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Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 274

Lippen, die man nie vergisst

Samstag, 12. Juli 2025 · 26 min

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Shownotes

Jede Woche nehmen dich Alexander Klar, Direktor der Hamburger Kunsthallen, und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider mit auf eine faszinierende Reise durch die Kunstgeschichte. Gemeinsam spielen sie "Ich sehe was, was du nicht siehst" – aber nicht mit Farben und Formen, sondern mit einem einzigen, spannenden Kunstwerk. In dieser Folge tauchen wir ein in die surreale Welt von Man Rays "Sternwartenzeit – Die Liebenden" aus dem Jahr 1970. Was entdecken die beiden in diesem ikonischen Werk? Hör rein und finde es selbst heraus!
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Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Herzlich willkommen. Ich bin Lars Heider. Ich bin Alexander Klar. Und du, lieber Alexander, hast als Direktor der Hamburger Kunsthalle etwas getan, was ich nicht tun kann. Du hast wieder ein Bild ausgesucht.

Du hast eins gefordert, das kannst du tun. Psychotherapie und ich freue mich ja manchmal über Bilder, wo die Beschreibung ganz einfach ist und das ist bei diesem Bild so. Denn ein extremes Querformat, wie wir Journalisten dann immer sagen und extreme Formate sind immer gut. Ist das eigentlich in der Kunst auch so, dass es hilft, wenn man einen, oder umgekehrt, wenn ein Bild nicht besonders gut ist, hilft es dann ein besonderes Format auszuwählen?

Da steuerst du jetzt aber schon auf deine Pointe zu. Offensichtlich macht dir das nur bei Bilder, die richtig schlecht sind. Nein, extreme Formate sind herausfordernd, das kann man sagen. Sie fallen auf und sind ja meistens mehr ein Statement des Fotografen in eurem Fall oder der Notwendigkeit. Keine Ahnung, es soll ja vielleicht auch Gründe geben, warum man extreme Formate macht.

Bei Künstlern ist es tatsächlich meistens Content-Driven, wie es so schön heißt. Und ich würde sagen, im Fall dieses Bild ist es vollkommen klar, warum das so ein extremen Format ist. Und das Lustige ist, als ich dieses Bild sah, musste ich lachen, weil ich vor zwei Tagen bei einem Abendessen eingeladen war, im feinen Hotel Vier Jahreszeiten.

Und da gab es zum Dessert ein Dessert, das hieß Kiss Me. Und das sah, dieses Dessert, sah so ungefähr aus wie dieses Bild, was du mir mitgebracht hast. Denn es lag auf einem Teller, drumherum waren so ein paar Blüten und so, aber auf einem Teller lag ein roter Kussmond. Wenn man den aufspießt, schmeckt der irgendwie so nach Pfeffermünz.

Also man sieht einen, was wir sehen ist in einem Querformat, einen Kussmund, der so ein bisschen über irgendwas zu schweben scheint. Also der ist im Himmel. Der Himmel hat so eine rote, nee rot ist Quatsch, dunkelbraune blaue Färbung und der Kussmund schwebt darüber, das darunter kann Land sein, das kann aber auch Wasser sein und ganz hinten sieht man noch so eine.

So ein bisschen musste ich daran denken, wenn man so nach Venedig reinfährt oder so, sieht man, auf jeden Fall, da hinten ist irgendein Gebäude mit Kuppeldächern. Kirchen, Moscheen, Planetarien, ich weiß es nicht. Und dann sieht man halt, wenn man in den Himmel guckt, sieht man keine Sterne, man sieht auch ein paar Wolken, ganz schöne kleine, viele kleine Schäfchenwolken.

Und vor allen Dingen sieht man diesen riesigen Kussmund mit einer relativ stark eingedellten Oberlippe. Ich muss dann immer, ist das Botox, was man heute, es gibt ja so viele, die so aufgespritzte Lippen haben. Da muss ich auch dran denken. Aber es ist ein tolles, weil ganz klares Bild und damit ist die Beschreibung mir schon gelungen und das Bild heißt der Kuss.

Nein. Heißt nicht der Kuss. Nein. Wieso auch der Kuss? Die Lippe. Auch nicht. Der Mund. Nicht mal die Lippen. Nein. Nein. Also was ist es dann? Und was hat es natürlich dann, müssen wir gucken, was hat das jetzt mit, na gut, es kann so Traumdeutung, denkt man sofort. Ich hatte übrigens, nachdem wir das letzte Mal über Psychotherapie gesprochen, hatte ich so einen intensiven Traum.

Dass meine Frau und ich fünf Wohnungen hatten in Hamburg und meine Frau mietete immer wieder neue Wohnungen an und wir konnten uns irgendwie nicht entscheiden. Und dann sage ich, wir haben doch jetzt schon vier Wohnungen. Nein, ich muss noch eine neue anmieten und so. Was heißt das jetzt eigentlich? Hast du mit deiner Frau gesprochen, ob die da eine Erklärung hat? Nee, sie hat das auch.

Aber das fand ich interessant und das waren immer so, das waren dann Wohnungen, die waren oft so mitten in Kindergärten und Schulen, also vielleicht sollten wir nicht zu viel über Psychotherapie sprechen. Jetzt aber, was ist das für ein Bild und warum hast du es mitgebracht zu diesem Thema? Na gut, also wir haben unsere Psychoanalyse-Wochen. Freud war, glaube ich, der Ausgangspunkt, auch schon bei Dali.

Warum habe ich es mitgebracht? Zurzeit haben wir die große Surrealismus-Ausstellung und da geht es eigentlich um fast nichts anderes als um. Die Selbstbetrachtung des Menschen, die Psychoanalyse, den Traum, aber eben auch die Veränderung der Gesellschaft vor dem Hintergrund einer im 20. Jahrhundert stattfindenden neuen Erkenntnis über sich selbst.

Ausgelöst ein wenig vom Ersten Weltkrieg, der Surrealismus ist geboren nach diesem, wie ist das, die Umwertung aller Werte, nach diesem weltumspannenden Konflikt, findet in Frankreich und in Deutschland eine Bewegung, fast zu Fuß, die sagt, jetzt haben wir so viel Wissen angehäuft und die Menschheit ist so klug und so reflexiv und hat trotzdem es nicht geschafft, diesem Krieg aus dem Weg zu gehen.

Im Gegenteil, mit aller unserer Ratio haben wir vor allem mal gute Waffen erfunden. Es wird Zeit, dass wir das umdrehen und wir begeben uns mal ins Unterbewusste. Und insofern wurde das Unterbewusste zum leitenden Motiv der Surrealisten. So, und das Tolle war, dieser Gang ins Unterbewusste hat irrsinnige Bilder und ich hoffe, du wirst mir nicht widersprechen, wenn ich sage, dieses Bild ist schon ein bisschen irrsinnig. Da schweben Lippen wie ein Raumschiff über einer Abendlandschaft.

Isoliert. Es sind, also was man als Mann für sinnlich, ich glaube Frauen würden das auch als sinnlich begreifen, das sind wirklich lockende Lippen, die möchte man gerne küssen. Das weiß ich gar nicht, weil sie so riesig und so knallig sind. Ich persönlich mag ja zum Beispiel so knallige Lippen gar nicht so gern.

Wobei das ist jetzt nicht, also da ist ja auch so ein unten nicht Schatten, das ist ein bisschen, auch nicht glänzend, sondern eher matt und das ist jetzt nicht aus der Lippenstift Werbung, finde ich, sondern es sind sinnliche rote Lippen, denen vielleicht mit den Lippenstift hergeholfen wurden. Also vielleicht, wir steigen mal ein. Also das Bild hat hier einen Grund und du hast nach dem Titel gefragt, das ist am einfachsten.

Dieses Bild hat einen recht langen Titel, der Originaltitel auf Französisch heißt Allure de l'Observatoire, Bindestrich Les Amoureux und das ist die Stunde des Observatoriums, auf das kommen wir gleich noch, das ist nämlich unten im Bild, die Liebenden. Und die Lippen, das sind die Lippen der berühmten Fotografin, Surrealistin Lee Miller.

Das Bild ist aber, das Bild ist kein Gemälde, sondern es ist eine Reproduktion eines Gemäldes, die er obsessiv angefertigt hat, nachdem er das Gemälde obsessiv angefertigt hat. Dieses Werk ist von 1970, bezieht sich aber auf ein Werk von 1934. Und der Erschöpfer, habe ich das jetzt gerade gesagt? Nein. Er ist Man Ray.

Emanuel Ratsitzky, aber nachdem er nach Paris gekommen ist, hat er sich Man Ray genannt. Und was wir hier sehen, ist im Endeffekt eine Art Männerfantasie, denn der Maler ist ein Mann. Und er heißt Man Ray? Er hat sich Man Ray genannt, weil er fand, dass Emanuel Ratzinski, war einfach zu eindeutig polnisch-jüdisch, das wollte er nicht. Der wollte ein Weltbürger sein.

Achso, Amerikaner ist er, das habe ich noch nicht gesagt. Aber lustigerweise, ich war schon gerade kurz am Überlegen, ob er Franzose ist. Nein, er ist aber so sehr in Frankreich zu Hause gewesen, dass er eigentlich auch Franzose ist und erlebt eben schon seit den späten Zwanzigern als Fotograf, leben und schaffend als Fotograf in Paris, gerät in den Zirkel um André Breton, Max Ernst, die gesamte Literatenrunde hinein und wird deren, am Anfang, das klingt ein bisschen abschätzig, Leib- und Hoffotograf, der ist überall präsent.

Und hat sich, glaube ich, das war ganz schwer, sich aus diesem Schatten dieses das ist ja der, der nur fotografiert, zu lösen, hat aber tatsächlich fantastische Kunstwerke von höchster surrealistischer Würde geschaffen, ein bisschen zu Schachbrettern. Was heißt, der war erst Fotograf und hat die Künstler fotografiert oder die Bilder fotografiert?

Naja, er kam als Fotograf nach Paris, hat dort surrealistisch fotografiert. Jetzt muss man sagen, die Fotografie hat immer so ein Nebenleben geführt, Denn tatsächlich, da haben auch viele Fotografen in Paris gearbeitet, die sich nicht zu den Surrealisten gerechnet haben, aber tatsächlich Fotos gemacht haben, in denen Licht, Schatten, Nachtaufnahmen schon etwas, was wir heute surreal nennen würden.

Er ist aber einer der wenigen, die tatsächlich ganz nah drin war im Circle, der an den Diskussionen beteiligt war. Und er hat eben gelebt davon, dass er porträtiert hat, Fotografien gemacht hat und war eben mit denen befreundet, hat sie fotografiert. Er hat nicht ihre Werke fotografiert, das auch, aber nur ganz selten und hat aber eben tatsächlich genuin surrealistische Fotografie hergestellt.

Verfremdet, kollagiert, auch von den Sujets her traumhaft, albtraumhaft, all diese Dinge. Und er hatte eben, dann kam eines Tages zu ihm eine junge Amerikanerin, die gerne seine Praktikantin werden wollte, eine Assistentin, Entschuldigung. Und die war vorher Model gewesen und es passierte, wie es passieren muss, der Man Ray und seine... Muse?

Muse zu viel? Ja, der Witz ist tatsächlich, das war sie kurzfristig, aber sämtliche Surrealistinnen haben nicht ganz zu Unrecht aufbegehrt gegen dieses Etikett Muse, weil das waren sie nicht. Oder in den seltensten Fällen. Ich glaube, die einzige, die von sich in Anspruch genommen, dass sie Muse ist, aber gleichzeitig hochprofessionelle Muse, das ist die Gala Elua und später Dali. Also von der hat man es ja auch schon.

Das quasi, die war eher so Profi-Impresaria. Du musst mir einmal ganz kurz erklären, weil ich das neulich in einem anderen Zusammenhang mit einer Künstlerin sprach mit ihr über die Muse und da war die Muse, die sie küsste, war dann jemand aus ihr heraus. Was ist eigentlich genau eine Muse? Ist das immer eine andere Person, die einen Künstler praktisch zu bestimmten Leistungen erst küsst?

Anfeuert oder diese Leistung erst auslöst. Was ist eine Muse? Welche Rolle spielt die Muse oder hat die Muse in der bildenden Kunst gespielt? Naja, also in der Antike, in Griechenland waren die Musen Verbildlichungen der Künste. Da gab es eine der Malerei, da gab es eine des Theaters, da gab es die des Tanzes.

Ich weiß gar nicht, wie viele Musen es waren. Am Ende waren es sieben oder sowas. Und diese Musen haben ein Eigenleben geführt, weil sie als Skulpturen überlebt haben und dann im Klassizismus erst 18. Jahrhundert wieder in den Vordergrund rückten. Also daher kam dann der Musentempel, vor dem sie meistens prangten als Skulpturen und dann wurde da die Euterpe.

Aber es sind gar keine Menschen oder Wesen gewesen, das sind Personifikationen. Insofern waren das Wesen, aber im Endeffekt ist versimmbelig die Muse, die Malerei, den Tanz, das Schauspiel, die Literatur. Okay, das ist falsch. Aber verstanden, genau. Aber dieser Begriff ist ein wenig heruntergekommen, sage ich mal, weil dann wurde die Muse das Sinnbild dieser.

Beigegebenen Figur, eine Frau, die der Mann braucht, was dann später hieß, den Rückenfreiheiten oder sowas. Also man hatte dann, die Muse küsste nicht nur, aber die küsste und hatte Sex und machte das Haus sauber und dann konnte ein Künstler Künstler sein. Also es war ein besseres Wort für, das ist meine Ehefrau, Geliebte und so weiter.

Wenn man Muse sagte, hat es gleich irgendwie so eine intellektuelle Überhöhung. Und ist aber mittlerweile total heruntergekommen, weil kein vernünftiger Mensch würde gerne als Job Description Muse haben. Und die Surrealistinnen, das waren die Ersten, die eben auch rebelliert haben, gesagt haben, ich bin es gerade mal nicht.

Und die Lee Miller gehörte dazu, jetzt sind wir mitten im Bild, sehr lustig, denn die Lee Miller war eine Weile tatsächlich die wissbegierige, lernende, schnell lernende Assistentin von Man Ray, wurde aber sehr schnell eine Fotografin mit eigener Bildsprache, eigenem Anspruch und verließ ihn dann. Und es kam, wie es kommen musste, der arme Man Ray musste das verarbeiten.

Das sage ich jetzt so böse, da war wirklich mein in den 20 Jahren eingebrochenes Herz mit oder zwei sogar. Ich glaube, die ist auch nicht leichtfertig gegangen, die hat einfach gesagt, du pass auf, ich habe mich weiterentwickelt, das muss jetzt anders werden. Selbst die psychoanalytische Selbstspiegelung, denn die Lippen, die wir sehen, sind die von Lee Miller.

Die Lippen von Lee Miller konnte man kennen, denn da sie ja vorher Model gewesen war, war sie viel fotografiert. Die Vogue zum Beispiel, die in den 20er Jahren einen unglaublichen Popularitätsschub gehabt hat, hat sie regelmäßig als Cover-Motiv gehabt. Also die Lippen von Lee Miller konnte man kennen, wenn man sich wahlweise für Mode interessierte oder Modemagazine.

Und Man Ray hat sie auch selber viel fotografiert. Es gibt ganz berühmte Fotografien mit Schattenwürfen auf ihren Körper. Er hat sie natürlich auch gerne nackt fotografiert. Also der Man Ray war auch weise genug festzustellen, dass man das Ganze am besten verarbeitet, wenn man es künstlerisch umwidmet.

So, und damit haben wir jetzt die Lippen geklärt. Aber ganz kurz, wir reden jetzt hier von einem Bild. Ist es keine Fotografie oder was ist das? Das, was wir heute betrachten, das ist das Bild eines Bildes, denn das Original ist ein Gemälde. Also ja, das ursprüngliche Ding... Wir betrachten ja immer das Bild eines Bildes. Das stimmt, das stimmt.

Ich habe jetzt eine Volt mehr gemacht. Bei uns in der Ausstellung ist die berühmte Lithographie dieses berühmten Gemäldes. Weil das berühmte Gemälde ist ziemlich heruntergekommen, das ist aber eine andere Geschichte. Das gibt es noch, aber es ist in private Hand gekommen und in dieser privaten Hand ist es richtig heruntergekommen. Wie und dann macht man als...

Nein, nein, das Bild ist aus seiner Zeit. Man Ray, wir zeigen keine Repliken. Dieses Bild ist berühmt geworden, weil Man Ray es in den 70er Jahren vervielfältigt hat, weil er sich gesagt hat, er möchte eigentlich dieses Bild wieder für sich claimen und eben nicht anderen Leuten überlassen. Das heißt, Vervielfältigung an sich ist nichts Schlimmes und auch nichts, was sozusagen wertloser ist.

Wenn du also von einem Künstler eine Vervielfältigung hast, eine Kopie, die der Künstler selber hergestellt hat, kann die im Zweifel genauso wertvoll und genauso gut sein wie das Original? Ja, also in dem besonderen Fall ist es ja auch so, dass die Geschichte im Endeffekt dahin führt, dass es vervielfältigt und dass die Vervielfältigung auch einen eigenen Grund hat.

Nämlich, dass der Künstler quasi reclaimed, was ihm eigentlich gehört und was er im Endeffekt dadurch verloren hat, dass das Gemälde ja frei verfügbar und dann in privatem Besitz war. Also diese Lithographie hat eine Geschichte. Das heißt, dieses Bild hängt irgendwo in einem Privathaus und gammelt vor sich hin?

Soweit ich weiß, hängt es auf einem Privatschiff und deswegen ist es auch in einem nicht so richtig guten Zustand. Ich habe mit diesem Bild eine lange, lange Geschichte. Ich habe nämlich recherchiert für die Surrealismus-Ausstellung, bei der ich Weiland Kurator war, wollte ich dieses Bild haben. Und ich bin sehr weit gekommen. Ich bin nämlich tatsächlich dem Besitzer auf die Schliche gekommen und habe herausgefunden, dass der Besitzer, der damalige, wir reden jetzt auch schon wieder, das war 2006.

Dieses Bild nicht verleihen möchte, weil er ungern zugibt, dass dieses Bild auf seiner Yacht ein bisschen gelitten hat. Und das ist dann, sag mal so ein bisschen, ist das ein großer Unternehmer? Ist das ein Name, klar, dass du ihn jetzt nicht nennen darfst, kannst, aber ein Name, den wir alle kennen?

Ja, seine Familie, die mit Schiff zu tun hat, aber nicht aus Hamburg. Und wenn das Argument war, ich würde das ja, also wenn es in einem guten Zustand wäre, aber es ist ihm peinlich, das jetzt rauszurücken, weil das irgendwie mit Salzwasser oder Sonne oder... Ich habe selber nie mit ihm oder seinen Erben gesprochen, zu dem Zeitpunkt war das glaube ich schon übergegangen an die nächste oder knapp davor.

Nein, ich habe mit lauter Leuten gesprochen, von denen ich wusste, dass sie wissen. Und die haben alle, also ich bekam einfach, man schrieb ja Leihanfragen an denen, von denen man glaubt, dass er der Besitzer ist und man bekam einfach nichts zurück. Und ich wurde dann irgendwie ein bisschen skeptisch, habe mir gedacht, das ist komisch.

Also mindestens kriegt man eine Antwort und die sagen, dann tut uns fürchtlich leid, aber das hängt so gut über unserem Sofa, das wollen wir nicht hergeben. Das war so derartig biestiges Schweigen, dass ich natürlich neugierig wurde. Und ich bin dann halt der Sache nachgegangen, ist jetzt auch schon wieder ein paar Jahre her und habe mich bei Leuten erkundigt, die das wissen.

Das ist ja auch eine sehr diskrete Gemeinde und irgendwann hat mir jemand unter dem Siegel einer Diskretion, die ich hiermit walten lassen möchte, gesagt, dieses Bild wird dir nie zur Verfügung gestellt werden, denn es ist nicht in dem Zustand, dass du das ausstellen kannst. Aber das ist interessant, dass es durchaus sein kann, wenn man mal bei bestimmten Leuten oder bei Leuten, auch bei denen man es gar nicht vermutet, zu Hause ist, da kann dann durchaus mal ein sehr wertvolles Bild. Absolut.

Und ich kann ja sagen, das ist ein gewisser Schock, wenn du vor einem Bild stehst, von dem du denkst, wow. Dieses Bild müsste eigentlich entweder in der Kunsthalle oder in der Nationalgalerie oder im Centre Pompidou hängen. Und dann zuckt man so ein bisschen zusammen und die meisten Besitzer sind aber auch Leute, die kein Problem haben, im Gegenteil, die sich freuen.

Ich glaube, es zu zeigen. Ich glaube, dass es wenig Leute gibt, die sagen, ich möchte das jetzt nur ganz, ganz, ganz allein. Und das ist eher selten. Insofern bin ich auch mit dieser Geschichte da ein bisschen liberal, weil ich denke, das kann man auch mal als, ich glaube, die Kunst selber würde leiden, wenn es mehr solcher Geschichten gäbe.

In dem Fall ist es irre, aber wie gesagt, der Man Ray hat da seine eigene Strategie gefunden, schon zur Lebzeit damit umzugehen. Im Endeffekt, der hat jetzt nicht vorausgeahnt, dass dieses Bild mal derartig nicht zur Verfügung stehen würde, sondern ich glaube, der wollte das Bild einfach auch für sich zurückhaben und hat das dann in eine kleine Vervielfältigungsrunde gegeben. Ist das nicht eigentlich auch eine Idee?

Ihr habt ja nun, das ist schon ein bisschen her, den Wanderer über dem Nebelmeer von Kaspar David Friedrich nach New York ausgeliehen. Ist ja wieder heile angekommen in Hamburg. Er ist wieder zurück. Prima, er ist wieder zurück. Aber diese Idee, mal Bilder umgekehrt auszuleihen in Privathaushalte für eine gewisse Zeit und dann kann man sich das auch mal in Privathaushalten angucken, kann ja auch ein Haushalt dann dafür was bezahlen. Ist das nicht ein Geschäftsmodell?

Ja, da müsste man sehr viel nachhalten, denn irgendjemand, das muss ja quasi, das muss versicherungstechnisch so sein, dass die klar machen müssen, hier wird nicht die falsche Temperatur herrschen, hier wird nicht das falsche Licht reinfallen und meine Kinder werden nicht Fußball an der Wand spielen.

Ich glaube, also selbst Leute, die sich das leisten können, solche Bilder zu kaufen, sind so, dass sie das mit einer gewissen Vorsicht bei sich aufhängen. Und ich habe noch nie einen der Kiriko in einem Kinderzimmer gesehen. Ich glaube, die meisten Menschen sind sich bewusst, dass wenn sie Kunst erwerben und noch dazu Kunst, die irgendwie bekannt ist, weil sie schon in ein paar Ausstellungen waren, die spüren die Verantwortung.

Also in der Regel verhält man sich dann anständig. Und ich denke, also im Privathaushalte hast du halt eine gute Poster. Also Leute, die Van Gogh bei sich zu Hause haben wollen, kaufen sich halt ein schönes Poster. Das stimmt. Du hast es eben gerade gesagt, Man Ray hat damit auch sozusagen diese Trennung von dieser Frau verarbeitet.

Da muss man sagen, da ist Kunst ja auf allen Ebenen, Literatur, Musik und so weiter, ein super Ventil. Also ich frage, eigentlich wenn man psychische Probleme hat, wenn Menschen, die depressiv sind, dann können ja all diese Sachen total helfen, weil sie halt eben an den Emotionen rühren. Also die Frage ist, muss man Abstand haben von etwas, um es anständig beschreiben zu können oder sollte man vielleicht sogar total nah dran sein?

Ich glaube, es geht beides. Also wer ist es, der Wolfgang Herndorfer, der über sein eigenes Sterben geschrieben hat, weil er wusste, ich habe jetzt die Krebsdiagnose und er schreibt sich dann bis in den Tod hinein. Und das hat mich natürlich weggeblasen, weil ich gedacht habe, wie nah lässt der mich jetzt rankommen? Ertrage ich das überhaupt beim Lesen?

Umgekehrt gibt es ja die Geschichte, dass... An und für sich alle großen Ersten Weltkriegsromane, die, die uns heute packen, sind zehn Jahre nach dem Ersten Weltkrieg entstanden. Die haben eine ewige, also im Westen nichts Neues, das ist von 1928. Weil du den Abstand brauchst. Ja, es gibt einen, Barbus Le Feu, das ist direkt ein Tagebuch daraus.

Alles andere, Robert Ranke Graves, wie sie alle heißen, das ist 1929 erschienen. Also die haben alle zehn Jahre gebraucht, um überhaupt zu verarbeiten, was sie da erlebt haben. Also es sind beide Sachen, sind irgendwie sinnhaft Und bei der Kunst ist es ja so, du schickst es ja in so einen Filter rein.

Das heißt, er musste ja erst einmal eine Idee für dieses Bild haben. Und jetzt gehen wir wieder zurück zu dem Ausgangspunkt, weil ich habe ja versprochen, warum das überhaupt so heißt, wie es heißt, die Stunde des Observatoriums. Das schulde ich dir noch. Das sieht man als Observatorium. Das ist das, was ich hinten mit Kuppelbau geschrieben habe. Und jetzt beschreib es nochmal ganz kurz, damit ich glaube, du wirst nochmal was sehen, wenn du es nochmal genauer anguckst. Du siehst was, was ich nicht sehe.

Also ich sehe ja, links dieses mit dem runden Dach ist das Observatorium. Dazwischen ist aber auch etwas, das aussieht, als hätte es das Dach geöffnet. Aber das täuscht wahrscheinlich. Und das ist auf einer Insel, so ein bisschen Alcatraz-mäßig. Das könnte auch ein Hügel sein. Also es ist ein Hügel, das weiß ich. Aber es ist natürlich komisch, die Stunde des Observatoriums.

Aber es ist natürlich nicht nachts, da ist die Stunde des Observatoriums zum Beispiel gar nicht. Das ist richtig, aber das ist die Stunde, weil jetzt über dem Ding diese Lippen schwimme. Du hast von einer Kuppel gesprochen. Zwei. Sehr gut. Und jetzt kneif die Augen zusammen und lass deine ganzen psychoanalytischen Blickfähigkeiten und assoziiere mal, wenn du diese zwei Kuppeln siehst, was der normale Mann assoziiert.

Nein, nein, das ist mir zu primitiv. Ja, siehst du mal, wir sind uns Surrealisten ja nicht. Nee, aber das sind doch irgendwie, nein, das ist ja Quatsch. Und was ist das dann in der Mitte? Das ist dann die... Das ist wie die Abstraktion, das ist ein Bauchpiercing. Nein, also tatsächlich ist es so, dass der Man Ray gesagt hat, ihn hat natürlich schwer erschüttert, dass er verlassen wurde und ob davor verlassen oder nach dem Verlassen, er ist jedenfalls oft vorbeigekommen an dem Observatorium von Paris, das auf dem Hügel liegt, das genau auch so aussieht und er konnte nicht anders als die Assoziation zu zwei Brüsten zu haben.

Und mit dem Verlassenwerden und dem Verlust der körperlichen Nähe zu Lee Miller wuchsen diese beiden Observatoriumsbrüste ins Obsessive und daraufhin kollagierte er eben zusammen diese sinnlichen Lippen, die er vermisste plus die Observatoriumskuppelbrüste, die er sozusagen assoziierte, zu diesem sehr breitformatigen Bild.

Und jetzt wissen wir ja, es ist so breit, weil die Lippen so breit sind. Ja und ist es bewusst, dass dann auch diese Lippen so ein richtig... Fies ist, ist falsch, aber so richtig so ein Grinsen haben, also so, also es ist so ein bisschen so dieses, tja, Pech gehabt. Pech gehabt, mein Freund, ich bin weg.

Also er hat sie ja oft und oft und oft fotografiert, hat sich wahrscheinlich als Lippe irgendeine Vorlage eines seiner Fotos genommen, das musste er auch kolorieren, denn wir arbeiten damals ja noch in schwarz-weiß, das heißt, tatsächlich diese Lippen, ja, ich weiß nicht, haben die einen Gesichtsausdruck?

Nein, die sind eigentlich fast gleichgültig. Ich finde so, wenn du guckst, diese Lippen sind schon so ein bisschen so ein, Sie deuten so ein leichtes, zufriedenes. Genau, sie sind sich selbst genug. Also sie hat ihn nicht gebraucht. Und auch das war ihm klar. Und das hat er in dieses Bild sehr souverän reingemalt.

Also ich würde schon sagen, dieses Bild ist auch ein Manifest des Trennungsschmerzes, den er sehr, sehr, sehr verspürt hat. Von ihr gibt es interessanterweise keine Fotos, die das in irgendeiner Art und Weise thematisieren. Das heißt, sie hat damit nichts auszustehen gehabt. Das hat sie nicht interessiert.

Oder sie hat es halt nicht künstlerisch verarbeiten wollen. Vielleicht war sie auch höflich und wollte nicht zu seinem Schmerz noch ein bisschen mehr, weil sein Schmerz größer war als ihrer, das weiß ich jetzt nicht. Aber was natürlich passiert ist, und das ist ja sehr selten, also wissen wir, wir können jetzt natürlich mal überlegen, wie viele Kunstwerke wir kennen, die aus Seelenschmerz entstanden sind und gut sind.

Also wirklich, doch, mir fällt eins ein, aber es ist wieder Musik, das ist doof. Nee, machen wir nicht. Jedenfalls die, ich wollte Mozart's Requiem sagen, das ist aus Lebens, aus einer gepeinigter Todesangst entstanden. Naja, jedenfalls dieses Bild ist wahnsinnig geschickt, denn was passiert? Ein Observatorium ist ja etwas, was sich mit Himmelserscheinungen auseinandersetzen tut. Normalerweise natürlich Sternen und nicht Lippen.

Dann hat er topografisch, glaube ich richtig, das Observatorium liegt auf einem Hügel an dem langsam ansteigenden Hang. Ich glaube, hinauf zum Montmartre ist das, der da rechts irgendwann kommen würde müssen. Paris hat er weggelassen, das Läger ist ja alles Paris sozusagen. Dann hat er noch diese sehr Kaspar-David-Friedrich-haften Wolken dahinter gemalt. Das heißt.

Wetterbeobachtung, Sternbeobachtung, all dieser Himmel gibt es her. Und all das, das Natürliche, das topografisch Richtige, wird eben vollkommen in Kontrast gesetzt mit diesen Lippen, die an der Stelle so nicht sein könnten und dieses Bild riesig dominieren. Und ich glaube, das macht die Faszination dieses Bildes aus, dass eben mehr ist als bloß ein gemalter Trennungsschmerz, sondern ein Bild, was sofort so viele Assoziationsmöglichkeiten den BetrachterInnen gibt, dass man sich denken könnte, dieses Bild ist allgemein rezipierbar durch die ganze Welt hindurch.

Und es ist nicht mal so, dass man sofort an Trennungsschmerz denkt. Nein, überhaupt nicht. Auf die Idee wäre ich überhaupt nicht gekommen. Und ich befürchte oder ich freue mich, ich weiß es gar nicht, dass es irgendwie surreal bleiben wird. Ich mag dieses Surreale ganz gern. Ich habe die Eindruck, dass du auch in so einer surrealen Welt, deshalb würde ich mir jetzt für die nächste Woche gar nicht großartig was wünschen.

Doch, vielleicht bringst du mal wieder, das fand ich schön neu, es hat auch ein Hörer geschrieben, wie schön es war, dass man dann am Ende noch was gefunden hat, was man nicht gesehen hat. Das heißt ja, ich sehe was, was du nicht siehst. Und das ist ja immer am tollsten, wenn wir dann irgendwie am Ende in dem Bild noch was finden, was dann vielleicht sogar Bezug nimmt auf den Titel, auf den man sonst nicht gekommen wäre.

Also so ein Suchbild könnte, ich glaube, ich bin mal wieder jetzt bereit für ein Suchbild. Was Rätselhaftes. Ich freue mich, lieber Alexander. Vielen Dank für das Bild. Bis nächste Woche. Tschüss. Ein Podcast von Funke Weitere Podcasts vom Hamburger Abendblatt finden Sie in unserer Abendblatt-Podcast-App und auf abendblatt.de slash podcast.

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