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Shownotes
Der Krieg in der Ukraine ist nicht eingefroren. Russland greift weiter an, der Westen zögert. In dieser Folge von „Im Krisenmodus“ spricht FUNKE-Reporter Jan Jessen (nrz.de/autoren/jan-jessen) mit Menschen aus der Ukraine: Einem Soldaten, einer Sanitäterin, einem Journalisten und einem Ex-Diplomaten. Wie erleben sie den Krieg – und was erwarten sie vom Westen?
🇺🇦 Artem Lysak, Journalist aus Kiew
🕊️ Andrij Melnyk, Ex-Botschafter der Ukraine in Deutschland
🎖️ Mitya, Soldat im Osten der Ukraine
🚑 Kateryna Trapeznikova, Feldsanitäterin
🔍 Jan Jessen, Politikchef der NRZ, Reporter der FUNKE Mediengruppe
🧭 Kapitelübersicht
1 | „Das ist unser Leben“ – Die Perspektive aus Kiew
Artem Lysak über persönliche Verluste und seine Angst vor Trumps Rückkehr.
2 | Maximalforderungen statt Frieden – Putins Strategie
Andrij Melnyk fordert Klartext vom Westen und analysiert die Eskalation.
3 | Drohnenkrieg und Schmerz – Bericht von der Front
Soldat Mitya berichtet von Verwundeten, Verlusten und der Angst vor dem „Fleischwolf“.
4 | Evakuieren unter Beschuss – Feldmedizin im Krieg
Kateryna Trapeznikova schildert den Alltag zwischen Evakuierung, Verletzten und Dauerstress.
5 | Europa muss liefern – Jans Report aus der Ostukraine
Jan Jessen schildert, was er vor Ort gesehen hat – und warum Zeit ein entscheidender Faktor ist.
🎧 Hör-Empfehlungen
Die neue Ukrainische Drohne (morgenpost.de/podcast/article406747482/zukunft…)
Zwei Jahre Krieg in der Ukraine (morgenpost.de/podcast/article405797964/zwei-ja…)
Artikel von Jan Jessen über die Geschichte von Oleh (morgenpost.de/politik/article242288752/Oleh-wo…)
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Im Krisenmodus ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe
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Was passiert, wenn Gespräche über Frieden zu reiner Propaganda verkommen? Wenn der Westen sich wegduckt und die Ukraine mit leeren Versprechungen zurücklässt? In dieser Folge von dem Krisenmodus hört ihr Stimmen aus der Ukraine. Von einem Journalisten, einem Diplomaten, dem ehemaligen ukrainischen Botschafter Andrei Melnik, einem Soldaten und einer Sanitäterin.
Es geht um Waffen, es geht um Enttäuschung und es geht darum, wie man durchhalten kann. Für viele Leute sind die täglichen Tweets auf X der Trump-Regierung nur ein Meme auf Twitter oder Facebook. Aber für uns ist es Realität. Es geht um unser Leben und das Leben der Ukrainer. Im Krisenmodus. Der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt.
Mit Journalist Jan Jessen. Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Im Krisenmodus. Ich heiße Jan Jessen, ich bin Kriegs- und Krisenreporter der Funke Mediengruppe. Meine Reportagen findet ihr bei der NRZ, der WRZ, dem Hamburger Abendblatt und der Berliner Morgenpost. Ich war erst vor wenigen Wochen in der Ostukraine unterwegs und habe mir da das Geschehen an der Front angeguckt, habe die ganzen zerstörten Dörfer gesehen, die zerstörten Städte, habe mit Soldaten gesprochen über ihre Erwartungen für dieses Jahr.
Und ja, man sieht einfach, von Frieden ist dieses Land ganz weit weg. Dieser Krieg geht einfach weiter, wir sind ja mittlerweile im vierten Kriegsjahr und dieser Krieg geht einfach unvermittelt weiter, trotz der amerikanischen Vermittlungsbemühungen, die wir aktuell sehen und es ist kein eingefrorener Krieg, die Russen attackieren, eigentlich sogar noch mehr als vielleicht noch von einem halben Jahr und in diesem Jahr oder für dieses Frühjahr sind auch möglicherweise größere Offensiven zu erwarten. Der Krieg lebt also und er tötet.
Der Krieg tötet vor allem natürlich die Soldaten und Soldatinnen an der Front, die in Massen sterben. Also das ist für mich auch immer das Deprimierendste, wenn ich da in der Ukraine unterwegs bin und jedes Mal sehe, wie die Gräberfelder größer werden auf den Friedhöfen, über diesen Gräberfeldern, wen die fahren, der Ukraine und auch der Brigaden, der Regimenter, der Brigaden, der Bataillone, der die Soldaten gedient haben.
Und diese Kräberfelder werden, wie gesagt, immer größer und immer größer. Aber es sterben natürlich auch viele Zivilistinnen und Zivilisten. Jetzt alleine im April gab es gleich zwei große Attacken. Einmal auf Krivarie, das ist die Heimatstadt von dem ukrainischen Präsidenten Zelensky. Und in Kriberi sind Anfang April 18 Menschen bei russischem Beschuss gestorben, Zivilistinnen und Unzivilisten und in Sumi, einer ganz nahen Stadt, also Sumi liegt direkt an der Grenze zu Russland, sind Mitte April 37 Menschen gestorben.
Und es gab jetzt über Ostern, das habt ihr vielleicht mitbekommen, gab es die einseitige Verkündung einer Waffenruhe durch die Russen. Präsident Putin, der russische Präsident, hat eine Waffenruhe angekündigt, die 30 Stunden halten sollte. Tatsächlich ist der Beschuss einfach unvermittelt weitergegangen.
Es ist an einigen Frontabschnitten ein bisschen ruhiger geworden. Aber trotzdem gab es Dutzende von Offensivoperationen der Russen und auch einen massenhaften Beschuss, nicht nur eben militärische Ziele, sondern auch zivilische Ziele. Der ukrainische Präsident Zelensky hat dann sozusagen als Reaktion auf die Ausrufung dieser Waffenruhe, dieser Osterwaffenruhe, die nicht eingehalten worden ist, selber nochmal einen Vorschlag gemacht.
Er hat gesagt, also wenigstens die zivilen Ziele sollten für 30 Tage nicht beschossen werden. Aber danach sieht zurzeit eben nichts aus. Putin hat nicht reagiert auf diese Forderung. Auch die Amerikaner haben nicht reagiert. Und so geht der Krieg einfach weiter. Und man muss sagen, die Menschen in der Ukraine sind natürlich kriegsmüde.
Also das ist jeder, mit dem man dort spricht, ist müde. Es hat sich ein Mehltau über das Land gelegt. Resignation hat sich breit gemacht. Das Geschehen an der Front ist problematisch. Die Russen drücken und drücken und drücken und machen jeden Tag mehrere Quadratkilometer, die sie erobern. Und trotzdem versuchen die Soldaten natürlich durchzuhalten.
Aber wie gesagt, gleichzeitig hat sich Resignation weit gemacht. Die Leute sind einfach müde, die wollen, dass der Krieg zu Ende geht. Aber die große Frage ist eben, wie der Krieg zu Ende geht und was auch die Menschen jetzt aktuell von der Waffenruhe halten oder von den ganzen Vorschlägen, die auf den Tisch kommen, beispielsweise eben diese Vermietungsbemühungen auch der Amerikaner.
Darüber habe ich eben mit einigen gesprochen und unter anderem mit Artem, Artem Lissak. Er ist Journalist in Kiew und hat den Maidan, also die Proteste auf dem Maidan im Jahr 2014, die Annexion der Krim und den Beginn des Krieges im Jahr 2014 beziehungsweise im Jahr 2022 dann den Beginn der Invasion miterlebt.
Und seine Aussagen spielen sozusagen eine ganze Generation wieder. Ja, manchmal öffne ich meine Freundesliste auf Facebook und zähle, wie viele davon nicht mehr leben wegen des Krieges. Ja, Artem, wie ihr gerade gehört habt, den ich vor einigen Monaten erst kennengelernt. Artem, wie gesagt, ist Journalist und arbeitet jetzt für uns als Fixer.
Also für uns heißt, für das Team, mit dem ich unterwegs bin, der Fotograf André Hirtz oder der Fotograf Reto Klar und ich. Und ja, fixer bedeutet, dass Atem eben jemand ist, der sich vor Ort sehr, sehr gut auskennt. Wie gesagt, er ist selber Journalist und sorgt eben dafür, dass wir Zugänge haben. Also wir entwickeln gemeinsam Geschichten, das machen wir in Deutschland.
Wenn ich hier bin, schlage ich eben Dinge vor, die ich gerne machen würde und er sagt mir, ist das realistisch oder nicht, und besorgt uns dann eben die entsprechenden Zugänge, übersetzt dann auch für uns, wenn wir vor Ort sind und mit ihm bin ich, wie gesagt, jetzt die letzten Male unterwegs gewesen in der Ukraine.
Artem, der hat auch eine spannende Geschichte. Der hat also auch für andere größere Medienhäuser gearbeitet, beispielsweise britische Sky News. Und hat auch eine ganze Zeit lang auf der von Russland besetzten Krim gearbeitet. Und zwar als verdeckter sozusagen Journalist, undercover. Anderthalb Jahre, bis er dann rausgeschmissen worden ist, nachdem er kurz festgenommen worden war.
Also das ist schon jemand, der sehr mutig ist. Und eben auch ein Mensch ist, der sich sehr intensiv mit dem auseinandersetzt, was da in der Ukraine passiert. Wenn Atem heute sagt, die Gespräche mit Russland sind eine Farce, dann kommt das nicht aus Zynismus, sondern das ist ein Erpaarungswert. Die Gespräche zwischen den USA und Russland sind einfach eine Farce.
Das ganze russische Propagandaklischee kommt jetzt aus dem Weißen Haus. Und ich meine, es wird sich herausstellen, dass Verhandlungen nur bedeuten, Russland zuzuhören und diese Propaganda zu wiederholen. Ein anderer Mensch, der dieses Krisgeschehen sehr intensiv verfolgt, ist André Melnik. Den werdet ihr möglicherweise noch kennen.
André Melnyk war mal ukrainischer Botschafter in Deutschland und André Melnyk war dafür bekannt, dass er sehr, sehr undiplomatisch war, also sehr heftig die deutsche Zurückhaltung immer wieder kritisiert hat, wenn es darum ging, Waffen zu liefern an die Ukraine, der ja manchmal auch damit mit Worten und gerade auf Ex mit Tweets kommuniziert hat, die, wie gesagt, alles andere als diplomatisch waren.
Das ist ein Mensch, der natürlich an der einen oder anderen Stelle dann auch auf massive Kritik gestoßen ist, weil er eben so undiplomatisch vorgegangen ist, aber auf der anderen Seite den Deutschen sehr klar gemacht hat, was da für Versäumnisse in der Politik gewesen sind. Und insofern eben auch jemand, der ganz spannend ist als Gesprächspartner.
André Melnik war jetzt eine ganze Zeit lang in Brasilien oder ist aktuell noch in Brasilien als ukrainischer Botschafter und wechselt demnächst im Juni zu den Vereinten Nationen nach New York. Und seine Sicht ist in Teilen ähnlich wie die von Atem. Putin verfolgt eine ausgeklügelte, perfide Verhandlungsstrategie.
Er stellt Maximalforderungen, er verlangt das Unmögliche, er will dabei keinen Millimeter nachgeben. Er versucht das Ganze als einen angeblichen Kompromiss zu verkaufen. Und heimlich Kriegshandlungen intensivieren, immer neue Drohkulissen aufbauen. Tatsächlich, wenn man diese russische Verhandlungsstrategie in Anführungszeichen verfolgt, das ist wirklich ganz spannend zu sehen.
Also, dass die Russen eben mit Maximalforderungen reingehen in diese Verhandlungen, wie man das eigentlich normalerweise auch macht. Also die Russen sagen sogar, sie wollen die Gebiete, die sie 2022 im Herbst annektiert haben und sie noch gar nicht richtig erobert haben, die wollen sie eben auch haben.
Sie wollen natürlich nicht auf die Krim verzichten, sie wollen nicht auf Saporische, auf Kherson, auf Luanz oder Donetsk verzichten. Und sie gehen also mit diesen Maximalforderungen rein und immer wieder, wenn die Ukrainer irgendwelche Friedensvorschläge machen, gehen die Russen schlicht und ergreifen nicht darauf ein. Und man hat so ein bisschen den Eindruck, dass sie die Amerikaner auch im Nasenring durch die Manege führen.
Die Amerikaner, die Trump-Administration, die ja in Form ihres Präsidenten sehr großmaulig verkündet hat, sie werde diesen Krieg innerhalb von 24 Stunden beenden nach Amtsübernahme von Donald Trump, die beißen bei den Russen auf Granit. Das sieht man, sie übernehmen gleichzeitig auch das russische Narrativ, also auch jetzt kommen mittlerweile von dem.
Die Sondergesandten der Amerikaner für die Ukraine, für Russland, Steve Witkow, kommen eben auch solche Töne, naja, da müssen die Ukrainer eben auf irgendwelches Land verzichten. Gerade diese russischsprachigen Regionen, im Grunde genommen wollten die Ukrainer diese russischsprachigen Regionen auch gar nicht, was natürlich für sich kompletter Unsinn ist.
Und dazu kommt noch, dass Trump auch das russische Narrativ übernimmt, dass die Ukrainer selber schuld sein an diesem Krieg, den Russland in ihr Land gebracht hat. Und das sind natürlich Dinge, die Verhandlungen relativ schwierig machen, beziehungsweise Verhandlungen für die russische Seite sehr, sehr einfach machen.
Also Putin freut sich natürlich sehr, dass er jetzt mit Trump im Weißen Haus hat, der im Grunde genommen genau das von sich gibt, was er eigentlich will. Melnyk entzahlen Daten und Forderungen. Er will, dass Deutschland endlich handelt. Nicht mit Symbolpolitik, sondern konkret. Dazu muss man natürlich sagen, dass Deutschland gerade in den vergangenen zwei Jahren zum wichtigsten, neben den USA wichtigsten Partner der Ukraine geboren ist.
Deutschland hat viele Waffen geliefert, viele Waffensysteme, auch viele hilfreiche Waffensysteme, wie beispielsweise den Flugabwehrpanzer Gepard, wie beispielsweise Iris T, das ist ein Flugabwehrsystem, was beispielsweise die Stadt Kiew zu schützen hilft. Wir haben Panzerhobitten geliefert, wir haben Artilleriemunition geliefert, wir haben den Leopard 2 geliefert.
Also Deutschland hat schon eine ganze Menge gemacht, aber Malik sagt eben eindeutig, das reicht immer noch nicht aus. Das heißt, dass der neue Kanzler Friedrich Merz bereits am 6. Mai, am Tag seiner Amtseinführung, einen neuen Kurs verkünden sollte. Einerseits die Waffenlieferungen an die Ukraine im Gleichschritt mit den Europäern um das Zehnfache zu erhöhen.
Und andererseits die Sanktionsschrauben für Russland drastisch anzuziehen. Es geht um Totalstopp für Importe von russischem LNG-Gas, es geht um vollständigen Swift-Ausschluss für alle russischen Banken, es geht um Totalverbot russischer Staatsanleihen auf EU-Börsen und auch um vieles mehr. Soll der Kanzler Merz diese mutigen Schritte unternehmen, glauben Sie mir, er wird an den Verhandlungstisch automatisch eingeladen, Denn er wird mega starke Trümpfe in der Hand haben, um den Krieg zu stoppen.
Mittlerweile, wie gesagt, ist die Stimmung gegenüber Deutschland wesentlich besser. Aber was einfach das Kernproblem ist, ist, dass es eben einfach alles sehr zügig war. Ihr werdet euch erinnern, wir haben super lange darüber diskutiert, ob die Panzerhaubitze 2000 geliefert werden kann. Wir haben super lange darüber diskutiert, ob der Leopard 2 Panzer geliefert werden kann.
Und das Argument war immer, wenn wir solche Waffensysteme liefern, werden wir Kriegsparteien. Und das war auch das, was Putin immer gesagt hat. Also wenn Deutschland solche Waffen liefert, wenn Deutschland Panzer liefert, wenn Deutschland schwere Artillerie liefert, dann wird Deutschland Kriegspartei und überschreitet ohne Linien.
Und am Ende war das eben immer diese große Angst, dass man in diesen Krieg reingezogen wird und als Kriegspartei wahrgenommen wird. Das war ja dann auch immer die große Sorge, dass möglicherweise ein Angriff auf Deutschland selber droht und so weiter. Das hat sich immer als Quatsch erwiesen. Und ein Beispiel, was das immer noch sehr gut zeigt, ist eben Taurus.
Der Taurus ist ein Wappensystem, das ist ein Marschluhkörper, den die Ukraine eigentlich braucht, eine Abstandswaffe, ähnlich wie die französische Scalp oder die britische Storm Shadow, das sind auch Marschluhkörper. Und mit diesen Waffen können eben russische Flughäfen, Flugfelder, Waffendepots und andere Dinge weit hinter der Front getroffen werden.
Und im Grunde genommen brauchen die die Ukrainer das. Also je mehr Abstandswaffen sie haben, desto leichter fällt es ihnen, die Russen sozusagen von ihren Nachschublinien abzuschneiden und damit die russischen Soldaten an der Front zu schwächen und den Druck auf die ukrainischen Frontlinien zu nehmen.
Und dass der Taus nicht geliefert wird, genau dasselbe Argument wie eben auch mit Leopard 2 oder mit der Panzerhaubitze 2000. Wir könnten Kriegspartei werden. Ich halte das für Quatsch und Unsinn. Und ich glaube, Deutschland könnte wesentlich mehr machen und es wäre wirklich hilfreich gewesen, wenn Deutschland von Anfang an und auch die anderen westlichen Partner von Anfang an eben entsprechend die Ukraine mit dem unterstützt hätten, was die Ukraine angefordert hat, was die Ukraine gebraucht hat und was ihr dann militärisch auch geholfen hat, die Front einigermaßen zu stabilisieren.
Gilt übrigens auch für die Sanktionen, dass in Deutschland wieder darüber nachgedacht wird, möglicherweise Nord Stream 2 zu reaktivieren. Das ist natürlich alles nicht förderlich für die ukrainische Verhandlungsposition. Jemand, der den Krieg in seiner vollen Härte erlebt, ist Mitya. Mitya ist Soldat in der Ostukraine, der ist bei Konstantinowka stationiert.
Bei Mitya habe ich schon das eine oder andere Mal in dem Podcast erzählt. Der Mitya war auch mal fixer für uns, bis er dann eingezogen worden ist im vergangenen Jahr. Und ja, jetzt ist Mitya bei der 28. Brigade bei Konstantinika stationiert, einem der Hotspots an der Front. Und ich spreche also regelmäßig mit ihm darüber, wie es ihm geht, was so seine Empfindungen sind.
Und ich habe jetzt auch wieder mit ihm gesprochen und er hat mir dann auch gesagt, wie er die aktuelle Situation sieht. Und diese Worte, die berühren schon, finde ich, denn hinter jeder Statistik steht eine Familie, eine Geschichte. Die Situation im Verantwortungsbereich meiner Einheit ist sehr schwierig, würde ich sagen.
Und nicht, weil die Russen schnell vorrücken oder so. Das tun sie nicht. Aber der Preis, den wir dafür zahlen, dass wir sie zurückhalten, ist sehr hoch. Und es sind nicht nur die nackten Zahlen der Opfer oder so, sondern auch der Schaden, den sie anrichten. Durch jeden Soldaten, den sie töten, denn hinter jedem gefallenen Soldaten steht eine Familie.
Ja, ich habe ja schon gesagt, Mitya ist Fixer gewesen, Journalist auch, ein ukrainischer. Und ja, dem geht es in den vergangenen Wochen wirklich schlecht. Die Stimmung hat sich mal mehr verdüstert, weil er auch in der Kampfeinheit ist. Er war noch nicht direkt vorne an der Front, die er als Fleischwolf bezeichnet.
Also er sagt, was da bei ihm im Frontabschirm passiert, ist einfach grauenhaft, weil überall Drohnen in der Luft sind. Und das macht die Bewegung sehr, sehr schwierig. Und Miki hatte eben auch die Angst, dass er jetzt möglicherweise in diesen Fleischhölf geworfen wird und direkt an der Front kämpfen muss.
Und dass ich den Eindruck hatte, dass er in den vergangenen Wochen wirklich schon so am Rand von so einer Depression unterwegs war. Aktuell sind Dutzende von Drohnen gleichzeitig in der Luft. Es ist fast unmöglich, ein paar Schleichzüge zu machen. Man kann sich nicht in die Frontstellungen hinein- oder herausschleichen, also fast nicht. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, um wieder voranzukommen.
Ich weiß nicht, wir müssen etwas herausfinden, um wieder zu kommen. Oder es wird immer schwieriger, an die Front zu kommen, weil die Drohnen auch teilweise in den Städten schon sind, in den frontnahen Städten. Die attackieren einfach alles, was sich bewegt. Wir werden mittlerweile auch Drohnenfallen aufgebaut. Das heißt, die Russen lassen Drohnen landen, beispielsweise auf so Bushaltestellen, wo die Drohnen dann einfach abwarten.
Die werden dann sozusagen geparkt und dann, wenn Autos vorbeikommen, gehen sie in die Luft und attackieren dann diese Autos. Und die attackieren einfach alles. Die attackieren Privat-PKWs, die attackieren militärische Fahrzeuge, die attackieren Ambulanzen, einfach alles. Und vor allem ist das Schlagfeld mittlerweile absolut transparent.
Das hat Miki ja gerade auch schon gesagt. Also man kommt einfach kaum noch rein, ohne sofort von Aufklärungsthronen gesehen zu werden und dann eben von Angriffsdrohnen attackiert zu werden. Also auch diesen Kamikaze-Drohnen oder Drohnen, die im Sprengkörper abwerfen. Und das macht die Arbeit für uns als Journalisten auch nicht.
Einfacher muss man sagen, das wird ein immer größeres Problem. Und deswegen fällt die Frontberichterstattung mit der Walle auch immer schwerer. Ein anderer Mensch, über den wir diesen Podcast schon mal berichtet haben, ist Katharina Krapersnikofer. Sie ist Feldsanitäterin in der 47. Brigade. Katharina kennt ihr, weil ich mal über sie berichtet habe, beziehungsweise über ihren Verlobten Oleg, der auch in der 47.
Brigade war und der im vergangenen Jahr, im Februar, gefallen ist. Und der ist mit Verlust für sie, der absolut kass. und herbitter war. Das hat sie unglaublich mitgenommen. Sie hat mir dann auch mal die Geschichte ihrer Beziehung erzählt. Das war ein sehr intensives und sehr berührendes Gespräch, muss ich sagen.
Und sie hat natürlich auch ganz viele Verwundete gesehen. Nicht jedem hat sie helfen können, aber sie kämpft trotzdem. Und das macht sie immer noch weiter, jeden Tag. Eines der größten Probleme für uns sind die schlechten Wege für die Evakuierungen. Die Strecken sind so gefährlich, dass unsere Fahrzeuge dauernd kaputt gehen.
Und damit wir beim nächsten Verwundeten überhaupt wieder rausfahren können, müssen wir die Wagen ständig reparieren. Ja, also das, was Katharina erzählt, passt eben zu dem, was Mitya immer auch erzählt hat. Also wie gesagt, die russischen Angriffstruungen greifen einfach alles an. Also auch Evakuierungstrupps, die Verwundete rausbringen von der Front, werden angegriffen.
Medizinische Fahrzeuge werden angegriffen, Feldlatserrette werden angegriffen. Es wird einfach alles angegriffen. Also diese Hage-Landkriegsordnung, die, wir haben Rundung genommen, solche Dinge ja regeln soll. Also wenn irgendwo ein rotes Kreuz drauf ist, soll es halt nicht attackiert werden. Die gelten einfach in diesem Krieg nicht mehr. Und das ist natürlich für alle Beteiligten sehr, sehr schwierig und macht das Leben dann auch für diese Feldsanis wie Katharina ziemlich gefährlich.
Gleichzeitig, was noch dazukommt, auch das hat wiederum was zu tun mit der Trump-Administration, das habt ihr wahrscheinlich auch mitbekommen, ist, dass die Entwicklungshilfeorganisation USAID im Grunde genommen komplett zerschlagen worden ist und es sind also Milliarden Mittel eingekürzt worden, aber auch Mittel, die vor allem in Afrika jetzt fehlen und deswegen jetzt viele Menschen einfach sterben, weil sie keine humanitäre Hilfe mehr bekommen.
Das gilt aber allerdings auch für die Ukraine und beispielsweise in den Fronten an Städten hat USAID viele, viele Menschen finanziell unterstützt oder Organisationen finanziell unterstützt, die wiederum Lebensmittelpakete geliefert haben an Menschen in den Fronten an Städten, die Organisationen unterstützt haben, die Menschen rausgebracht haben aus zerbombten Städten und all diese Hilfe fehlt jetzt und auch die Hilfe eben für die medizinische Versorgung auch von Kriegsverletzten fehlt.
Das ist alles bitter, das bringt die Ukraine natürlich immer weiter in die Defensive, das bringt vor allem eben auch natürlich die Stimmung oder treibt die Stimmung in der Ukraine immer weiter in den Keller, weil sie Menschen auch so ein bisschen den Eindruck haben, dass sie zumindest von den USA verlassen werden, auch wenn Europa sich ganz klar noch hinter die Ukraine stellt.
Aber das sind natürlich bittere Entwicklungen, von denen manche gedacht haben, naja, das könnte passieren. Also viele haben befürchtet, es wird nichts Gutes passieren, wenn Trump an die Macht kommt. Aber dass es halt so krass wird und so schlimm wird, damit hat eben keiner gerichtet. Und ja, das gilt eben für alle, mit denen ich in der Ukraine gesprochen habe.
Das gilt auch für die, deren Stimmen ihr heute gehört habt. Und im Grunde genommen sagen sie alle das Gleiche. Der Frieden kann nur erreicht werden, wenn der Westen entschlossen handelt und entschlossener als bislang. Und das gilt natürlich jetzt dadurch, dass die USA als ernstzunehmender Partner wegfallen, insbesondere Europa. Das gilt aber auch für diejenigen, die nur guten Willen sind, ob das Länder sind wie Australien, Japan, Südkorea oder Kanada.
Die Ukraine, das gehört so weit dazu, braucht weiterhin Waffen. Die Ukraine braucht Abstandswaffen, die Ukraine braucht Artilleriemunition, die Ukraine braucht Luftabwehrsysteme, um ihre Städte zu schützen, damit nicht mehr weiter solche Tragödien passieren, wie die in Sumi oder in Kriberie oder in anderen Städten, wo Dutzende von Zivilisten bei Luftschlägen der Russen ums Leben gekommen sind.
Die Ukraine braucht weiter humanitäre Unterstützung, die Ukraine braucht aber vor allem eben auch diplomatische Unterstützung. Das, was die Amerikaner gerade machen, Das ist schlicht und ergreifend das Wiedergeben des russischen Narrativs. Ich habe es ja vorhin schon mal angesprochen, also zu sagen, die Ukrainer sind selbst schuld an diesem Krieg, hätten den Krieg beenden können oder hätten ihn erst gar nicht beginnen lassen müssen.
Die Ukrainer müssen auf alles verzichten, was die Russen bislang erobert haben. Das sind natürlich Forderungen, mit denen man nicht in Verhandlungen reingehen kann. Also Verhandlungen leben ja davon, dass beide Seiten Maximalforderungen aufstellen und man sich dann irgendwann andehrt. Aber so wie die Amerikaner gerade vermitteln, so geht es einfach nicht.
Das kann nicht funktionieren. Und ganz offensichtlich sind die Russen ja auch nicht gerade willens, diesen Krieg in allzu nahe Zukunft zu beenden. Das kann sich alles ändern. Man weiß es nicht. Aber zurzeit sieht eben nichts danach aus, als würden die Russen ihre Offensivoperation stoppen wollen. Ich habe es ja vorhin schon gesagt, die Osterruhe, die Putin selber ausgerufen hat, ist von den Russen dutzendfach, hundertfach gebrochen worden.
Der Beschuss ging weiter, die Angriffsoperationen ging weiter in vielen Frontabschnitten. Insofern scheint der russische Friedenswille nicht besonders ausgeprägt zu sein. Dieser Krieg ist real. Er ist eben nicht eingefroren, sondern er ist blutig. Er fordert jeden Tag Menschenleben und jeden Tag werden Menschen verbundet.
Und die Menschen in der Ukraine, ich habe es ja gesagt, sie wollen einfach nicht mehr endlos weiterkämpfen. Aber sie wollen ernst genommen werden und gehört werden. Und sie wollen auch weiterhin unterstützt werden. Das war im Krisenmodus. Der Podcast wurde produziert von Alexander Baumeister. Er ist Journalist und Hörfunkredakteur bei einem Radiosender der Funke Mediengruppe.
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