
Im Krisenmodus· Folge 168
Afghanistan fünf Jahre nach den Taliban: Sicherer, aber nicht freier
Mittwoch, 26. August 2026 · 26 min
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban hat sich Afghanistan grundlegend verändert. Die großen Kämpfe sind in vielen Teilen des Landes abgeflaut, die Sicherheitslage hat sich verbessert und es wird wieder gebaut. Gleichzeitig leben viele Menschen in Armut, die Arbeitslosigkeit ist hoch – und Frauen und Mädchen sind von höherer Bildung ausgeschlossen.
In dieser Folge von „Im Krisenmodus“ spricht FUNKE-Kriegsreporter Jan Jessen (morgenpost.de/politik/article412853039/fuenf-j…) mit Menschen, die sehr unterschiedliche Erfahrungen mit der neuen Realität machen.
In Kabul trifft Jan die Lehrerin Rohina Popalzai. Rohina erzählt von Frauen, denen Bildungs- und Berufsperspektiven genommen wurden – und von ihrer vorsichtigen Hoffnung auf eine Veränderung.
In der Provinz Logar trifft Jan den Ziegeleibesitzer Abdul Rahman Bhatti. Sein Geschäft ist in den vergangenen fünf Jahren gewachsen. Er erlebt die verbesserte Sicherheitslage als Voraussetzung dafür, dass Menschen zurückkehren und wieder Häuser bauen.
Wie begrenzt diese Sicherheit sein kann, erlebt Jan in der Grenzprovinz Paktia. Dort steht der Arzt Fathullah vor den Trümmern seines Hauses. Bei einem Luftangriff stirbt sein 14-jähriger Bruder. Fathullah und seine Frau werden schwer verletzt. Fathullah berichtet außerdem von einem zweiten Angriff auf Menschen, die den Verletzten helfen wollten.
Was haben fünf Jahre Taliban-Herrschaft für Afghanistan verändert? Und für wen ist das Land tatsächlich sicherer geworden?
In dieser Folge zu hören
Jan Jessen – Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter der FUNKE Mediengruppe
Rohina Popalzai – Lehrerin und Sprecherin einer staatlichen Schule in Kabul
Abdul Rahman Bhatti – Ziegeleibesitzer aus der Provinz Logar
Fathullah – Arzt aus der Provinz Paktia und Überlebender eines Luftangriffs auf sein Haus
Kapitel
01 | Was hat sich unter den Taliban verändert?
Fünf Jahre nach der Machtübernahme reist Jan Jessen durch Afghanistan. Das Land ist in vielen Teilen sicherer geworden – gleichzeitig prägen Armut, Arbeitslosigkeit und massive Einschränkungen für Frauen den Alltag.
02 | Rohina Popalzai: Frauen ohne Studium
Die Lehrerin aus Kabul über Mädchenbildung und fehlende berufliche Perspektiven.
03 | Abdul Rahman Bhatti: Warum wieder gebaut wird
Ein Ziegeleibesitzer in Logar über steigende Nachfrage, zurückkehrende Afghanen und die wirtschaftlichen Folgen der verbesserten Sicherheitslage.
04 | Fathullah: Ein Luftangriff auf seine Familie
Der Arzt aus Paktia über den Angriff auf sein Haus, den Tod seines 14-jährigen Bruders und einen zweiten Angriff auf Menschen, die helfen wollten.
05 | Für wen ist Afghanistan sicherer?
Drei Begegnungen zeigen die Widersprüche nach fünf Jahren Taliban-Herrschaft: mehr Sicherheit und Bautätigkeit auf der einen Seite, weniger Freiheit für Frauen und anhaltende militärische Gewalt auf der anderen.
Hör-Empfehlungen
Erdbeben in Afghanistan - Überlebende ohne Hilfe (morgenpost.de/podcast/article409960456/erdbebe…)
Flutkatastrophe in Afghanistan: Eine vergessene Tragödie (morgenpost.de/podcast/article406857258/flutkat…)
Afghanische Kinder: Heilung in Deutschland gesucht (morgenpost.de/podcast/article407680358/afghani…)
Kontakt & Feedback
Fragen, Kritik, Anregungen? Schreib uns:
✉️ krisenmodus@funkemedien.de
Jetzt abonnieren
„Im Krisenmodus“ – überall, wo es Podcasts gibt:
Spotify (open.spotify.com/show/0IQW1w25NYSrz60aAPzwvB?s…) | Apple Podcasts (podcasts.apple.com/de/podcast/im-krisenmodus/i…) | Deezer (deezer.com/de/show/3737197) | YouTube (youtube.com/@Krisenmodus-Podcast_FUNKE)
Neue Folgen
Alle zwei Wochen, immer mittwochs.
Danke an Thomas Bertram (radiooberhausen.de/moderator/thomas-bertram-26…) und Vanessa Winkel (radioemscherlippe.de/moderator/vanessa-winkel-…) für ihre Stimmen.
Im Krisenmodus ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Fünf Jahre ist es jetzt her, dass die Taliban wieder die Macht in Afghanistan übernommen haben. Seitdem herrscht kein Krieg mehr im Land. 40 Jahre lang haben die Menschen in Afghanistan Krieg erleben müssen, den Krieg gegen die Sowjets, die 1979 in das Land gekommen waren, danach den Bürgerkrieg in Afghanistan, danach den Aufstieg der Taliban das erste Mal, die 20-jährige Besatzung ab 2001 und immer wieder ist das Land von Kriegen erschüttert worden in diesen ganzen Jahren.
Jetzt herrscht ein einigermaßen stabiler Frieden, es wird wieder gebaut, Menschen kehren zurück. Aber was bedeutet diese neue Stabilität eigentlich für die Menschen, die dort leben? Eine Lehrerin in Kabul sagt, Nein. Wir sind mitzündet, mitzündet und mitzündet. Ich hoffe, dass die Gesellschaft nicht mehr so gut sind.
Wir sind nicht pessimistisch, sondern optimistisch. Wir hoffen, dass dieser Zustand nicht so bleibt und dass sich Ihre Entscheidungen und Ihre Haltungen ändern. Vielleicht gibt es bei Ihnen ein Problem oder einen Grund, warum Sie bisher nicht anfangen. Sie selbst wissen das am besten. Wir hoffen, dass sich das Bildungswesen verbessert und dass die Schulen und Universitäten für Mädchen wieder geöffnet werden.
Jede afghanische Familie wünscht sich, dass ihre Tochter Ärztin oder Ingenieurin wird. Was sollen wir sonst tun? Wir können nur hoffen. Hoffnung ist in diesem Gespräch kein großes politisches Programm. Sie ist eher das, was Ruhina bleibt und nicht nur ihr, sondern viele Millionen andere Frauen in Afghanistan.
Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt, mit Journalist Jan Jessen. Hallo, ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter für die Funke Mediengruppe. Ihr findet meine Artikel in der NRZ, der WRZ, der Berliner Morgenpost, im Hamburger Abendblatt und auf unseren Portalen.
Vor fünf Jahren haben die Taliban wieder die Macht in Afghanistan übernommen. Damals, am 15. August 2021, war ich vor Ort. Das war eine sehr chaotische, eine sehr wilde Zeit, eine sehr problematische Zeit natürlich auch. Es herrschte Panik damals, ich habe die Situation miterlebt. Wie die Menschen zum Flughafen strömten und da zu Hunderten, zu Tausenden versucht haben, irgendwie aus dem Land rauszukommen.
Das war eine, ja, für mich auch muss ich sagen, bis heute immer noch sehr schockierende Situation und auch traumatisierende Situation. Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt in meinem Journalisten-Leben wie damals, als ich mit meinem deutschen Pass da in den Flughafen angekommen bin und die Menschen an mir hingeschrieben haben, Sir, Sir, please help me, help me, help me.
Und man natürlich einfach nichts tun konnte, sondern einfach nur durchgegangen ist mit seinem Pass. Amerikanische Marines, die haben den Weg freigeprügelt haben und wie wir dann in die Flugzeuge reingegangen sind. Das war schon ein sehr bitterer Moment, muss ich sagen. Heute sind die großen Kämpfe in vielen Teilen des Landes vorbei und das ist etwas, was eigentlich etwas ist, was die meisten Menschen einem sagen, wenn man mit ihnen spricht, wenn man mit normalen Leuten redet, die aus den Provinzen kommen, beispielsweise nach Kabul, dass sie zum ersten Mal seit 40 Jahren im Grunde genommen vernünftig reisen können, also von den entferntesten Landesteilen in die Hauptstadt rein.
Dass sie nicht ständig Angst haben müssen, in die Hände von irgendwelchen Warlords zu fallen, dass nicht ständig irgendwie Bomben irgendwo fliegen oder an der Straße Sprengsätze explodieren, die von den Taliban seinerzeit gelegt wurden. Also der große Krieg, die vier Jahrzehnte des Krieges, die sind vorbei.
Die Sicherheitslage ist deutlich besser als während der Kriegsherre. Das gilt übrigens auch für die Alltagskriminalität. Also früher war es eben so, dass man nachts bloß nicht rausgehen sollte in Kabul und anderen Städten. Die Alltagskriminalität, die war schon krass. Damit ist heute Schluss. Also das passiert vereinzelt noch, aber im Grunde genommen kann man sich jetzt vor allem im Land bewegen.
Gleichzeitig aber sind Armut, Arbeitslosigkeit und Hunger enorm. Afghanistan ist wirklich ein Land in großer, großer Not. Und ganz besonders, das habt ihr sicherlich an vielen Stellen schon gehört, ist die Situation für Frauen und Mädchen in Afghanistan katastrophal. Für sie ist ihre Heimat ein ganz anderes Land geworden. Und sie dürfen jetzt die weiterführenden Schulen nicht mehr besuchen, sie dürfen nicht mehr studieren, und sie sind aus vielen Berufen verdrängt worden.
Ich war jetzt wieder in Afghanistan und wollte wissen, wie sich diese fünf Jahre im Alltag tatsächlich zeigen. Ich war wieder unterwegs mit dem Friedensdorf International. Das ist eine Organisation aus Oberhausen. Die haben wir euch schon mal im Podcast vorgestellt. Die arbeiten schon seit 1988 in Afghanistan, bringen von dort krank und verletzte Kinder zur Behandlung nach Deutschland.
Und auch diesmal habe ich das miterlebt, wie die Kindervorstellung gelaufen ist. Das heißt also, dort bringen die Eltern ihre Kinder in der Hoffnung, dass das Friedensdorf sie mitnimmt. Die werden untersucht von Ärzten, von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Friedensdorfes und ein ganz kleiner Teil von ihnen kann mitgenommen werden.
Das ist immer eine sehr bittere Situation, muss man sagen. 1.500, über 1.500 Kinderbands diesmal, die da vorgestellt worden sind. 80 können mitgenommen werden nach Deutschland und das sind natürlich dann teilweise Szenen, die man erlebt, die nicht sehr schön sind. Aber ich hatte auch die Möglichkeit, mich eben umzuschauen im Land.
War dann in Kabul unterwegs, unter anderem in der Hauptstadt der Afghanischen und habe da in der Seitenstraße im Nordwesten der Stadt eine staatliche Grundschule, gefunden, die war in einem ganz normalen Wohnhaus untergebracht. Und das war so dreistöckig. Und in diesem Wohnhaus werden mehr als 1.100 Kinder, in vier Schichten unterrichtet. Von oberstem Stock bis hinunter in den Keller wird praktisch jeder Raum als Klassenzimmer genutzt.
Und im Hof stehen zwei zusätzliche Zelte. Es war pickepacke voll, als ich da war. Die Leiterin der Schule heißt Ruina Popal und das ist eben was Besonderes. Also das gesamte Kollegium bestand ausschließlich aus Frauen und Ruina Popal, das war eine sehr. Taffe Frau, muss ich sagen, die auch ihr Gesicht nicht verschleiert hat, wie das mittlerweile vielerorts üblich ist in Afghanistan, sondern die da, ohne Gesichtsschleier in die Kamera gesprochen hat, mit mir geredet hat und sehr deutlich erzählt hat, wie sie die Situation sieht.
Auf ihre Schule, da gehen auch noch Mädchen, bis zur sechsten Klasse jedenfalls. Aber für viele oder für die meisten von denen endet eben der Bildungsweg ab der sechsten Klasse und lange bevor die Universität beginnt. Wir versuchen, dass die Mädchen lernen. Sie sollen später arbeiten und einen Beruf haben, so wie wir.
Aber wir bedauern die aktuelle Situation sehr. Was können wir tun? Wir haben keine Möglichkeit. In den vergangenen fünf Jahren haben in Afghanistan keine Ärztinnen oder Ingenieurinnen ihren Abschluss gemacht. Auch viele andere Berufe bleiben Frauen verschlossen. Das hört man eben von vielen, vielen Menschen. Das betrifft aber vor allem eben die Situation in den großen Städten, in Städten wie Kabul, wie in Herat, wie in Masar-i-Scharif im Norden und anderen, wo es in den 20 Jahren vor der erneuten Machtübernahme der Taliban gang und gäbe war, dass junge Frauen dann natürlich die Universitäten besucht haben, studiert haben, auch in der öffentlichen Verwaltung oder in Unternehmen gearbeitet haben.
Das ist jetzt leider Gottes erst mal vorbei. Und beispielsweise die jüngere Schwester eines Arztes, der für das Friedensdorf arbeitet, die hatte Medizin studiert. Nach der Machtübernahme der Taliban musste sie jetzt ihr Studium abbrechen, sie sitzt zu Hause. Das ist natürlich für diese Frauen, die da betroffen sind, sehr, sehr bitter.
Es ist allerdings auch, das gehört zur Wahrheit dazu, ein Problem, was eigentlich einen relativ geringen Teil der Bevölkerung betrifft, weil viele. Der Frauen oder der jungen Mädchen auch während der 20-jährigen Besatzung durch westliche Mächte wie die USA nicht zur Schule gegangen sind bzw. Zur Universität gegangen sind, weil gerade auf dem Land natürlich immer noch sehr kleinbäuerliche Strukturen existieren, sehr konservative Strukturen existieren.
Und es da eben auch nicht Usos war, dass die Frauen studieren konnten oder arbeiten konnten, also reguläre Jobs außerdem im Familienbusiness. Und auch die Mädchen konnten nicht zur Schule gehen. Gilt übrigens auch für viele Jungs. Man sieht also in Afghanistan viele, viele Jungs im sehr jungen Alter, die auf der Straße sind, da arbeiten, Sachen verkaufen, beziehungsweise auf dem Land, auf den Feldern arbeiten.
Gleichwohl ist es natürlich, wie gesagt, für die Frauen, die jetzt nicht mehr studieren dürfen, die jetzt nicht mehr arbeiten dürfen, eine Katastrophe und Ruiner, die erlebt, was es mit Frauen macht, wenn ihnen plötzlich jede Perspektive genommen wird. Viele Frauen in Afghanistan leiden sehr unter dieser Situation.
Sie wollen nicht den Rest ihres Lebens in einer Ecke des Hauses sitzen. Sie haben Wünsche und eigene Ambitionen. Aber was können sie tun? Viele leiden unter schwerem psychischen Problem. Manche haben sogar versucht, sich das Leben zu nehmen. Auffällig ist natürlich, wie vorsichtig Ruina über die politischen Verhältnisse spricht. Ich hatte ihr natürlich sehr deutlich gesagt, dass sie mit einem Journalisten spricht. dass ich das auch gerne veröffentlichen würde, was sie uns erzählt.
Und angesichts der Situation war sie da entsprechend vorsichtig, was ich auch gut finde. Also es wäre natürlich fatal gewesen, wenn sie sich an Gefahr gebracht hätte. Sie, wie gesagt, ist Lehrerin in der staatlichen Grundschule. Sie darf da noch arbeiten und das ist natürlich eine gute Sache. Sie selbst hat Politikwissenschaften studiert und als unser Gespräch dann ein bisschen politischer wurde, da hat sie dann sofort auch eine Grenze gezogen.
Ich möchte nicht tiefer in die Politik gehen. Ich habe Politikwissenschaften studiert, aber ich möchte mich dazu nicht ausführlicher äußern. Die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen tun aus unserer Sicht nicht genug für unsere Anliegen. Wenn sie mehr tun würden, würde sich die Entwicklung schneller und reibungsloser vollziehen.
Es gibt viele Gespräche, aber nicht genug konkrete Handlungen. Über die Taliban selbst sagt Ruina wenig. Auch das finde ich vernünftig. Wie gesagt, sie spricht mit Leuten aus dem Ausland und dann finde ich es richtig und wichtig, dass man, wie gesagt, da vorsichtig ist, sich nicht in Gefahr bringt. Deutlicher wird sie aber, wenn sie über die internationale Gemeinschaft spricht.
Und trotz allem will sie die Hoffnung nicht aufgeben. Wir sind nicht pessimistisch, sondern optimistisch. Wir hoffen, dass dieser Zustand nicht so bleibt und dass sich ihre Entscheidungen und ihre Haltungen ändern. Vielleicht gibt es bei ihnen ein Problem oder einen Grund, warum sie bisher nicht anfangen.
Sie selbst wissen das am besten. Wir hoffen, dass sich das Bildungswesen verbessert und dass die Schulen und Universitäten für Mädchen wieder geöffnet werden. Jede afghanische Familie wünscht sich, dass ihre Tochter Ärztin oder Ingenieurin wird. Was sollen wir sonst tun? Wir können nur hoffen. Und jetzt war es ein Ingenieur.
Ruhina unterrichtet weiter, jeden Tag um ihre Schülerinnen in diese Schule. Aber ob sie später einmal studieren dürfen, das weiß niemand. Es ist allerdings auch so, wenn man, mit Vertretern der Taliban spricht, wenn man mit Vertretern aus verschiedenen Organisationen spricht, dann hört man im Hintergrund immer ganz häufig, dass auch die Taliban selbst, oder manche von ihnen jedenfalls mit den Entscheidungen nicht ganz zufrieden sind, die derzeit getroffen werden, also wo durch die Frauen eben immer mehr an den Rand gedrängt werden.
Es zieht sich eigentlich durch die Gespräche durch, dass gesagt wird, wir manövrieren uns ja im Grunde genommen in eine Sackkasse rein, wenn wir Mädchen und Frauen nicht erlauben, weiterführende Schulen zu besuchen oder zu studieren. Denn dann werden uns irgendwann die Ärztinnen fehlen, irgendwann werden uns die Lehrerinnen fehlen.
Und so gibt es eben auch aus den Reihen der Taliban selbst immer wieder diejenigen, die sagen, Das, was da gerade läuft, ist nicht gut. Und wir müssen eben auch in die Perspektive denken an die Zukunft unseres Volkes. Und wir können nicht die Hälfte der Bevölkerung von Bildung ausschließen. Auf der einen Seite und auf der anderen Seite wissen eben auch die Pragmatischeren, unter den Taliban, dass auch in der öffentlichen Wahrnehmung der Welt nicht, wirklich gut ist, was sie da machen.
Dass also gerade europäische Länder, westliche Länder sich sehr, sehr schwer tun, mit den Taliban in Kontakt zu kommen, in Dialog zu kommen, wenn sie die Frauen und Mädchen weiterhin so behandeln, wie sie das jetzt tun. Das wissen einige der Pragmatischeren und ich denke, da wird in den kommenden, Monaten und Jahren hoffentlich auch einiges noch in Bewegung geraten, was dieses Thema angeht.
Von Kabul aus bin ich weiter in die Provinz Lugger gefahren und dort begegne ich einer ganz anderen Sicht auf die vergangenen fünf Jahre. Abdulrahman Bharti, der arbeitet seit mehr als 25 Jahren in einer Ziegelei und das ist schon spannend. Also wenn man da ein bisschen rausfährt aufs Land, dann hat man plötzlich so plane Flächen, riesengroß und überall stehen plötzlich Schornsteine.
Die sind vielleicht so 20 Meter hoch, selber auch aus Backstein gebaut, darauf steigt völlig schwarzer Rauch auf. Und um diese Schornsteine herum sind so Gruben und in diesen Gruben, da werden dann eben Ziegeln reingepackt. Das wird alles nur per Hand gemacht, diese Ziegeln werden per Hand geformt aus Lehm und Sand und dann in der Sonne getrocknet. und dann hat man so Eselkarren.
Mit diesen Eselkarren werden dann diese Ziegeln in die Gruben gefahren und die Gruben werden dann aufgeschüttet. Dann wird das Ganze mit Kohle erhitzt und so werden die Ziegeln dann gebrannt. Also es ist noch wirklich sehr, sehr archaisch, wie da Ziegeln hergestellt werden. Diese Ziegelbrennerei, die ich da besucht habe, der von Abdul Rahman Bhatti, der produzierte im Jahr sieben Millionen von diesen Ziegeln.
Und beschäftigt nach seinen Angaben mehr als 250 Menschen. Und er hat mir dann auch nochmal genau erzählt, wie diese Ziele hergestellt werden. Sie sehen die Menschen dort. Sie sitzen und formen die Ziegel von Hand. Danach legen wir sie für zwei oder drei Tage auf eine offene Fläche, damit sie trocknen können.
Anschließend kommt eine Gruppe, die mit Eseln arbeitet. Die Arbeiter legen die Ziegel auf die Esel und bringen sie zum Brennofen. Dort geben wir Kohle hinein und brennen die Ziegel. Ja und was ich total spannend fand in dem Gespräch, das war, dass Abdul Rahman gesagt hat, dass sein Geschäft in den vergangenen fünf Jahren gewachsen ist.
Also was uns immer wieder auffällt, was mir immer wieder auffällt, wenn ich durch Afghanistan fahre, ist, dass da enorme Bautätigkeiten sind. Also in Kabul werden neue Straßen gebaut, auch in die Provinzen rein werden neue Straßen gebaut, ganz viele Häuser werden neu errichtet und ja wie gesagt, also Abdul Rahman hat auch gesagt, dass sein Business, das Ziel des Business ordentlich davon profitiert.
In den letzten fünf Jahren ist unser Geschäft gewachsen. Wir sind heute viel zufriedener. Früher gab es hier vielleicht 700 oder 800 Fabriken. Heute sind es nur noch etwa 250 oder 300. Die Nachfrage nach unseren Ziegeln ist deutlich höher. Deshalb sind wir mit unserer Arbeit heute zufrieden. Ja, das ist seine persönliche Erfahrung als ein Produzent von Zielen.
Sie steht eigentlich im Kontrast zur wirtschaftlichen Lage vieler Menschen in Afghanistan. Arbeitslosigkeit und Armut sind weit verbreitet. Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das heißt von Organisationen wie den Vereinten Nationen, dass etwa ein Drittel der Menschen in Afghanistan Mangel ernährt sind.
Wir sehen das auch immer wieder bei diesen Kindervorstellungen, von denen ich vorhin erzählt habe. Da hat man etliche Kinder gesehen, die wirklich spindeldürr waren, abgemagert bis aufs Skelett und ganz fürchterlich aussahen, mit so ganz eingefallenen Augen schon und so, die also kurz vorm Hungertod standen.
Und ja, in Abdurrahman Branche ist die Nachfrage gestiegen und er verwendet das mit einer Entwicklung, nämlich mit der verbesserten Sicherheitslage, von der ich vorhin schon mal gesprochen habe. Wir haben heute eine gute Sicherheitslage in Afghanistan. Menschen, die außerhalb des Landes leben, kommen zurück und bleiben bei ihren Familien.
Ein Problem gibt es weiterhin bei den Grundstücken und Eigentumsfragen. Die Regierung erklärt immer wieder, dass bestimmte Siedlungen staatliches Eigentum seien. Deshalb bauen die Menschen dort teilweise keine Häuser. Wir hoffen, dass die Regierung diese Fragen in Zukunft klärt und die privaten Grundstücke rechtlich absichert.
Dann wird mehr gebaut und die Nachfrage wird steigen. Nicht nur nach Ziegeln, sondern auch nach Sand und Zement. Für den Bau werden mehr Arbeitskräfte gebraucht. Wenn mehr Häuser gebaut werden, entsteht auch mehr Arbeit. Das hört man immer wieder, dass jetzt Exil-Afghanen, die draußen in der Diaspora leben, ob in Amerika, oder in Europa, dass die mächtig investieren jetzt, Häuser bauen, Hotels bauen, Restaurants bauen und so eine Geschichten.
Das, was sie sich eben jetzt in den vergangenen Jahrzehnten nicht getraut haben, weil einfach die Sicherheitslage so problematisch war und niemand wusste, was wird denn eigentlich passieren mit meinem Haus? Wird das möglicherweise zerbombt? Gibt es da irgendwie rechtliche Probleme? Und da scheint jetzt ein deutlich mehr Vertrauen zu sein in die Stabilität im Land. Deswegen wird jetzt eben doch einiges an Geld investiert.
Für Abdul Rahman bedeutet die bessere Sicherheitslage vor allem eins, Menschen investieren neben wieder, bauen Häuser, schaffen Arbeit. Das ist wieder eine Seite, eine andere Seite Afghanistans fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban. Abdul Rahman sagt, Afghanistan ist heute sicherer. Das allerdings gilt nicht für alle Landesteile. Also ich bin von Lugadan nach Pakdia gefahren, nahe der Grenze zu Pakistan.
Und da habe ich einen Menschen getroffen, für den dieser Satz wohl eher ein bisschen zynisch klingt. Das ist Fadullah gewesen, er ist 35 Jahre alt und Arzt und als ich ihn getroffen habe, da hat er in den Trümmern seines Hauses gestanden. Und das ist eigentlich dieses Dorf, wo ich da war, das war wirklich eigentlich ein malerisches Dorf, im Hintergrund die Berge, ein paar Kilometer weiter eben die Grenze zu Pakistan und viele Hütten, alles sehr ordentlich, Aber dieses Haus war wohl das prächtigste im Dorf gewesen, auch noch nicht lange in Bezug.
Er hat erzählt, dass er da mit seinen 35 Familienmitgliedern gerade mal zwei Jahre jetzt gewohnt hat. Das Haus war drei Stockwerke hoch und ist am 28. Juni um kurz nach 23 Uhr von einem pakistanischen Kampfjet angegriffen worden. Eine Rakete ist im zweiten Stock eingeschlagen, in dem Zimmer, in dem Fadulas 14-jähriger Bruder Lockmann geschlafen hatte und er ist bei dem Angriff gestorben.
Und Fadula hat mir dann sein Telefon gezeigt und mir ein Foto seines Kuglers gezeigt und gesagt, er war einfach nur ein Schüler, er hat niemandem etwas getan. Auch Fadula selbst und seine Frau wurden bei dem Angriff schwer verletzt. Sein rechter Arm ist zertrümmert worden, Schrapnelle hat ein Bein und Oberkörper getroffen.
Und naja, das sah man eben auch noch bei ihm. Der rechte Arm war eben immer noch voller Narben und eine Riesennarbe da, wo der Arm zersplittert war. Was besonders krass war, war, dass nach dem Angriff auf das Haus die Dorfbewohner zur Hilfe gekommen sind. Und dann ist das Grundstück ein zweites Wagen gegriffen worden.
Als die Dorfbewohner gekommen sind, um uns zu helfen, hat es einen weiteren Militärangriff gegeben. Es gab einen zweiten Angriff, diesmal auf die Menschen, die gekommen waren, um zu helfen. Das ist ein Double-Tap-Angriff gewesen. Das passiert in Kriegssituationen immer wieder. Der ist eigentlich eher sowas wie eine terroristische Aktion.
Also in der Ukraine passiert das immer wie, dass die Russen mit Drohnen angreifen und dann ein Haus, beispielsweise ein Wohnhaus, zerstören oder Teilen beschädigen. Dann kommen die Rettungskräfte und dann kommt die zweite Drohne und greift eben die Rettungskräfte an. Es gab es immer wieder auch im Irak, habe ich das erlebt, bei Angriffen vom IS, dem sogenannten Islamischen Staat.
Auch die haben dann Selbstmordattentäter losgejagt und nachdem sich einer in die Luft gesprengt hat, danach Hilfe gekommen ist, ist ihm der zweite dann gekommen, meistens mit noch einer größeren Bombe. Atulia hat mir gesagt, bei den beiden Angriffen seien insgesamt 16 Menschen getötet und 176 verletzt worden. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Zahlen nicht.
Auch die afghanischen Behörden haben allerdings von zahlreichen zivilen Opfern berichtet. Pakistan hingegen erklärt bei seinen Angriffen militante Stellungen ins Visier genommen zu haben. Was ich da wirklich bitter fand, dass in einer Ecke des Hofes bei diesem zerstörten Haus immer noch die Sandalen der Menschen lagen, die bei dem Angriff verletzt wurden.
Und Fadullah selbst, das habe ich ja gerade schon gesagt, der trägt immer noch die Spuren des Angriffs an seinem Körper, allerdings wohl auch in seiner Seele. Ich bin hier verletzt und auch hier habe ich was gebrochen. Meine Rippe ist auch gebrochen. Hier habe ich jetzt ein Tape und ein Pflaster. Ja, dieser Angriff ist kein Einzelfall gewesen, der Angriff auf das Haus.
Zwischen Afghanistan und Pakistan herrscht im Grunde genommen ein unerklärter Krieg. Seit Oktober vergangenen Jahres fliegen die Pakistaner relativ häufig Angriffe in Pakistan. Auf der anderen Seite attackieren die Taliban im Grenzgebiet immer wieder pakistanische Grenzposten, schicken selber kleine Drohnen nach Pakistan rein. Warum dieser Krieg?
Das hängt wohl, hat unterschiedliche Gründe. Einer der wichtigsten Gründe ist, meines Erachtens, dass sich die Taliban mittlerweile sehr gut mit Indien verstehen. Indien ist der Erzfeind der Pakistaner. Die Länder haben schon mehrfach miteinander Krieg geführt. Im vergangenen Jahr gab es die große Befürchtung, dass es möglicherweise zum Atomkrieg kommen könne.
Und in Jahren der Besatzung, der westlichen Besatzung Afghanistans, hatten die Pakistaner, der pakistanische Geheimdienst ISI, eigentlich. Vor allem die Taliban unterstützt, hat sie stark gemacht, finanziert, trainiert, in Rückzugsräume geboten und so weiter. Und mit der Idee, dass im Fall eines Krieges mit Indien, Also Pakistan führt einen Krieg mit Indien, dass Afghanistan da als strategische Tiefe dienen könne, wenn man da eine befreundete Regierung hat.
Und jetzt, wo sich die Taliban den Indern angenähert haben, es gibt regen Austausch, wirtschaftliche Beziehungen und so weiter. Fühlen die Pakistaner sich offensichtlich jetzt ein bisschen eingeengt, sind möglicherweise auch wütend, enttäuscht, wie auch immer, dass das Pferd, auf das sie gesetzt haben, plötzlich nicht mehr spurt.
Und jetzt werfen die Pakistaner den Taliban in Afghanistan vor, bei sich die Vertreter der pakistanischen Taliban, die gibt es auch, zu beherbergen, die immer wieder Anschläge in Pakistan durchführen. Die Afghanen wiederum sagen, die Taliban sagen, die Pakistaner würden den islamischen Staat, Kämpfer des islamischen Staates in Pakistan beherbergen, die wiederum in Afghanistan immer wieder attackieren.
Wenn ihr seht, das ist alles sehr verworren und schwierig, die ganze Situation. Aber wie gesagt, ein Krieg, ein relativ unterschwelliger Krieg, noch nicht voll ausgebrochen, aber mit zahlreichen Todesfällen schon, insbesondere unter der Zivilbevölkerung. Und leider haben eben Fadullah und seine Familie das am eigenen Leib spüren müssen.
Auch ansonsten gibt es in Afghanistan immer wieder Sicherheitsvorfälle, also beispielsweise in Provinzen Binduristan oder Badarshan. Da gibt es dann verschiedene Aufstandsgruppen, alles kleine, sehr lokale Milizen, die immer wieder probieren, gegen die Taliban aufzustehen. Das klappt mehr oder weniger gut.
Zurzeit ist die Herrschaft der Taliban definitiv nicht gefährdet, aber es ist eben immer wieder in einzelnen Punkten relativ unruhig in Afghanistan. Am Ende meiner Reise bleiben mir für mich diese drei Begegnungen. Ruiner in Kabul, die ihre Schülerin weiter unterrichtet, ohne zu wissen, ob sie jemals studieren dürfen. Abdur Rahman in Lugar, dessen Geschäft wächst, weil Menschen wieder bauen und investieren.
Und Fadullah in Paktia, der vor den Trümmern seines Hauses steht und mir auf seinem Telefon das Bild seines getöteten 14-jährigen Bruders zeigt. Afghanistan ist heute in vielen Teilen sicherer als während der langen Kriegsjahre. Aber Sicherheit bedeutet definitiv nicht automatisch Freiheit und sie gilt nicht überall und für jeden.
Deshalb ist die entscheidende Frage vielleicht nicht nur, ist Afghanistan sicherer geworden, sondern für wen? Das war die heutige Folge unseres Podcasts im Krisenmodus. Dieser Podcast wurde produziert von Alexander Baumeister. Er ist auch Journalist und arbeitet bei einem Radiosender der Funk-Comedian-Gruppe.
Wenn euch der Podcast gefallen hat, liked und folgt uns. Das hilft uns in jedem Fall, unsere Arbeit sichtbarer zu machen. Schreibt mir auch gerne, wenn ihr einen Vorschlag für eine unserer Folgen habt. Ihr erreicht uns unter krisenmodus.funkemedien.de Und vielleicht denkt ihr noch einmal über die Frage nach, für wen Sicherheit eigentlich Sicherheit bedeutet.
Und was ein Land verliert, wenn seine Menschen zwar wieder bauen, aber nicht frei über ihre Zukunft entscheiden dürfen. Passt auf euch auf. Bis dann. Ciao, ciao. Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan.