NZZ Akzent· Folge 1665

Nach Ceuta: Warum Marokkos Jugend unbedingt weg will

Dienstag, 8. September 2026 · 13 min

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Shownotes

Je nach Umfrage wollen bis zu 70% der jungen Marokkaner ihr Land verlassen. Einer von ihnen ist Karim, der gerne nach Deutschland will, um dort zu arbeiten. Um sich diesen Traum zu ermöglichen, lernt er seit einigen Jahren Deutsch in einer Schule in Casablanca. Er will legal in die EU auswandern. Für ihn kam es Ende Juli nicht in Frage, wie über 70.000 andere den Weg über die spanische Exklave Ceuta zu wählen.

Anwar hat genau das versucht, kam aber schnell nach Marokko zurück. Er würde es auch immer wieder versuchen, denn Marokko bietet ihm keine Perspektiven, sagt er. NZZ-Reporter Michael Schilliger hat mehrere junge Männer und Frauen in Marokko getroffen, die weg wollen. Von seinen Begegnungen erzählt er in dieser Folge von "NZZ Akzent" und erklärt, welche Rolle die wirtschaftliche Lage des Landes in den Entscheidungen der jungen Menschen spielt.

Gast: Michael Schilliger, NZZ-Reporter
Host: Sarah Ziegler

Foto: Imane Djamil

In Michaels Reportage bei der NZZ (nzz.ch/gesellschaft/70-000-flohen-nach-ceuta-u…) kannst du viele weitere Menschen kennenlernen, die er dort getroffen hat.

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Dieser Podcast wird präsentiert von Konteky Reisen, dem Spezialisten für Ihr Reiseerlebnis im Norden. Lassen Sie sich für Ihren nordischen Sommertraum inspirieren auf konteky.ch. Enzer Z. Akzent Casablanca – die größte Stadt Marokos In einem der ältesten Cafés der Stadt berühmt für sein gutes Eis. da sitzt Karim, vierundzwanzig Jahre alt.

wir haben seinen Namen geändert. Er erzählt meinem Kollegen Michael hier von seiner Studie. Mit neunzehn hatte Karim das Gymnasium beendet, wusste nicht so richtig was er danach machen wollte und entschied sich dann für ein Jurastudium. Das war aber irgendwie nicht das Richtige für ihn, Michael. Nein ganz und gar nicht!

Karim war unzufrieden mit dem Studium, aber auch das Studentenleben-Gefühl ihm nicht empfielte die Struktur oder mochte die anderen Studenten nicht wirklich... Und da entschied er am Ende des Semesters, er macht jetzt einfach mal einen Roadtrip in den Norden des Landes an die Strände, traf dort ein Freund.

Erzählte ihm von seiner Unzufriedenheit. und das sagte ihm dieser Freund, hey ich habe eine Idee! Ein Rad! Lern Deutsch und geh nach Deutschland. so mache er es auch. und zu machen es viele junge Marokkaner. sie wollen einfach weg raus aus ihrem Land. Ende Juli versuchten mehr als siebzigtausend Menschen über die spanische Exklave Ceuta in die EU zu gelangen.

Viele von ihnen waren junge Marokkaner. Warum Marokkus Jugend ihr Land verlassen will, das hat NSZ-Reporter Michael Schilliger sie gefragt – ich bin Sarah Ziegler. Ist Karim dem Rat seines Freundes von diesem Roadtrip gefolgt? Nicht sofort! Er fuhr erst mal zurück nach Casablanca und suchte sich eine Arbeit so nebenher bei einer Fast-Food-Kette.

Und langweilte sich, er dachte dann irgendwann hey ich muss irgendwas tun das kann so nicht weitergehen. da erinnerte sich an den Draht seines Freundes und fing an zu recherchieren so nach Deutschschulen und entdeckte dann auch dass ganz Casablanca voll ist mit Deutschschule und hat sich dann auch aufgemacht also einmal zu besuchen.

Und wir hören es im Hintergrund, er hat's auch wirklich gelernt. Also du konntest dich ja ein bisschen schon mit ihm auf Deutsch unterhalten? Ja so ganz rudimentär oder einfach. Er hatte so Level B-I ungefähr konnte man sich mit ihm unterhalten. Eigentlich dann nebenher weitergearbeitet, da hat sich das Leben so eingerichtet, dass er eine Stelle hat.

Bei Zara hat er angefangen zu... Weil der hat Modekette? Ja! Genau. also Verkäufer ist dann dort aufgestiegen zum Teamleiter, hat so das Geld verdient, was er brauchte um sich diese Deutschstunden leisten zu können und ja hat einfach entschieden ich ... Das ist mein langfristiges Ziel nach Deutschland zu gelangen und dort an einer Stelle zu finden eine Ausbildung zu machen.

Und du hast gesagt, das wollen einfach insgesamt sehr viele junge Menschen. Egal auf welchem Weg raus aus dem Land was heißt denn genau viele? Je nach Umfrage sind es zwischen vierzig bis siebzig Prozent aller jungen Menschen die sagen wir wollen Auswand. Das ist schon krass! Ja das ist enorm. also dahinter verbergen sich auch die verschiedensten Geschichten und Gründe.

Karim's Motivation war jetzt sage ich mal nicht so dass er ... hungern musste oder da ein elendiges Leben führte, sondern er wollte einfach ein erwachsenes Leben führen können. Also eine eigene Wohnung, diese selber putzen, selber kochen... Wobei das einfach nicht möglich ist mit dem Gehalt dass man verdient.

die Miete in Casablanca ist auch inzwischen sehr hoch. Das klingt fast wie in Zürich wenn man so diese Erzählungen sich anhört. Aber es war jetzt nicht so, dass Karim eine Vision von einem neuen Leben in Deutschland gehabt hätte. Anders als vielleicht Umaima, die ich in einer Deutschschule in Casablanca getroffen habe.

Ich mag gerne die Deutschsprache und die Kultursprache. Die deutsche Kultur. Das ist eine sechsohnzeigjährige Frau. Sie hat ein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium, die arbeitet seit vier Jahren in einer Bank und lernt jetzt aber auch Deutsch weil sie weg will. ganz legal. Sie hat wahrscheinlich dann mit ihrem guten Job, kriegt sie nicht nur ihre Grundbedürfnisse erfüllt sondern vielleicht auch ein bisschen mehr erfüllt als Karim.

Warum denn Ihre Vision für Deutschland? Was ist das für eine Vision die sie hat von Ihrem Leben dort? Sie glaubt dass sie in Deutschland weiterkommen kann? Was sie dort meint, ist nicht so klassisch einfach Karriere. Sie sagt, dass das was sie tut und dass es wahrgenommen wird, geschätzt wird und sich dann verbessern kann.

Da muss man sich vielleicht auch schnell vor Augen halten. in Marokko heißt es... Wer einen Job will, braucht Beziehungen. Das heißt er braucht Beziehenung zum Palast oder zu diesen ganzen Gemengen aus Palast und Politik. Wer das nicht hat, der wird sich nie weiterentwickeln. Das ist so Common Sense!

Und das hat sie nicht. Sie kommt aus einer einfachen Familie, hat sich hochgearbeitet in eine Bank... ...und ist jetzt trotzdem bereit eigentlich nochmals neu anzufangen, in Deutschland eine Ausbildung zu machen als Buchhalterin – eine Lehre. Okay also wirklich auch nochmal so richtig sich ins Zeug zu legen?

Absolut, ja. Deswegen gehen die auch jeden Abend nach der Arbeit in diese Deutschschule und lernen Deutsch. Wir sind gleich zurück! Jetzt sind Karim und Umaima zwei junge Marokkaner, die nach Deutschland wollen. Aber eben nicht so wie die vielen Menschen, die es über Ceuta versucht haben. Wer sind diese Menschen gewesen?

Hast du wen getroffen? Ja ich bin in den Norden gereist In die Nähe von Ceuta ein Strand in einer Bucht gleich nebenan Und da auf dem Parkplatz hinter dem Strand Da tummeln sich ganz viele junge Männer. Ein Teil davon arbeitet dort auch, verleiht Sonnenschirme oder Liegen. Weißt Parkplätze an und die waren alle in Siota.

Alle bis auf einen. Okay aber sind auch offenbar relativ schnell wieder zurückgekommen? Genau! Die sind alle wieder zurück gekommen. ein Teil davon bereut es etwas weil sie das Gefühl haben dass rote Kreuz kümmern sich jetzt um die die zurück geblieben sind. Aber die waren alles dort. die sind zurückgekommen eigentlich alle etwas verzweifelt.

Was haben Sie dir erzählt, was war Ihre Motivation diesen Versuch überhaupt zu starten? Also die haben verschiedenste Gründe. Einer der jungen Männer anwahrt er ist dreißig... Der hat mir zum Beispiel erzählt er habe es schon einmal versucht. so diese Überfahrt nach Europa aber über die Türkei. da wurde dann geschnappt zurückgeschickt und andere wiederum, die sagen einfach hey das ist so eine neue SEU da.

Wir sehen dass jeden Tag Europa ist so nahe. wir sehen es vom Strand. Wir wollen wissen was dort los ist und gehen dahin. also wir haben ja auch hier nichts. sie haben keinen Job. die verbringen den ganzen Sommer in diesen Wäldern und warten eigentlich auf eine Gelegenheit um wieder mal ein Versuch zu starten.

Anwahrt dieser junge Mann der verdient etwas Geld mit Lederarbeiten Auf den Märkten sind etwa fünfzig Franken pro Woche, also nichts. Und die würden sie immer wieder versuchen. Das ist für sich auch nicht etwas eine Mutprobe und einfach ein Abenteuer.". Anwar verdient nicht sehr viel Karim der kann seine Grundbedürfnisse decken aber auch keine großen Sprünge machen.

wie geht es Marokko denn überhaupt wirtschaftlich? Also ist das wirklich ein valider Grund dafür so viele weg zu wollen? Ja, das ist etwas Paradox. Marokko hat einerseits extrem gebohmt wirtschaftlich also. das BIP hat sich in den letzten fünf und zwanzig Jahren vervierfacht. die Wirtschaft wächst jedes Jahr um drei bis fünf Prozent.

Das spürt man auch im Land. da wurde extrem viel gebaut. der König beziehungsweise die Regierung hat Autobahnen Häfen ganze Stadtvierteln neu gebaut. es gibt ein T-Shop von Tanker nach Casablanca. Da ist viel passiert. Gleichzeitig ist die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch, sieben und dreißig Prozent.

Es gibt einen sehr großen Anteil an Menschen, die weder eine Ausbildung haben noch ein Diplom, noch ein Job. Die Löhne sind dann oft niedrig. Die extreme Armut ist zwar zurückgegangen aber so dieser Mittelstand der ist abgerutscht und der ist zu einer Grenze zum Abrutschen eigentlich in die Armut wieder.

Wenn ich das marokkanische Durchschnittsbudget, da bleibt dann halt für die Freizeitkultursport. Das was wir so darunter verstehen, dass da bleibt pro Monat fünf Franken übrig. Da kämen wir hier nicht weit mit? Ja, das wäre ja wahrscheinlich nicht mal mehr genug für einen Kaffee ein Zürich. Also es gibt für viele keine Möglichkeit sich etwas aufzubauen.

Die Vision von Europa ist einfach da. Jetzt hat Karim ja immer noch die Vision von Deutschland. Welche Chancen hat er denn, um vielleicht doch noch hierherzukommen? Also es gibt tatsächlich ein Fachkräfteprogramm. da rekrutiert Deutschlands seit zwei Tausendneinzehn in Marokko Tunisien und Ägypten Fachkräfte oder Auszubildende.

Sind Arbeitgeber interessiert an solchen Leuten dann gibt's einen Gespräch, ein Bewerbungsgespräch in diesen Ländern. Und wenn Sie dann finden, hey das ist jemand für uns. Dann helfen sie beim BISUM bei der Deutschprüfung auch. Da gibt es so ein Prozess! Als was kann Karim sich denn da bewerben? Da gibt's zum Beispiel Verkäuferstellen in Bäckereien ganz konkret.

Da hat er sich dann auch... Beworben? Da waren zwanzig solche Stellen ausgeschrieben bei der staatlichen Arbeitsvermittlungsagentur in Marokko und er hat sich da beworben, wurde auch eingeladen. Ein Deutsch-Afghaner kam dann nach Marokco und hat ihn dort vor Ort intriut und er hatte eigentlich das Gefühl, dass lief sehr gut.

Er hatte ja Verkaufserfahrung als Verkäufer aus ZARA und konnte doch schon etwas Deutsch. also er war da sehr zuversichtlich. So wie du es jetzt gerade erzählst, klingt das als würde jetzt eine Arbeit kommen. Ja in der Tat hat das nicht geklappt. er weiß selber nicht so genau was schief lief. Er versucht es jetzt erneut.

In diesem August ist er wieder bei der Arbeitsvermittlungsagentur gewesen. Er hat inzwischen eine Sprachprüfung abgelegt Also ergibt nicht darauf Ist da zuversichtlich nach wie vor weil ein Freund von ihm hat es tatsächlich geschafft. Der hat dein Visum. jetzt Ausreisen nach Deutschland, nach Hannover.

Wenn jetzt das auch nicht klappt, bleibt er dann? Hat er ein Plan B für Marokko oder bleibt diese Vision von Europa einfach immer da? Nein es gibt für ihn kein Plan B! Er hat keinen Plan wie er das Leben gestauten würde in Marokco und der Zukunft. Das hat er vorher nicht, als er da das Studium angefangen hat Und das hat er jetzt auch nicht und deswegen muss er eine Stelle finden in Deutschland.

Danke Michael, dass du uns von deiner Reise erzählt hast. Sehr gerne! Fotos von dieser Reise gibt es natürlich online bei der NZZ in der großen Reportage, in der ihr auch noch viele andere Menschen kennenlernen könnt die Michael dort getroffen hat. Verlinke ich euch natürlich in den Show Notes und das war NZZ-Aktzent.

Ich bin Sarah Ziegler. Macht's gut.

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