
GEO Epoche - Menschen, die Geschichte machten
Schicksalsjahr 1813: Die „Schwarzen Jäger“ im Kampf gegen Napoleon
Dienstag, 9. Juni 2026 · 32 min
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Shownotes
Kein Heer kann es in den Kriegen gegen Napoleon anfangs mit dessen "Grande Armée" aufnehmen. 1813 setzen die Preußen erstmals Freischärler ein, die französische Nachschubtransporte überfallen. Der bekannteste dieser Trupps sind die „Schwarzen Jäger“, die in schwarz-rot-goldenen Uniformen für Deutschlands Einheit und Freiheit kämpfen. Dies ist ihre Geschichte - und zugleich die Chronik eines Jahres, das in der Völkerschlacht bei Leipzig seinen ganz Europa erschütternden Höhepunkt fand.
Historische Reportage: Fred Langer
Sprecher: Peter Kaempfe
Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO)
Audio-Produktion: Leah Fritsch (GEO)
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Sie ritten nur einen Sommer lang, die schwarzen Jäger, die Deutschland einen und befreien wollten. Doch die alten Mächte siegten in der Völkerschlacht 1813, ein Jahr, das ganz Europa erschüttert, chronologisch nacherzählt. Menschen, die Geschichte machten. Ein Podcast über große und kleine historische Momente und die Frauen und Männer, die sie geprägt haben.
Präsentiert von Geo Epoche. Weitere hochwertige Audioinhalte aus der Welt von GEO hören Sie auf GEO+. Eine Armee von Untoten taumelt westwärts in den ersten Wochen dieses Jahres. Durch die Städte, die Dörfer schleppen sich Gespenstergestalten, von Erfrierungen entstellt fast wahnsinnig vor Hunger. Manche sind in Priestergewänder gehüllt, wieder andere in Frauenkleider oder Pferdedecken, was immer sie auf ihrem Marsch haben, finden können gegen den weißen Tod.
Ein halbes Jahr ist es erst her, da sind diese Männer in makellosen französischen Uniformen, aber ohne ausreichenden Schutz gegen beinahe 40 Grad Kälte nach Russland gezogen, als Teil der bis dahin größten Streitmacht aller Zeiten. 600.000 Soldaten zählt das Heer Napoleons da noch. Mit dieser gewaltigen Kriegsmaschine herrscht er über Europa, von Spanien bis Polen, von der italienischen Stiefelspitze bis zum Departement Elbmündung, dessen Hauptstadt Hamburg die fünftgrößte französische Metropole ist.
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation musste dem Kaiserreich Napoleons weichen, Die deutschen Lande werden von Paris regiert. Napoleons Truppen sind schnell und beweglich, das macht sie so siegreich. Doch die Mobilität ist erkauft mit dem Verzicht auf eine schwerfällige Versorgungsmaschinerie. Die Soldaten leben vom Land, durch das sie stürmen.
In den weiten Russlands aber ist wenig zu holen. Und was da ist, vernichten die Russen vor dem anrückenden Feind. Sogar Moskau zünden sie an. Napoleon jagt einem unerreichbaren Entscheidungskampf hinterher. Seine Soldaten marschieren sich in einem leeren Land zu Tode. 400.000 von ihnen sterben, kaum ein Viertel im Kampf.
Das ganze Ausmaß der Tragödie offenbart sich erst allmählich, als die Trümmer der Grande Armee zurückfluten an preußische, an napoleonische Ufer. Etwas Ungeheuerliches muss passiert sein, weit hinter dem Horizont, das ahnen jene, die am Wegesrand stehen und auf das Treibgut des Krieges starren. In jenen Januartagen 1813 verbreitet sich die Kunde, der Franzosenkaiser hat keine Armee mehr und es folgt der Ruf zu den Waffen.
Februar 1813, Breslau. Das Gasthaus zum goldenen Zepter ist Rekrutierungsbüro einer Aufstandsarmee, die ein geeintes, eigenständiges Deutschland erzwingen will. Täglich wird das Vaterland selige Gedränge im Schankraum größer. Ganze Hochschulseminare samt Professortreffen ein. Die Wortführer dieser Möchtegern-Kämpfer sind eine illustre Gesellschaft für sich.
Friedrich Friesen, Pädagoge, Mitarbeiter Alexander von Humboldts, ist aus Berlin herbeigeeilt. Die Romantikkünstler Josef von Eichendorff, Poet, und Georg Friedrich Kersting, Maler, sind da. Und der kaiserlich-königliche Hoftheaterdichter Theodor Körner, der in Wien glänzende Karriereaussichten und eine schöne Verlobte zurücklässt.
Man fällt sich in die Arme und redet sich in Rage. Man kennt sich aus Hörsälen und Salons, debattiert seit Jahren in akademischen Zirkeln und Geheimbünden. Jetzt endlich ist der Zeitpunkt zum Losschlagen da. Unter Major von Lützow, einem Veteranen der antinapoleonischen Kämpfe von 1806, wollen Dichter und Denker zu Kriegern werden.
Kampfname die Schwarzen Jäger. Schwarz, die Farbe ihrer Uniformen, verspricht gute Tarnung im schattigen Wald. Und jedes Kleidungsstück lässt sich in Schwarz umfärben, was praktisch ist, denn für ihre Ausrüstung müssen die Freiwilligen selbst sorgen. Manche haben Gönner, wie Kersting, den sein großer Malerkollege Kaspar David Friedrich unterstützt, oder eigenes Geld wie Körner.
Die meisten haben beides nicht. Schwarz, dazu rote Verzierungen und goldfarbene Messingknöpfe, hier scheinen diese Farben erstmals auf in der deutschen Geschichte. Schwarz wie die Nacht der Fremdherrschaft, rot wie das Blut, golden wie die Sonne der Freiheit, so geht der Mythos. Tatsache ist, hier stehen sie schon für Einigkeit statt kleinstaatlicher Zersplitterung und Recht statt fürstlicher Willkür und Freiheit.
Statt französischer Besatzung. Es sind die Farben einer Utopie. Die radikalen Vordenker der schwarz-rot-goldenen Freischerler wollen nicht weniger als einen Volksaufstand entfachen, die Franzosen vertreiben und die eigenen absolutistischen Fürsten gleich mit und Deutschland, dieses zerklüftete Gebilde aus königreichen kleinen Fürsten und winzigen Herzogtümern zu einer modernen Nation schmieden.
»Es ist in unserer Schar kein Unterschied der Geburt des Standes des Landes«, proklamiert Theodor Körner. Im Kampf gegen Napoleon schwingt der Geist der französischen Revolution mit. Die Parole von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verfängt auch bei vielen in deutschen Landen. Es ist ein Haufen voller Widersprüche, zusammengewürfelt aus romantischen Schwärmern, revolutionären Freigeistern und kleinkarierten Franzosenhassern, der sich in Breslau findet.
Der Wortführer der Fanatiker steht mit finsterem Blick und Rauschebart am Tresen und schwadroniert von einem Großdeutschland, in dem nur für Deutsche Platz ist. Juden, gleich welcher Nation, hält er vaterländische Empfindungen für gänzlich unfähig. Friedrich Ludwig Jahn, der das gemeinsame Turnen erfunden hat, als paramilitärisches Training.
Einer wie Eichendorf, dem jegliches Volkstumsgeschwafel ein Graus ist, wird nicht lange mit diesem deutschen Taliban reiten. Friedrich Wilhelm III. weilt ebenfalls in Breslau. Der Preußenkönig ist aus Angst vor einer Festnahme durch die zunehmend misstrauisch werdenden Franzosen hierher geflohen. Napoleon hat Preußen unterworfen, hat es auf Restgebiete östlich der Elbe geschrumpft und in einen Bund mit Frankreich gezwungen.
Jetzt, den Russen und dem Winter sei Dank, ließe diese Schmach sich tilgen. Alle drängen Friedrich Wilhelm zum Losschlagen. Wann, wenn nicht jetzt? Doch Zweifel quälen den Monarchen, denn Napoleon hat Preußen auch weitgehend entwaffnet. Für einen Krieg gegen Frankreich bräuchte Friedrich Wilhelm sein Volk, dem aber traut er nicht.
Bauernbefreiung und Gewerbefreiheit, Gleichheit aller Untertanen vor dem Gesetz, all das hat er diesem Volk schon geschenkt. Widerstrebend allerdings, seine Reformer mussten ihn drängen. Männer wie Stein und Hardenberg, die unvoreingenommen nach Gründen, für den rasanten Aufstieg Frankreichs gesucht und dabei die magische Formel gefunden haben, nimm deinen Untertanen die Fesseln des Absolutismus ab, und ungeheure Kräfte werden frei.
Was aber, wenn der Geist nicht wieder in die Flasche will? Bürger in Uniform, Friedrich Wilhelm III. Schüttelt es bei dem Gedanken, den Volkskrieg zu wollen hieße, die Revolution zu riskieren. Andere entscheiden für ihn. Teile seiner Restarmee haben sich eigenmächtig gegen Napoleon gestellt. Sie verweigern den Kampf gegen Russland.
Generalleutnant York erklärt die preußischen Hilfstruppen Napoleons 20.000 Mann für neutral. Seinen König hat er gar nicht erst gefragt. Im letzten Moment setzt sich der Monarch doch noch an die Spitze der Volksbewegung. Preußen führt die allgemeine Wehrpflicht ein. Mit der Proklamation »An mein Volk« ruft Friedrich Wilhelm seine Untertanen zu den Waffen.
März 1813, Berlin Sechseinhalb Jahre, nachdem Napoleon durch das Brandenburger Tor geritten ist, marschieren nun aus der anderen Richtung die Russen ein, von den Berlinern begeistert als Befreier gefeiert. Friedrich Wilhelm hat sich mit Zar Alexander verbündet und wird den französischen Besatzern den Krieg erklären.
Als militärische Mitgift bringt Preußen vorerst wenige Pferde und Kanonen, aber viel patriotische Begeisterung ein. Alles strömte herbei, erinnert sich Fjodor Fjodorowitsch Schubert, Moskaus Verbindungsoffizier in Preußen. Der Landmann verließ seinen Pflug und stellte sich mit seinen Söhnen, um gegen den Feind zu fechten.
Die Jugend verließ die Universitäten, die Schulen. Die Beamten verließen ihre einträglichen Posten, die Gelehrten ihre Lehrstühle. Jeder brachte, was er an Geld oder Geldeswert hatte, die Frauen ihre Geschmeide. Vergessen alle Enttäuschung über den zaudernden Monarchen, verweht im Jubel. Beobachter wie der Deutsch-Russe Schubert sehen die Veränderungen auf den Straßen Berlins auch mit gemischten Gefühlen.
Das Fieber des Deutschtums ergriff alle und trieb die tollsten Possen. Alles Ausländische sollte verbannt werden, selbst aus der Sprache. Was eben noch Dernier-Crie, französische Mode, heiter, farbig, frivol, die Damen in locker fallenden Hemden, Kleidern mit tiefem Dekolleté, ist nun eitler welscher Putz.
Man trägt altdeutsche Tracht, dunkel und streng, Halskrause für die Dame, Barrett für den Herrn und zeigt so Gesinnung auf dem Trottoir, ah, pardon, auf dem Bürgersteig. Und auf dem Schießplatz? Immer neue Rekruten treffen im Trainingscamp der Schwarzen ein. Auf fast 4000 Mann wird die Einheit wachsen und ist doch nur einer von vielen freiwilligen Verbänden.
Allerdings wegen der wortmächtigen Kämpfer in seinen Reihen der berühmteste. Gedichte und Lieder sind die Propagandamedien der Zeit. Und die Verse Theodor Körners, poetisch eher schlicht, aber patriotisch maximal aufgeladen, werden zu politischen Gassen hauern. Wildherzige Reiter schlagen die Schlacht, und der Funke der Freiheit ist glühend erwacht und lodert in blutigen Flammen.
Und wenn ihr die schwarzen Reiter fragt, das ist Lützos wilde, verwegene Jagd. April 1813, Erfurt. Sie wollen die Revolution in Deutschland? Sie wollen sich von allen Banden, die sie an Frankreich fesseln, befreien? Napoleon ist außer sich. »Wisst Ihr Deutschen aber auch, was eine Revolution ist?« fährt er den Weimarer Regierungsrat Friedrich von Müller an.
»Ihr wisst es nicht. Aber ich, ich weiß es. Ich habe diese Ströme Bluts Frankreich überschwemmen sehen. Ich habe obenauf geschwommen. Und ich will nicht dulden, dass jene schrecklichen Szenen sich in Deutschland erneuern.« Napoleon ereifert sich über die frechen und revolutionären Reden eurer jenaischen Professoren, den revolutionären Samen, den sie überall unter die Jugend ausstreuen, und das ausgerechnet hier, in Sachsen, einem noch immer mit Frankreich verbündeten Staat.
Jenae Studenten sollen sogar schon französische Soldaten angegriffen haben. Napoleon will ein Exempel statuieren und die Stadt niederbrennen. Der Befehl dazu liegt vor ihm. Friedrich von Müller, ein Freund Goethes, der Franzosenkaiser und der Dichterfürst schätzen einander sehr, steht nun im Erfurter Quartier des Feldherrn, um das drohende Unheil noch abzuwenden.
Aber Napoleon hört gar nicht zu. Empört sich über die Feindseligkeit der deutschen Bevölkerung, über die unverholene Unterstützung, die den einfallenden Russen vielerorts zuteil wird. Jena lässt er dann doch nicht anzünden, ist ja Sachsen. Aber die anderen? Preußen hat sich gemein gegen mich benommen, das wird es teuer zu stehen kommen.
Nur eine leere Drohung angesichts der militärischen Apokalypse, die gerade über Napoleons hergekommen ist? Keineswegs. Weite Regionen entlang der Elbe sind schon wieder französisches Aufmarschgebiet. Denn noch während im Osten seine Soldaten starben, ist der Kaiser inkognito quer durch Deutschland nach Paris geeilt, um ein neues Heer aus dem Boden zu stampfen.
140.000 frische Soldaten bringen die regulären Aushebungen, weitere 100.000 kommen aus der Nationalgarde hinzu. Von den verbliebenen Verbündeten verlangt Napoleon höchste Anstrengungen. Vor allem in den Rheinbundstaaten, einem französischen Protektorat in Mittel- und Süddeutschland, müssen die jungen Männer antreten.
Alle Ausnahmen vom Wehrdienst sind gestrichen. Halbwüchsige, Veteranen, fast Invaliden. Napoleon stellt binnen Kürze eine Armee von 300.000 Mann auf die Beine. Er will sich den Russen und Preußen möglichst bald in einer Entscheidungsschlacht stellen. Das furiose Comeback lässt seine Gegner erschaudern.
Man sieht die Strategen ratlos über ihren Karten brüten, wie sie den Kundschaftern lauschen, ein tonloses »Das kann doch nicht wahr sein« auf den Lippen. Mai, Juni 1813, zwischen Elbe und Oder. Auf ihren Streifzügen rauben die schwarzen französische Kriegskassen, fangen Kuriere ab, überfallen Militärtransporte, stehlen Pferde, ein kostbares Gut, an dem es allen Parteien mangelt.
Unruhe im Rücken des Feindes schüren, Nachschubwege unterbrechen, diesen Teil der Mission erfüllen sie, aber den anderen? Die ersehnte Volkserhebung zu entfachen gegen Fremdherrschaft und Fürstenwillkür gleichermaßen? Fehlanzeige. Die Menschen auf den Dörfern sorgen sich um Haus und Hof. Die Idee von Einheit und Freiheit bleibt abstrakt.
Die große patriotische Aufwallung, welche Schubert, der Offizier des Zaren, in Berlin bemerkt hat, gibt es so nur in Preußen. Und dort auch nur in den Städten. Resigniert stellt von Lützow fest, dass trotz allem Eifer und gutem Willen der Versuch, ein Volk in Aufstand zu bringen, ohne bedeutende Schläge der großen Macht misslingen muss.
Die Schläge der großen Macht, die kommen nun ausgerechnet von der Gegenseite. Nach einer ersten Schlacht bei Leipzig am 2. Mai muss sich die russisch-preußische Armee zurückziehen. Napoleon triumphiert. Ich bin wieder Herr von Europa. Keine drei Wochen später siegt er auch bei Bautzen. Die Koalitionsarmee setzt sich nach Osten ab.
Breslau fällt den Franzosen in die Hände. Die preußischen Truppen, sie sahen sich schon am Rhein von befreiten Deutschen gefeiert. Statt jetzt stehen sie an der Oder. Napoleons junge Armee gewinnt nur nach Punkten. Den entscheidenden Stoß kann sie dem Gegner nicht versetzen. Die Tiere haben gelernt, flucht der Kaiser, und lässt sich auf einen Waffenstillstand ein.
Er will ihn nutzen, um seine Armee für den finalen Schlag zu rüsten. Die schwarzen Jäger sind konsterniert. Sie fürchten, dass der Krieg, der für sie doch gerade erfolgreich begonnen hat, schon zu Ende sein könnte. Dass Zar und König mit dem Franzosenkaiser womöglich einen Kompromiss ausgehandelt haben.
Die verstreuten Truppen der Verbündeten müssen sich umgehend auf preußisches Territorium zurückziehen, so verlangt es das Waffenstillstandsabkommen. Major von Lützow aber verpasst die Frist. Oder lässt er sie mit Absicht verstreichen? Jedenfalls steht er mit seinen Reitern noch Mitte Juni im feindlichen Sachsen.
Napoleons Befehlshaber in Leipzig setzt 4.000 Mann auf die 400 Schwarzen an. Sie machen die Freischärler nieder, die völlig überrumpelt sind, eigentlich verhandeln wollen. 300 von ihnen sterben oder werden abgeführt, nicht als Kriegsgefangene, sondern als Schwerverbrecher. Denn für Napoleon sind sie nichts als Brigand Noir, schwarze Räuber, Kriminelle.
Ein Verdict, aus dem nicht nur Verachtung spricht. In Spanien hat der Feldherr die Taktik der irregulären Fürchten gelernt, die mit ihrer Guerilla dem kleinen Krieg seiner großen Armee so viel Schaden zufügen konnten. Und jetzt auch auf deutschem Boden? Juni 1813, Dresden. Die Stadt dient Napoleon als Hauptquartier und Startrampe für seine neue Offensive.
Er residiert außerhalb, denn Elbflorenz ist voller Geschrei und Gestank, erstickt unter einströmenden Soldaten, immer neue Truppen fluten nach. In einem Jagdschlösschen vor der Stadt empfängt er den österreichischen Außenminister Metternich. Dieser Gipfel von Dresden soll die letzte Ausfahrt Richtung Vernunft sein.
In Weimar seufzt Goethe, der Himmel gäbe Frieden. Sogar in Napoleons Generalstab in Dresden ist die Kriegsmüdigkeit spürbar und Napoleons Gattin schreibt ihrem Vater, »Alle meine Wünsche sind, dass wir bald Frieden haben möchten.« Marie-Louise, Napoleons zweite Frau, ist die Tochter des österreichischen Kaisers und so ist Napoleons Gegenspieler in dem Rededuell von Dresden also der Gesandte seines eigenen Schwiegervaters.
Vertragte Familienbande. Formal ist man noch verbündet, doch Österreich geht auf Distanz. Napoleon wirkt nervös, tritt nun umso aggressiver auf. Ist ihm klar geworden, dass der Waffenstillstand ein Fehler war, dass die Gegenseite ihn besser nutzt? »Ihr wollt also den Krieg?«, soll er Metternich angefahren haben.
»Nun gut, wir werden ihn haben. Auch ihr werdet euren Teil abbekommen. Im Oktober bin ich in Wien.« Metternich kontert kühl, der Kaiser habe doch nicht viel mehr als eine Kinderarmee in die Schlacht zu werfen. Acht Stunden reden die beiden ohne Pause meist aneinander vorbei, Napoleon spürbar gekränkt in seiner Eitelkeit.
Soweit es sich aus den Aufzeichnungen der beiden Protagonisten rekonstruieren lässt, ist dieser Friedensgipfel eher ein Kriegsvorbereitungstreffen. Als Metternich Dresden verlässt, sind die Weichen zur großen Völkerschlacht gestellt. Österreich reiht sich in die antinapoleonische Koalition ein. Franz I.
Erklärt seinem eigenen Schwiegersohn den Krieg. August 1813, unweit von Schwerin. Die Schwarzen sind trotz der Verluste in Sachsen wieder einsatzbereit. Doch diese Aktion verläuft nicht nach Plan. Das Ziel, ein mit Waffen und Proviant beladener Konvoi, soll in offenem Gelände angegriffen werden. Zwar können die Partisanen das Überraschungsmoment für sich nutzen, Die Fuhrleute von den Franzosen, zwangsverpflichtete Bauern, machen Zugpferde los, springen auf und stieben davon, als die 200 bewaffneten Reiter heranstürmen.
Doch einige der Planwagen erreichen den Wald und der bietet den französischen Soldaten, die den Tross verteidigen, gute Deckung. Auf den ersten Blick nützt ihnen das wenig. Als der Pulverdampf sich verzieht, liegen 50 Franzosen tot oder verwundet am Wegesrand, die Freischärler haben 38 Wagen erobert und aber nur vier eigene Männer verloren.
Doch unter denen ist Theodor Körner aus dem Dickicht heraus vom Pferd geschossen. So verlieren die Schwarzen einen Mann, der als Agit-Prop-Star unersetzlich ist für die ganze Bewegung. Ein junger Dichter, als Held gefallen, die romantische Verklärung beginnt sofort. Körners letzte Stunden werden auf der Bühne inszeniert, mit weinender Muse am Lorbeer umgrenzten Altar unter Mond beschienenem Eichenlaub.
Seine Lieder finden rasch Eingang in den Kanon der bürgerlichen Feierabendkultur. Karl Maria von Weber komponiert 1814 die schmetternde Melodie zu Lützos wilde verwegene Jagd Als Körner stirbt, geht die Zeit der deutschen Freischale eigentlich schon zu Ende Preußens Armee steht wieder, die Reihen fest geschlossen, um in die ganz große Schlacht zu marschieren Den Strategen des Königs sind eigenmächtige Guerilla-Aktionen nicht mehr willkommen Die Schwarzen müssen zunehmend im Verbund mit regulären Truppen operieren.
Der Legende tut das keinen Abbruch, Lützos wilde, verwegene Jagd, zwar keine Geschichtslüge, aber ein wenig historisches Jägerlatein, an der Wiege einer Nation, die nicht zu sich finden kann und umso mehr den Mythos sucht. September 1813, Kassel. König Lustig von Westfalen hat schlechte Laune. Gemälde, Büsten, Möbel, Uhren, Musikinstrumente, Bronzen, Leuchter, Stoffe lässt der Stadthalter Napoleons aus seiner Hauptstadt abtransportieren.
Er liebt sie doch die Kostbarkeiten. Und jetzt, da die Russen schon vor Kassel stehen, muss er die Schätze in Sicherheit bringen nach Frankreich. Auch Napoleon ist nicht amüsiert Er hat dieses Königreich Westfalen am Reißbrett entworfen Aus kleinen Fürstentümern zu einem Modell für Deutschland schneidern lassen Hat ihm in Paris eine denkbar fortschrittliche Verfassung verpasst Und seinen eigenen Bruder, Jérôme Bonaparte Als Sachwalter dieses politischen Schaustücks eingesetzt Den sie nun als König lustig schmähen.
Die Mütter schöner Töchter fürchten sich, dieselben auf die Hofbälle gehen zu lassen, stöhnt sogar einer seiner eigenen Minister. Dem König fehle der sittliche Ernst, er sei ein Lüstling, ein Verschwender, und der Kunstraub macht ihn auch nicht beliebter. Dabei begann das Experiment mit besten Vorsätzen.
Ihr Volk, lässt Napoleon seinen Bruder 1807 wissen, soll in den Genuss einer Freiheit, einer Gleichheit, eines Wohlstandes kommen, wie sie die deutschen Völker bislang noch nicht erfahren haben. Der künstliche Staat erhält die erste geschriebene Verfassung in deutschen Landen. Das Königreich Westfalen ist eine konstitutionelle Monarchie, die dem Adel keine Sonderrechte zugesteht.
Die Gleichheit aller Untertanen ist gesetzlich verbrieft. Religiöse Toleranz, unabhängige Justiz, das Ende fürstlicher Willkür Es wirkt wie ein Wettstreit um protodemokratische Rechte, den napoleonische Beamte und preußische Reformer gegeneinander austragen Wobei erstere in ihrem Buhlen um die Gunst des Volkes sogar weitergehen In Paris und Kassel, nicht in Potsdam und Berlin, entsteht unter französischer Regie ein Vorläufer unserer heutigen freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Tatsächlich strahlt das westfälische Staatsdesign anfangs eine verführerische Wirkung aus. Männer von Rang, auch Deutsche, stellen sich in Jeroms Dienste, um eine Vision Napoleons wahr werden zu lassen. Die Völker Deutschlands sehnen sich nach liberalen Ideen. Es kann gar nicht ausbleiben, dass Westfalen ein moralisches und geistiges Übergewicht über die benachbarten absoluten Könige erlangt.
Doch es sind letztlich die Stiefel von Napoleons eigenen Soldaten, unter denen das zarte Pflänzchen vergeht. Die Kosten der militärischen Großoperationen zehren sämtliches Kapital auf, auch das politische. Paris nutzt das Vorzeigekönigreich immer mehr als Aufmarschplatz und Versorgungsdepot. Die Modelluntertanen rebellieren bald schon gegen die Last der Abgaben.
Der andauernden Truppenaushebungen, Einquartierungen und Durchmärsche. Auf Napoleons Russland-Feldzug sterben auch 20.000 westfälische Soldaten. Und so wird das politische Kunstwerk bald schon als Ausgeburt französischer Hegemonie diskreditiert, mit einem Marionettenkönig an der Spitze, der sein Land als Amüsierbetrieb und Selbstbedienungsladen betreibt.
Schade eigentlich. Innerhalb der Stadt und vor ihren Toren lagern 190.000 unter dem Kommando Napoleons stehende Soldaten. In einem weiten Halbkreis ist die Streitmacht der Koalitionäre herangerückt, 200.000 Mann aus Österreich, Preußen, Russland und Schweden. Nie zuvor in der Geschichte Europas standen sich derart gigantische Heere gegenüber. 16.
Oktober, 9 Uhr. Mit drei Signalschüssen eröffnen die Verbündeten den Kampf. Die Donnerschläge sind Auftakt zu einer infernalischen Kanonade. Die Artillerie beider Seiten feuert fünf Stunden lang aus allen Rohren. Leipzig erbebt. Seine Einwohner zittern. Beim Dorf Möckern kämpfen die Soldaten um jedes Haus Wer keine Munition mehr hat oder keine Zeit, den Vorderlader wieder gefechtsbereit zu machen geht mit Messer, Bajonett oder Gewehrkolben auf den Gegner los Die Preußen gewinnen das Gemetzel Aber das vergossene Blut ist wenig wert An der Hauptfront im Süden rücken die Franzosen überfallartig vor Um ein Haar hätten sie den Feldherrnhügel eingenommen, samt Österreichs Kaiser, Russlands Zaren und Preußens König darauf.
Schon eilen Boten in die Stadt, die französisch ist, noch vive l'Empereur, es lebe der Kaiser, halt es durch die Gassen, und die Siegesglocken läuten. Zu früh gefreut, zu früh geklagt. In dem blutigen Getümmel haben die Schlachtenlenker den Überblick verloren. In Wahrheit endet der erste Tag unentschieden, beide Seiten erleiden furchtbare Verluste, frische Kräfte müssen her und von denen haben die Alliierten mehr als die Franzosen.
Das bleibt zu verdanken. Napoleon stößt die Reformen an, die zur Basis für die kapitalistische Dynamik der kommenden Jahrzehnte werden. Er treibt Deutschland in eine nachfeudale, moderne Welt. Ohne Zunft und Standesgrenzen, ohne Fürstenwillkür, dafür mit effizienter Bildung und Verwaltung. Ein Deutschland allerdings, das dann anders geriet, als die Freiheitskämpfer es sich erträumt hatten.
Das war Menschen, die Geschichte machten. Wir hoffen, dass Ihnen diese Folge gefallen hat und würden uns freuen, wenn Sie Menschen, die Geschichte machten in Ihrer Podcast-App abonnieren, wenn Sie uns weiterempfehlen und wenn Sie auf GeoPlus vorbeischauen. Dort finden Sie ein breites Themenangebot aus den Bereichen Psychologie, Gesundheit, Wissenschaft, Natur und natürlich viel Geschichte.
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