Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 341

Liebe dich selbst!

Samstag, 24. Oktober 2026 · 26 min

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Shownotes

Ein mythologisches Drama als ewige Menschheitsfrage: Einmal die Woche spielen Hamburger Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und ergründen die Geheimnisse berühmter Kunstwerke. In dieser Folge nehmen sie das ergreifende Gemälde „Narziss“ von François Lemoyne aus dem Jahr 1728 genauer unter die Lupe. Vor der Kulisse dieses spätbarocken Meisterwerks stellen sich die beiden Podcaster einer universellen philosophischen Frage: Muss man sich erst selbst lieben, um überhaupt andere lieben zu können?

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Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Herzlich willkommen. Mein Name ist Lars Haider und mir gegenüber sitzt Alexander Klar, der Direktor der Hamburger Kunst. Lieber Alexander, vor zwei Wochen sprachen wir noch über den Louvre.

Vor einer Woche sprachen wir über David Novros und diese letztendlich sehr moderne Kunst. Und heute wieder, da frage ich mich, was passiert da bei dir? Hast du mir etwas mitgebracht, was ganz anders ist? Das kam mir, als wir letzte Woche ganz am Ende über den Zeitgeist gesprochen haben. Und mich treibt ja immer ein bisschen um, Bilder aus einer fernen Vergangenheit zu zeigen und zu schauen, ob nicht der Zeitgeist von diesem Bild zufällig getroffen wird, aber ich erzähle erst mehr, wenn du es beschrieben hast.

Ich beschreibe es und es ist auch ein Bild, was leicht zu beschreiben ist, relativ leicht und was ein, ein, ein, ein, ein, das Witzige ist, ich sehe es und weiß, an wen ich denken muss, das ist so absurd, ich muss denken an Donald Trump. Ich muss sofort an Donald Trump denken, ich kann gar nicht sagen, warum.

Und dabei hat dieses Bild zunächst erstmal, vielleicht liegt es daran. Der Hauptdarsteller orange-guldenes Haar. Ich weiß nicht. Aber locken. Es ist ein großes hochformatiges Bild, was beherrscht wird eigentlich von riesigen Bäumen. Also es ist wie so ein Eingang in so einen Wald. Hinten rechts sieht man, ich sehe was, was du nicht siehst, einen ziemlich hohen Berg, so ein Gebirgsmassiv.

Und davor sieht man vor allem diesen unnatürlich riesige, riesige, irgendwie 30, 50, 70, 120, was weiß ich wie viel Meter hohe Bäume, die in den Himmel wachsen und wachsen. Also riesige Bäume, 30 Meter reicht nicht. Also was habe ich gesagt, 120, 130. Riesige Bäume, die praktisch eine Art so eine Art, wie soll man sagen, so eine Art Eingang bilden, so Hogwarts-mäßig, wo man da in so einen Wald reingeht. Und.

Davor sitzt an einem Tümpel, mehr ist das nicht, an einem kleinen Flüsschen an einem Tümpel, sitzt ein holder Jüngling und wirklich, man könnte sagen, boah, kitschig, irgendwie so ein bisschen, weil dieser Jüngling, der, auch so wie Amos so einen Bogen in der Hand hat, hat so eine Toga um, die Brust ist, die linke Brust ist frei.

Er hat so die Haare schön, so ein bisschen lange, rot-orange, lockige Haare. Und was tut er? Er betrachtet sich selbst in diesem Tümpel, der wie ein Spiegel. Als ein Spiegel dient, übrigens wunderbar gemalt, also wirklich ja, glaube ich, schwierig, so ein Spiegelbild auf einem Tümpel zu malen, wo dann auch noch auf einem Gewässer, wo ja auch diese Wasserlinien so ein bisschen eine Rolle spielen.

Das ist ja nicht das gleiche wie ein echter Spiegel. Also er guckt sich selber an und daneben sitzt, wie gemalt, in dem Fall ist es ja auch gemalt, daneben sitzt ein Hund, und dieser Hund guckt auch diesen Menschen an, so nach dem Motto, oh, was bist du doch für ein tolles Herrchen und was bist du doch für ein toller Mensch.

Und er hat gar keinen Blick, er hat weder einen Blick für den Hund noch für die gewaltigen Bäume, er hat auch keinen Blick für dieses Gebirgsmassiv da hinten, wobei man sagen muss, Wenn man jetzt nur die Bäume und das Gebirgsmassiv sehen würde, würde man sagen, komm, mach das weg. Das kommt von Oma oder von Uroma.

Das hat sie sich irgendwann mal auf dem Flohmarkt andrehen lassen. Das ist auf jeden Fall keine Kunst. Mit diesem Jüngling zusammen, man kriegt halt so ein Fremdschirmgefühl. Ich weiß nicht, kennst du die Serie Doppelhaushälfte? So eine Serie auf, weiß ich gar nicht, wo das ist. Ich glaube sogar eine ZDF Neo.

Oder ich habe neulich mal wieder die alten Folgen von Pastewka geguckt. Sebastian Pastewka, wo man denkt, wo man sich so sehr fremd schämt. Und hier schämt man sich so ein bisschen, weil es diesem Jüngling anscheinend nur um sich zu gehen scheint. Dass er sich anguckt, aber, und dann ist man natürlich schnell dabei, dass dieses Bild relativ zeitlos ist.

Ich musste an Donald Trump denken, der ja ein ähnliches Problem hat, aber natürlich auch an all die vielen, vielen, vielen Menschen, die gerade auf Social Media unterwegs sind, wo es darum geht, lasst uns möglichst coole, hübsche Bilder, perfekte Bilder von mir um die Welt bringen. Übrigens, da habe ich ein schönes Zitat, ich weiß gar nicht mehr von wem, ein schönes Zitat neulich gehört.

Da ging es nochmal um die Hamburger Goldkirchen, über die ich ja dieses Buch geschrieben habe und dann hat irgendjemand den Erfolg der Hamburger Goldkirchen wie folgt zusammengefasst und ich finde, das passt zu diesem Thema. Die Hamburger Goldkirchen, zur Änderung, ein Männerchor, 110 Männer, die nicht singen können, es aber trotzdem ins Hamburger Volksparkstadion geschafft haben und 52.000 Leuten dort gesungen haben, also wie Ed Sheeran oder wie Taylor Swift.

Und der Satz ist, der Volk der Hamburger Goldkirche oder die Geschichte der Hamburger Goldkirchen ist der Triumph der Authentizität über den Perfektionismus. Das finde ich schön, dass es das in unserer Zeit noch gibt, weil normalerweise geht es ja immer umgekehrt. Es geht darum, dass sozusagen das Perfekte gewinnt und nicht das Authentische, weil all die Menschen, die man auf Instagram oder wo auch immer sieht, ja oft so perfekt aussehen.

Und ich habe es gerade neulich wieder in so einer Situation miterlebt, wo in meinem Umfeld dann ein Mädchen fast in so eine Magersucht reingerutscht wäre, weil ihr halt die Bilder suggeriert haben, dass alle anderen viel dünner, viel schöner, viel sonst was sind. Und sie dann aufhörte, von einem Tag auf den anderen zu essen.

Also, das sind so Dinge, die einem einfallen. Das ist doch schön. Also ein zeitloses Bild. Mit einem Gegenwartsbezug. Mit einem Gegenwartsbezug und ein bisschen kitschig. Und ich bin gespannt, was das ist. Den Hintergrund kann ich eigentlich nicht verstehen. Ich finde, der Hintergrund ist irgendwie, was soll das? Also, was ist das?

Oder ist das insgesamt eine Persiflage? Jetzt bist du dran. Es ist keine Persiflage. Den Hintergrund kann ich auch gleich erklären. Aber jetzt sage ich erst mal, was für ein Bild das ist, Damit man eine sehr schöne und sehr treffende Beschreibung, außer bei den 30 Meter hohen Bäumen, muss ich gleich nochmal nachfragen.

120 habe ich ja gleich gesagt. Also riesenhohe Bäume, wobei das sehe ich nicht so ganz, weil in der Perspektive habe ich das Gefühl, das ist ein ganz normaler Waldweg. Die Bäume wären so, als ob der Mahler sich hingekniet hätte. Der Weg hat doch wahrscheinlich, da ist jetzt keinerlei Größe angegeben, aber nehmen wir an so ein...

Aber der erste Baum da vorne ist riesig groß. Und der da rechts, das sind da riesige Bäume. Also es sind keine Bücher auf alle Fälle. Genau, also das Bild, der Maler ist François Lemoyne, der Lehrer von François Boucher. Das ist doof, wenn man jemand beschreiben muss als der Lehrer von, aber um das einzuordnen.

Das Bild ist aus dem Jahre 1728, also ... 300 Jahre alt, so schnell mal gerechnet fast. Ziemlich genau sogar. Es ist ein Sujet aus einer unglaublich beliebten, Vorlage. Die Vorlage nenne ich, bevor ich das Bild nenne, das ist nämlich Ovid. Ovid, der römische Dichte hat, und ich glaube daher kommt dann auch so ein bisschen, die landschaftliche Sache.

Ovid hat ein Werk geschrieben, das heißt Metamorphosen. Das sind die Verwandlungen. In den Metamorphosen kommen unglaublich viele Dinge vor, die eben von einem Zustand A in den Zustand B führen. Da ist dieses Bild nicht so ganz 1A reinpassend, aber zum Beispiel verwandelt sich, oh Gott, jetzt muss ich mit den Namen, ich glaube Daphne, Daphne ist es, wird von Apoll verfolgt und will aber von ihm weder verführt noch vergewaltigt werden.

Und in ihrer Verzweiflung verwandelt sie sich, derweil sie folgt wird, in einen Baum, in einen Busch. Und das wurde wahnsinnig gern dargestellt, wie der lüsterne Apoll hinter ihr her. Und dann die berühmteste Statue da vorne ist eine Skulpturengruppe. Da ist Bernini der Hersteller und da wachsen aus ihren Fingern schon die Äste heraus. Übrigens, du hast noch gar nicht zu den Fingern dieses... Rede mal.

Genau, aber der hier dargestellte, die Figur, das ist Narziss. Als Narzisst, die Geschichte ist schnell erklärt, ist ein Jüngling, den der Ovid beschreibt und der stößt im Wald auf einen Weiher und sieht sein Spiegelbild darin und verliebt sich unsterblich in das Spiegelbild. Was lustigerweise ich als junger Mensch immer nicht genau verstanden habe, wo denn dieses Problem ist, weil man kennt sich doch falsch, davon hatten wir es schon mal, man sieht sich selber ja gar nicht.

Und es flogen damals zu Ovid Zeiten nicht in jeder Wohnung Spiegel herum. Das heißt, tatsächlich konnte es passieren, dass man sich selbst lange nicht gesehen hat, außer man guckte zufälligerweise in einen Weiher und sah auf einmal jemanden. Der man selber ist. Bei Katzen sieht man es sehr schön, wenn die sich selber sehen, die flippen total aus.

Bei meiner Katze sah sie sich im Spiegel und bekam einen Tobsuchsanfall gegen sich selber. Das heißt, den muss man erst mal noch mal machen, diese Erkenntnis. Das sind eben zwei Dinge in einem. Der Narzisst, der sich dann in sich selber verliebt, ist jemand, der seiner selbst gewahr wurde. Aber die Gesellschaft hat daraus gemacht, das ist ein absurder Mensch, der sich selbst so schön findet, dass er sich in sich selber verliebt.

Und daraus ist dann Narzissmus. Daher kommt das. Also der Narzisst. Das ist interessant, wenn man jetzt heute guckt, da überlege ich gerade, all die Menschen, die sich, so viel von sich preisgeben auf Instagram und sonst wo, sind das jetzt eigentlich Narzissen? Das würde ich gar nicht sagen. Ich glaube, Psychologen würden dir da eine genauere Definition geben.

Wahrscheinlich muss noch eine Spur Krankhaftes mit rein, was eine Gemeinheit ist. Dieser Knabe war einfach nur verliebt in sich selber. Und er wusste nicht, was er da sieht, dass er das selber ist. Naja, doch, ich glaube, das ist nicht das Hauptding. Der findet einfach sich wahnsinnig schön, was die gesellschaftliche Konvention ist, dass man das nicht sollen sollte.

Jetzt fragt man sich, wenn man ein schöner Mensch ist, ist man sich desbewusst durch das Selbersehen oder ist man sich desbewusst, weil andere auf einen so reagieren? Und was ist jetzt, jetzt kommt die andere Frage? Finde ich fast noch wichtigere Frage. Was ist so schlimm daran, sich selbst gut zu finden?

In exzessiver Weise ist es wahrscheinlich schlimm, weil das zu Dingen führt immer nicht. Aber wenn man Selbstbewusstsein, das ist halt auch das, was man als erziehender Mensch seinen Kindern versucht klarzumachen. Man versucht, ihnen Selbstwertgefühl zu geben, ohne dass man es übertreibt. Jetzt ist aber elterliche Liebe nicht geeignet, die Kinder die Übertreibung auszutreiben.

Ich finde meine Kinder so wunderbar, dass ich jede Kritikfähigkeit vermissen lasse. Das stimmt auch nicht ganz. Aber im Gegenteil, manchmal denke ich, das schlägt auch böse um. Aber tatsächlich ist es so, vielleicht ist überhaupt jemanden exzessiv zu lieben schon keine gute Idee, noch weniger sich selber.

Aber weißt du was, da kommt doch der Bibelspruch. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dann hilft es doch, wenn du dich selbst wirklich... Weil was heißt es, wenn du dich selber nicht magst? Und das ist etwas, was ich jetzt auch... Was dann offensichtlich zum Beispiel bei dem einen Mädchen aus Freundschaftsumfeld, die eine wunderhübsche, charmante, witzige, kluge Allesfrau ist und sich trotzdem offensichtlich so, wie sie aussah aus ihrer Sicht, sich nicht gut fand oder im Vergleich nicht gut fand und plötzlich von einer vor einem Tag, also in einer kurzen Zeit 12, 13 Kilo abnahm und an die Grenze zur Magersucht rutschte.

Und dann denkst du so, Wahnsinn, das heißt, sie liebte sich nicht, sie war nicht mit sich zufrieden und das muss doch der Ausgangspunkt von allem sein. Wenn man mit sich selber zufrieden ist, dann ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass man auch mit anderen zufrieden ist und die so annehmen kann, wie sie sind, viel größer.

Insofern finde ich dieses Narzisstische eigentlich, das klingt immer so böse, aber es heißt doch nur, man mag sich so, wie man ist, man findet sich toll. Und wenn man dann sagt, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dann kannst du auch andere toll finden. Wobei sich in sich selber zu verlieben, klingt nicht schlüssig. Das heißt, da ist irgendwas dabei, was nicht reinpasst. Nein, aber.

Man nimmt sich so an, wie man ist. Ja, aber ich glaube, sich so anzunehmen, wie man ist, ist das eine. Sich aber schön zu finden, dass der normal konditionierte Mensch, man ist selber, das heißt, das Begehren kann gar nicht passieren. Geht es nur ums Äußere oder geht es auch um alles? Weil ich meine ehrlich gesagt, wenn ich mich nicht so liebe, ist jetzt vielleicht das große Kern, wenn ich mich nicht so mag, wie ich bin, dann ändere ich mich ja sowieso so lange, bis ich so bin, wie ich mich mag.

Aber es ist doch eigentlich die Voraussetzung, um andere Menschen zu lieben, oder dass andere Menschen einen auch selber lieben können. Warum sollte ein anderer Mensch einen lieben, wenn man sich selbst nicht liebt? Naja, an dem Punkt stellt man fest, wäre man allein auf der Welt, wäre es wurscht, ob man sich liebt oder nicht, man müsste mit sich zurechtkommen, weil man hätte nur sich.

Das heißt, sich schön zu finden, zu lieben, ist doch immer im Auge des anderen. Das heißt, man möchte dann doch all dieses projizieren auf jemand anders, der einen so schön finden soll, wie man selber. Ich glaube, gerade junge Frauen, die eben dieses exzessive Hinterherrächeln, von Schönheitsidealen, die möchten ja von anderen so gesehen werden.

Sie möchten vielleicht zuerst mal von ihren Freundinnen Bestätigung erfahren, das werden die aus Höflichkeit tun, aber dann kommt das Echtheitszertifikat. Wenn man gegengeschlechtlich veranlagt ist. ach, die Welt war früher so schön einfach, wenn ein Jung einen gut findet, dann gibt es eine gewisse Bestätigung.

Also jetzt sagen wir mal, wenn jemand, den man selber begehrt, einen gut findet, dann ist die Bestätigung da. Dann braucht man nichts mit sich selber. Ich habe mich immer gefragt, Frauen gucken, glaube ich, öfter in den Spiegel als Männer. Warum? Weil sie sicher gehen wollen, dass die Wirkung so ist, wie sie sich vorstellt oder das Ansehen so.

Weiß ich, ob es heute noch stimmt. Weiß ich auch nicht. Jungs sind mittlerweile anders Und ich weiß auch nicht, ob das stimmt, ob es nicht darum geht. Eigentlich geht es doch heute darum, dass man, die anderen finden einen gut, aber man möchte so aussehen, wie alle aussehen. Das ist mir im Urlaub wieder klar geworden.

Wo wir auch unser Patenkind, das schon fast 18 ist, mit hatten und dann mit ihm auch so sprachen über Haare glätten und all solche Themen, die man mit Jungs sonst nicht hat. Und dann saßen wir in einem Restaurant und da dachte ich, guck mal, alles sahen gleich aus. Die Frisuren waren gleich, das Make-up war gleich, bis hin zu diesem neuen, ist gar nicht mehr so ein neuer Trend, dass die auf einmal alle Birkenstock-Schuhe tragen, wo ich auf einmal groß rauskomme mit meinen zwölf Jahre alten Birkenstocks, weil jetzt sind sie wieder in, aber das tragen die jungen Leute ja zur Schule und sonst wo überall.

Und es geht gar nicht darum, sozusagen, ich muss irgendwie besonders beliebt sein, sondern ich darf auf keinen Fall aus dieser Norm herausfallen. Das, was davor ging, bis zu den weiten Hosen, die getragen werden und so weiter und so weiter. Das hat ja mit Narzissmus nichts zu tun. Aber das ist die Frage, ist das jetzt durch neue Medien, also das ist ja immer eine Entscheidung, will ich konformieren oder will ich besonders sein?

Komischerweise, also ich gehöre auf die Seite, ich wollte immer anders sein. Ich wollte nicht so machen, wie alle anderen machen, aber natürlich schon geliebt werden. Das heißt, Also man muss dann schon begehrt werden. Das heißt, als Teenager muss man schauen, dass man so viel Mainstreamet, dass die anderen mitbekommt, wie besonders man ist in seinem Besondersein.

Das geht natürlich als 17-Jähriger meistens in die Hose. Aber tatsächlich sehe ich das schon auch, wenn ich mich umgucke, denke ich, okay... Mir ist eins aufgefallen, in meiner Generation war man als Teenager-Junge fein raus. Man konnte sich anziehen, wenn man wollte, schluffig sein. Die Mädchen haben.

Also wir heterosexuellen Jungs hatten es einfach relativ einfach. Die Mädchen fanden uns immer gut, da mussten wir gar nicht viel machen. Oder sie fanden einen erstmal gar nicht gut und haben das dann verziehen. Haben sich daran gewöhnt. Ich glaube, dass Mädchen und auch Frauen ja oft Männern viel verzeihen, wie die rumlaufen, wie die sich und so weiter.

Vielleicht sind die nicht so äußerlich veranlagt wie Männer. Und heute ist halt die Jungs, also tatsächlich die Generation, noch nicht meiner Kinder, die sind noch ein bisschen zu jung, aber meines Neffen, der pumpt halt im Gym. Und zwar, ich würde fast sagen, wenn nicht obsessiv, sondern zumindest exzessiv.

Und der sieht fantastisch gut aus. Also der Körperbau ist super. Das Problem ist nur einfach, das muss man so erhalten. Und man sieht nach drei Sekunden, das ist halt alles gemacht für diese Wirkung. Vielleicht auch für sich selber, das weiß ich gar nicht so genau. Oh Gott, wenn er mich jetzt hört, wir können darüber sprechen.

Und grundsätzlich ist es so, das ist etwas, das mir war doch wurscht, wie meine Muskulatur gebaut ist. Ich wusste, dass ich ein Spicht bin. Da gab es muskulärere Gestalten als ich, aber die haben keinen Stich gemacht, muss man sagen. Gerade im Gegenteil, die meisten Mädchen auf meinem Gymnasium hatten ein gewisses Vorurteil gegen gut gebaute, starke Männer.

Dass die einen dann verprügelt haben. Ich bin im Schwimmbad einfach mal von so jemandem zerlegt worden Und für meine große Klappe gab es einfach so ordentlich Prügel, dass ich bewusstlos am Boden lag. Kann schon auch passieren. Habe ich aber mir ehrlich verdient. Aber noch mal, wenn wir auf diesen Punkt kommen, ob es so schlimm ist.

Ruht man nicht in sich selbst, wenn man sich selbst liebt. Und umgekehrt ist es nicht so, wenn man sich nicht selbst liebt. Wenn man die ganze Zeit an sich rumkriegelt. Das hat ja nichts damit zu tun, dass man jetzt vom Spiel gestehen sagt, mein Gott, ich bin der Schönste, aber ach, ich liebe mich so, ich bin so, wie ich bin und so nehme ich mich jetzt an und so.

Wenn das bei allen so wäre, wenn das nicht so ein übersteigerter Narzissmus wäre wie bei Donald Trump, das wäre doch eigentlich gut. Ja, also dann sind wir jetzt bei der Sache mit dem Maß. Also grundsätzlich finde ich es super gut, dass Jungs der heutigen Generation 17, 18, 25 auf ihren Körper sehen.

Dass man sieht, die wollen ein gepflegtes Äußeres haben. Die Frage ist, ab welchem Punkt des Aufenthalts im Gym ist das dann vielleicht einfach zu viel gewesen. und man käme mit weniger Aufwand und nutzt seine Zeit für interessantere Dinge. Und auf der anderen Seite ist es eben wiederum so, vielleicht waren wir exzessiv in unserer nonchalanten Hintanstellung von Körperlichkeit in den 90er Jahren.

Von Äußerlichkeiten, ehrlich gesagt. So haben wir schon ausgesehen. Ich habe bestimmt nicht schön ausgeschaut. Man muss sich ja die 90er, soll lieber nicht angucken. Bei diesem Bild, ist das ein schönes Bild? Ha, sehr schön, dass du das bringst, genau. Der François Lemoyne war Hofmaler am Hof Ludwigs XIV., des Sonnenkönigs, wo Schönheit, tatsächlich Eleganz, also Schönheit wechselt ja seine Gestalt, Schönheit in dieser Zeit ist Eleganz, kultiviert hat, kultiviert hat, hat einen sprachlichen Aspekt und einen Aspekt der Raffinesse.

Deswegen habe ich das vorhin mit den Händen gebracht, wenn du dir mal die Hände dieses Knaben anguckst, die eine raffinierte Geste macht, mit leicht, seine linke, leicht abgespreizter Zeigefinger. Und was macht er eigentlich? Ist er dabei, sich zu umarmen? Mit der rechten hängt er lässig auf diesem Felsen. Er postet.

Er postet, genau. Aber das Ganze hat eine Raffinesse. Und das war zum Beispiel, alles am Hof Ludwigs XIV. War Ritual, zeremoniell, hatte Bedeutung, jede Bewegung hatte eine Bedeutung, jede Farbe hatte eine Bedeutung, alles hatte Bedeutung. Will heißen, das Schönheitsideal der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war so, dass sie.

Immer irgendwo hinführten, dass man etwas daraus, dass man das lesen konnte und etwas daraus erzählen konnte. Das war unglaublich wichtig. Und daraus gebiert sich noch ein Schönheitsideal, was wir heute vielleicht nicht mehr ganz lesen können, was aber vielleicht eines Tages auch wieder ein bisschen zurückkommt.

Barock ist ein bisschen verschrien als überbordend und irgendwie ins Extrem schlagende. Aber dieses Bild mit seinen, diese sanft wogenden Gehölze, diese Bäume, die du als sehr groß empfindest, das hat ja fast so was Bewegliches. Das ganze Bild ist gebaut. Wie eine Abfolge von Dingen, die einem im Auge Wohltun.

Mit dem Knaben in der Mitte, mit seinem unglaublich schönen Spiegelbild. Also wenn man das Bild umdreht oder sich auf den Kopf stellt, stellt man fest, das ist fast noch schöner als er. Das kann man ja im Museum, in der Kunsthalle nicht machen. Aber du hast recht, das Bild ist eigentlich fast noch viel schöner. Und es ist nicht so aufdringlich.

Es ist nicht so aufdringlich. Also der Knabe im Spiegel des Sees ist nicht so aufdringlich wie... Es ist eigentlich viel weicher. Schöneres Bild, ja. Genau. Und so, dann geht es über den Hund, der diesen Bogen macht. Der Hund zusammen mit der Draperie, mit diesem Textil da, formt die Idee eines Herzens.

Die haben das damals nicht übertrieben. Das war kein Emoji, sondern man sieht so eine... Diese Bewegung setzt sich dann fort in den Baum, der das Ganze überwölbt. Rechts dieser Baum, dieser abgestorbene Baum, der steht recht mannlich da. Man kann das ruhig so wörtlich nehmen. Aber ist das wirklich so gedacht?

Alles hatte eine Bedeutung. Der Berg hinten ist fest, das Gehölz ist beweglich, bewegt. Es ist eine Abfolge von hart und weich. Alles Dinge, die auch im Sexuellen eine Rolle spielen können. Dieses Bild ist so voller Bedeutung. Diese Raffinesse mochte man. Man mochte Bilder lesen und Anspielungen. Das Ganze von 1700 bis 1799 steckt voller Anspielungen. Ich habe das neulich durch Zufall erst wieder festgestellt.

Der gute Goethe, den man heute eigentlich nicht mehr liest, weil es jetzt ein bisschen abgeschmackt ist. Junge hat der Anspielung über Sexuelles versteckt in seinen Texten oder gar nicht versteckt. Aber ist es deshalb dieses steil aufragenen Bäume, die immer größer werden? Das sind für dich schon so phallusartige?

Nein, der rechte, der abgestorbene. Und der große, der blühende, also die Blättertragende? Das ist für mich eher so wie so ein Dach auf, zwischen dem das Licht durchkommt. und da scheidet dieser Tunnel, in den man hineinguckt. Und der Hund? Ja, Hund ist menschlicher Beide. Die simpelste Form ist die Treue.

Dieser Hund, der scheint aber eher so skeptisch zu sein. Der guckt irgendwie ein bisschen verdutzt, was denn da los ist. Interessant, dass der Hund ja nicht, ich gucke gerade mal, ob er eigentlich auch, natürlich der Hund eben nicht ins Spiegelbild guckt. Das stimmt, da ist nur die Draperie. Dann so ganz simple Dinge, der Bogen und die Pfeile, Amorsbogen.

Aber der Knabe ist natürlich ein junger Jäger. Also übrigens, die Sache mit dem Phallus, Das ist natürlich auch vielleicht eine männliche Obsession. Tatsächlich sollte man es nicht übertreiben. Das Ding ist nur einfach. In solchen Bildern war denen auch das Abgeschmackte manchmal nicht fern. Wir werden keinen Text finden, wo der Herr Lemoine schreibt, was er da reingemalt hat, sondern das ist tatsächlich einer Fantasie überlassen.

Allerdings vermute ich mal, als das Bild vorgestellt wurde, gab es bestimmt jemanden, der dem König ein wenig souffliert hat oder noch darüber gesprochen hat. Man unterhielt sich amüsiert darüber, man unterhielt sich gerne mit doppelter Bedeutung. Anspielungen waren das Größte zu dieser Zeit. Das war der Witz, das war die Würze in der Rede.

Das wirkt auf uns heute vollkommen, ja, keine Altbacken, aber damals war das. Das Heißeste überhaupt, im Gespräch etwas zu sagen und was anderes zu meinen. So tuscheln. Hast du gesehen? Guck mal rechts. Nee, nee, nee, gar nicht tuscheln, sondern richtig ansprechen. Caudalo de la clou, die verbotenen Liebschaften, wo da Dinge, wo dann, das hat sich bis in den Film mit John Malkovich, wo er dann diese Pflaume aufbeißt und dann dreht er die Pflaume von auf der Zunge, dann hat man das Gefühl, man hat eine Vagina vor Augen.

Also das fand ich immer sehr schön. Ich weiß nicht, wie absichtsvoll die das gemacht haben, aber solche Sachen haben denen in der Zeit gut gefallen. Okay, und dann kommt aber auch dabei das raus, was dann rauskommt. Etwas, was heute so ein bisschen wirr und kitschig, insbesondere mit diesem Felsen, mit diesem Gebirge da hinten und tatsächlich mit dem mir gar nicht so aufgefallen ist, mit diesem abgestorbenen, steil raufragenden Stamm.

Also ja, Punkt. Also ich glaube, kitschig ist wahrscheinlich die Gefahr. Wirr ist eher so, dass wir das nicht alles lesen können, ist aber alles sehr ordentlich aufgereiht. Also das ist tatsächlich, in dem Bild herrscht eine hohe kompositorische Ordnung. Lieber Alexander, wieder viel gelernt und viel schöne Dinge über die Frage, kann sich jetzt jeder zu Hause, wenn er möchte, sich drüber nachdenken, muss man sich selbst so lieben, wie man ist, um dann eben auch den Nächsten so zu lieben, wie man sich selbst liebt.

Interessante, finde ich, ganz interessante Fragestellung. Bis nächste Woche. Tschüss.

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