
GEO Epoche - Menschen, die Geschichte machten
Hannibal: Mit Elefanten gegen Rom (Aus dem Archiv)
Dienstag, 26. Mai 2026 · 42 min
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
Lange beherrscht Karthago unbestritten das westliche Mittelmeer, doch dann erstarkt in Italien ein schlagkräftiger Rivale: die Römische Republik. Zwischen den beiden Mächten entbrennt ein Zweikampf, der nach und nach die gesamte Region erfassen wird. 218 v. Chr. unternimmt Hannibal, der brillanteste Feldherr der Karthager, schier Unglaubliches: Er führt eine gewaltige Streitmacht über die Alpen – mitten ins Land des Feindes.
Historische Reportage: Samuel Rieth
Sprecher: Peter Kaempfe
Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO)
Audio-Produktion: Leah Fritsch (GEO)
Wir freuen uns, wenn ihr GEOEPOCHE auf Instagram (@geo_epoche) und Facebook (@geoepoche) folgt.
Ihr habt Fragen oder Feedback für uns? Wir freuen uns über eine Mail an podcast@geo.de
Viele weitere Audio-Geschichten aus der Welt von GEO hört ihr auf GEO+. Unter geo.de/probe könnt ihr für 1 Euro einen Probemonat starten.
MEHR GEO EPOCHE ZUM HÖREN...
"Germanen gegen Rom": Unter geo.de/germanen gelangt ihr an alle Folgen der sechsteiligen Podcast-Serie sowie ein vergünstigtes Abo für GEO+.
"Deutschland 1945": Unter geo.de/1945 findet ihr alle acht Folgen sowie ein vergünstigtes Abo für das Verbrechen der Vergangenheit-Special über das Kriegsende 1945.
"Menschen, die Geschichte machten – kurz erzählt": Das neue Kurzformat von GEOEPOCHE mit Peter Kaempfe auf GEO+. Zu allen bisher erschienenen Folgen geht es hier: geo.de/menschen
... UND ZUM LESEN
Unter geo-epoche.de könnt ihr einen Monat lang GEOEPOCHE+ für einen Euro testen – mit fast 3000 Artikeln zu allen Aspekten der Weltgeschichte, unseren Podcasts und weiteren Audio-Inhalten.
Text: Samuel Rieth
+++ Alle Rabattcodes und Infos zu unseren Werbepartnern findet ihr hier: linktr.ee/Menschendiegeschichtemachten +++
Dieser Podcast wird vermarktet von Julep Media: sales@julep.de
Wir verarbeiten im Zusammenhang mit dem Angebot unserer Podcasts Daten. Wenn Sie der automatischen Übermittlung der Daten widersprechen wollen, melden Sie sich hier: datenschutz@julep.de
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Lange beherrscht Carthago unbestritten das westliche Mittelmeer. Doch dann erstarkt in Italien ein schlagkräftiger Rivale, die Römische Republik. Zwischen den beiden Mächten entbrennt ein Zweikampf, der nach und nach die gesamte Region erfassen wird. 218 v. Chr. unternimmt Hannibal, der brillanteste Feldherr der Carthager, schier Unglaubliches.
Er führt eine gewaltige Streitmacht über die Alpen, mitten ins Land des Feindes. Ein Podcast über große und kleine historische Momente und die Frauen und Männer, die sie geprägt haben. Präsentiert von GEO Epoche. Weitere hochwertige Audioinhalte aus der Welt von GEO hören Sie auf GEO+. Erst als der Abend dämmert und die Stadt in Schatten hüllt, macht er sich auf den Weg, geht durch die Gassen Kartagos, die im Zwielicht vor ihm liegen, unauffällig einem Tor in der Umfassungsmauer entgegen.
Heimlich hat er seine Flucht vorbereitet, hat alles bis ins Kleinste geplant, hat sich etwa den ganzen Tag über, wie sonst auch, in der Öffentlichkeit gezeigt, um keinen Verdacht zu erregen, so als ahnte er nicht die Gefahr, in der er schwebt. Den Schrecken Roms hat man ihn genannt, einen Wiedergänger des mythischen Helden Herakles, einen Liebling der Götter.
Wo sein Name in der Welt des Mittelmeeres erklingt, schwingt noch immer Ehrfurcht in den Stimmen mit, oder? Angst. Doch nun muss sich Hannibal, der ruhmreichste Sohn Kartagos, davon schleichen wie ein gemeiner Dieb. Wort aus seiner Heimat, dieser Stadt der Undankbaren, die ihn verleumdet und verraten hat.
Niemand hält den Flüchtenden auf. In der Nähe des Tores warten Pferde und einige Getreue, Mit ihnen galoppiert er in die Nacht und lässt Kartago hinter sich. Im Namen dieser Stadt ist er einst in den Krieg gezogen, um ihren größten Rivalen zu bezwingen, Rom. Und hat er nicht für sie unglaubliche Siege errungen?
Den Gegner an den Rand des Abgrunds getrieben und beinahe vernichtet? Das Leben tausender Soldaten hat er geopfert, selbst das Licht eines seiner Augen, für die Freiheit Katargos und auch für den eigenen Ruhm. Nun aber, in diesen Tagen im Jahr 195 v. Chr. ist der Held seiner Heimat lästig geworden. Mächtige Landsleute wollen ihn an die Römer ausliefern, denn solange Hannibal lebt, ist er ein Stachel im Fleische Roms und damit gefährlich auch für Carthago, das von Rom abhängig ist.
Hannibal weiß sehr wohl, wie die Herren am Tiber gefangene Heerführer am liebsten empfangen, Vor den höhnenden Massen würden ihn die Römer zur Schau stellen, dann im Kerker erdrosseln, ihm erst die Ehre rauben und später das Leben. Diesen Triumph will er seinen Gegnern nicht gönnen. Ein letztes Mal will er, der einst eine Armee über die Alpen in das heutige Italien geführt hat, einer aussichtslosen Lage entkommen.
Wenn man so will, hat ihn sein bisheriges Leben sogar bestens geschult für die Flucht, die nun vor ihm liegt. Die meisten seiner 52 Jahre hat er in der Fremde verbracht, in Feldlagern und auf Kriegszügen. Das Gefühl ständiger Gefahr ist ihm ebenso vertraut wie das karge Dasein eines Kämpfers. Aus Luxus, Völlerei und anderen Ausschweifungen hat er sich ohnehin nie etwas gemacht.
Nachts legte er sich in einen Mantel gehüllt zum Schlafen auf die Erde neben, die einfachen Männer. Doch damals wusste Hannibal eine Streitmacht hinter sich. Wenn er im Sattel saß, hörte er das Stampfen der Füße seiner Soldaten, das Klirren ihrer Waffen, das Trompeten der Kriegselefanten. Nun ist er fast allein auf sich gestellt.
Unbehelligt erreichen Hannibal und seine wenigen Gefährten das Landhaus an der Küste. Dort packt er das Geld ein, das er versteckt hat, wählt unter seinen Sklaven die Kräftigsten aus und besteigt gemeinsam mit ihnen eines der Schiffe, die verborgen in einer nahen Bucht ankern. Als die Ruderer sich in die Riemen legen, beginnt eine Fahrt ins Ungewisse für den Mann, dessen Name wie kein anderer in der Geschichte Kartagos durch die Jahrtausende halt.
Denn dieser Hannibal ist einer der brillantesten Feldherren der Antike, schon zu Lebzeiten ein Mythos. Und die Schlüsselfigur in jenem Duell der Mittelmeermächte zwischen Rom und Karthago, das drei Kriege und insgesamt mehr als ein Jahrhundert dauern wird. Niemand erreicht in diesem Zweikampf so Großes für Karthago wie Hannibal und niemand scheitert so tragisch.
Anfangs verkennen die Karthager die Bedrohung, die ihnen in Italien erwächst. Zwar haben die Römer ab etwa 400 v. Chr. ihre Herrschaft nach und nach über weite Teile der Apenninenhalbinsel ausgedehnt, Städte und Völker unterworfen, die fortan als Bundesgenossen Truppen stellen müssen, doch mehrfach sichern sie den Karthagern vertraglich zu, deren Machtbereich nicht anzutasten.
Karthago, das einst von Phönizien gegründet worden ist, herrscht zu dieser Zeit unangefochten über das westliche Mittelmeer. Die Metropole kontrolliert weite Küstenregionen Nordafrikas, Sardinien und Westsizilien, besitzt zudem Stützpunkte auf der iberischen Halbinsel. Doch für den Ehrgeiz der aufstrebenden Römischen Republik wird Italien bald zu klein.
Im Jahr 264 v. Chr. bitten italische Söldner, die in der ostsizilianischen Stadt Messene, heute Messiner, die Herrschaft an sich gerissen haben, erst Karthago um Beistand und dann auch Rom. Beide Mächte schicken Truppen. Die Römer wollen die Chance nutzen, endlich auf Sizilien Fuß zu fassen, wo die Karthager schon länger eine bedeutende Macht sind.
So entzündet sich der Konflikt, den die Römer später den Ersten Punischen Krieg nennen werden, von Punia, der römischen Bezeichnung für Karthager. Zu Beginn hat wohl keine der zwei Seiten einen großen Schlagabtausch im Sinn, allerdings bemühen sie sich auch nicht, die Eskalation zu verhindern. Eigentlich ist Rom traditionell eine Landmacht. Doch nun lässt die Republik eine eigene Flotte bauen, hochmodern, nach dem Vorbild eines auf Grund gelaufenen karthagischen Kriegsschiffs, das sie erbeutet haben.
In mehreren Seeschlachten brechen die Römer die gegnerische Vorherrschaft auf dem Meer Als ihre Armee sogar in Nordafrika einmarschiert, können die Kartager die Invasoren nur mit Mühe vertreiben. Hannibal ist ein Kind dieses ersten gewaltigen Krieges. Er wird vermutlich 247 v. Chr. Geboren, im selben Jahr, in dem sein Vater Hamilcar den Befehl über Kartagos Truppen auf Sizilien übernimmt.
Die Ahnenreihe der adeligen Familie reicht angeblich bis zu den Gründervätern der Stadt zurück. Seinem Beinamen Barkas, der Blitz, wird Hamilcar indes nur teilweise gerecht. Zwar führt er schnelle Angriffe gegen Süditalien und unternimmt Raub- und Plünderungszüge an den Küsten, vermeidet jedoch eine Entscheidungsschlacht.
Als die Römer 241 v. Chr. eine Versorgungsflotte mit 250 Schiffen auf dem Weg nach Sizilien abfangen, bittet das mittlerweile kampfesmüde Kartago um Frieden. Rom diktiert die Bedingungen. Carthago verliert Sizilien und weitere kleinere in der Nähe liegende Inseln, darf zwar Sardinien behalten, muss aber mehr als 80 Tonnen Silber im Lauf von zehn Jahren an den Sieger zahlen.
Frieden ist Carthago trotzdem nicht vergönnt. Denn der vormals reichen Metropole fehlt nun, das Geld ihrer Söldner zu bezahlen. Tausende der Geprellten rebellieren. Gewiss spürt auch der sieben oder acht Jahre alte Hannibal in der Stadt die Angst. Für die Bewohner geht es nicht mehr um Einfluss oder ferne Territorien, sondern ums Überleben.
Statt einer behüteten Kindheit erlebt er Krieg und Gewalt als Normalzustand, muss um den Vater bangen, den Befehlshaber im Kampf gegen die Rebellen. Erst 237 v. Chr. kann Hamil Kabakas die Revolte niederschlagen. Die Römer nutzen die Notlage Kartagos geschickt aus, annektieren kurze Hansardinien und fordern 30 weitere Tonnen Silber als Wiedergutmachung.
Die Karthager sind zu schwach, um sich zu wehren, nicht aber, um sich neue Einkommensquellen zu erschließen. Rettung vor der Geldnot verspricht ein reiches Land, das nur wenige Kilometer Wasser von Nordafrika trennen. Der Boden der iberischen Halbinsel birgt vielerorts Kupfer, Silber, Gold und andere kostbare Metalle.
Noch im Jahr 237 v. Chr. bricht Hamilcar mit einem Expeditionsheer dorthin auf. Zuweilen mit Diplomatie, öfter mit Gewalt, bringt er die Stämme im Süden der Halbinsel und auch deren Bergwerke unter die Vorherrschaft Kartagos. Mit dem gewonnenen Gold und Silber vergrößert er sein Heer, bezahlt die Kämpfe aus eigener Tasche, lässt sogar selbst Münzen prägen.
Hamilcar, der Krieger, gebärdet sich wie der Herrscher eines eigenen Reiches, verschafft seiner Familie Ansehen und Prestige. Die Ratsherren Kartagos lassen ihn gewähren, fließt doch ein erheblicher Teil der Einkünfte aus den Bergwerken in die Schatzkammern der Stadt. Für Hannibal wird Iberien zur zweiten Heimat.
Der Junge lernt Rhetorik, Literatur, Mathematik von griechischen Lehrern. Besonders dürften ihn die Eroberungszüge Alexanders des Großen fasziniert haben, der sich in Asien den Gebrauch von Kriegselefanten abschaute, den inzwischen auch die Karthager übernommen haben. Tief prägen sich Hannibal vermutlich auch Erzählungen über Herakles ein, Sohn des Göttervaters Zeus und einer Sterblichen.
In der Glaubenswelt der Karthager ist der Held, den die Römer Herkules nennen, mit dem phönizischen Gott Melkart verschmolzen. Laut einer Fassung der Legende war dieser Herakles Melkart ein großer Kriegsherr, der zunächst Iberien unterwarf und dann über die Alpen nach Italien marschierte. Hannibal durchläuft die gleiche harte Ausbildung wie alle anderen Soldaten.
Er wehrt sich als Kämpfer, gleich ob zu Fuß oder im Sattel. Er ist wohl 18 Jahre alt. Da stirbt im Winter 229-228 v. Chr. der Vater. Hastrubal, der Schwiegersohn des Gefallenen, tritt die Nachfolge an. Er gründet Neu-Kartago, das heutige Cartagena an der spanischen Mittelmeerküste, als Verwaltungszentrum des iberischen Herrschaftsgebiets und setzt seinen Schwager Hannibal zum Befehlshaber der Reiterei ein.
Der erweist sich als wagemutiger, aber nie tollkühner Kommandeur, als geborener Anführer, der sich offenbar im Krieg und unter Kriegern am wohlsten fühlt, ungeachtet seiner hohen Geburt. Als auch Hastrubal 221 v. Chr. Zu Tode kommt, er wird ermordet, womöglich von einem Sklaven, ruft das Heer den vermutlich 26 Jahre alten Hannibal zum neuen Oberbefehlshaber in Iberien aus.
Den Ratsherren Kartagos bleibt kaum anderes übrig, als sich der Wahl anzuschließen. Die Römer sehen indes mit Sorge, wie ihr Rivale wieder erstarkt. Doch mit welcher Rechtfertigung sollten sie ihm Einhalt gebieten? Weder sind die Kartager Reparationszahlungen schuldig geblieben, noch haben sie anderweitig gegen den Friedensvertrag verstoßen.
Bald jedoch bietet sich Rom ein Anlass, um endlich eingreifen zu können. Der Konflikt entbrennt um die iberische Stadt Sagunt an der Mittelmeerküste. Die Karthager haben ihren Machtbereich bis nah an deren Grenzen heran ausgedehnt und so ersucht Sagunt Rom um Schutz gegen Hannibal. Vielleicht ermutigt durch die Zusicherung der Tiberstadt, den Saguntern militärisch beizustehen, überfallen sie nun jedoch ihrerseits Alliierte des Katargas.
Das wiederum kann Hannibal nicht dulden. Wohl im Winter 220-219 v. Chr. Drohen römische Gesandte offen mit Krieg, sollte der Karthager eine Strafexpedition gegen Sagunt führen. Doch weder Hannibal noch der Rat von Karthago sind gewillt, sich diese Einmischung gefallen zu lassen. Acht lange Monate belagern die Karthager Sagunt. Nicht ein Legionär kommt den Bedrängten zu Hilfe.
Erst als Hannibal die ausgehungerte Stadt im Sturm erobert, erklärt der Senat von Rom, Carthago, den Krieg. Im Heiligtum des Herakles Melkert, nahe der Stadt Gadir, Kadis, erbittet Hannibal Anfang 218 v. Chr. Den Beistand der Götter und verkündet seinen versammelten Soldaten wenig später, im Traum habe er den göttlichen Auftrag erhalten, dem Herakles nachzueifern, in Italien einzufallen und dort ein Ungeheuer zu töten, wohl eine Hydra, eine vielköpfige Schlange.
Jedem der Anwesenden dürfte sofort klar sein, dass sie Rom verkörpert. Ist es ein Propagandakuh, um seinen Feldzug zum Heldenepos zu erheben? Zu einem heiligen Krieg, hinter dem sich Hannibals vielfältige Kriegerschar aus Iberern, Kelten, nordafrikanischen Libyern und Numidern vereinen kann? Oder glaubt er selbst an seine Bestimmung, ein neuer Herakles zu werden?
Sein Schlachtplan jedenfalls beruht vor allem auf irdischen Zwängen. Hannibal will den römischen Angriff auf Iberien nicht abwarten, sondern den Krieg ins Land des Feindes tragen. Da die Flotte der Tiberstadt aber inzwischen das westliche Mittelmeer beherrscht, steht ihm nur der weite, beschwerliche Landweg offen, über die Pyrenäen, durch Südfrankreich und schließlich über die Alpen.
Schon vor dem Angriff auf Sagunt hat Hannibal Gesandte ausgeschickt, um die Stämme und Völker entlang der Route mit Diplomatie und Geld zu besänftigen. Er hat Verträge aushandeln lassen über den Kauf von Verpflegung und das Anlegen von Nachschubdepots. Nichts soll seinen Vormarsch hindern. Gut 90.000 Fußsoldaten zählt die Streitmacht, mit der er im Frühjahr 218 v. Chr. aufbricht.
12.000 Reiter und etwa 40 Kriegselefanten. Der Marsch ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Hannibal muss die Alpen erreichen, bevor der Winter die Pässe unüberwindbar macht. Und 20 Kilometer legt die Armee im Durchschnitt pro Tag zurück. Sie erklimmt Berghänge und quert Flüsse, schlägt sich mit Gewalt durch die Heimat feindlich gesinnter Stämme, wenn die Verhandlungskunst versagt.
Wie schnell Hannibals Armee bereits vorangekommen ist, davon ahnen die Römer nichts. Sie haben ihre Truppen Richtung Iberien geschickt. Dort wollen sie die Kartager zur Schlacht stellen. Erst als Hannibal bereits die Rhone erreicht hat, die Alpengipfel schon vor Augen, bemerken Roms Kundschafter seine Armee.
Der entsetzte Kommandeur des römischen Heeres, das mit seinen Schiffen gerade bei Massalia, heute Marseille, Halt gemacht hat, lässt zwei Legionen ihren Weg fortsetzen. Mit den übrigen Truppen fährt er eilig zurück, um Hannibal abzufangen auf der anderen Seite der Alpen. Es ist bereits Oktober, als Hannibal mit seinen Männern den Aufstieg im Gebirge beginnt.
Steil sind die Pfade und so schmal, dass vielerorts kaum zwei Männer nebeneinander gehen können. Vor allem die Elefanten quälen sich in den Engstellen. Wie eine kilometerlange Schlange windet sich der Zug durch Täler und über Anhöhen. Immer wieder halt Kampfgebrüll durch die Berge, mehrmals muss sich das Heer durch Hinterhalte örtlicher Kelten schlagen.
Ungewohnt die Kälte, die dünne Luft. Möglich, dass Hannibal seinen Soldaten abends im Licht der Lagerfeuer Mut zuspricht, an die Taten des Herakles erinnert und ihnen die kleine Statue des Helden zeigt, die er stets mit sich führt und die einst Alexander dem Großen gehört haben soll. Am neunten Tag erreicht die Spitze des Zuges schließlich die Passhöhe. Aber welche?
Über die genaue Route Hannibals rätseln die Nachgeborenen bis heute. Er mag den Col de la Traversette überquert haben. Erst vor einigen Jahren sind Forschende in der Nähe auf Spuren gestoßen, die womöglich eine große Armee hinterlassen hat. Zwei Tage Rast gönnt er den erschöpften Männern und Tieren, bis alle Nachzügler eingetroffen sind.
In über 2000 Meter Höhe, da beginnt es zu schneien. Umso mühevoller gestaltet sich der Abstieg. Die Soldaten müssen sich vorsichtig über Schneefelder tasten, stechen ihre Lanzen ins Eis, um Halt zu finden. Manche rutschen ab und stürzen in die Tiefe. Endlich, nach gut zwei Wochen in den Alpen, erreicht Hannibals Heer die Po-Ebene.
Doch von der Streitmacht, die fünf Monate zuvor in Neukartago aufgebrochen ist, kommt nur ein Bruchteil an. Rund 20.000 Mann an Fußtruppen und 6.000 Reiter, berichtet der Grieche Polybios, einer der Chronisten, die später die Geschichte des Krieges niederschreiben. Zudem überlebt wohl zumindest ein Großteil der Elefanten.
Die übrigen Soldaten haben die Strapazen nicht überstanden, sind in Kämpfen gefallen, zurückgelassen worden, etwa zur Sicherung der Route oder desertiert. Dennoch, Hannibal steht in Italien. Noch nie zuvor hat jemand die Alten mit einer so gewaltigen Streitmacht überwunden. Die Römer heben hastig neue Truppen aus und müssen schmerzlich lernen, dass sie es mit keinem gewöhnlichen Gegner zu tun haben.
Schon beim ersten größeren Kampf zwingt Hannibals überlegene Kavallerie die feindliche Reiterei zum Rückzug. Dann, im Dezember 2018 v. Chr., täuscht er einen Angriff auf ein Feldlager am Ufer der Trebia in der heutigen Emilia-Romagna an. Prompt nehmen die Truppen Roms und seiner Bundesgenossen die Verfolgung auf, warten zu Zehntausenden durch den eisigen Fluss, bis sie durchnässt und zitternd Hannibals Heer gegenüberstehen.
Er schickt ihnen seine Elefanten und Reiter entgegen. Die 2000 Krieger, die Hannibal vor der Schlacht im Unterholz verborgen hat, bemerken die Römer erst, als sie ihnen in den Rücken fallen. Ein weiterer Sieg. Erkomme als Befreier, verkündet Hannibal, wollen nur gegen Rom Krieg führen, den Bundesgenossen der Tiberstadt hingegen ihre Eigenständigkeit zurückgeben.
Allein die römischen Gefangenen hält er fest und lässt die übrigen ohne Zahlung eines Lösegelds gehen. Zunächst kann er jedoch nur die in Oberitalien lebenden Kelten für sich gewinnen, die den Römern feindlich gesinnt sind und zu Tausenden sein Heer verstärken. Nach einem eisigen Winter, der ihn fast alle seine Elefanten kostet, marschiert Hannibal weiter Richtung Süden.
Nicht etwa durch eine der Küstenebenen, wie von den Römern erwartet, sondern über das Apenninengebirge und dann tagelang durch vom Fluss Arno überschwemmtes Gebiet in der heutigen Toskana. Auf dem Rücken des letzten Elefanten reitet Hannibal durch den Schlamm, im Gesicht eine Entzündung, die ihm schließlich die Sehkraft eines Auges raubt.
Bald verheeren Hannibals Truppen Mittelitalien. So lockt er eine römische Armee an und legt ihr den nächsten Hinterhalt, auf einer Straße zwischen dem Trasimenischen See und einem Höhenzug, hinter dem er seine Truppen verbirgt. Kartagos Krieger müssen nur noch die beiden Eingänge des natürlichen Korridors versperren. Angriff.
Binnen drei Stunden liegen mehr als 15.000 Römer leblos am Boden oder treiben im Wasser. Während Hannibal schließlich plündernd Richtung Süditalien zieht, rüsten die Herren am Tiber nun eine Armee, die größer ist als alle Heere, die sie je zuvor ins Feld geführt haben. Acht Legionen zählt sie, dazu Truppen der Bundesgenossen, insgesamt fast 90.000 Mann.
Eine so gewaltige Übermacht, dass viele einen glorreichen Sieg erwarten dürften, gegen die gerade einmal rund 50.000 Soldaten Hannibals. Ein tödlicher Irrtum. Eine weite Ebene erstreckt sich vor Hannibal im Morgenlicht des 2. August 216 v. Chr., unweit der im Jahr zuvor zerstörten Stadt Cannae. Ideal für Hannibals Kavallerie, aber auch ein hervorragender Ort für die Römer, um ihre Überzahl auszuspielen, Hannibals Genie. ist gefordert.
Bisher hat er viele seiner Siege durch List errungen, doch hier kann er keinen Hinterhalt legen ohne Unterholz, ohne Engpass, ohne Berge. Und so hat er einen radikalen Entschluss gefasst. Hannibal will aus seinen Truppen selbst die Falle formen. Unverdächtig? Kaum anders als die Römer gegenüber, stellt er dafür seine Einheiten auf.
An den Flanken die Reiterei, dazwischen die Infanterie. Bei den Fußsoldaten positioniert er außen die Elitekrieger aus Libyen, im Zentrum die Iberer und Kelten. Dort, in der Mitte, wo der Druck am größten sein wird, nimmt auch er seinen Platz ein. Von hier aus lässt Hannibal nun die iberischen und keltischen Krieger langsam vorrücken, bis sich seine Armee wie ein Halbmond dem Feind entgegenwölbt.
Ein Hagel aus Pfeilen, Speeren, Steinbrocken verdunkelt den Himmel. Schon krachen Klingen auf Schilde und gegen Harnische, kämpft Mann gegen Mann, Blut, Dunst und Schreie von Kriegern, Verwundeten und Sterbenden erfüllen die Luft. Dann aber, ganz langsam, weichen die Iberer und Kelten nach hinten, ziehen die römischen Reihen schrittweise mit sich.
Meter um Meter vollführen sie diesen scheinbaren Rückzug, bis sich das Zentrum von Hannibals Armee immer stärker in die entgegengesetzte Richtung wölbt. Wie ein Schlund tut sich das halbrund um die Legionäre und ihre Kampfgenossen auf, unbemerkt von den Römern. Umso größer die Panik, als plötzlich die libyschen Elitekrieger angreifen, die bisher an den Flanken ausgeharrt haben.
Roms Infanterie ist von drei Seiten eingeschlossen. Als nun auch noch die schwergepanzerten Reiter Karthagos, die zuvor die gegnerische Kavallerie ausgeschaltet hatten, den römischen Fußtruppen in den Rücken fallen, ist die Umzingelung perfekt. Von allen Seiten stechen und hauen Lanzen und Schwerter auf die römischen Truppen ein, eine Schlinge aus Eisen und Bronze, die sich erbarmungslos zuzieht.
Und irgendwo sitzt der karthagische Feldherr wohl im Sattel und sieht mit Genugtuung zu, wie tadellos seine blutige Choreografie gelingt. Kanae ist nicht bloß ein weiterer Sieg über Rom, es ist eine Vernichtung, ein Massaker. An diesem dunkelsten Datum in den Annalen ihrer Stadt verzeichnen die Römer womöglich mehr Tote, als Hannibal überhaupt Soldaten in den Kampf geschickt hat, bis zu 70.000 sollen gefallen sein, mindestens 10.000 weitere Männer geraten in Gefangenschaft.
Vermutlich hat keine Schlacht in der Geschichte Europas seitdem je an einem Tag so viele Opfer gefordert. Jeder fünfte männliche Römer im Alter zwischen 18 und 50 Jahren lässt laut Schätzungen bei Kanae das Leben, darunter auch viele Senatoren. Noch mehr als zwei Jahrtausende später werden sich Generäle Hannibals Taktik zum Vorbild nehmen, als Lehrbuchbeispiel eines Umfassungsmanövers.
Der Weg nach Rom steht ihm jetzt offen, wer sollte ihn noch aufhalten? Doch statt auf die ewige Stadt zu marschieren, lässt er seine Truppen rasten, wartet ab. Wird er sonst so kühne ausgerechnet jetzt zum Zauderer? »Ja«, »zu siegen, verstehst du, soll ihm ein Offizier noch am Abend nach der Schlacht vorgeworfen haben.
Den Sieg zu nutzen, verstehst du nicht.« In Wahrheit aber hat Hannibal gute Gründe für sein Zögern. Zwischen ihm und Rom liegen immerhin noch fast 400 Kilometer so wie eine gewaltige Stadtmauer.«. Ohnehin ist es wohl nie Hannibals Ziel gewesen, Rom zu stürmen und zu vernichten. Er möchte der römischen Republik die Bundesgenossen und damit die Herrschaft über Italien entwinden.
Will sie wieder zu jenem Kleinstaat schrumpfen, der sie einst gewesen ist, nicht jedoch sie von der Erde tilgen. Vor allem aber hält er die Römer bereits für geschlagen. Wie sollten sie weiterkämpfen nach einer derartigen Katastrophe? Jeder andere Macht würde um Frieden betteln, aber Hannibal erliegt demselben Irrtum wie zuvor die Römer.
Er glaubt, einen gewöhnlichen Gegner vor sich zu haben. Armee um Armee hat er aufgerieben, einen Kopf nach dem anderen, der Hydra Rom abgeschlagen, doch wie im Mythos wachsen sie nach. Zwar bricht Panik in der Tiberstadt aus, als die Kunde von Kanaer eintrifft, nach dem ersten Schock aber heben die Römer stur neue Truppen aus, rekrutieren inzwischen auch Sklaven und verurteilte Verbrecher und verweigern den Kniefall.
Das wohlhabende Capua, die zweitgrößte Metropole Italiens, läuft indes zu Hannibal über, wie auch vereinzelte andere Städte. Die meisten Bundesgenossen aber bleiben Rom treu, denn trotz allem hatte ihnen die römische Vorherrschaft immerhin Frieden gebracht. Die Herren vom Tiber ändern von nun an ihre Taktik. Die neuen Legionen entziehen sich offenen Schlachten, greifen stattdessen zu Hannibal übergelaufene Städte an, denen seine Truppen nun Beistand leisten müssen.
So entgleitet ihm das Heft des Handelns. Der Konflikt erstarrt in Italien zu einer Art Stellungskrieg, doch längst wird ja nicht nur dort gekämpft. In Iberien versuchen die Karthager seit Jahren vergebens, die Truppen Roms wieder zu vertreiben, die dort gelandet sind. Der mächtigste König auf dem Balkan, Philipp V.
Von Makedonien, schließt ein Bündnis mit Hannibal gegen die Römer, die ihn daraufhin in Stellvertreterkriege mit benachbarten Rivalen verwickeln. Um 215 v. Chr. Entbrennen auch auf Sizilien und Sardinien neue Kämpfe. Das Ringen zwischen Hannibal und Rom ist zum Flächenbrand geworden, der weite Teile der Mittelmeerwelt erfasst.
Zum Verhängnis wird dem Kartager ausgerechnet einer der wenigen Feinde, die ihm in der Schlacht von Kanae entkommen konnten. Wie Hannibal ist dieser Römer Spross einer ehrwürdigen Adelsfamilie. Wie Hannibal steigt er mit gerade einmal Mitte 20 zum Feldhahn auf. Und er wird sich ihm als ebenbürtiger Gegner erweisen.
Seinen Vater und einen Onkel hat dieser Publius Cornelius Scipio in den Kämpfen auf der iberischen Halbinsel verloren. Als der Senat nun 210 v. Chr. dorthin Verstärkung schicken will, bietet er sich als Truppenführer an. Scipio erhält das Kommando, obwohl er noch nie ein hohes Staatsamt bekleidet hat.
Mit 11.000 Soldaten landet er an der Küste des heutigen Katalonien. Sein Blitzmarsch auf Neukartago überrascht die verstreuten Einheiten seiner Feinde. Im Handstreich raubt er den Karthagern ihre Kapitale in Iberien, ihre Nachschubbasis und den wichtigsten Hafen, die Kriegskasse und die umliegenden Silberminen.
Scipio führt einen Krieg, wie er eines Hannibals würdig wäre, schlägt überraschend zu, zielt auf die verwundbarsten Stellen, überrumpelt den Gegner mit kühnen Manövern. 208 v. Chr. muss sich Hannibals Bruder Hastrubal aus Iberien zurückziehen und marschiert so dann mit seinen Truppen Richtung Italien.
Auch ihm glückt die Überquerung der Alpen. Vereint könnte den beiden der ersehnte Befreiungsschlag gelingen, doch die Römer fangen die Boten ab, die Hastrubal seinem Bruder schickt. Im Jahr 207 v. Chr. Stellen sie Hastrubal am Fluss Metaurus und vernichten seine Armee. Hastrubals abgetrennten Kopf schleudern sie angeblich den Wachen an Hannibals Feldlager vor die Füße.
Da liegt das Schicksal Kartagos, soll er über dem Haupt seines Bruders gesagt haben. Hannibal zieht sich in den äußersten Süden Italiens zurück, wo ihn weitere Unglücksmeldungen erreichen. Bis 206 v. Chr. Verliert Carthago die ganze iberische Halbinsel. Wenig später schließt der Makedonenkönig Philipp V.
Frieden mit Rom. Hannibals Bündnispolitik ist endgültig gescheitert. Und 204 v. Chr. landet Scipio mit mehr als 400 Schiffen an der Küste Nordafrikas. Nun beordern die Ratsherren Kartagos ihren fähigsten Feldern zurück. 203 v. Chr. kehrt er Italien den Rücken. 15 Jahre lang, mehr als ein Drittel seines Lebens, hat er dort Krieg geführt.
Das Land verheert, jetzt verlässt er es für immer. Unbesiegt und doch nicht als Sieger. 18. Oktober 202 v. Chr., unweit des Ortes Zama im heutigen Tunesien. Nur mit wenigen Getreuen und auf halber Strecke zwischen ihren Feldlagern treffen sich die beiden brillantesten Heerführer ihrer Zeit, Hannibal, Mitte 40 inzwischen, und der etwa zwölf Jahre jüngere Publius Cornelius Skipju.
Noch nie haben sie sich auf dem Schlachtfeld gemessen. Jetzt stehen sie sich gegenüber, mustern einander, sicher nicht ohne Bewunderung. Hannibal versucht zu verhandeln. Nicht alle seine Truppen hat er nach Nordafrika mitnehmen können, hat eilig neue Söldner anheuern müssen, die meisten unerfahren. Zudem haben sich etliche numidische Stämme mit ihren wendigen Reiterkriegern, die Hannibals schärfste Waffe waren, inzwischen den Römern angeschlossen.
»Das Schicksal einer einzigen Stunde kann schon gewonnene Ehren zunichtem machen«, zitiert der römische Chronist Livius den Karthager. »Wenn du Frieden schließt, hast du alles in deiner Hand«, soll Hannibal zu Scipio gesagt haben. Doch der Römer lehnt ab, und am folgenden Morgen formieren sich die Heere zur Schlacht.
An diesem Tag findet Hannibal seinen Meister. 80 Kriegselefanten bietet er auf, um die römische Frontlinie zu durchbrechen, doch Scipio durchschaut den Plan und lässt zwischen seinen Einheiten Gassen bilden, sodass die gewaltigen Tiere kaum Schaden anrichten. Als die Fußtruppen aufeinanderprallen, erleiden beide Seiten hohe Verluste, Dann aber attackiert die römische Kavallerie, die zuvor Karthagos Reiter vom Feld gejagt hat, Hannibals Infanterie von hinten.
Der vermeintlich Unbesiegbare ist mit den eigenen Waffen geschlagen. Er selbst kann entkommen, doch wohl 20.000 seiner Soldaten finden den Tod. Die Karthager kapitulieren. Sie müssen für immer ihre Kriegsflotte und Elefanten preisgeben, dürfen fortan nur noch mit der Genehmigung Roms Krieg in Nordafrika führen und anderswo überhaupt nicht mehr.
Hartago wird zu einem Klientelstaat Roms degradiert. Auf Anordnung der Sieger verliert Hannibal bald seinen Posten als Befehlshaber, ausgeliefert wird er jedoch nicht. Ein anderer hätte vielleicht resigniert, sich für den Rest der ihm vergönnten Jahre vergrämt, auf seinem Landsitz verkrochen, nicht aber Hannibal.
Noch einmal macht er sich um seine Heimat verdient. Die Volksversammlung wählt ihn 196 v. Chr. ins Regierungsamt des Suffeten. Wortan führt er die Staatsgeschäfte wie seine Feldzüge, kämpferisch und kompromisslos. Als ihm das Oberhaupt der staatlichen Finanzen die Rechenschaft verweigert, lässt er ihn verhaften.
Der einstige Schlachtenlenker zieht jetzt gegen Korruption und Amtsmissbrauch bei den Steuerbehörden in den Krieg. Hegt mit einer Verfassungsreform die Macht der Aristokraten ein. Doch viele Adelige hat er dadurch auch gegen sich aufgebracht. Sie verleumden ihn bei den Römern. Er plane einen neuen Krieg gegen die Tiberstadt, im Bunde mit dem mächtigen Sileukidenkönig Antiochos III., der östlich des Mittelmeeres über ein Großreich herrscht.
Unter einem Vorwand reisen römische Gesandte nach Kartago, deren wahres Ziel Hannibals Auslieferung ist. Gerade noch rechtzeitig kann er entkommen. Wenig später verstößt ihn der katharische Rat offiziell aus der Stadt, lässt Hannibals Habe beschlagnahmen und sein Haus zerstören. Den Rest seines Lebens wird er auf der Flucht verbringen als rastloser Gejagter.
Doch wohin soll er sein Schiff steuern? In seiner Not tut Hannibal nun genau das, was seine Gegner ihm zu Unrecht vorgeworfen hatten. Er sucht Schutz am Hof von Antiochos III. In der heutigen Türkei und überredet ihn zu einem Feldzug gegen Rom. Doch der König will allen Ruhm für sich, missachtet die meisten Ratschläge des Karthagas. Der Angriff scheitert.
Als die siegreichen Römer wieder die Herausgabe Hannibals verlangen, beginnt dessen Flucht aufs Neue. Nie verweilt er lange an einem Ort, reist nach Kreta, dann weiter nach Armenien, schließlich in das Reich Bithynien an der kleinasiatischen Schwarzmeerküste. Hannibal ist ein gealterter, vermutlich auch verbitterter Mann von mittlerweile über 60 Jahren, der sich nirgends vor den Herrschern seiner Feinde sicher fühlen kann.
Denkt er an Herakles? Am Ende, so will es der Mythos, leidet diese Höllenqualen durch ein auf magische Weise vom Blut der Hydra vergiftetes Hemd, und als er aus der Pein keinen Ausweg mehr sieht, schichtet er sich eigenhändig seinen Scheiterhaufen. Als auch am Hof Bithyniens eine römische Gesandtschaft eintrifft, beschließt der Herrscher Hannibal auszuliefern.
Soldaten besetzen vermutlich im Jahr 183 v. Chr. Alle Ausgänge des Hauses, in dem sich der Karthaga versteckt hält. Doch Hannibal will den verhassten Römern nicht lebend in die Hände fallen und trinkt wohl das Gift, das ihr griffbereit stets bei sich trägt. In einem schlichten Steinsarkophag, so berichtet ein antiker Autor, werden seine Überreste beigesetzt.
Die Jagd auf Hannibal ist zu Ende. Selbst in Rom hatten manche zuvor die Stimme gegen die ehrlose Hatz erhoben, allen voran Scipio. Auch der Feldherr, der seit seinem Sieg in Nordafrika den Beinamen Africanus angenommen hat, ist später in Ungnade gefallen und stirbt, zurückgezogen um die gleiche Zeit wie Hannibal.
Die neue Vormacht am Mittelmeer heißt Rom. Ihr Aufstieg zum Weltreich hat gerade erst begonnen. Der Ausspruch Hannibal ad portas, etwa Hannibal auf dem Weg zu den Toren, wird zum geflügelten Wort für eine existenzielle Gefahr und später erst zu Hannibal ante portas vor den Toren verfälscht. Nicht nur Historiker werden rätseln.
Hätte Hannibal den Lauf der Geschichte geändert, wenn er damals, 216 v. Chr., doch den Angriff auf Rom gewagt hätte? Und wenn ja, wie hätte es ausgesehen, dieses Carthago im Konjunktiv? Hätte anstelle der Römer womöglich die einst von Phönizien gegründete Metropole von Nordafrika aus für Jahrhunderte Europa dominiert, mit Punisch statt Latein als Lingua Franca?
Fragen, die zu stellen ebenso müßig wie faszinierend ist. Mit der Zeit wächst im antiken Rom so etwas wie Bewunderung für Hannibal. Man achtet den brillanten Feldherren zunehmend als jenen Gegner, an dem sich die Republik zu ihrer wahren Größe aufrichtete, und erinnert sich an das Ringen mit ihm und Carthago als eines der glorreichsten Kapitel der eigenen Geschichte.
Um 200 n. Chr. lässt der römische Kaiser Septimius Severus, der selbst aus Nordafrika stammt, an Hannibals letzter Ruhestätte in Kleinasien ein neues Grabmal errichten, einen prachtvollen Bau aus weißem Marmor. Antike Quellen berichten davon. Bis heute ist es nicht gefunden. Das Monument ist eine letzte Ehrbezeugung für Roms gefährlichsten Gegner, für Kartagos tragischsten und größten Helden, für Hannibal, den Bezwinger der Alpen, den Triumphator von Cannae, der Sieg um Sieg errang und am Ende doch den Krieg verlor.
Das war Menschen, die Geschichte machten. Wir hoffen, dass Ihnen diese Folge gefallen hat und würden uns freuen, wenn Sie Menschen, die Geschichte machten. In Ihrer Podcast-App abonnieren, wenn Sie uns weiterempfehlen und wenn Sie auf GeoPlus vorbeischauen. Dort finden Sie ein breites Themenangebot aus den Bereichen Psychologie, Gesundheit, Wissenschaft, Natur und natürlich viel Geschichte.
Unter geo.de slash Probe können Sie einen Probemonat starten.