
NZZ Akzent· Folge 1669
Kriegsangst in Estland: Wie lebt es sich mit Russland als Nachbar?
Montag, 14. September 2026 · 15 min
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Shownotes
Nicht erst seit der Vollinvasion Russlands in der Ukraine sind die Menschen in Estland wachsam: Der grosse Nachbar hat im kollektiven Gedächtnis des baltischen Landes tiefe Spuren hinterlassen. Wie lebt es sich damit und der Angst vor einem Überfall durch Russland? NZZ-Korrespondentin Linda Koponen hat Menschen getroffen, die schon längst darüber nachdenken, wohin sie ziehen könnten, bevor Russland angreift. Einer ist Eugene, ein Südafrikaner, der 2020 der Arbeit wegen nach Estland zog - und sich in das Land verliebte, weil es so viel sicherer war als seine Heimatland. Doch dieses Sicherheitsgefühl ist jetzt weg: "Wir werden wegziehen müssen, denn ich möchte nicht in einem kleinen Schutzraum sitzen und hoffen, dass alles gut wird."
Auch Agne blickt mit Sorge auf den grossen Nachbar. Aber nicht nur wegen der aktuellen Lage, sondern weil sie aus der Geschichte Estlands immer auch sehr skeptisch auf die einstige Besatzungsmacht blickte. Dazu kommen handfeste ökonomische Sorgen, die viele Menschen in Estland umtreiben: "Die Menschen sind wütend, weil das Leben trotz immer höheren Steuern nicht besser wird."
Gast: Linda Koponen; NZZ-Korrespondentin
Host: Dominik Schottner
Redaktion und Produktion: Alice Grosjean, Sarah Ziegler
Lindas Porträts von Agne und Eugene könnt ihr hier (nzz.ch/international/estland-wie-lebt-man-wenn…) nachlesen.
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Linda wer isst dieser Mann der da so pessimistisch würde ich es mal nennen über seinen Wohnort Tallinn also die Hauptstadt Estlands spricht? Und warum ist er so pessimistic? Der Mann, den wir hier gehört haben ist Eugene Bredenkamp. Er wohnt seit Jahrzehnte in Tallinn, also seit sechs Jahren. Er hat da am Stadtrand ein kleines Haus gekauft für sich und seine Frau und seinen Sohn und die zwei Hunde und fünf grossen Katzen.
Ich habe ihn über Facebook gefunden, über seine Exped-Gruppe. Da habe ich eine Anfrage gestellt nach Leuten, die sich überlegen ... aus Estland weg zu ziehen. Und da hat sich eben Eugene bei mir gemeldet, er war da gerade in Portugal wo er mit seiner Frau Häuser und Wohnungen angeschaut hat denn ihm bereitet das was an der Ostgrenze passiert große Sorgen.
Er hat Angst vor Russland und wie das weitergehen wird mit diesem Krieg in Europa. Und ja, deshalb überlegt er sich jetzt aus Estland wegzuziehen. In Estland leben gut eins Komma drei Millionen Menschen im Nachbarland Russland, leben mehr als hundertmal so viele und vor allem bedroht dieses Riesen-Land die Sicherheit im Baltikum in Estland.
Wie lebt es sich unter diesen Vorzeichen? Darüber spreche ich mit unserer Korrespondentin in Tallinn mit Linda Kupponen. Ich bin Dominic Schottner Linda, wie ist dieser Eugene denn eigentlich in Estland gelandet? Das war eigentlich wirklich reiner Zufall. Eugene wollte weg aus einem Heimatland Südafrika ... Und er hat sich dann beworben auf Jobs eigentlich in Holland.
Da hatte es sich aber nicht ergeben und als er eine Nachricht bekam, aus Estland musste er zuerst mal googeln was das überhaupt für ein Ort ist. Der meinte zuerst dass Estland ein Stadt ist. Und dann hat er aber rausgewunden, dass Est land eben dieses kleine Land in Nordost Europa ist. Ja, und so ist er dann hierhergekommen.
Estland hat wirklich viel getan in den letzten Jahren dafür Ex-Pets wie eben Eugene anzulocken. Für ihn war klar dass er weg will aus Südafrika weil er vor allem sein Kind nicht dort großziehen wollte Und für ihm war das eigentlich ein Glückstreffer. Okay, also er zieht Anfang von Jahrzehnten dann nach Estland.
Was gefällt ihm denn an dem Land? Dass er bis dahin ja noch gar nicht kannte. Das war noch witzig weil er hat gesagt dass das am Anfang schon ein ziemlicher Kulturschock war. Die Ästen führen eigentlich keinen Smalltalk. im Winter ist es sehr dunkel und kalt. Das war für ihn natürlich am Anfang schon eine große Ungewöhnung.
Aber eben er findet Estland super, weil es ist so sicher hier ... Er hat da auch eine Anekdote erzählt von Mädchen, die ihm in einem Bus beobachtet hat im Abend. Die waren alleine unterwegs und sind in einen Einkaufszentrum gefahren. Total verwunderlich, weil so etwas sagte er Gebes in Südafrika gar nicht.
Jetzt ist aber genau diese Sicherheit ja gerade wieder in Gefahr und auch Eugene sieht es so. was hat ihn denn da zum Umdenken gebracht dass er die Situation jetzt so anders bewertet? Genau, also er sagt natürlich die Sicherheit in Estland ist immer noch sehr hoch. Aber worüber er sich Sorgen macht, ist Russlands Überfall auf die Ukraine.
Er sagt dass er das eigentlich am Anfang ziemlich gelassen gesehen hat weil Estland gehört ja zur NATO und er dachte dann Ja da müsse man sich nicht so große Sorgen machen, dass Russland ein NATO-Land überfallen könnte. Dann wurde aber, wie wir alle wissen Donald Trump wieder zum Präsidenten der USA gewählt und er hat ja schon mehrfach angekündigt das er die NATO verlassen möchte.
Und es weiß niemand so genau ob die USA wirklich im Zweifel dann auch zb Estland beistehen würden wenn es zu einem Angriff käme. Hat Eugene denn da irgendwelche Konsequenzen daraus gezogen? Ja, er ist eigentlich wirklich sehr gut auf den Ernstfall vorbereitet. Muss man sagen das ist ja auch etwas was die Behörden hier allen empfehlen.
also er hat zum Beispiel einen Schutzraum in seinem Haus. Er hat mir erzählt dass er dort zwei aufgeladene Power Banks hat und essen Und trinken für ein paar Tage Für sich und seine Familie und die ganzen Tiere Die sie haben. er hat auch mögliche Fluchtrouten Studiert, ähm, Estland befindet sich ja in einer sehr exponierten Lage eingeklemmt zwischen der Ostsee und Russland.
Im Zweifelsfall wäre es also nicht so einfach aus Estland zu flüchten. Der Weg in den Süden wäre wahrscheinlich völlig überlaufen. Und dann sagt er Gebes nur die Möglichkeit mit einer Fähre nach Finnland Also in den Norden zu fahren. Aber die wäre wahrscheinlich auch überfüllt. Und deshalb ist er jetzt zum Schluss gekommen, dass er handeln muss bevor etwas passiert.
Er sucht bereits Häuser in Portugal und sagt weiter weg von Russland kann man ja gar nicht gehen in Europa. Linda du bist ja selber auch wenn man so will expat in dem Land? In deinem Freundeskreis Bekanntenkreis gibt es da andere Menschen die so ähnlich gut vorbereitet sind wie Eugene? oder ist eher ein Einzelfall aus deiner Wahrnehmung?
Ich glaube, er ist schon sehr gut vorbereitet. Aber auch andere machen sich diese Gedanken. Als ich angefangen habe, diese Geschichte zu recherchieren, habe ich auf Facebook in der Exped-Gruppe eine Anfrage gestellt und nach Leuten gesucht die sich überlegen aus Estland wegzugehen. Und das war sehr interessant weil da kamen sehr heftige Reaktionen von den Ästinnen Die in dieser Gruppe sind, die fanden das gar nicht lustig, dass jemand zu diesem Thema recherchiert und haben mir da wirklich so warmongering also das Schüren von Kriegsängsten vorgeworfen.
Andererseits hatte ich aber auch die inbox voll mit Nachrichten von Ex-Pets, die sich eben genau diese Gedanken machen.". Wir sind gleich zurück! Mit der Zahlungslösung von PostFinance kassieren Sie einfach, sicher und passend zu Ihrem Geschäftsalltag. Vom Setup bis zum täglichen Einsatz begleiten wir sie Schritt für Schritt.
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Wen hast du da getroffen? Ja, die Frau, die wir hier gehört haben, das ist Agnetalu. Sie ist neunundvierzig Jahre alt und Schneiderin. Ich kenne sie aus diesem alten Fabrik Gelände, wo auch ich mein Büro habe. Dort haben wir uns kennengelernt und sie hat mir eigentlich immer wieder erzählt dass sie weg möchte aus Estland.
Und warum? Ja, also für sie ist eigentlich das größte Problem im Moment wirklich finanzieller Natur. Sie ist sehr knapp dran mit ihrem Geld. Esland hat eine hohe Inflation. Es wird im Moment fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts in die Verteidigung investiert. Das bedeutet dass zum Beispiel eine Mehrwertsteuer auf Lebensmittel, die liegt im Moment bei vierundzwanzig Prozent und das macht den Leuten hier schon zu schaffen Normal verdienen den Menschen wie Agne.
Sie hat mir erzählt, dass sie nicht mehr ins Fitnesscenter gehen kann. Die Wohnung teilt sich mit ihrem erwachsenen Sohn... Damit sie die Miete aufteilen können für die minderjährige Tochter, kriegt sie noch etwas Unterhalt vom Ex-Mann. Aber es ist schon eigentlich jeden Monat so ein Nullsummenspiel.
Ist Sie da repräsentativ für die estnische Bevölkerung? Also ist das für alle so spürbar teurer geworden oder sieht er eher eine Ausnahme? Ja, ich würde sagen sie ist eigentlich ein ziemlich typisches Beispiel. Also eben Estland hat ja einen hohen Aufschwung erlebt nachdem es unabhängig wurde. die Leute haben sich eigentlich wie Agne auch gesagt daran gewöhnt zu konsumieren.
Es ging ihnen lange ziemlich gut und dieser Aufschmung fand dann ein Ende als eben Russland die Ukraine im Februar zwanzig zweiundzwanzig angegriffen hat Weil Estland als kleines Land natürlich dann indirekt auch von den Sanktionen gegen Russland betroffen war, die man sehr strikt hier im Baltikum umgesetzt hat.
Das hat dazu geführt dass eben zum Beispiel Strom und Benzin sehr sehr teuer geworden sind. Die Inflation die lag zeitweise bei zwanzig Prozent. das trifft natürlich die normalverdienenden Leute sehr stark, weil ein Viertel der Menschen in Estland ist armutsgefährdet. Jetzt müssen wir noch einmal ganz kurz auch auf das Verhältnis von Estland aber auch den anderen baltischen Staaten zu Russland zu sprechen kommen.
Weil es ist ja historisch gewachsen einen sehr ich sage mal kompliziertes. man war früher mal Teil des selben Landes aber dass auch sehr widerwillig. welche Rolle spielt das? In dieser aktuellen Situation da Russland sozusagen so drohend über diesen Ländern schwebt. Diese Geschichte ist hier wirklich sehr, sehr präsent weil eben Estland ist ein kleines Land.
Jede Familie kennt jemanden der während der Sowjetzeit deportiert wurde. Eben viele dieser Menschen die kehrten nie mehr zurück. an ihre Stelle wurden Russinnen und Russen aus anderen Teilen der sowjetunion angesiedelt, also dieses Bedrohungsbild von Russland dass es wirklich auch historisch sehr stark gewachsen ist.
Also Agne sagt, dass sogar die Sirenn die gleichen sind wie früher und das natürlich bei ihr emotional einiges auslöst. Gibt es Zahlen darüber Linda? Wie viele Menschen Egal, ob jetzt Ex-Pets oder Estinnen und Ästen das Land überhaupt verlassen wollen. Weiß man das? Die absoluten Zahlen an sich die sind relativ klein weil eben auch Estland ein kleines land ist.
aber um das vielleicht zu verdeutlichen... Estland hat seit zwanzig fünfzehn immer einen positiven Wanderungssaldo Verzeichnet. in den letzten Jahren war er sogar noch höher als sonst, weil viele Ukrainerinnen und Ukraine nach Estland geflogen sind. Und jetzt erstmals im letzten Jahr war die Zahl negativ.
also es sind mehr Menschen aus Estland ausgewandert als zugezogen sind. Alles eine Frage der Perspektive natürlich! Also wie man so ne Bedrohungslage dann wahrnimmt? Wie liebst du sie denn eigentlich wahr? Ja... Es ist natürlich schon etwas, worüber ich mir auch Gedanken gemacht habe. Vor allem weil ich mich ja tagtäglich eigentlich mit diesem Thema beschäftige... Ja!
Ich würde sagen für mich ist es so wie für sehr viele Menschen in Estland. Ich hab nicht irgendwie akute Angst wie vielleicht Eugene aber ich glaube man muss sich auf den schlimmsten Fall irgendwie vorbereiten. also ich glaube, man kann sich nicht Darauf vorbereiten wirklich konkret, aber man muss sich wenigstens ein bisschen Gedanken dazu machen.
Vor allem auch mit diesen Hybridangriffen die ja in den letzten Jahren immer weiter zugenommen haben und vermutlich auch weiter zunehmen werden. Sagt Baltikum-Korrespondentin Linda Kupponen vielen Dank dir! Vielen Dank Dominik Und wenn ihr noch mehr wissen wollt wie Linda mit dieser latenten Kriegsgefahr auch in ihrem Alltag umgeht Dann empfehle ich euch die entsprechende Samstagsfolge des Akzents, die verlinke ich euch natürlich in der Folgenbeschreibung.
Ich bin Dominik Schottner und vielen Dank fürs Zuhören!