Wieder was gelernt - der ntv-Podcast

Negative Strompreise: Das passiert, wenn Sonnenstrom das Netz flutet

Freitag, 22. Mai 2026 · 13 min

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Shownotes

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Deutschland kämpft mit einem neuen Energieproblem: An sonnigen Feiertagen wie dem 1. Mai flutet Solarstrom das Netz. Die Preise fallen ins Bodenlose. Das Stromnetz läuft am Limit.

Was passiert, wenn Strom plötzlich minus 85 Cent pro Kilowattstunde und weniger kostet? Und wie wahrscheinlich ist ein Stromausfall?

Gast: Leonhard Gandhi (linkedin.com/in/leonhard-gandhi-4b2666284), Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Der Diplom-Ingenieur leitet die Plattform Energy-Charts (energy-charts.info). Diese erfasst zahlreiche Daten zu Stromsystem, Stromproduktion und Stromverbrauch in ganz Europa.

Moderation: Christian Herrmann (n-tv.de/autoren/Christian-Herrmann-article2158…)
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Deutschland kämpft mit einem neuen Energieproblem. An sonnigen Feiertagen wie dem 1. Mai flutet Solarstrom das Netz. Die Preise fallen ins Bodenlose. Das Stromnetz läuft am Limit. Was passiert, wenn Strom plötzlich minus 85 Cent die Kilowattstunde und noch weniger kostet? Und wie wahrscheinlich wird an solchen Tagen ein Stromausfall?

Darum geht es in dieser Folge von Wieder was gelernt. Abonnieren Sie den Podcast gerne überall, wo es Podcasts gibt. Und wenn Sie wieder was Gelernte unterstützen möchten, dann freuen wir uns immer über eine Bewertung bei Apple Podcasts oder Spotify. Dankeschön. Ich bin Christian Herrmann. Hallo und herzlich willkommen.

Am 30. April leuchten alle Warnsignale des deutschen Strommarktes auf. An die 5 Millionen Besitzerinnen und Besitzer von Solaranlagen in Deutschland. Wenn ihr etwas Gutes für Versorgungssicherheit, Energiewende und Bundeshaushalt tun wollt, schaltet morgen eure Solaranlage ab, warnen Energieexperten.

Denn der Wetterbericht zeigt für den 1. Mai Sonne pur an. Deutschland aber fährt herunter. Am Tag der Arbeit steht die Wirtschaft still. Die deutschen Solaranlagen laufen trotzdem und erzeugen Strom, den niemand benötigt. An der Strombörse fallen die Preise deshalb zwischenzeitlich auf minus 85 Cent je Kilowattstunde.

Stromverbrauch bringt plötzlich bares Geld. Berichten zufolge verdienen einzelne Haushalte, die am 1. Mai ihren Heimspeicher zum Beispiel auffüllen, 30 bis 40 Euro. Aber die Solarflut hatte eine Kehrseite. In Deutschland sind die Netzbetreiber für den Netzbetrieb und somit für die funktionierende Stromversorgung verantwortlich.

Sie warnen bereits seit einiger Zeit, dass wir das Netz an sonnigen Feiertagen wie dem 1. Mai am Limit betreiben. Dabei sind es nicht nur Solaranlagen, die am 1. Mai oder an Pfingsten unnötigen Strom erzeugen. Das sagt Leonard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme. Er beobachtet den deutschen Strommarkt für die Energieplattform Energy Charts ganz genau.

Es gibt halt verschiedene Konstellationen, wie so Kraftwerke oder Vermarkter Strommengen zu dem maximal negativen Preis vermarkten. Das ist in aller Regel, wenn man eben die Anlage nicht steuern kann oder nicht steuern will. Ein typisches Beispiel ist ein thermisches Kraftwerk, was Wärme produzieren muss, um seine Kunden zu beliefern und das produziert quasi Strom unabhängig vom Börsenstrompreis und möchte immer Strom produzieren, weil die Menge quasi geliefert werden muss an Wärme und die stellen dann quasi im Verkaufsgebot zu minus 500 Euro die Megawattstunde ein.

Ein anderes Beispiel bei den Erneuerbaren sind die Energiemengen aus der festen Einspeisevergütung von kleinen PV-Anlagen zum Beispiel. Die werden eben über die Übertragungsnetzbetreiber zu minus 500 Euro die Megawattstunde vermarktet, weil die eben auch marktlich nicht abgeregelt werden. Strom wird in Deutschland und Europa wie ein Rohstoff an einer Börse gehandelt.

Das Prinzip ist immer dasselbe, egal ob Aluminium, Getreide oder auch Erdöl oder eben Strom. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. In Europa gibt es für Strom zwei Handelsplätze. Die EPEX Spot in Paris ist auf den kurzfristigen Stromhandel spezialisiert. Die EEX in Leipzig auf den langfristigen, also auf den Terminmarkt.

Am Terminmarkt können sich Stromversorger oder Unternehmen Strom bereits Monate oder sogar Jahre im Voraus besorgen. Für Stromversorger sind die langfristigen Vereinbarungen die Grundlage für die bekannten Einjahresverträge mit Preisgarantie, die sie Privatkunden anbieten. Bei diesen Verträgen zahlt man nie den günstigsten Preis, aber man macht sich auch von Energieschocks z.B. unabhängig.

Haushalte, aber auch Unternehmen wissen immer, mit welchen Kosten Sie kalkulieren müssen. Am Spotmarkt, dem kurzfristigen Markt in Paris, wird der Strom dagegen zur sofortigen Auslieferung gehandelt. Am Day-Ahead-Markt kaufen und verkaufen Erzeuger und Abnehmer den Strom einen Tag vor der Auslieferung.

Am Intraday-Markt sind Angebot und Nachfrage noch flexibler. Dort wird der Strom noch am selben Tag geliefert. Speziell beim kurzfristigen Handel spielen deshalb Wettermodelle eine entscheidende Rolle. Von Wind- und Sonnenschein hängt ab, ob Windräder und Solaranlagen mehr, weniger oder gar keinen Strom erzeugen, der verkauft und abgenommen werden kann.

Außerdem sind Verbrauchsmuster wichtig, um Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. An einem Feiertag wie dem 1. Mai ist der Stromverbrauch nur halb so hoch wie an einem Werktag, weil einfach nicht gearbeitet wird. Gleichzeitig ist im Frühjahr die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Sonne scheint.

Viele Solaranlagen laufen also wie in diesem Jahr auf Hochtouren. Im Spotmarkt, der Strombörse für den kurzfristigen Handel, entsteht somit ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Dieses Problem versucht der Markt wie am 1. Mai mit negativen Strompreisen zu lösen, um unnötige Eingriffe in das Stromnetz zu vermeiden.

Zuerst mal wird der Strompreis minus 500 Euro die Megawattstunde sein. Dann gibt es eben verschiedene Stromvermarkter, die den Strom nicht verkauft bekommen haben. Und die haben natürlich dann die Möglichkeit, ihre Anlagen doch irgendwie abzuregeln oder eben dann am sogenannten Intraday-Handel den Strom noch zu verkaufen.

Da gibt es dann eine deutlich höhere Preisgrenze bei 10.000 Euro die Megawattstunde, also nochmal deutlich höher. Und wenn sie das auch nicht schaffen, dann hat der Markt sozusagen versagt und dann können die Netzbetreiber aber auch eingreifen und diese Steuerungseinrichtungen, die sie verfügbar haben, um zum Beispiel lokale Überlastungen zu vermeiden, können die dann tatsächlich einsetzen, um Anlagen auch abzuregeln.

Das Angebot dieser Vermarkter ist groß und unterschiedlich. Große Kraftwerke werden zumeist von den Betreibern selbst vermarktet, das sind die großen Energiekonzerne. Bei privaten Haushalten mit Solaranlage, Wärmepumpe und Smart Meter übernehmen neuere Energieunternehmen wie Enpal oder 1,5 Grad die Vermarktung.

Windparks oder große Solarparks können einen Vertrag mit einem Direktvermarkter ihrer Wahl abschließen. Die würden Solaranlagen abregen, damit ihre Kunden den Strom nicht zu negativen Preisen verkaufen und Geld verlieren. Die Ausnahme von diesem System sind Besitzer von alten Solaranlagen, also die ersten, die wir in Deutschland gebaut haben.

Sie bekommen eine feste Einspeisevergütung, wenn sie Strom einspeisen, unabhängig davon, ob das Netz schon voll ist. Die Besitzer dieser Anlagen können theoretisch auf die Vergütung verzichten und ihren Strom ebenfalls an der Börse vermarkten lassen. Das ergibt finanziell für sie aber meist keinen Sinn, denn bei alten Solaranlagen liegt die Einspeisevergütung häufig noch bei mehr als 10 Cent je Kilowattstunde.

In diesem Fall müssen die Übertragungsnetzbetreiber die Suppe auslöffeln. Sie müssen den Strom an der Börse praktisch verramschen, um ihn überhaupt loszuwerden. Mit den negativen Preisen von wenigen Cent bis minus 10 Euro die Kilowattstunde zeigen sie anderen Markthernehmern an, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um unseren Strom zu verbrauchen, anstatt eigenen zu erzeugen.

Ihr bekommt doch sogar Geld dafür. Das hat am 1. Mai auch funktioniert. Die Negativpreise von minus 85 Cent je Kilowattstunde haben Angebot und Nachfrage wieder in Einklang gebracht. Aber was passiert, wenn das nicht funktioniert? Dann dürfen die Übertragungsnetzbetreiber die Solaranlagen aus der Ferne ausschalten, um eine lokale Netzüberlastung und somit partielle Stromausfälle zu verhindern.

Und reicht auch das nicht aus, hat das Stromnetz sogar eine Art Notbremse. Die deutschen Solaranlagen fahren sich von alleine herunter. Die Schätzung ist etwa 63 Prozent der installierten Leistung ist steuerbar durch Direktvermarkter für marktliche Abregelung oder durch die Netzbetreiber für Netzstabilitätsmaßnahmen.

Tatsächlich, Abregeln bei zu hoher Frequenz tun alle Wechselrichter in Deutschland, also selbst von Altanlagen, das war früher nicht der Fall, aber selbst alle Altanlagen wurden nachgerüstet, dass die quasi schrittweise mit steigender Frequenz die Einspeiseleistung reduzieren. Soweit wird es aber nie kommen, sagt Leonard Gandhi. Denn um genau dieses Szenario zu verhindern, haben Robert Habeck und die Ampel kurz vor ihrem Ende noch das Solarspitzengesetz auf den Weg gebracht.

Seit Februar 2025 bekommen neue Solaranlagen keine Einspeisevergütung mehr, wenn die Strompreise negativ sind. Die Besitzer haben somit keinen wirtschaftlichen Anreiz, an Tagen wie dem 1. Mai einzuspeisen und das Netz unnötig zu belasten. Für sie ist es lohnenswerter, die Solaranlage auszuschalten und Fremdenstrom zu verbrauchen und damit z.B.

Den Speicher aufzuladen. Schärfere Regeln gelten für Haushalte, deren Anlage nicht einmal mit einer Steuerbox ausgestattet sind, sodass die Netzbetreiber sie wie erklärt aus der Ferne ausschalten können. Diese Anlagen dürfen grundsätzlich nur 60% ihrer Leistung einspeisen, sind also gedrosselt unterwegs, um den sicheren Netzbetrieb zu gewährleisten.

Aber ungesteuerte kleine Solaranlagen waren am 1. Mai gar nicht das Problem. Neben den großen thermischen Kraftwerken, die Wärme liefern mussten und deshalb nicht heruntergefahren werden konnten, haben Leonard Gandhi zufolge vor allem große Solaranlagen das Netz geflutet. Obwohl ihr Strom an der Börse gehandelt wird und sie somit eigentlich keinen wirtschaftlichen Anreiz hatten, das nicht zu tun.

Sie haben durch die negativen Strompreise nämlich mit jeder Kilowattstunde, die sie eingespeist haben, Geld verloren. Diese Anlagen sind auch steuerbar, weil das große PV-Pack sind, große Dachanlagen. Das heißt, hier besteht tatsächlich sehr hoher Handlungsbedarf, dass diese Vermarktung deutlich sinnhafter stattfindet.

Also dass quasi die Vermarkter hier nicht Geld verbrennen und auch noch Kosten für die Allgemeinheit verursachen. Also hier muss wirklich der Fokus drauf liegen. Kandi zufolge beruht das schädliche Verhalten auf einem Missverständnis. Beispielsweise dürfen Unternehmen, die eine eigene PV-Anlage, aber mehrere Standorte haben, den erzeugten Solarstrom auf alle Standorte verteilen, rechnerisch jedenfalls, also auf dem Papier.

In der eigenen Strombilanz sieht es anschließend so aus, als hätte das Unternehmen seinen erzeugten Strom komplett selbst verbraucht. Tatsächlich aber wurde der Strom, der am Erzeugungsstandort nicht benötigt wurde, in das bereits volle Stromnetz eingespeist. Die anderen Standorte haben Strom bezogen, der anderswo herkam.

Energieexperte Leonard Gandhi hofft, dass der 1. Mai für solche Fälle für einen Aha-Effekt gesorgt hat und die zuständigen Stromvermarkter wachrüttelt. Die gute Nachricht ist, es drohen trotzdem keine Blackouts. Das Problem wird sich in den kommenden Jahren nicht einmal dramatisch verschärfen, auch wenn immer mehr Solaranlagen in Betrieb genommen werden.

Dazu trägt das Solarspitzengesetz bei. Außerdem werden nicht nur Solaranlagen, sondern auch immer mehr Batteriespeicher installiert, die den Strom an sonnigen Feiertagen aufnehmen können. Die offene Frage ist nur, wie schnell werden diese Speicher in Betrieb genommen, Vor allem, wenn es sich um größere handelt, das muss die Politik klären.

Insofern muss niemand aus Panik seine private Solaranlage abschalten, wenn sich der nächste sonnige Feiertag ankündigt. Man kann aber darauf achten, wenn man nett ist und das sogar einstellen, sagt Leonard Gandin. Wenn ich jetzt aber meine eigene PV-Anlage habe, würde ich allen empfehlen, programmieren Sie Ihre Hausautomatisierung so, dass Sie in solchen Fällen möglichst einspeichern, Sie möglichst selbst verbrauchen und wenn trotzdem eingespeist werden muss, eventuell auch abregeln.

Das kann jeder, der sich damit auskennt, auch machen. Damit machen sie was Gutes für die Allgemeinheit. Wenn sie eine feste Einspeisevergütung bekommen, verlieren sie damit etwas Geld. Aber es gibt eben viele Anlagenbetreiber, die machen das jetzt nicht primär fürs Geld. Es gibt seit dem Solarspitzengesetz sogar die Option, gegenüber den Netzbetreibern zu erklären, dass man auf Vergütung bei negativen Preisen verzichtet und bekommt damit eine leicht erhöhte Einspeisevergütung. Das ist vielleicht auch eine Option.

Das heißt, es bringt schon was, es ist aber jetzt nicht Ursache des Problems. Falls Sie also eine Solaranlage besitzen, schauen Sie doch mal nach, wie Ihre Einstellungen sind. Jetzt, kurz bevor ein sonniges Pfingsten vor der Tür steht. Wir wünschen Ihnen auf jeden Fall einen angenehmen Feiertag. Das war wieder was gelernt. Ich bin Christian Herrmann. Tschüss und bis zum nächsten Mal.

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