
GEO Epoche - Menschen, die Geschichte machten
Extra-Folge: Wie Albrecht Weinberg den Holocaust überlebte (aus dem Archiv)
Mittwoch, 13. Mai 2026 · 22 min
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
Mit Albrecht Weinberg, der 101 Jahre alt wurde, ist am 12. Mai einer der letzten Überlebenden des Holocaust gestorben. Er durchlitt die KZs Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen und engagierte sich bis zuletzt als Zeitzeuge gegen das Vergessen. Wir wiederholen aus diesem Anlass eine Extra-Folge aus 2025, in der der Autor und stern-Journalist Nicolas Büchse die bewegende Lebensgeschichte seines Freundes Albrecht Weinberg erzählt.
Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO)
Audio-Produktion: Malte Joost (GEO)
Das in der Folge erwähnte Buch ist:
Albrecht Weinberg/Nicolas Büchse: "Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm". Eine wahre Geschichte vom Holocaust, dem Überleben und einem Versprechen, das die Zeit überdauert (Penguin Verlag).
Über die Befreiung des KZ Bergen-Belsen berichtet GEO Epoche auch in dem achtteiligen Podcast-Special "Deutschland 1945". Er läuft exklusiv auf GEO+ und ist unter geo.de/1945 zu finden.
+++ Alle Rabattcodes und Infos zu unseren Werbepartnern findet ihr hier: linktr.ee/Menschendiegeschichtemachten +++
Dieser Podcast wird vermarktet von Julep Media: sales@julep.de
Wir verarbeiten im Zusammenhang mit dem Angebot unserer Podcasts Daten. Wenn Sie der automatischen Übermittlung der Daten widersprechen wollen, melden Sie sich hier: datenschutz@julep.de
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Menschen, die Geschichte machten. Ein Podcast über große und kleine historische Momente und die Frauen und Männer, die sie geprägt haben. Präsentiert von Geo Epoche. Weitere hochwertige Audioinhalte aus der Welt von Geo hören Sie auf Geo Plus. Heute vor 80 Jahren, am Nachmittag des 15. April 1945, da rollen vor den Stacheldrahtzäunen des KZs Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide Panzer auf.
Die Soldaten, die da jetzt rausspringen, die sind Teil der britischen Armee, die in diesen Tagen Meter um Meter, Dorf um Dorf den Norden Deutschlands von der NS-Herrschaft befreit. Und an diesem Tag, da stoßen sie das Tor zur Hölle auf. Die Briten treffen in Bergen-Belsen auf mehr als 50.000 Überlebende des deutschen Völkermords.
Menschen, die die Nationalsozialisten auf sogenannten Todesmärschen zuvor aus anderen Konzentrationslagern nach Bergen-Belsen geschafft hatten und sie dann dort sich selbst überlassen hatten, ohne Essen, ohne Trinken. Den Briten bietet sich ein Bild des Grauens, überall Leichen, überall sterbende Menschen.
Anne Frank zum Beispiel, die berühmte Tagebuchschreiberin aus dem Amsterdamer Hinterhaus. Und ihre Schwester Margot, die haben Bergen-Belsen nicht überlebt. Aber einer von denen, die es schaffen, die in Bergen-Belsen ihre Befreiung erleben und diese Hölle dann auch lebend verlassen können, der ist heute 100 Jahre alt, Albrecht Weinberg aus Leer in Ostfriesland.
Albrecht Weinberg, diesen Namen haben Sie vielleicht schon gehört, das ist der Holocaust-Überlebende, der im Februar sein Bundesverdienstkreuz zurückgegeben hat, nachdem die CDU mit Stimmen der AfD einen Bundestagsantrag zur Migrationspolitik durchgebracht hatte. Aber Albrecht Weinberg, der erhebt schon lange seine Stimme und erzählt seit Jahren jungen Menschen davon, was ihm und Millionen anderen Opfern des NS-Regimes widerfahren ist.
Und er hat es dem Sternenjournalisten Nikolaus Büchse erzählt, der Albrecht Weinbergs Geschichte in ein Buch gefasst hat, dessen Titel Bände spricht. Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm, heißt es. Nähere Infos dazu finden Sie in den Shownotes. Und hier in dieser Extra-Folge von Menschen, die Geschichte machten zum Jahrestag der Befragung des KZs Bergen-Welsen hören Sie jetzt ein Interview mit ihm.
Ich bin Insa Bethke, Redakteurin bei Geo Poche. Und jetzt tauchen wir mit Nikolaus Büchse ab in das bewegte Leben von Albrecht Weinberg. Nikolaus, wer ist Albrecht Weinberg und wie habt ihr euch überhaupt kennengelernt? Ja, Albrecht Weinberg ist ein unglaublich faszinierender Mensch, ein einnehmender Mensch.
Und ich habe ihn kennengelernt, weil ein Freund von mir, der ist Fotograf, sagte, Mensch, du musst den kennenlernen, den habe ich gerade gesehen auf einer Gedenkveranstaltung in Bergen-Belsen. Ein Holocaust-Überlebender, der will mit 97 Jahren nochmal mit einer Schulklasse nach Israel fliegen. Und da habe ich gedacht, ein Holocaust-Überlebender, der mit 97 Jahren da nochmal mit einer Klasse unterwegs ist, den muss ich kennenlernen, bin hingefahren für eine Sternengeschichte, kam an in Leer in Ostfriesland, da wohnt er zusammen in einer WG mit seiner ehemaligen Altenpflegerin, auch eine tolle Geschichte.
Ich lingelte und wurde reingebeten, da saß Albrecht Weinberg und ich hatte so eine gewisse Scheu. Wie trete ich diesem alten Mann gegenüber, der so viel durchgemacht hat? Und ich habe ein bisschen gestammelt, habe dann wahrscheinlich gesagt, so, Herr Weinberg, was für eine Ehre, Sie kennenzulernen, wie schön, dass ich hier sein kann.
Und Albrecht Weinberg saß da einfach nur und sagte, so fangen wir jetzt aber mal nicht an. Und ich habe gedacht, das habe ich jetzt bitte schön falsch gemacht. Und er lächelte dann einfach nur und sagte, ich bin der Albrecht, wer bist du? Und das ist Albrecht Weinberg. Diese Geschichte zeigt, was für ein humorvoller Mensch er sein kann, was für ein zugewandter Mensch er ist. und ich bin mit ihm dann auf diese Klassenfahrt gefahren.
Damals war er 97 Jahre alt, jetzt ist er 100 Jahre alt, aber mit 97 saß der noch in Reihe 37 im Flugzeug und hat sich nach vorne gekämpft mit seinen schwachen Beinen, wie er immer sagt. Und in Israel begann er dann, seine Geschichte mir zu erzählen. Was ist Albrecht Weinbergs Geschichte? Was hat er während der NS-Zeit durchgemacht?
Albrecht Weinberg, der ist aufgewachsen in Ostfriesland, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Lea. Seine Eltern kamen so aus einer Viehhändler-Dynastie. Viele jüdische Menschen in Ostfriesland haben mit Viehhandel zu tun gehabt in dieser Zeit. Er wuchs auf in dieser Viehhändler-Dynastie. Sie waren drei Familien in dem Dorf, jüdische Familien.
Und er merkte immer, da ist was anderes mit uns jüdischen Familien. Wir wollen dazugehören. Mein Vater ist im Turnverein. Mein Vater redet mit den Nachbarn. Wir laden die ein zu Hanukkah und wir gehen rüber zum Weihnachten feiern. Aber irgendwas trennt uns. Das war immer schon drin in ihm. Obwohl er sagt, wir waren doch eigentlich Deutsche aus Friesen wie alle anderen.
Wir haben auch Blattdeutsch zu Hause gesprochen. Und doch, sagt er, hat er schon immer gemerkt, dass da was Trennendes war. Und das war die Religion. Wie ist es ihm dann ergangen, als die Nationalsozialisten dann an die Macht kamen und dann mit der Verfolgung der Juden begannen? Ja, Albrecht Weinberg, und das ist das Interessante an seiner Geschichte.
Hat schon sehr früh in seiner Kindheit gemerkt, wie Ausgrenzung entstehen kann, wie menschenfeindliche Aktionen beginnen, wie eine Demokratie ins Rutschen gerät. Ganz einfache Dinge. Freunde wollten nicht mehr mit ihm spielen, mit denen er vorher durchs Dorf gerannt war. Einmal ist er ins Eins eingebrochen auf einem Kanal im Winter.
Und seine ehemaligen Freunde standen am Kanal und haben einfach nur gefeixt und gerufen, da ertrinken Jude im Kanal, ertrinken Jude im Kanal und wenn er jetzt stirbt, dann helfen wir ihm nicht. Das waren die Erfahrungen, die er machte. Er durfte dann nicht mehr zur Schule gehen. Er wurde dann von seinen Eltern auf ein Landgut geschickt, weil dort jüdische Kinder auf die Auswanderung nach Palästina zum Beispiel vorbereitet werden sollten.
Und von dort kam er dann nach Berlin, musste Zwangsarbeit leisten und wurde dann nach Auschwitz geschickt. Und er hat wirklich eine ungeheure Tortur durchgemacht in Auschwitz, hat zwei Todesmärsche von Auschwitz und dann erst nach Mittelbordora in das Konzentrationslager. Das ist dieses Lager, wo die berüchtigte V2, diese angebliche Wunderwaffe, gebaut werden sollte.
Dort musste er im Stollen schuften und hat sich seine Hände aufgerissen und waren nur noch Haut und Knochen am Ende. Und dann wurde er verschickt in einem offenen Waggon mitten im Winter nach Bergen-Belsen. Das ist so in Kürze zusammengefasst diese Horrorgeschichte, die er durchgemacht hat in seiner Jugend.
Als er befreit wurde, war er gerade erst 20 Jahre alt. Ja, das war der 15. April 1945, der Tag der Befreiung Bergen-Belsens und der Tag der Befreiung von Albrecht Weinberg. Wie erinnert er diesen Moment heute? Wenn man Albrecht nach seiner Befreiung fragt, dann sagt er immer. Ich erinnere mich nur an wenig, an kaum etwas. Ich war doch halbtot.
Albrecht kam an, ein paar Tage vor der Befreiung von Bergen-Belsen muss das gewesen sein, und er erinnert sich nicht mehr, wie er ankam in Bergen-Belsen. Er ist in einem offenen Waggon im Winter tagelang herumgefahren durch Deutschland, weil Bombenangriffe waren und man wusste nicht, er sollte erst nach Neulengamme und in andere Lager fahren.
Er kam an, er muss bewusstlos gewesen sein, denn es dauert, es sind acht Kilometer Entfernung vom Verladebahnhof in Bergen-Belsen bis zum Lager. Aber am Tag der Befreiung lag er an einem Haufen voller Leichen. Nur Tote um sich rum und er sah einen Panzer auf sich zu rollen. Und er dachte nur, jetzt ist es endlich vorbei, jetzt bringen sie uns alle um.
Er dachte, das wäre ein deutscher Panzer, aber es war ein britischer Panzer. Und die Briten haben damals Bergen-Belsen befreit und wenn man ihn fragt, wie hast du dich gefühlt, dann sagt er, das erste Gefühl, was ich wieder fühlen konnte, nach meinem Zustand im Delirium, war Hass. Hass auf die SS-Leute, die schikaniert hatten.
Und er stand dann auch da, als die britischen Soldaten die SS-Leute dazu zwang, die Leichen abzutransportieren. Und er weiß jetzt nicht mehr, es gibt Filmaufnahmen von damals, er weiß, dass er dabei stand, als ein Berg geformt wurde von Leichen. Aber er weiß nicht mehr, ob er da geschrien hat oder nicht, aber dieser Hass, der war drin in ihm.
Und wenn man ihn dann weiterfragt, dann sagt er weißt du, was das zweite Gefühl ist was ich in meinem Körper wieder breitmachte, vorher habe ich ja nur ans Überleben gedacht aber dann kam das zweite Gefühl und das war viel schrecklicher, das zweite Gefühl was ich hatte, war Angst, Und zwar nicht Angst um mich. Um mich habe ich schon lange nicht mehr gedacht.
Aber die Angst war, was ist mit meinen Eltern? Was ist mit meiner Schwester, mit meinem Bruder jetzt passiert? Wo sind sie? Leben sie noch? Oder sind sie tot wie alle Menschen, die hier auf dem Boden liegen? Was ist seiner Familie passiert? Er hat dann nach seiner Befreiung eine lange Odyssee gehabt, um seine Familie zu finden. Vor allem seine Schwester.
Seine Schwester Friedel und er waren immer sehr eng und immer miteinander verbunden, sogar am gleichen Tag nach Auschwitz wurden sie transportiert, da dann getrennt. Aber er hat Friedel gesucht. Wo ist Friedel? Und er ist rumgereist durch ganz Norddeutschland und hat immer an rotes Kreuzstellen oder an Rathäusern nach Listen gefragt.
Damals wurden ja immer Listen von Menschen, die gerade durch den Ort reisten, geführt. Und er ist hier schließlich dann begegnet in Hannover. Da haben sie sich wieder gesehen. Und wenn man ihn fragt, dann frage ich ihn dann immer, Mensch, erinnerst du dich nicht noch? Was muss das für ein Moment gewesen sein, deine Schwester wieder in die Arme zu schließen?
Dann sagt er, ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass wir an dem Abend einen Hasenbraten gegessen haben. Später ist er nach Berlin gereist, weil seine Mutter immer gesagt hatte, wenn wir als Familie auseinandergerissen werden, dann treffen wir uns nicht wieder in Ostfriesland, weil die Menschen dort so feindlich uns gegenüber sind.
Dann treffen wir uns in Berlin. Kommt alle nach Berlin, wenn wir dieses Inferno überleben. Dann ist er nach Berlin gegangen, ist an die Adresse gegangen, wo seine Eltern zuletzt in einem Judenhaus eingefärcht waren. Dort hatte er sie das letzte Mal besucht, aber er fand nur noch eine Kraterwüste vor.
Diese Häuser waren alle zerstört und es gab keine Spur mehr zu seinen Eltern. Erst Monate später sollte er erfahren, dass sie in Auschwitz vergast worden waren. Wie ist es dann mit Albrecht und Weinberg weitergegangen? Er war jetzt in Deutschland, dem Land, das seine Familie verfolgt und getötet hatte. Was hat er dann gemacht?
Ja, Albrecht hat sich zusammen mit seiner Schwester Friedel getan. Die beiden hatten dann einen Schwur. Sie haben sich geschworen, sie würden nie in diese Welt jüdische Kinder hineinsetzen und zweitens, sie würden Deutschland verlassen um jeden Preis. Zuerst hat sie sich überlegt, nach Palästina zu gehen. Das war aber schwierig in diesen Nachkriegsjahren, auch dadurch, dass die Briten kein Interesse an einer jüdischen Immigration zu dem Zeitpunkt hatten.
Und sie sind dann über Imwege in die USA gekommen, sind 1947 dann nach New York gekommen. Und Albrecht erinnert sich immer noch, wie er das erste Mal die Freiheitsstatue sah. Und diese Freiheitsstatue, das war das große Versprechen für ihn. Das war das Versprechen eines guten, besseren Lebens. Und so erzählt er das auch.
Sie kamen nach New York, eine jüdische Hilfsorganisation hilf ihnen und er hat das erste Mal Steak gegessen. Und Friedel wusste gar nicht, wie man das zubereitet, weil sie nie in ihrem Leben vorher Fleisch gezubereitet hatte. Und er erzählt immer, dass es dann völlig verkocht und eine zähe Schuhsohle war.
Aber das sind diese Geschichten eines Aufstiegs. Er hat dann gearbeitet als so ein Laufbursche für eine Fleischerei. Und später hat er sich mit einem anderen jüdischen deutschen Immigranten zusammengetan und ein Fleischergeschäft aufgemacht. Und da saß er dann, hat geraucht und hatte eine Katze in seinem Fleischergeschäft und hat jahrelang so seinen kleinen amerikanischen Traum von einem einfachen Leben geträumt.
Aber warum ist er dann doch zurückgekehrt nach Deutschland, wo er heute lebt? Albrecht hat nie geheiratet. Seine Schwester hatte kurz eine Verlobung. Diese Verlobung hat sie aber gelöst, als ihr Verlobter nach Kalifornien gehen wollte. Da hat sie gesagt, ich kann meinen Bruder nicht alleine lassen in New York.
So sind die beiden immer zusammen weitergezogen. Albrecht und Friedel haben immer zusammen gelebt in einer Wohnung. Sie zogen dann auch später im Rentenalter nach Florida, wie das viele New Yorker tun, in die Sonne als Rentner. Und Friedel ging es dann immer schlechter. Sie litt ein wenig unter Demenz, bekam dann einen Schlaganfall.
Und er hatte in den 70er Jahren immer mehr Probleme mit seinen Augen. Es löste sich ein bisschen die Augenhornhaut und er hatte wirklich Sehprobleme. Er konnte sich nicht kümmern um sie und das war vor 13 Jahren. Da war er auch schon ein betagter Mann in seinen Mit-80ern und er ging fast zugrunde bei der Pflege seiner Schwester, die dann im Hospiz war.
Er hatte kein Geld mehr, um sie zu pflegen und er hatte keine Kraft. Und er hatte allerdings Menschen kennengelernt in Leer, die sich in den 80er Jahren immer eingeladen hatten, um die Stadt kennenzulernen, um zu zeigen, dass Deutschland nicht mehr so ist wie früher, dass es durchaus Deutsche gibt, die Interesse haben, dass die jüdischen Mitbürger zu Gast sind und auch wieder so ein bisschen erzählen können, was passiert ist.
Und die haben dann gesagt, Albrecht, das Letzte, was wir tun können, ist hier nicht zu helfen. Wir müssen dir helfen, wir holen dich zurück nach Deutschland und wir sind es dir schuldig, dass du und deine Schwester hier einen schönen Lebensabend haben. Und diesen Lebensabend sollten sie dann in einem Altenheim in Leer haben.
Dort kamen sie an und Albrecht und Friedel waren erstmal völlig glücklich, in Sicherheit sozusagen zu sein, finanziell abgesichert zu sein. Und sie waren in Deutschland, aber sie hatten keine Angst mehr vor diesem Deutschland. Sie haben dieses Versprechen jahrelang aufrecht gehalten, jahrzehntelang, aber nun waren sie in Deutschland und auch Friedel weinte vor Glück.
Wie ging es dann für die beiden dort weiter? Leider starb Friedel an den Folgen ihres Schlaganfalles einige Monate, nachdem sie wieder in Deutschland angekommen waren. Und Albrecht saß in diesem Heim in Lea. Und er wusste, in diesem Heim sitzen Leute, die sind so alt wie ich oder teilweise etwas jünger als ich, aber die waren wahrscheinlich damals, zum Beispiel 1938, dabei in der Pogromnacht.
Die standen doch an den Fenstern wahrscheinlich und haben zugeguckt, wie wir jüdischen Menschen durch die Stadt getrieben wurden. Vielleicht haben sie sogar mitgemacht. Das heißt, er zog sich zurück in seinem Zimmer und wollte nicht mit diesen Leuten reden. Denn er hatte schon einige Erfahrungen gemacht, als er mal in Leer war, saß eine Frau neben ihm und erzählte, ohne ihn zu kennen, ach, unter Hitler hatte ich die schönsten Jahre meines Lebens und da hatte er nur gesagt, und ich hatte die schlimmsten.
Also er zog sich zurück, lernte dann aber immer mehr, seine Altenpflegerin Gerda Deneckers zu schätzen. Die beiden freundeten sich an. Und Gerda brachte am Wochenende dann mal Rouladen vorbei oder nahm ihn mit nach Hause am Wochenende, dass er ein bisschen rauskam, dass er ein bisschen was anderes sah.
Und als Corona kam, machte sie sich große Sorgen um Albrecht. Der versauerte in seinem Zimmer und hatte immer trübere Gedanken. Er hatte keinen Kontakt mehr zu Gerda, er kam nicht mehr raus, sie konnte ihn auch nichts mehr vorbeibringen und sie entschied, ich hole ihn zu mir. Wir gründen eine WG. Wir beide um uns zusammen und jetzt wohnt er seitdem mit Gerda in einer WG.
Gerda sagt, sie ist seine Sekretärin. Sie regelt die ganzen Anfragen von Schulklassen und von Journalisten, die von seinem Leben etwas wissen wollen und fährt ihn rum. Und jede Woche ist er zum Beispiel in einer Schule, einem Gymnasium in Rauderfeen und redet dort vor Schülerinnen und Schülern. Und diese Schule hat auch jetzt seinen Namen.
Die Schülerinnen und Schüler haben beantragt, dass ihre Schule umbenannt wird in Albrecht-Weinberg-Gymnasium. Einfach so sehr schätzen sie, Albrecht. Und wenn man da zur Schule fährt, in der Pause mit ihm und er geht über den Schulhof, dann winken die Fünftklässler aus dem Fenster zu und andere Kinder stürmen auf ihn zu und wollen ihn einfach umarmen.
Das Buch, das du mit ihm geschrieben hast, über sein Leben, das heißt, damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Namen. Warum ist Albrecht Weinberg das Erinnern so wichtig? Albrecht Weinberg hat lange geschwiegen über das, was ihm passiert ist. Er erzählt immer, wenn er in New York in der U-Bahn war und jemand die Nummer auf seinen Armen aus Auschwitz gesehen hat und gefragt hat, was ist denn das?
Dann hat er immer gesagt, ja, ich bin einfach zu doof, mir meine Telefonnummer zu merken, die steht da drauf. Und das mag ja witzig klingen und Albrecht lacht dann auch immer, wenn er diese Geschichte erzählt, aber das ist eine zutiefst tiefe Kränkung, die er erfahren hat, weil niemand auch in den USA wollte in den Nachkriegsjahren erstmal darüber wissen, was wirklich passiert ist er sagt, dass wir Überlebenden nur unter uns sprechen konnten alle anderen wollten es entweder nicht hören oder haben das dann lächerlich gemacht oder nicht genau ernst genommen das heißt, das ist ein tiefes Trauma was drin ist und da hat er lange dafür gebraucht, um einen Weg zu finden, damit umzugehen und Gerda Deneckers hat ihn immer angestupst
und hat gesagt, jetzt erzähl den jungen Leuten doch mal, was du erlebt hast, rede doch bitte darüber, das hilft vielleicht auch dir und heute sagt er, das ist sogar meine Verpflichtung zu reden, ich bin das den über 6 Millionen Menschen schuldig den über 6 Millionen Jüdinnen und Juden schuldig, die gestorben sind die ermordet worden sind im Holocaust.
Ich kann noch erzählen, ich bin noch da und deshalb muss ich das tun. Ja und Albrecht Weinberg, der erzählt ja nicht nur, er hat noch was anderes getan. Kurz vor seinem 100. Geburtstag im Februar diesen Jahres hat er sein Bundesverdienstkreuz zurückgegeben, dass er für diese Erinnerungsarbeit das Erzählen bekommen hat.
Hat er dir erzählt, warum er das getan hat? Albrecht war wirklich tief bewegt, als er überlegt hat, das Bundesverdienstzeug zurückzugeben. Und das ist, glaube ich, eine Kette von Dingen, die ihm widerfahren sind, die ihn so nachdenklich gemacht haben, die ihn auch so entrüstet sein ließen in dieser Zeit.
Letztes Jahr wurde der jüdische Friedhof in Leer geschändet. Auf dem jüdischen Friedhof in Leer befindet sich das Grab seines Bruders, das Grab seiner Schwester und ein Gedenkstein für seine Eltern. Dann... Hat er Anfang des Jahres gelesen, weil er auch immer interessiert ist an dem, was passiert in diesem Land, hat er gelesen oder sich vorlesen lassen von Gerda einen Bericht über diese Freiflug-Tickets, die die AfD in Karlsruhe geschickt hat.
Da hieß es dann Abschiebeticket, Freiflug in dein Heimatland. Und diese wirklich schreckliche Aktion hat ihn erinnert. Die hat Erinnerungen wieder an ihn gebracht, an seinen Vater. Der Senat in 1933 standen SA-Männer vor der Tür bei ihnen in dem kleinen Dorf und haben seinem Vater einen Freifahrtschein nach Palästina überreicht.
Und er sagt heute noch, er merkte, dass in dieser Zeit was bei seinem Vater zerbrach. Albrecht war damals zu jung, um zu verstehen, was wirklich passierte. Aber er hat gemerkt, da ist jetzt was, was seinen Vater zutiefst verzweifeln ließ. Diese Ereignisse haben ihn wirklich sehr mitgenommen und dann noch diese Abstimmung im Bundestag hat bei ihm eine tiefe Angst ausgelöst, eine tiefe Erinnerung an das, was er dann erlebt hat ab 1933. 33.
Deshalb muss man diese Angst sehr, sehr ernst nehmen. Das hat ihn wirklich so tief getroffen, dass er gar nicht mehr schlafen konnte. Er hat tagelang nicht schlafen können in dieser Zeit, als es darum ging, ob er das Bundesverdienstkreuz zurückgibt oder nicht. Und er hat dann ja auch mit dem Bundespräsidenten nochmal telefoniert und hat den Bundespräsidenten zu seinem Geburtstag zum 100.
Eingeladen. Es geht nicht um irgendwelche Animositäten, aber es ist eine zutiefste Sorge in ihm und etwas, was ihn getriggert hat, was ihn zurückgebracht hat in diese schreckliche Vergangenheit, die ihn bewegt hat, das Bundesverdienstkreuz zurückzugeben. Und ihn, der wirklich kein politischer Mensch ist, hat das in die politischen Taktzeilen gebracht.
Jetzt ist Albrecht Weinberg 100 Jahre alt. Du hast erzählt, du warst auf seiner Geburtstagsfeier. Macht er jetzt weiter mit dem Erzählen als 100-Jähriger? Ja, Albrecht kennt da kein Rentenalter. Er macht weiter. Jede Woche redet er vor einer Schulklasse. Manchmal geht er dann auch noch in das Gymnasium, das seinen Namen trägt.
Und er braucht dieses Erzählen, sagt Gerda, wie eine Medizin. Sie merkt richtig, dass er ins Grübeln versinkt auf seinem Ohrensessel, wenn er mal mehrere Tage nicht erzählt, wenn er keinen Kontakt zu jüngeren Leuten zum Beispiel hat. Und man merkt auch immer, dass die Schülerinnen und Schüler ihn unglaublich interessant finden und ihn auch ins Herz schließen.
Fast immer sitzen die am Ende dieser Erzählrunden neben ihm, umarmen ihn, wollen mehr wissen, erzählen sich voneinander und Albrecht genießt das. Das war Menschen, die Geschichte machten. Wir hoffen, dass Ihnen diese Folge gefallen hat und würden uns freuen, wenn Sie Menschen die Geschichte machten. In Ihrer Podcast-App abonnieren, wenn Sie uns weiterempfehlen und wenn Sie auf GeoPlus vorbeischauen.
Dort finden Sie ein breites Themenangebot aus den Bereichen Psychologie, Gesundheit, Wissenschaft, Natur und natürlich viel Geschichte. Unter geo.de slash Probe können Sie einen kostenlosen Probemonat starten.