PUR+ Wissendrin mit Eric

36| ADHS: Warum es (manchmal) auch eine Superkraft ist

Freitag, 12. Juni 2026 · 25 min

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Shownotes

Eric trifft zwei Menschen mit einer sogenannten „Störung“, fragt sich aber im Laufe der Folge, ob es sich bei ADHS – was die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist – tatsächlich um eine Störung handelt, oder nicht doch eher um eine Superkraft… oder jedenfalls um eine relativ normale Art, die Welt wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Immerhin haben wohl rund 5% der Menschen ADHS und die Forschung geht mittlerweile davon aus, dass es – evolutionsbiologisch betrachtet, also schon in der Steinzeit – für uns als Gesellschaft sinnvoll gewesen sein muss (und sicher immer noch ist), dass wir nicht alle gleich ticken. Jeannie Wagner jedenfalls, Influencerin und Moderatorin der TV-Sendung „Dein Song“, empfindet ihr ADHS tatsächlich oft als Superkraft, auf die sie nicht verzichten wollen würde. Der 13-jährige Philipp hat damit, vor allem in der Schule, zwar mehr zu kämpfen, sieht aber auch Vorteile, zum Beispiel, wenn er beim Zocken besonders viel mitbekommt und „immer weiß, wo die Gegner sind“. So oder so ist mittlerweile klar, dass es messbare Unterschiede zwischen den Gehirnen von Menschen mit und ohne ADHS gibt und dass in ADHS-Gehirnen ein Ungleichgewicht im Hormonhaushalt (v.a. von Dopamin und Noradrenalin) dafür sorgt, dass der Informationsaustausch zwischen den Nervenzellen anders funktioniert. Dadurch können sich ADHSler oft schlechter als andere willentlich auf eine Sache konzentrieren, denn: Reize, die auf sie einwirken, werden weniger effektiv gefiltert. So wird es schwerer, die eigene Aufmerksamkeit zu lenken und Impulse zu steuern, also beispielsweise auch zu unterdrücken, wo dies sinnvoll wäre. Es gibt ganz unterschiedlich starke Ausprägungen, deshalb ist es doppelt schwer, nachzuempfinden, wie es sich wohl anfühlt, mit ADHS zu leben. Eric versucht’s trotzdem, indem er bei einem Mathetest massiv von Jeannie gestört wird – und gleichzeitig versucht, sich nicht so sehr ablenken zu lassen, dass er die Konzentration verliert: gar nicht so leicht.

Moderation: Eric Mayer
Experte: Hans-Christoph Aster
Autor/innen dieser Folge: Brigitte Böttcher, Lena Kohlwes, Tina Kovar, Ilka Simon-Wensing
Sounddesign: Joé Fleischhauer
Produktionsleitung und Redaktion Kugel und Niere: Michael Bartlewski
Produktionsmanagement ZDF: Markward Barollo, Sylvia Wahmes
Redaktion ZDF: Brigitte Böttcher, Susanne Dittebrand
Leitung der Sendung: Silke Penno
Kontakt: wissendrin@zdf.de
Diesen Podcast und viele TV-Folgen der Sendung PUR+ findet ihr auf: kurz.zdf.de/J569/ (eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=ht…)

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Hi Leute, hier ist Erik. Ich habe mich für diese Folge mit jemandem verabredet und dieses Treffen war, man kann schon sagen, echt besonders. Das habe ich gleich beim Reinkommen gemerkt. Hallo? Hallo, Jeannie. Na, hi, Christine. Freut mich. Das ist Jeannie. Und das Erste, was da ungewöhnlich war, das könnt ihr jetzt nicht sehen.

Aber es hat dazu geführt, dass ich erst mal dachte, hä, sind wir, also mein Team und ich, vielleicht zu früh dran? Denn... Entschuldigung übrigens, dass ich noch im Schlafanzug bin. Okay, sieht aber gut. Meine Haare sehen normalerweise auch nicht so. Ich bin gerade aus dem Bett gefahren. Ich kenne dich natürlich so ein bisschen anders, aber es steht dir auf jeden Fall.

Ich frage mich, ob dieser besondere Empfang im Schlafanzug und mit zerzausten Haaren vielleicht schon was mit dem Thema zu tun hat, über das ich mit Jeannie sprechen möchte. Ein Thema, zu dem sich ganz viele von euch eine Wissendrin-Folge gewünscht haben und mit dem sich Genie super auskennt. Denn sie hat ADHS.

A wie Aufmerksamkeit, D wie Defizit, H wie Hyperaktivität und S wie Störung. Und mit dieser Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, ist sie nicht alleine. WissenschaftlerInnen gehen davon aus, dass in jeder fünften Familie ein Kind ADHS haben könnte. Gleichzeitig kursieren vor allem in sozialen Medien unfassbar viele Falschinformationen dazu.

Eine Übersichtsstudie aus dem Jahr 2026 zeigt, dass auf TikTok jedes zweite Video zu ADHS falsche Infos enthält. Höchste Zeit also, dass wir mal die Fakten klären. Was genau ist ADHS und wie fühlt es sich an, damit zu leben? Ach ja, und natürlich, was hat das alles mit Genies Schlafanzug zu tun? Ihr hört Wissen Drin, den Podcast von PUR Plus. Mit mir, Erik.

Ich bin auf der Suche nach Antworten, die sich oft nur durch Ausprobieren oder genaues Zuhören finden lassen. Meine Mission, was andere nur wissen, will ich mit euch erleben. Ich bin jetzt also bei Jeannie zu Hause. Und obwohl es noch früh am Morgen ist, scheint sie hellwach und quatscht munter drauf los. Kommt von Hölzchen auf Stöckchen, noch bevor unser Interview richtig angefangen hat.

Sie erzählt mir, dass sie gerade erst in diese Wohnung eingezogen ist. Krass, ne? Deswegen habe ich auch noch keine Möbel. Aber du hast eine sehr schöne Couch. Und sie bietet mir direkt einen Tee und Schokolade an. Ich bin halb Iranerin, weißt du? Gastfreundschaft wird sehr groß geschrieben. Vorsicht, heiß.

Halb Iranerin, halb Deutsch. Ihr kennt Jeannie vielleicht als Moderatorin von Dein Song oder auch von Social Media. Hier in ihrer Wohnung treffe ich sie aber ganz privat. Wir setzen uns jetzt erstmal auf ihr riesiges, kuscheliges Sofa, um in Ruhe zu sprechen. Du hast hier den Schlafanzug noch an. Ja.

Ist das üblich, dass du Interviews führst im Schlafanzug? Nein, das Ding ist nur, guck mal, ich bin ein bisschen zu spät aufgewacht und dann dachte ich, okay, wahrscheinlich kommen die gleich. Entweder du machst dich fertig oder die Wohnung fertig. Okay. Und ich dachte mir... Erst mal die Wohnung... Ja, erst mal hier kurz alles aufräumen, kurz die Geschirr in die Geschirrschuhmaschine einräumen, dass ich den Leuten hier mal was zu trinken anbieten kann.

Und das ist dann zweite Priorität und dafür hatte ich dann keine Zeit mehr. Also eher so ein Problem des Zeitmanagements. Tatsächlich typisch für Menschen mit ADHS, die unter anderem eine leicht verzerrte Zeitwahrnehmung haben und oft nicht so gut organisiert sind. Aber von Anfang an. Jeannie hat vor anderthalb Jahren erfahren, dass sie ADHS hat. Da war sie Mitte 20.

ADHS ist eine sogenannte Verhaltensstörung. Irgendwie ein blödes Wort dafür. Das heißt auf jeden Fall, Jeannis Verhalten wird durch ihr ADHS beeinflusst. Nicht bei allen Menschen äußert sich ADHS gleich. Aber es gibt drei Hauptsymptome. Und eins davon habe ich bereits kennengelernt. Also ich muss jetzt mal sagen, ich bin seit irgendwie dreieinhalb Minuten hier.

Ich weiß schon, dass du in der neuen Wohnung wohnst, dass du Iranerin bist, dass du den Schlafanzug an hast. Also schon viel passiert in den ersten Minuten hier. Gehört das auch so ein bisschen zu ADHS dazu, dass du sehr viele Informationen in so eine kurze Zeit reinpacken kannst? Ich glaube, zu ADHS gehört dazu, dass mir viele Informationen in kurzer Zeit auf einmal wichtig erscheinen. Und dass sie nach, also erwähnen möchte dann auch, ja.

Was Genie hier meint, ist Symptom Nummer 1. Menschen mit ADHS sind oft sehr impulsiv. Das bedeutet, wenn ihnen etwas einfällt, wollen sie es sofort aussprechen oder am besten gleich umsetzen. Gleichzeitig macht sie das oft etwas unstrukturiert, weil sie nicht immer gut priorisieren können. Und das heißt, sie bringen die Dinge, die sie im Kopf haben, nicht so gern in vernünftige Reihenfolgen.

Und falls doch, halten sie die nicht unbedingt ein. So wie Jeannie, die mir direkt ganz viel aus ihrem Leben erzählt und dabei von einem Thema zum nächsten springt. Irgendwie auch cool und auch total spannend. Ich glaube, mit ihr wird es nie langweilig. ADHS kann für Betroffene aber auch eine Belastung sein. Vor allem bei Symptom Nummer zwei.

Das macht es Jeannie unter anderem sehr schwer, an langen Teambesprechungen teilzunehmen, was aber in ihrem Job natürlich immer wieder vorkommt. Was ist das für ein Gefühl für dich, wenn du zwei Stunden da sitzen musst und zuhören musst? Mein größter Albtraum. Schlimmste Langeweile ever. Ich habe das aber immer, wenn eine Person etwas erklärt, was an eine Gruppe erklärt wird und nicht im One-on-One-Gespräch mit mir in die Augen guckt, bin ich raus.

Ich stelle mir das total schwer vor, weil ich meine, ich arbeite ja auch beim Fernsehen. Ich weiß, dass wir ganz oft, wir haben Sitzungen, wir besprechen einen Drehablauf, wir besprechen eine Show, eine Sendung, was auch immer. Das musst du ja auch machen, bei deinem Song zum Beispiel. Wie gehst du dann damit um? Bei den meisten Aufnahmen von deinem Song wissen die Leute das einfach.

Und dann, wenn es aber wirklich darauf ankommt, zum Beispiel, wenn wir die Live-Show machen und da weiß ich, okay, das ist jetzt wirklich wichtig, dann kann ich natürlich sagen, okay, das ist jetzt eine sehr wichtige Situation, hier muss ich mich reinhängen, hier muss ich mich anstrengen und dann mache ich das auch.

Und dann gibt es noch das dritte Symptom, Hyperaktivität. Menschen mit ADHS fällt es schwer, ruhig zu sitzen. Sie bewegen sich lieber. Auch Jeannie ist die ganze Zeit auf Zack, gestikuliert viel und springt in unserem Gespräch auch immer wieder auf, weil ihr noch irgendwas einfällt, was sie jetzt sofort machen will.

Aber jetzt mal ehrlich, mal impulsiv sein, sich schnell langweilen oder mal nicht still sitzen können, das kenn ich doch auch. Ab wann spricht man denn dann von ADHS? Das will ich von unserem ADHS-Experten in dieser Folge hören. Hans Aster ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Würzburg und kennt den Unterschied.

Wir alle haben manchmal Momente, wo wir achtsam sind oder wo wir vielleicht uns bewegen wollen. Ich glaube, der Kernpunkt ist, wenn ich das Gefühl habe, ich habe dadurch ein Leid, also ich bin dadurch beeinträchtigt, ich gehe nicht gern zur Schule oder ich habe viel Streit mit meinen Eltern und das stört mich, Dann würde man zum Beispiel.

Bei den Kindern zu einem Jugendlichen Psychotherapeuten oder zu einem Kinder- und Jugendpsychiater gehen. So war das auch bei Philipp aus Lüdenscheid, den wir jetzt kennenlernen. Bei mir fing er schon mit dem ADHS im Kindergarten an und irgendwann sind wir mal zum Arzt gegangen. Und der hat meiner Mutter empfohlen, dass ich mal einen ADHS-Test machen soll, der sich als positiv herausgestellt hat.

Philipp ist, als wir ihn treffen, 13 Jahre alt und liebt es, mit seinen Freunden zu zocken und möchte das am liebsten später sogar beruflich machen, als Streamer oder E-Sportler. Für seine ADHS-Diagnose musste er damals beim Arzt verschiedene Fragen beantworten und Tests machen. Der Arzt konnte dadurch rausfinden, dass Philipp nicht einfach nur etwas viel Energie hat oder sich schlecht konzentrieren kann, sondern wirklich ADHS hat.

Wichtig ist zu verstehen, ADHS ist ein Spektrum, hat also eine große Bandbreite. Das heißt, nicht bei allen Menschen mit ADHS sind alle Symptome gleich stark ausgeprägt. Deswegen wird bei manchen Menschen ADHS schon sehr früh im Kindesalter erkannt, so wie bei Philipp. Andere bekommen die Diagnose erst, wenn sie erwachsen sind.

Vor allem bei Mädchen und Frauen dauert es oft länger, bis ihr ADHS erkannt wird. So war es ja auch bei Genie vom Anfang dieser Folge. Das liegt unter anderem daran, dass die aktuellen Tests für ADHS sich noch oft an Merkmalen orientieren, die häufiger bei Jungen auftreten. Weil von Mädchen oft stärker erwartet wird, sich sozial verträglich zu verhalten, verlagern sie ihre Unruhe mehr nach innen.

Sie haben dann zwar Schwierigkeiten, ihre sprunghaften Gedanken und Impulse im Zaum zu halten, fallen dabei nach außen aber weniger durch Hibbeligkeit auf und werden deshalb nicht so leicht diagnostiziert. Philipp weiß zum Glück schon früh von seinem ADHS. Das ist gut, denn so kann er verstehen, warum ihm manche Dinge schwerer fallen als anderen.

Das Allerschwimmste für mich als ADHSler ist auf jeden Fall die Schule. Ist es halt für mich unheimlich schwer, weil man da halt sehr viel. Sich sechs bis acht Stunden teils auf eine einzige Person konzentrieren muss. Und das ist ziemlich schwer für mich. Das Schulsystem ist nicht auf Menschen mit ADHS ausgelegt.

Denn es verlangt genau das, was ADHS erschwert. Lange sitzen, sich konzentrieren und ruhig sein. Auch die Forschung zeigt, dass es Menschen mit ADHS sehr schwer fällt, auch dann dran zu bleiben, wenn es mal langweiliger wird, erklärt mir ADHS-Experte Hans Aster. In Studien sehen wir, dass Menschen mit ADHS zum Beispiel Schwierigkeiten haben, wenn eine Aufgabe vielleicht eine größere Belohnung bringt, aber die Belohnung ist weiter weg in der Zukunft, dann fällt es ihnen schwerer, dann sagen sie, okay, die Aufgabe nehme ich eigentlich gar nicht in Angriff.

Und was ihnen aber dann leichter fällt, ist die Aufgabe, die vielleicht kürzer dauert, aber wo es gleich sofort eine Belohnung gibt, die dann zu machen. Ein gutes Beispiel dafür ist Lernen. Beim Lernen tritt die Belohnung, also die gute Note, ja erst viel später ein. Vorher muss man die Zähne zusammenbeißen und den Stoff vorbereiten, auch wenn das überhaupt keinen Spaß macht.

Auch Menschen ohne ADHS können sich nicht immer dazu motivieren. Mit ADHS ist es aber noch viel schwieriger. Philipp erzählt auch noch von anderen Situationen, in denen sein ADHS ihn belastet. Durch das ADHS sind halt die Kontakte mit Menschen vor allem und Menschengruppen ziemlich schwierig. Dann will ich zumindest mich am liebsten einfach verstecken.

Ein Shoppingtag in der Stadt zum Beispiel kann für Philipp echt überfordernd sein. Das sind die ganzen Menschen, die sich unterhalten, die bunten Reklamen, der Sound, der Kasse, die Musik, die im Laden läuft. Durch sein ADHS kann Philipp nicht so gut filtern, welche Eindrücke davon wichtig sind und welche er ausblenden soll.

Auch bei seinen Hobbys ist das ADHS ein Thema. Zum Beispiel beim Kampfsport, wo er regelmäßig Prüfungen ablegen muss. Philipp mag diesen Part nicht so, aber nicht, weil er etwa Prüfungsangst hätte. Also für mich als ADHSler ist es zum Beispiel relativ schwierig in einer Prüfung, halt am Rand sitzen zu bleiben und ruhig zu sein, während die anderen dann halt, dem Trainer die Techniken und das Prüfungsprogramm vormachen.

Also das warten halt. Warten, bis wir dran sind, das müssen wir im Leben ja ziemlich oft. Ob in der Klasse, wenn wir die Antwort wissen, aber nicht sofort drangenommen werden. Oder beim Brettspiel, wenn die Mitspielerin zu lange überlegt, bis wir endlich unseren nächsten Zug machen können. Aber wieso genau fallen Sachen wie dranbleiben, Impulse unterdrücken, filtern oder warten Menschen mit ADHS eigentlich so viel schwerer?

Wir können das besser verstehen, wenn wir uns mal anschauen, was genau im Gehirn von Menschen mit ADHS anders läuft. Also, unser Gehirn ist ein riesiges Netzwerk aus Milliarden Nervenzellen. Diese Nervenzellen tauschen ständig und superschnell Informationen miteinander aus. So können wir denken, uns bewegen, aber auch etwas fühlen. Und das funktioniert so.

Eine einzelne Nervenzelle sieht ein bisschen aus wie ein winziger Ast mit vielen noch kleineren Ästchen daran. Da fließen die Informationen in unserem Gehirn als elektrisches Signal durch. Vom einen Ende der Nervenzelle ans andere. Dort, am Ende der Astspitzen, treffen sie auf den nächsten Ast, also die nächste Zelle.

Das Problem ist nur, die beiden Zellen berühren sich nicht. Zwischen ihnen liegt eine Lücke, der sogenannte synaptische Spalt. Eine Information in Form eines elektrischen Signals kann diesen Spalt nicht überspringen. Das geht nur mit Hilfe von chemischen Molekülen. Die könnt ihr euch wie kleine Boote vorstellen, die die Informationen auf die andere Seite bringen.

Diese Boote im Hirn heißen Botenstoffe. Einer davon ist Dopamin. Dopamin hilft dem Gehirn beim Aufpassen, Planen und beim Dranbleiben, auch wenn es mal langweilig ist. Forschende vermuten, dass das Gehirn bei ADHS die Dopaminsignale nicht immer optimal nutzt. Also in unserem Beispiel gesprochen, manchmal gibt es zu wenig Boote für zu viele Informationen, die Boote haben Verspätung oder sie fahren nicht ganz bis zur nächsten Zelle.

Ein ähnliches Ungleichgewicht gibt es auch beim Botenstoff Noradrenalin. Der hilft uns beim Filtern und Sortieren von Informationen, also beim Erkennen, was gerade wichtig ist und was nicht. Durch das Ungleichgewicht bei diesem Bootstyp lassen sich Menschen mit ADHS leichter von unwichtigen Reizen ablenken, wodurch es ihnen wiederum schwerer fällt, sich auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren.

Ich habe kein ADHS, aber ich will besser nachempfinden können, wie es sich damit wohl so lebt. Dafür nehme ich euch nochmal mit in Genies Wohnung. Genie will mit mir nämlich einen kleinen ADHS-Simulationsversuch machen. Ich soll das ja jetzt mal testen hier. Ich soll mal Matheaufgaben machen. Und du wirst versuchen, irgendwie im Hintergrund Dinge zu tun, um mich ein bisschen abzulenken.

Das könnte mir dann einen kleinen Eindruck davon verschaffen, wie es für sie mit ihrem ADHS ist, sich auf eine Aufgabe zu fokussieren. Sie hat ja immer gefühlt tausend Dinge gleichzeitig im Kopf. Also ich bin nebenbei bei meinem Brot, was ich mir gleich schmieren möchte, ob das schon fertig ist. Nebenbei frage ich mich, ob man den Sender sieht, ob ich gut aussehe nebenbei noch natürlich.

Denke noch an die Nachrichten, die ich ja noch an meinen Freund schicken möchte. Ja, so ein bisschen. Also das ist alles so auf Stand-by im Hintergrund, aber am Laufen. Ich lege also los. Die erste Aufgabe ist 15 plus 23 minus 6 plus 3. Also 15 plus 23, das ist schon mal 38. Und dann minus 6. Ich würde wirklich gerne wissen, wer seine Tees hier nicht getrunken hat, Leute.

Ach Mist, jetzt habe ich den Faden verloren und muss nochmal von vorne anfangen. Aber Genie lässt nicht locker und quatscht die ganze Zeit weiter. Aber in der Schuhklasse ist ja auch so, ne? Durch die Ablenkung rechne ich im Schneckentempo und bin einfach nicht so konzentriert. Minus 54. Das ist legit falsch. Dann fängt Jeannie auch noch an, in der Wohnung Fußball zu spielen.

Dann liest du mich mal die Ohren zuhalten. Schere. Zum Glück habe ich es dann geschafft. Fertig. Aber immerhin, am Ende habe ich 17 von 19 Lösungen richtig. Okay, das war Next Level rechnen auf jeden Fall, weil du halt die ganze Zeit irgendwas gemacht hast. Also ständig was passiert von außen. Ist das vergleichbar mit dem Gefühl, was du hast, wenn du jetzt alleine irgendwo sitzt und was machen musst, dass irgendwas quasi kommt, was das torpediert?

Ja, aber das sind halt meine eigenen Gedanken. Also das, was bei mir von außen kam, kommt bei dir von innen. Ja, ja, ja, ja, ja. Ja, also wenn ich jetzt in einem Café sitzen würde und das in einem Café zum Beispiel draußen worken würde, dann wäre auch, was der Barista redet, was der, wer reinkommt und so weiter. Ich wäre dann immer so ein bisschen nebenbei am gucken, was hier links und rechts passiert.

Aber mainly kommt es von drinnen. Ich bin ehrlich, das klingt richtig anstrengend. Kann man denn da gar nichts machen? ADHS-Experte Hans Aster hat schon mal einen Tipp. Generell würden wir empfehlen, dass man sich einfach einen reizarmen Raum sucht, also wo nicht viele Reize von außen kommen, dass man gute Pausen macht, dass man sich große Aufgaben, zum Beispiel in kleine Aufgaben unterteilt und, ein gutes Zeitmanagement hat, also dann eine Uhr mitlaufen hat, wo die Pausen angezeigt werden und einfach dafür sorgt, dass man wenig abgelenkt wird.

Das geht aber nicht immer. In der Schule zum Beispiel kann man sich nicht einfach in einen leeren Raum setzen. Da muss man die vielen Reize im Klassenzimmer ja aushalten und ausblenden, damit die wichtigen Infos, die von der Lehrerin im Kopf ankommen, weitergeleitet und verarbeitet werden können. Deswegen gibt es inzwischen Medikamente für Menschen mit ADHS.

Philipp zum Beispiel nimmt diese Medikamente schon. Die Medikamente machen halt mit mir, dass ich mich besser konzentrieren kann und generell mehr Kontrolle über meinen Körper habe und mich nicht so leicht ablenken lasse. Wie diese Medikamente wirken, kann uns Experte Hans Aster erklären. Die Tabletten funktionieren so, dass sie den Stoffwechsel vom Gehirn für eine gewisse Zahl von Stunden einfach anregen. Also die machen zum Beispiel wach, und man kann sich besser konzentrieren.

Der Effekt hält dann meistens so bis in den Nachmittag dann an. Denkt am besten noch mal kurz an das Bild mit den Booten, die die Informationen über den Spalt zur nächsten Zelle transportieren. Ihr könnt euch das mit den Medikamenten dann so vorstellen, dass durch sie mehr Boote zwischen den Zellen hin und her fahren, damit auch wirklich alle Informationen im Gehirn da ankommen, wo sie hin sollen.

Und die Medikation ist der einzige Weg, die Symptome wirklich zu senken, also achtsamer zu werden, weniger impulsiv zu sein und diese Hypermotorik oder die innere Unruhe wirklich zu senken. Philipp ist happy mit seinen Medikamenten. Ab dem Moment, wo ich dann Tabletten bekommen habe, ging es halt rasant bergauf für mich.

Zum einen habe ich halt deutlich bessere Noten geschrieben, aber habe mich auch einfach besser gefühlt. Die Medikamente wirken nur für einen gewissen Zeitraum. Nach ein paar Stunden verlieren sie die Wirkung. Deswegen nimmt Philipp seine Tabletten an jedem Schultag. Jeannie dagegen möchte gerade keine Medikamente gegen ihr ADHS nehmen.

Ich will es schon irgendwie mal ausprobieren, aber ich habe auch irgendwie Angst. Ich habe halt Angst, also ich habe halt schon öfter gehört, dass es auch wesensverändernd sein soll und halt auch Nebenwirkungen. Und ich habe einfach Angst, dass es mir den Teil von mir raubt, den ich so gerne mag, also meine Superkraftseite sozusagen.

Ob man Medikamente nimmt, sollte immer mit einer Ärztin abgesprochen werden und ist letztendlich auch eine sehr persönliche Entscheidung. Für Philipp überwiegen die Vorteile. Jeannie möchte es erstmal nicht machen. Was ich aber super spannend finde. Würdest du sagen, Adia, ist es für dich eher so eine positive Superkraft?

Ich kann schnell springen, ich kann schnell schalten. Mein Gehirn ist gepolt auf Stress, mein ganzes Leben lang schon. Also es ist auf jeden Fall eine besondere Art, die Welt wahrzunehmen, ADHS. Und man kann es offensichtlich schaffen, das Ganze auch als Stärke wahrzunehmen. Komplett. In manchen Situationen würde Jeannie ihr ADHS auf jeden Fall vermissen, wenn sie es nicht hätte.

Jetzt hast du ja einen Job, wo du auch ganz oft viele Sachen gleichzeitig wahrnehmen musst. Also Moderation auf der Bühne bei deinen Songs, da passiert super viel. Da ist Licht, da sind Leute, die einem was sagen, da sind Kandidaten. Wie passt das zusammen mit ADHS? Sobald ich mich leicht unterfordert und gelangweilt fühle, verliere ich das Interesse und bin nicht mehr auf Zack.

Aber bei sowas wie eine Live-Show moderieren, du hast acht Kameras, irgendeine blinkt immer rot, du musst sie suchen. Da ist immer was los. Ja, du hast neben dir eine Person, du musst auf die eingehen, du musst auf das Kamerapublikum eingehen, du musst auf die Leute, die hier in der Show sitzen, eingehen.

Du musst deinen Text, du musst aber auch noch performen und lächeln. Das ist meine Stärke, immer in der Situation, durch die Umgebung und die Vibes, die um mich herum sind, dann zu funktionieren. Unser Experte Hans Aster kennt diese positiven Seiten von ADHS, die Gini hier gerade beschreibt. Was ADHSler zum Beispiel gut können, ist ganz schnell zwischen Aufgaben hin und her switchen. Das heißt, von der einen Sache zu wechseln, dann zu der anderen Sache zu wechseln. Was ihm aber schwerfällt, ist dann zu sagen, okay, welche Aufgabe ist vielleicht die wichtigere.

Sie wechseln einfach immer sehr schnell und sehr gerne zwischen den Aufgaben hin und her. Philipp nützt das zum Beispiel bei seinem liebsten Hobby. Die bessere Wahrnehmung hilft mir hier beim Zocken, da ich halt erstens die bessere Reaktionszeit habe, aber vor allem, wenn man weiß, wo die Gegner sind.

Damit wird langsam auch klar, warum es ADHS überhaupt gibt und warum das gut für uns alle sein könnte. Mehr dazu in unserem Besser Wissen Drin. Forschende der Universität Pennsylvania haben sich gefragt, ob es ADHS gibt, weil es unseren Vorfahren auf irgendeine Art genutzt haben könnte. Um das herauszufinden, sollten in einer Studie rund 450 Menschen in einem Computerspiel Bären sammeln, ähnlich wie in der Steinzeit.

Rund die Hälfte der Teilnehmenden hatte ADHS. Alle mussten im Verlauf des Spiels abwägen, ob sie an einem Strauch bleiben und dort weitersammeln, obwohl die Bären langsam zur Neige gehen oder ob sie den Strauch lieber wechseln. Dort gibt es zwar mehr Bären, aber dann bleiben ja im ersten Strauch Bären übrig und das Wechseln des Strauches kostet auch extra Zeit.

Das Ergebnis. Die Menschen mit ADHS konnten in der vorgegebenen Zeit mehr Bären sammeln als die Menschen ohne ADHS. Sie haben nicht so viel über den nur halb abgeernteten Strauch und den Zeitverlust nachgedacht, sondern sind einfach dem Impuls mehr Bären gefolgt und haben den Strauch gewechselt. Mit Erfolg.

Die Studie ist ein Hinweis darauf, dass ADHS nicht einfach nur ein Fehler im Gehirn ist, sondern dass die Vielfalt sogar wichtig ist für unsere Gemeinschaft. Es ist schlicht nützlich, wenn manche sorgfältig und gründlich sind, andere aber offener für Neues und eher sprunghaft. So ergänzen wir uns und haben am Ende alle mehr davon.

Also, wer ADHS hat, funktioniert nicht schlechter, sondern einfach anders, was in bestimmten Situationen auch total nützlich sein kann. Das Gehirn von Menschen mit ADHS kann manchmal schwerer entscheiden, was gerade wichtig ist und was nicht, hat Schwierigkeiten, über einen längeren Zeitraum konzentriert zu bleiben und braucht ständig Action, um am Laufen zu bleiben.

Das ist oft eine Belastung, auch für das Umfeld. Deswegen gibt es auch Medikamente gegen ADHS. In anderen Situationen kann ADHS aber auch von Vorteil sein. Das sieht auch Philipp so. ADHS ist Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite hat man halt diese bessere Wahrnehmung und bekommt halt alles mit.

Aber auf der anderen Seite kann man halt nicht filtern, was wozu gehört. Wichtig ist, Menschen mit ADHS nicht für ihr Verhalten zu verurteilen und stattdessen offen mit ihnen zu sprechen. Auch über die Unterschiede und wie alle zusammen das Beste daraus machen können. Wenn ihr mehr von Philips Geschichte wissen wollt, könnt ihr sie bei ZDF TV streamen. Der Film heißt Philipp Leben mit ADHS.

Kostenlos und ohne Werbung, im Web und in der TV-App. Ach und bevor ich es vergesse, auch in dieser Folge gibt es wieder ein paar Grußwünsche, die ich erfüllen möchte. Also, Grüße gehen diesmal raus an Julietta, Elise und Peter. Purplus Wissen drin mit Erik ist eine Produktion von Kugel und Niere im Auftrag des ZDF und der Redaktion Purplus.

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