Wissensreise durch die Länder der Erde· Staffel 1· Folge 38

Ukraine – Kosakengeist, Schwarzes Meer und ein Land im Kampf um seine Zukunft

Montag, 15. Juni 2026 · 24 min

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Shownotes

Heute reisen wir in die Ukraine, das flächenmäßig größte vollständig in Europa liegende Land, zwischen Karpaten und Schwarzem Meer. Wir entdecken die fruchtbare Schwarzerde, die das Land zur Kornkammer Europas machte, das geheimnisvolle Schwarze Meer mit seiner sauerstofflosen Tiefe und seinen konservierten Wracks, und den legendären Kosakengeist mit der frühen Selbstverwaltung der Saporoger Sitsch. Wir verfolgen die jahrhundertealte eigene Geschichte von der Kiewer Rus über Taras Schewtschenko und Lessja Ukrajinka bis zum Holodomor und zur demokratischen Unabhängigkeit von neunzehnhunderteinundneunzig. Klar benennen wir die Unrechtmäßigkeit des russischen Angriffskrieges als Bruch des Völkerrechts und würdigen zugleich das reiche Kulturerbe von Pyssanka, Bandura, Wyschywanka und Borschtsch. Eine Folge über ein Land, das um seine Zukunft und sein Recht auf Selbstbestimmung ringt.
Quellen
Plokhy, S. (2015). The gates of Europe: A history of Ukraine. Basic Books.
Snyder, T. (2010). Bloodlands: Europe between Hitler and Stalin. Basic Books.
Vereinte Nationen, Generalversammlung. (2022). Resolution ES-11/1: Aggression against Ukraine. United Nations.
Applebaum, A. (2017). Red famine: Stalin's war on Ukraine. Doubleday.
UNESCO. (2022). Culture of Ukrainian borscht cooking [Eintrag in die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes]. UNESCO.
Hinweis zur Quellenqualität: Die Monografien stammen von ausgewiesenen Fachhistorikerinnen und Fachhistorikern renommierter Universitäten (Harvard, Yale) und sind wissenschaftlich hochwertig; die UN-Resolution und der UNESCO-Eintrag sind verlässliche Primärquellen.Weitere Schlafreise Reihen:
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Heute reisen wir in ein Land, das größer ist, als viele vermuten, das reicher an Geschichte, Landschaft und kulturellem Eigensinn ist als die Schlagzeilen der vergangenen Jahre vermuten lassen. Und das zugleich, während wir miteinander sprechen, um seine schiere Existenz ringt. Wir reisen in die Ukraine. Ein Land zwischen den Karpaten im Westen und den weiten Steppen im Osten zwischen den Sümpfen Polesiens im Norden und der salzigen Brise des Schwarzen Meeres im Süden mit einer Fläche von rund 633000 Quadratkilometern ist die Ukraine das Flächenkichenmäßig größte Land, das vollständig in Europa liegt.

Größer als Frankreich, größer als Spanien. Vor dem russischen Überfall lebten hier etwa 44000000 Menschen, und schon diese Zahl trägt heute eine Wunde in sich, denn die Vereinten Nationen sprechen von der größten Fluchtbewegung, die Europa seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung war zeitweise auf der Flucht, Millionen von Menschen über den ganzen Kontinent verstreut, viele davon in Deutschland. Bevor wir uns dem Krieg zuwenden, der über diesem Land liegt wie ein dunkler Himmel, möchte ich dir die Ukraine zeigen, wie sie ist, wie sie war, lange bevor Panzer ihre Felder durchfurchten.

Denn ein Land ist niemals nur sein Leid, es ist seine Sprache, sein Boden, seine Lieder, seine Art zu denken und zu hoffen. Und gerade in Zeiten der Zerstörung ist es eine Form von Würde, an das zu erinnern. Was bewahrt werden soll. Beginnen wir mit dem Boden, denn er erklärt vieles. Die Ukraine ruht zu großen Teilen auf einer der fruchtbarsten Erden der Welt, der sogenannten Schwarzerde im russischen und ukrainischen Tschernosem genannt.

Diese tiefschwarze, Humusreiche Erde entstand über Jahrtausende unter dem Gras der Steppe, und sie ist so kostbar. Dass sie in der Geschichte immer wieder zum Gegenstand von Begehrlichkeit, ja von Raub wurde, während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde ukrainische Schwarzerde sogar in Güterwaggons abtransportiert.

Diese Böden machten die Ukraine zur Kornkammer erst des russischen Reiches. Dann der Sowjetunion und bis heute zu einem der weltweit größten Ausführer von Weizen, Mais und Sonnenblumenöl. Bevor der Krieg die Häfen blockierte, hingen Brotpreise in Nordafrika und im Nahen Osten unmittelbar an den Ernten der ukrainischen Steppe.

Daran zeigt sich etwas Grundlegendes, das uns durch diese ganze Folge begleiten wird, dass die Ukraine niemals ein Land am Rand war, sondern stets ein Knotenpunkt, an dem sich die Fäden vieler anderer Schicksale kreuzten. Im Süden öffnet sich das Land zum Schwarzen Meer, und dieses Meer ist weit mehr als eine Küstenlinie.

Es ist ein uraltes Tor, durch das seit Jahrtausenden Menschen waren und Ideen flossen. Schon die Griechen der Antike gründeten an diesen Ufern handelsstädte, Olbia etwa an der Mündung des Bug oder Chersones nahe dem heutigen Sevastopol auf der Halbinsel Krim über das Schwarze Meer kam der Wein, kam, die Schrift, kam später das Christentum.

Es ist ein eigentümliches Gewässer, denn unterhalb von etwa 150 bis 200 Metern Tiefe ist es nahezu sauerstofffrei durchsetzt von Schwefelwasserstoff, sodass dort kein höheres Leben gedeiht. Diese tiefe, dunkle, sauerstofflose Schicht hat antike Schiffswracks über Jahrhunderte fast unversehrt konserviert, was Forscherinnen und Forscher zu spektakulären Funden geführt hat.

Das schwarze Meer ist also zugleich Lebensader und Gedächtnis. Eine Speisekammer und ein Archiv unter Wasser. Für die Ukraine bedeutet es Zugang zur Welt, und gerade deshalb war die Kontrolle über diese Küste und über die Halbinsel Krim immer ein strategischer Brennpunkt, dessen Bedeutung wir später noch verstehen werden. Doch wenden wir uns nun jenem Bild zu, das dem Titel dieser Folge seinen Namen gibt.

Dem Kosakengeist Wer die Ukraine verstehen will, kommt an den Kosaken nicht vorbei, denn sie sind weit mehr als eine historische Episode. Sie sind zu einem Sinnbild des ukrainischen Selbstverständnisses geworden. Das Wort Kosak leitet sich aus einem turksprachigen Begriff her, der so viel wie freier Mann oder Abenteurer bedeutet, und genau darum geht es. Im 15.

Und 16. Jahrhundert sammelten sich an den Stromschnellen des unteren Dnipro, jenes mächtigen Flusses, der die Ukraine von Norden nach Süden durchzieht, Menschen, die der Leibeigenschaft, der Steuerlast und der religiösen Bevormundung entkommen wollten. Sie schufen sich jenseits der Stromschnellen hinter den sogenannten Porohy, eine eigene Welt, die Saporoga sic, eine Art wehrgemeinschaft freier Kämpfer.

Saporoschje bedeutet wörtlich Jenseits der Stromschnellen, diese Gemeinschaft entwickelte etwas Bemerkenswertes, eine frühe Form der Selbstverwaltung, die Kosaken wählten ihre Anführer, ihre Hettmanne in einer Versammlung. Die Rada genannt wurde und ein gewählter Hettmann, konnte ebenso wieder abgesetzt werden in einer Epoche, in der ringsum absolute Monarchien herrschten, in der der Zar in Moskau und der König in Warschau über das Leben ihrer Untertanen verfügten, lebten an den Ufern des nipro Menschen, die ihre Anführer selbst bestimmten. Man sollte das nicht zu einer idyllischen Demokratie verklären.

Das leben dort war rau, gewaltsam und von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt, aber der Gedanke der selbstbestimmten Gemeinschaft, der Gedanke, dass Herrschaft aus der Zustimmung der Beherrschten erwächst und nicht aus Göttlichem oder dynastischem recht. Dieser Gedanke wurde Teil eines kulturellen Gedächtnisses, das die Ukraine bis in die Gegenwart prägt.

Wenn heute in ukrainischen Liedern und Reden der Kosaken Geist beschworen wird, dann meint man genau dies, die Sehnsucht nach Freiheit, den Stolz auf die eigene Würde und die Bereitschaft, sich gegen übermächtige Herren zu behaupten. Eine Schlüsselfigur dieser Epoche war der Hettmann Bodan Schmelnützkoi, der Mitte des 17 Jahrhunderts einen großen Aufstand gegen die polnisch litauische Adelsherrschaft anführte.

Im Jahr 1649 entstand unter ihm ein eigenständiges Kosakengemeinwesen, der sogenannte Hettmannstaat. Doch dieser Staat war von mächtigen Nachbarn umgeben und im Vertrag von Perejaslav im Jahr 1654 suchte Tschmel Nütskö den Schutz des Moskauer Zaren über die Auslegung dieses Vertrages wird bis heute gestritten, denn was die Kosaken als ein Bündnis unter Wahrung ihrer Freiheiten verstanden, deutete Moskau bald als Unterwerfung in.

Hier liegt einer der historischen Wurzelpunkte eines Missverständnisses, das die Beziehung zwischen der Ukraine und Russland über Jahrhunderte vergiftet hat. Russland hat aus dieser Episode immer wieder die Erzählung gewonnen, die Ukraine sei schon immer ein Teil seines eigenen Körpers gewesen. Die ukrainische Erinnerung hingegen bewahrt das Bild eines freien Gemeinwesens, das ein Bündnis suchte und Unterwerfung erntete.

Wir sollten an dieser Stelle einem hartnäckigen Irrtum entgegentreten, der bis heute die Wahrnehmung des Landes verzerrt. Es ist die Vorstellung, die Ukraine sei eine bloße Abspaltung Russlands, eine Art jüngerer Bruder ohne eigenes Recht auf Eigenständigkeit. Diese Vorstellung ist historisch nicht haltbar, im Gegenteil, das mittelalterliche Reich der Kiewer Rus, das im 9.

Bis 13 Jahrhundert um die Stadt Kiew herum entstand, war ein gemeinsamer Ausgangspunkt für mehrere ostslawische Völker und Kiew. Das heutige Kyjif war sein Zentrum, lange bevor Moskau überhaupt als bedeutende Stadt in den Quellen auftauchte. Die Stadt am Nipro war ein Knotenpunkt zwischen Skandinavien und Byzanz, ein Ort, an dem im Jahr 988 unter Fürst Wolodimir das Christentum byzantinischer Prägung angenommen wurde.

Ein Ereignis, das die gesamte spätere Kulturgeschichte der Region formte. Wer also von einem jahrhundertealten Vorrang Moskaus spricht, verkehrt die zeitliche Reihenfolge Kiew der. War zuerst da. Die Sprache erzählt eine eigene Geschichte. Das Ukrainische ist eine ostslawische Sprache, eng verwandt mit dem russischen und dem Belarussischen, aber eigenständig mit eigenem Wortschatz, eigener Lautung und eigener literarischer Tradition. Lange wurde diese Sprache von den jeweiligen Herrschern unterdrückt, im russischen Reich des 19 Jahrhunderts verboten, Erlasse.

Wie das Emser Verdikt von 1876 den Druck ukrainischer Bücher und die öffentliche Verwendung der Sprache weitgehend eine Sprache zu verbieten, ist immer der Versuch, ein Volk verstummen zu lassen, ihm das Werkzeug zu nehmen, mit dem es sich selbst denkt, dass das Ukrainische diese Jahrhunderte überlebte, verdankt sich nicht zuletzt einzelner Menschen, die zu Symbolen wurden. Der größte unter ihnen ist Taras Schewtschenko, geboren 1814 als leibeigener Bauernsohn.

Schewtschenko wurde als junger Mann aus der Leibeigenschaft freigekauft, er wurde Maler und vor allem Dichter und seine Gedichtsammlung der Kobsa gilt als Geburtsurkunde der modernen ukrainischen Literatursprache. Schewtschenko schrieb über die Knechtschaft seines Volkes, er. Über Freiheit und würde.

Und er bezahlte dafür mit Jahren der Verbannung und des Schreibverbots. Bis heute steht in vielen ukrainischen Städten sein Denkmal, und sein Name verbindet sich mit dem Gedanken, dass ein Volk durch seine Sprache und seine Dichtung lebendig bleibt, auch wenn ihm die staatliche Eigenständigkeit verwehrt ist. Neben ihm steht Lessia Ukrainka, eine Dichterin von großer Kraft, deren Künstlern und.

Name übersetzt etwa die Ukrainerin. Schon ein Bekenntnis war und die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Olhar Kabeljanska, die der ukrainischen Literatur weibliche Perspektiven und psychologische Tiefe schenkte. Es sind diese Stimmen, die zeigen, dass die ukrainische Kultur keine Erfindung der jüngeren Politik ist und. Sondern über Generationen gewachsene Substanz. Auch das 20.

Jahrhundert hat dem Land tiefe Narben geschlagen, und eine davon müssen wir mit besonderem Ernst betrachten, denn sie erklärt viel von der heutigen Entschlossenheit in den Jahren 1932 und 33 erlebte die Ukraine eine von der sowjetischen Führung unter Josef Stalin verursachte Hungersnot von ungeheurem Ausmaß. Den sogenannten Holodomor, ein ukrainisches Wort, das so viel bedeutet wie Tötung durch Hunger. Im Zuge der Zwangskollektivierung, der Landwirtschaft und überhöhter Getreideabgaben wurde der ukrainischen Landbevölkerung das Brot buchstäblich aus den Händen genommen.

Die Schätzungen der Todesopfer schwanken, doch Historikerinnen und Historiker gehen von Millionen aus. Häufig wird die Zahl von etwa dreieinhalb bis 4000000 genannt. Viele Staaten, darunter Deutschland, haben den Holodomor inzwischen als Völkermord anerkannt. Dass ausgerechnet die fruchtbarste Erde Europas zum Schauplatz eines millionenfachen Hungertodes wurde, ist eine der bittersten Ironien der Geschichte.

Und ein Mahnmal dafür, wozu eine Herrschaft fähig ist, die ein Volk lieber bricht, als es leben zu lassen. Nach all diesen Jahrhunderten der Fremdbestimmung kam dann der Augenblick, auf den so viele Generationen gehofft hatten. Mit dem Zerfall der Sowjetunion erklärte die Ukraine im Jahr 1991 ihre Unabhängigkeit und in einem Referendum stimmten über 90% der Wählerinnen und Wähler dafür, ein eigener souveräner Staat zu sein. Es war eine demokratische Entscheidung von überwältigender Klarheit.

In den folgenden Jahrzehnten suchte die Ukraine ihren Weg, oft mühsam geprägt von wirtschaftlichen Krisen und politischen Auseinandersetzungen. Aber immer wieder bestätigte das Land seinen Willen zur Selbstbestimmung zweimal. Erhoben sich die Menschen, wenn sie ihre Freiheit bedroht sahen, in der orangenen Revolution von 2004 und in den Protesten auf dem kiwa Maidan in den Jahren 2013 und 14? Diese zweite Erhebung, die mit dem Wunsch nach einer engeren Anbindung an Europa begann und mit dem Sturz eines Moskau treuen Präsidenten endete?

War ein Bekenntnis zu europäischen Werten, zu Rechtsstaat, Mitbestimmung und offener Gesellschaft. Und genau an dieser Stelle müssen wir nun klar und unmissverständlich sprechen, denn es geht hier nicht um eine ausgewogene Mitte zwischen 2 Standpunkten, sondern um die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht.

Im Jahr 2014 besetzte und annektierte Russland völkerrechtswidrig die Halbinsel Krim und schürte einen bewaffneten Konflikt im Osten der Ukraine und am 24 Februar des Jahres 2022 begann Russland einen umfassenden Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine, einen Überfall auf einen souveränen, unabhängigen Staat, der niemanden bedroht hatte.

Dieser Angriff ist ein klarer Bruch des Völkerrechts. Die Charta der Vereinten Nationen verbietet in ihrem zweiten Artikel die Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit und politische Unabhängigkeit eines Staates. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat den russischen Angriff mit überwältigender Mehrheit verurteilt und den Rückzug der russischen Truppen gefordert. Es gibt keine völkerrechtliche Rechtfertigung für diesen Krieg, keine Bedrohung, die ihn entschuldigen könnte, kein historisches Argument, dass das Töten von Zivilistinnen und Zivilisten, die Zerstörung von Stätten und die Verschleppung von Kindern legitimieren würde.

Man muss das so deutlich sagen, weil eine ganze Maschinerie von Propaganda darauf abzielt, diese einfache Wahrheit zu vernebeln. Die russische Führung hat behauptet, die Ukraine sei kein echtes Land, ihre Eigenständigkeit eine Erfindung, ihre Regierung gefährlich. Wir haben in dieser Folge gesehen, wie unhaltbar dieser Anspruch ist.

Die Ukraine hat eine eigene Sprache, eine eigene Geschichte, die älter ist als die Moskaus, eine eigene Literatur, eine eigene demokratisch bekundete Staatlichkeit. Ein Volk, das sich in freien Abstimmungen und in 2 Revolutionen zu seiner Unabhängigkeit und zu einer offenen Gesellschaft bekannt hat, hat jedes Recht, über sein eigenes Schicksal zu bestimmen. Der Versuch, ihm dieses Recht mit Gewalt zu nehmen, bleibt Unrecht, gleichgültig welche Begründungen vorgeschoben werden.

Was dieser Krieg konkret bedeutet, lässt sich in nüchternen Zahlen kaum fassen. Und doch müssen wir Sie nennen, um nicht in vage Betroffenheit zu flüchten. Über 4 Jahre dauert der Angriffskrieg nun an, ganze Städte wie Mariupol oder Bachmuth wurden in Trümmer gelegt, die Energieversorgung wird durch gezielte Angriffe auf Kraftwerke und Stromnetze immer wieder lahmgelegt, oft mitten im Winter. Was für die Zivilbevölkerung eine zusätzliche Härte bedeutet. Millionen Menschen sind geflohen, Familien wurden auseinandergerissen und die Zahl der Toten und Verwundeten auf beiden Seiten geht in die 100 Tausende zugleich, und das gehört zur Wahrheit dieses Krieges, hat die Ukraine eine bemerkenswerte Widerstandskraft

gezeigt, ein Land. Das viele schon nach wenigen Tagen für besiegt hielten, verteidigt sich. Seit Jahren, hat besetzte Gebiete zurückgewonnen und sich technologisch etwa im Bereich unbemannter Flugkörper zu einem ernst zu nehmenden Akteur entwickelt. Hier kehrt jener Kosakengeist wieder, von dem wir zu Beginn sprachen, die Bereitschaft freier Menschen, sich gegen einen übermächtig erscheinenden Gegner zu behaupten, nicht aus Abenteuerlust. Sondern um des eigenen Überlebens und der eigenen Würde willen.

Und doch wäre es falsch, die Ukraine allein über ihren Krieg zu definieren, denn das hieße, sie auf das zu reduzieren, was ihr angetan wird. Darum kehren wir am Ende noch einmal zurück zu dem, was dieses Land im Innersten ausmacht. Es ist das reiche Brauchtum, die Pysanka, jene kunstvoll bemalten Ostereier, deren Muster über Generationen weitergegeben werden. Es ist die Bandura, ein vielseitiges Zupfinstrument, zu dem einst wandernde Sänger die Kopsaren, ihre Heldenlieder vortrugen, oft blinde Musiker, die das Gedächtnis des Volkes in ihren Liedern bewahrten.

Es ist die Tradition der Vishiwanka, der kunstvoll bestickten Hemden, deren Stickmuster sich von Region zu Region unterscheiden und in denen ganze Landschaften ihre eigene Bildsprache entwickelt haben. Es ist eine Esskultur, in der der Borschtsch, jene rote Rübensuppe, einen so hohen Rang einnimmt, dass die Unesco die ukrainische Borschtsch Kochkultur im Jahr 2022.

In die Liste des bedrohten immateriellen Kulturerbes aufnahm ein stilles, aber bedeutsames Zeichen, dass Kultur etwas ist, das man schützen muss, weil es zerstört werden kann. Zur kulturellen Landschaft gehören auch jene Orte, die das Welterbe der UNESCO verzeichnet, die Sophienkathedrale in Kiew mit ihren über 1000 Jahre alten Mosaiken und Fresken. Das Höhlenkloster derselben Stadt, die historische Altstadt von Levives im Westen mit ihrer Mischung aus mitteleuropäischen Einflüssen sowie die uralten Buchenwälder der Karpaten, die Teil eines länderübergreifenden Naturerbes sind. In diesen Wäldern stehen Bäume, die Jahrhunderte überdauert haben, ein lebendiges Gedächtnis aus Holz und Laub, das uns daran erinnert, dass die Natur ein

Erbe ist. Das wir nur geliehen haben und vielleicht liegt gerade hierin ein leiser Gedanke, den wir aus dieser Reise mitnehmen können. Die fruchtbare Schwarzerde der Ukraine, das uralte Schwarze Meer mit seinem versunkenen Gedächtnis, die jahrhundertealten Buchenwälder der Karpaten, sie alle sind Teil eines gemeinsamen Erbes, das nicht einem einzelnen Volk oder einem einzelnen Staat gehört.

Sondern in einem tieferen Sinne uns allen, weil es zur Lebensgrundlage des Planeten zählt, den wir teilen, wenn Felder von Minen durchsetzt werden, wenn der Boden vergiftet, wenn Flüsse und Küsten durch zerstörte Anlagen verseucht werden, dann ist das nicht nur eine nationale Tragödie, sondern eine Verletzung dieser gemeinsamen Grundlage. Krieg ist immer auch ein Krieg gegen die Natur, gegen die Böden.

Die Gewässer und die Wälder, die er verwüstet. Und so verweben sich auf eigentümliche Weise 2 Anliegen, die uns alle angehen. Der Schutz der würde freier Menschen, die selbst über ihr Leben bestimmen wollen, und der Schutz jener Erde, von der dieses Leben getragen wird, die Ukraine. Dieses Land zwischen den Karpaten und dem schwarzen Meer, getragen vom Geist freier Kosaken und von der Sprache ihrer Dichterinnen und Dichter, kämpft heute um beides zugleich, um seine Zukunft und um sein Recht, diese Zukunft selbst zu gestalten, daran zu erinnern, ihre Geschichte, ihre Kultur und ihr Recht auf Selbstbestimmung sichtbar zu machen. Ist eine kleine, aber nicht unwichtige Form an der Seite jener zu stehen, die für ihre

Freiheit einstehen und damit endet. Unsere heutige Reise. Behalte dieses Land in deinen Gedanken mit seiner schwarzen Erde, seinem alten Meer und seinem unbeugsamen Geist.

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