Im Krisenmodus· Folge 135

Belagerung, Flucht, Verrat – Stimmen aus dem kollabierenden Nordostsyrien

Mittwoch, 11. Februar 2026 · 45 min

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Shownotes

Eine Schule in Qamischli als Notunterkunft, ein alter Mann, der sagt: „Wir Kurden haben keinen Freund“, eine Frau aus Afrin, die seit Jahren nur noch in Übergangszimmern lebt – und ein Funktionär der Selbstverwaltung, der warnt: „ISIS ist zurück. Und stärker als zuvor.“
FUNKE-Kriegsreporter Jan Jessen (nrz.de/politik/article410904986/aufstand-gegen…) war im Nordosten Syriens unterwegs und hat für unseren Podcast „Im Krisenmodus“ mit Menschen gesprochen, die die Belagerung von Kobane, den Deal mit Damaskus und das Wiedererstarken dschihadistischer Gruppen am eigenen Leib erleben.
Was bedeutet das für die Kurden, für Minderheiten – und für Europas Sicherheit?

Gäste / Stimmen in dieser Folge:

Ilhan Omar Sido – 55, Geflüchtete aus Afrin / Raqqa
Moham Hassan – 76, mehrfach vertrieben
Hamo – SDF-Kämpfer an der Front
Khaled Ibrahim – Vertreter der kurdischen Selbstverwaltung
Sozialarbeiterin der EMMA-Organisation (Jesidinnen)
Weitere Geflüchtete aus Qamischlo und dem Umland

🧭 Kapitelübersicht

1 – Krieg vor der Haustür: Was in Nordostsyrien zusammenbricht
Belagerte Städte, geflohene Familien und ein Deal, der die Selbstverwaltung beendet.
2 – „Wir Kurden haben keinen Freund“
Ilhan aus Afrin und Moham aus Kobane erzählen von Jahren der Flucht – und ihrer Angst vor dem Morgen.
3 – Frontlinie bei Raqqa
SDF-Kämpfer Hamo beschreibt Drohnenangriffe, Stammesmilizen und den Zusammenbruch des Bündnisses mit arabischen Gruppen.
4 – „ISIS ist zurück – stärker als zuvor“
Khaled Ibrahim ordnet die Lage ein: Freigelassene IS-Kämpfer, schwache Kontrolle und ein zerfallendes Sicherheitsgefüge.
5 – Die Angst der Minderheiten
Jesidische Sozialarbeiterinnen berichten von verschleppten Frauen, Machtvakuum und der Furcht vor neuer Gewalt.
6 – Verrat, Machtspiele, offene Fragen
Was der Zusammenbruch für die Region, die Kurden – und Europa bedeutet. Jans Fazit.

🎧 Hör-Empfehlungen
Gefangene in Syrien - die Zukunft der IS-Terroristen (morgenpost.de/podcast/article407271541/gefange…)
Syrien im Umbruch: Jubel, Hoffnung und neue Gefahren (morgenpost.de/podcast/article407869305/syrien-…)
Kobane - die Stadt, die nicht fällt (morgenpost.de/podcast/article408677960/kobane-…)

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Im Krisenmodus ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe

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Im Norden Syriens hat sich in den vergangenen Tagen und Wochen einmal mehr ein Drama ereignet. Anhaltende Kämpfe haben Zehntausende von Menschen in die Flucht getrieben. Die kurdisch dominierte Selbstverwaltung ist kollabiert. Damaskus, die Zentralregierung, hat die Macht im Norden Syriens übernommen und viele, viele Menschen dort haben jetzt Angst vor der Zukunft.

Wie lebt man, wenn Flucht kein Ausnahmezustand mehr ist, sondern Alltag? Und vielleicht die wichtigste Frage, warum sagen so viele Kurdinnen und Kurden gerade jetzt, Wir haben keine Freunde mehr. Deutschland verschließt die Augen. Wir Kurden haben keinen Freund. Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen.

Hallo, ich bin Jan Jessen, Kriegs- und Krisenreporter für die Funke Mediengruppe. Ihr findet meinen Artikel in der NRZ, der WRZ, der Berliner Morgenpost und dem Hamburger Abendblatt. Ich bin kürzlich in den Nordosten Syriens gereist, in ein Gebiet, das sich in den letzten Wochen dramatisch verändert hat.

Die SDF, die kurdisch dominierten Streitkräfte, die dort die Kontrolle hatten in den vergangenen Jahren, haben einen Deal mit der syrischen Übergangsregierung geschlossen. Auf dem Papier soll es die Kämpfe beenden, die dann in den vergangenen Wochen ausgebrochen waren. Tatsächlich bedeutet es das Ende der Selbstverwaltung, manche Leute sagen, das Ende eines Traums von einem selbstverwalteten, autonomen kurdischen Gebiet.

Und ich wollte wissen, was das, was da passiert, für die Menschen in der Region bedeutet und ich habe mit vielen, vielen Menschen vor Ort gesprochen. Ich war vor allem in Kamishloh. Kamishloh, das ist eine der größten kurdischen Städte im Norden Syriens und wir haben auch in diesem Podcast schon mehrfach über die Region berichtet.

Die Folgen packen wir euch in die Shownotes rein. Und ich bin zu einer Zeit dahin gereist, als heftige Kämpfe tobt, als nicht klar war, wird es da zu Massakern kommen, wird es da zu blutigen Auseinandersetzungen kommen, zu einem großen Krieg zwischen der Zentralregierung in Damaskus und den Truppen dieser Zentralregierung und den kurdisch dominierten Streitkräften SDF.

In den Tagen, bevor ich da hingekommen bin, waren die Streitkräfte der Übergangsregierung schon vorgerückt. Massiv hatten Städte wie Dayasur oder Raqqa oder Tabqa eingenommen. Das sind Städte, die mehrheitlich von Araberinnen und Arabern bewohnt sind. Und jetzt, als ich da war, standen die Streitkräfte der Übergangsregierung kurz vor den kurdischen Kerngebieten.

Das sind Städte wie Kamischloh, wo ich war, oder Hasake, Amudi, Derik und andere. Und es war auch in einer Zeit, in der Kobani, eine Stadt, die wie kaum eine andere symbolträchtig ist für die Kurdinnen und Kurden, unter Belagerung stand. Und zur Zeit der Aufnahme dieses Podcasts ist Kobani auch immer noch unter Belagerung.

Kobani ist deswegen so interessant, weil Kobani die Stadt war. Die 2014, 2015 dem IS, dem islamischen Staat, massiven Widerstand geleistet hat, wo tausende von Kurdinnen und Kurden gestorben sind und wo der IS zum ersten Mal eine Niederlage erlitten hat. Im Grunde genommen ist in Kobani damals das Ende des Terrorkalifats eingeleitet worden.

Damals ist auch eine Allianz geschmiedet worden zwischen den SDF und der amerikanischen Anti-IS-Koalition. Die hat eigentlich viele, viele Jahre gehalten und jetzt kürzlich ist diese Allianz eben aufgebrochen worden, aufgekündigt worden von den Amerikanern. Und das hat der Zentralregierung in Damaskus die Möglichkeit gegeben, vorzustoßen auf die kurdischen Gebiete und die bislang von den SDF eingenommenen oder kontrollierten Gebiete zu erobern.

Und in Kamishloh, da hat man das sehr deutlich sehen können, was das zufolge hat. In Kamishloh waren tausende von Geflüchteten, die vor eben diesen Kämpfungen geflohen waren. Tausende von Menschen, die in Schulen untergebracht waren, die in Moscheen untergebracht waren, in Verwaltungsgebäuden untergebracht waren. und die humanitäre Lage war sich dabei eben auch sehr, sehr angespannt, muss man sagen.

Die Selbstverwaltung in Kamishlova war völlig überfordert mit dem, was da gekommen ist. Es gab relativ wenig internationale Hilfe, aber es gab eben kurdische Hilfsorganisationen, die da Unterstützung geleistet haben. Auf der einen Seite syrisch-kurdische Organisationen namens Haibasor, kurdischer Rote Halbmond, und auf der anderen Seite eine irakisch-kurdische Organisation namens Balazani Charity, die mit weit über 100 Leuten aus dem Nachbarland Irak nach Syrien gekommen sind, um die kurdischen Geflüchteten zu unterstützen.

Und in einer dieser Schulen, da habe ich dann mit mehreren Geflüchteten gesprochen. Unter anderem mit Ilhan Omar Sido. Sie war 55 Jahre alt und hat mit ihrem Bruder und ein paar persönlichen Sachen, die sie mitnehmen konnte, in einem Schulzimmer in Kamischlo gesessen. Auch eine dieser vielen Schulen, die jetzt belegt sind mit Geflüchteten.

Das sind ziemlich heruntergekommene Gebäude. Es war auch ziemlich kalt, als wir da waren, muss man sagen. Seit Tagen davor hat es geschneit. Die Witterungsbedingungen waren also nicht gerade toll und sie hat also mit ihrem Bruder in diesem Zimmer gesessen und hat, und das ist ein Schicksal, was eben viele Leute teilen, mir auch erzählt, dass sie nicht zum ersten Mal geflohen ist, sondern sehr, sehr häufig geflohen ist und jetzt gerade eben aus Raqqa kommt.

Das liegt weiter südlich. Das ist eine mehrheitlich arabisch bewohnte Stadt. Und diese Stadt war einmal die Hauptstadt des IS in Syrien zwischen 2013 und 2017, ist dann 2017 von den SDF befreit worden, die eben nach 2017 die Kontrolle in Raqqa hatten, und jetzt eben aus Raqqa wieder vertrieben worden sind durch die Truppen der Zentralregierung.

Und Ilhan sagt auch, dass das Leben in Raqqa für Kurdinnen und Kurden nicht besonders einfach war. Die Araber aus Raqqa haben uns angegriffen. Nachdem wir weggegangen sind, wurde unser Haus bzw. Die Einrichtung gestohlen. Die Araber aus Raqqa haben das gegen alle Kurden gemacht. Ich habe vier Jahre. Ich habe mich nicht in Herbst.

Ich habe mich nicht in Herbst. Und Ilan hat auch erzählt, dass sie eben mehrfach geflohen ist. Das, wie gesagt, war im Grunde genommen etwas, was mir alle erzählt haben, mit denen ich da vor Ort gesprochen habe. Ilan ist aus Afrin gekommen. Afrin, das liegt im Nordwesten Syriens. Afrin war eine kurdisch kontrollierte Enklave bis 2018.

Und dahin ist Ilan seiner Zeit geflohen, weil Afrin galt über viele Jahre während des Syrischen Bürgerkrieges als so eine Art sicherer Hafen. Das hat sich 2018 geändert, als die türkische Armee in Afrin eingefallen ist, zusammen mit islamistischen Militionären, die von der Türkei bezahlt wurden, unterstützt wurden.

Und als die türkische Armee, wie gesagt, 2018 in Afrin eingefallen ist, Afrin besetzt hat, da sind in seiner Zeit viele Menschen aus Afrin geflohen, darunter auch Ilan. Ich bin in der Türkei, ich bin in der Türkei, ich bin in der Türkei. Ich bin in der Türkei, ich bin in der Türkei, ich bin in der Türkei.

Die Türken haben uns massiv bombardiert, teilweise mit Flugzeugen. Aus diesem Grund sind wir von Afrin geflohen und sind nach einem Ort namens Al-Shaba gekommen. Al-Shaba wiederum war sozusagen die nächste östlich von Afrin gelegener kurdische Enklave. Das hat auch nicht lange gehalten. Also die Menschen haben da zwar einige Jahre leben können in dieser Enklave, das waren auch Unterbringungsgeschichten, die wirklich sehr, sehr prekär waren.

Das waren Lager, Camps, teilweise haben sie in Rohbauten gelebt und das ging im Grunde genommen sechs Jahre gut. Also wie gesagt, die Menschen haben da unter prekären Bedingungen gelebt, aber waren zumindest einigermaßen sicher. Ende 2024 hat das sich wieder massiv verändert, denn seinerzeit sind die sogenannten Naya Tariya Shamba nach vorne marschiert.

Das ist die Miliz, die islamistische Miliz, deren Führer der jetzige Übergangspräsident Ahmad al-Chara ist, damals noch unter seinem Kampfnamen Jolani bekannt. Und ihr werdet euch erinnern, dass dieser Vormarsch im November 2024 sehr, sehr rapid und schnell ging. Und erstmal diese HTS-Truppen, Hayatari al-Cham-Truppen, erstmal Richtung Aleppo, dann Hama Homs vorgestoßen sind, bevor sie die Macht in Damaskus übernehmen konnten.

Parallel zu diesen Leuten, zu den Hayatari al-Cham, ist auch die sogenannte syrische Nationalarmee vorgestoßen. Das sind eben genau diese Truppen, die mit der Türkei verbündet sind. Und in diesem Zusammenhang haben sie Al-Chabar eingenommen, also den Ort, wo die Geflüchteten außer Frieden lebten. Und dann mussten die wieder fliehen und sind von Afrin aus, in diesem Fall Ilhan, nach Raqqa geflohen.

Ja und jetzt, wie gesagt, müssten sie nochmal fliehen und noch einmal vor islamistischen Truppen abhauen und haben sich jetzt eben nach Kamishlo und die kurdischen Kerngebiete in Sicherheit gebracht. Ilhan hat mir auch erzählt von einem Sicherheitsmenschen, der in Raqqa erschossen wurde und der wohl auch ein Kind hatte, das bislang spurlos verschwunden ist.

Was genau in Raqqa passiert ist, da gibt es unterschiedliche Narrative, also es gibt Bilder und Videos von arabischen Menschen, die sich freuen. Dass die Kurden da verschwunden sind, dass die Kurden da vertrieben worden sind. Gleichzeitig sagen die Kurdinnen und Kurden, dass sie da misshandelt wurden in Raqqa, schon bevor die Stadt eben eingenommen wurde von der Übergangsregierung, dass sie auch Geschichten gehört haben, viele schlimme Geschichten gehört haben, von Misshandlungen, von Plünderungen und ähnlichen Dingen.

Ganz genau wird man das wahrscheinlich erst in Zukunft herauskriegen, was in Raqqa passiert ist. Klar ist jedenfalls Ilhan, diese Frau, mit der ich mich da unterhalten habe, die hat sehr, sehr große Angst vor der Zukunft. Und das gilt nicht nur für die aktuelle Situation, sondern auch perspektivisch.

Nämlich, sie hat mir erzählt, dass sie große Angst vor dem islamischen Staat hat. Also dieser Terrororganisation, die zwar territorial besiegt wurde von den kurdischen Streitkräften, die aber immer noch mit vielen Kämpfern in der Region unterwegs ist. Und gleichzeitig hat sie aber auch Angst vor den Milizen, die eben in Raqqa geblieben sind, die eigentlich die Truppen der Übergangsregierung sind.

Ich habe auch in dieser Schule in Kamishloon, in der ich war, ein paar Räume weiter einen älteren Mann getroffen, Moham Hassan, 76 war der. Und der ist aus Kobani vertrieben worden, ist dann nach Afrin gegangen, dann nach Aleppo gegangen, später dann nach Raqqa, Aleppo. Da gab es eine große Millionenmetropole im Norden Syriens, da gab es kurdische Stadtviertel und diese kurdische Stadtviertel sind Anfang Januar attackiert worden von der Übergangsregierung. Da gab es heftige Gefechte, viele Tote, offensichtlich auch viele Kriegsverbrechen.

Und damit hat im Grunde genommen der Vorstoß dieser Truppenübergangsregierung auf die kurdischen Gebiete begonnen. Damit hat das Ende der Selbstverwaltung begonnen mit den Kämpfen um Aleppo Anfang Januar diesen Jahres. Das hat Mohamed Hassan eben miterlebt. Er ist, wie gesagt, dann aus Raqqa auch noch vertrieben worden und hat mir erzählt von Dingen, die zumindest in vielen Videos auch zu sehen sind, wo man einfach gucken muss, auch ob das alles tatsächlich so stimmt oder ob da möglicherweise auch ein bisschen Propaganda dabei ist.

Jedenfalls hat man ja mehr erzählt von Frauen, die der IS oder die Milizen in Aleppo aus den Fenstern geworfen hätten. Es gibt tatsächlich Videos, aber da sieht man eben eine tote Kämpferin, die aus dem dritten Stock geworfen wird. Das ist natürlich grauenhaft, die Behandlung oder Misshandlung von getöteten Kämpferinnen und Kämpfern.

Aber es sind also keine lebenden Frauen meines Wissens aus irgendwelchen Fetzern geschmissen worden. Was offensichtlich passiert ist, dass verletzte Kämpferinnen und Kämpfer in der Region Aleppo erschossen worden sind. Dass es definitiv zu Misshandlungen von Kriegsgefangenen gekommen ist, also dass sie beschlagen wurden, beschimpft wurden und ähnliche Dinge.

Und was die Kurdinnen und Kurden auch völlig empört hat, war ein Video, was publiziert worden ist aus arabischen Kreisen, wo man einen Menschen sah, der den Zopf einer Kämpferin in der Hand hatte und damit geprahlt hat. Diese Zöpfe, das ist auch so ein Zeichen kurdischer Identität der Frauen. Und das hat die Leute natürlich schwer empört. Am Ende, mittlerweile heißt es, das sei irgendwie ein Scherz gewesen und stamme gar nicht von einer kurdischen Kämpferin. Aber das sind natürlich alles Dinge, diese Videos, die da publiziert worden sind, die Bilder, die publiziert worden sind, die Berichte der Geflüchteten.

Das sind natürlich alles Dinge, die da für massive Aufregung, für massive Verunsicherung gesorgt haben, insbesondere bei den Menschen, die fliehen mussten. Und was die Kurden und Kurdinnen vor allem auf den Baum bringt, was sie wirklich wütend macht, und das war bei allen, mit denen ich da an Kamischl gesprochen habe, aber auch in anderen Städten, in denen ich da unterwegs war, ist das Gefühl, dass sie im Stich gelassen worden sind vom Westen, von den früheren Verbündeten, an deren Seite sie über viele Jahre gekämpft haben.

Die Welt sieht alles und hilft nicht. Trump, Erdogan, die arabischen Länder, alle sind gegen uns. Er hat auch erzählt, dass sie seit Tagen keinen wirklichen Zugang mehr zu Nachrichten haben. Es gibt natürlich in den Flüchtlingsunterkünften keine Fernseher. Das Telefon, was er dabei hat, das auch nicht mehr funktioniert.

Das kriegt natürlich auch zur Verunsicherung bei, wenn man eben nur sporadische Nachrichten bekommt. Und ja, es ist natürlich eine schwierige Situation für diese Leute. Und zu diesem Gefühl, dieser Hilflosigkeit, kriegt natürlich auch die ständige Vertreibung bei. Ilan hat das ziemlich auf den Punkt gebracht.

Wir leben seit Jahren nur noch in Übergangszimmern. Afrin, Schaba, Raqqa, jetzt dieses Zimmer. Ich weiß nicht, wohin wir morgen gehen. Wenn wir uns in der Kirche und in der Kirche gehen, dann können wir uns in der Kirche gehen. Und dann können wir uns in der Kirche gehen. Was mir aufgefallen ist bei dieser Reise ist, dass das Verhältnis zwischen, Arabern und Kurdinnen und Kurden, dass das, glaube ich, durch das, was jetzt in den vergangenen Wochen geschehen ist, nochmal einen massiven Schaden bekommen hat.

Das Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen scheint sehr, sehr tief zu sein. Wie gesagt, es gibt unzählige Videos, wo Kämpfer der Übergangsregierung, das sind eben alles Araber, Kurdinnen und Kurden misshandeln, beschimpfen. Man hört immer wieder auf den Videos dieses Al-Waqba, Al-Waqba als Kampfruf von Islamisten und das, wie gesagt, führt zu einem großen, großen Misstrauen.

Es gab auch in Raqqa, als Raqqa von der Übergangsregierung erobert wurde, kurz mal Bilder von IS-Fahnen, die gehisst wurden. Und das macht es natürlich nicht einfacher, für die Kurdinnen und Kurden der Übergangsregierung zu vertrauen, die ohnehin keinen wirklich guten Läumund bei den Minderheiten in Syrien hat.

Auch das haben wir ja in früheren Folgen schon besprochen, dass die Drusen im Süden des Landes, dass die Christen oder die Alawiten im Westen des Landes, dass die nicht so wirklich wissen, wie ihr Platz sein wird in dem neuen Syrien und dass sie da entsprechende Ängste haben. Und Ilham hat einem auch erzählt, dass die Einwohnerinnen und Einwohner ohnehin immer Sympathien hatten für den IS, dass sie immer ihre Waffen behalten haben und jetzt auch wieder offen zu den Waffen gegriffen haben, dass ihre Türen beschmiert wurden und dass sie Angst hat, egal wer da gekommen ist.

Und das hat mir auch ein weiterer Mann aus Sofrien erzählt, auch der kam aus Raqqa. Und hat dann eben erzählt, wie das eben damals war, als sie aus dieser Enklave geflohen sind. Er sagt auch, dass im Grunde genommen sie jetzt keine konkreten Pläne mehr haben. Es sind einfach nur noch Taschen, die sie jetzt immer gepackt haben.

Weil wenn du in zehn Jahren drei, vier Mal fliehen musstest, jedes Mal alles zurücklassen musstest, dann ist es natürlich so ein bisschen schwierig, eine Zukunftsperspektive aufzubauen. Und das war eben auch so, dass ich mich bei diesen Leuten getroffen habe. Aber die wirkten alle sehr, sehr erschöpft, sehr, sehr müde und ausgelaugt und natürlich entsprechend hoffnungslos.

Ich war dann auch in der Peripherie ein bisschen unterwegs, also ich war zu einer Zeit da, als nicht so wirklich klar war, was wird da jetzt passieren. Die Truppen der Übergangsregierung standen kurz vor den kurdischen Kerngebieten. Es wurde zu der Zeit bei Hasaker gekämpft, es gab zumindest mal Stammützel, bei Kamischlom, es gab besonders bei Kobani, das ist eben weiter westlich.

Da gab es zum einen diese Belagerungssituationen und zum anderen auch massive Gefechte. Kobani spitzt sich auch Stand heute zur Zeit der Aufnahme dieses Podcasts die humanitäre Situation zu, weil kaum Hilfsgüter in die Stadt reinkommen, die Menschen darüber klagen, dass sie nicht genug zu essen haben, nicht genug Kerosin haben, um Generatoren zu betreiben oder zu heizen.

Dass kaum noch Medikamente da sind und ähnliche Dinge. Und also da spitze ich die Situation auch noch heute zu. Und ich wollte natürlich, als ich da war, auch wissen, wie ist die militärische Situation. Also in Kamischloh selbst, das war ganz spannend. Sobald die Nacht anbrach, sah man überall an allen Straßenkreuzungen und an allen Kreisverkehren Feuer. Da waren dann Leute, Bürger werden, die sich da zusammengeschlossen hatten, bewaffnet hatten mit teilweise uralten Kalaschnik, auch so der Gewehren oder sowas.

Und die dann herumstanden und versucht haben, ihre Stadt zu sichern, weil sie der Meinung waren, dass in der Stadt selber Schläferzellen des IS seien, die da möglicherweise jederzeit aktiviert werden könnten. Und auf der anderen Seite waren sie der Meinung, wenn die Truppen der Übergangsregierung kommen, dann werden wir Kamischnu verteidigen.

Und ich habe dann auch mal versucht, mit den SDF selber, also nicht mit den Bürger werden, mit denen habe ich auch gesprochen, aber vor allem mal mit den SDF selber zu sprechen und habe da dann ein paar Kilometer außerhalb von Kamischlo einen jungen Kämpfer namens Hamo getroffen. Der hatte da Position bezogen mit einigen anderen an einem niedrigen Erdball.

Es waren so alte Ruinen von Lehmhäusern. Vorher waren es weitläufige Felder und in seinem Hintergrund einige Dörfer, in denen schon die Truppen der Übergangsregierung sitzen sollten, hat er mir erzählt. Und das ist eine relativ bunte Truppe, muss man sagen. Das sind einmal die Streitkräfte von der Hayat Al-Jahm, also der Kerntruppe des Übergangspräsidenten, mittlerweile integriert in die Streitkräfte auch diese SNA-Milizen, also die mit der Türkei verbindeten Milizen, mittlerweile auch nach Angaben der SDF, auch das kann natürlich Propaganda sein, auch ehemalige IS-Leute, die ja mittlerweile in die Streitkräfte integriert worden sind.

Und, und das war jetzt so ein entscheidender Punkt, bei den jüngsten Auseinandersetzungen arabische Stammesmilizen, die vorher unter dem Banner der SDF gekämpft haben. Also das war ein eigentlich entscheidender Punkt, dass diese arabischen Milizen sozusagen die Seiten gewechselt haben, sich auf die Seite der Übergangsregierung geschlagen haben.

Sich gegen die Kurdinnen und Kurden aufzustellt haben, mit denen sie jahrelang zusammengearbeitet hatten. Auch das übrigens ist natürlich ein Grund, weswegen das Misstrauen den Araberinnen und Arabern gegenüber seitens der Kurdinnen und Kurden jetzt massiv ist. Hamo hat mir erzählt, dass es also an dem Tag, als wir da waren, ruhig gewesen sei.

Später, das kann ich jetzt schon verraten, hat dieser Waffenschildstand, der kurz so vor auf Einladen worden war, gehalten, zumindest im Bereich Kamischlo. Und trotzdem hat er mir natürlich gesagt, dass dieser Punkt, an dem ich ihn getroffen habe, strategisch wichtig sei. Dieser Punkt hier ist wichtig, weil er nah an der Front ist.

Vor uns sind Dörfer voller Feinde, Milizen, Stammeskämpfer, Leute, die sich als Armee ausgeben. Ein Problem, was die Kurdinnen und Kurden haben, ist, dass sie keine Luftwaffe haben. Also die SDF hatten nie eigene Hubschrauber oder Kampfjets oder ähnliche Dinge. Sie hatten auch keine Langstrecken-Drohnen wie die türkische Bayraktar-Drohne.

Sie hatten nie schwere Artillerie oder Panzer. Und deswegen hat es die Übergangsregierung auch einfach, sie sozusagen aus diesen arabischen Gebieten zu vertreiben, aus Raqqa, Tabqa, aus Manbij oder aus Daya Sur. Nicht nur, weil die Araber die Seiten gewechselt haben, sondern auch, weil die Übergangsregierung eben über schweres Gerät verfügt, über schwere Atelierten verfügt, aber auch türkische Luftunterstützung bekommt in Form von diesen Barakterdrohnen.

Das sind große, große Drohnen, die mit Raketen bestückt werden können und entsprechend dann Stellung am Boden zerstören können. Und ich habe diesen jungen SDF-Kämpfer auch gefragt, wie sie denn gegen diese Drohnen, die Artillerie oder die Luftschläge standhalten und wie sie es schaffen, da trotzdem motiviert zu bleiben.

Trotzdem schaffen sie es nicht, hier Boden zu halten. Solange wir nur einen Tropfen Blut haben, geben wir unser Land nicht her. Ja, ein Thema, ich habe es ja schon angedeutet, was in der Region natürlich auch eine große Rolle spielt, ist die Frage der IS, also jenseits der Frage der Übergangsregierung oder der Milizen, die mit der Übergangsregierung verbündet sind.

Ist immer die große Angst, dass der IS wieder stark werden könnte. Tatsächlich gibt es Hinweise von Leuten, die sich in diesem Bereich sehr gut auskennen, unter anderem der irakische Geheimdienstchef, der kürzlich der Washington Post, ein Interview übergeben hat und im Interview gesagt hat, dass die Zahl der IS-Kämpfer oder derjenigen, die unter dem schwarzen Bein des IS kämpften, dass die massiv angestiegen sei im vergangenen Jahr.

In Syrien Anfang des Jahres, also zu der Zeit, als Assad gestürzt wurde, da seien noch etwa 2.000 IS-Kämpfer in der Region unterwegs gewesen. Jetzt seien es mittlerweile 10.000. Darunter seien eben auch viele dieser neuen IS-Kämpfer, die zu diesen arabischen Stämmen gehören, die früher in Gebiete lebten, die von den Kurden kontrolliert waren.

Also er spielt natürlich auf Städte wie Raqqa an. Raqqa, wie gesagt, die ehemalige Hauptstadt des IS. Und diese Gefahr, die sehen eben auch viele Leute in der Region. Der junge SDF-Kämpfer hat das relativ entspannt abgetan. Das ist keine Challenge. Wir werden gewinnen. Aber andere Leute, mit denen ich da vor Ort gesprochen habe, sind das eben schon deutlich kritischer.

In Kamish habe ich später gesprochen mit Khaled Ibrahim. Das ist einer der ranghöchsten Vertreter der kurdischen Selbstverwaltung. Der sitzt im außenpolitischen Board, also ist sozusagen der außenpolitische Sprecher der Selbstverwaltung und gleichzeitig in der Selbstverwaltung verantwortlich für die Terrorangelegenheiten.

Und er hat zunächst einmal gesagt, und da muss man sagen, muss man halt auch immer ein bisschen vorsichtig sein, sie fächern das immer sehr, sehr groß auf. Also insbesondere die kurdischen Funktionäre der Selbstverwaltung sehen da eben niemals nur einen Regionalkonflikt, sondern das ist immer etwas Größeres, was sie ja hinter vermuten.

Und das hat mir Khaled Ibrahim immer sehr deutlich gesagt. Ich habe einen Scherr. Was hier passiert, ist nicht nur ein Konflikt zwischen SDF und Damaskus. Es ist ein Krieg, in dem viele Länder ihre Hände haben. Also da muss man natürlich sagen, da ist das eine oder andere Wahre dran. Also die Türkei hat immer das Ziel verfolgt, die kurdische Selbstverwaltung im Norden Syriens zu zerschlagen.

Für die Türkei war das im Grunde genommen ein Protostaat der PKK, also der kurdischen Arbeiterpartei, die in der Türkei als Terrororganisation gilt, auch in Deutschland als Terrororganisation gilt und in anderen europäischen Ländern. Und für die Türkei waren die Vertreterinnen und Vertreter der Selbstverwaltung eigentlich immer Leute, die nichts anderes als PKK waren. Deswegen hat die Türkei immer daran gearbeitet, die Selbstverwaltung zu zerstören.

Afrin überfallen 2018, 2019, nochmal eine Völkerrechtsinvasion in den Norden Syriens hineingestartet. Und natürlich war es immer Absicht der Türkei, dass es da kein autonomes Kurdengebiet gibt, oder gar ein unabhängiges Kurdengebiet gibt, sondern hat im Traubild irakisch Kurdistans, da gibt es ja eine weitgehende Autonomie für die Kurden und Kurden.

Und das wollte die Türkei immer verhindern. Und insofern haben die Kurden schon nicht ganz unrecht, wenn sie sagen, dass die Türkei da ein Wesentliches zu beigetragen hat, dass die Übergangsregierung an ihrem Ziel festhält, einen syrischen Zentralstaat zu machen, ohne eben weitgehende Autonomie von Drusen, Alawiten oder von Kurden.

Khaled Ibrahim sagt konkret. Vielen Dank. Die Türkei arbeitete an einer Strategie, die uns Kurden schwächen sollte. Ihr Ziel ist die Vernichtung der Kurden durch Rassismus und interne Kriege, alles in dunklen Räumen vorbereitet. Wie gesagt, ob das alles in dunklen Räumen vorbereitet worden ist. Es ist aber so ein Wording, da muss man immer so ein bisschen aufpassen.

Man hat den Eindruck, das geht so ein bisschen in den Verschwörungstheorienbereich rein. Aber natürlich, wie gesagt, hat er recht, dass die Türkei da ihr eigenes Spiel spielt. Jetzt die große Regionalmacht in der Region ist neben Israel und ihren Einfluss weiter ausbauen will. Die Türkei hat zum einen, wie auch schon gesagt, diese syrische Nationalarmee massiv unterstützt, die quasi ihre bewaffneten Truppen auf dem Boden waren.

Sie unterstützt jetzt auch die Übergangsregierung und erhofft sich natürlich dadurch, dass sie ihren Einfluss dann noch vergrößert. Und dann habe ich noch mit Khalif Ibrahim, wie gesagt, er ist der Verantwortliche bei Terrorismusangelegenheiten. Mit dem habe ich dann auch über den IS gesprochen. Es ist vor allem deswegen auch ein Thema der IS, weil die Kurden bislang mehrere Gefängnisse unter ihrer Kontrolle hatten, mehrere Lager unter ihrer Kontrolle hatten, Gefängnisse, in denen Tausende IS-Kämpfer inhaftiert waren und sind.

Und auf der anderen Seite Camps, in denen Zehntausende von IS-Angehörigen sitzen, die als teilweise immer noch super radikal gelten. Über die Camps und die Gefängnisse haben wir schon mal gesprochen in diesem Podcast. Packen wir euch auch in die Show Notes rein. Und jetzt sind zumindest einige dieser Gefängnisse unter der Kontrolle der Zentralregierung in Damaskus.

Also seit die Selbstverwaltung kollabiert ist, seit die Übergangsregierung vormarschiert ist, sind Gefängnisse beispielsweise in Raqqa oder ein Camp wie Al-Hol, ein riesengroßes Camp mit die IS-Angebirgenden. Die sind jetzt unter der Kontrolle der Zentralregierung und das hat, sagt Ibrahim, problematische Folgen.

Wir machen das, dass wir in der Schweiz einladen können. In der Schweiz haben wir eine große Herausforderung, eine große Herausforderung, eine große Herausforderung. Wir haben eine neue Technologie, die wir in der Schweiz haben, die wir in der Schweiz haben. Viele IS-Kämpfer wurden freigelassen, neu organisiert und haben sich wieder der syrischen Armee angeschlossen.

Auch den Amerikanern, die die Kurden im Stich gelassen haben, die also jahrelang mit den SDF zusammengearbeitet haben, für die die SDF die Bodentruppe war, um den IS zu besiegen. Die, wie gesagt, haben ja die Kurden jetzt fallen gelassen, haben gesagt, naja, jetzt ist euer Job erledigt im Kampf gegen die IS und wir unterstützen die Zentralregierung, wir unterstützen Al-Shara.

Davon versprechen wir uns ein bisschen mehr als euch zu unterstützen. Allerdings scheint auch den Amerikanern das nicht ganz geheuert zu sein. Diese Zentralregierung, man darf nicht vergessen, Al-Shara war bis vor kurzem noch ein gesuchter Terrorist, auf dem im Kopf von 10 Millionen Dollar ausgesetzt worden war, von den Amerikanern.

Das hat sich erst im vergangenen Jahr geändert, nachdem er die Macht übernommen hat in Damaskus. Er war selber jemand, der mit der Al-Qaida verbündet war, also der Konkurrenz-Terrororganisation zum IS. und insofern scheint man ihm jetzt trotz aller Bekundungen nicht so wirklich zu vertrauen. Ein Indiz dafür ist, dass die Amerikaner mittlerweile mehrere tausend inhaftierte IS-Kämpfer in den Irak verlegt haben, wo sie in andere Gefängnissen untergebracht werden sollen.

Zum Zeitpunkt, als ich mit Khaled Ibrahim gesprochen habe, waren das 500, mittlerweile sollen es über 2000 sein, Insgesamt wollen die Amerikaner 7000 dieser internationalen IS-Leute verteilen. Darunter sind übrigens auch einige Deutsche. Wie viele genau, weiß man nicht. Also man schätzt um die drei Dutzend Deutsche, die sich dem IS seinerzeit angeschlossen haben und die seitdem, beziehungsweise seit 2019 in den Gefängnissen sitzen.

Und ja, wie gesagt, für mich ist das ein deutliches Indiz dafür, dass man der Übergangsregierung trotz aller sympathiebekundungen seitens Washington nicht so wirklich glaubt. Und Khaled Ibrahim, der hat seine ganz klare Meinung zu dem, was da gerade passiert. ISIS ist zurück und viel stärker als zuvor. Die Region ist in extremer Gefahr, auch Europa.

Wer insbesondere sehr, sehr große Angst hat und sehr in Unruhe ist, auch Grund der Entwicklung, das sind die Jesidinnen und Jesiden. Ihr werdet euch erinnern, Jesidinnen und Jesiden, das ist eine religiöse Minderheit in der Region, die vom IS seinerzeit besonders brutal verfolgt worden ist. Die IS-Fanartiker sagen, die Jesidinnen und Jesiden, die seien Teufelsanbeter und müssten deswegen vernichtet werden.

Als er jetzt 2014 vormarschiert ist, sind allein in der irakischen Schingal-Region Tausende von Menschen ermordet worden, sind Tausende von Frauen versklavt worden und als Sexsklavinnen verkauft worden, von denen fehlt von über 2000 Leuten noch immer jede Spur. Und ich habe in Amrudi, eine weitere Stadt im Nordosten Syriens, da habe ich eine Organisation namens EMMA besucht.

Und das ist eine Organisation, die sich eben um diese verschleppten Frauen kümmert, die zum einen psychosoziale Betreuung anbietet für diejenigen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben und so furchtbare Dinge durchmachen mussten wie diese Frauen. Die aber auf der anderen Seite auch versuchen, die Frauen, die immer noch zehn Jahre, nachdem sie entführt worden sind oder mittlerweile fast zwölf Jahre, nachdem sie entführt worden sind, die immer noch in Gefangenschaft sind, die versuchen, die zu befreien.

Und das ist ja zu kompliziert, das im Detail zu erklären. Aber sie haben im vergangenen Jahr beispielsweise zehn dieser Frauen befreien können. Und spannend fand ich, dass diese Frauen eben nicht aus irgendwelchen Camps wie Al-Hol oder Al-Rosch rausgeholt worden sind, sondern, wie sie mir erzählt haben, aus Idlib.

Idlib, das ist die Provinz, in der in den vergangenen Jahren die Hayataria Shanda sagen hatte. Also die Organisation, die der jetzige Übergangspräsident angeführt hat. Das ist so ein spannendes Detail, was irgendwie schon darauf hindeutet, dass es da Überschneidungen zwischen dem IS und dieser Hayataria Shanda gibt.

Wie gesagt, zehn Frauen, die da rausgeholt wurden, alle aus Idlib und zum Teil eben, Das haben sie mir dabei einmal auch erzählt, zum Teil verheiratet mit hochrangigen Funktionären der Hayatari Ascham. Ich habe da dann auch eine Sozialarbeiterin getroffen, die mir erzählt hat, wie die Jesidinnen und Jesiden sich gerade fühlen.

Ehrlich gesagt stehen alle hier unter Druck und haben Angst um die Zukunft der Minderheit. Vielleicht lebt diese kleine Gruppe ja ausschließlich hier. Allein vor Gericht leben drei oder vier Millionen Menschen. Und sie alle haben Angst, nicht um den Staat Syrien, denn es gibt ja keinen Staat mehr. Wenn wir ehrlich zu uns selbst und zu den Älteren sein wollen, dann sind sie IS-Anhänger, weil der Hass auf den Staat jetzt von Jabra angeführt wird.

Und seine Geschichte ist geprägt von ständigen Übertritten, von einer Gruppe zur anderen. Und alle von ihnen sind Dschihadisten. Und die Leute, die ihm geholfen haben, jetzt an die Macht zu kommen, repräsentieren nicht das syrische Volk. Sie kennen von Jabhat al-Nasra und seine Geschichte ist voll von Bewegungen, von einem Gruppen zu einem anderen und alle von ihnen sind jihadi.

Und die Leute, die ihm jetzt in dem Staat als Regierung helfen, sie repräsentieren nicht die syriischen Menschen. Ja, und das ist etwas, was übrigens nicht nur für Syrien gilt. In der Schinga-Region beispielsweise, im benachbarten Nordirak, Aber auch in den Camps in Irakisch-Kurdistan, wo immer noch Zehntausende von Geflüchteten aus der Zeit von 2014 leben, da ist bei den Jesiden und Jesiden überall der Eindruck, irgendwas Schlimmes könnte sich wieder ereignen, irgendwas Schlimmes könnte passieren, wenn der IS wirklich zu der Stärke zurückfindet, die er einmal hatte.

Ich halte das für ausgeschlossen, dass der jetzt nochmal so ein Kalifat errichten kann, wie er das seinerzeit getan hat. Aber, wie gesagt, diese Befürchtungen gibt es und es ist nicht von der Hand zu weisen. Also wenn man sieht, wie diese Leute vormarschieren, wie die sich präsentieren, die Soldaten der Übergangsregierung oder diese Truppen der Übergangsregierung, dann kann man durchaus verstehen, dass es da eben auch Ängste bei den Jesiden gibt, dass ihnen nochmal wieder Schlimmes widerfährt.

Wie gesagt, jetzt mittlerweile gibt es ein Abkommen zwischen der Übergangsregierung und den demokratischen Streitkirchen Syriens, den SDF. Dieses Abkommen besagt, dass die Truppen der Übergangsregierung, also nicht die Armee, aber Sicherheitskräfte des Innenministeriums, in die bislang kurdisch kontrollierten Städte einrücken können, auch in die kurdischen Kernstädte wie Kamishloh, Hasake und anderen.

Dass der Grenzübergang nach Irakisch-Kurdistan, der bislang von den syrischen Kurden kontrolliert wurde, jetzt in die Hände von Damaskus kommt, dass die Ölfelder und Gasfelder in der Region, die die wichtigste Einnahmequelle der Selbstverwaltung waren, dass die auch unter die Kontrolle der Zentralregion geraten, am Ende bedeutet das, konkret ist es das Ende der Selbstverwaltung.

Und noch ist überhaupt nicht klar, ob dieses Abkommen halten wird. Wie gesagt, Kobani als die symbolträchtigste Stadt in der Region, die wird noch immer belagert. Die humanitäre Situation spitzt sich dazu, ob der Frieden in den anderen Städten halten wird, ob es möglicherweise wieder zu Auseinandersetzungen kommen wird zwischen den Truppen der Übergangsregierung und den kurdischen Kämpferinnen und Kämpfern. All das ist offen.

Zurzeit scheint einigermaßen Ruhe zu herrschen, aber es sind so viele Fragen noch ungelöst und eine dieser Fragen ist die Frage der Gefangenen. Und während dieser aktuellen Kämpfe sind viele, viele Menschen in Gefangenschaft beraten. Und in Kamishlo habe ich in einer anderen Schule nochmal eine Familie getroffen, die ja mit elf Leuten in so einem kleinen Zimmer lebten.

Und die Großmutter, die Großmutter hat mir dann so ein Handyfoto gezeigt, da war ihr Enkel Massoud zu sehen. Der war 16 Jahre nur, hatte sich den SDF angeschlossen und ist gefangen genommen worden. Und man muss sagen, 16 Jahre, da zuckt man natürlich zusammen. Ja, bei den SDF sind Minderjährige im Einsatz gewesen.

Das gilt aber übrigens für alle Milizen in Syrien. Ob das diese syrische Nationalarmee ist, ob das die Hayat-Tariyasham sind, ob das drusische Milizen sind, wer auch immer. In allen diesen Einheiten haben blutjunge Leute gekämpft oder sind immer noch da engagiert. Und Masoud, wie gesagt, hatte sich ja mit 16 Jahren den SDF angeschlossen, ist dann bei den Kämpfen den aktuellen gefangen genommen worden.

Und seine Mutter, die hat, und seitdem ist er verschwunden, kein Mensch weiß, wo er ist. Und seine Mutter, die war völlig verzweifelt, hat mir dann auch noch so ein Video gezeigt, das hat sie über Umwege bekommen. Und auf diesem Video war zu sehen, wie er auf so einem Pick-up sitzt, auf der Ladefläche des Pick-ups zusammen mit anderen Gefangenen, wie ihn die Leute, die Truppen der Übergangsregierung schlagen und auch die anderen schlagen, sie als kurdische Schweine beschimpfen und ähnliches.

Und natürlich hat sie das jetzt in völligen Aufruhr und emotionale Verstörung versetzt. Sie hat mir dann noch gesagt, bitte können Sie mir helfen, ihn zu finden und ich wusste natürlich nicht, was soll ich da antworten. Das sind Momente, die sind natürlich bitter und ja, wie gesagt, also die Frage nach diesen Gefangenen, die ist sicherlich auch noch eine, die schwierig zu beantworten ist, aber die auch wesentlich dazu beitragen wird, ob es da Frieden geben wird.

Was die Leute so ein bisschen in Angst versetzt hat, war, dass aus Aleppo, da wo die Kämpfe, die aktuellen in diesem Jahr angefangen haben. Dass es aus da Berichte gibt, dass gefangenen Zivilistinnen und Zivilisten, kurdische Zivilistinnen und Zivilisten im Gefängnis von Aleppo zu Tode gefoltert worden sein sollen.

Das Ganze trägt natürlich nicht dazu bei, dass die Lage oder die emotionale Aufregung in Kamisto und in anderen Gebieten, wo die Flüchtlinge untergekommen sind, sich beruhigt, wenn es um die Gefangenen geht. Ja, man muss einfach sagen, ich bin seit vielen, vielen Jahren im Nordosten Syriens unterwegs.

Das war die einzige Region, wo man reinkam, ohne ein Visum zu beantragen. Das war ja über Jahre nicht möglich. Bei der Zentralregierung, also unter Assad, Kreise seit dem Schutz von Assad, war ich auch mehrmals in Syrien selbst unterwegs. Und es ist eine einfach schwierige Situation dann. Nicht nur, weil es wirtschaftlich problematisch ist, nicht nur, weil eben noch so viel kaputt ist, so viele Städte immer noch in, oder Stadtteile muss man sagen, in Schutt und Asche liegen, sondern auch, weil sich die Gräben zwischen den Ethnien, zwischen den Religionen so sehr aufgetan haben in den vergangenen Jahren und das Misstrauen in so tief ist.

Und das, was jetzt aktuell in diesem Jahr passiert ist, aber auch was im vergangenen Jahr passiert ist. Ob das die Auseinandersetzung inklusive Massakern im Süden des Syriens waren, an den Drusen, an den Alabiten im März vergangenen Jahres, im Westen des Landes an der Küste oder jetzt eben auch die Kämpfe im Norden des Landes.

All das trägt natürlich nicht dazu bei, dass das Vertrauen in die Übergangsregierung wächst. Klar ist, die arabische, die sunnitische arabische Bevölkerungsmehrheit, die ist zufrieden mit der Situation, die findet das gut, dass die Übergangsregierung jetzt ihren Anspruch auf ein zentralregiertes Syrien unter arabischer Führung durchgesetzt hat.

Die Minderheiten sehen das eben anders. Sie haben immer repräsentiert, dass sie ein föderales System haben wollen, ähnlich wie hier in Deutschland, also wo es verschiedene Bundesländer gibt, mit einem gewissen Maß an der Autonomie für die Alawiten, für die Drusen, für die Christen, aber auch für die Kurdinnen und Kurden im Norden als der größten Bevölkerungsminderheit im Land.

Und all das, ja, wie gesagt, scheint die Lage jetzt nicht unbedingt zu verbessern. Ich weiß nicht, was da in der Perspektive passieren wird. Ich hoffe natürlich, dass es da friedlich bleiben wird, dass das Abkommen, dieses Fragile zwischen den demokratischen Streitkräften Syriens und der Zentralregierung, dass das halten wird.

Ob das der Fall sein wird, man muss es einfach sehen. Was ich wohl auch gemerkt habe, und das ist so ein bisschen über Syrien hinaus, dann ist eben dieser massive Vertrauensverlust, was das Thema Westen, was das Thema westliche Partner, was das Thema USA angeht. Die Kurdinnen und Kurdinnen haben im Kampf gegen den IS über Jahre wirklich massive Opfer gebracht.

Tausende von Kämpferinnen und Kämpfern sind im Kampf gegen den IS gefallen. Sie haben da schwer gelitten. Die USA waren es, die ihnen gesagt haben, ihr müsst auch nach Raqqa gehen, ihr müsst nach Manbij gehen, ihr müsst nach Daya Sur gehen, also in die mehrheitlich von Araberlten und Arabern bewohnten Gebiete.

Und jetzt, wo es darauf angekommen ist, haben die Amerikaner ihre Verbündeten fallen lassen und das frisst sich natürlich tief ins kollektive Gedächtnis ein. Ich glaube, da sind Schäden entstanden, die so schnell nicht wieder gut zu machen sind. Und das muss ich sagen, finde ich natürlich auch sehr, sehr bitter.

Das war die heutige Folge unseres Podcasts im Krisenmodus. Dieser Podcast wurde produziert von Alexander Baumeister. Er ist auch Journalist und arbeitet bei einem Radiosender der Funke Medi-Boppel. Wenn euch dieser Podcast gefallen hat, liked und folgt uns. Das hilft in jedem Fall, unsere Arbeit sichtbarer zu machen.

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