NZZ Akzent· Folge 1666

Helden statt Opfer: So berichtet China über die Flutkatastrophe im Himalaja

Mittwoch, 9. September 2026 · 15 min

MP3

Shownotes

Wer in diesen Tagen chinesisches Staatsfernsehen schaut, der erlebt wahre Helden. Menschen, die sich durch den chinesischen Teil des Katastrophengebiets kämpfen, um nach Opfern der Sturzflut zu suchen. In der Reportage des Senders CCTV sieht man, wie Rettungskräfte sich den Weg in ein abgeschnittenes Dorf erkämpfen. In orangen Leuchtanzügen klettern sie durch Geröll, erkunden die Gegend mit Drohnen und seilen sich sogar von Steilwänden ab.

Die Verwüstung und die Rettungsarbeiten sind gut dokumentiert – nur nach betroffenen Menschen sucht man vergeblich: In der Berichterstattung kämen weder Opfer noch Angehörige vor: «Diese Stimmen sind quasi unsichtbar», sagt Ausland-Redaktorin Katrin Büchenbacher im Podcast. Die Kommunistische Partei wolle unbedingt verhindern, dass die Frage nach einer Mitverantwortung der Regierung gestellt werde.

Host: Alice Grosjean
Gast: Katrin Büchenbacher, Ausland-Redaktorin
Redaktion: David Vogel
Bild: Jiang Fan / Imago

Die beschriebenen Videos aus chinesischen Medien:

• Die Reportage von CCTV (bilibili.com/video/BV1fytW6qEnN/?spm_id_from=3…)

• Die Überquerungsaktion Szene am Fluss (weibo.com/tv/show/1034:5336916493795424?from=o…)

Katrins Analyse in Textform könnt ihr bei der NZZ nachlesen (nzz.ch/international/positive-energie-statt-br…).

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Dieser Podcast wird präsentiert von Kontekireisen, dem Spezialisten für Ihr Reiseerlebnis im Norden. Lassen Sie sich für Ihren nordischen Sommertraum inspirieren. auf konteki.ch. NZZ-Aktzent. Wer in diesen Tagen chinesische Staatsfernsehen schaut der erlebt wahre Helden. Helden die sich durch den chinesischen Teil des Katastrophengebiets kämpfen um nach Opfern der Sturzflug zu suchen.

In einer Reportage des Senders CCTV sieht man zum Beispiel, wie sich eine Sondereinheit der Rettungskräfte den Weg in ein abgeschnittenes Dorf erkämpft. In Orangenleuchtanzügen klettern sie durch Göröll, erkunden die Gegend mit Drohnen und seilen sich sogar von Steilwänden ab. In einem anderen Bericht sieht man, wie die Retter einen Seil über einen Fluss spannen, sich so daran festhaken um durch die reißenden Fluten auf die andere Seite zu gelangen.

Einer geht dabei fast unter, es sieht auf jeden Fall sehr spektakulär aus. Katrin wenn man sich diese Videos anschaut dann hat man schon den Eindruck die chinesischen Retter riskieren alles um vor Ort helfen zu können. Ja, das ist auch der Fokus dieser Reportagen und es stimmt natürlich auch. Also die Feuerwehrleute, die Rettungskräfte, die Sanitäter und so vor Ort, die leisten wirklich krasse Arbeit gerade in den ersten Tagen nach der Katastrophe.

Und wenn man jetzt die Staatsmedien anschaut im Kino dann sieht man ja vor allem jetzt Erfolgsmeldungen nach dieser Katastrophen. also Man sieht zum Beispiel eine Woche nach der katastrophe war Die Straße wieder befahrbar Da konnten wieder Backer dahin fahren und die neuste Meldung war jetzt, dass das Strom nicht wieder hergestellt wurde.

Ja aber eine Sache fällt auf und vor allem auch wenn man die Berichterstattung aus Nepal kennt und zwar ja dass die Betroffenen vor Ort also die Bevölkerung kommt kaum vor in diesen Berichten und Reportagen. Also weder Opfer oder Angehörige. diese Stimmen sind quasi völlig unsichtbar. Trägt die chinesische Regierung eine Mitverantwortung für die Flutkatastrophe im Himalaya?

Die kommunistische Partei will unbedingt verhindern, dass diese Frage gestellt wird. Wie sie dafür die Berichterstattung beeinflusst, das erklärt meine Kollegin Katrin Büchenbacher aus der Auslandredaktion. Ich bin Alice Grosjean. Katrin aus Nepal haben wir gleich nach der Sturmflut vor zwei Wochen viel Leid gesehen.

Es gab Bilder der Verwüstung, Berichte über Massenbestattungen. Man sah und hörte auch die Stimmen verzweifelter Angehöriger. Was davon hat denn die chinesische Öffentlichkeit auch gesehen oder was auch nicht? Ja schon einiges. also ist mir auch wichtig zu sagen China hat jetzt hier nicht komplett diese Katastrophe zensiert.

Man sieht in diesen Berichten auch sehr viel Zerstörung der Flugkatastrophe, man sieht wie das Tal zerstört ist und man sieht das Geröll. Und man sieht auch viele Rekonstruktionen zum Beispiel auf Katastrophen. aber irgendwie fehlt ein bisschen das Emotionale und vor allem das Leiter betroffen. Das sieht man nicht in China.

Es gibt auch ein gutes Beispiel und zwar gibt es da an der Grenze ein ziemlich imposantes großes Grenzgebäude. Das, was zerstört wurde in der Flut? Ja eben es gibt's nicht mehr! Es wurde komplett zerstörd und das Video davon die Aufnahme diesen echt erschreckend. man sieht da vorher noch wie Kinder rumrennen und die Leute vor Angst schreien und dann kommt dieses Geröll immer näher und die flut und dann ja sieht man plötzlich nichts mehr.

Das video ist wirklich schlimm ist wirklich krass. Es darf in China auch nicht geteilt werden. Also das ist irgendwie blockiert? Ja, wahrscheinlich ist es durch Bilderkennung möglich dass die Behörden da sagen können Das Video wird zwar nicht komplett gelöscht aber das soll nicht verbreitet werden. also man kann's einfach nicht teilen In Nachrichten zum Beispiel Wie ist es denn für die Medien schaffenden vor Ort?

auf der chinesischen Seite? dürfen sie sich frei bewegen? Nein Das dürfen sie nicht. Es gibt auch offizielle Auffordungen der Regierung an Influencer, die sind sehr wichtig in China – fast wichtig eigentlich aus den traditionellen Medien! Also die durften dort nicht hinreisen unabhängig. Chinesische Journalisten schon, also die müssen ja auch berichten aber Ausländische Journalistinnen haben sehr lange kein Zuhause erhalten.

Jetzt nach elf Tagen durfte eine kleine Gruppe von ausländischen Journalistin und Journalisten dorthin reisen, aber nur unter Kontrolle der Regierung. Sie nennen zum Beispiel... Es gibt schon Bilder auch von der chinesischen Seite, aber es gibt nicht alle Bilder. Welcher Eindruck ist denn der, der vermittelt werden soll?

Das Bild, das man erhält wenn man die chinesische Medien anschaut oder auf Social Media unterwegs ist ein ziemlich realistisches Bild. Ein Bild der Zerstörung als die Region hat getroffen wurde. Aber dann dominiert vor allem die Erzählung dass der Staat sofort gehandelt hat und die Situation mittlerweile so gut es geht in Griff hat.

Also es ist eine Erzählung der Handlungsfähigkeit des Staates und seiner Mitarbeiter. Und dann werden natürlich auch die Opferzahlen immer aktualisiert, aktuell sind es rund fünfzig Todesopfer und über fünfhundert Vermisste auf chinesischer Seite. Fünfzig Todeszopfer? Auf der anderen Seite Nepal – da sind mindestens tausend vierhundert Tote!

Wie kann das sein?! Ja, das fällt auf oder dass es schon eine große Diskrepanz ist. Man könnte meinen, China beschönigt da irgendetwas aber... Das ist glaube ich nicht so weil in Nepal war die Zerstörung doch viel größer. Dort hat's begonnen und dort waren auch sehr viele Dörfer. Es wurde zuerst getroffen bevor die Flutwelt dann auf die chinesische Seite nach Tibet gelangt ist?

Genau, in Tibet ist sowieso sehr schwach bevölkert und da ist einfach das Grenzgebäude zerstört worden. Wahrscheinlich die Händler da... Und natürlich gibt es auch ein paar Dörfer usw., aber die Zahlen sind nicht unrealistisch obwohl es gibt schon Leute also auch in Tibet diese Zahlen infrage stellen und sagen dann müssen doch viel mehr Leute gestorben sein oder vermisst.

Was passiert mit denen? Ja wer das öffentlich infrage stellt der wird bestraft. Die chinesischen Behörden haben das publik gemacht als Abschreckung. Da gab es schon über zehn Fälle von Leuten, die deswegen bestraft wurden oder ins Gefängnis mussten.". Wie sieht's aus mit kritischen Fragen eben zu dieser Verantwortungssache?

Gibt es solche Fragen? Ob die Regierung alles getan hat um sein Unglück zu verhindern, kommt das irgendwie durch? Ich glaube da kommt der Regierung auch so gut, dass es halt eine Naturkatastrophe ist und die erste Reaktion der Leute dass es schwer zu kontrollieren. Es gibt natürlich schon Fragen, die gestellt werden und die auch gestellt werden müssen.

Es gab nämlich schon letztes Jahr eine Flugkatastrophe im selben Ort und die Freundschaftsbrücke zwischen Nebarn- und Timberdure zerstört. Damals hat man dann über sechs Monate das wieder aufgebaut und dann im Januar in den Jahren ist es wieder eröffnet nur um dann Monate später erneut noch viel stärker zerstört zu werden.

Also da kann man sich schon fragen, hat man dann nichts draus gelernt? Genau was sind die Lehren, die gezogen wurden? reicht das Frühwarnsystem aus? gibt es eine gute Kommunikation zwischen Nepal und China diesbezüglich dass sie nicht fragen die sich näsische Regierung möchte dass sie gestellt werden aufkommen weil Es könnte Unmut auslösen.

Damit das nicht passiert, kontrolliert China die Berichterstattung und die Erzählung über diese Katastrophe. Das ist ein Muster, das hat sich schon jahrzehntelang etabliert in China. Wir sind gleich zurück! Der nordische Sommer ist eine Einladung, die Sehnsucht nach Weite- und Abenteuer zu stellen – und ein neues Kapitel ihrer Reisegeschichte zu schreiben.

Erleben Sie die endlosen Wälder Laplans, das kulturreiche Baltikum? Die imposanten Schlösserschottlands oder die faszinierenden Landschaften Islands. Planen sie jetzt ihr Nordenabenteuer auf kontiki.ch. Was ist so der klassische Plan, wenn sowas passiert? Es wird kommuniziert. Es wird auch sozusagen Öffentlichkeitsarbeit geleistet in der Regierung und das ist auch gefordert.

also Chinas Partei- und Staatschef hat das selber vor zehn Jahren einmal sehr deutlich kommuniziert. was er erwartet in diesem Fall von der Regierung? Und zum Arr gab es damals, im Jahr zwei Jahrzehnte sehr schwere Überschwemmungen in weiten Teilen Chinas. In einer Provinz in Chöbei allein waren neun Millionen Menschen betroffen und sie hat dann eine Rede gehalten und gesagt zuerst einmal wir müssen unsere Arbeit verbessern.

also das braucht bessere Frühwarnsysteme wir müssen rechtzeitig evakieren die Parteikarte die müssen einfach ihr Pflicht erfüllen. Und dann hat er aber auch ganz konkrete Instruktionen an die Medien erteilt. Er hat wirklich das Muster festgelegt, dass heute sehr klar sichtbar ist und zwar es gewünscht, dass vor allem Helden im Vordergrund stehen also die Mitarbeiter des Staats, die vorbildlich ihr Leben aufs Spiel setzen.

man soll diese herausragenden Persönlichkeiten an der Front porträtieren. Das Ziel sei positive Energie, also die Bevölkerung braucht Ermutigung in solchen Situationen und keine verzweifelten Gesichter von Angehörigen. Ja also implizit das hat er so nicht gesagt aber Ja, also positive Energie. Das ist jetzt so ein Schlagwort der Regierung eigentlich das immer wieder verwendet wird auch im Internet-Diskursen.

Also alles voll positive Energie, was irgendwie gewalt ist oder traurig zu viel in solchen Momenten nicht erwünscht. Was bedeutet das konkret für die Journalisten, die bei chinesischen Medien arbeiten wenn sie positive Energie umsetzen sollen? Viele wissen das eigentlich instinktiv aus Erfahrung. Also ich habe ja selbst früher für chinesische Staatsmedien gearbeitet und ... Man hat mir gesagt, es gibt schon Anweisungen, die kommen.

Die kommen auch regelmäßig, manchmal täglich aber nicht riftlich sondern oft telefonisch an die Redaktionsleitung und dann heißt das da was gewünscht ist und was nicht gewünschte. Gerade bei solchen Ereignissen. Und manche dieser Anweisung gelangen danach ans Ausland weil es gibt auch chinesische Journalisten, die ein Interesse haben, die sich stören an diese Zensur und die das öffentlich machen wollen Exil-Medien im Ausland, zum Beispiel die China Digital Times.

Die wurde von einem Chinesen gegründet in den USA und dort sieht man dann ja was in einem bestimmten Fall dann die Anweisung war. Zum Beispiel bei einem Airbaping in Sichuan, es hieß es, man soll einfach sich an die Nachrichtenagentur halten, die staatliche. Man soll keine Bilder und Videos von irgendwie Panik verbreiten und keine schädlichen Informationen oder diese überwachen und dann die Schädlichen Information sozusagen löschen.

Also sehr wahr geformuliert, aber implizit weiß jeder was damit gemeint ist. Ich lese aus all dem so ein extremes Kontrollbedürfnis der Regierung. Sie wollen um jeden Preis verhindern dass es eben so dieser Unmut entsteht. vor was haben sie konkret Angst? also das könnte auch so einem Unmut denn erwachsen?

Ja das haben wir gesehen zum Beispiel während der Pandemie. Zwei tausend zweiundzwanzig damals war es an Feuer ausgebrochen in der Provinz Hinchang und da sind viele Menschen gestorben im Hochhaus weil die Feuerwehr zu spät. Das kam unter anderem wegen dieser Zero-COVID-Politik und das hat dann landesweit Solidarität und Proteste ausgelöst, weil die Leute sowieso genug hatten von diesen harten Kontrollen der Regierung.

Und so was könnte natürlich jedes Mal passieren wenn es eine öffentliche Katastrophe gibt, irgendein lokales Unglück oder Ärgernis ... Einerseits könnten sich da Lokalproteste formieren, aber es könnte auch Solidarität wachsen bei anderen Bevölkerungsschichten oder manchmal braucht das nur einen Auslöser.

Dass sich die Leute dann zusammentun und sagen jetzt haben wir genug, das reicht. Und es ist in so einer autoritären Regierung wie China eine Vorstellung von einem Kontrollverlust, den man absolut verhindern möchte. Bisher in diesem Fall scheint es aber zu funktionieren. also was... Weißt denn so ein, ich sag jetzt, ein Nullachtfünfzehn Bürger der in Peking oder in Shanghai im Moment wohnt?

Was weiß dieser Mensch über die Flutkatastrophe an der Grenze von Nepal und China. Ja er weiß das die passiert ist dass es eines der schlimmsten Naturereignisse ist in den letzten Jahren. Er sieht vielleicht Videos von Rekonstruktionen aus diese Flutwelle ausgelöst hat wie sie sich den Weg gebannt hat durchs Tal was sie alles zerstört hat Was er oder sie nicht sieht, das sind Gefühle.

Das Leid der Menschen vor Ort, die vielleicht ihr zu Hause verloren haben einen lieben Menschen. Weil so die individuellen Schicksale der Menschen, weil die nicht vorkommen, dass es ein bisschen wie nicht an einen rankommt? Dass es so weit weg bleibt gefühlt? Ja ich glaube da spielt schon eine Rolle, weil wenn du jemanden siehst mit dem du dich vielleicht sogar identifizieren kannst sowie Nepal oder man sieht okay eine Mutter hat Kind verloren.

Das löst Mitgefühl aus, das löst Betroffenheit aus. Das löste vielleicht sogar auch Wut auf oder die Frage hätte das verhindert werden können? und wenn du das nicht hast ja dann kommt natürlich auch die Frage nach der staatlichen Beantwortung soweit eher weniger auf.". Das sagt Katrin Büchenbacher meine Kollegin aus dem Auslandressort der NCZ sie spezialisiert auf China-und Südostasien.

Danke schön Katrin! Vielen Dank für die Einladung. Schön, habt ihr zugehört und bis bald.

0:00 / 0:00