Im Krisenmodus· Folge 149

Libanon am Limit: Krieg, Flucht und bröckelnde Waffenruhe – Hilfe aus NRW

Mittwoch, 6. Mai 2026 · 27 min

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Shownotes

Die Waffenruhe im Libanon ist brüchig. Jan Jessen (nrz.de/autoren/jan-jessen), Kriegs- und Krisenreporter für die FUNKE Mediengruppe und Host unseres Podcasts „Im Krisenmodus“ reist nach Beirut und begleitet Friedensdorf International Sprecherin Claudia Peppmüller und den NRW-Landtagsabgeordneten Josef Neumann.
Vor Ort zeigt sich das ganze Ausmaß der Krise: Bombardierungen im Süden, hunderttausende Binnenvertriebene, Notunterkünfte in Schulen und fehlende Versorgung. Die Folge erklärt Hintergründe zu Israel, Iran und Hisbollah – und fragt, was jetzt politisch und humanitär nötig ist.

Gäste:
Claudia Peppmüller (Friedensdorf International Oberhausen/Dinslaken)
Josef Neumann (SPD, MdL NRW)

Host:
Jan Jessen – Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter für die FUNKE Mediengruppe

🧭 Kapitelübersicht

1 | Waffenruhe auf dem Papier
Jan erklärt die Lage: bröckelnde Waffenruhe, tägliche Angriffe im Grenzgebiet; warum Menschen Richtung Beirut fliehen.
2 | Schule statt Zuhause: Verteilung in Beirut
Claudia Peppmüller über die Essensverteilung in einer staatlichen Schule mit 370 Menschen – kulturgerechte Food‑Packages, Fokus Kinder.
3 | Kinder im Ausnahmezustand
Kinder zwischen Aufgedrehtsein und Rückzug, Enge in Klassenräumen. Jan ordnet psychische Belastung und Strukturbedarf ein.
4 | Zugang und Sicherheit
Punktuelle Zerstörung in Beirut, gesperrte Viertel, kein Zugang in den Süden – und doch fühlt es sich in Beirut aktuell sicher an.
5 | Alltag unter Druck: Schulen, Preise, Medizin
Schulen als Notunterkünfte, Unterrichtsausfall, Inflation, teure medizinische Versorgung und überlagerte Fluchtlagen (Binnenvertriebene, Syrer, Palästinenser).
6 | Hilfe ohne Etikett – NRW und Zivilgesellschaft
Friedensdorf International, Land NRW und Kirchen helfen interreligiös und unbürokratisch. Wie die Unterstützung konkret ankommt.
7 | Politik und Waffenruhe: Was jetzt zählt
Waffenstillstand sichern, mit allen reden (Israel, Iran), schwierige Entwaffnung der Hisbollah. Jan fasst zusammen, was jetzt politisch passieren muss.

🎧 Hör-Empfehlungen
Raketen aus dem Libanon: Alltag im Norden Israels im Schatten des Iran-Kriegs (nrz.de/podcast/article411425877/raketen-aus-de…)
Afghanische Kinder: Heilung in Deutschland gesucht (morgenpost.de/podcast/article407680358/afghani…)
Flutkatastrophe in Afghanistan: Eine vergessene Tragödie (morgenpost.de/podcast/article406857258/flutkat…)

🤝 Unterstützungsmöglichkeiten
Friedensdorf International
Hilfe für Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten.
🔗 Website: friedensdorf.de
Spendenkonto:
Stadtsparkasse Oberhausen
IBAN: DE59 3655 0000 0000 1024 00
BIC: WELADED1OBH

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Im Schatten des Krieges gegen den Iran tobt auch im Libanon ein Krieg. Wieder einmal, muss man sagen. Und obwohl Donald Trump, der US-Präsident, vor einigen Tagen eine Waffenruhe für den Libanon verkündet hat, gehen die Kämpfe im Süden des Landes weiter. Ganze Dörfer versinken in Schutt und Asche. Hunderttausende von Menschen sind auf der Flucht. Und man muss natürlich schon sich die Frage stellen, wenn Kinder in Klassenzimmern schlafen, wenn Eltern zum zehnten Mal fliehen, Kann man da überhaupt dann noch von der Waffenruhe sprechen und was passiert mit den Menschen im Land?

Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen. Willkommen zu Im Krisenmodus. Ich bin Jan Jessen, Kriegs- und Krisenreporter für die Funke Mediengruppe. Ihr findet meine Reportagen in der NRZ, der WRZ, der Berliner Morgenpost und dem Hamburger Abendblatt.

Vor ein paar Tagen war ich wieder mal im Libanon, da war ich schon im vergangenen Jahr im Dezember, danach vor vier Wochen und jetzt eben nochmal. Und zwar war ich unterwegs mit dem Friedensdorf International, einer Hilfsorganisation aus Oberhausen. Die kennt ihr, die haben wir schon mehrfach bei uns im Programm gehabt und das packen wir euch natürlich auch in die Shownotes rein, was wir bislang mit denen erlebt haben.

Und ja, wie gesagt, die Waffenruhe, die Trump vor einigen Tagen verkündet hat, die auch für den Libanon gelten soll, die gibt es zumindest im Süden des Landes nicht. Da wird jeden Tag gibt es Dutzende von Bombardierungen durch die israelische Streitkräfte auf der einen Seite. Auf der anderen Seite tägliche Attacken der Hezbollah, der schiitischen Terrormiliz, die im Süden des Landes stark ist, auf die israelischen Streitkräfte, die mit Bodentruppen eingerückt sind.

Israel wiederum will eine Pufferzone schaffen, damit die Angriffe auf den Norden Israels aufhören. Also von einer Waffenruhe ist dieses Land weit, weit entfernt. Und ja, wir waren vor Ort im Libanon, um zu schauen, wie geht es den Menschen. Es sind 800.000 Menschen vertrieben worden aus dem Süden des Landes nach Beirut in die Hauptstadt des Libanon und in den Norden des Landes.

Und es sind Schulen zu Notunterkünften gemacht worden, umgebaut worden. Die Preise explodieren mittlerweile im Land, auch bedingt durch die Schließung der Straße von Hormuz. Und das ist ein Land am Abgrund, das wir da besucht haben. Und wir waren auch da, weil die Landesregierung Nordrhein-Westfalen gerade 100.000 Euro zur Verfügung gestellt hat.

Die hat es ja an das Friedensdorf gegeben, damit das Friedensdorf da vor Ort mit der Hilfe lokaler Partner Lebensmittelverteilung organisieren kann. Und mit uns unterwegs war auch Josef Neumann. Das ist ein Landtagsabgeordneter der SPD. Der ist gleichzeitig auch Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Landtag Nordrhein-Westfalen und er war eben auch mit uns unterwegs, um die Lage vor Ort zu sondieren und zu schauen, wo und wie kommt die Hilfe aus Nordrhein-Westfalen im Libanon an.

Wir haben unter anderem besucht eine dieser Schulen in Beirut, die jetzt mittlerweile Notunterkünfte geworden sind. Das ist insgesamt natürlich sehr misslich, wenn die ganzen öffentlichen Schulen jetzt seit dem 2. März als Notunterkünfte genutzt werden. Das heißt also auch die normale Schule nicht mehr möglich ist im Libanon.

Am 2. März deswegen, weil am 28. März die Bombardierungen angefangen haben der US-Amerikaner und der Israelis gegen den Iran. Am Tag darauf hat die Hezbollah sich entschieden auch in diesen Krieg einzusteigen. Die Hezbollah, das ist eine schiitische Organisation, die vom Iran finanziert, trainiert und ausgerüstet wurde und deren Kernidentitätsmerkmal eigentlich der Kampf gegen Israel ist und die Zerstörung des Staates Israel.

Sie hat immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten sich Kriege geliefert mit Israel und jetzt, wie gesagt, ist sie nochmal eingestiegen in diesen Krieg auf der Seite des Iran. Und ja, das ganze Land ist davon in Mitleidenschaft gezogen worden. Das haben wir eben auch sehr deutlich gemerkt, als wir jetzt da waren.

Und dann waren wir eben in einer dieser Schulen in Masra. Das ist ein Stadtteil im Norden Beiruts, in dem vor allem sunnitische Muslime wohnen. Vielleicht einfach nochmal als Background. Der Libanon ist ja ein multikonfessionelles, multireligiöses Land. Da leben jeweils so ungefähr einem Drittel Christen, sunnitische und schiitische Muslime.

Das ganze Zusammenleben wird dadurch nicht unbedingt einfacher gemacht. Und ja, wie gesagt, Masra, ein mehrheitlich von Sunniten bewohnter Stadtteil. Und dort sind jetzt aber eben mittlerweile auch viele schiitische Geflüchtete aus dem Süden hingekommen. Und wir haben dann eben diese Schule besucht. Das war so ein Stadtteil, den muss man sich vorstellen, also sehr enge Straßen, ein ärmlicher Stadtteil auch.

Sehr enge Straßen, Kabelgewehr über den Straßen gezogen. Die Autos sind zweiter Reihe geparkt, ganz häufig, weil die Geflüchteten aus dem Süden mit ihren Autos gekommen sind. und die ohnehin engen Straßen dadurch noch schwieriger zu befahren waren. Wir sind auch vorbeigekommen am Einschlagsort einer israelischen Rakete. Da ist also am 8.

April ein Geschoss reingekommen in Masra und hat ein komplettes Wohngebäude weggehauen. Das sah also schon sehr eindrucksvoll und erschütternd, muss man natürlich auch sagen, aus. Also ein Krater, ein Riesenkrater, wo einmal ein Wohnhaus stand, links und rechts die Häuser beschädigt, die Fassaden runtergerissen.

Und ja, das ist eben 200 Meter von dieser Schule, wo die Flüchtlinge untergebracht sind, passiert. Israel sagt, sie haben da Ziele der Resbollah angegriffen, also den Kommandoposten der Resbollah oder ähnliches und gleichwohl merkt man eben auch in Beirut, da ist der Krieg doch ziemlich nahe gewesen bei dieser Flüchtlingsunterkunft.

In dieser Flüchtlingsunterkunft waren einige Dutzend Geflüchtete drin. Die Leute, die das betreuen dieser Unterkunft, haben insgesamt fünf Einrichtungen, in denen sie insgesamt 370 Geflüchtete untergebracht haben. Die sind natürlich jetzt nicht besonders toll untergebracht. Wir leben da mit zehn Leuten in einem Klassenzimmer und der Mensch, der das leitet, der hat uns eben auch erzählt, welche Herausforderungen sie da haben.

Er hat erzählt, dass sie eben vor allem Probleme mit vernünftigem Essen haben und dass auch hygienische Probleme da immer wieder auftreten. Vor gut zwei Stunden sind wir zurückgekommen von einer Lebensmittelverteilung. Das Land NRW und wir erneut, das Land NRW jetzt erstmalig, eine Spende gegeben an unsere Partnerorganisation Tima, damit sie Lebensmittel für Flüchtlinge einkaufen können.

Und wie gesagt, wir sind jetzt gerade erst zurück von einer Verteilung in einem Stadtteil, wo schiitische und sunnitische Flüchtlinge in einer staatlichen Schule untergebracht worden sind. 370 Menschen leben aktuell in dieser Schule und benötigen natürlich alles. Wir haben gedacht, das Wichtigste ist erstmal, dass man ernährt wird.

Gerade die Kinder brauchen eine gute Ernährung und haben uns sehr gefreut zu sehen, wie Tima auch die Kultur berücksichtigt, was das Essen angeht. Also das, was sie auch zum Beispiel aus dem Süden gewohnt waren. Haben sie heute mitgebracht in Food Packages. Wenn ihr jetzt gerade gehört habt, das war Claudia Peppmüller.

Das ist die Sprecherin des Friedensdorfes International, die im Libanon jetzt schon seit geraumer Zeit eben humanitäre Hilfe leisten. Das Land Nordrhein-Westfalen, das hat Claudia gerade angesprochen, das hat da Geld gegeben. Mit diesem Geld wird humanitäre Hilfe im Libanon organisiert. In diesem konkreten Fall Lebensmittelverteilung.

Schon vor geraumer Zeit hat das Land Geld gegeben für zwei sogenannte Food Trucks, also gekühlte Lastwagen, mit denen Lebensmittel verteilt werden können. Und jetzt eben nochmal einen draufgesetzt, nochmal 100.000 Euro gegeben, damit den Menschen da vor Ort geholfen wird. Das ist natürlich, das muss man auch sagen, ein Tropfen auf den heißen Stein.

Denn am Ende bei 800.000 Geflüchteten nur Binnenvertriebenen, also Libanesinnen und Libanesen, die aus dem Süden jetzt nach Beirut gekommen sind, ist das natürlich relativ wenig und wenn man dann noch sieht, dass im Land selber eine Million syrische Flüchtlinge leben, das macht das Ganze natürlich umso schwieriger.

Und ja, es fehlt einfach an allem, es fehlt an Essen, es fehlt an Unterkunft, es fehlt an Medizin und oft fehlen einfach so simple Sachen wie Handtücher oder andere Hygieneprodukte. Als wir da angekommen sind, war Claudia Pepner sowas wie eine kleine Sensation. Claudia hat blonde Haare, hat kein Kopftuch getragen und war natürlich dann sofort umgeben, von den ganzen Kindern in dieser Unterkunft.

Berührend auch war, mit den Kindern zu sprechen. Sie kamen direkt, also waren neugierig, woher man kommt, haben einen ausgefragt, warum man da ist, weil das schon noch sehr, sehr selten ist, dass hier Ausländer hinkommen und direkt mit hineingehen in die Verteilung. Spannend war zu sehen, wie Kinder diese Erlebnisse wahrnehmen.

Also einige haben ja Bombardierungen erlebt, das haben wir auch im Norden gehört, Tote gesehen. Bei den Kindern fand ich, dass sie zum Teil sehr aufgedreht waren. Einige waren ja schon so in einem Modus, dass sie sich arrangiert haben mit dieser wirklich üblen Situation. Sie leben da auf engstem Raum mit zum Teil zehn Familienmitgliedern in einem kleinen Klassenraum und bei anderen wiederum hat man das Gefühl, man erreicht sie gar nicht, auch wenn man sie anspricht.

Ja, also wie gesagt, es war jetzt nicht das erste Mal, dass ich im Libanon war. Im Dezember war ich schon mal da, habe mir den Süden angeguckt. Damals gab es eben keine militärischen Auseinandersetzungen. Die Rizbollah hat sich auch aus dem vorherigen Krieg mit dem Iran, also im Juni vergangenen Jahres, hat sie sich herausgehalten.

Das war dieser Zwölftagekrieg, heftige Bombardierung beiderseits, Israel, USA gegen Iran und Iran gegen Israel. Aber damals hatte sich die Hezbollah aus diesem Krieg herausgehalten, hatte allerdings zuvor nach dem Terrorüberfall der Hamas im Oktober 2023 an der Seite der Hamas gekämpft und in dem Zuge sind sowieso schon im Süden sehr viele Zerstörungen angerichtet worden.

Und ja, als ich das letzte Mal dann da war, im März, da war es dann eben so, da war die heiße Phase sozusagen des Krieges, also als es noch gegenseitigen Beschuss zwischen dem Iran und Israel gab und auf der anderen Seite eben auch Bombardierungen durch die Israelis in Beirut. Das war diesmal nicht so.

Also diesmal, als wir da waren, ist in Beirut nichts runtergekommen in den Tagen, in denen wir da waren. Also auch nicht in Dachie, das ist die Schiitenhochburg, ein Vorort von Beirut. Also auch da passierte nichts, aber uns wurde eben mitgeteilt, dass im Süden des Landes heftige Auseinandersetzungen tobten, als wir da waren.

Wir haben davon diesmal zum Glück nichts mitbekommen und zum Glück natürlich auch für die Menschen in Beirut, die zumindest in diesen Tagen von Bombardierungen verschont geblieben waren. Und Claudia Peppmüller, die beschreibt das so. Also in Beirut sieht man ja punktuell, dass vor Wochen massiv das ein oder andere Haus bombardiert wurde.

Dach hier dürfen wir nicht rein. Also das hätte uns natürlich sehr interessiert, allein um zu schauen, ob man dort Hilfe leisten kann. Aber da dürfen wir nicht rein, weil der Stadtteil immer wieder auch Gefahr läuft, bombardiert zu werden. Vom Süden genau dasselbe. Auch da ist uns der Zugang versperrt aufgrund der massiven Kämpfe.

Die Menschen vorhin haben berichtet, dass es noch nie so schlimm war wie gestern. Also da muss richtig viel bombardiert worden sein. Hier in Beirut, muss ich sagen, fühle ich mich nicht einen Moment bedroht von der Situation. Also ich empfinde das schon als sicher. Sie beschreibt das ja relativ entspannt, die Lage da vor Ort.

Und ich meine, das war tatsächlich auch so. Wir hatten im März, als wir da waren, noch erlebt, wie israelische Flugzeuge da mit einem Höllentempo über Beirut geflogen sind, die Schallmauer durchbrochen haben. Und es gab dann also einen gewaltigen Rums. Das hat die Leute verängstigt. Das ist schon ziemlich beeindruckend, muss man sagen, wenn man dann da ist.

Das war alles diesmal nicht so. Das Einzige, was wir gehört haben, als wir da waren, war eine Drohne, eine Beobachtungsdrohne, die über der Stadt geflogen ist. Die hörte man so, die macht so einen Sound wie so ein Motor. Also die hört man da sehr deutlich. Das ist ein bisschen auch Show of Force von den israelischen Streitkräften, um klarzumachen, pass mal auf Freunde, wir sind hier vor Ort und macht bitte zumindest in Beirut keinen Unsinn.

Wie gesagt, im Süden des Landes wird heftig gekämpft. Die Hrizbollah attackiert da israelische Truppen und Israel bombardiert sehr, sehr heftig im Süden in diesen Tagen. Mit dem Friedensdorf war ich nicht nur jetzt im Libanon unterwegs, sondern beispielsweise auch in Afghanistan. Auch ein spannendes Land, ein natürlich trauriges Land, was die Situation vor Ort angeht.

Ich habe es vorhin schon mal gesagt, die Folgen packen wir euch auch noch in die Shownotes rein. Mit dabei, wie gesagt, war auch Josef Neumann im Libanon. Das ist ein SPD-Politiker, Landtagsabgeordneter, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Land, der auch schon viele Erfahrungen mit dem Libanon gemacht hat, der häufig vor Ort war und sich das angeguckt hat.

Auch irgendwie ein Garant dafür ist, dass der Libanon nicht vergessen wird. Und ja, der war auch sehr, sehr beeindruckt von dem, was er da vor Ort gesehen hat. Denn ja, wie ich habe es ja vorhin schon gesagt, im Grunde genommen ist der Libanon so ein Land am Abgrund. Hängt auch damit zusammen, dass eigentlich die libanesische Regierung, zumindest die Christen und die sunnitischen Muslime in der Regierung, gar keine Lust mehr auf die Hezbollah haben.

Also sie sagen, jedes Mal provoziert die Hezbollah israelische Angriffe. Jedes Mal werden wir in diesen Konflikt hineingezogen, der nicht unser Konflikt ist. Und deswegen hat die libanesische Regierung schon im August vergangenen Jahres beschlossen, dass die Hezbollah entwaffnet werden müsse und zu einer rein politischen Partei werden müsse.

Die Hezbollah weigert sich und das war eben auch so unterschwellig die ganze Zeit zu hören in den Gesprächen, die wir geführt haben, dass man irgendwie schon Angst hat, dass der Libanon wieder in den Bürgerkrieg abgleiten wird, so wie ihn das Land zwischen 1975 und 1990 erlebt hat. Manche von euch werden sich möglicherweise daran erinnern, das war ein sehr, sehr heftiger Bürgerkrieg mit unglaublichen Zerstörungen im gesamten Land.

Verschiedene Parteien, verschiedene Konfessionen, die dagegen gekämpft haben. Und die Befürchtung ist jetzt eben, wie gesagt, aktuell wieder groß, dass das möglicherweise wieder auf den Libanon zukommt. Ja, Libanon besteht seit Jahren die Herausforderung, sich in einer Krisensituation zu befinden. Aktuell kommt noch eine Kriegssituation dazu. Wir haben hunderttausende Flüchtlinge aus Südlibanon, die auf der Flucht sind aufgrund der militärischen und Bombardierungen, die aktuell im Süden stattfinden.

Sie kommen in der Regel in Beirut oder in anderen Gebieten des Libanons unter. Und diese Menschen bedürfen vor allem Unterstützung. Wir sehen und haben ja gesehen, die öffentlichen Schulen sind belegt mit vielen Flüchtlingen, die versorgt werden müssen. Aber hinzu kommt, dass die Schulen deshalb auch nicht aufgemacht werden können und Hunderttausende Schülerinnen und Schüler am öffentlichen Unterricht nicht teilnehmen können.

Und das zeigt, wie schwierig eigentlich diese Situation jetzt für die Menschen im Lande ist. Hinzu kommt eine enorm hohe Inflationsrate mit damit verbundenen sehr, sehr hohen Lebenshaltungskosten. Und das, was die Menschen benötigen, ist täglich eine Mahlzeit mindestens, Dach über dem Kopf und da, wo es geht, sicherlich Arbeit.

Wobei das letzte aktuell im Libanon ja auch mehr oder minder für viele Menschen ja nicht funktioniert. Und wenn man sich die Kinder anschaut und sich ihre Gesichter anschaut, dann weiß man, diese Kinder werden nur eine nachhaltige Perspektive in ihrem Leben haben, wenn es Frieden gibt. Und wenn wir ihnen ein Überleben in diesem Land ermöglichen.

Und Überleben heißt, sie zu unterstützen im Bereich der Lebensmittelversorgung, aber auch im Bereich der medizinischen Versorgung. Denn medizinische Versorgung ist im Libanon besonders teuer. Ja, Josef Neumann hat das angesprochen. Also das Land steht vor riesigen Herausforderungen. Ich habe ja vorhin schon mal erzählt, es gibt nicht nur diese 800.000 Binnenvertriebenen aus dem Süden des Landes, die jetzt irgendwie in Unterkünften untergebracht sind.

Die in Wohnungen irgendwie untergekommen sind, auf der Straße leben. Sondern es gibt on top nochmal etwa eine Million Geflüchtete aus Syrien. Die haben wir auch getroffen in Rahbe, einer Stadt im Norden des Libanon. Das sind alawitische Menschen gewesen, die geflohen waren im März vergangenen Jahres.

Da gab es ein massives Massaker an der syrischen Küste, also islamistische Gruppierungen, die der Übergangsregierung zuzuordnen sind. Die haben damals eben ein Massaker an Alavitinnen und Alaviten an der Küste Syriens verübt und Zehntausende von Leuten sind dann eben geflohen. Die sind nochmal on top zu den hunderttausenden syrischen Flüchtlingen gekommen, die sowieso schon im Land waren, im Libanon.

Und die Leute leben eben auch unter sehr, sehr prekären Umständen. Die sind eigentlich illegal im Land. Es gibt nicht sowas wie eine Asylgesetzgebung, wie es die bei uns gibt, Sondern die müssen sich irgendwie durchschlagen, werden dann über Organisationen versorgt und sind aber dann eben wie gesagt nochmal zusätzlich im Land.

Man muss dazu auch wissen, im Libanon leben eigentlich 5 Millionen Leute. Also die 5 Millionen Leute kümmern sich jetzt sozusagen um 800.000 Binnenvertrieben, um eine Million syrische Flüchtlinge und zudem noch um 200.000 Palästinenserinnen und Palästinenser, die seit Jahrzehnten als Flüchtlinge sind.

Und das ist eine sehr, sehr große Herausforderung. Deshalb finde ich es sehr richtig, dass das Friedensdorf international hier sich engagiert, dass sich hier aber auch das Land NRW seit längerer Zeit hier auch engagiert in den Möglichkeiten, die das Land auch hat. Aber was auch sichtbar ist, dass es auch ein sehr großes Engagement der christlichen unterschiedlichen Kirchen im Lande gibt.

Und dass dieses durchaus ja auch interreligiös den Menschen zugute kommt. Da wird ja nicht gefragt, welche Religion hast du, um eine Unterstützung zu erhalten. Und das ist, glaube ich, ein wichtiges Pflänzchen in einem Land wie dem Libanon, wo wir so eine große Vielfalt an Religionsgemeinschaften und damit auch an unterschiedlichen gesellschaftlich-politisch-sozialen Strukturen in diesem Lande haben.

Was Josef gerade angesprochen hat, das fand ich eben auch bemerkenswert. Lokale Partnerorganisation des Friedensdorfes ist eine Organisation namens Tima. Die hat Claudia auch vorhin schon mal kurz erwähnt. Tima, das sind Baptistinnen und Baptisten, also so evangelikale Christen, kann man bezeichnen. Kritisch sehen oder auch nicht, jedenfalls diese Leute, die sind schon sehr durchdrungen von ihrem Glauben und diese Leute unterstützen eben die schiitischen Geflüchteten in der Schule, in der wir waren.

Die unterstützen auch die alawitischen Flüchtlinge in Rahbe und völlig unabhängig davon, welchen Glauben sie haben oder welcher Ethnie sie angehören oder aus welchem Land sie kommen. Und das ist, was Josef Scheer schon angesprochen hat, eigentlich vielleicht auch eine Chance für den Libanon. Also dass es da Menschen gibt, die diese konfessionellen Gräben überbrücken, indem sie einfach anderen helfen, selbstlos und das war für mich auch bemerkenswert zu sehen, wie das funktionieren kann.

Also der Leiter dieser oder der Organisator dieser Einrichtung, der Schule, dieser Flüchtlingsunterkunft hat auch sehr deutlich gesagt, in dieser Schule verboten sind religiöse und politische Fahnen oder Symbole, einfach weil man eben die Gräben nicht nur weiter aufreißen will, sondern weil man die Gräben eben schließen will, zuschütten will, die es da in diesem Land gibt.

Das ist eben das, was den Libanon ausmacht, diese Multikonfessionalität, diese Multireligiosität. Das ist eigentlich was Tolles, das ist eigentlich schön. Wenn man da im Libanon unterwegs ist, da hat man eben Moscheen, da hat man ganz viele christliche Kirchen, da hat man eine unglaublich lange Geschichte eben dieser verschiedenen Ethnien, Religionen und Konfessionen. Infektion.

Und ja, in den vergangenen Jahrzehnten ist das allerdings zum Fluch des Libanon geworden. Wie gesagt, der Bürgerkrieg ist immer noch in Erinnerung ganz, ganz vieler Menschen und viele haben jetzt eben Angst, dass das möglicherweise wieder losgeht, weil die Resbollah eben nicht das, macht, was die Regierung eigentlich beschlossen hat, sich entwaffnen zu lassen und einfach zu einer politischen Partei zu werden, damit endlich Ruhe an dieser Front ist, damit eben die Kriege gegen Israel, mit Israel aufhören.

Und ja, man weiß eben nicht, was die Zukunft bringt das entscheidende ist wir müssen alles dafür tun dass es den waffenstillstand hier gibt, Und dafür bedarf es vieler diplomatischer Ansätze. Und es ist enorm wichtig, dass man diesbezüglich diplomatisch ins Gespräch kommt. Und zwar mit allen Ländern, die an diesem Krieg hier beteiligt sind.

Und dazu gehört natürlich Israel. Dazu kommt zusätzlich der Konflikt mit dem Iran, der eine zentrale Rolle spielt. Und dann muss man die Situation hier vor Ort sehen, die man hat mit der Hisbollah und der notwendigen Entwaffnung der Hisbollah. Wer kann das überhaupt tun? Wer kann das überhaupt ermöglichen?

Es gibt sehr viele politische Hürden, die gelöst werden müssen und Zuschauen wird nicht ausreichen, um diesen Konflikt, um diesen Krieg nur ansatzweise zu beenden. Josef hat es gesagt, also ja, das Wichtigste ist, dass die Waffenruhe stabilisiert wird, dass es Gesprächskanäle gibt. Auch das ist schwierig. Also Donald Trump, der US-Präsident, hat ja Netanyahu, den israelischen Premierminister, und die libanesische Regierung, vertreten von Präsident Josef Aoun, aufgefordert zu Gesprächen in Washington.

Das ist bislang noch nicht passiert, zum Zeitpunkt der Aufnahme dieses Podcasts. Und Aoun wird auch kritisch gesehen, weil es offensichtlich Gesprächskanäle gibt zwischen den Israelis und der libanesischen Regierung. Also auf der Straße, wenn man Richtung Flughafen fährt aus Beirut raus, fährt man durch Dachir, dieser Schiitenhochburg, wo man überall Bilder sieht von Khamenei, dem iranischen Religionsführer, der am Anfang des Konfliktes getötet worden ist, aber auch von anderen, Qasem Soleimani und anderen schiitischen Führern, die eben in den vergangenen Jahren getötet worden sind, in den verschiedenen Konflikten.

Und jetzt sieht man an einer Brücke ein Bild von Aoun in traditioneller israelischer Kleidung, im Hintergrund israelische Fahne. Also sie brandmarken diesen Präsidenten des Libanon, ihren Präsidenten eigentlich als israelischen Agenten und das macht das Ganze natürlich etwas gefährlich. Aber am Ende geht es halt nicht anders. Natürlich muss man mit Israel sprechen und eigentlich müsste auch die Hezbollah mit Israel sprechen, aber das dürfen sie einfach aufgrund ihrer Ideologie oder können sie aufgrund ihrer Ideologie nicht.

Auch Israel wird wahrscheinlich niemals direkt mit der Hezbollah sprechen. Also muss es jetzt irgendwie Aufgabe der libanesischen Regierung sein, die Hezbollah zu entwaffnen, die Hezbollah zu überzeugen, dass es einfach keinen Sinn mehr macht, diesen ständigen Konflikt mit Israel zu suchen, weil man eben auch ständig diesen Krieg oder diese Kriege verliert.

Weil am Ende ganze Dörfer im Süden des Libanon in Schutt und Asche liegen, weil die Menschen, die jetzt aus dem Süden geflohen sind, möglicherweise Probleme haben, zurückzugehen, wenn diese Konfliktsituation nicht aufhört. Und am Ende das ganze Land am Abgrund steht und möglicherweise auch in den Abgrund hineingestoßen wird.

Deswegen ist es eben sehr, sehr wichtig, dass von außen moderiert wird, dass Deutschland dieser Rolle auch gerecht wird, als eine der größten Volkswirtschaften weltweit mit erheblichem Einfluss. Und nicht nur den Amerikanern da das Feld überlässt, was die Verhandlungen angeht, sondern dass Deutschland, dass Europa da eben auch nicht nur humanitäre Hilfe leisten, sondern auch gucken, dass sie das politisch irgendwie moderieren.

Das ist, glaube ich, ganz wichtig, denn wenn Libanon in den Abgrund versinkt, dann kann man auch aus rein egoistischen Gründen sagen, das darf nicht passieren, denn ganz viele der Geflüchteten haben uns gesagt, sie sehen eigentlich ihre Zukunft nicht mehr im Libanon selbst, aufgrund dieser ständigen Konflikte, die sie erleben.

Sondern sie sehen die Zukunft in Europa, sie sehen ihre Zukunft in Kanada, in den USA und sonst wo. Und wenn wir eben nicht wollen, dass noch mehr Flüchtlinge nach Europa, nach Deutschland kommen, dass die Situation sich hier möglicherweise dann noch weiter zuspitzt, was eben den Ausschwung rechtsextremer Politik angeht, dann müssen wir ihm vor Ort helfen.

Das ist eben das Wichtige. Und zwar nicht nur humanitär, sondern auch politisch. Und das sollten wir tun. Also wir müssen darauf drängen, dass die Hezbollah entwaffnet wird. Wir müssen die libanesische Regierung stützen. Wir müssen auch diejenigen schiitischen Kräfte im Libanon stützen, die sich mittlerweile von der Hezbollah distanzieren.

Und ja, da müssen wir einfach helfen. Wir müssen natürlich auch auf Israel einwirken. Das hatten uns auch Flüchtlinge aus dem Süden gesagt, haben dringend darum gebeten, haben gesagt, bitte, bitte, bitte, sorgt dafür, dass Israel nicht mehr bombardiert im Süden. Ein alter Mann, der hat uns gesagt, dass er das zehnte Mal geflohen sei in seinem Leben.

Das war ein Mensch, der hat Orangen angebaut und er sagt, jetzt ist eigentlich Erntezeit und meine Orangen verfaulen in den Hain. Hat auf die Kinder gezeichnet und gesagt, guckt euch doch diese Kinder an, was haben diese Kinder getan, sie haben nichts getan, sie werden trotzdem bombardiert, sie werden getötet, sie werden vertrieben und das muss aufhören und ich glaube, das ist etwas, was in Deutschland tatsächlich machen sollte, also möglichst intervenieren bei beiden Konfliktparteien und auch den Einfluss bei der libanesischen Regierung geltend machen, dass die Leute irgendwann mal eine friedliche Perspektive haben und den Libanon gemeinsam wieder aufbauen können.

Das war die heutige Folge unseres Podcasts im Krisenmodus. Dieser Podcast wurde produziert von Alexander Baumeister. Er ist auch Journalist und arbeitet beim Radiosender der Funke Mediengruppe. Wenn euch der Podcast gefällt, liked und folgt uns. Das hilft, unsere Arbeit sichtbarer zu machen. Schreibt mir gerne, wenn ihr einen Vorschlag für eine Folge habt.

Krisenmodus at funkemedien.de. Passt auf euch auf. Bis bald. Ciao, ciao. Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen.

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