Im Krisenmodus· Folge 101

Vergewaltigung als Waffe – was Russland Frauen antut

Mittwoch, 16. Juli 2025 · 30 min

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Shownotes

Mariya wurde verschleppt, geschlagen, vergewaltigt. Iryna kämpft seit Jahren dafür, dass solche Verbrechen geahndet werden. In dieser Folge von „Im Krisenmodus“ spricht FUNKE-Reporter Jan Jessen (nrz.de/politik/article409226899/mariya-von-rus…) über sexualisierte Gewalt im Ukrainekrieg – über Vergewaltigung als Kriegswaffe, Folter durch russische Soldaten und den systematischen Einsatz von Gewalt gegen Frauen und Männer.

🎙️ Gäste in dieser Folge
Iryna Dovhan – Gründerin von SEMA Ukraine (eine Selbsthilfeorganisation für Überlebende sexualisierter Gewalt im Krieg), Überlebende, Aktivistin, internationale Zeugin sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe
Mariya (Name geändert) – Überlebende systematischer Vergewaltigungen durch russische Soldaten, berichtet erstmals öffentlich

🧭 Kapitelübersicht
1 | Der Körper als Schlachtfeld
Mariya erzählt von Verschleppung, Misshandlung, Vergewaltigung – und vom Moment, in dem sie wusste: Ich werde nicht überleben, nur überstehen.
2 | Was in Cherson geschah
Russische Truppen, Dauerbeschuss, Angst: Wie Mariya zwischen Kaffeehausmusik und Granateneinschlägen ihre Geschichte erzählt – und warum so viele schweigen.
3 | Flucht, Datenbank, Überleben
Ein russischer Offizier rettet sie – und eine Datenbank entscheidet über ihr Schicksal. Mariya flieht durch die Front, mit nichts als ihrem Überlebenswillen.
4 | Die, die sich zusammentun
Iryna Dovhan gründet SEMA – eine Selbsthilfeorganisation von Frauen, die Gewalt überlebt haben. Was ihnen vom Staat fehlte, geben sie sich nun selbst.
5 | Kriegsverbrechen: Sexualisierte Gewalt durch russische Truppen
Sex als Waffe: Wie Russland systematisch Vergewaltigung einsetzt – gegen Frauen und Männer. Und warum der FSB (russischer Inlandsgeheimdienst, Nachfolger des KGB) besonders brutal vorging.
6 | Strafverfolgung sexualisierter Kriegsgewalt – was möglich ist
Über 1000 Betroffene zählt SEMA. Viele schweigen bis heute. Warum es internationale Hilfe braucht – und eine Justiz, die nicht vergisst.

🎧 Hör-Empfehlungen
Leben unter Beschuss - Stimmen aus Cherson (nrz.de/podcast/article409068822/leben-unter-be…)
Kinder aus Cherson im Krieg (nrz.de/podcast/article408051983/kinder-im-ukra…)
Frauen in Syrien (nrz.de/podcast/article408584990/frauen-in-syri…)

🆘 Wo bekomme ich Hilfe?
Für Betroffene in Deutschland:
• Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (24/7, anonym, 18 Sprachen):
• 📞 08000 116 016 | Hilfetelefon (hilfetelefon.de)
• Medica Mondiale (Unterstützung für Frauen in Kriegs- und Krisengebieten):
• medica mondiale: Für ein Ende sexualisierter Gewalt (medicamondiale.org)
• Terre des Femmes – Menschenrechte für die Frau e. V.
• Frauenrechte.de (frauenrechte.de)
Internationale Organisationen (Ukraine/Europa):
• SEMA Ukraine – Selbsthilfe für Überlebende sexualisierter Gewalt - SEMAUKRAINE (semaukraine.org.ua/en)
• Global Survivors Fund – Global Survivors Fund (globalsurvivorsfund.org)
• Mukwege Foundation – Mukwege Foundation – setzt sich weltweit für Opfer von Vergewaltigung als Kriegswaffe ein - Mukwege Foundation (mukwegefoundation.org)

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Im Krisenmodus ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe

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Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn Vergewaltigung zur Kriegswaffe wird? Wenn sexuelle Gewalt nicht das Ergebnis von Kontrollverlust ist, sondern strategisch geplant, militärisch geduldet, politisch ignoriert? In diesem Podcast von Im Krisenmodus spreche ich mit Frauen in der Ukraine, die das miterleben mussten, durchmachen mussten.

Es ist eine ganz besonders scheußliche Seite dieses Krieges, der sowieso schon schlimm genug ist. Die Geschichten, die ihr hören werdet, sind, wie immer in diesem Podcast, nicht einfach und leicht zu ertragen. Trotzdem eine Triggerwarnung und der Hinweis, dass in den Shownotes auch Infos sind für Menschen, die Gewalt außerhalb des Krieges erlebt haben oder Hilfe brauchen.

Ich war in so einem Schocken, was ich weiter tun kann, was ich nicht verstehe. Ich war in so einem Zustand geschockt, was ich tun sollte, was mit mir passieren würde. Ich habe es einfach nicht verstanden, obwohl ich tief drin schon wusste, was passieren könnte. Und genau das ist dann auch passiert. Ich wurde geschlagen, vergewaltigt. Erst am nächsten Tag tauchte irgendein Offizier auf, der überrascht war, dass ich überhaupt dort war.

Irgendjemand fing an, ihm irgendetwas zu erklären. Ich saß in der Ecke, auf dem Boden, so zusammengerollt, die Arme um mich geschlungen. Ich hatte Angst, dass sich mir irgendjemand nähert. Darf ich hier eine rauchen? Im Krisenmodus. Der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt. Mit Journalist Jan Jessen.

Hallo zu einer neuen Folge von Im Krisenmodus. Mein Name ist Jan Jessen. Ich bin Politikchef der NRZ und arbeite für die Funke Mediengruppe als Kriegs- und Krisenreporter. Meine Berichte lest ihr unter anderem in der WAZ, der NRZ, der Berliner Morgenpost, dem Hamburger Abendblatt oder auch online auf unseren Seiten.

Heute geht es um ein weiteres brutales Kapitel dieses Angriffskrieges von Russland auf die Ukraine, der im Februar 2022 begonnen hat und jetzt in den Tagen vor der Aufnahme dieses Podcasts nochmal weiter eskaliert ist. Ihr habt es bestimmt mitbekommen, die russischen Streitkräfte bombardieren gerade in den vergangenen Tagen und Wochen ganz besonders intensiv die Ukraine, die Friedensverhandlungen, die Trump, der amerikanische Präsident, anstoßen wollte, angestoßen hat.

Sind ganz offensichtlich ins Leere gelaufen. Putin scheint in diesen Tagen alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, die Ukraine in die Knie zu zwingen, sie zur bedingungslosen Kapitulation zu zwingen. Es gibt viele Debatten auf internationaler Ebene, wie der Ukraine geholfen werden kann. Aber gerade diese Tage sind natürlich ganz besonders schwer.

Ich war vor einigen Wochen in der Ukraine unterwegs, auch direkt an der Front natürlich, wo das Kriegsgeschehen derzeit sehr negativ läuft für die Ukraine, muss man sagen. Also die russischen Schreitgifte drücken gerade aktuell sehr stark nach vorne, insbesondere in der Region Donetsk, da konkret bei der Stadt Pukowsk.

Und irgendwie gesagt, es ist eine relativ schwierige militärische Lage gerade plus das, was ich eben schon gesagt habe, diese massenhaften Bombardements aktuell. Ich habe bei der Reise auch mit Frauen gesprochen, deren Geschichten für andere stehen, für viele andere. Maria und Irina. Zwei Namen, zwei Schicksale und ein System, das gezielt die Würde auch von Frauen brechen will.

Ich war unter anderem in Kherson, einer Stadt im Süden der Ukraine, über die wir schon mehrfach gesprochen haben in unserem Podcast. Die entsprechenden Erfolgen können wir euch in die Show Notes packen. Kherson ist eine Stadt, die besetzt war von russischen Truppen, die einzige Regionalhauptstadt, die die Russen unter Kontrolle bringen konnten nach dem Beginn der Invasion im Februar 2022, die dann aber im Herbst 2022 von den ukrainischen Streitkräften wieder befreit werden konnte.

Problem in Kherson ist, die Stadt liegt in Reichweite der russischen Artillerie. Wird jeden Tag beschossen, auch von Drohnen angegriffen und ja, das Leben ist eben ziemlich gefährlich dort und problematisch. Und da habe ich Maria getroffen, in einem kleinen Hinterzimmer eines Cafés. Das war natürlich eine etwas seltsame Begegnung. Draußen der Geschützdonner, drinnen fröhliche Musik.

Bisschen skurril, muss man sagen. Und insbesondere vor dem Hintergrund dessen, was Maria mir erzählt hat. Sie ist 49, hat früher als Anwältin gearbeitet und ist zum Opfer eines Kriegsverbrechens geworden, das leider viel zu wenig meines Erachtens dokumentiert wird. Maria, die stammt aus einer Stadt in der Nähe von Kherson, einer Kleinstadt.

Den Namen sollte ich nicht nennen, dieser Stadt. Auch nicht ihren richtigen Namen von Maria, weil das Problem ist, dass in dieser Kleinstadt noch ihre Eltern und ihr Bruder leben. Die Stadt ist unter russischer Besatzung und sie hatte Angst, dass denen möglicherweise Negatives widerfahren könnte, wenn sie mit vollem Namen genannt wird und wenn auch die Stadt genannt wird, aus der sie kommt.

In dieser Kleinstadt hat sie jedenfalls vor dem Krieg, wie gesagt, als Anwältin gearbeitet, Als die Stadt dann besetzt wurde, direkt nach dem Beginn des russischen Überfalls, haben die Besatzer sie dann auch versucht zu drängen, für sie zu arbeiten, also zu kollaborieren. Das hat sie abgelehnt. Sie ist dann, wie das ganz häufig passiert ist, in der russischen Besatzung festgenommen worden, schwer verhört worden und ja auch entsprechend misshandelt worden.

Sie ist erst lange in der Zelle gewesen, eingepfercht mit anderen Frauen und dann später zu einem Bauernhof verschleppt worden. Also da war dann, hat sie erzählt, ein anderer junger Mann, André, der ist mit ihr zusammen zum einen verhaftet worden, dann zum anderen auch rausgebracht worden. Also sie war beschieden worden von den russischen Besatzern, dass sie jetzt das besetzte Gebiet verlassen müsse, weil sie eben nicht brauchbar sei und weil sie sich eben widersetze.

Und deswegen müsse sie also zurück in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet. Und als die dann zusammen in einem gepanzerten Fahrzeug rausgebracht werden aus dieser Kleinstadt und in Richtung Front gefahren werden, hört sie nur bei den Funk, wie der Fahrer sagt, ich habe hier zwei Leute und der andere auf der anderen Seite sagt, naja, was sind das für Leute?

Und dann sagt der Pfarrer, einmal so ein junger Mann, den könnt ihr ja für das Schanzen benutzen, also für das Graben von Schützengräben und Befestigungen und mit dem Mädchen könnt ihr machen, was ihr wollt. Und da wusste sie, das geht in eine Richtung, die wirklich finster für sie ist. Sie ist dann auf einem Bauernhof angekommen, sie ist rausgebracht worden.

Ja, und dann hat eben schon dieses Grauen begonnen, was hier da widerfahren worden ist. Sie ist also von vielen Soldaten, die ja stationiert waren, vergewaltigt worden. Und sie hat mir dann auch erklärt, was das konkret für Leute waren. Nun, dort waren auch Leute aus dem Kaukasus, wie mir der Major erklärte, der mich im Grunde gerettet hat. Er sagte, das sei die 6.

Kompanie, eine harte Einheit. Dorthin schicken sie hauptsächlich Leute, die man an die vorderste Front wirft. Es gab dort sowohl Vertragssoldaten als auch Verurteilte. Da war alles dabei. Menschen kaukasischer Herkunft, manche mit schmalen Augen, vielleicht Baschkieren oder Burjaten. Ich weiß nicht genau, wer das alles war. Und auch welche mit slawischem Aussehen.

Baschkieren, das ist ein Turkvolk aus Russland. Die Boyaten, die kommen aus Sibirien, das ist auch eine Minderheit, eine ethnische. Und das war insbesondere am Anfang des Krieges so, dass Angehörige von Minderheiten von den russischen Streitkräften eingesetzt worden sind. Man hat also am Anfang vermieden, Leute aus beispielsweise Moskau oder St.

Petersburg einzusetzen, weil man eben der Meinung war, man verheizt, grob gesagt, lieber diejenigen, die da nicht groß gegen rebellieren wären. Also das waren eben vor allem dann Angehörige von Minderheiten, die in den ersten Kriegsjahren da eingesetzt worden waren. Und Maria hat versucht, sich an ihre Peiniger zu erinnern. Das war natürlich schwierig, natürlich auch in so einem Gespräch.

Also wenn da sitzt eben eine Frau, die die Grauenfrau erlebt hat mit Männern, die wirklich schlimme Sachen angetan haben. Man sitzt selber als Mann davor und das ist natürlich eine etwas schwierige Situation. Und ich habe dann natürlich auch nicht versucht, zu sehr zu drängen, weil man merkte, dass ihr das schon, also allein die Erinnerung daran, was ihr da widerfahren ist, das war schon wirklich belastend für sie.

Sie hat dann zwischendurch auch Tränen in den Augen gehabt, sie hat immer wieder tief durchgeatmet, sie hat dann irgendwann auch mal gesagt, so jetzt muss ich aufstehen und Zigarette rauchen gehen. Also das war wirklich sehr belastend für sie und möglicherweise eben retraumatisierend Und das generell, wenn wir als Journalisten mit Opfern von Gewalt, von Verbrechen sprechen, ist das natürlich immer ein Ritt auf der Rasierklinge. Also es ist immer schwierig.

Natürlich willst du die Geschichte von den Leuten hören auf der einen Seite und auf der anderen Seite willst du die Leute nicht drängen in Richtung, wo sie sich überhaupt nicht mehr gut fühlen. Das war gerade bei diesem Gespräch natürlich ganz besonders massiv und insofern habe ich sie dann auch gelassen, habe dann nicht zu sehr darauf gedrängt, dass sie zu sehr in Details geht, das wäre dann glaube ich auch völlig unangemessen gewesen.

Jedenfalls, und das fand ich spannend, wurde Maria gerettet von einem russischen Offizier. Also sie hat eben diese Massenvergewaltigung erlebt, dieses Grauen in der Nacht und saß dann eben, wie sie es ganz am Anfang erzählt hat, zusammengekauert in der Ecke, hat versucht sich irgendwie zu bedecken und dann kommt eben dieser Offizier da rein.

Und sagt ihm, was ist los mit ihr? Was passiert hier? Und dann hat er eben seinen Leuten befohlen, das sofort zu stoppen. Ich denke, das wird nicht unbedingt Mitleid gewesen sein, sondern weil eben die Leute einfach über jedes Maß hinaus sich da in ihr vergangen haben. Und er hat eben dann dafür gesorgt, dass sie auch aus dieser Situation rausgekommen ist.

Das fand ich, wie gesagt, auch nochmal einen spannenden Aspekt, dass sie das erzählt hat, dass sie eben, obwohl ihr russische Soldaten dieses Grauen angetan haben, dass es eben ein russischer Offizier war, der sie da rausgebracht hat. Und das ist übrigens auch eine Sache, die habe ich auch von anderen Kriegsschauplätzen gehört.

Ich kann mich an die Balkankriege erinnern, da ist das auch mal wieder vorgekommen, dass insbesondere Milizen sich eben an Frauen oder Milizionäre sich an Frauen vergangen haben und dann immer wieder Offiziere reingegangen sind und gesagt haben, also Leute, die wirklich in diese militärischen Strukturen eingebunden waren und gesagt haben, stopp Leute, so nicht.

Und generell muss man sagen, dass es eben das bittere Vergewaltigungen und Massenvergewaltigungen gehören eben zu Kriegen dazu, so krass sich das anhört. Aber Vergewaltigungen werden immer wieder und immer wieder als Kriegswaffe eingesetzt. Das ist nicht nur jetzt in diesem Krieg in der Ukraine so, sondern das ist auf allen Kriegsschauplätzen dieser Welt so und ich habe es auch selber erlebt und viele Geschichten darüber gemacht.

Im Irak beispielsweise, als der sogenannte islamische Staat sein Terrorkalifat errichtet hat seinerzeit, da sind ja über 6000 jesidische Frauen und Kinder entführt worden, die Frauen als Sexsklavin missbraucht worden, auf eine sehr brutale Art und Weise. Bis heute fehlt jede Spur von ungefähr 2000 jesidischen Frauen.

Auch das war eine gezielte Geschichte, um das jesidische Volk, um die jesidischen Menschen zu brechen, ihre Würde zu brechen, sie kaputt zu machen, diese Gemeinschaft. Und ähnlich scheint es eben möglicherweise auch in der Ukraine zu sein. Jedenfalls hat mir Maria dann auch erzählt, wie sie aus dieser Situation herausgekommen ist.

Und als er, der Major, es herausgefunden hatte, was passiert war, sagte er, ja tatsächlich, du bist bei ihnen in der Datenbank. Du kommst nirgendwo mehr durch. Der einzige Weg ist, über die Brücke rauszukommen, die weiterführt. Da bei Minskoje, dann ins Gebiet Saporizhia und weiter nach Saporizhia selbst.

Nur so durch die Frontlinie. Aber du wirst es wohl kaum schaffen. Ich sagte, ich werde es riskieren. Vielleicht schaffe ich es ja. Doch er sagte, beruhige dich. Niemand wird dich hier mehr anfassen. Ich habe dem Befehl gegeben, dass man dich in Ruhe lässt. Das hat mich irgendwie beruhigt. Die Datenbank, von der sie da gesprochen hat, das ist eine Datenbank des FSB, also des russischen Geheimdienstes, die haben sie verhört und wie gesagt, sie war dann in dieser Datenbank drin, als eine Person, die sozusagen unerwünscht war in den besetzten Gebieten, offensichtlich.

Und es war ihr Glück, dass ihr Name da gefunden worden ist, denn möglicherweise hätte ihr dieser Major dann ansonsten nicht geholfen. Und ja, dann ist sie eben aus diesem Gebiet herausgekommen. Es war, das hat sie mir noch sehr detailliert erzählt, ein Fußweg von Dutzenden von Kilometern und sie weiß bis heute nicht, wie sie es da wirklich rausgeschafft hat.

Aber sie hat es überlebt, sie hat es rausgeschafft, ist natürlich bis heute tief verwundet an ihrer Seele, aber hat es trotzdem überlebt, dieses Grauen. Das ist natürlich nicht bei allen Frauen der Fall gewesen. Olya Czerniak, das war auch eine Frau, die ich da kennengelernt habe, von der aus spielen wir euch jetzt keine O-Tüne ein, Aber die hat mir auch noch einen anderen Aspekt genannt von diesen Misshandlungen.

Und das habe ich auch immer wieder und immer wieder gehört von Leuten, insbesondere aus Kherson. Also nach der Befreiung dieser Stadt war ich mehrfach da, habe dann mit Leuten gesprochen, die die Besatzung erlebt haben. Und die haben eben auch erzählt, wie heftig das Besatzungsregime da war, dass also alle Leute, die irgendwie im Verdacht standen, für die ukrainische Seite noch weiter zu arbeiten, dass die also unter wirklich extremen Bedingungen verhört wurden.

Und Olya Czernyak, die hat mir erzählt, dass man ihren Sohn benutzt hat, um sie zu Geständnissen zu bewegen. Also sie hat eigentlich für die Arbeitsagentur von Kerstin gearbeitet, war jetzt überhaupt nicht politisch oder sonst wie aktiv, aber man hatte sie im Verdacht, weil ein Nachbar sie wohl verraten hat, dass sie für die Ukraine spioniere.

Und dann hat man ihren Sohn also massiv misshandelt, man hat ihn verprügelt, man hat dann Elektroden an die Genitalien befestigt und ihm Stromschläge versetzt und er hat dann irgendwann geschrien und gewinselt und sie musste sich das alles anhören und hat dann eben entsprechend dann irgendwann auch ein Geständnis abgelegt, ein Falsches natürlich, weil sie sagt, ich habe nichts gemacht.

Und sie hat dann auch eine lange, lange Leidenszeit hinter sich, war 280 Tage in russischer Gefangenschaft, auch unter ganz fürchterlichen Bedingungen, sagte, sie musste sich dann vor den Augen der Wächter auf die Toilette gehen, sie musste sich vor den Augen der Wächter duschen, wenn das mal erlaubt war, das war dann alle paar Wochen mal der Fall. Es gab keine Hygieneartikel für die Frauen.

Also im Grunde genommen auch natürlich keine Vergewaltigung, aber auch sicherlich sexuelle Misshandlung, was Olga da widerfahren ist. Sie arbeitet jetzt, Olga, für die Selbsthilfeorganisation SEMA. Das steht für Survivors of Sexual Violence from Eastern Ukraine. Und das ist eine Organisation von Überlebenden für Überlebende.

Und gegründet hat diese Organisation Irina Dovgan. Sie ist selber mal Gefangene gewesen, hat selber dieses Grauen erlebt. Allerdings vor dem Beginn der russischen Invasion im Februar 2022. Sie hat das vorher erlebt, als der Krieg im Donbass begonnen hat, 2014. Dieser Krieg, das sagen auch alle Ukrainer, hat ja nicht erst 2022 angefangen, sondern schon 2014 im Zuge des sogenannten Euromaidans.

Ihr könnt euch erinnern, damals ist der russlandfreundliche Präsident Janukowitsch gestürzt worden von Menschen, die in Kiew protestiert haben gegen ihn. Es gab dann wiederum im Osten der Ukraine eine Ausstandsbewegung, die das als Putsch bezeichnet hat, die von Russland massiv unterstützt worden ist und die dann im Zuge kriegerischer Auseinandersetzung Donetsk und Luansk, zwei Großstädte, besetzt hat, die bis heute eben noch unter Besatzung sind.

Und zu dieser Zeit hat Irina eben das erlebt, was sie erleben musste. Und sie hat eben diese Organisation gegründet, weil sie sich ja alleingelassen fühlt vom ukrainischen Staat. Seit 2014 wurden diese Frauen vom Staat im Stich gelassen, mit ihrer Traumatisierung, mit ihren psychischen Problemen. Sexuelle Gewalt, Misshandlung, Vergewaltigung ist natürlich bis heute eigentlich in jedem Krieg noch ein Tabuthema.

Frauen, denen sowas widerfahren ist, schämen sich ganz häufig, damit in die Öffentlichkeit zu gehen, haben Angst, retraumatisiert zu werden. Manchmal gibt es eben einfach nicht die Anlaufpunkte für sie. Und das habe ich eben auch auf anderen Kriegsschauplätzen erlebt. Wie gesagt, ich habe ja das Beispiel Irak genannt, wo eben diese Massenvergewaltigungen von jesidischen Frauen geschehen sind.

Da war es auch für diese Frauen ganz schwierig, wieder in ihre Communities zurückzukommen. Es ist sehr schwierig, dieses Thema in die Communities reinzubringen, dass darüber überhaupt diskutiert wurde. Also das ist immer noch sehr, sehr schwierig. Und das gilt eben, wie gesagt, nicht nur für die Ukraine, nicht nur für den Irak, sondern auch für andere Kriegsschauplätze.

Und insofern ist es natürlich super, wenn sich Frauen selber zusammenfinden, sich gegenseitig stützen und auch den Raum geben, über solche Dinge zu sprechen. Und dafür ist eben auch SEMA da. SEMA betreut Überlebende, hilft mit Therapien, hilft mit Geld und mit entsprechenden Strukturen. Und Irina sagt zwar, ja, natürlich, Hilfe lindert den Schmerz, aber heilt ihn nicht.

Aber ich will es noch einmal klar sagen, für sie gehört das einfach zum Alltag, nicht mehr und nicht weniger. Russland, das behauptet Irina, das behaupten auch andere ukrainische Stellen, das behaupten auch die Vereinten Nationen, setzt sexualisierte Gewalt systematisch ein. Als Waffe, als Mittel zur Kontrolle und als Instrument zur Zerstörung ukrainischer Identität.

Das ist auch immer so ein wiederkehrendes Moment, was man auch in anderen Konflikten mitbekommt, dass es eben natürlich auch um Entwürdigung geht. Und ihr könnt euch erinnern, als die Hamas im Oktober 2023 diesen beispiellosen Angriff auf Israel gestartet hat, dass es da eben auch zu ganz fürchterlichen Vergewaltigungs-Szenen gekommen ist auf dem NOAA-Festival, diesem Techno-Festival, wo junge Leute einfach nur gefeiert haben und ihren Spaß eigentlich hatten.

Und wo dann eben Kommandos der Hamas und begleitender oder verbündeter Milizen reingestoßen sind und da dann eben nicht nur Leute ermordet haben, verschleppt haben, sondern eben auch viele, viele Frauen vergewaltigt haben. Auch das hat es, bis das erstmal aufgeklärt war und bis das nach draußen gekommen ist, hat eben auch sehr, sehr lange gedauert.

Jetzt gerade in den vergangenen Tagen vor der Aufnahme dieser Episode ist das wieder zum Thema geworden, aber auch da hat es eben sehr, sehr lange gedauert, bis man diese Verbrechen aufarbeiten konnte, bis es da entsprechende Zeugenaussagen gab und das ist immer wieder ein Kern des Muster. Maria hat überlebt, aber sie wollte nicht nur entkommen, sie wollte etwas hinterlassen, eine Spur, eine Hoffnung, eine Koordinate, die zeigt, ich habe gesehen, wer es war und vielleicht gibt es irgendwo Gerechtigkeit.

Und sie hat das eben sehr drastisch ausgedrückt und ja, ich kann es aus ihrer Sicht verstehen. Ich weiß nicht, ich kann kaum daran glauben, aber ich hoffe es. Ich hoffe, dass sie da in der 6. Kompanie bombardiert wurden, nachdem ich gezeigt hatte, wo sie sich befinden. Natürlich, das gehört zur Wahrheit auch dazu, man kann solche Geschichten nicht im Detail überprüfen, aber es gibt eben sehr, sehr viele Testimonials, Zeuginnen, Aussagen von ukrainischen Frauen, die berichten oder berichtet haben, was ihnen da widerfahren ist.

Aber man kann auch erkennen daran, wie viele Verfahren mittlerweile eröffnet worden sind von der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft wegen des Tagbewerbs sexualisierte Gewalt im Kontext von Kriegsgeschehen, dass da noch lange nicht, noch lange nicht alle Fälle offenkundig sind, denn es sind bislang erst ungefähr 340 Verfahren eröffnet worden von der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft.

Die macht das natürlich erst, wenn sie entsprechende Zeuginnen-Aussagen hat, wenn die Frauen da bereit waren, sich entsprechend zu öffnen und darüber zu sprechen. Und zum einen gibt es offensichtlich sehr viele Frauen, die sich immer noch scheuen, das zu tun, weil sie eben möglicherweise Angst haben, weil sie aus Scham oder aus welchen anderen Gründen auch immer.

Man denkt also, dass die Dunkelziffer alleine in den Gebieten, die befreit worden sind im Herbst 2022, um die 20 Mal höher ist als die tatsächlich bekannt gewordenen Fälle bislang. Und dazu kommt natürlich, dass man nicht weiß, was ist eigentlich in den von Russland aktuell besetzten Gebieten passiert in den vergangenen Jahren.

Also man weiß nicht, was seit 2014 in Donetsk-Luanz passiert ist. Man weiß nicht, was in den Gebieten Saporizhia, Kherson passiert ist, die jetzt immer noch von den Russen besetzt sind. Also da gibt es einfach eine riesen Grauzone und Schwarzzone, von der man einfach nicht weiß, was ist dabei passiert.

Wie gesagt, die Vereinten Nationen haben das mehrfach deutlich beklagt und kritisiert, dass Russland da Kriegsverbrechen begeht, sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe einsetzt. Und insofern ist das, was Maria erzählt hat, was Irina erzählt hat, ist sicherlich, oder auch was Olga erzählt hat, ist sicherlich glaubhaft.

Und generell muss ich ja sagen, sollte man erstmal den Opfern glauben. Und wenn sie solche Geschichten erzählen, warum sollten Menschen solche Geschichten erfinden? Das ist ja absurd. Wie gesagt, was Maria erlebt hat, das steht exemplarisch für viele Fälle. Und das ist kein Kollateralschaden eines Krieges, sondern es hat System, das ist eine Strategie, um Gesellschaften zu zermürben.

Und es ist auch so, dass nicht nur Frauen Opfer von sexualisierter Gewalt werden in diesem Krieg. Ich habe ja vorhin erzählt von Olga Sohn und wie er misshandelt worden ist. Das geschieht auch Männern. Es gibt auch Vergewaltigungen von Männern, von ukrainischen Kriegsgefangenen. Auch das ist immer wieder mal berichtet worden, dass das als Waffe eben auch eingesetzt wird, als psychologische Waffe, um Geständnisse zu erzwingen oder eben auch, um Leute zu brechen, um Leute zu demütigen, Leute zu bestraften.

Und Irena sagt nochmal ganz klar, warum diese Waffe so eingesetzt wird. Ich habe mir sehr viele Leute gesagt, dass das sehr viele Menschen sagen. Die Entmenschlichung war der schnellste und billigste Weg für die FSB-Mitarbeiter, also den russischen Geheimdienst, an die Geständnisse zu kommen, die sie brauchten.

Wenn jemand an den Genitalien an einen Stromgenerator angeschlossen wurde, oder entschuldigen Sie, ein Wischmobstiel in den After eingeführt wurde, unterschrieb die Person sehr schnell alles, was der FSB-Mann verlangte. Die показы, die ihm benötig sind, wenn man mit dem Genitalien genitalien. Und Tog aufgerollte, oder, Entschuldigung, das letzte Art zerspläte von Schwabry, dann hat die Person sehr schnell aufgerollte, was den FSB-Fernern brauchte.

Wichtig ist, glaube ich, auch, dass für diejenigen, denen sowas widerfahren ist, die sind natürlich schwerst traumatisiert, ob das Männer sind, Frauen sind, Kinder sind, Die leben jetzt vielleicht in Sicherheit, in vermeintlicher Sicherheit, aber leben mit ihren Traumata und ich sagte ja vermeintliche Sicherheit, deswegen auch, weil die Front immer näher an sie ranrückt.

Ich habe ja vorhin gesagt, in Cherston beispielsweise gibt es jeden Tag Artilleriebeschuss, jeden Tag fliegen da irgendwelche Drohnen rein und die Front rückt peu a peu weiter nach vorne. Und das ist natürlich für diejenigen, die sowieso traumatisiert sind und mit ihren Traumata leben müssen und damit irgendwie zurechtkommen müssen, ist das natürlich eine zusätzliche Belastung.

Die meisten Frauen sagen, wir leben in der Nähe der Frontlinie. Wir leben zwar in den deokupierten, den befreiten Gebieten, aber der Krieg ist noch nicht vorbei. Die Frontlinie ist nur 15 Kilometer von meinem Zuhause entfernt. SEMA, die Selbsthilfeorganisation, die Irena seinerzeit gegründet hat, die hilft mittlerweile über 1000 Betroffenen.

Das ist eine von mehreren Hilfsorganisationen oder Selbsthilfeorganisationen in der Ukraine. Die aber sicherlich mit am Wortmächtigsten ist. Also Irina hat auch schon vor verschiedenen Gremien gesprochen, vor den UN, auch vor dem Europaparlament. Und was Irina sagt, ist sehr, sehr deutlich. Das wirkt ein bisschen schockierend, aber ich glaube, das kann man aus ihrer Sicht heraus völlig verstehen, was sie sagt.

Es lässt mich glauben, dass sie keine Menschen sind, dass sie wie wilde Tiere sexualisierte Gewalt als Mittel einsetzen, um das ukrainische Volk zu brechen. Ich habe sehr oft gehört, dass sie es einfach aus Rachsucht tun, aus Neid. Sie haben ständig Neid empfunden gegenüber den Ukrainern, die sie besetzt haben.

Ja, der Krieg in der Ukraine ist noch lange nicht vorbei. Gerade in den vergangenen Tagen zeigt sich, dass die Kriegsmaschinerie immer hochtouriger fährt. Ich habe ja gesagt, es gibt gerade in den vergangenen Tagen Massenbombardements von ukrainischen Städten, insbesondere die Hauptstadt Kiew, steht im Fokus.

An der Front rücken die russischen Truppen weiter vor. Eine Waffenruhe oder gar ein Friedensschluss sind zurzeit nicht sichtbar oder vorstellbar. Putin bewegt sich in keinem Zentimeter, hält an seinen militärischen Minimalforderungen fest, heißt kampflose Übergabe von Städten wie Kramatorsk, Loviansk, Pokrovsk, Oder auch Saporizhia und Kherson. Das kann und wird natürlich nicht geschehen.

Und jetzt ist die Frage, wie es weitergeht. Die Ukraine braucht Hilfe, die braucht natürlich dringend Unterstützung, was das Thema Luftabwehrsysteme angeht, um die eigene Bevölkerung und die Infrastruktur schützen zu können. Die Ukraine braucht perspektivisch natürlich Hilfe beim Wiederaufbau, aber was die Ukraine auch braucht, ist einfach die Unterstützung derjenigen Menschen, die in diesem Krieg zum Opfer geworden sind und da ganz besonders natürlich die Frauen und Männer, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind.

Das ist, glaube ich, nochmal eine seelische Verbindung, die weit über das hinausgeht, was viele Soldatinnen und Soldaten natürlich erleben mussten, was Zivilbevölkerung erleben musste bei Bommardements. Sexualisierte Gewalt ist, glaube ich, nochmal etwas, was tiefere und krassere Bunden schlägt, als das, was anderen widerfahren ist.

Und umso wichtiger ist es, dass all das, was diesen Menschen widerfahren ist, zum einen aufgearbeitet wird, dass sie auf der anderen Seite aber auch Unterstützung bekommen. Dass aber vor allem auch, wenn irgend möglich, die Täter dinghaft gemacht werden, dass die Täter vor Gericht gestellt werden, dass die Täter verfolgt werden und dass sie dann entsprechend auch die Strafen bekommen für die Verbrechen, die sie begangen haben.

Wer das sich macht und wer sagt, naja gut, das gehört irgendwie zum Krieg dazu, das ist leider so ein bedauerlicher Bestandteil von Kriegsgeschehen, der schützt die Täter. Und das darf einfach nicht passieren, das darf in der Ukraine nicht passieren, das darf im Sudan nicht passieren, das darf in Israel nicht passieren, das darf im Irak nicht passieren, das darf nirgendwo auf der Welt passieren.

Sexualisierte Gewalt ist ein Verbrechen und muss auch entsprechend verfolgt werden. Das war im Krisenmodus. Produzierter diesen Podcast, Alexander Baumeister. Alle Folgen findet ihr bei Spotify, Apple Podcasts und natürlich auch auf den Portalen der Funke Mediengruppe. Wenn ihr Fragen, Feedback habt oder Hinweise geben wollt, gerne an krisenmodus.funkemedien.de.

Neue Folgen gibt es alle zwei Wochen. Ab und an produzieren wir auch bei aktuellen Geschehnissen Sonderfolgen. Die könnt ihr dann natürlich entsprechend auch auf den Plattformen abrufen. Ich danke euch fürs Zuhören heute, Auch wenn das natürlich eine etwas harte und schwierige Folge war, danke fürs Dabeisein.

Bleibt aufmerksam, passt auf euch auf, macht's gut, bis bald. Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen.

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