Wissensreise durch die Länder der Erde· Staffel 1· Folge 41

Mexiko – Azteken, Tequila und die lebhafteste Totenkultur der Welt

Sonntag, 28. Juni 2026 · 25 min

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Shownotes

Mexiko ist ein Land der Gegensätze und der überlagerten Zeitalter. In dieser Folge reisen wir von den Wüsten des Nordens bis zu den Regenwäldern des Südens, von den kolossalen Köpfen der Olmeken über die Schriftkultur der Maya bis zur Inselmetropole Tenochtitlán der Azteken. Wir erkunden, wie aus der gewaltsamen Begegnung zweier Welten die moderne Mestizennation hervorging, warum der Mais als beinahe heilige Pflanze gilt, wie aus der blauen Agave der Tequila gewonnen wird und weshalb Mexiko mit dem Día de los Muertos die wohl lebensbejahendste Totenkultur der Welt entwickelt hat. Eine ruhige Wissensreise durch Geschichte, Natur und Kultur eines faszinierenden Landes, das gelernt hat, das Leben gerade dadurch zu feiern, dass es den Tod nicht verdrängt.
Quellen
Carrasco, D. (2012). The Aztecs: A very short introduction. Oxford University Press. (Hohe Qualität, wissenschaftliches Standardwerk)
Coe, M. D., & Koontz, R. (2013). Mexico: From the Olmecs to the Aztecs (7. Aufl.). Thames & Hudson. (Hohe Qualität, etabliertes Übersichtswerk)
Paz, O. (1985). The labyrinth of solitude and other writings. Grove Press. (Hohe Qualität, kulturphilosophisches Standardwerk)
UNESCO. (2008). Indigenous festivity dedicated to the dead. Representative List of the Intangible Cultural Heritage of Humanity. ich.unesco.org/en/RL/00054 (Hohe Qualität, institutionelle Primärquelle)
Staller, J. E. (2010). Maize cobs and cultures: History of Zea mays L. Springer. (Hohe Qualität, peer-reviewte Fachpublikation)

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Willkommen zu einer neuen Folge von Wissensreise durch die Länder der Erde, deinem Podcast zum Entspannen, Loslassen und lernen. Wenn dir der Podcast gefällt, bewerte ihn bitte, das hilft uns, weitere Folgen zu produzieren Mexiko ist ein Land, das sich jeder einfachen Beschreibung entzieht, es ist zugleich uralt und jung, andächtig und ausgelassen. Von trockenen Wüsten im Norden bis zu dampfenden Regenwäldern im Süden gespannt ein Land, in dem die Vergangenheit nicht abgeschlossen, sondern gegenwärtig ist, in dem die Toten nicht fortgegangen, sondern nur eine Tür weiter gerückt sind.

Wer Mexiko verstehen will, muss sich darauf einlassen, dass hier mehrere Zeitalter gleichzeitig existieren. Dass eine indigene Welt von erstaunlicher Tiefe unter der spanischen Kolonialschicht weiterlebt und dass aus dieser Begegnung etwas hervorgegangen ist, das es so kein zweites Mal auf der Erde gibt. In dieser Folge reisen wir durch dieses Land, durch seine Geschichte und seine Landschaften, durch die Hochkultur der Azteken und die Geheimnisse des Maisanbaus. Durch das blaue Herz des Tequila und durch jene Tage Anfang November, an denen ganz Mexiko seinen Verstorbenen mit Blumen, Kerzen und Zuckerschädeln begegnet, beginnen wir mit dem Land selbst, mit seiner schieren Ausdehnung und Vielfalt. Mexiko erstreckt sich über rund

1903000 Quadratkilometer und ist damit fast 6 mal so groß wie Deutschland. Es ist das 13 größte Land der Erde und beherbergt etwa 100, etwa 30000000 Menschen, womit es das bevölkerungsreichste spanischsprachige Land überhaupt ist. Die Hauptstadt Mexiko Stadt, von ihren Bewohnerinnen schlicht la Sudal genannt.

Liegt auf einer Höhe von etwa 2240 Metern in einem Hochtal und gehört mit ihrem Ballungsraum von über 21000000 Menschen zu den größten Metropolen der Welt. Sie ruht auf dem ausgetrockneten Grund eines einstigen Sees des Texcoco Sees und sinkt aus diesem Grund noch heute jedes Jahr um mehrere Zentimeter ab.

Ein langsames, Unaufhaltsames versinken, das ganze Gebäude schief stehen lässt und an die feuchte Vergangenheit dieses Ortes erinnert. Geografisch ist Mexiko ein Land der Extreme und der Brüche, 2 mächtige Gebirgszüge, die Sierra Madre Okzidental im Westen und die Sierra Madre Oriental im Osten durchziehen das Land und Schließen zwischen sich ein ausgedehntes Hochland ein. Im Zentrum erhebt sich der Vulkangürtel, eine Zone hoher Aktivität, in der die höchsten Berge des Landes stehen, allen voran der Pico de Orizaba, ein erloschener Vulkan, der mit 5636 g Metern den höchsten Punkt Mexikos markiert. In Sichtweite von Mexiko Stadt liegen die beiden berühmten Vulkane Popoka Tepetl und Istachi Huatl, deren Namen aus dem Nahuatl stammen, der Sprache

der Azteken, und die in einer alten Sage als Liebespaar gedeutet werden. Der rauchende Krieger und die schlafende Frau der Popoka Tepetl ist bis heute aktiv und stößt regelmäßig Asche und Dampf aus. Ein lebendiges Mahnmal für die geologische Unruhe, auf der dieses Land gebaut ist. Im Norden dehnt sich die Wüste, die Chihuahua Wüste und die Sonora Wüste.

Weite, karge Räume von strenger Schönheit, in denen der Saguaro Cactus und andere Sukkulenten das Bild bestimmen. Ganz im Süden hingegen, in den Bundesstaaten Chiapas und Tabasco, herrscht tropisches Klima. Hier wachsen Regenwälder, leben Brüllaffen und Tukane. Und hier liegen einige der bedeutendsten Ruinen der Mayakultur verborgen. Die Halbinsel Yukatan im Südosten ist ein flaches Kalksteinplateau, durchzogen von einem unterirdischen System aus Flüssen und Höhlen, das an der Oberfläche in Form der berühmten Zenoten zutage tritt.

Jener kreisrunden, mit klarem Süßwasser gefüllten Dolinen, die den Maya als heilige Orte und als Zugänge zur Unterwelt galten. Mit 2 langen Küsten der Pazifischen im Westen und der zum Golf von Mexiko und zum karibischen Meer gewandten im Osten verfügt Mexiko über eine außerordentliche maritime Vielfalt.

Von den Korallenriffen vor Kosumel bis zu den Lagunen, in denen alljährlich die Grauwale ihre Jungen zur Welt bringen. Diese geographische Vielfalt macht Mexiko zu einem der artenreichsten Länder der Erde. Biologinnen zählen es zu den sogenannten megadiversen Staaten, einer kleinen Gruppe von Ländern, die zusammen den größten Teil der biologischen Vielfalt des Planeten beherbergen.

Mexiko ist Heimat von rund 12% aller bekannten Arten, darunter eine erstaunliche Zahl von Reptilien, Säugetieren und Pflanzen, die nirgendwo sonst vorkommen. Etwa die Hälfte aller Kakteenarten der Welt wächst hier und in den Wäldern des zentralen Hochlands überwintern Jahr für Jahr hunderte Millionen Monarchfalter.

Die in einer der spektakulärsten Wanderungen des Tierreichs aus dem fernen Kanada und den Vereinigten Staaten Herangeflogen kommen und ganze Baumkronen in lebendige, atmende Teppiche aus orangefarbenen Flügeln verwandeln. Doch der eigentliche Reichtum Mexikos ist seine Geschichte, und diese Geschichte beginnt lange vor der Ankunft der Europäerinnen und Europäer. Schon vor mehr als 3000 Jahren entstand an der Golfküste die Kultur der Olmecken, oft als Mutterkultur Mesoamerikas bezeichnet.

Von ihnen stammen die rätselhaften, kolossalen Steinköpfe, gewaltige Skulpturen aus Basalt, von denen einige mehr als 20 Tonnen wiegen und deren Gesichter mit ihren breiten Zügen bis heute Fragen aufwerfen. Die Olmeken legten Grundlagen, die spätere Kulturen weiterentwickelten, etwa das Ballspiel, den Kalender und die Verehrung bestimmter Gottheiten. Auf sie folgten in einem komplexen Geflecht von Aufstieg und Niedergang weitere Kulturen.

Die Zapotheken im Tal von Huaca mit ihrer Bergstadt Monte Alban, die geheimnisvollen Erbauer der Metropole Teotihuacan nördlich des heutigen Mexiko Stadt, deren Sonnen und Mondpyramiden noch immer den Atem rauben, und natürlich die Maya, deren Reich sich über die Halbinsel Yucatan und weite Teile Mittelamerikas erstreckte. Die Maya verdienen ein eigenes Innehalten, denn sie schufen die wohl ausgefeilteste Schriftkultur des Präkolumbischen Amerika.

Ihre Hieroglyphenschrift, lange Zeit als Unentzifferbar geltend, wurde erst im Laufe des 20. Jahrhunderts in mühevoller Arbeit von Forscherinnen und Forschern aus aller Welt entschlüsselt, wobei dem russischen Linguisten Juri Knorrossow eine Schlüsselrolle zukam. Die Maya verfügten über ein erstaunlich genaues astronomisches Wissen. Sie berechneten die Umlaufzeit der Venus und die Länge des Sonnenjahres mit einer Präzision, die europäische Astronomen erst sehr viel später erreichten. Ihr Kalendersystem, das den Heiligen Kalender von 260 Tagen mit dem Sonnenkalender von 365 Tagen kombinierte, bildete einen Zyklus von 52 Jahren, dessen Ablauf mit großen Zeremonien begangen wurde.

Anders als ein hartnäckiger Mythos behauptet, sagte der Mayakalender keineswegs einen Weltuntergang für das Jahr 2012 voraus. Vielmehr endete lediglich ein langer Zählzyklus, ein sogenannter Baktun, ganz so wie bei uns ein Jahrtausend zu Ende geht und ein Neues beginnt. Die berühmteste Kultur Mexikos jedoch sind die Azteken, oder genauer die Mexica, denn von diesem Namen leitet sich der heutige Staatsname Mexikos ab. Nach ihrer eigenen Überlieferung waren die Mexiker ein Wandervolk, das aus einem mythischen Ursprungsort namens Astlan gen Süden zog, geführt von ihrem Gott huizilo Portli, der ihnen ein Zeichen versprochen hatte an jenem Ort, an dem sie einen Adler auf einem Kaktus sitzend einen Schlange verschlingen sähen, sollten sie

ihre Stadt gründen. Dieses Zeichen fanden sie der Legende nach im Jahr 1325 auf einer Insel im Texcoco See. Und dort errichteten sie Tenochtitlan, die spätere Hauptstadt ihres Reiches. Das Bild des Adlers mit der Schlange ziert bis heute die mexikanische Flagge und ist eines der nationalen Symbole des Landes.

Tenochtitlan wuchs in weniger als 2 Jahrhunderten zu einer der größten Städte der damaligen Welt heran. Zur Zeit ihrer Blüte lebten hier schätzungsweise 2 bis 300000 Menschen mehr als in den meisten europäischen Städten jener Epoche. Die Stadt war ein Wunderwerk der Ingenieurskunst, durchzogen von Kanälen, verbunden mit dem Festland, durch breite Dämme, versorgt durch ein Aquädukt, das frisches Quellwasser heranführte auf künstlichen Inseln, den Chinampas, betrieben die Mexiker einen hochproduktiven Gartenbau, der die wachsende Bevölkerung ernährte.

Diese schwimmenden Gärten, aufgeschüttet aus Schlamm und Pflanzenmaterial und verankert durch Weidenbäume, brachten mehrere Ernten im Jahr hervor und gelten heute als Vorbild einer nachhaltigen Kreislauforientierten Landwirtschaft. Reste dieser Chinampas haben sich im Stadtteil Sotschi Milko bis in die Gegenwart erhalten und stehen als Weltkulturerbe der UNESCO unter Schutz.

Als der spanische Eroberer Hernan Cortez im Jahr 1519 an der Küste Mexikos landete und schließlich tenochtitlan erreichte, war er nach Berichten seiner Begleiter überwältigt von der Pracht und Ordnung der Stadt. Doch was folgte, war eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte. Cortés gelang es mit einer vergleichsweise kleinen Truppe einheimischen Verbündeten, die unter der Herrschaft der Mexika litten und vor allem mit Hilfe eingeschleppter Krankheiten das Aztekenreich binnen 2 Jahren Zufall zu bringen. Die Pocken, gegen die die indigene Bevölkerung keinerlei Abwehrkräfte besaß, wüteten verheerend. Schätzungen zufolge starb in den Jahrzehnten nach der Eroberung ein großer Teil, womöglich die

überwiegende Mehrheit der indigenen Bevölkerung Mexikos an eingeschleppten Seuchen, ein demographischer Zusammenbruch von einem Ausmaß, das schwer zu begreifen ist. Auf den Trümmern Tenochtitlands errichteten die Spanier ihre Kolonialhauptstadt und die große Kathedrale am heutigen Hauptplatz, dem Sokalo, steht buchstäblich auf den Fundamenten des aztekischen Haupttempels, dessen Reste der Tempo Major erst im 20 Jahrhundert wieder ausgegraben wurden.

Aus dieser gewaltsamen Begegnung zweier Welten ging das moderne Mexiko hervor, ein Land. Das man als Mestizenation bezeichnet, geprägt von der Vermischung indigener und europäischer Wurzeln. Diese Vermischung zeigt sich in fast allem in der Sprache, in der Religion, in der Küche. Das mexikanische Spanisch ist durchsetzt von Wörtern aus dem Nahuatl. Viele davon haben über das spanische ihren Weg in zahllose andere Sprachen gefunden, darunter Schokolade, Tomate, Avocado und Chili.

Der Katholizismus, den die Spanier mitbrachten, verschmolz mit indigenen Vorstellungen zu einer eigentümlichen, tief mexikanischen Frömmigkeit, deren mächtigstes Symbol die Jungfrau von Guadalupe ist. Eine dunkelhäutige Marienerscheinung der. Die der Überlieferung nach dem indigenen Bauern Juan Diego erschien und bis heute als Schutzpatronin Mexikos und ganz Lateinamerikas verehrt wird.

Nirgendwo zeigt sich die schöpferische Kraft dieser Vermischung deutlicher als in der mexikanischen Küche, die von der Unesco als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt wurde. Das Fundament dieser Küche ist der Mais, jene Pflanze, die vor Jahrtausenden im südlichen Mexiko aus einem unscheinbaren Wildgras namens Theosinthe gezüchtet wurde. In einem der bedeutendsten Domestizierungsvorgänge der Menschheitsgeschichte.

Über Generationen hinweg wählten frühe Bäuerinnen und Bauern die ertragreichsten Pflanzen aus und formten so allmählich den Mais, wie wir ihn kennen. Mais ist in Mexiko weit mehr als ein Nahrungsmittel. Er ist ein kulturelles und beinahe heiliges Element in den Schöpfungsmythen der Maya wird der Mensch selbst aus Maisteig geformt.

Bis heute wird der Mais nach einem uralten Verfahren namens Nixter Malisation behandelt, bei dem die Körner in kalkhaltigem Wasser gekocht werden, was nicht nur die Verarbeitung zu Tortillas erleichtert, sondern auch wichtige Nährstoffe wie Niacin verfügbar macht. Eine geniale Erfindung, die Mangelkrankheiten verhinderte lange bevor man die chemischen Hintergründe verstand. Neben dem Mais bilden die Bohne, der Kürbis und der Chili die Grundpfeiler der mexikanischen Ernährung. Eine uralte Kombination, die als Milpa bekannt ist und ein ökologisch ausgeklügeltes Anbausystem darstellt, in dem sich die Pflanzen gegenseitig fördern. Aus diesen Zutaten und vielen weiteren entstand eine Küche von ungeheurer Vielfalt und

Raffinesse. Im Bundesstaat Oachaca etwa, einer Hochburg der kulinarischen Tradition, kennt man die berühmten Molesaucen, komplexe Zubereitungen aus Dutzenden von Zutaten, darunter verschiedene Chilisorten, Gewürze, Nüsse und manchmal sogar Schokolade, die in tagelanger Arbeit zubereitet werden. Die mexikanische Küche ist regional außerordentlich verschieden, die.

Die Fischgerichte der Küsten unterscheiden sich grundlegend von den herzhaften Fleischtraditionen des Nordens und den ausgefeilten Saucen des Südens. Und damit kommen wir zu einem der berühmtesten Erzeugnisse Mexikos, dem Tequila. Dieses Getränk, das untrennbar mit dem Bild des Landes verbunden ist, wird aus dem Saft einer ganz bestimmten Pflanze gewonnen.

Der blauen Weberagave die Agave ist kein Kaktus, wie oft fälschlich angenommen wird, sondern eine Pflanze, die botanisch näher mit den Spargelgewächsen verwandt ist. Sie wächst langsam, sehr langsam und benötigt mehrere Jahre, oft 7 oder mehr, bis ihr Herzstück, die sogenannte Pinya, Reif zur Ernte ist. Die.

Dieses Herzstück, das einer riesigen Ananas ähnelt und mehrere Dutzend Kilogramm wiegen kann, wird von den Gima Doris den auf die Agavenernte spezialisierten Arbeitern mit einem speziellen Werkzeug freigelegt und geerntet. Eine Kunst, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Echter Tequila darf nur aus blauer Agave und nur in bestimmten, gesetzlich festgelegten Regionen hergestellt werden.

Vor allem im Bundesstaat Jallisco rund um die gleichnamige Stadt Tequila, deren Agavenlandschaft ebenfalls zum Weltkulturerbe zählt. Verwandte Getränke wie der Metzkall werden aus anderen Agavenarten und nach abweichenden Verfahren gewonnen. Und der ursprüngliche Vergorene Agavensaft, das Pulque, war schon den Azteken als rituelles Getränk bekannt. Doch all diese Facetten, die Geschichte, die Landschaft, die Küche fügen sich zu einem Bild, das erst durch eine weitere, vielleicht die tiefste Eigenheit Mexikos vollständig wird, durch das besondere Verhältnis dieses Landes zum Tod. Während in vielen Kulturen der Tod verdrängt, gefürchtet und an die Ränder des Lebens geschoben wird, hat Mexiko einen Umgang mit der Sterblichkeit

entwickelt, der von einer geradezu unglaublichen Lebensbejahung getragen ist. Der Höhepunkt dieser Haltung ist der DIA de los Muertos, der Tag der Toten, der alljährlich am ersten und 2. November begangen wird und seit dem Jahr 2008. Ebenfalls als immaterielles Kulturerbe der Menschheit von der UNESCO anerkannt, ist der Tag der Toten ist kein trauriges, sondern ein freudiges Fest. Seine Wurzeln reichen tief in die vorspanische Zeit zurück, in indigene Vorstellungen vom Tod als einem Übergang und vom Fortbestehen der Verstorbenen in einer anderen Sphäre. Diese alten Vorstellungen verbanden sich mit den katholischen Feiertagen aller Heiligen und aller Seelen zu jenem einzigartigen Fest, das

wir heute kennen. Im Zentrum steht die Vorstellung, dass die Seelen der Verstorbenen in diesen Nächten zurückkehren, um bei ihren Familien zu sein, um sie willkommen zu heißen, errichten die Familien kunstvolle Altäre, die sogenannten Ofrendas. Geschmückt mit Photographien der Verstorbenen mit ihren Lieblingsspeisen und Getränken, mit Kerzen, deren Licht den Seelen den Weg weisen soll, und mit den leuchtend orangefarbenen Blüten der Ringelblume, der Cempa Suchil, deren intensiver Duft die Toten anlocken soll.

Friedhöfe werden zu orten lebendiger Begegnung, Familien verbringen die Nacht an den Gräbern ihrer Angehörigen, sie schmücken, sie essen. Trinken, musizieren und erzählen Geschichten von denen, die nicht mehr da sind. Zu den bekanntesten Symbolen dieses Festes gehören die Zuckerschädel, die Calaveras, kunstvoll verzierte und oft mit Namen versehene Totenköpfe aus Zucker sowie das Pande Muerto, das Totenbrot, ein süßes Hefegebäck, das eigens für diese Tage gebacken wird. Eine zentrale Figur ist die elegante Skelettdame Lacatrina, eine Gestalt, die der Grafiker josé Guada Lupe Posada Anfang des 20.

Jahrhunderts schuf und die der Maler Diego Rivera später in einem berühmten Wandgemälde verewigte. Die Katrina, ein Skelett in vornehmer Damenkleidung mit großem blumengeschmücktem Hut, verkörpert die mexikanische Einsicht, dass der Tod alle gleich macht, ob Arm oder reich, und dass man ihm mit einem Augenzwinkern und einer gewissen Eleganz begegnen kann in dieser Haltung.

Dem Tod nicht mit lähmender Angst, sondern mit Humor, Zärtlichkeit und Festlichkeit zu begegnen, liegt etwas zutiefst tröstliches und weises, das über Mexiko hinaus auf die ganze Welt ausstrahlt. Der Dichter und Nobelpreisträger Octavio Pass hat dieses besondere Verhältnis seines Volkes zum Tod in seinem berühmten Werk über das Labyrinth der Einsamkeit beschrieben und festgehalten.

Dass die Mexikanerinnen und Mexikaner mit dem Tod vertraut umgehen, ihn verspotten, mit ihm spielen und schlafen, dass er gewissermaßen zu ihren liebsten Spielzeugen und ihrer beständigsten Liebe gehört, in dieser, in dieser kulturellen Tiefe, in der Fähigkeit, das schwerste des menschlichen Daseins in etwas schönes, Verbindendes und beinahe Heiteres zu verwandeln. Zeigt sich vielleicht das eigentliche Wesen Mexikos, ein Land, das gelernt hat, das Leben gerade dadurch zu feiern, dass es den Tod nicht verleugnet?

Es ist kein Zufall, dass dieses Fest gerade in einer Jahreszeit stattfindet, in der die Natur selbst zur Ruhe kommt, in der die letzten Ernten eingebracht sind und der Kreislauf des Jahres sich seinem Ende zuneigt. Die cempasuchil Blume, die diese Tage so unverwechselbar färbt, ist eine Pflanze des mexikanischen Bodens, ein Geschöpf jener fruchtbaren Erde, aus der einst der Mais gezüchtet wurde und die bis heute eine außergewöhnliche Vielfalt an Leben hervorbringt.

Wenn wir an die Monarchfalter denken, die in eben diesen Novembertagen aus dem Norden in die mexikanischen Wälder zurückkehren, fast so, dass. Als kämen auch sie heim zu ihren Vorfahren. Dann ahnen wir, wie eng in diesem Land die Vorstellungen von Tod und Wiederkehr, von Vergänglichkeit und Erneuerung mit den Rhythmen der Natur verwoben sind. Diese Wälder, in denen die Falter überwintern, sind heute bedroht durch Abholzung und durch die Erwärmung des Klimas, und mit ihnen steht ein Naturwunder auf dem Spiel. Das untrennbar zur Seele dieses Landes gehört. Es liegt eine stille Mahnung darin, dass die Vielfalt, die Mexiko so kostbar macht, von uns allen Achtsamkeit verlangt, denn was einmal verschwunden ist,

kehrt nicht wieder anders als die Seelen, die in den Novembernächten Heimfinden zum Licht der Kerzen. So bleibt am Ende dieser Reise das Bild eines Landes, das aus vielen Schichten besteht. Aus den Steinen alter Pyramiden und den Mauern barocker Kirchen, aus dem Gold, der Ringelblumen und dem Blau der Agaven, aus der Erinnerung an das vergangene und der Lust am gegenwärtigen Mexiko lehrt uns, dass Geschichte nichts abgeschlossenes ist, dass die Toten zu den Lebenden gehören und dass selbst aus der größten Katastrophe etwas neues, eigenes und Schönes hervorgehen kann.

Es ist ein Land, das den Tod nicht fürchtet, weil es das Leben so sehr liebt. Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die es uns mit auf den Weg gibt. Schließe nun die Augen, lass die Bilder dieses weiten, bunten Landes in dir Nachklingen, die Vulkane und die Wüsten, die schwimmenden Gärten und die leuchtenden Altäre, und trage ein wenig von jener mexikanischen Gelassenheit mit dir, die weiß. Dass alles seinen Kreislauf hat und das im Erinnern eine Form des Fortlebens liegt.

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