
5-Minuten-Talk – wir haben ja nicht ewig Zeit· Folge 373
Zerreißt das Linksbündnis die Grünen?
Freitag, 23. Oktober 2026 · 6 min
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Shownotes
In Baden-Württemberg findet man dieser Tage keine besonders netten Worte über den eigenen grünen Berliner Landesverband. Von einem „peinlichen“ Wahlergebnis ist in Stuttgart die Rede. Und es vergeht kaum ein Tag, in dem nicht jemand in der Partei vor einem Linksbündnis in der Hauptstadt warnt. Die Linke gilt als antisemitisch und extrem. Eine Koalition? Dürfe auf keinen Fall kommen, heißt es.
Nun sind Auseinandersetzungen bei den Grünen nichts grundsätzlich Neues. Diese allerdings scheint eine neue Qualität zu haben. Und das Potenzial, die Partei zu zerreißen. Was dahintersteckt – und warum der Streit für die Grünen so gefährlich ist, darüber diskutieren die stern-Politikchefs Veit Medick und Jan Rosenkranz.
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+++Redaktion und Produktion: Veit Medick, Jan Rosenkranz, Isa von Heyl und Lara Asmann+++
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Fünf-Minuten-Talk, wir haben ja nicht ewig Zeit. Mein Name ist Jan Rosenkranz. Und ich bin Veit Medik. Wir sind immer noch auf den Münchner Medientagen. Naja, und wenn man uns schon so eine ganze Messe um unser kleines Podcast-Studio baut, dann nehmen wir hier auch einen Podcast auf. Und wenn wir denn schon in München sind, dieser, man kann das ja sagen, diese grüne Insel in so einem weiß-blauen Meer, dann stellt sich natürlich die Frage, ob der hiesige Oberbürgermeister Dominik Krause eigentlich auch mit der Linkspartei klarkäme.
Zum Beispiel mit der Linkspartei aus Berlin, die steht ja so ein bisschen in dem Ruf, so etwas wie der parlamentarische Arm der Hamas zu sein. Ja, also ich glaube, er hat genügend mit der CSU hier zu tun und Markus Söder. Aber klar, du machst natürlich ein wichtiges Feld auf, ist ein bisschen was los bei den Grünen seit einigen Wochen, weil sie machen da in Berlin gemeinsame Sache mit der Linkspartei und zwar einem Landesverband der Linken, der nicht so ganz unproblematisch ist.
Es ist ja durchsetzt mit Antisemitismus-Problemen und Leuten, die große Wohnungskonzerne enteignen wollen und sozusagen so einen scharfen Linkskurs eigentlich für die Hauptstadt wollen. Würde ich sagen, gibt es einen heftigen Streit auch bei den Grünen. Man hört das täglich. Cem Özdemir warnt permanent davor, dass die Grünen das auf gar keinen Fall machen sollten, keine Koalition eingehen. Auch andere sagen, hört auf damit.
Und da kann man schon die Frage stellen, zerreißt es eigentlich die Grünen an dieser Frage, ob man mit der Linkspartei koalieren soll oder nicht? Ich habe manchmal den Eindruck, dass wer die Frage stellt, ob es die jetzt da zerreißt, dass die in Wahrheit gar nicht so große Angst davor haben, dass sie die zerreißen, sondern vielleicht sogar hoffen.
Denn irgendwie steckt ja auch so ein kleines Angstnarrativ da drin, dass man da mit im Hintergrund, da könnte sich ein neues Bündnis herauskristallisieren, was eine Alternative zu GroKo wird. Also ich würde grundsätzlich sagen, das zerreißt die noch nicht gleich. Das ist doch mit der Binnenpluralität der Grünen eher so ein Normalfall, als dass das jetzt eine Ausnahme wäre, oder?
Hier die Kreuzberger Linksgrünen, die sozusagen schon immer, ehrlich gesagt, schon Ewigkeiten anders tickten als so Stuttgarter Grüne. Ja, aber nehmen wir doch mal Cem Özdemir beispielsweise. Ich meine, da vergeht ja eigentlich kein Tag, ohne dass er sagt, hört bitte auf, mit der Linkspartei zu reden.
Und das macht er ja nicht nur, weil er politisch besorgt ist, glaube ich, sondern schon auch als strategischen Move, um zu signalisieren, hey, ich bin hier fast ein verlässlicher Konservativer. Auf mich kann man sich verlassen. Liebe CDU, wir sind ein Partner für euch und wenn ich mich glaubwürdig von der AfD abgrenzen will, dann kann ich das nur machen, wenn ich mich auch gleichzeitig glaubwürdig von der Linkspartei abgrenzen will.
Das ist ein Signal sozusagen in die eigene rein, aber natürlich auch an konservative Milieus. Die Grünen sind eine Partei der Mitte. Ja, aber es ist vor allen Dingen natürlich auch ein Eigeninteresse, was Cem Özdemir da verfolgt. Der ist nun mal der politische Ziehsohn von Winfried Kretschmann, dem langjährigen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg, der wiederum immer einen super konservativen Kurs gefahren hat selber.
Also man muss mal nur auf dem grünen Parteitag gewesen sein, um zu erleben, wenn dort Winfried Kretschmann auflief, hatte man schon das Gefühl, da habe ich mich jetzt hier zur CDU verirrt. Das haben sich übrigens auch viele Leute dort vor Ort gefragt, ob das eigentlich noch einer von Ihnen sei. Der war immer so hardcore realo, dass die wirklich Fragen hatten.
Und da war er jedenfalls wie ein Fremdkörper. Und da muss man sagen ... Das ist nun mal eine Art mit einem Kurs, mit dem eben auch Cem Özdemir in Baden-Württemberg dann Ministerpräsident werden konnte, aber eben auch nur da in Berlin hätte er damit keinen Fuß an die Erde bekommen. Sorry, kaufe ich nicht ab, so dieses, das alles als baden-württembergische Besonderheit zu erklären, sondern ich würde schon sagen, da verbirgt sich ein echter Richtungsstreit dahinter. Weil es ja auch um die Frage geht, also aus Sicht der Grünen, wie stellen wir uns eigentlich gegenüber der AfD auf?
Da sagt Cem Özdemir in seiner Antwort, wir müssen eigentlich so eine moderne CDU sein, schon irgendwie eine Volkspartei der Mitte auch sein. Und die Grünen in Berlin sagen, hey, lass uns doch mal einen linken Gegenentwurf probieren, so ein richtig progressives Projekt als Alternative zur Alternative.
Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Denkrichtungen, glaube ich, und das kann eine Partei schon zerreißen. Ich glaube, dahinter steckt in dieser Diskussion auch die Sehnsucht, endlich mal wieder eine Klarheit zu formulieren, auch den Wählern gegenüber, weil die Grünen haben auch so eine Beliebigkeit irgendwie in den vergangenen Jahren gezeigt, ja, anschlussfähig nach allen Seiten, und da verliert, glaube ich, das Publikum auch...
Dann irgendwann das Interesse. Klar, man darf nicht den Fehler machen, beliebig zu werden und in alle Richtungen anschlussfähig zu sein, dass man irgendwann überhaupt nicht mehr erkennbar ist, was man eigentlich will. Aber man kann natürlich auch sagen, am erfolgreichsten war die Partei unter Habeck und Baerbock mit einem eher mittigen Kurs, wo man sich für alle interessiert hat, sondern nicht jetzt diese Spreizung, die es damals übrigens trotzdem gab, nach außen so zu tragen, wie das jetzt der Fall ist, mal wieder.
Aber ich würde mir da ehrlich gesagt nicht so große Sorgen machen. Das ist, wie gesagt, der Normalfall bei den Grünen, der Normalfall, dass die sich so streiten. Erinnere dich zum Beispiel daran, 5 Mark Benzin, Riesenthema. Da gab es ganz viele, die gesagt haben, um Himmels Willen. Ist aber auch 25 Jahre her. Natürlich. Und es gab aber auch vor langer Zeit diese Streit darum in den Grünen, wollen wir überhaupt regieren? Oder wollen wir lieber eine Schönheit der Opposition vor uns hinhaben?
Das ist immer ein ewiger Streit, das können die aushalten. Ja, aber sie wachsen natürlich dann auf jeden Fall nicht über die 13, 14 Prozent, in denen sie im Moment sind. Also auch, weil du sagst, Robert Habeck und Annalena Baerbock. So super erfolgreich war dieses Projekt natürlich auch nicht. Aber ich würde eins vorschlagen, wir fahren einfach nachher ins Rathaus, fangen Dominik Krause mal, was er eigentlich mit Blick auf Berlin sagt.
Das war der 5-Minuten-Talk von den Münchner Medientagen. Wir sind immer montags bis freitags auf allen Plattformen ab 5 Uhr morgens mit einer neuen Folge zu hören. Und schaltet gerne wieder ein. Und schreibt uns gerne einen Kommentar auf den Plattformen, auf denen ihr unseren Podcast hört. Oder schreibt uns eine E-Mail an.