Im Krisenmodus· Folge 164

Warum Kolumbianer im Ukraine-Krieg kämpfen: Geld und Überzeugung

Mittwoch, 29. Juli 2026 · 21 min

MP3

Shownotes

Tausende Kolumbianer kämpfen inzwischen in den Reihen der ukrainischen Streitkräfte. Viele waren zuvor Soldaten oder Polizisten und hoffen auf einen deutlich höheren Sold als in ihrer Heimat. Andere sprechen von Solidarität mit der Ukraine oder vom Wunsch, erneut als Soldat zu dienen. FUNKE-Kriegsreporter Jan Jessen (nrz.de/politik/article412577651/kolumbianer-im…) trifft vier Kolumbianer an der Front in der Region Dnipro. Sie erzählen, warum sie gekommen sind, wie sie den Drohnenkrieg erleben und weshalb die Realität ihre Erwartungen noch übertroffen hat. Außerdem erklärt ein Bataillonsvertreter der 31. Mechanisierten Brigade, warum die Kolumbianer für seine Einheit zu wichtigen Soldaten geworden sind – und weshalb Nationalität auf dem Schlachtfeld oft keine Rolle mehr spielt.

In dieser Folge zu hören:
Jan Jessen – Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter der FUNKE Mediengruppe
Vier kolumbianische Soldaten der 31. Mechanisierten Brigade der ukrainischen Armee (Namen geändert bzw. Funknamen: Sombras, Logotor, Coco und Dominic)
Bataillonsvertreter der 31. Mechanisierten Brigade der ukrainischen Armee

🧭 Kapitel

1 | Warum kämpfen Kolumbianer für die Ukraine?
Jan Jessen trifft vier kolumbianische Soldaten in einem Wald bei Dnipro. Sie erzählen, warum sie fast 10.000 Kilometer gereist sind, um für die Ukraine zu kämpfen.
2 | Zwischen Überzeugung und Sold
Die Männer sprechen über Gerechtigkeit, Geld und ihre militärische Vergangenheit. Jan ordnet ein, warum Kolumbianer heute zu den größten Gruppen ausländischer Kämpfer in der Ukraine gehören.
3 | „Es war schlimmer, als wir dachten“
Die Soldaten berichten vom modernen Drohnenkrieg, von Verwundungen und davon, wie sich die Realität an der Front von ihren Erwartungen unterscheidet.
4 | Fremde in der eigenen Brigade
Ein ukrainischer Bataillonsvertreter erklärt, welche Rolle die Kolumbianer in seiner Einheit spielen, wie die Zusammenarbeit funktioniert und warum Sprachbarrieren im Einsatz oft zweitrangig werden.
5 | Wenn Kolumbianer auf Kolumbianer treffen
Auch Russland rekrutiert Kämpfer aus Kolumbien. Die Soldaten erzählen, warum Herkunft auf dem Schlachtfeld keine Rolle mehr spielt.
6 | Der Winter bleibt im Kopf
Zum Schluss sprechen die Männer über Kälte, Angst und die körperlichen Belastungen des Krieges – und darüber, warum sie dieser Einsatz stärker geprägt hat, als sie es sich jemals vorstellen konnten.

🎧 Hör-Empfehlungen
Kuba im Würgegriff: Öl aus, Deals an - und was Washington will (nrz.de/podcast/article411549611/kuba-im-wuerge…)
In die Hölle geschickt - Warum sich junge Ukraine freiwillig melden (morgenpost.de/podcast/article409173440/in-die-…)
Alcatraz - Wie Ex-Häftlinge in der Ukraine zu Soldaten werden (nrz.de/podcast/article410392333/alcatraz-wie-e…)

Hinweis: In dieser Folge geht es auch um Suizid und psychische Belastung im Krieg.
Wenn du selbst von Suizidgedanken betroffen bist oder dir Sorgen um jemanden machst, findest du Hilfe bei der Telefonseelsorge:
Suizidprävention - TelefonSeelsorge Deutschland (telefonseelsorge.de/sorgen-themen/suizidpraeve…)
Kostenlos und rund um die Uhr erreichbar unter:
0800 111 0 111 / 0800 111 0 222 oder 116 123

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Im Krisenmodus ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe

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Wir hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet. Aber als wir an die Front kamen, war es noch schlimmer. Dominik kommt aus Kolumbien, fast 10.000 Kilometer von der Ukraine entfernt. Und jetzt kämpft er hier, an der Front. Warum zieht jemand freiwillig in einen Krieg, der nicht sein eigener ist? Wegen einer Überzeugung, wegen des Geldes oder wegen beidem?

Ich habe vier Kolumbianer getroffen, die in ukrainischer Uniform kämpfen. Sie erzählen von Drohnen, von Angst, vom Winter und davon, warum sie sagen, der Krieg war schlimmer als alles, was sie sich vorgestellt hatten. Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen.

Hallo, ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter für die Funke Mediengruppe. Meine Berichte lest ihr in der NRZ, der Berliner Morgenpost, dem Hamburger Abendblatt und auf all unseren Onlineportalen. In dieser Folge geht es um Männer, die tausende Kilometer gereist sind, um in der Ukraine zu kämpfen. Kolumbianer an der Front.

Sie kämpfen für ein Land, das nicht ihr eigenes ist. Sie sprechen von Gerechtigkeit, von Geld, von Hoffnung auf ein besseres Leben und von einem Krieg, der alle ihre Erwartungen übertroffen hat. Wir treffen sie nicht irgendwo in einer Kaserne, nicht hinter Schreibtischen, sondern draußen in einem Waldstück in der Region Dnepro, im östlichen Zentrum des Landes, mitten im ukrainischen Sommer.

Es ist heiß, es ist stickig, es ist grün, es wirkt fast friedlich. Und gerade deshalb wirkt es so widersprüchlich, was diese Männer erzählen. Zwischen den Bäumen stehen vier Soldaten in ukrainischer Uniform. Sie lachen, rauchen, machen Witze. Einer von ihnen steht auf Krücken. Keiner von ihnen kommt aus der Ukraine.

Ihre echten Namen nennen sie nicht. Für mich heißen sie Sombras, Logotor, Koko und Dominik. Das sind ihre Funknamen. Das ist ganz häufig so bei Geschichten über Soldaten der ukrainischen Streitkräfte, dass sie nicht ihre richtigen Namen nennen aus Sicherheitsgründen, sondern ihre Punktnamen. Schnell wird klar, das sind keine Männer, die aus Abenteuerlust hier gelandet sind.

Aber ihre Geschichte lässt sich auch nicht mit einem einzigen Wort erklären. Die erste Frage ist natürlich, warum seid ihr eigentlich hier? Mich hat die Ungerechtigkeit hierher gebracht. Und ja, auch das Geld. Ich wollte helfen und meinen Beitrag leisten. Das ist ein eines von mir, das ich wollte, als Soldat in anderen Ländern machen. Der Grund, dass ich hier in Ucranien bin, ist, dass ich nicht mit den Justiziensten, mit den Diktaten, mit den Kommunismus.

Ich bin auch hier, um mir zu Hause ein besseres Leben zu ermöglichen. Und ich habe gesehen, was in der Ukraine passiert. Außerdem wollte ich auch Adrenalin. Schon in den ersten Antworten steckt fast die gesamte Ambivalenz dieser Geschichte. Die Männer, die wirken eigentlich ganz entspannt, ruhig, haben viel gelacht, haben Spaß gehabt, ganz offensichtlich, sich auch mit einem Journalisten zu treffen, insbesondere auch die Art und Weise, wie wir da kommuniziert haben.

Denn alle vier haben kein Ukrainisch gesprochen. Mussten uns also dann mit spanischen Übersetzungsprogrammen behelfen. Ich habe Englisch gesprochen, das eben auf Spanisch übersetzen lassen und zurück. Also da hatten sie irgendwie sehr viel Spaß dran. Ich habe am Anfang versucht, ein bisschen Spanisch zu sprechen, kann es aber überhaupt nicht.

Und das war so ein bisschen ein Dorobner. Also wir hatten dann doch relativ viel Spaß. Das macht das Ganze natürlich so ein bisschen surreal, weil diese Leute in den Tagen, bevor ich sie getroffen habe, noch gekämpft haben und die Hölle auf dem Schlachtfeld erlebt haben. Die Männer, die sprechen über Ungerechtigkeit, über Solidarität mit der Ukraine, aber eben auch über Geld.

Über ein besseres Leben in der Heimat, über den Traum, Soldat zu sein und sogar über Adrenalin. Wer nur auf das Geld schaut, wird sagen, naja gut, das sind eben Söldner. Wer nur auf ihre Aussagen hört, wird sagen, das sind Freiwillige, die für eine gerechtere Welt streiten. Wahrscheinlich trifft beides nicht ganz zu.

Kolumbien hat jahrzehntelang bewaffnete Konflikte erlebt. Ihr werdet euch erinnern, die linken Organisationen wie die FARC beispielsweise, die da jahrelang, jahrzehntelang gekämpft hat auf der anderen Seite das Militär. Es gab zehntausende Tote in diesen bürgerkriegsähnlichen Geschichten und jetzt sind diese Konflikte befriedet und viele ehemalige Soldaten und Polizisten mit Kampferpaarung, binden Arschlecht zurück in die Gesellschaft und auch keine bezahlte Arbeit mehr.

Gleichzeitig sucht die Ukraine dringend erfahrene Kämpfer und zahlt deutlich mehr, als viele in Kolumbien verdienen könnten. Wir haben schon öfter in diesem Podcast darüber gesprochen, dass die Ukraine massive Rekrutierungsprobleme hat. Wir können euch ja auch das ein oder andere Stück, was wir dazu gemacht haben, in die Shownotes reinpacken.

In genau dieser Gemengelage bewegen sich die Männer, die wir hier treffen, zwischen politischer Überzeugung, zwischen Lebensperspektive, zwischen Sold, zwischen einem Krieg, der weit weg ist und doch plötzlich ihr Alltag wird. Ich bin Militär in Kolumbien seit vier Jahren. Ich habe Experienzen im Kampf hier in Ucranien seit drei Monaten. Ich bin hier in Ucranien seit vier Jahren.

Mein Motiv ist auch, mich in der Arena zu legen, damit die Glück in Ucranien. Zu sein. Aber hier sind wir für die Freiheit von Ucranien. Einige dieser Männer haben militärische Erfahrung, so wie Coco, er war schon Soldat in Kolumbien und Dominik sagt, jetzt kämpft er eben hier für die Freiheit der Ukraine.

In Kolumbien selbst ist das hoch umstritten. Präsident Gustavo Petro hat der Ukraine vorgeworfen, Kolumbianer als Kanonenfutter zu missbrauchen und tatsächlich der Blutzoll ist hoch. Hunderte Kolumbianer sollen in diesem Krieg bereits ums Leben gekommen sein. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Aber wenn man beispielsweise in Kiew, der Hauptstadt der ukrainischen, über den Maidan geht, da gibt es so ein großes Gedenkfeld mit tausenden von Fahnen. Jede Fahne steht für einen Gefallenen.

Und da sieht man eben auch viele Fahnenporträts von Gefallenen aus Lateinamerika. Also es sind nicht nur Kolumbianer übrigens vor Ort, sondern auch Menschen aus Brasilien, aus Venezuela, aus anderen lateinamerikanischen Ländern. Es gibt auch viele europäische Freiwillige auf Seiten der Ukraine. Ich habe beispielsweise vor Jahren mal einen deutschen Menschen getroffen, einen ehemaligen Bundeswehrsoldaten, der sich den ukrainischen Streitkräften angeschlossen hat, sich aber mittlerweile das Leben genommen hat, weil er mit dem Stress an der Front nicht zurechtgekommen ist und mit den ganzen Traumata, die er da erlitten hat.

Es gibt Söldner aus Großbritannien, aus den USA, aus Frankreich. Also das ist ein Vielvölkergemisch, was sich da an die Seite der Ukrainer gestellt hat. Ich habe diese Menschen natürlich dann auch gefragt, ob der Krieg so ist, wie sie ihn erwartet hatten. Ich wusste nicht genau, was mich hier erwartet. Aber ich wusste, es wird hart.

Vieles von dem, was man in Videos sieht, stimmt. So sieht das Schlachtfeld wirklich aus. Der Krieg hier ist anders, technologischer, vor allem wegen der Drohnen. Wir hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet, aber als wir in die Front kamen, war es noch schlimmer. Es war eine sehr harte Erfahrung, aber wir haben gelernt, unsere Angst unter Kontrolle zu halten.

Sie haben sich das Schlimmste vorgestellt und trotzdem war es noch schlimmer. Sagen Männer, die bereits Militärerfahrung hatten, die also schon erlebt haben, wie Kämpfe ablaufen, wie das ist, wenn Menschen getötet werden oder wenn man selber töten muss. Und trotzdem ist die Ukraine etwas komplett anderes. Das haben ja auch andere, Menschen erzählt, die ich getroffen habe, die jetzt in der Ukraine kämpfen aus.

Beispielsweise habe ich ja gerade erzählt, der Mensch aus Deutschland oder auch, ein US-Söldner, den ich getroffen habe. Und der wesentliche Unterschied, auch darüber haben wir ganz oft schon in diesem Podcast gesprochen. Auch da packen wir euch ein paar Folgen in die Shownotes rein. Der wesentliche Unterschied heißt Drohnen.

Heute wirst du ganz oft gesehen, bevor du überhaupt weißt, dass du entdeckt worden bist. Wer sich bewegt, kann Sekunden später sterben. An der Front gibt es mittlerweile eine 40 Kilometer tiefe Todeszone, wo es wirklich ultragefährlich ist, lebensgefährlich ist, sich zu bewegen. Und das Schlachtfeld ist oft ein Raum, in dem du beobachtet wirst, bevor du überhaupt weißt, dass du in Gefahr bist.

Indem du nicht nur vor Artillerie in Deckung gehst, sondern vor den Augen der Luft, vor einer Technologie, die dich sieht, verfolgt und tötet. Das ist natürlich anders als in herkömmlichen Kriegen, wo eben mit Artillerie gearbeitet wird, mit Mörsern gearbeitet wird und ähnlichen Dingen, wo also ein Geschoss angeflogen kommt und irgendwo landet.

Und wenn du Pech hast, bist du dann eben getroffen und tot oder verwundet. Aber eine Drohne verfolgt die Menschen eben. Bevor wir hierher kamen, waren wir bereits darüber informiert, dass der Krieg hier anders ist. Ein Krieg, der stark von Drohnen geprägt wird. Die Männer klingen relativ nüchtern abgeklärt, als hätten sie etwas gesehen, das man nicht gut in Worte fassen kann, und sich deshalb auf kurze, harte Sätze beschränkt.

Dominik muss darüber gar nicht lange reden. Man sieht die Folgen, er steht auf Krücken, Blitter einer Explosion, haben sie seinen Knie verletzt, hat er mir erzählt. Und vielleicht erklärt das auch, warum die Männer so schnell von Winter sprechen, von Kälte, Schmerzen, von Körperlichkeit. Weil Krieg für sie nicht nur eine Strategie ist, nicht nur Geopolitik, sondern etwas, das direkt in den Körper einschlägt.

Aktuell muss man sagen, ist dieser Krieg so festgefahren wie selten zuvor. Wir sehen einen massiven Stellungskrieg an der Front, also da bewegt sich relativ wenig, auch in dem Zuständigkeitsbereich dieser kolumbianischen Männer, die ich getroffen habe. Das war so im Südosten des Landes, also wie gesagt in der Region Dnepro, aber daneben deutlich südöstlicher von der eigentlichen Regionalhauptstadt.

Die Front, wo ich die Männer getroffen habe, war ungefähr 30 Kilometer entfernt von dem Platz, wo wir waren. Und da ist es mittlerweile so, dass die Russen kaum noch nach vorne kommen, sehr viel Personal opfern, sehr viel Material opfern, aber trotzdem relativ wenig Geländegewinne machen. Es gab Anfang des Jahres die Befürchtung, dass es eine größere russische Sommeroffensive geben könne. Davon ist aktuell noch nichts zu sehen, beziehungsweise die offensive Bemühungen der Russen sind aufgehalten worden.

Was allerdings passiert ist, dass die Ukraine es immer besser schafft, mit Langstrecken drohen und Kurzstrecken drohen, die russische Logistik zu stören und kaputt zu machen und vor allem eben auch die Gas- und Ölproduktion als dem Schmiermittel der russischen Kriegsmaschinerie, dass die zerstört wird.

Also da passiert gerade sehr, sehr viel, gerade hinter der Front, also im russischen Hinterland und das könnte möglicherweise diesen Krieg auch ändern. Die Kolumbianer kämpfen in den Reihen der 31. mechanisierten Brigade. Und vor Ort, als ich mit ihnen gesprochen habe, war auch ein ukrainischer Offizier ein stellvertretender Battalionskommandeur, der mir auch über eine Übersetzer erklärt hat, wie die Brigade auf diese Männer blickt.

Das ist wichtig, weil sich daran eine zweite Frage entscheidet. Zieht die Kolumbianer für die ukrainische Armee nur ein Notbehelf oder ein echter Teil des Verwandtes? Was ihre Motivation betrifft, sagen sie immer, dass sie hergekommen sind, um dem befreundeten ukrainischen Volk dabei zu helfen, sich gegen die russische Invasion zu verteidigen.

Was ihre militärischen Fähigkeiten und Fertigkeiten angeht, merkt man das. Die Männer kommen, insbesondere junge Männer. Manche bringen bereits Kampferfahrungen mit, andere nicht. Aber alle durchlaufen eine Ausbildung und zeigen bei der Erfüllung ihrer Kampfeinsätze sehr gute Leistungen. Über die Kolumbianer kann ich sagen, dass sie wirklich eine wertvolle Unterstützung sind.

Für die Brigade sind die Kolumbianer längst Teil ihrer Einheit. Und auch das ist interessant. Die Sprachbarriere, die auf den ersten Blick riesig wirkt, ich habe ja gesagt, keiner von den vier Jungs hat ukrainisch gesprochen, scheint im Alltag kleiner zu sein, als man denkt. Mit Übersetzungs-Apps arbeiten wir. Es gibt einige Kolumbianer, die ein wenig Russisch oder Ukrainisch verstehen, mit denen kommunizieren wir dann auch so.

Die meisten sind auch ziemlich lernfähig und bringen sich nach und nach selbst Ukrainisch bei. Diejenigen, die schon länger hier sind, können sich inzwischen bereits recht gut auf Ukrainisch verständigen. Am Gefechtsstand, an der Funkstelle, von der aus der Kampfeinsatz geführt wird, sitzt ebenfalls ein Ausländer.

Genauer gesagt ein Kolumbianer. Er versteht die Befehle und koordiniert die Einsätze seiner Kameraden. Auch das erzählt viel über diesen Krieg natürlich. Er ist längst nicht mehr nur ein Krieg zwischen zwei Armeen eines Landes. Er ist auch ein Krieg, in dem Kämpfer aus aller Welt in Einheiten eingebunden werden, indem sie Sprachen mischen, Biografien kreuzen und die militärischen Notwendigkeiten neue Wirklichkeiten schaffen.

Die Männer selbst beschreiben das Verhältnis zu den Ukrainern erstaunlich unaufgeregt, nicht euphorisch, nicht verklärt, aber doch eindeutig positiv. Sie misshandeln uns nicht. Sie behandeln uns nicht wie Kinder, sondern wie Soldaten. Sie behandeln uns gut. Das ist sicherlich kein warmer Wohlfühlton und deshalb wirkt er eben auch glaubwürdig.

Die Männer sagen nicht, es sei alles nur einfach oder freundlich. Sie sagen eben, das Militär ist hart, es gibt Befehle, es gibt einen rauen Ton, aber sie fühlen sich nicht misshandelt, nicht gedemütigt, nicht wie Menschen zweiter Klasse. Das macht die Sache komplizierter. Diese Männer kommen wegen des Geldes, manche von ihnen jedenfalls auch, aber sie beschreiben sich selbst nicht als Wegwerfkräfte, sondern als Soldaten. unter Soldaten.

Und dann gibt es natürlich noch eine zweite Wahrheit. Kolumbianer kämpfen nicht nur für die Ukraine. Auch Russland rekrutiert Männer aus Kolumbien. Auch darüber haben wir in einer der vorherigen Folgen schon gesprochen. Es gibt in den Reihen der russischen Armee sehr, sehr viele Menschen, auch aus Lateinamerika.

In einem Kriegsgefangenencamp im Westen des Landes habe ich beispielsweise Menschen aus Kolumbien, aber auch aus Venezuela oder Kuba getroffen. Und ganz viele Söldner aus Afrika, aus Nigeria, aus Kenia und aus anderen Ländern, oder aus Ländern wie Indien oder Nepal, Sri Lanka oder Bangladesch. Aber im Umkehrschluss heißt das, ein Kolumbianer kann in diesem Krieg auf einen anderen Kolumbianer schießen.

Vielleicht ohne es überhaupt zu wissen. Ich frage die Männer, was das für sie bedeutet. Auf dem Schlachtfeld weißt du nicht, wer vor dir steht. Ob Russe oder Kolumbianer. Wer russische Uniform trägt, ist ein Feind. Auch wenn er aus unserem Land kommt. Das sind natürlich Sätze, die sitzen bleiben. weil sie zeigen, wie Krieg Kategorien verschiebt. Herkunft, Sprache, Nationalität, all das verliert auf dem Schlachtfeld an Bedeutung, wenn jemand auf der anderen Seite steht.

Für die Männer, die ich getroffen habe, ist die Logik brutal einfach. Wer russische Uniform trägt, der ist ein Gegner. Auch wenn er aus dem selben Land kommt, auch wenn er dieselbe Sprache spricht. Wer vielleicht sogar dieselbe Geschichte mitbringt. Und auch der ukrainische Offizier, mit dem ich gesprochen habe, sieht das letztlich genauso nüchtern.

Sie alle sehen das als ihre Arbeit an und betrachten den Gegner als Gegner. Es gibt einen Feind, es gibt den Befehl, den Feind zu vernichten. Und sie führen diesen Befehl aus. Der Feind ist der Feind. Dieser Satz klingt bei den Ukrainern militärisch, bei den Kolumbianern klingt er existenziell. Als ich vor diesem Treffen weggefahren bin, hatte ich keine einfache Antwort.

Natürlich denkt man, naja, also warum riskieren Menschen, die aus einem vergleichsweise sicheren Land kommen? Natürlich ist Kolumbien immer noch massive Kriminalität und Gewaltprobleme. Aber im Unterschied zur Ukraine ist es natürlich vergleichsweise friedlich. Was bringt Menschen dazu, in so ein Land wie die Ukraine zu gehen, das Leben zu riskieren für eine Sache, die eigentlich nicht die eigene ist?

Und ich bin bei sowas immer so ein bisschen zwiegespalten. Auf der einen Seite kann ich das verstehen, dass das Geld natürlich auch reizvoll ist. Ich verdiene das zehnfache dessen, was ein durchschnittlicher kolumbianischer Mensch verdient, wenn sie in den ukrainischen Streitkräften sind. Ich kann es auch verstehen, dass jemand sagt, ich will gegen Ungerechtigkeiten vorgehen.

Aber wie gesagt, es ist natürlich immer ein bisschen schwierig, wenn man solchen Leuten spricht. Ich habe ja gerade auch erzählt von der Begegnung mit Mika. Das war der Deutsche, den ich vor Jahren getroffen habe, der in der Ukraine gekämpft hat. Am Anfang auch gewirkt hat wie ein Idealist. Er hat gesagt, er kämpft gegen das Böse, gegen den russischen Aggressor, der die Ukraine einfach überfallen hat.

Oder Männer hat sich Mika eben eine Handgranate vor das Gesicht gehalten und die gezündet, weil er total traumatisiert war und nicht mehr klargekommen ist. Und das ist natürlich auch was, was da mitschwingt, wenn man mit diesen Männern spricht. die in der Situation, als wir sie getroffen haben, eben so unglaublich relaxed waren, die man nicht angemerkt hat auf den ersten Blick, was sie für eine Hölle erlebt haben, durch welches Grauen sie gegangen sind.

Die Frage ist natürlich auch, was nehmen diese Männer mit nach Hause, wenn sie denn nach Hause kommen, wenn sie diesen Krieg überleben? Und wie ist das dann, wenn sie plötzlich wieder ins Zivilen Leben geworfen werden? Und das sind so Fragen, die man sich sicherlich immer stellt, wenn man solchen Leuten begegnet.

Und auf die es wahrscheinlich erst Monaten oder Jahren Antworten geben wird. Was natürlich alle diese Männer verbindet, ist, sie haben einen Krieg erlebt, der schlimmer war, als sie ihn sich vorgestellt hatten. Vielleicht bleibt deshalb genau ein Satz besonders hängen, nicht der über Waffen, nicht der über Politik, sondern der über den Winter.

Winter, als Tourist ja, als Soldat nein. Der Winter sieht schön aus, im Fernsehen, aber hier zu bleiben, nein. Im Winter an der Front zu sein, ist sehr kompliziert. Man hat das Gefühl, als würden einem die Finger abbrechen. Diese Männer sind fast 10.000 Kilometer gereist. Heute ist der Krieg in der Ukraine ihr Alltag.

Sie sprechen über Sold, über Gerechtigkeit, über Kameradschaft. Vor allem aber sprechen sie über einen Krieg, der alles übertroffen hat, was sie sich vorgestellt hatten. Vielleicht erklärt genau das ihre Geschichte besser als jede politische Debatte. Das war diese Folge von Im Krisenmodus. Produziert wurde sie von Alexander Baumeister.

Er ist auch Journalist und arbeitet für einen Radiosender der Funke Mediengruppe. Wenn euch der Podcast gefällt, folgt uns, bewertet uns und schreibt euch gerne eure Meinung über diese Menschen, deren Stimmen ihr gerade gehört habt, an inkrisenmodus.funkemedien.de. Das war für euch auf. Bis bald. Ciao, ciao. Im, Krisenmodus, der Podcast auf.

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