Wieder was gelernt - der ntv-Podcast

GAU-Bericht von Jörg Müller: "Tschernobyl war nicht irgendein Reaktor - viele wollten dort zum Praktikum hin"

Samstag, 25. April 2026 · 8 min

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Shownotes

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Jörg Müller baut mit Enertrag in Brandenburg Verbundkraftwerke aus Sonne, Wind, Speicher und grünem Wasserstoff. Vor 40 Jahren war Müller noch ein Anhänger der Atomkraft: Am Energetischen Institut in Moskau studierte er Kerntechnik. Zu dem Studium gehörte ein Praktikum. Das wollte Müller 1987 in Tschernobyl absolvieren: "Das war ja nicht irgendein Reaktor, sondern der modernste der Sowjetunion", sagt er im Podcast. "Viele wollten dort zum Praktikum hin, um ihn in Funktion zu sehen."

Dazu kam es nicht. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor. Im Podcast erzählt Müller, wie er von der Reaktorkatastrophe erfahren hat und was seine Lehren daraus waren.

Gast: Jörg Müller (enertrag.com/de/das-ist-enertrag/aufsichtsrat), Gründer, langjähriger Chef und heutiger Aufsichtsratschef von Enertrag SE

Moderation: Christian Herrmann (n-tv.de/autoren/Christian-Herrmann-article2158…)
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Liebe Hörerinnen, liebe Hörer, an diesem Wochenende jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 40. Mal. Ich war Mittwoch in der Uckermark bei Jörg Müller zu Gast. Das ist der Gründer, langjährige Chef und heutiger Aufsichtsratschef von Enertrag. Enertrag baut in Brandenburg Verbundkraftwerke aus Sonne, Wind, Speicher und grünem Wasserstoff und verspricht seinen Kunden, Von uns bekommt ihr sicheren, günstigen und unabhängigen Strom auf Basis erneuerbarer Energien und zwar 24 Stunden am Tag.

Vor 40 Jahren war Jörg Müller aber noch in Moskau zu Hause. Er hat damals Kerntechnik am Energetischen Institut in Moskau studiert und dazu gehörte unter anderem auch ein Praktikum, das wollte Jörg Müller in Tschernobyl absolvieren. Warum, wie hat er damals von der Reaktorkatastrophe erfahren und was waren seine Lern daraus? Darum geht es in dieser Folge von Wieder was gelernt.

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Ja, willkommen in Dauertal auf dem Lande mitten im Verbundkraftwerk. Wunderbar, vielen Dank. Herr Müller, Ihr Lebenslauf ist ja tatsächlich sehr, sehr spannend. Sie haben Kerntechnik in Moskau am Energetischen Institut studiert, ihre Diplomarbeit zum Thema Reaktorsicherheit geschrieben und hatten dann im Juni 1987 ein Praktikum im Kernkraftwerk Tschernobyl geplant.

Das konnten sie nicht antreten, weil im Jahr zuvor, am 26.04.1986, der Reaktor explodiert ist. Wie haben Sie das damals erlebt? Nun, den Samstag, als das Unglück geschah, haben wir natürlich noch nichts von mitbekommen. Aber kurz danach, in den nächsten Vorlesungen, war das natürlich Hauptthema. Wo waren Sie denn damals, wenn ich fragen darf? In Moskau? In Moskau, ja. Insofern auf der Seite, wo der Wind herkam zu der Zeit.

Bekanntlich ließ ja alles Richtung Westen, was da an und nicht geringen Mengen an hochradioaktivem Material freigesetzt wurde. Ich kann mich daran erinnern, aus der Serie, dass man das, glaube ich, zuerst in Minsk festgestellt hat, die radioaktive Strahlung in der Luft. Ja, und die Skandinavier haben sehr schnell festgestellt, weswegen ja dann auch sehr schnell der Witz kursierte. Anfrage an Sender Jerewan.

Hätte man Tschernobyl verhindern können? Antwort, im Prinzip ja, wenn die Schweden nicht gequatscht hätten. Sehr schön. Und was war Ihr erster Gedanke? Oder wie haben Sie das dann mitbekommen, den 27. April? Wir hatten es sehr schnell danach schon in den Vorlesungen und es war auch sehr schnell klar, dass es komplett menschliches Vorsagen war.

Das war ja nicht irgendein Reaktor, sondern das war eigentlich der modernste Reaktor damals in Russland. Und deswegen wollten viele da auch zum Praktikum hin, um den mal zu sehen, in Funktion. Und die haben es ja tatsächlich hinbekommen, eigentlich im Zuge eines Tests zur Erhöhung der Reaktorsicherheit, sämtliche Sicherheitssysteme außer Kraft zu setzen und dann die Kontrolle zu verlieren.

Also sie wollten den Reaktor sicherer machen und haben genau das Gegenteil erreicht. Genau das Gegenteil erreicht. Ich habe dann später auch die Berichte von Hans Blix intensiv studiert. Die habe ich auch noch im Schrank stehen. Er war ja damals die Nationale Atomenergiebehörde. Und der viel später dann erschienene Film, den Sie gerade ansprachen, ist im Grunde vollkommen richtig.

Und wann war Ihnen persönlich klar, ja, das mit meinem Praktikum, das wird nichts mehr? Sehr schnell. Schon wenige Tage danach war dann klar, da kann niemand mehr hin. Es wurden ja dann nur noch die russische Armee da verheizt sozusagen. Im Minutentakt mussten dann die Soldaten dort die Trümmer wegräumen, weil mehr als eine Minute durfte kein Mensch da mehr sein. Ich glaube, die Informationskultur in der Sowjetunion, man kann sie beschreiben als nicht besonders offen.

Haben Sie, weil Sie das studiert haben, mehr Informationen gehabt als, sage ich mal, so die normale? Wir hatten die Information natürlich eher, ja. Aber bei solchen großen Unglücken spricht ja niemand gern drüber. Als in Fukushima der Reaktor explodiert war und am Samstagmorgen die Bilder zu sehen waren, habe ich sofort gesagt, das ist eine Kernschmelze.

Die Explosion ist Wasserstoff, das sieht man. Und auch die japanische Regierung hat dann drei Wochen gebraucht, das zuzugeben. Also es macht keinen Unterschied, ob Sowjetunion oder westliche Demokratie oder in dem Fall östliche Demokratie. Na gut, heute mit so vielen sozialen Medien dürfte sich jedes größere Unglück in Sekundenschnelle verwalten.

Haben Sie Ihr Praktikum dann in einem anderen Kernkraftwerk noch nachgeholt? Ich war dann in Boronius. Das ist auch ein ganz anderer Typ. Das ist ja ein Druckwasserreaktor. Tschernobyl ist ein Südwasserreaktor. Aber die Größe war die gleiche, beides 1000 Megawatt-Lücke. Aber für Sie war damals noch nicht klar, das mit der Atomenergie, das lassen wir lieber bleiben.

Erstmal der Karrierevater wird weiterverfolgt. Der Grund, warum wir die Kernspaltung aufgegeben haben, war ja gar nicht so sehr das Risiko. Also wir hatten ja bekanntlich erst zwei wirklich schlimme Unglücke in der Geschichte der Kernspaltung. Der eigentliche Grund war, dass wir die Kernfusion nicht in den Griff bekommen.

Weil Uran ist durchaus endlich. Würde auch gar nicht reichen, um die gesamte Erde mit Energie zu versorgen. Die Kernspaltung ist ja weltweit nie über zwei Prozent am Weltenergieverbrauch, nie darüber hinaus gekommen. Es waren immer nur schlappe 2%. Und es sollte eine Brücke sein in die Kernfusion. Und mehrere Millionen Grad auf der Erde unter Kontrolle zu bringen, gelingt uns bis heute nicht.

Und auch wenn immer wieder jemand hervortritt und meint, na ja, in 20, 30 Jahren haben wir es vielleicht geschafft, steht zu vermuten, dass auch in 30 Jahren wieder jemand aufstehen wird und sagen wird, in 30 Jahren könnten wir es geschafft haben. Aber ohne das Ziel, Kernfusion, ergab die Kernspaltung überhaupt keinen Sinn mehr, weil uns war ja klar, damit kommen wir sowieso nicht ewig hin. Geht nicht.

Und damit blieb uns eigentlich 1990 aus rein wissenschaftlicher Sicht nur noch der Weg zu Solar- und Windenergie. Was anderes haben wir nicht. Nur wissenschaftliche Sicht oder damals auch schon ökonomische Sicht? Ja. Ökonomisch war ja die Kernenergie immer ein bisschen schwer zu verstehen. Wir haben uns immer schön gerechnet, weil natürlich sehr, sehr viel staatliche Mittel reingeflossen sind.

Und das darf man auch wirklich nicht vergessen, Kernspaltung und Kernwaffen sind nicht voneinander zu trennen. Wer Kernspaltung betreibt, hat Plutonium. Wer Plutonium hat, kann Kernwaffen bauen. Im Grunde hat also die Rüstung, die Herstellung von Kernwaffen die ganze Zeit auch die Kernspaltung subventioniert.

Die Verteidigungsindustrie, so eine Quersubventionierung praktisch. Genau. Das eine ist vom anderen nicht wirklich zu trennen. Das war wieder was gelernt für heute. Das gesamte Interview mit Jörg Müller gibt es in unserem anderen Podcast im Klimalabor. Dort erfahren Sie dann, was genau das ist mit diesen Verbundkraftwerken, wie das funktioniert. Ohne Gaskraftwerke 24 Stunden am Tag planbar zuverlässig und bedarfsgerecht Strom zu liefern.

Und wie Jörg Müller die Zukunft der deutschen Energiewende einschätzt. Auf Wiederhören.

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