Häftlinge, Gefangene. Ich habe lange überlegt, welchen Begriff ich verwende, weil ich finde, manche klingen irgendwie ein bisschen schwächer als andere.

Ich habe mich am Ende dazu entschieden, das so ein bisschen synonym zu verwenden. Also ich werde immer mal einen der Begriffe verwenden. Die meisten Männer waren in dem Gebäude in der Mitte untergebracht und auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, das sind ja Häuser und da sind Fenster und das wirkt ihm geschlossen, es waren auf jeden Fall unmenschliche Bedingungen.

Also die Fenster waren undicht, es gab in dem Gebäude selber, es gab keine Betten, keine Tische, es gab keine Stühle, es gab zwar Kamine, aber es gab kein Feuermaterial. Also es wirkt auf den ersten Blick nicht so extrem wie andere Lager, aber der Schein trügt auf jeden Fall. Als Arthur Kessler im September 1942 in Wabniaka ankommt, macht er schnell Bekanntschaft mit dem Kommandanten des Lagers, Ion Murgescu.

Ein Mann, den Kessler als widerwärtig, trunksüchtig und sexuell-ausbeuterisch bezeichnet. Nachdem der Zug mit den deportierten Juden in Wabniaka angekommen war, werden alle Insassen vor Murgescu aufgereiht. Mit weit auseinandergestellten Füßen steht Murgescu in Napoleon-Manier vor den 1200 Menschen. Er hat zwei Punkte mitzuteilen. Wer versucht zu fliehen, wird erschossen.

Und ihr seid auf zwei Beinen gekommen, aber selbst wenn ihr überlebt, werdet ihr auf allen Vieren gehen. Dann verlangt er die Ärzte aus der Gruppe. 20 Personen treten vor. Kessler ist einer von ihnen. Mugescu ernennt ihn zum Leiter der Krankenstation. Ab jetzt ist Arthur Kessler Häftling und Arzt zugleich.

Denn das KZ Wabniaka war noch recht jung und hatte wenig bestehende Strukturen. Es war anders als die deutschen KZs stark durch die Häftlinge selbst verwaltet. Nach der Ankunft und der Aussortierung bekamen die Häftlinge das erste warme Essen seit zehn Tagen vorgesetzt. Eine gelblich-grüne Erbsensuppe mit Brot.

Wem die nicht schmeckte, hatte Pech. Denn dieses Essen wird es ab sofort jeden Tag geben. 200 Gramm Gerstenbrot, das mit Stroh gestreckt wurde und 400 Gramm Saatplatterbse. Arthur Kessler hat die jeden Tag mit geschwächten und kranken Menschen zu tun. Doch Ende Dezember 1942, gut drei Monate nach der Ankunft im Lager, fällt ihm etwas Ungewöhnliches auf.

Immer mehr seiner Mithäftlinge zeigen ungewöhnliche und ähnliche Symptome. Schmerzende Gliedmaßen, Inkontinenz, Blähungen. Kessler denkt zunächst an eine spastische Lähmung. Er gibt die Anweisung, die Symptome wie Syphilis zu behandeln, mit Jod und Bissmut. Aber es hilft nichts. Im Gegenteil, die Symptome werden immer schlimmer.

Ein Mann berichtet ihm von seinem Leiden. Er sagt, Herr Doktor, ich kann nicht ruhen. Die Krämpfe in meinen Waden lassen mich nicht schlafen. Und meine Hände und mein Kiefer verkrampfen auch. Innerhalb einer Woche trifft es hunderte weitere Gefangene. Sie bewegen unbeholfen ihre Beine, werden schnell müde, stolpern und fallen.

Innerhalb weniger Wochen humpeln hunderte Gefangene durch das Lager. Manche stützen sich auf Krücken, doch viele sind so geschwächt, dass sie sich nur noch auf dem Rücken kriechend fortbewegen können. Arthur Kessler steht im Lazarett von Vapnjaka. Überall um ihn herum liegen Menschen auf Holzplanken, 10, 15 nebeneinander.

Ihm kommt ein Gedanke. Es müssen die Erbsen sein. Was anderes nahmen die meisten Insassen ja nicht zu sich. Und sein Gedanke war richtig. Von dieser besagten Platterbse habe ich zwei Fotos. Ich habe einmal das Bild der Pflanze selber und einmal der Erbse. Womit möchtest du anfangen? Mit der Pflanze möchte ich anfangen. Die ist wirklich total unspektakulär.

Warum zeigst du sie mir dann? Naja, weil das wichtig ist, ne? Ja, also das sieht mir aus wie langes Gras. Ja, sieht einfach aus wie Unkraut. Es ist tatsächlich, ich habe mich auch gefragt, wahrscheinlich haben wir die schon tausendmal gesehen, ohne dass wir wissen, dass das eine Saatplatterbse ist. Aber ja, das ist wirklich eine absolut unspektakuläre Pflanze. Auch die Erbse selber.

Die sehen aus wie Kracher, wie die Süßigkeit Kracher. Von der Form her zumindest. Habe ich, glaube ich, noch nie gegessen, eine Saatplatterbse. Wird das seine Gründe haben? Vielleicht ist sie nicht essbar, ne? Ja. Das würde Sinn machen. Aber erstmal finde ich, ist das irgendwie eine sehr ansehnliche Schose, die ich da gerade sehe. Ja, ich finde sie schön aus.

Ich finde sie sieht so ein bisschen verschrumpelt aus. So ein bisschen eingetrocknet. Aber ich meine, die meisten Erbsen sehen, wenn sie getrocknet aus, so aus und werden dann erst, wenn man sie aufkocht oder aufweicht, wieder, kommen wieder zu ihrer vollen Größe und Schönheit. Aber ja, also ich finde, es ist sowohl in Bezug auf die Pflanze als auch die Erbses jetzt erstmal nichts Ungewöhnliches.

Was ich mich jetzt frage ist, es gab ja auch vor ihm dieses Lager schon. Und wahrscheinlich werden die Leute da schon immer oder seit längerer Zeit zumindest schon diesen Erbseneintopf gegessen haben. Ist das dann vorher keinem aufgefallen, dass das was damit zu tun haben könnte? War das vielleicht sogar, nee, beabsichtigt wäre auch blöd, weil du hast ja gesagt, dass die in diesem Lager die Insassen eigentlich das ganze Lager verwaltet und ...

Und am Leben gehalten haben. Also wie in vielen anderen Lagern ja auch. Es waren ja Arbeitslager auch. Und wäre ja blöd, die eigenen Häftlinge zu vergiften. Ja, also so ein bisschen Hintergrund zu dem Lager. Es war noch relativ jung. Also im September 1942, als Arthur Kessler dort ankommt, war das Lager, nagel mich nicht fest, aber ich glaube noch nicht älter als ein Jahr.

Es gab zu diesem Zeitpunkt erst gut 300 Häftlinge, die davor da waren. Und viele von denen waren zu diesem Zeitpunkt schon gestorben. Und mit diesen 1200 Menschen, die dann im September dort ankommen. Beginnt das Lager eigentlich erst so richtig zu existieren. Also es war zu diesem Zeitpunkt noch nicht lange existent. Und das Thema der Selbstverwaltung ist vielleicht noch ganz spannend, weil, ich muss jetzt auch nicht zu tief reingehen, aber es war natürlich so, dass die Häftlinge auch, wie du schon meintest, Arbeiten außerhalb des Lagers gemacht haben, also Zwangsarbeiten, die sie da verrichten mussten.

Gleichzeitig im Lager gab es im Vergleich zu deutschen KZs zum Beispiel, es gab keine Kapos, die sozusagen aufgepasst haben und den Deutschen zugearbeitet haben, sondern das haben die Häftlinge so untereinander, haben die sich ihren Alltag in Anführungszeichen organisiert. Da gibt es viele Geschichten, wie sie sich darum gekümmert haben, dass die Fenster repariert werden, dass sie Lauskontrollen durchgeführt haben, dass es so hygienisch wie möglich abläuft.

Und was ein spannender Hintergrund ist, ist, dass das so gut funktioniert hat. War, dass es viele politische Gefangene waren, die dort einsaßen. Viele, wie Arthur Kessler, die unter einem kommunistischen Label standen, was auf manche zugetroffen hat, auf andere nicht. Aber sozusagen die, die politisch aktiv waren, hatten natürlich auch Erfahrungen in der Organisation von Menschen, von Gruppen, von Strukturen.

Dadurch hat das in dem Sinne gut funktioniert, ich sage immer gut, das muss man natürlich immer einordnen, das ist eine Konzentration, das ist ein Arbeitslager, aber unter den Umständen, unter denen sie dort waren, hat diese Selbstverwaltung funktioniert. Überraschend gut funktioniert und hat ihnen auch Möglichkeiten gegeben, zum Beispiel geschmuggelte Lebensmittel, die sie dann von außerhalb des Lagers reinschmuggeln konnten, fair zu verteilen, dass es nicht zu Aufständen kam, dass es wirklich eine Gemeinschaft war, was im Laufe des Falls auch noch wichtig wird.

Nochmal zur Blatterbse. Du meintest gerade, du hast sie noch nie gegessen und ich bin froh, dass du sie noch nie gegessen hast, weil natürlich hat diese Erbse einige Auswirkungen. Als sich die Sowjets aus der Militärkaserne zurückzogen, die das KZ-Wabnjaka-Feuer war, ließen sie große Vorräte der Erbse zurück.

Mit der Saaterbse hatten sie gelegentlich ihre Pferde gefüttert. Aber selbst die Russen wussten, dass man die Erbse nur gemischt an die Tiere gibt. Sonst wird sie auf lange Sicht zu Gift. Das zeigt sich auch immer wieder in Hungersnöten, in denen Menschen aus Verzweiflung immer wieder auf die Saatplatterbse zurückgreifen, die die Trockenheit deutlich besser verträgt als andere Nutzpflanzen.

Nur das Problem war, wenn Menschen diese Pflanze essen, nehmen sie auch den natürlichen Giftstoff in der Pflanze zu sich. Die Aminosäure Oxalyldiaminopropionsäure. Well done. Ich werde es nicht nochmal sagen. Wenn man die Saatblätterbse gelegentlich isst, passiert nichts. Der Körper baut das Gift ab.

Wer jedoch monatelang fast nichts anderes isst, also wenn sie ein Drittel oder mehr der täglichen Nahrung ausmacht, dann greift das Gift schleichend die Nervenbahnen im Rückenmark an. Wieder passiert dann lange nichts, bis zum Beispiel eine starke Belastung oder Stress die Symptome auslöst. Und das ist natürlich, wenn man Zwangsarbeiten im Konzentrationslager verrichtet, zwangsläufig irgendwann der Fallen.

Die ausgelöste Krankheit nennt man heute Neuralatyrismus oder kurz Latyrismus, nach dem lateinischen Namen der Pflanze, Latyrus sativus. All das weiß Arthur Kessler im Dezember 1942 noch nicht. Was er weiß, ist, 120 Insassen sind dauerhaft arbeitsunfähig. Mehr als tausend befinden sich im Anfangsstadium der Lähmung.

In sein Tagebuch, das Arthur Kessler heimlich führt, schreibt er, Wir leben in einer mysteriösen Epidemie. Es muss mit unseren Lebensbedingungen zusammenhängen. Denn die Werte und die Lagerführung scheinen unversehrt. Ein Bakterium kann es auch nicht sein, weil das unterscheidet nicht. Das Wasser kann es nicht sein, weil das trinken wir alle.

Das Einzige, was uns unterscheidet von der Lagerführung, sind die Erbsen. Wir essen Gift und werden daran zugrunde gehen. Es muss sofort etwas unternommen werden. Waren die Lähmungen irreversibel? Dazu komme ich noch. Die rumänischen Offiziere müssen gewusst haben, womit sie es zu tun haben. Die Saatplatterbse wurde nur an die KZ-Insassen verfüttert. Für alle anderen in Vabniaka gab es normales Essen.

Dass die Platterbse die Häftlinge langsam und qualvoll sterben ließ, kam dem Lagerkommandant zugute. Denn im Sinne der deutschen Endlösung gab es keinen Grund, das Sterben aufzuhalten. Arthur Kessler war sich fast sicher, dass die vielen Erkrankungen und Todesfälle durch die Erbse ausgelöst wurden. Bei seiner Suche kam ihm die Selbstverhaltung des Lagers zugute.

Er schafft es, einen Brief aus dem Lager zu schmuggeln und eine Korrespondenz mit einem befreundeten Arzt aufzubauen. Nach einigen Tagen bekommt er von ihm einen Artikel zugeschickt, der ähnliche Fälle von der Antike bis in die Moderne beschreibt. Von Algerien über Indien und Russland traten ähnliche Symptome auf.

Alle in Zeiten von Hungersnöten. Der Artikel beschreibt, wie sich Gliedmaßen schwarz verfärben, Menschen an Inkontinenz und spastischen Lähmungen leiden, Atemprobleme bekommen und schließlich sterben. Diese Beobachtung vergleicht er mit seinen Aufzeichnungen. Arthur Kessler stellt fest, dass die toxische Dosis von Platterbsen 300 mg pro Tag über einen Zeitraum von drei Monaten beträgt.

Also die toxische Dosis der Aminosäure in der Erbse, die ich hier nicht nochmal wiederhole. Ihm wird klar, sie essen Gift. Während Kessler das herausfindet, wechselt das Lager seinen Kommandanten. Murgescu wird durch einen neuen, man mag es kaum glauben, noch unerträglicheren Offizier ersetzt. Sever Buradescu.

Ein ähnlicher Charakter, der für Erpressungen nicht ganz unempfänglich war. Genau diesen Mann möchte Arthur Kessler jetzt um ein Gespräch bitten. Und tatsächlich wird dieses Gespräch bewilligt. Dass das Anfang 1943 überhaupt möglich ist, hängt mit der größeren Entwicklung des Zweiten Weltkriegs zusammen.

In der Schlacht von Stalingrad zeigt sich, dass die scheinbar übermächtige Wehrmacht an ihre Grenzen kommt. Und damit auch Hitlers Großmachtsfantasien. Die Rumänen beginnen sich zu fragen, ob ihre Wette auf Hitler vielleicht eine Fehleinschätzung war. In Wabniaka haben die Behörden darüber hinaus Angst, dass eine Krankheit aus dem Lager auf die Werte und damit die Bevölkerung überspringen könnte.

Als Kessler vor Buradescu tritt, wählt er seine Worte mit der Sorgfalt eines Mannes, der weiß, dass er nur eine Chance hat. Er erklärt ihm, dass sie Gefangene in einem Lager in Kriegszeiten sind. Bombenangriffe könnten sie töten, Epidemien könnten sie töten, aber das hier ist anders. Die bewusste Ernährung durch Platterbsen ist eine absichtliche Vergiftung und das verstößt gegen das Völkerrecht.

Er bittet Buradescu, nur wenig der Erbsen zu verfüttern und die schlimmsten Fälle in ein Krankenhaus zu verlegen. Aber Buradescu sieht ihn an und sagt, woher wissen sie, dass wir daran interessiert sind, sie am Leben zu lassen? Damit ist die Anhörung beendet. Als Kessler zurück ins Lazarett geht, weiß er, es gibt nur noch eine Chance.

Aber dafür muss er das Lager hinter sich vereinen. Mhm. Die haben die Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Also entweder weigern sie sich, das zu essen, weiterhin zu essen. Das heißt aber, dass sie einen Hungertod sterben werden. Ja. Oder sie werden das Gift weiter zu sich nehmen und das bedeutet, dass sie an den giftigen Erbsen sterben werden. Ja.

Bei seinem Plan kam Arthur Kessler die Selbstverwaltung des Lagers zugute. Es hatte sich eine Struktur entwickelt, in der die Häftlinge nicht nur die Krankenstationen organisierten, beschädigte Gebäude reparierten oder Läuse bekämpften, nein, es war ihnen auch möglich, Essen ins Lager zu schmuggeln, das sie bei Zwangsarbeiten außerhalb des Lagers ergattern konnten.

Die Verteilung von Lebensmitteln wurde dann durch selbstorganisierte Komitees geregelt. Arthur Kesslers Plan war daher, nun einen Hungerstreik zu organisieren. Es wäre jetzt einfach zu sagen, die Häftlinge wussten, dass sie vergiftet wurden, also streikten sie, aber so einfach war es nicht. Denn wer nichts isst, verhungert.

Und die Kommandeure würden sie verhungern lassen. Kessler nennt das, was jetzt geschieht, daher auch nicht Hungerstreik, sondern die höchste Form der Enthaltsamkeit. Denn die Häftlinge hatten es durch Briefschmuckel auch geschafft, Informationen von draußen zu bekommen. Auch sie merkten, dass sich der Wind drehte. Als die Insassen beginnen, die Einfuhr der Erbsen am Lagertor zu blockieren, erkennt Murgescu, dass im Lager ein gut organisierter Widerstand entstanden war.

Er versucht herauszufinden, wer hinter dem Aufstand stand. Aber die Solidarität unter den KZ-Insassen hielt stand. Kein Name gelang an die KZ-Führung. Arthur Kessler bekam zu dieser Zeit auch andere Möglichkeiten, seine Bedenken zu äußern. Die rumänische Regierung schickte Mitte Januar 1943 einen Regierungsarzt aus Odessa nach Vabniaka.

Eigentlich eine Routineuntersuchung, ob sich im Lager Typhus ausbreitet. Zwei Wochen später kam ein Neurologe, dann eine ganze medizinische Untersuchungskommission und schließlich sogar ein Vertreter des Gouverneurs von Transnistrien. Bei jedem Besuch wiederholt Kessler seine Diagnose. Die Erbsensuppe lebt und tötet die Häftlinge. Langsam und systematisch.

Doch die offiziellen Besucher weisen diese Diagnose arrogant zurück. Stattdessen behaupten sie, dass es sich um das Ergebnis einer Virusinfektion handele oder eine Art Entzündung des Knochenmarks, die sich von Mensch zu Mensch verbreitet habe. Die bizarrste Erklärung, die Kessler hört, ist, dass die Krankheit durch die Körperflüssigkeiten von schizophrenen Insassen ausgelöst worden sei.

Es scheint, als würde Arthur Kessler einen Kampf gegen Windmühlen kämpfen. Doch dann, Ende Januar 1943, beginnt sich etwas zu verändern. Die Behörden schicken getrocknete Früchte ins Lager, schimmlige Kartoffeln und 40 alte, verkrüppelte Packpferde, die zum Schlachten und Verzehr bestimmt sind. Die Erbsensuppe bleibt, aber sie isst nicht mehr alles.

Reichte das, um zu überleben? Also es verändert sich was, aber als ich das gelesen habe, getrocknete Früchte und schimmlige Kartoffeln. Ja, das sind Umstände, die man sich überhaupt nicht vorstellen kann. Also ich kann mir vorstellen, dass alles, was nicht diese Erbse war, sich kurz angefühlt hat wie so ein Strohhalm, an dem man saugen kann, um wieder Hoffnungsschimmer zu haben.

Aber ja, wie du gesagt hast, wenn da eine schimmelige Kartoffeln dann kommen, denkt man sich auch, ja, danke. Danke für nichts. Ist ja auch nicht so, als wäre Schimmel auf Dauer nicht auch total schädlich. Und ich fand es spannend, wie sehr diese Geschichte im Zusammenhang eigentlich mit den größeren Entwicklungen des Kriegs stand.

Also das habe ich ja gerade so ein bisschen rechts und links angedeutet, dass man oft einfach vergisst, dass diese Momente ja nicht isoliert passieren und dastehen, sondern dass die größere Entwicklung des Kriegs eine sehr konkrete Auswirkung auf die Lebensbedingungen der KZ-Häftlinge hatte zu diesem Zeitpunkt.

Hast du noch Gedanken? Ja, ich habe gedacht, wie beeindruckend ich das finde, dass als die KZ-Kommandanten versucht haben rauszufinden, wer hinter der ganzen Sache steckt, dass die alle dicht gehalten haben. Weil man das ja auch häufig genug mal gehört hat von Geschichten, wann auch immer, dass es dann doch immer diese eine Person gibt, die nicht dicht hält, weil sie wahrscheinlich auch gefoltert wird oder so.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es in diesem KZ anders war, sondern dass die die auch verprügelt oder was auch immer haben. Informationen zu bekommen und dass alle zusammengehalten haben und dich gehalten haben, das finde ich ziemlich krass. Und möglicherweise auch aufgrund der Größe, also in dem Lager sind nicht mehr als 1500, 2000 Menschen und das ist eine Größe, wo sich alle noch kennen, zumindest so man Bezüge hat, das kann ich mir vorstellen, dass das damit reingespielt hat, weil natürlich, wie du sagst, im Krieg oder in so einer Situation ist man sich selbst schnell der oder die Nächste und dass das so funktioniert hat, das ist wirklich beeindruckend.

Und möglicherweise auch am Ende ein Grund, warum die Geschichte für viele gut ausgeht. Warum begannen die rumänischen Behörden, die Ernährung in Vabniaca zu verändern? Darüber lässt sich nur spekulieren. Denn nur wiederentdeckte Nächstenliebe wird es nicht gewesen sein. Wie ich schon angesprochen habe, dürfte auch hier die Schlacht von Stalingrad eine Rolle gespielt haben. Mit der Niederlage der Wehrmacht Anfang Februar 1943 wendete sich das Blatt im Zweiten Weltkrieg gegen die Achsenmächte.

Das rumänische Innenministerium richtete zu diesem Zeitpunkt einen Ausschuss ein, um diejenigen Juden zurückzuholen, die aus unbegründeten Gründen in das Lager Wabniaka deportiert worden waren. Am 16. März empfahl der Ausschuss dann die Freilassung von 554 Häftlingen, die aufgrund, Zitat, vageformulierter Verdächtigungen inhaftiert worden waren.

Am 1. Mai ordnete Gouverneur Alexianou dann die weitere Freilassung von 427 Juden an. Unter ihnen war auch Arthur Kessler. Doch Freilassung ist relativ, denn Arthur Kessler und viele andere Gefangene wurden zunächst in das Ghetto nach Olgopol gebracht. Die Rückkehr in ihre Heimat war ihnen untersagt. Zuvor, Ende Februar 1943, hält ein offizieller Bericht fest, dass 611 Insassen an Latirismus erkrankt waren.

Arthur Kessler wird die Zahl später eher auf 800 schätzen. Wie viele Menschen letztendlich an der Krankheit gestorben sind, lässt sich nicht sagen, da die zahlreichen Todesfälle in Wabniaka auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden können. Arthur Kessler selber wurde von der Krankheit verschont. Laut einem Bericht seines Enkels, dem Journalisten Ohren Kessler, lag das daran, dass Arthur Kessler von Anfang an misstrauisch gegenüber den Erbsen war und sie, soweit es ging, vermieden hatte.

Doch die Krankheit sollte Arthur Kessler trotzdem bis zu seinem Tod nicht loslassen. Kannst du vielleicht nochmal, weil mir ist gerade nicht so ganz klar, in welchem Zeitraum sich das abgespielt hat, dass die Leute oder die Insassen wieder freigekommen sind, beziehungsweise in welchen Abständen, wie das alles passiert ist?

Das war ein relativ kurzer Zeitraum. Also im September 1942 ist Arthur Kessler in das KZ gekommen mit den 1200 anderen und im Februar 1943, also schon gut vier, fünf Monate später, wurden sie wieder aus dem Lager, ich nenne es mal weggeschafft, weil wie gesagt, sie wurden in ein Ghetto gebracht und waren noch nicht wirklich frei.

Dieser kurze Zeitraum hat aber ausgereicht, dass diese Erbse oder die Ernährung durch die Erbse wirklich bleibende Schäden hinterlassen hat. Also möglicherweise kann man sagen, dass der kurze Zeitraum dafür gesorgt hat, dass weniger Menschen erkrankt sind, aber es war eben ausreichend, dass diese Erbse Schäden hinterlassen hat.

Und du hast gesagt, es waren an die 800 bei den Schäden geblieben. Genau, das ist das, was Arthur Kessler später schätzt. Aber jetzt ist natürlich die Frage, wird der für jemand zur Rechenschaft gezogen, wie geht das Ganze weiter und was passiert eigentlich mit den ganzen Menschen, die an dieser Krankheit erkrankt sind?

Nachdem alle Häftlinge des KZ Vabiaka auf umliegende Ghettos verteilt wurden, wird das Lager im Oktober 1943 von den rumänischen Behörden geschlossen. Zu dieser Zeit steht die Rote Armee schon vor den Toren Transnistriens. Auch Arthur Kessler schafft es Anfang 1944 vor der vorrückenden Roten Armee zu flüchten.

Am 1. April 1944 kommt er in Bukarest an. Und er findet seine Familie. Seine Tochter, die mittlerweile vier Jahre alt war, und seine Frau überlebten die Besatzung auch, weil sie blond waren und in den Augen der Nazis als Arierin galten. Dazu zogen sie in Bukarest immer wieder um, um nicht aufzufallen.

Doch das Glück währt nur kurz. Drei Tage nach der Wiedersehensumarmung bombardieren die Alliierten Bukarest. Die Familie Kessler entscheidet sich zur Flucht nach Palästina. Im März 1944 legen sie zusammen mit hunderten anderen jüdischen Flüchtlingen in Konstantia am Schwarzen Meer mit dem Boot Milka ab.

Ende April 1944 legen sie zusammen mit hunderten anderen jüdischen Flüchtlingen in Konstantia am Schwarzen Meer mit dem Boot Milka ab. Sie landen in Istanbul, von wo sie einen Zug nach Palästina nehmen. Auch Arturs Eltern und alle seine Brüder überleben den Krieg in Tschernowitz, dank des Bürgermeisters Trajan Popovici.

Seine Brüder verteilen sich nach dem Krieg auf die ganze Welt. Und Arthur beginnt in Tel Aviv ein neues Leben. Im neu gegründeten Israel wird Arthur Kessler Direktor der Allergieabteilung der Samenhofklinik. Hier veröffentlicht er auch seine ersten Artikel über Laterismus. Das Thema lässt ihn zeitlebens nicht mehr los.

Er wird nicht nur Experte der Krankheit, hält Vorträge, schreibt und forscht. Er behandelt weiterhin die Überlebenden von Wabniaka, die nach Israel ausgewandert waren. Tatsächlich, und das hattest du ja vorhin gefragt, gibt es für die Krankheit aber kein Gegenmittel. Man kann die nur sozusagen im Zaum halten, aber die Krankheit ist unumkehrbar.

Als Dank für seine Arbeit sponsert ein dankbarer Überlebender anonym einen ganzen Krankenhausflügel in seinem Namen. 1972, genau drei Jahrzehnte nach seiner Verhaftung auf offener Straße in Czernowitz, ernennt die rumänische Regierung Arthur Kessler offiziell zum Nationalhelden im Kampf gegen den Faschismus.

Erst 1998 wird Transnistrien im United States Holocaust Memorial Museum als sogenanntes Killing Field aufgenommen. Über 300.000 Menschen, überwiegend Sinti und Roma, wurden in dieser Gegend umgebracht. Arthur Kessler stirbt am 18. August 2000. Er wurde 96 Jahre alt. Rip in Power, Arthur Kessler. Was für eine Lebensgeschichte.

Wirklich, was für eine Lebensgeschichte und auch die ganze Reise von Rumänien nach Palästina ist auch sehr lang und breit erzählt. Ich komme vielleicht einmal ganz kurz zur Quelle. Es gibt ein Buch und zwar seine Memoiren. Das Buch heißt auf Deutsch Ein Arzt im Lager, auf Englisch heißt es A Doctor's Memoir of the Romanian Holocaust.

Und das Buch hat Arthur Kessler aus den Notizen geschrieben, die er sich durchgehend im Lager gemacht hat und in der Zeit davor und danach. Es ist ein sehr spannendes Buch und an der Stelle möchte ich einmal ein Hoch auf Bibliotheken loslassen. Weil dadurch, dass es so ein Buch ist, was nicht wirklich weit verfügbar ist, wäre das sauteuer gewesen, das zu kaufen. Das hätte, glaube ich, über 100 Euro gekostet.

Und dann habe ich in meiner Bibliothek geschaut und da gab es das dann. Und ich möchte an dieser Stelle noch einmal sagen, Leute, geht in Bibliotheken, geht in eure städtische Bibliothek, weil die haben mittlerweile auch ein riesiges E-Book-Angebot oder Online-Magazine. Das ist nicht mehr wie früher, dass man sich irgendwie drei Kassetten ausleihen kann, sondern das ist wirklich krass, was Bibliotheken teilweise für Angebote haben.

Ich kenne es jetzt natürlich nur, ich kenne es aus Berlin, ich kenne es hier aus den USA, aus meiner Gegend, aber es ist schon beides recht ähnlich, was da an Angeboten da ist. Deswegen große Empfehlung, mal wieder in eure Bibliothek zu gehen. Ey, das kostet auch nichts. In Berlin kostet es, glaube ich, im Jahr 15 Euro.

Jetzt hier in den USA ist es sogar kostenlos, weil man das über seine Steuern bezahlt. Ich habe meine Liebe zu Bibliotheken wiedergefunden, muss ich sagen. Das ist doch schön. Das ist doch ein schöner Ausgang von dieser Folge. Und ich liebe Bibliotheken auch und finde auch, dass sie mehr genutzt werden könnten, wenn man Kapazitäten dafür hat.

Aber genau für solche Fälle, wie du sie jetzt beschrieben hast oder ihn beschrieben hast, ist das ja wirklich Gold wert. Und dann ist man wirklich überrascht, was alles da ist, oder? Ja, total. Da denkt man, ach komm, ich gucke mal, ob sie das auch haben. Und dann haben sie das auch. Ja, es ist jetzt tatsächlich, ich weiß nicht, wie das in anderen Bibliotheken ist, aber in meiner Bibliothek hier vor Ort ist es sogar so, wenn die ein Buch nicht haben, dann kann man einfach sagen, ich habe dieses Buch gefunden, ich möchte es gerne haben und dann suchen die im ganzen Land.

Dann schauen die in allen Bibliotheken in den USA, ob es dieses Buch irgendwo gibt. Und dann wird das kostenlos hierher transportiert. Also, ich bin großer Fan. Und auch wenn wir jetzt tatsächlich auf so einer positiven Ebene eigentlich gerade sind, wollte ich noch sagen, was mit den Personen passiert, die eigentlich dafür verantwortlich sind.

Den Lagerkommandanten, den politischen Verantwortlichen. Tatsächlich wird niemand konkret für diese Erbsen zur Rechenschaft gezogen. Die höheren rumänischen Beamten, Generäle werden auch vor Militärgerichte gestellt nach dem Krieg. Es kommt auch zu Todesstrafen, aber es ist jetzt nicht so, dass man sagen kann, die eine Person hat das befehligt und entschieden, sondern das war am Ende, ja, waren da sehr viele Menschen auf unterschiedlichen Ebenen beteiligt, dass das so durchgeführt wurde, ja, bewilligt wurde und passiert ist.

Also ein Foodcrime, für den keiner belangt wurde. Richtig. Beziehungsweise schon relativ klar war, dass die Lagerführung, die Lagerkommandanten das sehr wissentlich und willentlich durchgeführt haben. Und ich habe ja am Anfang gesagt, es gibt auch noch zu heute Bezüge und tatsächlich ist Laterismus, die Krankheit, nicht ausgestorben oder ist jetzt nichts, was nur damals in dem Lager passiert ist, sondern die kommt auch heute noch in vielen Gebieten der Erde, wo es vor allem lange Trockenheitsphasen gibt.

Ich habe von Fällen in Bangladesch, in China, in Äthiopien oder Indien gelesen, wo, wenn die Platterbse das Einzige ist, was dann noch wächst, es immer noch zu Laterismus kommt und wahrscheinlich in vielen Gegenden die Menschen auch nicht wissen, dass diese Erbse überhaupt giftig ist. Aber es ist auf jeden Fall eine Krankheit, die auch heute noch auftritt.

Wenig, ja, selten, aber es gibt es weiterhin. Ja, danke für diese Geschichte, Flo. Ich habe viel dazu gelernt, unter anderem, warum ich die Platterbse noch nie gegessen habe und noch nie gesehen habe. Ich finde, durch Einzelschicksale oder die Lebensgeschichte von einzelnen Personen bekommt man einfach immer noch mal ein besseres Verständnis für die Lebensrealität, als wenn man zum Beispiel nur hören würde, in diesem KZ haben 1500 Leute gelebt und sind gestorben oder sind erkrankt, vielmehr so.

Das, was es einfach für einzelne Helden und Heldinnen gab. Total. Vielen Dank. Von dem wir oft noch nie was gehört haben. Ich finde, es gibt da so auch ein bisschen Bezüge zu der NAKAM-Gruppe, die du vor einigen Monaten mal vorgestellt hast. Auch eine Geschichte, die komplett an einem vorbeigegangen ist.

Lange, bis du sie uns erzählt hast. Ihr könnt die Fotos natürlich alle bei Instagram sehen, die wir heute hier besprochen haben. Vielleicht packe ich da auch noch ein, zwei Fotos mit rein, Verzeichnungen aus dem Lager. Die habe ich dir jetzt hier nicht gezeigt, weil die sind so ein bisschen schwer zu beschreiben.

Also zum Beispiel hat Arthur Kessler auch gezeichnet, wie diese Menschen aussahen, als sie krank waren. Es ist aber mehr ein bisschen gekritzelt. Ich packe es einfach mit in den Post, dann könnt ihr euch das mit anschauen. Und ansonsten haben wir nur noch als letzten Programmpunkt heute unser kleines Kapitel, um wieder zurück in den Alltag zu kommen.

Um wieder in das Heute und hier das Jetzt zu kommen. Und ich bin gespannt, worauf Lilly heute hinaus möchte, aber sie wirkt schon etwas niedergeschlagen. Ja, weil ich vor dem Hintergrund dessen, dass wir gerade über Bedingungen gesprochen haben, in denen Leute nichts zu essen hatten oder vergiftet wurden, weil das Einzige, was sie essen konnten, eine giftige Erbse waren, das komisch finde und das sich falsch anfühlt, jetzt über Essen zu sprechen, was ich nicht mag, weißt du?

Also, aber hey, Rubrik ist Rubrik und ich kann mich ja kurz fassen. Ich war in Leipzig gewesen vor geraumer Zeit und habe dort einen fantastischen Supermarkt besucht, der wirklich erstens gut sortiert war und zweitens war der ganz herzig, weil es Pappaufsteller von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gab, die in Lebensgröße Pappschilder auch in der Hand hielten, auf denen Kästle Sprüche standen.

Zum Beispiel sowas wie, hallo mein Name ist Katrin und ich habe auf jede Frage eine Antwort. Also das hat den Markt sehr persönlich gemacht, obwohl es eine riesige Supermarktkette war und ich fand das einfach total toll. Niedlich und schön. Und in diesem Laden habe ich ein Produkt im Kühlschrank gefunden, was ich ausprobieren wollte und zwar Schmelzkäse mit Kümmel als Brotaufstrich.

Ich kenne Schmelzkäse als Produkt, was man in Käselauchsuppe packt. Also ich kenne es als Kochprodukt, aber ich kannte es eben nicht als Brotaufstrich. Und das war so underwhelming, dass ich mich wirklich frage, wer das kauft. Also für mich ist es, das ist einfach eine sehr schmierige Masse, die nach gar nichts geschmeckt hat, obwohl Kümmel drin war, was ich schon mal spannend fand.

War das echter Käse oder war das so ein Fake-Schmelzkäse? Also Fett mit Aroma. Das war schon ein echter Käse. Das war schon Schmelzkäse auf so Quarkbasis. Ich habe auf die Zutatenliste geguckt. Und dann habe ich mich gefragt, warum oder wozu man das. Also es hat keinen Sinn gemacht. Dann isst doch lieber Frischkäse oder...

Ich habe, glaube ich, noch nie Schmelzkäse gegessen. Ja, also musst du auch nicht. Ja, danke. Weil ansonsten bin ich ja offen für Produkte mit Kümmel. Das ist gut, dass es auf die rote Liste kommt schon mal. Ja, also falls du jemals vor der Frage stehst, Schmelzkäse auf dem Brot, ja oder nein, entscheidet dich für nein. Nein.

Weil man, also dafür ist es ja auch viel zu fettig und ungesund. Also es schmeckt einfach nach gar nichts. Ich fand es wirklich, ja, ich fand es enttäuschend. Es tut mir so leid, dass du das ertragen musstest. Ja, ich weiß. Das wirkt jetzt wirklich in Anbetracht der Tatsache oder generell, es wirkt völlig deplatziert jetzt, aber ich muss mich ja dieser Rubrik beugen.

Das ist ja auch die Idee der Rubrik, dass man sozusagen das Gehörte ein bisschen hinter sich lassen kann und zurückkommt. und für alle, die die Rubrik nicht so mögen, die können ja vor der Rubrik ausmachen. Richtig. Aber ich hoffe, ihr seid trotzdem noch da, um unsere kleine Verabschiedung zu hören und die Outtakes, die im Anschluss kommen. Ich glaube, so zwei, drei Versprecher gab es wie immer.

Vielen Dank, dass ihr auch diese Woche wieder zugehört habt und wir hören uns in der nächsten Woche. Jawohl. Liebe Grüße. Tschüss. Nach seinem Abschluss beginnt er wie sein Vater und Florian Reza an der Universität zu studieren. Achso, an der... Das war falsch. Ich bin Gag-Fahrer. Nochmal. Doch die offiziellen Besucher weisen diese... Doch die offiziellen Besucher.

Weisen diese... Doch die offiziellen Besucher weisen... Weisen. Hast du noch Gedanken? Ja, ich hab mich gefragt, als du gesagt hattest, dass die Kfz-Kommandanten versuchen herauszufinden, wer hinter der ganzen Sache steckt. KZ, nicht Kfz. Habe ich Kfz gesagt? Hilfe, wie schrecklich. Die Kfz-Kommandanten. Wow.

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