
Wieder was gelernt - der ntv-Podcast
Abwasser im leeren Fluss: Gewässern entgleitet bei Niedrigwasser die Selbstreinigung
Mittwoch, 2. September 2026 · 8 min
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Die Wasserstände an Flüssen wie Rhein, Elbe und Donau sind diesen Sommer historisch niedrig. Das bremst die Industrie aus. Die niedrigen Pegel sorgen auch dafür, dass Rückstände von Medikamenten, Pestiziden und Reinigungsmitteln die Flüsse mehr verschmutzen als sonst.
Gast: Dietrich Borchardt (ufz.de/index.php?de=39119) ist Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Sprecher der Helmholtz-Wasserinitiative und Professor an der Technischen Universität Dresden.
Text und Moderation: Caroline Amme (n-tv.de/20654570)
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Die Wasserstände an Flüssen wie Rhein, Elbe und Donau sind historisch niedrig. Das bremst die Industrie aus. Aber nicht nur. Die niedrigen Pegel sorgen auch dafür, dass Rückstände von Medikamenten, Pestiziden und Reinigungsmitteln die Flüsse verschmutzen. Wie das passiert und warum das so ist, darum geht's in dieser Folge von Wieder was gelernt, dem NTV-Podcast.
Abonnieren Sie den Podcast gern überall, wo es Podcasts gibt. Und wenn Sie wieder was gelernt unterstützen möchten, freuen wir uns über eine Bewertung bei Apple Podcasts oder bei Spotify. Ich bin Caroline Amme. Hallo und willkommen. Gerade mal so hoch wie ein Einwegfeuerzeug war der Rheinpegel bei Kaub Mitte August.
An der wichtigen Messstelle in Rheinland-Pfalz wurde am 17. August ein Tiefstand von 6 cm gemessen. Niedriger noch als der alte Rekord von 25 Zentimetern 2018. Auch die Messstellen am Rhein wie Duisburg oder Düsseldorf hatten im Sommer historische Tiefstände gemeldet. Andere Flüsse wie Elbe oder Donau verlieren ebenfalls immer mehr Wasser.
Das ist nicht nur ein Problem für die Schifffahrt und die Industrie, sondern auch für unsere Gesundheit. Trotz Niedrigwasser leiten die Kläranlagen gereinigtes Abwasser in die Flüsse ein. Es kommt aus Spülmaschinen, aus Duschen oder aus Toiletten. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 9000 Kläranlagen, hat uns Dietrich Borchert vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung gesagt.
Dahinter steckt, dass bei uns über 97 Prozent der Bevölkerung an Kläranlagen angeschlossen sind und damit das häusliche Abwasser, das jeden Tag produziert wird. In Kläranlagen gereinigt wird, aber dann eben als gereinigtes sogenanntes Klarwasser in die Bäche und Flüsse abgeleitet wird. Und das ist flächendeckend verteilt über Deutschland. Und dadurch haben unsere Flüsse einen konstanten Abwasseranteil an gereinigtem Abwasser.
Und der resultiert aus den rund 125 Liter Wasser pro Einwohner und Tag, die wir im Haushalt nutzen und die wir zu Abwasser machen. Und das gilt auch für Gewerbe- und Industriebetriebe. Klarwasser, das klingt nach sauberem Wasser und sieht auch erst mal so aus. Die Klärwerke reinigen das Abwasser, was anfällt, normalerweise in drei Stufen.
Zuerst werden mechanisch grobe Dinge entfernt wie Papier, Speisereste oder Sand. Danach kommt die biologische Reinigung. Mikroorganismen zersetzen Kohlenhydrate, Eiweiße oder Fette. Der letzte Schritt ist die chemische Reinigung. Dabei werden Stickstoff und Phosphor herausgefiltert. 100 Prozent sauber ist das Klarwasser danach aber trotzdem nicht. Dort finden sich Reste von Reinigungsmitteln, Nahrungsergänzungsmitteln oder Pflanzenschutzmitteln.
Auch nicht alles Phosphor wird rausgefiltert. Deshalb kann man das Wasser auch nicht trinken. Wir haben sehr hohe Standards. Das Trinkwasser muss vor allen Dingen hygienisch einwandfrei sein, darf also keine Bakterien, Viren oder ähnliches enthalten. Das ist im gereichten Abwasser nicht der Fall, sondern das sind ganz im Gegenteil eben noch sehr viele Bakterien und Viren enthalten.
Und deswegen kann man zum Beispiel auch im Nahbereich von Kläranlagen in Gewässern nicht baden, weil selbst die Anforderungen für die Qualität von Badegewässern. Nicht erreicht werden. Und dann gibt es eine ganze Reihe von Stoffen, die im Abwasser noch enthalten sind. Dazu gehören auch viele sogenannte Mikroschadstoffe.
Das sind Reststoffe aus Arzneimitteln, aus Hormonen zum Beispiel, die im Abwasser dann noch enthalten sind und zwar in Konzentrationen. Die es einfach verbieten, das zu trinken. Diese Mikroverunreinigungen filtern bisher nur wenige Klärwerke in Deutschland heraus. Auch in sehr niedrigen Konzentrationen hat dieser Chemie-Cocktail negative Auswirkungen auf das Ökosystem und unser Trinkwasser.
Die Artenvielfalt geht zurück und die Tiere werden krank. In sehr vielen Gewässern findet sich zum Beispiel das Schmerzmittel Diclofenac. Es kann für Nierenschäden bei Fischen sorgen. Hormone aus der Anti-Baby-Pille im Wasser beeinflussen die Fortpflanzung von Fischen. Und Phosphor lässt Algen wachsen.
Normalerweise werden all diese Stoffe vom Flusswasser verdünnt. Jetzt aber ist das Mischverhältnis verschoben. Bei niedrigen Pegelständen macht das Klarwasser einen größeren Anteil aus als das natürliche Wasser in den Flüssen. Die höchsten Spurenstoffkonzentrationen treten vor allem bei Niedrigwasser auf, sagt die Bundesanstalt für Gewässerkunde.
Wenn jetzt der Abfluss zurückgeht und wir Trockenzeiten bekommen und wir jetzt an die Nährstoffe denken, dann steigen natürlich die Konzentrationen im Gewässer und dann bekommen wir Algenblüten, z.T. sogar giftige Algenblüten. Das sehen wir jetzt ja auch. Und hinzu kommt, dass eben Gewässer auch unnatürlich warm werden und ökologisch dann einfach nicht mehr stabil sind und die Selbstreinigung auch in den Gewässern entgleisen kann sozusagen.
Und damit haben wir das Problem. Und der zweite Punkt ist, ich sprach ja die 9000 Kläranlagen an und damit stellt sich in einem Fließgewässer die Frage, alles fließt ja stromabwärts. Und damit wird auch das Abwasser von Kläranlagen, das sammelt sich ja in dem gesamten Fluss. Und damit ist es auch immer eine Frage, wie viele Kläranlagen sind denn in einem gesamten Flussgebiet vorhanden. Eine zusätzliche Belastung für die Flüsse und ihre Bewohner sind steigende Wassertemperaturen.
Im Rhein sind Ende August knapp 30 Grad gemessen worden, ähnlich sah es an Main und Oder aus. Höhere Wassertemperaturen bedeuten weniger Sauerstoff. Für viele Lebewesen ist das kritisch. Sie reagieren auch empfindlicher auf eine Schadstoffbelastung. Ein Beispiel für eine gescheiterte Selbstreinigung ist die Umweltkatastrophe in der Oder vor vier Jahren, 2022.
Dort waren mehrere Faktoren zusammengekommen. Ein erhöhter Salzgehalt im Wasser, höhere Temperaturen und niedrige Wasserstände. Die Goldalge hatte sich deshalb massiv vermehrt. Fische und Muscheln waren massenhaft gestorben. Aktuell breitet sich die giftige Goldalge wieder aus, in einem Nebenarm der Oder in Polen.
Bisher sind dort schon vier Tonnen tote Fische geborgen worden. Ein höherer Anteil dieser Mikrospurenstoffe im Wasser ist auch nicht gut für uns Menschen, sagt Dietrich Borchardt. Tendenziell bedeutet es natürlich, wenn die Abwasserkonzentration im Gewässer steigt, dann nimmt auch die Nutzbarkeit einfach ab.
Das geht mittlerweile so weit. Am Rhein gibt es ein ganzes Wasserwerk, das dem Rhein Wasser entnimmt, es zur Trinkwasserqualität aufarbeitet. Um es dann ins Grundwasser gezielt zu infiltrieren, um dann für die Beregnung in der Gemüsewirtschaft benutzt zu werden. Man sieht, man muss großen technischen Aufwand treiben.
Abhängig von der Qualität des Wassers, um es dann weiter nutzen zu können, weil eben zwangsläufig Abwasser- und Abwasserreststoffe in diesem Oberflächenwasser enthalten sind. Diese langlebigen Mikroschadstoffe sollen bald weniger werden. In Zukunft wird eine vierte Reinigungsstufe in Kläranlagen der EU Pflicht.
Bis dahin dauert es aber noch. Von 2033 bis 2045 müssen große Kläranlagen und bestimmte mittelgroße Anlagen sie einbauen. Sie sollen Arzneimittel und Kosmetikrückstände rausfiltern. Das könnte die Mikroverunreinigungen in den Flüssen und Bächen der EU um etwa 44 Prozent reduzieren. Den Hauptanteil dieser vierten Reinigungsstufe in den Kläranlagen soll die Industrie bezahlen.
Also Hersteller von Arzneimitteln und Körperpflegeprodukten. Pharmaunternehmen wehren sich dagegen, sie haben beim Europäischen Gerichtshof Berufung eingelegt. Das war der NTV-Podcast Wieder was gelernt. Alle Folgen finden Sie auf sämtlichen Podcast-Plattformen, zum Beispiel auf Spotify, auf Apple Podcasts oder bei RTL Plus und natürlich in unserer NTV-App.
Ich bin Caroline Amme, danke fürs Zuhören, bis zum nächsten Mal.