
NZZ Akzent· Folge 1675
Russlands «Mutter Teresa» kritisiert den Krieg - und soll ins Gefängnis
Freitag, 18. September 2026 · 17 min
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
Lida Moniawa gründete in Moskau das «Haus mit dem Leuchtturm», ein Kinderhospiz für schwerstkranke und todkranke Kinder. In Russland werden Menschen mit Behinderungen oft an den Rand gedrängt und unsichtbar gemacht. Lida aber kämpft für die Würde aller. Doch weil sie sich klar gegen den Krieg in der Ukraine aussprach, geriet die Aktivistin ins Visier der Justiz. Nun droht ihr eine jahrelange Haftstrafe und sie steht unter Hausarrest. NZZ-Redaktorin Inna Hartwich ordnet ein, was dieser Fall über das heutige Russland verrät.
Gast: Inna, Hartwich, NZZ-Redaktorin
Host: Simon Schaffer
Innas Artikel über Lida Moniawa findest du in der NZZ (nzz.ch/international/wegen-kritik-am-krieg-rus…).
Exklusiv für dich als Podcast-Fan: 7 Tage NZZ-Digitalabo geschenkt. Unverbindlich testen. (probeabo.nzz.ch/podcast?utm_source=shownotes&a…)
Übrigens: Alle NZZ-Podcast und Artikel kannst du jetzt auch unterwegs im Auto hören – mit Apple CarPlay oder Android Auto. Wie's funktioniert, erfährst du hier (go.nzz.ch/carplay).
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Dieser Podcast wird präsentiert von PostFinance, ihrer Schweizer Partnerin für moderne Zahlungslösungen und einfaches Einkassieren im Geschäftsalltag. Sie trägt schwarze, lange Kleidung und überraschend leuchtende rote Crocs. Die junge Frau lächelt und werkt einigermaßen unglaublich wie sie da auf ihre Unterstützerinnen und Unterstützer zuläuft.
Sie winkt den Leuten zu die draußen gewartet haben, deren Namen rufen. sie geht zu einigen gibt ein paar Leute in die Hand und andere umarmen sie Und das kann man auch gut nachvollziehen. Sie haben zehn Jahre Haft gedroht und erst mal eine U-Haft, das ist etwas ganz Grausiges in Russland – und dem ist sie entkommen!
Stattdessen ist entschieden worden, dass sie für die nächsten zwei Monate die sozialen Netzwerke nicht nutzen darf. Die nutzte sie sehr gerne und sehr häufig um ihre Gedanken loszuwerden. Sie darf Ihre Wohnung von acht Uhr abends bis acht Uhr morgens nicht verlassen Und sie darf auch keine Leute sehen, die in dem Prozesseiszeugen vorgeladen werden.
Also ist sie eine politische Aktivistin? Eigentlich ist sie eine Wohltäterin, die Frau ist eine Art Nonne fast schon kann man sagen. Aber in Russland vor allem dieser Tage ist das was sie tut sich nämlich um Kranke und Schwerstbehindete und wirklich todkranke Kinder zu kümmern eigentlich politischer Aktivismus.
Seit ihrer Jugend kümmert sich Lidia Monjava um die Schwächsten in der russischen Gesellschaft. Warum das Regime sogar Menschen wie sie ins Visier nimmt, erzählt die NZZ-Redaktorin Ina Hartwig. Ich bin Simon Schaffner. Ina Liedermoniaba kümmert sich um Kinder und zu ihrer Freilassung erschienen dann auch so viele Leute.
Auf dem Video konnte man auch sehen, wie Sie Ihre Kinder zum Teil in den Rollstühlen usw. mitgebracht haben und eben die Angehörigen waren da. Warum genau wird sie da so verehrt? Bis zu diesem Gerichtsprozess war sie auch die Leiterin des sogenannten Hauses mit dem Leuchtturm. Das ist ein Kinderhospiz in Moskau, das Erste und das Bekannteste und letztlich auch eines bis heute wenigsten solcher Häuser und eine sehr besondere Einrichtung.
Dort kommen todkranke Kinder hin, dort kommen Kinder mit schwersten Erkrankungen hin. Es wird ihnen geholfen also sowohl medizinisch natürlich aber auch emotional. Da werden Geburtstage gefeiert Auch für Kinder die längst verstorben sind. das ist einfach ein Raum wo Lieder und ihre Mitarbeiterinnen den Kindern praktisch Leben schenken und zeigen ihr Seit genau so wert zu leben wie alle anderen auch.
Das ist ja an sich schon etwas Besonderes, etwas Starkes. aber warum ist es in Russland so etwas besonderes? Hast du gesagt? In Russland ist das etwas Besonders weil kranke und behinderte Menschen unsichtbar gemacht werden. sie werden an die Ränder der Städte abgeschoben kann man sagen. Die ganzen Einrichtungen sind nicht im Zentrum der Stadt.
Es wird Frauen oder Familien schon in den Geburtskliniken gesagt, wenn sie ein behindertes Kind zur Welt gebracht haben, dass man das doch lieber abgeben soll. Man will sich dessen entledigen weil solche Menschen nicht ins Bild eines normalen Leistungsstarken ja Bürgers passen.". Und das ist keine neue Entwicklung?
Oder ist es neu? Nein, das ist keine neue Entwicklung. Das besteht seit Sowjetzeiten. Es war auch ein Tabu früher darüber zu sprechen, dass man sozusagen nicht so ganz in die Gesellschaft passt. Das konnte eine Krankheit sein, das konnte eine Sucht sein und das konnte ein Verbrechen sein. Und all das schob man sozusagen weg und sprach nicht darüber.
Man sieht bis heute in der russischen Gesellschaft kaum Menschen ... in Rollstühlen kaum schwerstbehinderte Kinder, in größeren Städten vielleicht noch etwas mehr als ein kleineren. In Russland ist das eben nicht sehr normal. Und wo werden die dann abgeschoben? an den Rand? Aber was passiert denn mit denen?
Die kommen in spezielle Einrichtungen. Es gibt eigentlich drei Das Haus des Kindes, dass es für wirklich sehr kleine bis drei. Dann kommen die in Internate Und wenn sie achtzehn werden oder vielleicht schon ein bisschen früher kommt auf die Krankheit an, werden sie in so genannte psychoneurologische Internate abgeschoben.
Die werden abgekürzt als Pni und dieses Pni steht eigentlich für die Hölle. Da werden die Leute aufbewahrt. Sie sind am Rand. das kann kaum einer zu ihnen hin. Freiwilligen Gruppen haben es schwer zu Ihnen hinzukommen und mit Ihnen zu spielen etwas an Obst und Gemüse vorbeizubringen. Und das sind Menschen, die wirklich von der Gesellschaft aufgegeben sind?
eben Liedermann Jawa tut also etwas sehr Ungewöhnliches. Kennst du ihre Motivation? oder was ist Ihre Überzeugung, die dahinter steht? Ihre Überzeugung ist in erster Linie eine Christliche. Sie sagt jeder Mensch kann und muss letztlich in Würde leben. Jeder Mensch, auch wenn er morgen sterben sollte und es klar ist dass der stirbt muss man dieses Leben für den Menschen so gestalten wie er das möchte.
Und mit ihm Freude und Trauer und alles was man im Leben so erlebt auch erleben dürfen. Und vor allem müssen die Menschen sichtbar werden. Das wird letztlich auch angenommen. von allen Familien mit solchen schwer kranken Kindern im Haus mit dem Leuchtturm Arbeiten etwa vierhundertfünfzig Leute, das sind Ärzte.
Das sind Betreuer, da sind Nennys und fünfhunderte Ehrenamtliche die kommen um zu spielen, um zu helfen Und vor allem auch den Familien, den Angehörigen zu helfen weil es unfassbar anstrengend ist in Russland ein krankes Kind zu erziehen. Es braucht finanzielle Mittel emotionale Mittel letztlich, weil das ein schwerer Kampf ist für teure Medikamente aufzukommen und dafür zu kämpfen dass man diese Medikamente bekommt, Rollstühle bekommt usw.
Also Liedermonia wird sehr geschätzt aber sie wird auch von vielen Leuten durchaus stark kritisiert. Warum? Sie hat... ... einen Jungen bei sich aufgenommen, einen zwölfjährigen... ... der schwer krank war und hatte seine Pflegschaft übernommen. Und aus ihrer Überzeugung heraus ihm ein schönes Leben zu bereiten ging sie tatsächlich auch mit ihm... raus in die Stadt, spazierte gegen den Cafés, ging zum Quaffeur.
Kauft dem schöne Klamotten, reiste mit ihm herum. und das stieß selbst bei liberalen Menschen auf Kritik weil sie gesagt haben Sie benutze diesen Jungen um sich darzustellen. Und so wie man Lieder auch kennt und erlebt ist sie eine sehr selbstlose Person. Man merkt ihr auch an, hier ist das enorm wichtig.
Nicht für sich sondern tatsächlich für diese Kinder. Es gibt ja einen Dokumentarfilm drüber der ist von im Jahr zwanzig. Lida wird da begleitet und man ist dabei in einem Zimmer in der Wohnung wo der Junge Kolya eben liegt in einem Krankenbett. Der kann sich sozusagen nicht bewegen wohl auch nicht sprechen schlecht atmen Und Lida wird da befragt, während sie zu dem Jungen schaut gleichzeitig und infligte ihm.
Zum Beispiel Theo aufträgt. Also Sie wird nach der Diagnose von Collier gefragt und sie sagt eigentlich bringt das überhaupt nichts über Diagnosen zu sprechen? Da hat so viele... Und man hat dann später herausgefunden, er hatte eine Zerebralparise. Er kann nicht laufen und sprechen, er kann nicht alleine essen.
Er leidet an Epilepsie. Er hat einfach so viele Krankheiten ... dass es plötzlich auch gar nicht darauf ankommt.". Später in der Dokumentation gehen Sie mit dem Rollstuhl raus, spazieren und sie erklärt der Journalistin warum sie das alles tut. Da wird sie gefragt, warum sie das alles macht. Warum sie ihm hat ein Ohrloch stechen lassen?
Warum sie mit ihm reißt und so weiter? Warum Sie ihm schöne Kleider kauft?". Und dann sagt sie naja er würde ja nicht einfach so sterben wenn sie das jetzt nicht machen würde. aber sie macht sein Leben bunter sonst würde er einfach wie in einem sie nennt es Konzentrationslage herum liegen und sich total aufgeben.
Er lebte ja auch sensorische Momente, er sieht was. Er spürt den Wind auf seiner Haut, er hört verschiedene Klänge... ...er wird umgezogen und da kümmert sich jemanden um ihn. Und Lidermann Jawa ist überzeugt davon dass es sein Leben bereichert. Allerdings Holja ist zwei Jahre später gestorben sagen oder sagten seine Ärzte das ein Zustand sich durchaus verbessert hat.
Dass er auf gewisse Dinge reagiert hat auch tatsächlich gelächelt hatte. Wir sind gleich zurück! Mehr Informationen und Bedingungen unter postfinance.ch. slash terminal. Dieter Moniava ist eine starke Persönlichkeit, sie macht ihr Ding. Sie lässt sich auch nicht einschüchtern wie es scheint. Wann wird das dann alles politisch direkt Anfang des Krieges oder wann?
Also richtig politisch Es ist tatsächlich direkt mit dem Überfall auf die Ukraine geworden. Sie hat sich klar positioniert und hat diesen Krieg kritisiert Hat gesagt wir helfen den Kindern mit unserer Arbeit in unserem Kinderhospiz, damit sie leben und unser Land tötet in einem fremden Land andere Kinder.
Und am Jahrestag des Krieges, also im Februar XXIII dann schon hat sie bei sich im Facebook die Frage gestellt wie viele unschuldige Menschen sind in diesem Jahr durch die Schuld meines Landes ums Leben gekommen? Ja! Und dieser Satz wird ihr vorgeworfen. und deshalb landete sie vor Gericht, weil sie in den Augen des russischen Staates fakes verbreitet gegen die russische Armee mit diesem Satz.
Das ist ein Straftatbestand und kann bis zu zehn Jahre das Lebenskosten. Sie hatte bereits Anfang dieses Jahres schon mal eine Geldbuße bekommen wegen Diskreditierung der Russischen Armee – es auch ein Straftatbestandteil. Dafür gab es aber Ordnungsstrafe, die hat sie bezahlt und weitergemacht. Sie hat ihren Sticker, nein zum Krieg der an der Tür ihres Büros im Hospiz hängt nicht abgemacht Was dann auch schon wahrscheinlich eine Strafe wert wäre oder?
Ja! Sie hat weiter darum gekämpft spenden aus dem Inland und auf irgendwelchen Wegen auch aus dem Ausland zu bekommen was sehr schwierig ist. Man kann zum einen nicht so gut Geld überweisen nach Russland, weil das SWIFT-System abgescheidet ist und zum anderen setzt man sich dem Vorwurf aus als ausländischer Agent gebrannt mag zu werden.
Weil eben finanzielle Mittel aus dem Ausland kommen.". Und dass alles führt dann dazu, dass sie Anfang September festgenommen wird, dass diese Verhandlung stattfindet? Also es war dann offenbar genug für den Staat. Offenbar war es, dass ihre Wohnung wurde an einem frühen Morgen durchsucht. Man nahm sie mit, man brachte sie in eine Haftzelle am Tag später zum Gericht und dann kam sie eben doch raus ohne in Hochhaft gekommen zu sein.
allerdings weiß sie natürlich was das Risiko ist weil sie ja nicht selber Schreiben kann in den sozialen Netzwerken, ihre Freunde haben ihre Worte weitergegeben und sie sagte natürlich hat sie Angst vor dem Gefängnis. Sie hat das jetzt schon erlebt in Handschellen nackt irgendwelche Sit-Ups vor irgendwelchen Gefängnisswärterinnen zu machen kaum zu essen zu bekommen vollkommen erniedrigt zu werden und ein Gefängnis.
vor allem mehrere Jahre Strafkolonie in Russland ist eine Zeit, die die Menschen auch brechen soll. Ja dieses Urteil ist jetzt eben nur kurz. das geht jetzt nicht so lange. wie könnte es weitergehen? Die Verbote die jetzt geltend gelten für zwei Monate zunächst einmal. das heißt aber dass in zwei Monaten sie wieder vor Gericht erscheinen könnte Und viele ihre Freunde sehen das als Signal an sie und sagen, sie solle doch das Land verlassen.
Und Liedermanjava bleibt aber sie selbst. Sie sagt die moralische Verantwortung, die sie für den Krieg in der Ukraine auch selber für sich empfindet wird im Ausland nicht los. In Russland kann sie aber den Menschen, für die sie all die Jahre da war helfen Und deshalb hat sie vor, in Russland zu bleiben.
Zum Schluss jetzt noch... Du hast ja selber bis vor kurzem und lange Jahre in Russ land gelebt in Moskau Was sagt das über einen Ort ein Regime ausfallen wenn solche Menschen verfolgt werden die ja sehr vieles auch tun? Das sagt vor allem eines aus dass Russland ein Willkürstaat ist und dass es wirklich jeden treffen kann.
In diesem Land ist letztlich niemand sicher. Danke, hast du eure Geschichte erzählt? Sehr gern! Das hat der Akzent mit der Redaktorin Ina Hartwig. Mein Name ist Simon Schaffel. Bis zum nächsten Mal.