
GEO Epoche - Menschen, die Geschichte machten
Frauen gegen Preußen: Die mächtigen Drei
Dienstag, 19. Mai 2026 · 36 min
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Shownotes
1756 überzieht der preußische König Friedrich II. seine Nachbarn mit Krieg. Eine ungewöhnliche Allianz tritt seinen Attacken entgegen: ein äußerst einflussreiches weibliches Trio. Klug zusammengebracht von Österreichs Machthaberin Maria Theresia, müssen die Frauen jedoch einen doppelten Widerstand überwinden – den hochdreisten Gegner und die Vorurteile ihrer Zeit.
Historische Reportage: Mathias Mesenhöller (GEO)
Sprecher: Peter Kaempfe
Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO)
Audio-Produktion: Leah Fritsch (GEO)
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Eine ungewöhnliche Allianz tritt seinen Attacken entgegen, ein äußerst einflussreiches weibliches Trio. Klug zusammengebracht von Österreichs Machthaberin Maria Theresia müssen die Frauen jedoch einen doppelten Widerstand überwinden, den hochdreisten Gegner und die Vorurteile ihrer Zeit. Menschen, die Geschichte machten. Ein Podcast über große und kleine historische Momente und die Frauen und Männer, die sie geprägt haben.
Präsentiert von GEO Epoche. Weitere hochwertige Audioinhalte aus der Welt von GEO hören Sie auf GEO+. Unter vielen schmerzhaften Verlusten hält sie diesen für den Schlimmsten, den von Zeit. Denn Zeit ist nicht ersetzbar, ungenutzte Zeit für immer vertan. Ein vergeudetes Geschenk Gottes, Sünde. Also steht sie früh auf.
Maria Theresia, als Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen, eine der mächtigsten Frauen ihrer Zeit, beginnt den Tag um vier Uhr morgens, im Winter um sechs. Die erste Stunde gehört Gebet und Messe, einem Kaffee. Auf die Morgentoilette folgen weitere genau eingeteilte Zeitfenster. Für Ministergespräche, Audienzen, Schreibtischarbeit, Familie, Essen, weitere Andacht, Gesellschaft.
Meist geht sie zeitig zu Bett. Die Herrscherin des gewaltigen Habsburger Reichs im Herzen Europas beeindruckt Besucher durch ihre ungeheure Disziplin. Eine willensstarke Monarchin, selbstbewusst effektiv. Und dennoch hadert die Frau die kriegerischen Königen wie dem Preußen Friedrich II. Und macht hungrigen Verwandten, die Stirn bietet mit ihrem Schicksal, fühlt sich am falschen Platz.
Denn insgeheim teilt Maria Theresia die Überzeugung der meisten Menschen ihrer Zeit, Frauen sollten nicht regieren. Aber die Erbin eines Vaters ohne Söhne meint, keine Wahl zu haben. Gleich einer Platzhalterin will sie das Imperium bewahren, bis ein eigener, dann wieder männlicher Erbe die Dynastie fortsetzen wird.
So lange begreift sie es als ihre heilige Pflicht, den Familienbesitz zu erhalten. Und als ihr gutes Recht. Hinzu kommt ein innerer Widerstreit. Bei allem Unbehagen auf dem Thron und mit den Staatsgeschäften genießt Maria Theresia die Macht. Vor allem das Regieren geht geradezu darin auf. Entsprechend erbittert wird sie sich, als männliche Rivalen ihr das Erbe streitig machen, habsburgischen Besitz an sich bringen wollen.
Mehrere Kriege wird sie deshalb führen, deren letzter und blutigster 1756 beginnt und sieben Jahre dauert. Sieben Jahre, in denen sie mit Friedrich II. Um Schlesien ringt, das der Preuße ihr anderthalb Jahrzehnte zuvor entrissen hat. Dazu schmiedet sie gewagte Allianzen, macht alte Feinde zu Partnern, verbündet sich mit der skandalumwitterten Zarin Elisabeth von Russland und der Marquise de Pompadour, der einflussreichen Mätresse des französischen Königs.
Nimmt hin, dass man sie als Kopf einer Frauenverschwörung verunglimpft, das dreifache Weiberregiment mit Häme überschüttet. Pragmatisch, klug, kompromisslos nutzt Maria Theresia ihre Zeit auf dem Thron, um die Arbeit des Sohnes zu tun, den Gott ihrem Vater versagt hat und wird so zu einer der großen Herrscherfiguren des 18. Jahrhunderts.
Frauen seien schwächer, körperlich wie geistig zur Macht weniger geeignet als Männer, das gilt im 18. Jahrhundert als Fakt. Dennoch entschließt sich einer der mächtigsten Fürsten Europas, Karl VI., regierender Erzherzog von Österreich, König über Ungarn und Böhmen, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, deutscher Nationen, Vater dreier Töchter, aber keines überlebenden Sohnes, in den 1720er Jahren dazu, die Älteste dieser Töchter Maria Theresia Walburga Amalia Christine als seine Erbin aufzubauen.
Karl VI. will eine Zersplitterung des riesigen Besitzes seiner Familie vermeiden, die absehbaren Streitereien, Kompensationsgeschäfte und Länderteilungen, die ein Nachfolger aus dem weiteren Verwandtenkreis mit sich bringen würde. Deshalb erkauft er von den Fürsten Europas mit Geld und politischen Zugeständnissen die Zusicherung, Maria Theresia als seine Erbin anzuerkennen.
In der Hoffnung, dass sie bald einen Sohn gebären, die Dynastie am Leben erhalten wird. Zu dem Zweck wird sie 1736 mit 18 Jahren verheiratet. Der Bräutigam, Franz Stephan von Lothringen, stammt aus einem alten, den Habsburgern eng verwandten Geschlecht. Eine spektakuläre, aber eine gute Partie. Nehme er für Maria Theresia die Zügel in die Hand, wäre das durchaus im Rahmen des Üblichen.
Allein Franz Stephan erweist sich als schwach, glücklos, bald unbeliebt. Entgegen den Vorurteilen ihrer Zeit ist er politisch um Längen weniger begabt als seine Frau. Ende Oktober 1740 stirbt Karl VI. und es stellt sich heraus, dass seine Bemühungen weitgehend vergebens waren. Als Erster beansprucht Kurfürst Karl Albrecht von Bayern, der mit einer Nichte Karls verheiratet ist, ungeachtet früherer Zusagen das Habsburger Erbe für sich.
Noch unverschämter tritt Friedrich II. von Preußen auf. Jung, Ruhm und Habgierig, sagt er Maria Theresia heuchlerisch Schutz vor Rivalen wie dem Bayern zu, verlangt aber als Lohn die reiche Provinz Schlesien. Für alle Fälle lässt er seine Juristen noch einen eigenen fadenscheinigen Erbanspruch auf Schlesien konstruieren und marschiert ein.
Im Dankgottesdienst nach einem ersten Schlachtensieg lässt er das Bibelwort des Apostels Paulus vorlesen. Einem Weibe gestatte ich nicht, dass sie des Mannes Herr sei. Der von Friedrich begonnene Krieg löst einen Beutezug mehrerer deutscher Fürsten und europäischer Mächte gegen den Habsburger Besitz aus, teils im Bund, teils in Konkurrenz miteinander.
Maria Theresia wehrt sich, mobilisiert Truppen, verhöhnen ihre Gegner früh ihr Geschlecht, so hält sie bald mit eigener Propaganda dagegen, lässt sich als bedrängte, madonnengleiche Unschuld darstellen, der nun ihr treuer Adel ritterlich zur Seite eilt. Im Frühjahr 1741 verkünden Wiens Kirchen Glocken, Salutsalven aus Gewehren und Kanonen, der Schall von Pauken und Trompeten, eine gewaltige Stärkung ihrer Position.
Maria Theresia hat einen ersten Sohn geboren. Die Aussicht auf eine Rückkehr zur männlichen Ordnung ist belebt. Dennoch ziehen sich die Kämpfe und Verhandlungen über Jahre hin. Bis die verschiedenen Parteien in diesem sogenannten österreichischen Erbfolgekrieg 1748 in Aachen Frieden schließen. Sie hat sich behauptet. Zwar muss Maria Theresia Preußen das wertvolle Schlesien überlassen, dafür wird ihre Herrschaft nun europaweit anerkannt und ebenso Franz Stephans Erhebung zum römisch-deutschen Kaiser gleichsam an ihrer Stadt.
Denn eine Frau kann nicht zum Kaiser gewählt werden, das steht zwar nirgends geschrieben, gilt aber als undenkbar. Immerhin wird sie nun gemeinhin als Kaiserin tituliert. Zufrieden ist sie nicht. Zeitweilig hat sie sich von dem Ringen selbst einen Zugewinn an Ländern versprochen, eine Demütigung derjenigen, die als erste Habsburg berauben und erniedrigen wollten, stattdessen bleibt es nun bei der dreisten Wegnahme Schlesiens.
Doch ihre Völker brauchen Ruhe, ihre Armeen müssen erneuert werden, die kriegszerrütteten Finanzen in Ordnung gebracht, dann wird man sehen. Um erfolgreich Krieg zu führen, braucht ein Herrscher gut ausgebildete Soldaten, fähige Feldherren, eventuell Charisma, aber vor allem Geld, viel Geld. Für Sold, Waffen, Pferde, Proviant, Quartiere.
Ende der 1740er Jahre verlangt Maria Theresia von den Ständen, den altehrwürdigen Vertretungen ihrer Länder, dauerhaft höhere Steuern. Um die Mittel effizienter einzusetzen, fordert sie zudem mehr Macht für die Zentralbehörden in Wien, schafft neue, trennt in dem Zug Verwaltung und Justizwesen. Sie ersetzt etliche der konservativen Räte ihres Vaters durch junge, ehrgeizige Beamte, die allein der Monarchen ergeben sind.
Ihr Ideal ist ein Staat, der nicht mehr einem zusammengestückelten Apparat aus überlieferten Rechten, Freiheiten, Ämtern und Gewohnheiten gleicht, sondern einer vernünftig konstruierten, kraftvollen Maschine. So beginnt ein zäher Kampf um Veränderung, der später als Auftakt zum Wandel des habsburgischen Vielvölkerreichs in ein modernes Imperium gelten wird.
Zunächst jedoch scheitert manche Neuerung an konservativen Widerstand und eingeschliffenen Routinen, sind etliche Reformen widersprüchlich, übereilt, undurchdacht. Maria Theresia drängt. Sie mag es nicht, wenn die Dinge zerredet werden, entscheidet schnell und abschließend. Je länger im Amt, desto mehr wird sie ungeduldig, zeigt sich hochfahrend auch kritikunfähig, macht ihrem Ärger in heftigen Wutausbrüchen Luft.
Derweil tut die Hofpropaganda alles, um das Bild einer gütigen Matriarchin zu malen, eh nicht verbunden mit ihren geliebten, opferbereiten Untertanen. Wiens Druckereien verbreiten anrührende Stiche, hymnische Gedichte auf, wie sie selbst es formuliert, ihrer Länder allgemeine und erste Mutter. Hinter dieser Fassade indes setzt die Monarchin mit Härte die neue Staatsräson durch, deren Maß sind Rationalität, höhere Steuereinnahmen, militärische Schlagkraft und das Interesse der Dynastie, mit dem Maria Theresia freilich zugleich Gottes Willen zu dienen meint.
Bald wächst der Unmut in ihren Landen, aber auch deren Kriegstüchtigkeit. Allein für eine Rückeroberung Schlesiens braucht es mehr, vor allem Verbündete. Unter den aufstrebenden Männern am Wiener Hof sticht ein ungewöhnlich kluger, ebenso pedantischer wie intriganter Kopf hervor, Wenzel Anton Graf von Kaunitz-Riedberg.
Kaunitz mag Ordnung in den Akten, extravagante Kleidung, erotische Bücher und radikale Ideen. Seine gewagteste, da Habsburg mit der rücksichtslosen Militärmacht Preußen allein nicht fertig wird, braucht es einen überragend starken Partner. Frankreich. Ein revolutionärer Gedanke. Seit Jahrhunderten gilt die Feindschaft zwischen den beiden glänzendsten Herrscherhäusern Europas, zwischen Habsburgern und den französischen Königen, als gleichsam Natur gegeben.
Frieden scheint stets nur auf Zeit vorstellbar, von Zusammenarbeit ganz zu schweigen. »Nicht für Kaunitz. Will Österreich den preußischen Teufel loswerden«, legt er in umfangreichen Denkschriften dar, »muss es mit dem französischen Satan paktieren.«. 1750 entsendet Maria Theresia Kaunitz als Botschafter an den Hof Ludwigs des 15.
Ein Hof hat kein Organigramm. Wer in dem tückischen Machtgeflecht um einen Monarchen etwas erreichen will, braucht Kenntnis über teils verdeckte Beziehungen und Abhängigkeiten, taktisches Gespür, Geld, persönlichen Charme. Kaunitz' Scharfsinn, seine Eitelkeit, Sprachbegabung, Sein erlesener Geschmack befähigen ihn zu diesem Spiel wie wenige.
Binnen kurzem wird er regelmäßiger Gast in den Salons der gebildeten Pariser Finanzoligarchie, auf die zwar der Hochadel herabblickt, die jedoch über hervorragende Informationsquellen verfügt und aus der eine der einflussreichsten Personen am Hof stammt, die offizielle Mätresse des Königs. Jeanne-Antoinette Poisson, bildschön, klug, überaus kultiviert, seit ihrer Erhebung durch den Herrscher Marquise de Pompadour.
Eine offizielle Mätresse ist mehr als eine Geliebte. Derlei hat der König obendrein. Die Mätresse ist Gespielen und Unterhalterin, Vertraute, Ratgeberin, Geheimbotin und Vermittlerin in heiklen Angelegenheiten. Sie gilt es zu gewinnen, will ein Botschafter auf unverfänglichem Weg sensible Vorschläge lancieren.
Also zeigt Kaunitz keine Scheu vor dem Milieu ihrer Herkunft, schafft Nähe über ihrer beider Liebe zu Oper und Theater, schmeichelt der Madame de Pompadour, indem er, der hochmögende Gesandte aus Wien, sie mit aller Kunst hofiert. Laudernd, leichthin vertraulich, unterbreitet Kaunitz der Mätresse seine Argumente für eine österreichisch-französische Annäherung gegen Preußen.
So kann er davon ausgehen, dass der Vorschlag vor den König gelangt, ohne dafür eintreten zu müssen und einen Affront zu riskieren. Nach außen gibt es allenfalls Gerüchte. Als der Graf Anfang 1753 abgelöst wird, um Maria Theresias Staatskanzler zu werden, Leiter ihrer Außenpolitik, ist das Eis gebrochen.
Die vordem undenkbare Allianz wird am französischen Hof als Option gehandelt. Und es gibt über die Privatgemächer der Madame de Pompadour einen vertrauensvollen Kanal zwischen beiden Machtzentren. Bloß einen Grund für Frankreich, das Angebot seines Erzrivalen anzunehmen, den gibt es nicht. Bis eine Schlacht im tausende Kilometer entfernten Tal des nordamerikanischen Ohio-Flusses die Lage ändert.
1755 wird aus dem dortigen Konflikt zwischen der britischen und der französischen Kolonialmacht ein offener Krieg. Bald verhandelt Kaunitz Nachfolger mit einem abgesandten Ludwigs XV. Über eine Allianz, heimlich meist auf Landsitzen abseits der Residenz. Vermittlerin der Gespräche, zuweilen Gastgeberin und einzige weitere Mitwisserin außer Kaunitz und dem Kaiserpaar, die Marquise de Pompadour.
Zugleich wappnet sich Großbritannien für einen die Kontinente übergreifenden Schlagabtausch. Insbesondere sichert es das deutsche Stammland der britischen Dynastie ab, das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, nach seiner Residenzstadt auch Kur-Hannover genannt, indem es dessen gefährlichen Nachbarn Preußen über einen Nicht-Angriffspakt und Hilfsgelder an sich bindet.
Ein Abkommen, das wiederum am französischen Hof Alarm auslöst. Aus den sporadischen Treffen der beiden Unterhändler werden fast tägliche verdeckte Beratungen und am 1. Mai 1756 unterzeichnen Vertreter Maria Theresias und Ludwigs des 15. einen Bündnisvertrag. Es ist eine diplomatische Revolution, wie Beobachter bald sagen, ein völliger Umsturz des europäischen Mächtesystems.
Der Gedanke dazu stammte von Kaunitz und Maria Theresia, die Tür geöffnet hat ihm Madame de Pompadour. Deren Motive liegen teils in einer persönlichen Abneigung gegen Friedrich II., der offen über die Verhältnisse in Versailles spottet, Ludwig XV. Als Schwächling unter der Fuchtel einer habgierigen Mätresse abtut.
Wichtiger sind politische Gründe. Preußen erscheint unzuverlässig nach dem Abkommen mit London erst recht. Hingegen ist Habsburg ein attraktiver Partner in dem Weltkonflikt mit den Briten, die Mätresse von der Aufrichtigkeit des Angebots überzeugt. Derweil kann von einer besonderen Nähe der beiden mächtigen Frauen kaum eine Rede sein.
Zwar lässt Maria Theresia der Pompadour als Dankgeschenk ein überaus kostbares Schreibpult mit goldenen, diamantbesetzten Scharnierentischlern, doch bleibt der sittenstrengen Kaiserin die ehebrecherische, aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Vertraute des französischen Königs fremd. Ja, verleugnet Maria Theresia nach außen jeden engeren Kontakt zwischen ihren Vertretern, gar ihr selbst und der Mätresse.
Da hilft es auch nichts, dass die Marquise sich zunehmend fromm zeigt, das sexuelle Verhältnis zu Ludwig XV. Offenkundig endet, sie gleichwohl ihre Position als intime Freundin, mächtige Ratgeberin des Königs behält. In den Augen der Erbtochter Karls VI. Ist sie nützlich, aber keineswegs ebenbürtig. Keine Genossin durch Weiblichkeit, die Revolution bleibt auf das diplomatische Feld beschränkt.
Weder Friedrich II. noch die britische Regierung haben damit gerechnet, dass Habsburg und Frankreich ihre vermeintlich ewige Feindschaft überbrücken könnten. Derweil zeitigt Londons Annäherung an Preußen nicht nur in Frankreich unbeabsichtigte Folgen, sondern auch in Russland. Das riesige Reich im Osten ist wie Preußen ein Neuling im europäischen Mächtegefüge, zwar weniger durchmilitarisiert, dafür im Besitz scheinbar unerschöpflicher Reserven an Rohstoffen und Menschen.
Indes unruhig, denn eine unklare Thronfolgeordnung erlaubt es den hauptstädtischen Gardetruppen immer wieder in Palastrevolten ihren Favoriten an die Macht zu bringen oder ihre Favoritin. Entgegen der Tradition erheben die Putschisten auch Frauen zu Herrscherinnen, wenn es ihrem Interesse dient. Zuletzt hat so 1741 Elisabeth, eine Tochter Peters des Großen, die Regierungsgewalt an sich gerissen.
31 Jahre alt, zupackend, intelligent, skrupellos. Ähnlich wie Maria Theresia arbeitet sie hart, reformiert Verwaltung und Steuerwesen, lässt überkommenes Recht durch systematische Gesetzbücher ersetzen. Anders als die Habsburgerin heiratet sie nie, hat offen Affären, weit unter ihrem Stand, etwa mit einem ukrainischen Sänger, liebt Extravaganzen, angeblich zieht sie nie ein Kleid zweimal an.
Außenpolitisch ist die Zarin zunächst vorsichtig, meidet Krieg. Namentlich kontrolliert Russland seinen großen, einst gefährlichen Nachbarn Polen-Litauen lieber durch Manipulation, Drohgebärden, Bestechung als offene Gewalt, im Bund mit Preußen und Österreich. Der Raub Schlesiens jedoch hat diese bewährte, nach ihrem Staatswappen benannte Allianz der drei schwarzen Adler erschüttert.
Etliche von Elisabeths Beratern sehen in Preußen seither eine potenzielle Gefahr, wollen es auf seine Rolle als Juniorpartner der beiden größeren Mächte zurückstürzen. Nach Friedrichs Alleingang mit London beginnt Elisabeth Geheimverhandlungen mit Wien. Russland rückt an den Anti-Preußischen Bund heran.
Mitte 1756 zeichnet sich ab, dass Maria Theresia ihren Revanchkrieg um Schlesien bekommen wird und dass Habsburg ihn als Teil einer drückend überlegenen Koalition führen wird. Es ist Kaunitz' Meisterwerk. Nicht nur er selbst, zur Bescheidenheit unbegabt, sieht das so. In der Nacht auf den 29. August schlägt Friedrich II.
Unter Bruch internationaler Verträge sowie der Landesfriedensordnung des Reiches los, überfällt das bisher unbeteiligte Chursachsen und dringt bald darauf von dort in das habsburgische Böhmen vor. Ab dem folgenden Frühjahr jedoch besetzen französische Verbände die preußischen Westterritorien vom Rhein bis zur Weser, vertreiben Maria Theresias Armeen die Preußen blutig aus Böhmen, in Wien finden Dank-Gottesdienste statt, werden erbeutete Fahnen ausgestellt, spielen die Theater bei freiem Eintritt.
Eine neue militärische Auszeichnung wird gestiftet der Maria Theresia-Orden. Nahezu gleichzeitig marschieren russische Einheiten im Osten von Friedrichsreich, dem später Ostpreußen genannten Gebiet, ein. Mitte Oktober dringt eine österreichische Truppe bis Berlin vor, erpresst im Handstreich eine große Summe Geld und Gold, lässt die Überfallenen wütend und gedemütigt zurück.
Begeisterter Jubel an der Donau. Die diplomatische Einkreisung Preußens wird zum militärischen Wirkegriff. Allein Ende des Jahres gelingen Friedrich zwei überraschende Schlachtensiege über die Franzosen bei Rosbach in Chursachsen und über die Österreicher bei dem schlesischen Dorf Leuthen. Nachdem sie den Triumph bereits vor Augen hatten, müssen die Alliierten teils ungünstige Winterquartiere beziehen.
Das Bündnis erweist sich schwächer, als es auf Landkarten und in Zahlen aussieht. Denn allen Reformanstrengungen zum Trotz hat Maria Theresias buntscheckiges Reich nicht zu dem hocheffizienten Militärstaat Preußen aufgeschlossen. Frankreich muss seine Kräfte teilen zwischen Europa und dem Kampf mit den Briten in Übersee.
Elisabeth hat mit einer preußenfreundlichen Opposition in Teilen des Offizierskorps zu rechnen, der selbst ihr Neffe und designierter Thronfolger nahesteht, nicht auszuschließen, dass manches Zaudern ihrer Feldkommandeure mit diesen geheimen Sympathien zusammenhängt. Es ist ein Nachteil aller drei Frauen. Sie sind gezwungen, den Krieg aus der Ferne zu lenken, die Entscheidung vor Ort anderen zu überlassen.
Zwar führen auch männliche Herrscher ihre Truppen nur noch selten selbst in die Schlacht, folgt etwa Ludwig XV. Von Frankreich dem gängigen Rat der Staatswissenschaft, seine geheiligte Person nicht ohne Not in solche Gefahr zu bringen, doch ausgerechnet Friedrich II. Ist eine berühmte, bewusst diesen Ruhm suchende Ausnahme.
Nur sich selbst verantwortlich vermag er denn auch Risiken einzugehen, von denen die meisten anderen Befehlshaber zurückschrecken und lieber den ohnehin defensiv geprägten Standard-Taktiken der Zeit folgen. Besonders Maria Theresia zeigt sich immer wieder unzufrieden, ja, erbost angesichts der zaghaften Vorsicht ihrer Kommandeure.
Es kränkt und ärgert sie, nicht eingreifen zu können. Allein eine Frau, leibhaftig an der Spitze ihrer Armee, das gilt als undenkbar. Mit der Ehre der untergebenen Offiziere so wenig vereinbar wie mit der des Gegners. Allenfalls symbolisch darf sie zugegen sein Oft zeigen ihre Feldherren den Mannschaften zum Ansporn vor der Schlacht ein Porträt der Herrscherin Dabei liebt die Kaiserin alles Soldatische, sieht begeistert exerzierenden Truppen zu Zieht Offiziere anderen Amtsträgern vor, lernt selbst im Männersattel zu reiten Bis ins Detail kümmert sie sich um die organisatorische Seite des Ringens um Rekrutierung, Proviant und Versorgung, Rüstung, immer wieder um Geld, neue Steuern, zusätzliche Naturalabgaben, Kredite und tobt über Bummelei,
Verantwortungsscheu, Träge, Gleichgültigkeit, Selbstsucht, die sie allenthalben um sich her zu entdecken meint. Anders als Elisabeth in St. Petersburg fällt es ihr schwer, selbst Alltagsgeschäfte anderen zu überlassen. Auf eigentümliche Weise steht sie in vielem ihrem Feind, dem verhassten, verachteten, bösen Mann, wie sie ihn nennt, dem konventionsbrecherischen Ungeheuer und Monster Friedrich, näher als manchem aufrechten Konservativen im eigenen Lager.
Nicht zuletzt ist sie mit dem Leben einfacher Soldaten und Zivilisten so wenig zimperlich wie der rücksichtslos die schlachtsuchende Preuße. Und duldet umgekehrt bei den Panduren, ihren gefürchteten Truppen aus den südöstlichen Grenzsäumen, Wüste, Gräuel und Verbrechen. Ein zweiter an ihrem Geschlecht hängender Nachteil der drei Verbündeten ist das Vorurteil der Zeitgenossen.
Vielen Menschen gilt ein Weiberregiment als monströs, wie der die Natur und Gottes Wort, unvereinbar mit der Würde eines Staates und der Selbstachtung der beherrschten Männer. Wahr führen seit jeher Witwen die Regentschaft für minderjährige Söhne, doch haftet ihrer Macht ein Makel an, ein Hauch des Unzulässigen, des Fragilen.
So liegt es für die preußische und britische Propaganda nahe, aus dem Mächtekonflikt einen Kampf der Geschlechter zu machen, einen Aufstand dreier Frauen gegen die natürliche Ordnung, Auch wenn die fromme Kaisererbin Maria Theresia, die bürgerlich geborene Madame de Pompadour und die frivole Usurpatoren Elisabeth jenseits machtpolitischer Interessen wenig verbindet, erst recht keine weibliche Solidarität.
Den schlimmsten Läumund hat die Zarin. War ihre Mutter nicht eine schlichte Magd? Eine Affäre des damaligen Zaren Peter I. Elisabeths Geburt? Unehelich? Führt sie nicht selbst ein unschweifendes Leben aus unablässigen, verschwenderischen Maskeraden, Bällen, Schauspielen, Liebschaften mit ihren leitenden Ministern wie mit Männern der niederen Stände, jungen Kadetten?
Hat sie nicht wieder allen militärischen Anstand bei ihrem Staatsstreich selbst die Gardetruppen geführt, eine Kürassieruniform getragen, die wohl im Schlitten nicht zu Pferd? Gerüchte, Wahrheiten, Übertreibungen, kaum zu entwirren. Vieles trifft ähnlich auf den König von Frankreich zu, aber der ist ein Mann.
Wenn auch, so sieht es etwa Friedrich II., nur ein halber. Gehorcht er doch einer Frau, noch dazu einer, deren Lebenswandel Preußens König mit dem einer Dirne vergleicht. Indes klagt auch die französische Öffentlichkeit nach Niederlagen wie der bei Rosbach über die Einflüsterungen der Pompadour, höfische Günstlingswirtschaft, unfähige Feldherren.
Das verderbliche Hineinpfuschen der Mätresse in den Krieg. Ludwig XV. freilich weiß es besser und bleibt der klugen Ratgeberin gewogen, Bis ihre seit Kindertagen schwache Gesundheit nachgibt, sie 1764 mit nur 42 Jahren stirbt. Überhaupt spart Friedrich II. ein Schandmal ersten Ranges und Frauenfeind nicht mit Kraft ausdrücken für diese Schufte von Kaiserinnen, die griechisch-orthodoxe Hure in St.
Petersburg und das Wiener apostolische Raben-Aas, womit er jeweils der Persönlichen noch eine religionskriegerische Schmähung beifügt. Immerhin lässt er bei Maria Theresia deren vorbildliche Sitzamkeit gelten und die unzweifelhaft hohe Geburt. Auch darin sind Feind und Feindin einander eigentümlich nah in ihrem Standesdünkel.
Beide werten Personen fürstlicher Abkunft höher als einfache Adelige, Adelige höher als Bürgerliche, von Leuten aus dem gemeinen Volk ganz zu schweigen. Monarch wie Monarchin halten die Menschen für von Geburt an ungleichwertig und dabei sticht in beider Augen ererbter Rang das Geschlecht. Zugleich teilen sie ein konservatives Bild von männlichen und weiblichen Rollen, dem Maria Theresia mehr aus Not, denn Überzeugung zuwider handelt, eben weil Familieninteresse dann doch vor Natur geht.
Um die Dynastie nicht noch einmal zu gefährden, bringt sie pflichtbewusst 16 Kinder zur Welt davon 5 Jungen. Zwei Jahrzehnte lang ist sie praktisch ununterbrochen schwanger, davon zunehmend belastet und entnervt, pflegt indes nach außen die Legende nie glücklicher zu sein als mit dem nächsten Kind im Bauch.
Friedrich respektiert es, einerseits, und verhöhnt die Kaiserin dennoch, je nach Lage als anmaßendes Mann, Weib oder hilflose Beetschwester. Eine Gehässigkeit, die umso giftiger wird, je länger das Ringen der beiden dauert, und je mehr die blanke Übermacht an Soldaten, Reserven, Geld, die Waage gerade zugunsten der gegen ihn Verbündeten neigt.
Hunersdorf, unweit der Oder, zu Abend des 12. August 1759. Dicht an dicht bedecken Tote, Sterbende und Versehrte das Schlachtfeld, es sind Tausende. Korsaken reiten umher, plündern und töten verwundete Preußen. Das Morden besiegelt den vollständigen Triumph von Russen und Österreichern. Friedrichs Armee ist vernichtet.
Beußen steht vor dem Zusammenbruch. Drei Tage später erreicht ein erschöpfter Kurier mit der Siegesbotschaft Wien kurz vor der täglichen Messe im Schloss Schönbrunn, die nun zu einem Dankgottesdienst wird. Wie es üblich ist, überbringt am folgenden Tag ein ausgewählter Offizier zu Pferd, schallend begleitet von 20 Bläsern dem Kaiserpaar die Nachricht noch einmal offiziell und erhält dafür kostbare Dankgeschenke sowie eine Beförderung.
Maria Theresia wähnt ein für Habsburg triumphales Ende des Krieges in greifbarer Nähe. Es wird anders kommen, durch Ungeschick, vielleicht ist auch Verrat im Spiel, durch die Entwicklung des französisch-britischen Krieges in Übersee, vor allem aber durch einen Zufall, den Tod der Zarin Anfang 1762, der in Sankt Petersburg die preußenfreundliche Partei zur Macht gelangen und Russland aus der Koalition ausscheiden lässt.
Ein Zufall, der als das Mirakel des Hauses Brandenburg in die preußische und später die deutsche Geschichte eingehen wird, womit Friedrich II. Selbst allerdings das Ausbleiben eines Vernichtungsschlags seiner Gegner nach dem Desaster von Kunersdorf bezeichnete. Ein Mirakel, ein Wunder, dass Preußen, Männer, Heldenerzählungen über Generationen andächtig beschwören werden.
Und dabei hinter der Niederlage des Hauses Habsburg manche Leistung der Besiegten aus dem Blick verlieren, die alles andere war als eine gescheiterte, überforderte, sondern eine hart arbeitende, kämpferische Frau auf einem angefochtenen Thron, den sie zäh und erfolgreich verteidigt. Für ihre Dynastie, ihre Nachkommen für sich selbst.
Unter Verlusten und Einbußen, unter der erschwerenden Bedingung, eine Frau zu sein. Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen, Kaisergattin und Mutter eines künftigen Kaisers, hat die ihr verliehene Zeit genutzt. Das war Menschen, die Geschichte machten. Wir hoffen, dass Ihnen diese Folge gefallen hat und würden uns freuen, wenn Sie Menschen, die Geschichte machten, in Ihrer Podcast-App abonnieren, wenn Sie uns weiterempfehlen und wenn Sie auf GeoPlus vorbeischauen.
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