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Russische Kraftstoffkrise: Telegram ist Russlands neue Tankstelle

Samstag, 18. Juli 2026 · 10 min

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Shownotes

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Russland gehört zu den großen Ölnationen der Welt. Doch an russischen Tankstellen herrscht seit einigen Wochen vielfach Ebbe: Ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien zeigen Wirkung. Benzin und Diesel gehen aus. Die russische Führung scheint hilflos. Viele Russinnen und Russen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Auf Telegram kaufen und tauschen sie Kraftstoffe.

Moderation: Christian Herrmann (n-tv.de/autoren/Christian-Herrmann-article2158…)
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Russland gehört zu den großen Ölnationen der Welt. Doch in russischen Tankstellen herrscht seit einigen Wochen vielfach Ebbe. Ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien zeigen Wirkung, Benzin und Diesel gehen aus. Die russische Führung scheint hilflos. Viele Russinnen und Russen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand.

Darum geht es in dieser Folge von Wieder was gelernt. Abonnieren Sie den Podcast gerne überall, wo es Podcasts gibt. Und wenn Sie wieder was gelernt unterstützen möchten, freuen wir uns über eine Bewertung bei Apple Podcasts oder Spotify. Ich bin Christian Herrmann, hallo und herzlich willkommen. Der Besuch an der Tankstelle ist derzeit für viele russische Autofahrerinnen und Autofahrer eine Belastungsprobe.

Entweder sie treffen auf ewig lange Schlangen oder auf leere Zapfsäulen oder beides. In der sibirischen Großstadt Irkutsk zum Beispiel berichten Autofahrer von zwölf Stunden Wartezeit, ohne zu wissen, ob noch Benzin oder Diesel vorhanden ist, wenn sie dran sind. Im Fernosten hat ein Hubschrauber aus der Luft in der Region Transbaikalien eine kilometerlange Blechlawine gefilmt, in der es 28 Stunden bis zur Zapfsäule dauerte.

Selbst im sonst bestens versorgten Moskau ist Geduld angesagt. In der russischen Hauptstadt stehen Autofahrer mit leerem Tank ebenfalls schon mal zwei Stunden lang in der Schlange, weil die Tankstelle einfach nicht öffnen will. Ob sie anschließend tatsächlich Benzin oder Diesel abbekommen, das ist unklar, sagen die Autofahrer, wie wir berichtet haben.

Es gibt jede Menge Leute, die Schlange stehen. Ob es Benzin gibt, weiß ich nicht. Überall stehen die Leute Schlange. Ich muss mich in die Schlange einreihen, weil das Auto kein Benzin mehr hat. Das ist schrecklich, wirklich traurig. Ein Land, das Öl fördert, aber kein Benzin hat. Wie ist das überhaupt möglich?

Russland geht der Kraftstoff aus. Eine der größten Erdöl-Nationen unserer Zeit sitzt auf dem Trocknen. Ukrainische Drohnen haben mindestens acht der zehn größten Raffinerien des Landes außer Gefecht gesetzt. Das kann selbst Wladimir Putin nicht länger leugnen. Mitte Juni stiegen die russischen Benzinpreise innerhalb einer Woche so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr an.

Auf der annektierten Krim musste der Kraftstoffverkauf Mitte Juni sogar vorübergehend von den Behörden gestoppt werden. Es gab schlicht keinen mehr. Der Tourismus auf der bei der russischen Urlaubern beliebten Halbinsel wurde ebenfalls vorläufig bis September ausgesetzt. Die nächste Hiobsbotschaft kam Anfang Juli. Russland musste den Export von Diesel verbieten.

Den Verkauf von Benzin und Kerosin ins Ausland hatte Russland bereits vorher eingeschränkt. Und die Bevölkerung, die scheint den russischen Präsidenten persönlich für die Krise verantwortlich zu machen, wie unser Russland-Korrespondent Rainer Munz erklärt. Die Meinungsumfragen in Russland, naja, darauf kann man sich ja nicht verlassen.

Das ist doch klar in so einer Situation, in der oppositionelle Äußerungen mit repressiv behandelt werden, da drückt ja eigentlich so gut wie niemand seinen Widerstand gegen das aus, was vom Kreml kommt. Und doch, wenn man dann mal auf die Tendenzen schaut, dann wird es schon interessant. Das Institut für Meinungsforschung, staatlich, absolut kremlnah, deckungsgleich mit dem, was aus dem Kreml kommt, stellt fest, vom 19. bis zum 21.

Juni hat man 1500 Menschen befragt. Und die Zustimmungsrate von Wladimir Putin sinkt um 5 Prozent. Und das ist das Interessante, dass die Werte zurückgehen, dass mehr Menschen, 18 Prozent jetzt, Wladimir Putin nicht vertrauen mehr. Also diese gesungene Zustimmung zu ihm, die steht auf einem Stand, der war noch nie so niedrig seit Beginn des Ukraine-Krieges.

Ja, das schlägt sich nieder. Ich merke es in den täglichen Gesprächen. Und auch die staatlichen Meinungsumfrageinstitute können nicht mehr verleugnen, dass die Menschen mit dem, was jetzt gerade passiert, überhaupt nicht zufrieden sind. Die Unzufriedenheit drückt sich auch auf andere Art und Weise aus.

An Tankstellen gehen frustrierte Autofahrer immer häufiger aufeinander los. Es gibt immer mehr Benzin- und Dieseldiebstähle. Und viele Russinnen und Russen nehmen ihr Schicksal inzwischen selbst in die Hand. Es hat sich ein Grau- und Schwarzmarkt für Kraftstoffe entwickelt. Telegram ist die neue Tankstelle. Das hat die Novaya-Gazette Europa Anfang Juli berichtet.

Etliche Kanäle seien voll mit Anzeigen und Nachrichten von Leuten, die Kraftstoffe anbieten oder verkaufen wollen. Vor allem auf der Krim ist das Interesse demzufolge groß. Die Verkäufer versprechen, dass das Benzin direkt zu den Autos der Käufer geliefert wird. Oft erfolgt die Lieferung per Taxi. Die Verkäufer versprechen eine Lieferung innerhalb von vier Stunden, zumindest wenn ein Teil der Summe im Voraus bezahlt wird.

Die Novaya Gazeta Europa hat eins der Angebote verfolgt. In der russischen Großstadt Krasnodar, etwa 200 Kilometer östlich der Krim gelegen, wird ein Tanklaster mit Benzin gefüllt. Auf dem Weg nach Moskau legt er dann planmäßig mehrere Zwischenstops ein und verteilt den Kraftstoff an diejenigen, die ihn vorher auf Telegram bestellt und bezahlt haben.

Die Zeitung konnte allerdings nicht verifizieren, ob die Käufer ihre Bestellung auch tatsächlich erhalten haben. Inzwischen werden die Angebote dem Bericht zufolge ausgefeilter. Wer sich auf Telegram über Benzin informiert, der stößt schnell auf eine App namens Kanistertausch. Nutzer können russlandweit Interesse an Benzin anmelden oder ein Angebot für Benzin und Diesel einstellen und über die App einen passenden Tauschpartner finden.

In der App bieten Käufer Stand Mitte Juli 150 Rubel pro Liter für Benzin auf der Krim und 100 Rubel in Moskauer Vororten. Das entspricht einem Euro 69 je Liter und einem Euro 12 je Liter. Für deutsche Verhältnisse ist das ein Schnäppchen, für russische ist das Wucher. Denn im Schnitt kostet Benzin trotz der jüngsten Preisspünge an den Tankstellen des Landes immer noch umgerechnet gut 80 Cent für einen Liter Benzin.

Wenn man denn Benzin ergattern kann. Die russische Regierung ist von den Kraftstoffangeboten nicht begeistert. Sie reagiert eher verzweifelt darauf. Der russisch-föderale Anti-Monopol-Dienst hat etwa angekündigt, mit den Amazon-ähnlichen Online-Marktplätzen Ozone, Wildberries und Avito zusammenzuarbeiten, um dort Angebote zum Kraftstoffverkauf zu entfernen.

Die Behörde droht privaten Benzinverkäufern mit Geldstrafen. Sie hat außerdem ein Kartellverfahren gegen drei Ölhandelunternehmen eingeleitet. Ihnen wird vorgeworfen, gemeinsam Kraftstoff gehamstert und zu überhöhten Preisen weiterverkauft zu haben. Außerdem hat die russische Regierung Anfang Juli ein Notverordnungsdekret verabschiedet.

Das erlaubt, dass auch altes und schmutziges Euro-3-Benzin verkauft werden darf. Das ist eigentlich nicht mehr in Russland erlaubt. Seit 2016 gilt die Euro-5-Norm als Standard. Laut der russischen Wirtschaftszeitung Kommersant wird sogar überlegt, auch Kraftstoff der Euro-2-Norm zuzulassen. Der ist seit 2013 in Russland verboten.

Experten waren laut der Novaya Gazeta Europa vor diesem Schritt. Sie befürchten mehr Krankheiten durch die schlechtere Luftqualität in der Bevölkerung. Außerdem schadet das schmutzige Benzin Fahrzeugen mit modernen Motoren. Die sind dafür nicht mehr ausgelegt. Doch das Kernproblem, das löst die russische Regierung mit den Strafen und den Verordnungen nicht.

Die Ukraine kann scheinbar ungehindert russische Raffinerien attackieren und damit den heimischen Kraftstoffmarkt ins Chaos stürzen und gleichzeitig Putins wichtigste Einnahmequelle für den russischen Angriff auf die Ukraine torpedieren. Die russische Bevölkerung jedenfalls will nicht länger stundenlang auf einem Platz an der Zapfsäule warten, so scheint es jedenfalls, und wird deshalb nicht nur auf dem Grau- oder auf dem Schwarzmarkt von Telegram aktiv, sondern auch legal.

Viele Russinnen und Russen bauen sich einen Gastank ein, weil das günstiger ist als Benzin, und rüsten ihr Auto auf Autogas um. Im Gespräch mit NTV hat Werkstattinhaber Sergej Medvedev den Andrang beschrieben. Es gab eine Flut von Anrufen, über 150 pro Tag. Es war ein Negativrekord. Warum? Weil wir schlichtweg nicht die Kapazität haben, so viele Anrufe zu bearbeiten.

An einem einzigen Tag gingen 276 Anrufe bei uns ein. Natürlich konnten wir davor nur etwa 30 bis 40 bewältigen. Wie Reuters berichtet, folgen viele Russinnen und Russen auch dem deutschen oder dem europäischen Beispiel während des Iran-Kriegs. Sie strömen in Scharen in die Autohäuser, um E-Autos zu kaufen, bevorzugt günstige chinesische Modelle.

Der Umstieg ergab bisher durch die ultragünstigen Benzinpreise wenig Sinn. Die ukrainischen Drohnenangriffe haben die Rechnung auf den Kopf gestellt. Ein russischer Autohändler, der sich auf chinesische Marken spezialisiert hat, berichtet bei Reuters. Er macht jeden Tag den Umsatz eines ganzen Monats.

Das war wieder was gelernt. Ich bin Christian Herrmann. Tschüss und bis zum nächsten Mal.

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