NZZ Akzent· Folge 1672

Iran: Wie das Kopftuch langsam aus dem Alltag verschwindet

Donnerstag, 17. September 2026 · 16 min

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Shownotes

Vier Jahre nach dem Tod von Jina Mahsa Amini hat sich das Strassenbild im Iran spürbar verändert. Immer mehr Frauen legen das Kopftuch ab, gehen in Jeans und schulterfreien Oberteilen aus dem Haus. Und auch der schwarze Tschador, der Ganzkörperschleier, ist vielerorts zur Ausnahme geworden.

Zana Rahimi, eine 30-jährige Iranerin, berichtet, wie sich Frauen wie sie die neue Freiheit erkämpft haben, wie das Regime weiter versucht, die Frauen zu kontrollieren, und inwiefern Israel die Situation für die Frauen beeinflusst hat.

Gast: Teseo La Marca, Iran-Kenner
Host: Nadine Landert
Redaktion: David Vogel

Teseos Eindrücke aus Iran findest du auch in seinem Artikel in der NZZ (nzz.ch/international/iran-ohne-hijab-wie-fraue…).

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In Iran löse er Tod die am längsten anhaltenden Massenproteste gegen das islamische Regime seit Jahrzehnten aus. Doch das Regime ging mit extremer Härte gegen demonstrierende Vor. Zehntausende wurden inhaftiert, hunderte getötet. Es war am Ende ein Sieg des Regimes. Teseo. und heute, vier Jahre später?

Ja zumindest wenn es um die islamische Kleiderordnung geht kann man schon sagen dass die Demonstrierenden einen gewissen Sieg davon getragen haben. ich war damals selber im Iran während dieser Frau Leben Freiheit proteste Und ich habe damals miterlebt, welchen Mut es gekostet hat für eine Frau ihren Schleier abzulegen.

Man konnte inhaftiert werden und geschlagen oder tatsächlich auch gedötet werden. Im Vergleich dazu sind jetzt die Straßen im Iran für mich kaum wieder zu erkennen. Ich sehe das auf Videos – in den sozialen Medien aber auch auf Videos, die ich von Freunden und Bekannten bekomme. Da sieht man jetzt in deren und auch in anderen Städten Kaum noch eine Frau mit Kopfduch.

Es fühlt sich für mich fast so an, als würde man durch Istanbul oder durch Aden spazieren und nicht durch Teheran.". Vier Jahre nach den blutigen Protesten haben die iranischen Frauen den öffentlichen Raum fast unbemerkt zurückerobert. Wie ist das gelungen? Und welche Rolle spielt Israel dabei? Das erklärt uns der Freireporter und Iran-Kennner Teseola Marga – ich bin auch in Landet!

Athen oder Istanbul, kannst du das beschreiben? Wie ist es wenn man durch die Straßen in Iran läuft. Ja, man sieht plötzlich ganz anders als früher sehr viel offenes Haar Frauen gehen in schulterfreien Oberteilen und den engen Jeans aus dem Haus Und seit der Gründung der islamischen Republik war der Hijab das Symbol staatlicher Kontrolle.

Jetzt bleiben diese Kopftücher immer häufiger im Kleiderschrank und auch die Txadors, diese schwarzen Ganzkörperschleiern, in denen das Regime immer propagiert hat sind im Straßenbild eher zur Ausnahme geworden. Wissen Sie das möglich? Also was ist da passiert? von dieser Brutalität der Sittenpolizei wie wir eben vor vier Jahren es gehört haben – ist da nichts mehr zu spüren?

Ich finde das eine ganz erstaunliche Entwicklung! Ich habe darüber mit Sana Rahimi gesprochen. Sie ist dreißig Jahre alt, lebt in Yazd im Zentral Iran. Sie arbeitet als Wirtschaftsprüferin in einem Büro. Was sich so spannend fand an dem Gespräch mit ihr, ist dass ich dadurch ganz konkret an ihrem Alltag mitverfolgen konnte wie sich die Situation im Iran schrittweise geändert hat.".

Damit sie nicht erkannt wird, haben wir ihre Stimme verfremdet. Wie erinnert Sie sich denn zurück an die Zeit nach den Protesten vor vier Jahren? Ja als die abgeabt sind, nach einigen Monaten ist die Sittenpolizei aber zurückgekehrt auf die Straßen und Anfangs hatte auch Sana Rahimi Angst. Sie hat sich dann aber gesagt Warum soll mir immer noch jemand vorschreiben, wie ich mich kleiden soll?

Das alles hat ja einfach nicht mehr eingeleuchtet. Und sie selbst hat sich widersetzt. auch bei der Arbeit haben Sie und einige ihrer Kolleginnen den Hijab abgelegt. Der Chef war erstmal dagegen. er hat darauf bestanden dass die Frauen sich Gesetzeskonform kleiden hatte auch Angst, dass Kontrollen durchgeführt werden, dass er Konsequenzen zu spüren bekommt.

Die Frauen haben sich aber dem widersetzt, haben darauf bestanden und am Ende hat der Chef nachgegeben.". Und Sahne und ihre Arbeitskollegin stehen sie für die Frauen in Iran oder ist das jetzt nur eine Bobble? Nein! Das hat sich wirklich gesamtgesellschaftlich durchgezogen damals. Angefangen hat es mehr mit einer Änderung in der iranischen Mentalität.

Da hat sich etwas verschoben während dieser Proteste und das ist ziemlich spannend, weil das eine sind die Proteste auf der Straße. Die haben für Medienberichte gesorgt. aber was damals unsichtbar geblieben ist, ist was sich hinter verschlossenen Düren ereignet hat. Nach dem Tod von Gina Massa Amini haben Frauen begonnen plötzlich auch in den Familien dieses Thema anzusprechen.

Vorher war es noch so, dass viele Frauen das Kopftuch einfach aus Respekt angezogen haben. Aus Respekt vor den konservativen Familienmitgliedern und plötzlich wurde das aber ein gesellschaftliches Streitthema, dass die Frauen auch in den Familien angesprochen haben. Und die meisten Familien haben mit der Zeit nachgegeben.

sie haben Verständnis gezeigt für diese neue Generation an Frauen für die Töchter die einfach selbstbestimmt sich kleiden wollten, die selbstbestimmt leben wollten. Und als dann die Sittenpolizei Anfang im Jahr ist es wieder angefangen hat Frauen zu kontrollieren hatten sie jetzt plötzlich mit einer ganz anderen Gesellschaft zu tun und man hat daran gemerkt dass die Frauen sich immer öfter widersetzt haben und auch die Männer jetzt dazwischen gegangen sind.

das war ganz neu. Aber es ist nur schwer vorstellbar dass das iranische Regime das einfach so gewährend lässt. Ja, man hat dann eben nach effizienteren Methoden gesucht die Frauen wieder unter staatliche Kontrolle zu bringen. Man hat damals mit Hilfe chinesischer Gesichtserkennungstechnologie eine Art islamistischen Überwachungsstaat aufgebaut.

Die Sittenpolizei hat dann keine große Rolle mehr gespielt. Diese Rolle haben die Überwachungskameras übernommen Das heißt konkret Frauen, die ohne Schlei aus dem Haus gegangen sind wurden durch diese Kameras identifiziert. Die Frauen haben dann erst mal zwei Verwarnungen bei SMS auf ihre Händis bekommen und bei der dritten Missachtung der Kleidervorschriften wurden sie vor Gericht geladen.

es gab dann Geldbußen oft wurden Fahrzeuge konfiziert und viele Frauen kamen auch ins Gefängnis. Bekann das auch Sana zu spüren? Ja, auch in ihrem Alltag war die Überwachung allgegenwärtig. Sie hat zwei Verwarmungen bekommen aber Freunde von ihr mussten auch vor Gewicht gehen sich da rechtfertigen Geldbußen zahlen.

Und ganz interessant ist, dass diese Überwachung dann sehr bald eine ganz eigene Form von Widerstand erzeugt hat. Die Menschen haben begonnen sich in den sozialen Netzwerken zu warnen, haben sich gegenseitig informiert. wo sind diese Kameras aufgestellt. Sana hat dann begonnen die Straßen zu meiden. sie hat auch angefangen den öffentlichen Verkehr zu meiten.

Sie hat nur noch Orte und Cafés besucht, wo die Hijabpflicht nicht so streng durch die Eigentümer durchgesetzt wurde. Dadurch, dass die meisten Gastbetriebe, wo Frauen ohne Kopf durchgesichtet wurden geschlossen worden haben dann viele Eigentümer angefangen die Frauen zu ermahnen. Diese Gastbetrieb wurden von vielen Iranerinnen boykottiert auch von Sana.

Dieser Überwachungsstaat, also Kameras überall das ist jetzt zwar keine physische Gewalt aber schon eine radikale Form von Repression. Ja, und das hat auch funktioniert muss man sagen. Die meisten Frauen konnten sich diese Geldbuße nicht leisten. also die meisten Frauen sind dann immer noch mit Hijab aus dem Haus gegangen wie das vom Gesetz vorgeschrieben war.

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Mehr Informationen und Bedingungen unter postfinance.ch. Das war im Juni, da hat Israel den Iran überraschend angegriffen. Das Ziel waren Atomanlagen, Raketenstützpunkte und hochrangige Militärs und da hatte die iranische Führung plötzlich eine ganz andere Priorität. es ging jetzt nicht mehr darum diese Kleidervorschriften durchzusetzen sondern man hat alle Ressourcen gebraucht um sich gegen den äußeren Feind zu verteidigen.

Aber es ging jetzt plötzlich auch darum, die ganze Bevölkerung zu mobilisieren gegen diesen äußeren Feind und da eine gewisse Einheit zu schaffen in der Bevölkerung. Was hat das für Sana bedeutet? Also plötzlich wurden diese Kleidervorschriften vernachlässigt. sie sagt dass zumindest unter dem Gesichtspunkt der Kleiderordnung es plötzlich eine großartige Zeit war sich so zu kleiden wie man wollte.

Also das Regime hatte einfach keine Kapazitäten mehr, sich um die Kleidervorschriften zu kümmern. Genau! Es ging dann aber eben auch darum eine nationale Einheit zu schaffen. Plötzlich hat man sogar in staatlichen Propaganda-Videos leicht bekleidete Frauen gesehen, Aber das Ganze hatte auch noch einen anderen Grund.

Die Financial Times hat im März dieses Jahres von einem israelischen Hackerangriff berichtet, es soll in den letzten Jahren dem israelischem Geheimdienst Mossad gelungen sein in diese iranische Überwachungskameras einzudringen. Das heißt gerade diejenigen Überwachungskameras mit denen das Regime die eigene Bevölkerung kontrolliert.

Die waren jetzt infiltriert. und so soll es dem Moss hat gelungen sein, die Bewegungsmuster Militär aus hochrangiger Regiemitglieder mitzuverfolgen. Und Ende soll es so sogar gelungen werden, Iran's Staatschef Ali Khamenei zu töten Anfang dieses Jahres.". Also das heißt, das Regime hat dann die Überwachungskameras ausgeschaltet?

Was für die Frauen mehr Freiheit bedeutet? Genau. Also konkret hat das bedeutet, dass Iranerinnen seit dem Beginn des Zwölftagekriegs plötzlich keine Verwarnungen auf ihre Hände mehr bekommen haben? Das hat sich rumgesprochen, dass man plötzlich keine Vorwarnung mehr bekommen hat. Man konnte also den Hijab im Kleiderschrank lassen und die Sittenbächter konnten absolut nichts mehr dagegen tun.

Und das hält bis heute an, weil der Krieg im Norden Osten in Iran, der dauert ja auch an. Ja tatsächlich hat sich diese Entwicklung dann im jüngsten Krieg gegen die USA ab dem achtundzwanzigsten Februar mit diesen immer wiederkehrenden Gefechten, mit der Seeblockade von Hormuz. Die Entwicklung bei der Kleiderordnung hat sich damit noch beschleunigt.

Das Regime hat schlicht eine andere Priorität als die Kleidervorschriften durchzusetzen. Und glaubst du, dass diese Form von Freiheit für die Frau nachhaltig ist? Also kann das wirklich eine echte Form einer Liberalisierung sein? Nein. Von einer Liberalisierung kann eben leider keine Rede sein. Das Ganze ist nur eine sehr fragile Freiheit.

Die religiösen Hardliner befinden sich tatsächlich schon in einer Gegenoffensive. Seit Ende Juli sind wieder Dutzende Cafés und Restaurants geschlossen worden. Diese Freiheiten Vorübergehend sind gesetzlich nicht festgeschrieben und wenn man jetzt beobachtet, dass in der jüngsten Feuerpause wieder Cafés und Restaurants geschlossen werden wo Frauen ohne Kopfstuch gesichtet werden dann ist da die Logik dahinter.

Das hat ein iranischer Parlamentarier neulich erklärt. Man sieht Israel und die USA nicht als den Hauptfeind. Man sieht sich nicht existenziell gefährdet, aber durch diesen Verfall der religiösen Kultur sieht man sich als islamische Republik tatsächlich gefährdet. Viele Beobachter sehen deswegen eine neue Welle von Repressionen durch die religiösen Hardline also unvermeidlich.

Und wie sieht das Sana? Sieht sie diese Freiheit, diese Gewonnenheit auch so fragil? Ja, Sana hat da auch nicht sehr viel Zuversicht. Sie geht davon aus dass die religiösen Hardliner wieder versuchen werden sie zu verfolgen. aber sie sagt auch das die Gesellschaft sich inzwischen unwiderruflich verändert hat.

Sie wusste vorher schlicht nicht, wie gut es sich anfühlt. Sich so zu kleiden, wie sie will. Jetzt hat sie diese Freiheit kennengelernt und sie sagt, sie ist nicht bereit die Freiheit wieder aufzugeben. Sie geht davon aus dass Iraner dafür kämpfen werden, diese Freiheit zu erhalten. Manche werden Geldbußen zahlen andere werden fliehen aber dass sie eben diese aufgezwungenen Bücher nie wieder anziehen werden.

Wir würden das Land füllen. Aber wir wollen, dass die Dressen nicht mehr funktionieren. viele iraner und sich schlicht schwer ihre Familien zu ernähren. Und gleichzeitig ist die Repression auf anderen Gebieten sogar noch stärker und umfassender geworden als vorher, weil mittlerweile genügt ein falscher Post auf Instagram oder auf anderen sozialen Medien das man inhaftiert wird.

Also diese Freiheit ist wirklich nur bei den Kleidervorschriften zu spüren. Teseo vielen Dank! Danke dir Nadine. Das war unser Akzent mit Iran-Känner Tiseola Marka. Ich bin auch in Landet, bis bald!

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