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Teure Institution: Wofür brauchen wir eigentlich noch Apotheken?

Dienstag, 14. Juli 2026 · 9 min

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Immer mehr Apotheken in Deutschland schließen. Die neue Apothekenreform soll die Entwicklung stoppen. Doch die Konkurrenz scheint übermächtig: Versandapotheken, Drogerieketten und Discounter drängen in den lukrativen Markt. Aus Hessen kommt ein radikaler Vorschlag: Die meisten Apotheken können weg.

Text und Moderation: Caroline Amme (n-tv.de/20654570)
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Immer mehr Apotheken in Deutschland schließen. Die neue Apothekenreform soll die Entwicklung stoppen. Doch die Konkurrenz scheint übermächtig. Versandapotheken, Drogerieketten und Discounter drängen in den lukrativen Markt. Aus Hessen kommt ein radikaler Vorschlag. Die meisten Apotheken können weg. Darum geht's in dieser Folge des Antifa-Podcasts Wieder was gelernt.

Abonnieren Sie den Podcast auf den bekannten Podcast-Plattformen wie Spotify, Apple Podcasts oder RTL Plus oder hören Sie direkt bei uns in der NTV-App rein. Ich bin Karoline Amme. Hallo und willkommen. Sie sind meist unser wichtigster Anlaufpunkt, wenn es um Medikamente geht. Apotheken verkaufen und beraten zu Pillen, Zäpfchen und Cremes und stellen auch selbst welche her.

Apotheken sollen jetzt zu abgespeckten Arztpraxen mutieren. Seit Anfang Juli gilt die Apothekenreform. Die erlaubt, dass sie mehr Leistungen anbieten. Nicht nur Grippe oder Corona-Impfung, sondern auch solche mit Totimpfstoffen. Sie dürfen Blut abnehmen, Schnelltests und Vorsorgeuntersuchungen machen.

Das ist eine Art Rettungsmission. Die Apothekenreform soll das Apothekensterben in Deutschland stoppen. Denn immer mehr von ihnen machen zu. Seit 2013 musste jede fünfte Apotheke schließen. Vergangenes Jahr waren es rund 500 Apotheken. Vor allem auf dem Land ist das ein Problem. Das liegt vor allem daran, dass sich das Honorar für die Apothekerinnen und Apotheker viele Jahre nicht geändert hat, meint Thomas Preiß, der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Die Apotheken sind in den letzten Jahren ja viel zurückhaltend gewesen. Alle Branchen im Gesundheitswesen, Ärzte, Krankenhäuser bekommen jedes Jahr Erhöhungen. Die Apotheken haben in den letzten 20 Jahren eine Erhöhung, nämlich vor 13 Jahren, um 3 Prozent bekommen. Deshalb kommt eine Erhöhung des Honorars jetzt ganz, ganz schnell.

Und danach werden Apothekerinnen und Apotheker mit den Krankenkassen die neuen Honorare jedes Jahr verhandeln. Das ist wichtig, damit Apotheken weiter leistungsfähig bleiben. Denn jeder Bürger braucht irgendwann mal ein-, zwei- oder dreimal im Jahr auf jeden Fall eine Apotheke für schnell notwendige Antibiotika, für Schmerzmittel, für Fiebermittel.

Ein Gesundheitssystem kann nur resilient und stabil sein, wenn es auch ein gutes Apothekensystem gibt. Anders als eigentlich von der Koalition geplant, ist der fixe Betrag Anfang Juli gestiegen. Pro rezeptpflichtige Packung bekommen die Apotheker 9 Euro, statt wie bisher 8,35 Euro. Ab Januar soll das Honorar dann nochmal steigen auf 9,50 Euro.

Das Ganze kosten die gesetzlichen Krankenkassen dieses Jahr 250 Millionen Euro mehr und nächstes Jahr 875 Millionen Euro extra. Zusätzlich dürfen die Apotheken auf den Medikamentenpreis noch 3 Prozent Gewinnmarge aufschlagen. Die Apotheken machen den Großteil, über 80 Prozent ihres Umsatzes, mit verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Das Problem ist, die Vor-Ort-Apotheken sind nicht mehr die einzigen, die rezeptpflichtige Medikamente verkaufen dürfen. Auch Online-Apotheken sind in das Geschäft eingestiegen. Das E-Rezept macht es möglich. Die Menschen scheinen mit dem Angebot zufrieden zu sein. Die Nachfrage steigt. Online-Apotheken wie Red Care Pharmacy, früher Shop-Apotheke, und Doc Morris haben vergangenes Jahr 6% mehr Umsatz gemacht.

Auch andere Branchen sind auf das lukrative Geschäft mit Medikamenten aufmerksam geworden. Die Drogeriekette DM betreibt seit Dezember eine eigene Online-Apotheke mit rezeptfreien Lebensmitteln. Konkurrent Rossmann will nachziehen und zum Jahresende eine Online-Apotheke starten. Dort sollen Kassenpatienten auch E-Rezepte einlösen können.

Laut dem Handelsblatt bereitet sich auch Lidl auf den Einstieg in den Online-Handel mit rezeptfreien Medikamenten vor. Handelsexperte Carsten Korthum von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg-Hallbronn ist im MDR überzeugt. Bald bieten auch Discounter und Supermärkte Arzneimittel an. Zwischen Drogerien und Apotheken gibt es in den Sortimenten schon große Annäherungen.

Das kann man auch ganz gut vergleichen mit der Annäherung von den Drogerien und den Lebensmittelhändlern. Die Lebensmittelhändler haben jetzt auch die Drogeriesortimente mit reingenommen und die Drogerien verkaufen inzwischen auch Lebensmittel. Also da gibt es gerade so in diesem Dreiergestirn natürlich schon recht große Annäherungen und was dann eigentlich noch fehlt in diesem Dreieck ist, dass der Lebensmittel einzeln handelt.

Wo wir ja zwei- bis dreimal die Woche einkaufen und eigentlich ja auch unsere Drogerieprodukte mitkaufen, da zukünftig auch die Gesundheitsprodukte mitkaufen. Aber wenn Nasenspray und Hustenlöser nach Hause geliefert werden, brauchen wir Apotheken überhaupt noch? Nein, sagt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen.

Sie stellt die Existenz von Apotheken grundsätzlich in Frage. Sie sieht darin eine teure Institution, die den deutschen Haushalt mit Milliardensummen belastet, ohne einen wirklichen Mehrwert zu liefern. In Apotheken würden zu 95 Prozent fertige Arzneimittel abgegeben, sagen die hessischen Ärztevertreter.

Eine Dienstleistung, die mit Pharmazie nicht mehr so viel zu tun habe. Stattdessen würden sie sich über den Verkauf von Gummibärchen und Kosmetika finanzieren. Für die allgemeine Bevölkerung reichen demzufolge deutlich weniger Apotheken. Die KV Hessen schlägt vor, je 250.000 Einwohner eine Regionalapotheke mit einem rund um die Uhr verfügbaren Fahrdienst vorzuhalten.

Die durchgehende und flächendeckende Arzneimittelversorgung lässt sich ihnen zufolge trotzdem sicherstellen, und zwar günstiger. Viele Medikamente können die Patienten direkt von Ärztinnen und Ärzten in der Praxis bekommen. Was nicht da ist, wird online bestellt und bei Abgabestellen in Drogeriemärkten abgeholt.

An der Idee ist aber ein Haken. Ärzte dürfen bisher keine Medikamente verkaufen. Und Drogerien dürfen in Deutschland nur freiverkäufliche und rezeptfreie Produkte anbieten, wie Vitamine, Erkältungstees oder Lutschtabletten. Keine verschreibungs- und apothekenpflichtigen Arzneimittel, die dürfen nur Apotheken verkaufen, steht im Arzneimittelgesetz.

Bei DM werden Kunden oder Patienten trotzdem fündig. Die Drogeriekette verkauft bereits apothekenpflichtige Arzneimittel durch einen Umweg über das Ausland. DM verschickt die Medikamente über eine konzerneigene tschechische Versandapotheke. So machen das auch die großen Versandapotheken Red Care Pharmacy und Doc Morris.

Sie verschicken aus den Niederlanden. Damit wird das deutsche Apothekenrecht umgangen, sagt die Wettbewerbszentrale. Sie kritisiert, dass das Drogeriesortiment und das Medikamentensortiment vermischt werden und hat Anfang des Jahres beim Landgericht Karlsruhe Klage gegen die EM eingereicht. Die Wettbewerbszentrale will mit ihrer Klage klären, ob so ein Geschäftsmodell rechtlich zulässig ist.

Das wäre auch interessant für andere Anbieter, die an den Geschäften interessiert sind, wie Rossmann. Die M-Chef Christoph Werner glaubt, sein Unternehmen hat nicht gegen Gesetze verstoßen, hat er im Februar dem TV-Sender Welt gesagt. Das darf halt nur so sein. Sonst wäre das auch in Deutschland. Aber das ist nur mal die Gesetzgebung, die das so vorschreibt, dass man das aus dem Ausland machen muss.

Ich würde mal sagen, zwei Dinge. Wenn Mitbewerber das auch machen wollen, dann kann man ja nicht so ganz falsch liegen. Dann ist das ja eine gewisse Bestätigung auch. Und weil sie sagen, Steine in den Weg gelegt. Also immer, wenn es Widerstand gibt, dann geht es um was. Insofern sehen wir das durchaus als Ermutigung. Und als Unternehmen leben wir nach dem Prinzip, wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe. Sind stationäre Apotheken dem Untergang geweiht?

Mit den Preisen von Versandapotheken können sie nicht konkurrieren. Dafür locken sie mit einem anderen Angebot, dem persönlichen Kontakt. Der wird jetzt noch wichtiger durch das Plus an Gesundheitsleistungen, die die Apotheker und Apothekerinnen anbieten dürfen. Also Impfen, Blutabnehmen und Vorsorgeuntersuchungen.

Aber ohne kreative Ideen werden es stationäre Apotheken schwer haben, sich gegen die Online-Apotheken durchzusetzen, sagt der Gesundheitsökonom David Metusewitsch in der ARD. Heute ist die Apotheke eher ein Ort der Kuration. Patient, Kunde kommt mit einem Rezept, bekommt ein Arzneimittel. Morgen ist es die Tankstelle der Gesundheit, wo im Bereich der Prävention viel gemacht wird. Das heißt, ich will erst gar nicht krank werden.

Ich möchte lange gesund, leistungsfähig bleiben. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite die Themen Longevity. Ich möchte noch mal zehn Jahre mein Leben verändern. Also zwei riesige Milliarden Märkte, die da sind, wo die Apotheke sich nach vorne dehnen und nach hinten dehnen kann. Das sehe ich auch als große Chance. Mehr Wettbewerb kann nur gut sein, sagt Handelsexperte Carsten Korthum. Dadurch gäbe es Innovation.

Er glaubt, die Apotheken werden massiv aufrüsten, um Schritt halten zu können. Das war der NTV-Podcast Wieder was gelernt. Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, dann freuen wir uns über 5 Sterne bei Spotify oder bei Apple Podcasts. Ich bin Caroline Amme, bedanke mich fürs Zuhören, bis zum nächsten Mal.

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