Ich sehe was, was du nicht siehst – Kunst neu entdecken· Folge 304

Weck den Tiger in dir!

Samstag, 7. Februar 2026 · 25 min

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Shownotes

Was passiert, wenn Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider vor einer zehn Meter breiten Videoinstallation stehen? In dieser Folge von „Ich sehe was, was du nicht siehst“ nehmen die beiden das faszinierende Werk „One or Several Tigers“ (2017) von Ho Tzu Nyen unter die Lupe.
Es geht um magische Gestaltwandler, die dunklen Schatten der Geschichte Südostasiens und die Frage: Warum fasziniert uns das Wilde auch heute noch so sehr? Hören Sie rein, wenn geballte Kunstexpertise auf journalistischen Scharfsinn trifft – wie immer unterhaltsam, fundiert und mit ganz neuen Blickwinkeln.

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Ich sehe was, was du nicht siehst. Der Podcast über berühmte Bilder mit Alexander Klar, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Herzlich willkommen. Mein Name ist Lars Haider. Mein Name ist Alexander Klar. Der Direktor der Hamburger Kunsthalle und ich haben in der vergangenen Woche, das war fast schon wieder zu ernst. Ich will ja eigentlich durch den Februar so kommen mit viel Freude und Witze.

Ich habe dir ein lustiges Bild mitgemacht. Du hast mir wirklich ein lustiges Bild mitgemacht. Und ich würde wieder sagen, ich beschreibe es sofort, es ist kein Bild. Weißt du, es erinnert mich im ersten Moment daran, was ich früher gemacht habe. Früher habe ich so, oder haben wir in der Schule auch gemacht, ihr vielleicht auch. Da hatte man so Zeitschriften, Magazine und dann musste man aus diesen Magazinen so Sachen ausschneiden und die neu zusammenkomponieren zu einem Bild.

Da hat man irgendwie Tiere und Figuren und so wirkt das Ganze auf mich auch. Aber ich würde auf jeden Fall sagen, was wir heute haben, ist etwas, was also aller, aller, aller, aller spätestens am Ende des vergangenen Jahrhunderts, aber eher aus diesem Jahrhundert kommt. Also das ist eine, und das ist auch eine Kunst, wo ich wieder sagen würde, naja, das reine, das rein Handwerkliche, das könnte ich jetzt auch. Denn was sieht man?

Man stellt sich vor, jemand hat verschiedene Figuren. Und zwar, weißt du, woran ich denken muss? Ich muss mal denken an so eine, wenn man in bestimmte Theaterstücke geht, da gibt es so Programmhefte, wo dann auch so Szenen von diesen Theaterstücken sind. Und das hier wirkt, als hätte jemand aus diesem Programmheft verschiedene Figuren ausgeschnitten und die dann wieder zusammenkomponiert.

Man sieht im Wesentlichen, also was einem sofort auffällt, ist ein Tiger, der einem aus dem oberen Teil des Bildes entgegengesprungen kommt. Und vor diesem Tiger werfen sich mindestens 1, 2, 3, 4, 5 Leute in den Staub. Das sind Männer, die Umhänge haben und Turbane, teilweise sind sie mit freiem Oberkörper.

Einer ist ganz hingefallen. Vor diesem Tiger ist irgendein Gerät, das aussieht wie so ein Fernrohr oder so eine Art Fernrohr, das da vor dem Tiger durch die Luft fliegt, und neben diesen Männern, die sich vor diesem Tiger in den Staub werfen oder die der Tiger umwerft oder die Angst vor dem Tiger haben, sind noch vier andere Männer, die so links am Rand stehen, auch wieder einer mit Turban, mit zwei mit Turban, einer mit so einem Hut und so ein bisschen so altertümlich, also verkleidet letztendlich, die so die Hände wie zum Schutz vor das Gesicht oder vor den Körper halten und hinter denen fliegt so eine Art Sonnenschirm durch die Gegend.

Und das ist jetzt dieses Bild und dann steht bei mir hier, Gehört das zum Bild? Prison Administrators? Gehört das dazu? Das gehört zum Bild, ja. Administrators. Das ist der lauwe Sechs. Wir schauen auf ein Videobild. Das erklärt gleich. Ah, okay. Das ist ein Video. Okay, dann ist es ein Standbild letztendlich.

Ein Still. Das ist die Frage. Das heißt mit anderen Worten, das ist nicht das Kunstwerk, sondern es ist nur ein Ausschnitt aus dem Kunstwerk. Und um das gesamte Kunstwerk zu erklären, müsste man das gesamte Video sehen. Da kann ich ein bisschen was zu erzählen, aber da bist du halt 33 Minuten. Oha, es ist ein Video. Dann erzähl, was es ist.

Es ist ja trotzdem ein Bild. Insofern, du hast es gut beschrieben. Also die wesentlichen Aspekte sind der hereinspringende Tiger und diese Gruppe von Menschen. Also das Bild stammt aus dem Jahr, Moment, also das Video stammt aus dem Jahr 2017 und ist von Ho Sun Yen gesprochen, Ho Sun Yen, einem, also vielleicht dem berühmtesten Künstler in Singapur, lebend jetzt gerade, der ist auch noch Kurator der Guangzhou Biennale.

Also das sind wirklich auch der Power 100, der Art Review ist er Nummer 5, also ein wirklich wichtiger Künstler. Nummer 5. Was ist die Art Review? Das muss man nochmal erklären. Und die Power 100? Die Art Review ist ein sehr, sehr, sehr einflussreiches Kunstmagazin weltweit und die Power 100, das ist ihre Liste der 100 einflussreichsten Kunstmenschen, um das gleich klar zu machen, auf der Liste bin ich nicht mal drauf.

Also insofern, wobei solche Listen, wissen wir, sind natürlich immer schwierig zu betrachten, aber da sind halt wichtige Galeristen, schon wichtige Kuratoren, aber eben auch wichtige Künstler. Wir reden immer über Liebe. Und Hussunien ist einfach eine Stimme Asiens, die Stimme Asiens und wir wollten sie halt gerne nach Hamburg bringen.

Die Ausstellung läuft gerade bei uns und heißt Time and Tiger und geht eben tatsächlich ganz stark auf die Geschichte Südostasiens ein, ist aber für uns Deutsche, glaube ich, wahnsinnig interessant. Der Tiger, um mal damit anzufangen, ist ja das Synonym für die Gegend da, die Tigerstaaten, du erinnerst dich.

Man lernt in der Ausstellung auch, dass der Begriff Südostasien nicht dort entstanden ist. Die haben sich nie als Südostasiaten betrachtet. Das waren die amerikanischen Militärs, die im Zweiten Weltkrieg da eine Karte gemacht haben. Und da haben sie South East Asia draufgeschrieben und seitdem war das Label da dran.

Und der Husun Yen erzählt die Geschichte oder widmet sich der Geschichte dieser Gegend. Und der Husun Yen. Mit einer ganz starken Bildsprache und einer großen Akribie. Und das, was wir hier sehen, basiert auf einer Zeichnung, auf einer Lithographie eines deutschen Lithografen und stammt von 1865. Und es ist die Geschichte wie ein Landvermesser, der George Coleman.

Den sieht man da links mit grüner Hose und Hut. Ah, okay. Und das Gerät ist etwas, womit er so das Land vermessert. Genau, der Theodolit, den man da braucht. Und die Geschnitte war wahr, in den Dschungeln waren halt überall Tiger und dieser Tiger ist in die Gruppe hineingesprungen. Es ist niemandem was passiert, hätte aber natürlich passieren können, der war wahrscheinlich genauso aufgeregt, der Tiger wie die Leute, ist auch gleich wieder abgehauen.

Aber aus diesem Begegnung von Tiger und Gruppe macht er eine fantastische 33-minütige Geschichte mit zwei Leinwänden und einem Schautheater. Also es ist ein wirklich fantastisches Ding. Da sitzt man 33 Minuten gebannt drin. Es wird eben immer wieder dieser Moment, wie der Tiger da reinspringt, erzählt in Slow Motion.

Und dann erzählt er eben, die Leute um den George Coleman herum sind, nicht alles Gefangene. Straftäter und es reicht eine kleine Dinge, um in der englischen Polonie ein Strafkehler zu sein, die wurden dann abgeordnet dahin. Die wussten natürlich, dass um sie herum lauter Tiger ist. Das heißt also, neben der harten Arbeit in der Hitze war für die auch noch immer so präsent, dass demnächst das Tier über sie kommt.

Diese interessante Sache, Tiger gefährlich für den Menschen und gleichzeitig Tigerstaat und heutige Wirtschaftsmacht, damit spielt er eben die ganze Zeit, also der Husumien. Also der Film ist fantastisch und diese Sekunde ist eindrücklich, weil es ist noch was mehr drin. Denn Natur trifft auf Mensch.

Denn was haben die Landvermesser getan? Sie haben das Land so vermessen, dass man es ausbeuten konnte. Die Tigerstaaten heute sind natürlich unter anderem so erfolgreich, weil die Infrastruktur stimmt, die ihnen die Kolonialherren quasi abgerungen haben. Und das erzählt dieser Film aus immer wieder einer wechselnden Perspektive und ist total faszinierend.

Und sie lernen schon uns. Ist es also, es ist ein richtiger Film, einfach gedreht mit Menschen? Oder ist es animiert? Es ist ein Film, ja. Es ist animiert, es ist durchgehend animiert und auch sehr abstrahiert. Also der Tiger springt auch zum Beispiel vor der leuchtenden Sonne und dann hast du dieses Bild des springenden Tigers vor der Sonne, dass er emblematisch ist für die Macht und Kraft der Tigerstaaten. Gleichzeitig springt dieser Tiger eben an der Sonne vorbei auf diese Gruppe.

Das heißt, das Tödliche daran ist gleich noch mit dabei. Es ist eine wirklich fantastische Bildsprache. Und die Dynamik dieser Tiger, der hier so ein bisschen naiv da reinspringt, der Schreck, die Wucht, die Kraft, das Unerwartete, all das ist in diesem Bild drin. Und alles ist irgendwie funktioniert mit der Geschichte der Tigerstarten.

Und das ist ja eine Szene, die, wann sich abgespielt hat, lang ist her. 1865. 1865. Der Coleman wurde in den Dschungel geschickt, um Dodge für Straßen zu vermessen. Oder für Eisenbahnlinien. Ich glaube, vielleicht sogar Eisenbahnlinien. Und warum ist der Künstler, dessen Name ich wirklich nicht aussprechen kann, warum kommt der jetzt im Jahr 2017 darauf, dieses Thema aufzugreifen und so darzustellen?

Also so ein bisschen so, hat er so ein bisschen wie Väter der Klamotten. Das ist ja irgendwie, man denkt so lustige Typen und irgendwie alles. Wieso jetzt? Also ich glaube, das ist ein Gutteil der Kunst, die er macht, widmet sich eben seiner Gegend. Warum? Das ist ja ganz interessant. Also seit, oh Gott, 15 Jahren, würde ich mal grob sagen, könnten auch 20 sein, beschäftigt sich plötzlich auch die europäische Welt mit der Tatsache, dass außerhalb Europas Geschichten erzählt werden, die uns vielleicht auch interessieren könnten.

Man muss ja dazu sagen, also bis vor 20 Jahren hat die Kunstwelt, war die eindeutig dominiert. Vom Weißen Westen. Ganz stark Europa, ganz stark Amerika und dann war Schluss. Bis vor 20 Jahren? Ja, also ich müsste mal in die Geschichte der neuen Zeit, das ist ja mein Leben auch mit, aber ich würde mal sagen, grob so die letzten 15 Jahren fällt mir als Europäer auf, wie die ehemals marginalisierten Stimmen jetzt ein Forum bekommen.

Das fing an ein bisschen mit der ersten Documenta, die, welche war es denn? Und es können auch zwölf Jahre hier sein, auf einmal afrikanische Stimmen dazukamen, dass Afrika entdeckt wurde von der Kunst. Die Dekolonialisierung der Welt und unserer eigenen Gedankenwelt ist ganz, ganz, ganz jung. Und dazu gehört eben auch, dass diese Staaten und Künstler aus diesen Staaten ihre Geschichten erzählen, die uns nur auf den ersten Blick nicht interessieren müssen.

Jetzt können wir sagen, das ist englisches Kolonialreich, nicht unser Baby, aber direkt daneben ist ja China, was auch unser letzter Versuch war, auch ein bisschen kolonial macht zu werden. Und auf einmal stellt man fest. Ich dachte ganz lange in einer groben Naivität, ich habe mit Kolonialismus nun wirklich nichts zu tun.

Also ich habe mit Drittem Reich zu tun und mit Holocaust nehme ich mir alles mit. Aber Kolonialismus, sorry, ist nicht mein Baby. Es ist einfach, und in Hamburg spätestens lernt man es, das ist sowas von unwahr. Wir sind Kolonialisierungsgewinner bis ins dritte Glied. Und wir werden noch lange... Also diese Investition auf dem Rücken anderer Kontinente, von der erzählen wir eben noch heute.

Und deswegen, glaube ich, ist es richtig, dass diese Stimmen jetzt langsam zu uns dringen. Und es ist super interessant, denn sie erzählen natürlich auch wie wir, bloß natürlich mit anderer Ästhetik. Es geht um ihre Geschichte. Und jetzt stell dir mal vor, du wirst in einem Land groß, das ganz lange erobert war, besessen war von jemand anderem.

Wie ist dann deine Haltung zur Geschichte? Und das mal zu sehen als Westler ist super instruktiv und macht auch Spaß. Es sind fünf große Installationen vom Notionieren in der Ausstellung, die sich unterschiedlichen Themen widmen. Und der Tiger ist einer. Und das sind alles immer Videos? Äh, Moment. Jaja, der arbeitet ganz ausschließlich mit Videos.

Da ist ein Video Dictionnaire of the Southeast Asia. Das ist ganz interessant. Da wird die Sprache, die Bildsprache auseinandergenommen. Dann ist Hotel Aporia eine Auseinandersetzung mit der japanischen Besatzungszeit, die sehr brutal war da. Und es geht ganz stark natürlich auch um die Ästhetik Südostasier, die Ästhetik dieser Gegend, also aus der Volksästhetik herausgebildet.

Deswegen ist es ein bisschen naiv hier auch. Man sieht ja so ein bisschen diese Puppenhaftigkeit. Das stammt aus der sehr formalisierten Theaterästhetik dieser Gegend. Und wenn du das so erzählst, muss ich daran denken an ein Gespräch mit Olaf Scholz, als der noch Kanzler war und wir darüber sprachen, der fuhr ja durch die ganze Welt rum herum und schon auf der Suche nach neuen Verbündeten und neuen Wirtschaftspartnern und erzählte dann halt von so Reisen in Länder, auch in Südostasienländer und sagte, ja, die seien eigentlich theoretisch alle bereit zu so einer Zusammenarbeit mit uns, die würden das aber nur nicht so laut erzählen.

Weil sie eben diese Geschichte haben und weil es eben wie komisch wirken würde, wenn man nach all dieser Geschichte jetzt plötzlich rüber wechseln würde. Und ich glaube, das ist auch das Problem, was wir jetzt haben. Deshalb finde ich das Bild, also diese Installation passt gut in die Zeit. Weil wir als Europa ja auf einmal eben nicht mehr der Mittelpunkt der Welt sind, als den wir uns immer gefühlt haben, sondern tatsächlich einmal gucken müssen, wer ist denn da jetzt da, mit dem wir neue Allianzen schließen können und wir aus den anderen Winkeln der Welt ganz anders gesehen werden.

Ich wüsste zum Beispiel gerne mal, wie eigentlich in Asien oder Afrika oder Südamerika eigentlich der Ukraine-Krieg gesehen wird. Ob das die überhaupt auch nur ansatzweise interessiert. Also nur als Symbol, also ich war ja in Taiwan und für die ist natürlich interessant, wie reagiert Europa auf den Überfall eines schwächeren Landes, denn natürlich ist es gewährleistet jeden Tag, dass China über sie herfällt.

Und das war auch ganz interessant. Also ich war ja in Taiwan eben, um zu sehen, ob die Kunsthalle nicht tatsächlich dort einen Partner findet oder mehrere, um Kunstaustausch zu begleiten. Weil tatsächlich, ich glaube, also eigentlich haben wir einen großen Vorteil. Wir sind mittlerweile ein wenig marginaler geworden. Europa ist immer noch wichtig.

Und ich glaube, Deutschland ist immer noch die, keine Ahnung, für die wichtigste Industrie-Situation. Man vergisst ja immer wieder bei all dem Klagen, wie mächtig Deutschland ist. Es ist auch sehr schön so in dem Spiegelblick, wenn man dann dort ist, stellt man fest, also ganz irrelevant sind wir auch nicht.

However, wir sind aber auch jetzt wieder interessantere Partner, denn wir sind deutlich schwächer geworden. Es ist kein Ungleichgewicht mehr und die wissen, dass wir ganz verzweifelt nach neuen Allianzen suchen, weil die alten gerade auseinanderfallen. Das sind doch ja schon mal ganz schöne Bedingungen. Und das Schöne mit der Kunst ist ja wiederum, wenn wir die Sprachebene klären, indem wir Kunst importieren, indem wir zeigen, was für Kunst, was die interessiert, dann können wir ja schon viel besser miteinander reden.

Normalerweise muss ja das Auswärtige Amt seine Spezialisten mitschicken, damit man sich überhaupt versteht. Also jetzt nicht sprachlich, sondern überhaupt mentalitätsmäßig. Mit diesem, ich glaube, wer in diese Ausstellung reingeht, und ich kann es allen Hamburger nur empfehlen, dann kommt man raus mit einer ganz großen Erkenntnis, wie deren Mindset ist und wie die auch sich selbst sehen heute.

Ist natürlich jetzt eine Künstlerstimme, aber der gibt schon sehr viel wieder. Und das fasziniert mich eben auch sehr und hat mir sehr gefallen bei dem betrachten. Aber wenn du sagst, wir werden marginaler oder unsere Bedeutung wird marginaler, dann ist das eine ja wirtschaftlich, da ist es ja noch nicht so schlimm, weil wir von einem hohen Niveau kommen.

Die Frage ist aber nur so von den Werten, von dem, für was wir stehen, wenn das marginaler wird, wenn zum Beispiel der Wert der Demokratie von Freiheit, Gleichheit. Recht, Gerechtigkeit eben gar nicht mehr so einen großen Stellenwert hat, dann ist es natürlich irgendwie gefährlich. Das ist interessant.

Du hast ja gesagt, dass irgendwie mittlerweile durch die Anhängerschaft an sehr, nicht Fake News, aber an Kanäle, die möglicherweise schlicht und einfach nicht mehr mit der Wahrheit und Mut hat, leidet die Demokratie. Tatsächlich erlebt man ja zum Beispiel in Singapur und in Taiwan, wie gut da Demokratie tut und wie stolz die drauf sind. und umgekehrt spiegelt das auch wieder zurück.

Wir sollten verdammt nochmal deutlich stolzer sein und deutlich, Kampf ist lustiger, weil natürlich sieht das schwach aus, wenn viel diskutiert wird. Irgendwie dumme Menschen wollen gerne eine schnelle Entscheidung. Die wundern sich dann bloß, dass die Entscheidung meistens nicht so ist, wie man sie selber gewollt hat.

Also ich weiß nicht, was die Trump-Fähler so alles denken, aber mittlerweile haut es ihnen dann doch auch ins Gesicht, schon finanziell. Das heißt, die Suche nach dem starken Mann hat es ihnen jetzt vielleicht schon, vielleicht die Lust der Demokratie ja wieder ein bisschen verstärkt. Und diese, das Diskursive, dass wir Dinge durchdenken, dass es ein bisschen mehr Zeit kostet, dass man nicht heute was entscheiden und morgen passiert ist, dass es Verfahren gibt.

All das sind ja Sachen, auf die man sehr stolz sein kann und die man natürlich offensiv nicht verteidigen muss, sondern darstellen muss. Und das haben wir mit denen gemein. Also ich glaube, da sind wir auf einem ähnlichen Level unterwegs. Und das ist auch schön zu sehen. Man hat demokratische Alliierte in allen Enden der Welt.

Aber das ist ja, da ist man an so einem Punkt, wir haben das vergangene Woche gesehen an dem Bild, und wir sehen es ja immer, wir sehen in diesen Bildern, mit denen wir uns beschäftigen, sehen wir so viele Dinge, wo man denkt, hatten wir schon, war schon mal da. Ist es nicht besser geworden? Genau, und du denkst irgendwie.

Bei bestimmten Sachen müsst ihr nur noch sagen, also dieses Gefühl, da ist ein starker Mann. Und da geht es ja schon wieder los. Es geht gar nicht um eine starke Frau, es geht auch wieder um eine Sehnsucht nach dem starken Mann. Ich glaube, das hat auch ein bisschen, Friedrich Merz ist auch deshalb Kanzler geworden in dieser Zeit mit fast 70 und so, weil das irgendwie so eine Sehnsucht hat wieder, wo man denkt, diese Sehnsucht nach starken Männern hat uns in so viele riesige Katastrophen geführt.

Eigentlich müsste dann Hagen hinter sich sagen, darauf fallen wir nicht mehr rein. Und dann guckt man sich die Bilder an und guckt man sich die Filme an und guckt man sich Fotografien an und zack sind wir in so einer ähnlichen Situation wieder und sagen, ach guck mal, das ist ja genauso wie vor 200 Jahren.

Interessant, Friedrich Merz haut es ja nun, glaube ich, ein bisschen entgegen. Das war eine Erwartung an einen starken Mann, der er gar nicht ist. Er ist ja eher als Demokrat, der hat ja nicht vor, den starken Mann zu markieren. Das war nur dieses großgebaute Maskuline. Aber das ist ja, was Entscheidungsfreude anbetrifft, auch nicht besser als der Scholz.

Das klingt noch ein bisschen anders, würde ich gesagt. Und was mich als, ich versuche ja wirklich viele Sachen zu sehen, mich begeistert, wie viele tolle Redner es im Parlament gibt. Und dann fühle ich mich wohl in der Demokratie, wenn ich da jemanden präzise, rhetorisch, fantastisch als Sachverhalt darstelle und einem politischen Opponenten einfach mal erzähle, wo man selber steht.

Ich finde, das sind so Highlights, die machen mich total glücklich. Da ist mir egal, wer im Bundeskanzler ist. Ich war meine ganze Jugend über, muss ich sagen, war ich mit Helmut Kohl gesegnet. Sorry, es gibt Leute, die wahrscheinlich andere meinen, aber ich fand das nicht erstrebenswert. Ich war so stolz, dass man dann Leute mit gut sitzenden Anzügen plötzlich in der Regierung hatte.

Das ist jetzt eine Oberflächlichkeit. Aber ich würde gerne noch zu einer anderen Sache kommen, weil du gesagt hast, seit 15, 20 Jahren kommt so Kunst aus Afrika, Kunst aus Asien kriegt eine neue Bedeutung bei uns, da ja schon immer. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Bedeutung von Kunst und der dann vielleicht Marginalisierung zum Beispiel Europas und dem Aufwachsen von anderen Staaten, von anderen Regionen?

Also ich will damit sagen, wenn eine Region politisch, militärisch, wirtschaftlich stärker ist, findet das dann auch seinen Ausdruck in der Kultur? Ja, also zum einen muss man sagen, Europa ist keinesfalls, was die Kunstproduktion anbetrifft, marginal. Wir haben wahrscheinlich die meisten und auch besten Kunsthochschulen.

Daraus folgt fast automatisch, dass bei uns sehr, sehr viele gut ausgebildete, handwerklich fantastische Künstlerinnen hervorgehen. Aber das ist jetzt kein Grund zum Dünkel, denn die asiatischen Stimmen, die afrikanischen Stimmen, die südamerikanischen künstlerischen Stimmen haben andere Dinge zu erzählen.

Und, das muss man sagen, Welten, Umbruchszeiten und Umbruchssituationen generieren aufregendere Bilder. Also jetzt ganz platt gesprochen, ich glaube ein europäischer Künstler, nein, definitiv erzählen wir andere Geschichten als Asiaten. Also Hussunien erzählt die Geschichte Südostasiens, indem er überhaupt in Frage stellt, ob der Begriff Südostasien valide ist.

Es widmet sich kein deutscher Künstler der deutschen Geschichte. Selbst im Holocaust nicht mehr. Das war eine ganze Weile lang, also Anselm Kiefer hat davon gelebt, dass er den Hitlergruß gemacht hat und damit hat provozieren können. Also der Rekurs auf die deutsche Geschichte, auf die deutsche Schuld, all das ist in der Kunst nicht mehr interessant.

Jetzt wird tatsächlich das Interesse globaler und da sucht Deutschland, glaube ich, noch ein bisschen seine Stimme in der Welt. Feminismus ist, glaube ich, ein ganz wichtiges Thema, das erzählt, das generiert viele Geschichten. Aber was wir erleben ist eben, dass die ganze Welt Geschichte zu erzählen.

Ob man jetzt Inuit ist oder also in den letzten Biennalen haben auch die letzten Dokumente, waren auch ganz oft Stimmen aus Lapland, aus den entregensten Regionen der Welt und schon kommt das Nächste. Es gibt keine entlegene Region der Welt, denn die Erde ist ja rund. Das heißt, ob man jetzt in Patagonien lebt oder in Lapland, das ist ja nur unser eurozentrisches Weltbild, was sagt, das ist aber weit weg von uns.

Und diese Perspektivverschiebung, das hat die Kunst vollbracht. Und ich würde sagen, niemand sonst hat die Politik nicht hinbekommen, hat der Glaube nicht hinbekommen, das macht die Kunst. Und da, ist es Zufall, dass das Videokunst ist? Oder muss man sich darauf einstellen, dass das, was jetzt neu kommt, ganz, ganz viel Videokunst sein wird?

Wir haben schon öfter darüber gesprochen und man stellt ja schon fest, je näher man einer bestimmten Sache rückt, also unserer Zeit rückt, desto mehr wird es Installationen nehmen dann einfach komplett zu. Also dieses Gefühl, dass da jemand aus Singapur ein Bild malt, eigentlich nicht. Also die digitale Kunst wird deswegen zunehmen, weil Digitalität zunehmt.

Das heißt, alles, was du am Computer herstellen kannst, was du verschicken kannst, was immateriell ist, wird absolut zunehmen, weil es das Handwerkszeug ist. Ich glaube, die Faszination dem gemalten Bild gegenüber wird auch weltweit bleiben, denn es immer noch ein Medium ist, das zwar irgendwo lokalisiert ist, aber genau dadurch seinen eigenen Wert hat.

Ich glaube, es ist keine südostasiatische Eigenheit, Videokunst zu machen, aber die sind super stark da. Ich bin nach Taiwan gefahren, weil die können ganz toll, das heißt auch schon nicht mehr Multimedia, mittlerweile heißt das also fragile Medien oder unstable Media. All das ist durch die Digitalisierung anders geworden und die hat natürlich auch auf die Kunst ausgewirkt. Das heißt, ja, ich denke, 75 Prozent der künstlerischen Äußerungen werden digital sein oder einen digitalen Anteil haben.

Aber du gehst natürlich ins Museum, wo du die meiste Kunst triffst und andere Leute, die dieselbe Kunst angucken. Das heißt, das, was früher die Kirche war, um in die Kongregation zu gehen und diese Note der Gläubigen zu machen, dass heute gehen die Gläubigen ins Museum und treffen sich da und unterhalten sich da.

Und deswegen ist ja auch ein Kulturkampf um Museen. Deswegen versucht natürlich jede Partei ein Äuglein zu haben, auf was Museen tun. Und deswegen versuchen rechte Parteien ganz gerne, Trump tut das ja gerade, Museen zu gängeln, weil er der Meinung ist, Museen erzählen nur linke Geschichten. Worüber auch man diskutieren könnte, ob das linke Geschichten, die wir erzählen, oder einfach Humanismus per se vielleicht links ist.

Ja, oder ob es einfach sowas ist wie ein begehbares Geschichtsbuch, denn das wird hier jetzt anders sein. Wir kriegen ja in Hamburg Ende des Jahres das Digital Art Museum, also ein Museum, was nur mit digitaler Kunst ist. Und das kann sozusagen per se erst im 21. Jahrhundert anfangen und so. Und dann ist das andere natürlich deshalb wichtig, um, wir haben es oft gesagt, zu verstehen, wo wir herkommen und vielleicht auch noch doch wieder was zu lernen. Also es war wieder hochinteressant.

Nächste Woche würde ich jetzt mir keine Wünsche. Du bringst mal was mit. Aber vielleicht muss man immer dieses politisch, ich glaube es wird uns man sieht ja auch in allen, auch wenn man über Kunst spricht und das zeigt halt auch wie sehr uns die Politik gerade prägt, man sieht ja in allen Dingen gerade was politisches, das kann man gar nicht verhindern, das hat dann vielleicht teilweise das ist politisch, ja na klar also ist das zum Beispiel, guck mal was der Donald Trump, was der aus dem Weißen Haus teilweise für Kunstwerke von sich weißt du, wo er dann so wie so ein Rambo ist oder so oder wie er dann neulich, wo es neulich so ein Bild gab, wo er dann, so eine riesige Grönlandkarte neu sortiert hat und so.

Also, ja, wir gucken uns das alles nächste Woche an. Ich freue mich sehr drauf, lieber Alexander. Ich suche was heraus. Vielen Dank. Bis dahin. Tschüss. Bis dann. Ein Podcast von Funke. Weitere Podcasts vom Hamburger Abendblatt finden Sie in unserer Abendblatt-Podcast-App und auf abendblatt.de slash podcast Musik.

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