
Im Krisenmodus· Folge 166
Ukraine-Krieg: Sechs Frauen über Verantwortung an der Front und im Alltag
Mittwoch, 12. August 2026 · 36 min
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Shownotes
Wie verändert ein Krieg das Leben von Frauen?
In dieser Folge von „Im Krisenmodus“ spricht FUNKE-Kriegsreporter Jan Jessen (morgenpost.de/politik/article412765895/wiedera…) mit sechs Ukrainerinnen, die unter völlig unterschiedlichen Bedingungen Verantwortung übernehmen.
Anna Purtowa arbeitet als Abgeordnete im ukrainischen Parlament und setzt sich für Veteranen, Vermisste und Kriegsgefangene ein. Lena Dembitska, Rufname „Lisa“, war Kampfsanitäterin an der Front. Heute bildet sie Soldatinnen und Soldaten in taktischer Medizin aus und gibt ihre Erfahrungen weiter. Liliya Chertenko entwickelt orthopädische Schuhe für Menschen, die im Krieg Teile ihrer Füße verloren haben. Alina Maksymenko versucht, ihr Kosmetikunternehmen in Kyjiv durch den Krieg zu führen und zugleich den Alltag ihrer Familie zu bewältigen. Tetyana Stramnova kämpft auf ihrer Ziegenfarm bei Cherson um die Existenz ihres Betriebs. Gleichzeitig kümmert sie sich allein um ihre Tiere und ihre beiden Kinder mit Behinderungen. Nataliya Dykul ist Meeresbiologin und Ozeanografin. Heute arbeitet sie außerdem als Beraterin des UNDP für die Unterwasser-Minenräumung im Schwarzen Meer. Die sechs Frauen erzählen, wie der Krieg ihre Arbeit, ihre Familien und ihren Blick auf die eigene Rolle verändert. Es geht um politische Verantwortung, militärische Aufgaben, medizinische Hilfe, wirtschaftlichen Druck und die Frage, welche Aufgaben Frauen übernehmen, wenn viele Männer an der Front kämpfen.
Anna Purtowa sagt, der Wiederaufbau der Ukraine werde nach dem Krieg auf den Schultern der Frauen liegen. Die Folge fragt, ob diese neuen Verantwortungsbereiche nur aus der Not heraus entstehen – oder ob sie die ukrainische Gesellschaft dauerhaft verändern.
In dieser Folge zu hören
Jan Jessen – Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter der FUNKE Mediengruppe
Anna Purtowa – Abgeordnete im ukrainischen Parlament
Lena Dembitska, Rufname „Lisa“ – Gefechtsmedizinerin und Ausbilderin für taktische Medizin
Liliya Chertenko – Professorin für Modetechnologie und Entwicklerin orthopädischer Schuhe
Alina Maksymenko – Unternehmerin und Mitgründerin der Kosmetikmarke M2O
Tetyana Stramnova – Gründerin und Betreiberin der Amalthea-Ziegenfarm
Nataliya Dykul – Ozeanografin und Beraterin für Unterwasser-Minenräumung
🧭 Kapitel
01 | Was bedeutet Verantwortung im Krieg?
Jan Jessen stellt die zentrale Frage der Folge. Anna Purtowa spricht über den Wiederaufbau der Ukraine und die Verantwortung von Frauen.
02 | Anna Purtowa: Vermisste und Kriegsgefangene
Eine Abgeordnete über Familien, Kriegsgefangene und die Grenzen des internationalen Rechts.
03 | Lena Dembitska: Kampfsanitäterin an der Front
Die Gefechtsmedizinerin über ihre Einsätze, ihre Verletzungen und die Ausbildung neuer Soldatinnen und Soldaten.
04 | Liliya Chertenko: Orthopädische Schuhe für Verwundete
Eine Professorin hilft Menschen, die durch den Krieg Teile ihrer Füße verloren haben.
05 | Alina Maksymenko: Wirtschaft und Familie unter Beschuss
Eine Unternehmerin aus Kyjiv über Wachstum, Angst und die Verantwortung von Frauen hinter der Front.
06 | Tetyana Stramnova: Die Ziegenfarm bei Cherson
Eine Landwirtin kämpft um ihre Farm, ihre Tiere und ihre beiden Kinder mit Behinderungen.
07 | Nataliya Dykul: Wissenschaft im Dienst der Kriegsfolgen
Eine Ozeanografin berät die Unterwasser-Minenräumung im Schwarzen Meer.
08 | Wer trägt die Ukraine nach dem Krieg?
Sechs Geschichten und die Frage, welche Verantwortung Frauen auch nach dem Krieg übernehmen werden.
🎧 Hör-Empfehlungen
Schwarmkrieg: Ein Pilot steuert mehrere Drohnen (abendblatt.de/podcast/article410821036/schwarm…)
Reha nach dem Krieg: Leben mit bionischen Prothesen (abendblatt.de/podcast/article409844175/reha-na…)
Alcatraz - Wie Ex-Häftlinge nach dem Krieg zu Soldaten werden (morgenpost.de/podcast/article410392333/alcatra…)
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Im Krisenmodus ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe
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Was bedeutet es, im Krieg Verantwortung zu übernehmen? Als Abgeordnete, als Kampfsanitäterin, als Unternehmerin, als Wissenschaftlerin oder als Mutter? In der Ukraine haben Frauen während des Krieges Aufgaben übernommen, die früher oft Männern zugeschrieben wurden. Sie fahren Traktoren, führen Unternehmen, arbeiten in der Armee, helfen Verwundeten und kümmern sich um Familien, während viele Männer an der Front kämpfen. Eine von ihnen sagt...
Ich glaube, der Wiederaufbau der Ukraine wird nach dem Krieg auf den Schultern der Frauen liegen. Anna Potowa ist Abgeordnete im ukrainischen Parlament. Sie arbeitet im Haushaltsausschuss. Seit Beginn der russischen Vollinvasion beschäftigt sie sich zusätzlich mit Veteranen, mit Kriegsversehrten und mit den Familien von Vermissten und Kriegsgefangenen.
Ihre Einschätzung ist sicherlich eine politische Aussage, aber sie schreibt eben auch etwas, das in vielen persönlichen Geschichten zeigt. Frauen übernehmen im Krieg nicht nur neue Aufgaben, sie halten auf gleichzeitig mehrere Lebensbereiche zusammen. Hallo, ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter für die Funke Mediengruppe.
Ihr findet meinen Artikel in der NRZ, der WRZ, der Berliner Morgenpost im Hamburger Abendblatt und auf unseren Portalen. Für diese Folge habe ich mit sechs Frauen in der Ukraine gesprochen. Sie leben in der Hauptstadt Kiew, in der Nähe der Front oder im Süden des Landes, und ihre Aufgaben könnten unterschiedlicher kommen sein.
Eine von ihnen arbeitet im Parlament und versucht Familien von Kriegsgefangenen zu helfen. Eine andere war als Kampfsanitäterin selber an der Front. Eine Professorin entwickelt orthopädische Schuhe für verwundete Soldaten. Eine Unternehmerin führt eine Kosmetikmarke durch den Krieg. Eine Ziegenfarmerin kämpft um ihre Tiere und ihre Kinder.
Und eine Meeresbiologin berät Minenenschärfer im Schwarzen Meer. Ich möchte mit Anna Portova beginnen, weil sich an ihrer Arbeit besonders deutlich zeigt, wie der Krieg im Bereich hineinreicht, die auf den ersten Blick weit entfernt am Schlachtfeld liegen. Anna Portova ist 44 Jahre alt und stammt aus Njepro. Das ist eine Großstadt, im östlichen Zentrum der Ukraine.
Sie ist Abgeordnete der Partei Diener des Volkes. Das ist die Partei, die sich um Volodymyr Zelensky gebildet hat, den Präsidenten, also auch die Regierungspartei. Sie arbeitet im Haushaltsausschuss des ukrainischen Parlaments. Vor ihrer politischen Tätigkeit hat sie Unternehmen beraten, vor allem bei Fragen der Digitalisierung.
Seit der russischen Invasion kümmert sie sich zusätzlich um die Folgen des Krieges. Besonders beschäftigt sie der Umgang mit Menschen, die aus der Gefangenschaft zurückkommen, mit Verwundeten und mit den Angehörigen von Soldaten, deren Schicksal ungeklärt ist. Wenn Frauen oder Mütter sie fragen, ob sie weiß, wo ihre Männer und Söhne sind, kann sie oft keine Antwort geben.
Russland bestätigt nach ukrainischen Angaben nicht zuverlässig, welche Soldaten sich in Gefangenschaft befinden. Internationale Organisationen haben nur einen geschränkten Zugang. Das haben wir auch immer wieder auf unseren Reisen gehört, wenn wir mit ehemaligen ukrainischen Kriegsgefangenen geredet haben.
Entsprechende Folge können wir euch in die Shownotes reinpacken. Anna spricht deshalb nicht nur über einzelne Fälle, sie spricht über ein politisches System, das sein Schutzversprechen für die Kriegsgefangenen nicht einlöst. Wir haben viel Arbeit zu machen hier in der Lande. Wir müssen die Bescheinungen zu helfen, die Familien zu organisieren, die medizinische Unterstützung für sie und andere Dinge.
Aber das ist die Arbeit, die wir uns selbst machen können. Wir versuchen alles zu organisieren. Für mich ist die größte Herausforderung, die mit internationalen Organisationen. Wir haben im Land noch viel zu tun. Wir müssen spezielle Gesetze verabschieden, um die Familien zu unterstützen, ihre medizinische Versorgung zu organisieren und andere Hilfen bereitzustellen.
Das sind Aufgaben, die wir selbst erledigen können und wir versuchen, alles zu organisieren. Für mich besteht die größte Herausforderung darin, mit internationalen Organisationen und Partnern in anderen Ländern zusammenzuarbeiten. Weltweit glauben viele Menschen noch immer, dass die Genfer Konvention die Regeln dafür festlegen, wie Staaten mit Kriegsgefangenen umgehen.
Aber diese Regeln funktionieren nicht mehr. Russland hat sie vor vielen Jahren unterzeichnet, aber wir sehen, dass es sich einfach nicht darum kümmert. Wir wissen noch immer nicht, wie viele Menschen in russischen Gefängnissen festgehalten werden. Russland nennt uns ihre Namen nicht. Nach den Genfer Regeln müsste Russland bestätigen, wie viele Gefangene es gibt und wer sie sind.
Das geschieht nicht. Wir haben keinen Zugang, um ihre Situation und die Bedingungen in den Gefängnissen zu überprüfen. Wir müssen deshalb mit anderen Ländern, mit der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten und internationalen Organisationen zusammenarbeiten, damit diese Regeln wieder funktionieren.
We have this and we need to work together with other countries, with the European Union, United States and international authorities to change these old protocols and start them to work. Anna beschreibt damit ein sehr konkretes Problem. Russland nennt die Namen der Gefangenen nicht und bestätigt auch nicht, wie viele Menschen eigentlich in russischen Gefängnissen festgehalten werden.
Das ist ein Riesenproblem, weil aktuell um die 100.000 ukrainische Soldatinnen und Soldaten als vermisst gelten und, natürlich die Angehörigen gerne wissen würden, wie es um deren Schicksal bestellt ist, wo die eigentlich abgeblieben sind, ob die als Leichen im Schlachtfeld liegen oder im russischen Kriegsgefangenen lagern sind.
Die Genfer Konvention und das humanitäre Völkerrecht legen Mindeststandards für den Umgang mit Kriegsgefangenen fest. Dazu gehören eben auch die Erfassung von Kriegsgefangenen und der Zugang des internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Wenn diese Regeln nicht durchgesetzt werden, entsteht für die Angehörigen eine doppelte Unsicherheit. Sie wissen, wie gesagt, nicht, ob ihre Familienmitglieder tot sind, ob sie verwundet wurden, ob sie in russischer Kriegsgefangenschaft festgehalten werden.
Anna versucht auf nationaler Ebene zu helfen. Sie arbeitet an Gesetzen, an medizinischer Versorgung und an finanzieller Unterstützung für die betroffenen Familien. Gleichzeitig stößt sie international auf ein Problem, das sie kaum selbst beeinflussen kann. Die Regeln existieren, aber Russland missachtet sie. Und das gilt ja eben nicht nur für Russland.
Auch in anderen Krisen- und Konfliktgebieten erleben wir das ja immer wieder, dass das internationale Völkerrecht mit Füßen getreten wird. Ob das Kriege, was es nicht in Afrika sind, ob das der Krieg in Gaza ist, ob der Krieg jetzt auch aktuell gegen den Iran ist, der Amerikaner, überall erodiert das Völkerrecht eben.
Bei ihrer Arbeit begegnet sie auch Menschen, die im Krieg ihr Augenlicht verloren haben. Einer von ihnen, ein junger Mann namens Nikola, das war sozusagen die Initialzündung für ihre Tätigkeit, das hat sie mir erzählt, den hat sie relativ zu Beginn der russischen Invasion getroffen. Er ist also kurz nachdem er sich freiwillig gemeldet hat, schwer verwundet worden im Krieg, hat er beide Arme und sein Augenlicht verloren.
Anna hat die Prothesen besorgt, aber sein Augenlicht, das kann sie ihm natürlich nicht zurückgeben. Aber sie versucht dafür zu sorgen, dass Menschen wie er nicht aus dem politischen Blickfeld verschwinden. Dann spricht Anna über die Rolle der Frauen. In der Ukraine dienen inzwischen zehntausende Frauen in den Streitkräften.
Andere übernehmen Tätigkeiten in der Landwirtschaft, in Unternehmen oder in der Versorgung ihrer Familien. Es ist eine sehr große Herausforderung, weil die Männer ein tolles Job machen, um unser Land zu beschützen. Aber jetzt ist Ukraine der Nummer 1 in der Welt mit der Zahl der Frauen, die auch in Deutschland servieren.
Frauen spielen heute eine sehr große Rolle, während die Männer unser Land schützen. Die Ukraine ist inzwischen das Land mit der weltweit größten Zahl an Frauen in den Streitkräften. Wir haben inzwischen mehr als 70.000 Frauen in der Armee. Frauen gründen und unterstützen Unternehmen und tragen zur Wirtschaft bei.
Wir übernehmen viele Aufgaben, die wir vor dem Krieg nicht übernehmen mussten. Männer haben zum Beispiel als Klempner oder in der Landwirtschaft gearbeitet. Jetzt haben Frauen gelernt, diese Arbeiten selbst zu übernehmen. Gleichzeitig kümmern sich Frauen weiterhin um die Kinder, obwohl sie immer mehr arbeiten müssen.
Und ich persönlich glaube, dass der Wiederaufbau und die Rekonstruktion der Ukraine nach dem Krieg auf den Schultern der Frauen liegen werden. Das ist natürlich keine Aussage darüber, dass Frauen grundsätzlich stärker sind als Männer. Es geht einfach um die Folgen des Krieges. Viele Männer kämpfen, sind verwundet, gefallen oder in Gefangenschaft.
Und Frauen müssen deshalb Aufgaben übernehmen, die vorher häufig auf mehrere Menschen verteilt waren. Anna sagt, die Ukraine wird nach dem Krieg nicht nur Häuser, Straßen und Brücken wieder aufbauen müssen. Es geht auch um die Familien, um Unternehmen, um die Rückkehr von Veteranen und um die Integration von Menschen, die schwer verletzt wurden.
Was übrigens auch ganz spannend sein wird nach dem Krieg, ist die Frage, was passiert eigentlich, wenn die ganzen Menschen, die sich ins Ausland geflüchtet haben, also auch Frauen wie Männer, wie Kinder, wenn die zurückkommen in die Ukraine und da eben auf eine Gesellschaft treffen, die vier Jahre oder wahrscheinlich wesentlich mehr, Zeit im Krieg verbracht haben und wie die Gesellschaft dann, funktionieren wird und auch da werden sicherlich Frauen eine große Rolle spielen.
Ich habe in der Vergangenheit immer wieder mal auch Psychologinnen, Psychiaterinnen getroffen und mit denen eben genau über dieses Problem gesprochen. Und ich glaube, das wird eine sehr herausfordernde Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, aber vor allem auch für die Frauen in der Ukraine. Die nächste Frau, mit der ich gesprochen habe, arbeitet dort, wo Verletzungen jeden Tag unmittelbar sichtbar werden, bei der militärischen Ausbildung.
Olena Dembitska nennt sich selbst Lena. Ihr Rufname beim Militär ist Lisa. Lisa steht für Füchschen. Sie ist Gefechtsmedizinerin in der 3. Kompanie der 31. Mechanisierten Brigade, bildet heute neue Soldatinnen und Soldaten in taktischer Medizin aus. Früher, hat sie erzählt, ist sie selbst auf die Position gegangen.
Sie hat Verwundete versorgt und Menschen aus gefährlichen Situationen geborgen. Heute hat ihr Bataillonskommandeur entschieden, dass sie ihre Kampferfahrung an jüngere Kameradinnen und Kameraden weitergeben soll. Wir haben sie in der Nähe eines Ausbildungszentrums getroffen. Da hat sie uns erzählt über ihre Vergangenheit, warum sie sich eigentlich entschieden hat, zum Militär zu gehen. Das war für sie wohl immer eine Herausforderung, das hat sie uns erzählt im Vorgespräch, bevor wir dann die Audio aufgenommen haben.
Und dass sie eigentlich auch immer fasziniert gewesen sei von Medizin. Und naja, dann hat sie sich irgendwann mal freiwillig gemeldet, hat aber auch ihren Mann kennengelernt. Der selber auch in der 31. Brigade ist. Und ja, dann hat sie, wie gesagt, erst mal als Kampfsanitäterin gearbeitet, da einige krasse Erfahrungen gemacht.
Jetzt, weil ihr Bataillonskommandeur ihr gesagt hat, sie solle eben nicht mehr nach vorne gehen, unterrichtet sie nicht einfach nur nach festem Schema, sondern sie arbeitet mit dem March-Protokoll der taktischen Medizin, passt es aber auch an die Bedingungen an, die sie selbst in der Front erlebt hat.
Früher war ich draußen an den Positionen, habe medizinische Hilfe geleistet und Menschen gerettet. Aber mein damaliger Bataillonskommandeur hat entschieden, dass ich genug geleistet habe und es Zeit ist, meine Kampferfahrung an die jüngeren Soldaten weiterzugeben. Ich unterrichte nicht nur streng nach dem March-Protokoll der taktischen Medizin.
Ich beziehe auch meine eigenen Erfahrungen und was ich gelernt habe mit ein. Wo es nötig ist, nehme ich Anpassungen vor, damit die Ausbildung so nah wie möglich an den tatsächlichen Bedingungen an der Front ist. Lena betont, dass sich die Bedingungen ständig verändern. Neue Drohnen, neue Waffen, andere Wege zur Evakuierung.
Was gestern funktioniert hat, kann heute schon nicht mehr ausreichen. Darüber haben wir auch schon oft in diesem Podcast gesprochen, was sich alles verändert hat an der Front, insbesondere durch die Drohnenkriegsführung. Auch da können wir entsprechende Folgen in die Shownotes packen. Zu ihrer Aufgabe gehört deshalb nicht nur die medizinische Ausbildung, sie versucht auch, die Soldatinnen und Soldaten mental auf ihren Einsatz vorzubereiten.
Manche sind verängstigt, andere verdrängen die Gefahr, einige sagen offen, dass sie nicht kämpfen wollen. Genau das ärgert Lena, besonders dann, wenn mobilisierte Männer in ihre Ausbildung kommen und sagen, das ist nicht mein Krieg. Trotz ihrer Enttäuschung arbeitet sie aber weiter mit ihnen, denn sie weiß, dass ein solcher Soldat im Ernstfall nicht nur sich selbst gefährdet, wenn er nicht hilft, kann das für einen verwundeten Soldaten unter Umständen tödlich sein.
Lena sagt auch, Frauen und Männer sollten im Krieg grundsätzlich die gleichen Rechte und Pflichten haben. Die Rolle von Mann und Frau, im Grunde sollten wir absolut gleiche Rechte und Pflichten haben. Es gibt hier keinen Unterschied zwischen einem Jungen und einem Mädchen. Frau zu sein bedeutet nicht, dass man nicht an die Positionen geht.
Wenn die Aufgabe ist verlangt, dann geht man. Wenn ich den Männern helfen muss, auch den Männern aus meiner Einheit sie rausholen und retten muss, dann tue ich das. Und wie es dann am Ende ausgeht, ob es unsere Männer sind oder nicht, ist eine andere Frage. Wer sonst soll gehen? Also das hat Lena ohne große Geste formuliert. Also für sie ist die Frage nicht, ob eine Frau an die Front gehört. Die Frage ist, welche Aufgabe sie hat und ob sie diese Aufgabe erfüllen kann.
Ihre Arbeit hat sich aber trotzdem verändert und merkte daran, dass das hat ihr nicht ganz gut gefallen, Das zu erzählen, also sie war lange im Dauereinsatz, hat mehr als 300 Verwundete, versorgt und wurde selbst durch einen Splitter am Knie verletzt und seitdem sagt sie, das ist eben auch einer der Gründe, warum ihr Bataillonskommandeur ihr gesagt hat, sie soll jetzt bitte nur noch Ausbildung machen, bekommt sie manchmal Panikattacken oder zumindest zittrige Hände.
Und, naja, dann sagt sie, sie kann eben aufgrund dieses ganz offensichtlich posttraumatischen Belastungssyndroms nicht mehr vorne arbeiten. So ein Einsatz, von dem sie erzählt hat, das war der erste Einsatz, den sie mitgemacht hat, dass ihr Zugführer durch eine Schraubnell am Bein schwer verletzt worden ist.
Sie hat sich dann unter Mörserbeschuss ganz nach vorne gearbeitet, hat ihn versorgt, hat ihn zurückgebracht und seitdem nennt er sie seine kleine Schwester. Und ein paar Monate später, also sie war knapp anderthalb Jahre wirklich hart im Gefecht drin, war sie dann eben in so einer Schlachtsituation bei Bukrovsk.
Und das war wohl so heftig, weil einfach so viele Drohnen unterwegs waren und so viele Explosionen um sie herum waren, dass sie da eben offensichtlich ein mentales Trauma mitgenommen hat. Und wie gesagt, deswegen kann sie eben jetzt nicht mehr vorne arbeiten. Aber diese Einsätze, die sie da erlebt hat, das ist eben auch der Grund, warum sie ihre Kameradinnen und Kameraden nicht nach dem Lehrbuch ausbildet.
Sie weiß, wie schnell sich eine medizinische Lage unter Beschuss verändert. Und gleichzeitig sagt sie, und das fand ich halt spannend, dass sie durch den Krieg offener und selbstbewusster geworden ist. Nun, natürlich verändert der Krieg jeden Menschen. Was mich betrifft, würde ich sagen, dass ich wahrscheinlich immer noch dieselbe Person bin wie früher, aber vielleicht bin ich offener und selbstbewusster geworden.
Ich fühle mich mutiger und stärker. Ich fühle mich insgesamt viel besser in meiner Haut. Im zivilen Leben ist man ruhiger und gelassener. Hier kann man immer noch so sein, aber gleichzeitig stärker, härter und belastbarer und niemals Schwäche zeigen. Selbst wenn es schwer ist, wenn man keine Kraft mehr hat und denkt, ich kann das nicht, ich will das nicht, dann reißt man sich zusammen, atmet ein und aus und erinnert sich daran, dass es getan werden muss.
Wenn es getan werden muss, dann muss es getan werden. Ich nehme die Hand und, nehme die Hand und nehme die Hand. Es braucht. Es braucht, es braucht. Natürlich ist das jetzt keine Verklärung des Krieges. Also Lena sagt nicht, dass die Angst verschwunden ist. Sie sagt, dass sie gelernt hat, trotz der Angst zu handeln. Heute besteht ihre Arbeit aus Ausbildung, Materialbeschaffung und Organisation.
Nach den Lehrgängen fährt sie von einem Truppenstandort zum nächsten. Sie stellt medizinische Rucksäcke zusammen und versucht, zusätzliche Verbandsmittel zu bekommen. Dabei ist sie allerdings auch auf Freiwillige angewiesen. Ich versuche mit Freiwilligen in Kontakt zu bleiben, bitte um Hilfe und manchmal flehe ich fast darum.
Sie helfen nach und nach, aber natürlich würde ich mir wünschen, dass unser Staat uns mit dem versorgt, was wir brauchen, anstatt dass wir ständig darum bitten müssen. Lina arbeitet also an einer Schnittstelle zwischen Front und Hinterland. Sie bildet Soldaten für den Einsatz aus, aber sie muss sich auch zugleich darum kümmern, dass diese Soldaten überhaupt ausreichend medizinisches Material mitnehmen können.
Und eine ähnliche Verbindung zwischen Fachwissen und praktischer Hilfe gibt es bei Lilia Tchertenko in Kiew. Lilia ist außerordentliche Professorin am Lehrstuhl für Modetechnologie der Nationalen Universität für Technologien und Design. Sie forscht zu orthopädischen Schuhen. Seit Beginn des Krieges entwickelt und produziert sie Schuhe für Menschen, die durch Verletzung Teil ihrer Füße verloren haben. Auch das passiert natürlich immer wieder in diesem Krieg, dass Soldaten an der Front verletzt werden, dass sie ihre Gliedmaßen verlieren.
Auch darüber haben wir schon in diesem Podcast öfter mal gesprochen. Auch da packen wir euch entsprechende Folgen in die Shownotes rein. Sie kümmert sich allerdings nicht um diejenigen, die Prothesen brauchen, also denen beispielsweise der komplette Fuß abgenommen worden ist oder das komplette Bein oder die Arme, sondern wenn Teile der Füße verloren gegangen sind und für die baut sie eben oder fertigt sie orthopädische Schuhe an.
In ihrer Werkstatt stehen ein 3D-Scanner und eine Messplatte, auf der die Patientinnen und Patienten laufen. So kann Lilia genau erkennen, wie sich die Verletzung auf den Gang auswirkt. Daraus entstehen dann individuell angepasste Schuhe. Für einen Soldat mit einer Teilamputation beispielsweise waren ihre Schuhe die ersten, in denen er nicht ständig gerutscht ist.
Für Lilia ist das also auch keine abstrakte Forschungsarbeit, die sie betreibt. Ich beschäftige mich mit der Erforschung orthopädischer Schuhe. Besonders verbunden fühle ich mich mit der Hilfe für Menschen, die ihre Gesundheit für die Ukraine geopfert haben. Deshalb versuche ich, Menschen zu unterstützen, die diese Hilfe brauchen, durch die Entwicklung und Herstellung orthopädischer Schuhe.
Oder, orthopedischem zu erforschen. Wird, also biomechanische Prothesen, die mit den Gedanken gesteuert werden können und alles mögliche. Also das ist wirklich schon spannend, was da gerade entsteht, was es da mittlerweile für Möglichkeiten gibt, aber da wird immer auch sehr viel Geld reingepumpt, sehr viel geforscht, Das ist in dem Bereich, in dem Lilia arbeitet, nicht so.
Und trotzdem ist es natürlich ganz wichtig, dass es eben diese orthopäische Schuhe gibt. Viele Verbundete brauchen eben einfach keine Prothese, sondern haben eben nur einen Teil des Fußes verloren, können aber in normalen Militärstiefeln nicht laufen und verlieren durch die Belastung weitere Gesundheit.
Andere Soldaten wiederum bleiben an der Front tagelang in ihren Stiefeln. Auch darüber haben wir schon öfter mal gesprochen, dass es mittlerweile sehr, sehr schwierig ist für die Soldaten, ihre Position zu verlassen aufgrund der ganzen Drohnen, die in der Luft sind. Manche Soldaten sind dann eben 200 Tage in ihrer Position.
Und da kann man sich ungefähr vorstellen, wenn die ihre Stiefel ausziehen, ist das etwas schwierig. Wenn du eine normale Stiefel anhast, kann es natürlich auch sein, dass der Fußteil schwer in Mitleidenschaft gezogen wird. Und Lilia forscht deshalb auch an Schuhen, die unter Extrembedingungen getragen werden können.
Ihre Arbeit wird allerdings vom ukrainischen Staat bislang nur begrenzt unterstützt. Sie ist auf private Hilfe, ausländische Unterstützung und Fachleute angewiesen, die Material oder Schulung zur Verfügung stellen. Lilia sagt deshalb, dass kein Projekt allein entsteht. Ein einzelner Mensch kann in Wirklichkeit nicht viel erreichen.
Weder eine Frau noch ein Mann. Aber gemeinsam sind wir stark. Durch gegenseitige Unterstützung und Kommunikation entstehen verschiedene Projekte, Form der Hilfe und Form der Zusammenarbeit. Durch diese Zusammenarbeit können wir unseren Beitrag zu unserem künftigen Sieg leisten. Lilia beschreibt damit nicht nur ihre eigene Arbeit. Sie beschreibt ein Netzwerk aus Menschen, das dort einspringt, wo staatliche Strukturen nicht ausreichen.
Gleichzeitig ist sie Mutter, ihre Tochter ist jetzt neun Jahre alt und wegen der Drohnenangriffe schlafen die beiden in Kiew immer wieder im Korridor ihrer Wohnung. Der Korridor schützt nicht vor einem direkten Treffer. Er soll aber verhindern, dass Glassplitter durch die Druckwelle in den Raum geschleudert werden. Wie er sagt, Der Das ist, auf jeden Fall, auf alle ukrainien.
Ich glaube, es ist alles anders. Frau, sie ist erst mal eine Mutter. Ich kann sagen, dass meine Hauptsache und meine Hauptsache ist. betrifft leider alle Ukrainerinnen und Ukrainer. Wahrscheinlich betrifft er Männer und Frauen unterschiedlich. Eine Frau ist in erster Linie Mutter und als Mutter kann ich sagen, meine wichtigste Aufgabe und meine größte Sorge ist mein Kind.
Aber ich bin auch berufstätig. Deshalb versuche ich, an meinem Arbeitsplatz zu helfen und in der Zeit, die mir neben der Arbeit und der Betreuung meines Kindes bleibt, ebenfalls. Diese Sorge steht neben ihrer Arbeit, nicht an ihrer Stelle. Lilia hilft verwundeten Soldaten und versucht zugleich ihre Tochter durch einen Alltag zu bringen, in dem Drohnenangriffe zu Familienleben gehören.
Ihr habt ja vielleicht auch in den vergangenen Tagen mitbekommen, dass Kiew gerade jetzt die letzten Wochen massiv angegriffen wird. Also wir waren im Juni zuletzt da, da haben wir eben auch Lilia getroffen und seitdem hat sich die Situation in Kiew sogar noch verschärft. Also es gibt jetzt ganz, ganz häufig Angriffe mit ballistischen Raketen, also mit schweren Geschossen, deren Sprenggriff zu hunderte Kilo schwer sind und die von der ukrainischen Luftabwehr, die ziemlich ausgedünnt ist, weil Patriot-Raketen fehlen, also die Luftabwehrraketen eben nicht abgefangen werden können.
Und das führt natürlich dazu, dass es da. Wirklich sehr, sehr schwierige Nächte für die Menschen in Kiew gibt zurzeit. Auch Alina Maximenko kennt diese Verbindung von beruflicher Verantwortung und familiärer Sorge. Alina ist 38 Jahre alt und lebt im Stadtteil Solomjanka in Kiew. Gemeinsam mit einer Partnerin führt sie die Kosmetikmarke M2O.
Das Unternehmen produziert Pflegeprodukte für Gesicht, Haare und Körper. Der Krieg hat das Geschäft zunächst beschleunigt. Viele Kundinnen und Kunden wollten Produkte unterstützen, die in der Ukraine hergestellt wurden. Das Unternehmen wuchs also entsprechend schnell. Aber 2023 traf Alina eine Entscheidung, die direkt mit dem Krieg zusammenhing.
Die eigene Produktion sollte nicht weiter ausgebaut werden. Stattdessen lagerte das Unternehmen die Herstellung an Vertragsproduzenten aus. Das hat sie deswegen gemacht, weil sie eben in Sorge war, dass ihre Lager getroffen werden könnten und dann eben alles zerstört würde. Das ist ein Beispiel dafür, wie der Krieg wirtschaftliche Entscheidungen verändert.
Wachstum ist möglich, aber Investitionen in eigene Produktionsstrukturen werden riskanter. Seit Anfang 2022 hat sich unser Geschäft stark beschleunigt, weil die Kundinnen und Kunden sehr loyal gegenüber allem waren, was in der Ukraine hergestellt wurde. Wir haben sehr hart gearbeitet und es gab ein sehr schnelles Wachstum.
Aber 2023 haben wir unter dem Einfluss des Krieges entschieden, unsere eigene Produktion nicht weiter auszubauen, sondern die Herstellung der Kosmetik an Vertragsproduzenten auszulagern. Diese Entscheidung wurde direkt durch den Krieg beeinflusst. Aline erzählt aber nicht nur von wirtschaftlichen Entscheidungen.
Zu Beginn der Vollinvasion ist sie mit ihrer Familie für einen Monat nach Beniza gegangen. Das ist eine Stadt, die im westlichen Zentrum der Ukraine liegt und eigentlich vom Krieg nicht wirklich krass betroffen ist. Auch da gibt es immer wieder mal Angriffe, aber eben bei Weitem nicht so viel wie in Kiew oder in Städten wie Odessa, Dnipro, Kharkiv und anderen.
Sobald es möglich war, kehrte sie nach Kiew zurück. Heute lebt sie mit den Angriffen auf die Hauptstadt. Sie spricht von Tagen der Verzweiflung und davon, dass Menschen manchmal erst wieder Kraft sammeln müssen, bevor sie weitermachen können. Ich sehr viel und sehr schwer zu beurteilen den ersten Jahrzehnten im Jahr 2022 wir haben.
Der Beginn der Vollinvasion im Jahr 2022 war für mich sehr schwer. Wir mussten für einen Monat nach Venezia gehen und ich wollte unbedingt nach Hause, nach Kiew zurück. Bei der ersten Gelegenheit haben wir das getan. Danach haben wir uns an die Bedingungen angepasst, die Angriffe auf Kiew, die sehr häufig und massiv sind.
Wir machen uns alle große Sorgen. Es gibt Momente der Verzweiflung und Tage, an denen man sich erholen und Kraft sammeln muss, um weiterzumachen. Aber insgesamt kämpfen wir und glauben an eine bessere Zukunft. Wir glauben daran, dass wir alle Hindernisse überwinden und in einem friedlichen Land leben können.
Aline erlebt den Krieg nicht nur als Unternehmerin. Vor kurzem ist eine Drohne in ihrem Wohnblock eingeschlagen, nur zwei Stockwerke über ihrer Wohnung. Sie hat sich schützend über einen zwölfjährigen Sohn geworfen und natürlich ist das schwierig für den Jungen. Sie hat gesagt, er kommt damit eigentlich ganz gut so ran, aber man hat ihr auch schon angemerkt, dass sie natürlich große Angst um den Jungen hat.
Gleichzeitig versucht sie, ihr Unternehmen weiterzuführen. Sie sagt, Frauen trügen heute einen besonders großen Teil der Verantwortung im Hinterland. Ich fühle mich, dass Frauen jetzt sehr. Antworten für die, wie wir alle leben Ich habe das Gefühl, dass Frauen heute sehr stark dafür verantwortlich sind, wie wir alle hinter der Front leben.
Viele Frauen dienen beim Militär und schützen uns ebenfalls. Aber wie sich ja alles entwickelt, die Unternehmen, die Betreuung unserer Kinder, die Pflege unserer Familien und unser emotionaler Einsatz, um die Lage hinter der Front zu stabilisieren, das liegt sehr stark auf den Schultern der Frauen. Das ist schwer, aber gleichzeitig gibt es uns auch Kraft, weil jede von uns die Aufgabe hat, alles zu tun, damit unser Land weiter existiert, aufblüht und sich nach dem Ende des Krieges entwickelt.
Und sie werden sich dann eine schöne Atmosphäre in einer Lande, die alles wieder weitergeht, um sich zu erzeugen und zu entwickeln, um sich zu erzeugen, um zu erzeugen. Alina spricht über das Hinterland nicht als ruhigen Gegenpol zur Front. Kiew wird angegriffen. Unternehmen müssen sich mit Stromausfällen, Luftalarmen und veränderten Lieferketten anpassen.
Familien müssen mit Angst umgehen. Im Süden der Ukraine ist der wirtschaftliche Druck noch wesentlich unmittelbarer. Imuzi Kivka im Dorf in der Nähe von Kherson betreibt Tatjana Stramnova die Ziegenfarm Amalthea. Früher hat sie dort Ziegen gezüchtet, Käse hergestellt, Verkostung angeboten und Besucherempfang.
Kherson, darüber haben wir auch schon mehrfach gesprochen in diesem Podcast, das ist eine Stadt, wie gesagt, im Süden der Ukraine, die ständig eben von den Russen angegriffen wird. Die liegen also direkt auf der anderen Seite des Flusses, der Kherson vom weiten südlichen Hinterland trennt. Und diese Stadt wird eben ständig attackiert. Mit Drohnen, mit Attlerie, mit allem Möglichen. Da sterben ständig auch Menschen, leider Gottes.
Und dieses Dorf war ganz in der Nähe. Also wir haben auch immer wieder da Geschützdonner gehört, als wir da waren. Und ja, Tatjana hatte eben das Problem, dass inzwischen vieles von dem, was sie früher gemacht hat, schlicht nicht mehr möglich ist. Der Strom reicht nicht aus, um Käse zu produzieren. Sie kann das Futter für die Ziegen kaum noch bezahlen.
Kunden und Touristen bleiben natürlich aus. Und Tatjanas Mann ist mobilisiert worden, heißt, er ist kürzlich eingezogen worden. Sie ist nun allein für die Farm, die Tiere und ihre beiden Kinder mit Behinderung verantwortlich. Wir befinden uns im Dorf Musikivka auf der Amalthea-Ziegenfarm. Mein Name ist Teriana Sramnova und ich bin die Eigentümerin und Gründerin dieser Farm.
Wir beschäftigen uns mit der Ziegenzucht und der Käseproduktion. Früher haben wir auch Verkostungen, touristische Angebote und inklusive Programme organisiert. Im Moment konzentrieren wir uns jedoch ausschließlich auf die Ziegenzucht. Der Neonkis. Die Ziegen und der Käse waren Teil eines Geschäftsmodells, das Landwirtschaft mit Begegnung verbunden hat.
Es gab unter anderem dabei auch Yoga-Kurse mit Ziegen. Da konnte man Yoga-Kurse machen, dann hat man so kleine, total süß, Kamerun-Ziegen, die offensichtlich sehr lieb sind und mit denen konnte man dann gemeinsam Yoga machen. Also das war schon irgendwie ganz... Sie hat da auch mit Begeisterung von erzählt und hat wirklich davon geschwärmt, was sie da früher gemacht hat.
Der Krieg zerstört dieses Modell nicht mit einem einzigen Angriff. Er macht es Schritt für Schritt unmöglich. Durch Besatzung, fehlende Kunden, Stromprobleme, steigende Kosten und die Mobilisierung ihres Mannes. Es scheint vielleicht, als wären wir an einem ruhigen und friedlichen Ort. Aber vor dem Hintergrund dieser ganzen Aggression ist es hier nicht besonders fröhlich.
Wir haben sehr ernste Probleme. Mit den Finanzen, mit dem Futter und mit allem anderen. Im Moment stellen wir keinen Käse her, weil wir nicht genügend Spannung im Stromnetz haben. Außerdem wurde mein Mann mobilisiert. Deshalb können wir die Produkte derzeit nicht ausliefern. Es gibt niemanden, der sie zu den Kunden bringt.
Wir haben zwei Kinder mit Behinderungen und ich kann sie nicht alleine zu Hause lassen. Das ist der Punkt, an dem sich Krieg und Familienalltag direkt verbinden. Tatjana kann nicht einfach länger arbeiten, ihre Produkte weiter wegverkaufen oder die Kinder alleine lassen. Die Mobilisierung ihres Mannes verändert nicht nur die Familie, sie verändert auch die wirtschaftliche Existenz der Fahnen.
Sie sagt in einem der Gespräche, dass sie Dinge tun muss, die früher Männer gemacht haben. Gleichzeitig ist sie nicht nur Landwirtin, sie ist Mutter, Unternehmerin und, Betreuerin ihrer Kinder. Tatianas Geschichte zeigt, wie der Krieg in einen landwirtschaftlichen Betrieb, und in eine Familie hineinwirkt.
Bei Natalia Dicol verändert er dagegen den Zusammenhang, in dem sie ihren Beruf ausübt. Die Ozeanografin arbeitet heute nicht nur an Klimaforschung, sondern auch an den Gefahren, die der Krieg im Schwarzen Meer hinterlassen hat. Natalia Dicoul ist Ozeanografin am Antarctic Center of Ukraine. Sie forscht normalerweise auf dem Forschungsschiff NOSFERA zur Meeresströmung und zum Klimawandel im südlichen Ozean.
Sie war zweimal in der Antarktis. Heute arbeitet sie zusätzlich als Beraterin des UNDP für die Unterwasserminenräumung. Das Schwarze Meer ist durch Minen, nicht explodierte Munition und andere gefährliche Überreste des Krieges gelastet. Ich bin Natalia Dikul und arbeite als Ozeanografin am Antarctic Center of Ukraine.
Außerdem bin ich als unabhängige Beraterin für das UNDP im Bereich der Unterwasserminenräumung tätig. Natalia arbeitet damit an zwei sehr unterschiedlichen Orten. In der Antarktis untersucht sie Strömungen und die Folgen des Klimawandels. Im Schwarzen Meer geht es um konkrete Gefahren für Menschen, Schiffe und Einsatzkräfte.
Das war übrigens auch ganz spannend, als ich da mit ihr geredet habe und sie eben auch gefragt habe zu ihrer Arbeit in der Antarktis, wo die Ukraine übrigens nicht nur ein Forschungsschiff hat, sondern auch eine eigene Station, also eine Forschungsstation. Und ich habe sie dann eben gefragt, was sie da für Entdeckungen gemacht hat.
Und sie hat da insbesondere an irgendwelchen Gletschern gearbeitet und sagt, wir seien jetzt, also was das Klima angeht, an einem Kipppunkt angelangt. Und eigentlich müsse man global handeln. Dann habe ich gesagt, naja, wir saßen eben auch am Ufer des Schwarzen Meeres in Odessa und war gerade wieder Luftanahmen und, ich habe dann auch gefragt, naja, also irgendwie saß doch eine globale Aufgabe und die müssen wir doch alle global angehen und es sei doch schon ziemlich schräg, dass wir uns als Menschen stattdessen die Köpfe einhauen, eben nicht nur in der Ukraine, sondern auch in so vielen anderen Ländern.
Dann hat sie nur mit den Schultern gezogen und hat gesagt, naja, es ist möglicherweise auch deshalb, weil wir dumm sind. Die Arbeit der Minenschärfer, die ist besonders schwierig, weil die Sicht unter Wasser im Schwarzen Meer oft sehr schlecht ist. Natalia berät sie deswegen zu Strömungen und Wasserschichten.
Sie hilft dabei, die Bedingungen zu verstehen, unter denen die Männer und Frauen unter Wasser arbeiten. Es gibt unterschiedliche Arten von Unterwasserexplosivstoffen und Landminen. Der Krieg hat mir ehrlich gesagt mehr Arbeit gegeben und viel mehr Verantwortung für diese Arbeit. Der Krieg hat ihre wissenschaftliche Arbeit also nicht ersetzt.
Er hat sie in einen anderen Zusammenhang gestellt. Die Kenntnisse, die Natalia für die Meeresforschung braucht, werden jetzt auch für die Beseitigung von Kriegsgefahren eingesetzt. Sie sagt, das Schwarze Meer sei voller Gefahren, die man von der Oberfläche aus nicht sehen könne. Die Gefahr endet deshalb nicht mit dem Beschuss. Minen und nicht explodierte Munition bleiben auch dann eine Bedrohung, wenn es an der Oberfläche gerade ruhig ist.
Natalia hat natürlich auch über die Rolle von Frauen im Krieg gesprochen. Der Krieg beeinflusst uns, weil wir ebenfalls im Krieg kämpfen und gleichzeitig das friedliche Leben unterstützen. Das sind zwei Aufgaben in einer. Diese sechs Frauen erzählen keine gemeinsame Geschichte. Sie kämpfen nicht alle an der Front, sie übernehmen nicht dieselben Aufgaben. Natürlich sind diese Geschichten auch nicht exemplarisch für alle Frauen in der Ukraine.
Anna arbeitet für Familien von Vermissten und Kriegsgefangenen. Lena bildet Soldaten aus. Lilia hilft Verwundeten. Alina hält ein Unternehmen am Laufen. Tatjana kämpft um ihre Farm und ihre Kinder. Natalia setzt wissenschaftliches Wissen gegen die Gefahren des Krieges ein. Gemeinsam ist ihnen nicht, dass sie keine Angst haben. Gemeinsam ist ihnen, dass der Krieg ihre Verantwortung vergrößert hat und dass sie handeln, obwohl sie diese Verantwortung erschöpft.
Anna Portova sagt, der Wiederaufbau werde auf den Schultern der Frauen liegen. Vielleicht ist das weniger eine Prognose als eine Beschreibung der Gegenwart, denn dieser Wiederaufbau hat längst begonnen in Parlamenten, Werkstätten, Unternehmen, Stellen und Laboren. Die offene Frage ist, ob Frauen nach dem Krieg aus diesen neuen Verantwortungsbereichen herausgedrängt werden oder ob sich die ukrainische Gesellschaft dadurch dauerhaft verändert.
Das war die heutige Folge unseres Podcasts im Krisenmodus. Dieser Podcast wurde produziert von Alexander Baumeis, der ist auch Journalist und arbeitet beim Radiosender der Funke Mediengruppe. Wenn euch dieser Podcast gefallen hat, liked und folgt uns, das hilft in jedem Fall, unsere Arbeit sichtbarer zu machen.
Schreibt mir auch gerne, wenn ihr einen Vorschlag für eine unserer Folgen habt, ihr erreicht uns unter krisenmodus.funkemedien.de Und vielleicht denkt ihr noch einmal über die Frage nach, welche Aufgaben Menschen übernehmen, wenn der Krieg ihre bisherigen Rollen verändert. Was bleibt von diesen Veränderungen, wenn der Krieg irgendwann endet?
Passt auf euch auf, bis dann, ciao, ciao.